Der Schneider im Hautsee

Ein wandernder Schneidergeselle von gar feinem, zartem Wesen kam an den Hautsee. Es fiel ihm bei, auf die schwimmende Insel zu gehen und hier sein Mittagsschläfchen zu halten. Und wie gedacht, so getan. Er schlief und schlief bis zum Abend. Da stiegen seltsame Nebel aus dem See und aus einem derselben trat eine schöne Nixe zu dem Schläfer auf die Insel, betrachtete ihn eine Weile mit begehrlichen Blicken, zog ihn vorsichtig an das Ufer und tauchte mit ihm in die Tiefe. Als der Schneider erwachte, trat sie ihm entgegen und sagte, er gefalle ihr so wohl, dass sie ihn in ihren Kristallpalast geführt habe, damit er ihr drei Jahre lang diene. Es möge ihm nicht bange sein, denn es werde ihm an nichts mangeln. Die schöne Wasserjungfer hielt Wort und dem Schneider gefiel es gar wohl in dem unterirdischen Palaste. Und nachdem die drei Jahre herum waren, da hörte er eine prächtige, rauschende Musik. Es kommt ihm in die Beine; er fasste seine schöne Wirtin um den Leib und wirbelte so lange mit ihr im lustigen Reigen herum, bis ihm die Sinne schwanden. Als er aus seinem seltsamen Rausch erwachte, lag er auf demselben Moosbette der Insel, auf das er sich vor drei Jahren zum Schlafen ausgestreckt hatte.

Ch. Ludwig Wucke, Sagen der mittleren Werra, Eisenach 1921

Wasser ist mehr als H2O!

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