Wassergeister-Glaube in Sachsen

. . . Ein weiterer Aufenthaltsort der Seelen sind die Gewässer: Quellen, Brunnen, Flüsse, Teiche.

Ebenso alt wie die Zeugnisse der Bergverehrung sind auch die der Wasserverehrung. Flüssen pflegten die alten Germanen sogar Menschenopfer zu bringen und aus ihnen wie aus Quellen und Brunnen weissagten weise Frauen. Noch heute werden bei uns vielfach Brunnen und Quellen, besonders zur Pfingstzeit, von den Mädchen mit Blumen und jungen Sträuchern geschmückt und in manchen Orten gehen die Mädchen stillschweigend am Andreas- oder Weihnachtsabende zum Brunnen, in dem sie das Bild ihres zukünftigen Gatten zu schauen suchen. Die Chemnitzer Rockenphilosophie erzählt, dass im Erzgebirge die jungen Mädchen den Wassergeistern die ersten Spitzen weihten und von ihnen Gedeihen für ihre fernere Arbeit erflehten. Ob es heute noch der Fall ist, habe ich nicht erfahren können. Der alte Glaube, dass die Seelen im Wasser fortleben, hat auch das Ammenmärchen entstehen lassen, dass die Kinder aus Teichen oder Brunnen kämen und dass sie der Storch bringe. Besonders in Hessen und Franken haben wir eine Anzahl Hollenteiche, wo Frau Holle die Seelen der neugeborenen Kinder hütet und auch bei uns haben viele Dörfer ihren Kinderbrunnen. Aus Teichen und Brunnen aber holt der Storch die Seele, die sich nun mit dem Körper vereinen soll. Der Storch am Weiher, der dem Froschfange nachgeht, mag zu solchem Kinderglauben die äußere Veranlassung gegeben haben.

Wie schon wiederholt angedeutet war, treiben die Geister in der Luft in der einen Zeit des Jahres ihr Wesen mehr als zur anderen und ganz besonders sind es zwei Jahreszeiten, in denen sie ärger denn sonst sind: bei Beginn des Hochsommers und vor allem um die winterliche Sonnenwende. Die Tage am Schlusse des Jahres waren unseren Vorfahren Geistertage und an ihnen fand das große Totenfest statt. Wir nennen diese Tage die Zeit der Zwölf Nächte. Diesen Ausdruck hat uns die Kirche aus Griechenland über Rom gebracht und bezeichnete damit die Zeit zwischen dem Jesusgeburts- und dem Erscheinungsfeste. Unser Volk nennt diese Tage im Vogtlande 'Unternächte', d. h. Zwischennächte, vom Erzgebirge bis in die Lausitz Lostage d. i. Schicksalstage. Diese Tage sind im Volksglauben die wichtigsten des ganzen Jahres. Und was das Volk an ihnen denkt und tut, hängt mehr oder weniger mit altem Seelenglauben zusammen. An ihnen braust der wilde Jäger mit seinem Gefolge vor allem durch die Lüfte, an ihnen erscheint Frau Holle den Kindern oder bestraft Frau Perchta die faulen Spinnerinnen, an ihnen werden drei Kreuze an Stall und Thor angebracht, damit die herumziehenden Hexen Menschen und Tier nicht schaden. In dieser Zeit lässt man vielenorts auch Speise auf dem Tische während der Nacht stehen, damit, wie es in Sehma heißt, die Abgeschiedenen davon genießen können. In der Annaberger Gegend reinigte man sogar die Tenne in der Scheune, damit die Geister in der Mitternacht des Christfestes dort tanzen oder ihre Mette abhalten konnten. Ihnen zu Ehren werden auch gewisse Speisen genossen, von denen sie natürlich ihren Anteil erhalten. Ganz besonders sind aber die Zwölf Nächte die Tage der Weissagung und geben sich auch dadurch als echte Geistertage kund. Die Seelen der Abgeschiedenen sind es, die nach altgermanischem Glauben die Zukunft der Menschen vorauswissen und die sie diesen mitteilen können. Es ist daher vieler Menschen Streben, die Sprache der Geister zu verstehen. Das weibliche Geschlecht, alte Frauen wie junge Mädchen, strebt vor allem danach. Durch den Zauber vermögen sie die Geister zu locken und sie zu zwingen, ihnen Rede und Antwort zu stehen. Die Weissagungen wurden daher einst in erster Linie bei Todesfällen und in den Tagen der Geisterumzüge getrieben. Heute ist dieses alte Fragen nach dem Schicksal zum unschuldigen Zeitvertreib junger Mädchen und der Kinder geworden, das besonders am Andreas-, Christ- und Sylvesterabend die Stunden kürzt. Bald wird aus einem Erbschlüssel Blei gegossen, bald werden Äpfelschalen oder Pantoffeln geworfen, bald Tonkügelchen mit beschriebenen Zetteln ins Wasser geworfen, bald Nussschalen mit brennenden Lichtern auf das Wasser gesetzt und anderes mehr. Nicht wie einst will man heute bei solchen Versuchen die Summe der Ereignisse des künftigen Jahres erfahren, sondern es herrscht in diesen Schicksalsfragen eine gewisse Einseitigkeit: ob man sich im nächsten Jahre verheiraten werde und was der Geliebte seinem Berufe nach ist, das ist in der Regel der Angelpunkt dieser Schicksalsfragen. Zuweilen freilich sucht man auch zu erkunden, ob man das nächste Jahr am Leben bleiben, ob man den Aufenthaltsort ändern, ob man Glück oder Unglück haben werde. Die Orakelfragen der Männer schwinden jetzt mehr und mehr bei unserem Volke. Kaum dass man noch hier und da am Sylvesterabend zwölf Näpfchen mit Salz auf den Tisch stellt, um zu erfahren, welches die feuchten und welches die trockenen Monate des neuen Jahres sein werden. - Neben diesen Schicksalsfragen spielt aber noch heute in unserem Volksglauben die Beobachtung der Natur und der Erscheinungen während der Zwölf Nächte eine hervorragende Rolle. Auch durch sie erfährt man die Zukunft, nur werden hier die Geister nicht wie bei dem Lose gefragt und um Auskunft angegangen, sondern sie offenbaren dem Menschen sein Geschick aus freiem Antriebe. Was in den Zwölf Nächten geträumt wird, geht in Erfüllung; wenn in diesen Tagen heftiger Wind weht, gibt es ein fruchtbares Jahr; wenn die Obstbäume viel Schnee tragen, wird viel Obst; tropft es in dieser Zeit nicht von den Dächern, so geben die Kühe wenig Milch und dgl. So sind durch den Seelenglauben die Zwölf Nächte zu Schicksalstagen geworden, in denen der Mensch sein zukünftiges Los deutlicher erfahren zu können glaubt, als zu anderer Zeit. Es wäre natürlich ein Irrtum, wollte man alle diese Schicksalsfragen und Beobachtungen der uns umgebenden Welt unmittelbar aus dem Seelenglauben ableiten. Kein Mensch denkt heute noch daran, dass ihm die Geister die Zukunft künden. Von dem lebendigen Glauben ist nichts übrig geblieben als das Endergebnis: die Zwölf Nächte künden dir dein Schicksal. Dies Ergebnis aber hat fortgewuchert auf dem Boden der Volksfantasie und hier immer neue Blätter, immer neue Früchte getrieben, denn auch auf dem Gebiete des Aberglaubens hat die Volksseele nie geruht und wird es auch nicht tun, solange das Volk über den Zusammenhang der Dinge nachdenkt. Wir mögen wohl die krankhaften Ausläufer des Aberglaubens unterbinden und bekämpfen - und das ist unsere Pflicht -, den Aberglauben selbst aber werden wir niemals ausrotten. Und noch eins. Wir pflegen den Aberglauben immer nur von der schwarzen Seite anzuschauen er hat auch eine lichte: in ihm wurzelt die zarteste Dichtung unseres Volkes, die Märchen und Sagen, die Erzählungen von Zwergen und Riesen, von Nixen, Moos- und Waldfräulein, von Elfen und Wichtelmännchen. An dieser Poesie hat sich unser Volk Jahrhunderte erfrischt und ist dabei natürlich und gesund geblieben. Wollte Gott, wir könnten sie ihm wiedergeben oder erhalten, wir würden gern über manchen abergläubischen Zug in ihnen ein Auge zudrücken. Denn solche haben unserer Volksseele noch nie geschadet, die Tagesliteratur aber, die jene schlichte Poesie verdrängt hat, die ist es, die ihr nur zu oft Gift einträufelt und das zerstört, was unser Volk Jahrtausende sein Eigentum genannt hat: Zufriedenheit, Gottesfurcht, Freude an der Natur und an der Poesie des Lebens, Liebe zur heimischen Erde und zum Vaterlande, in dem die Wurzeln unserer Kraft bleiben werden, solange wir überhaupt noch Ideale besitzen.

Eugen Mogk, Aberglaube und Volksmythen, in Robert Wuttke, Sächsische Volkskunde, Leipzig 1903

... Zum Schlusse nur noch einige kurze Notizen über einige mystische Wesen, welche aus der Verehrung der Naturmächte entstanden sind:

Ungemein groß sind die Sagenkreise des Wassermannes, wódny mu. Er entstand aus der Annahme, dass das Wasser eine besondere Seele hat und dass diese Wasserseele ihr nasses Element verlassen kann. Den Wassernix stellt man sich in der Gestalt eines alten, grauen Männleins vor. Oft erscheint er in grüner Kleidung mit langem Haar. Sein Charakter ist wie der des Wassers: bald gut, bald böse und tückisch. Mancher hat lange mit ihm gesprochen, ehe er dahinterkam, dass er den Wassergeist vor sich hatte. Seine Frau ist das Wasserweibchen. Die Kinder dieses Elternpaares gehen gerne zu den Menschen zum Tanz und Bier und die Mädchen nehmen gern ihre Liebhaber zum Wasser hinunter mit in die Wohnung der Eltern, müssen sie aber vor dem Vater verstecken, sonst tötet er sie, wenn er einen Christen riecht.

M. Rentsch: Volkssitte, Brauch und Aberglaube bei den Wenden, in: Sächsische Volkskunde, Leipzig 1903

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