Heilige Bäume und Quellen im Fichtelgebirge

"Die alten Deutschen hatten ihre heiligen Wälder und im innersten Heiligtum war es wieder ein Baum, der durch sein Alter, durch seine besonders laubige Krone oder anderes ausgezeichnet der Gottheit vorzüglich geweiht war. Oft standen solche Bäume nicht in Wäldern, sondern frei und dann war wohl nur ein kleiner Raum um sie herum eingefriedet und galt als heilig. Einer der am höchsten verehrten Bäume war die Eiche, dann kam die Linde, die wie eine schützende Macht in jedem Dorfe, bei jeder Burg gefunden wird. Die Esche war heilig, denn der Weltenbaum war eine Esche und aus zwei Eschen wurden die ersten Menschen geschaffen."1

Spuren dieses Kultus sind noch in der Scheu erkennbar, mit welcher gewisse Bäume vom Volke betrachtet werden. Mancher Bauer hat einen Baum in seinem Walde, den er um keinen Preis anrührt und der dann stehen bleibt, bis ihn der Sturm umwirft oder der Blitz zertrümmert. In Bäume werden häufig Krankheiten verbannt.

In einiger Entfernung von der Louisenburg erhebt sich der Pfeiffersberg. Auf dieser Höhe stand ein wilder Birnbaum, zu dem das Volk heimlich Wallfahrtete. Es waren in demselben nicht nur unzählige Namen eingeschnitten, sondern auch der ganze Stamm und beinahe alle Äste von der Wurzel bis zum Gipfel verbohrt und verpflockt. Jetzt ist er abgehauen. Der Baum stand an einer Quelle, der Conradsbrunnen genannt, in welcher, wie der Venediger Carnero berichtet, "Goldsteine wie Hühner-Eier und auch Pernlein" gefunden wurden und deren Wasser man noch im vorigen Jahrhundert Wunderkräfte zuschrieb. Sie erhielt ihren Namen von einer dem heil. Conrad geweihten Kapelle, die sich hier erhob.

Im Jahre 1776 fand man beim Kellergraben ein von Eisen gegossenes Bildnis und zwölf Silbermünzen. Brunnen und Baum und die Erinnerungen des Volkes stellen außer Zweifel, daß hier heiliger Boden war und auch die spätere christliche Kapelle deutet auf die ehemalige heidnische Opferstätte hin.2

An der Quelle der Saale stand eine heilige Buche. - Noch in der neuern Zeit war erstere von einem Bestande prächtiger Buchen umgeben. Sturm und Axt haben diese jedoch nebst den uralten Fichten, welche mit ihnen die anziehende Waldstelle zierten, schonungslos niedergelegt.

Im nördlichen Vorlande, vor den christlichen fränkischen Einwanderern von Thüringern, dann Sorben - demnach germanischen und wendischen Heiden - bewohnt, scheint der Ahorn von besonderer Bedeutung und diese mit dem Boden, namentlich dessen Bewässerungsverhältnissen verknüpft gewesen oder zu den Erscheinungen des Luftkreises in Beziehung gestanden zu sein. Die Höhe von Ahornis scheidet die Zuflüsse des Mains, der Saale und der Selbitz; das auf derselben gelegene Dorf wird gewöhnlich 'Marles' genannt.

Der Ahorn heißt im Volksmunde 'Arl'. Sprachforscher haben nachgewiesen, daß derartige Formen von Ortsnamen aus einer Zusammenziehung des bestimmenden, von der Präposition zu regierten Artikels mit dem Hauptworte entstanden sind und 'Marles' demnach die volksgemäße Umgestaltung von 'zum Ahorn' ist.

Es hat hiernach wohl die Annahme Berechtigung, dass hier, auf der Wasser- und Wetterscheide, einst ein geheiligter Ahorn stand, der ihr den Namen gab und solchen auch auf die entstehende menschliche Siedelung übertrug. Der eigentümliche Umstand, daß nach dem nur wenige Häuser zählenden Dörfchen Ahornis ausnahmsweise eine Menge Ortsgeschichten im Charakter der von Schilda verlegt werben, unterstützt diesen Schluss, denn ersterer deutet auf die einstige Bedeutung dieses Höhepunktes hin.

Es war Aufgabe der von andern religiösen Anschauungen geleiteten spätern Zeit, den Nimbus der einst heiligen Stätte zu zerstören, sie herabzusetzen und lächerlich zu machen und wenn auch im Verlaufe der Jahrhunderte der Volkserinnerung die Ursache verloren ging und naturgemäß die Sagenstoffe sich umbildeten und wechselten - der Nachklang ist geblieben. Und erhob sich, wie vielfach angenommen wird, auf der Ahorniser Höhe früher eine Marienkapelle ('Mariä Ablaß'), so dient dieser Umstand nur zur Bestätigung des Obigen, zumal der hierbei in der Regel gesuchte Zusammenklang der beiderseitigen Benennungen auch hier vorhanden wäre.3

Die von dieser Ahorniser Höhe, welche ein Glieder großen Scheide zwischen Saale und Main bildet, auslaufende wasserteilende Kante zwischen Saale und Selbitz - die eigentliche Scheidelinie des Fichtelgebirges und Frankenwaldes, zugleich, wie die Waldsteinkette und die ebenerwähnte größere Wasserscheide, eine ethnographische Marke - erreicht in dem schön gerundeten, von Äckern überzogenen Berge, an dessen Fuße das Pfarrdorf Ahornberg ('Awarg' beim Volke) liegt, ihre höchste Erhebung. Von diesem eine imponierende Ansicht des Fichtelgebirges zeigende 'Ahornberge' ist die Überlieferung schon bestimmter; man weiß von einem uralten eingehegten Ahornbaum zu berichten, der hier gestanden und heute noch ragt, weithin sichtbar, der morsche hohle Stamm eines Baumes dieser Gattung am Berge empor. Auch im Dorfe selber steht ein jüngerer Ahorn, um den vor noch nicht langer Zeit getanzt wurde. Die Kirchweihen aber mit ihren Festlichkeiten - sie sind, wie wir wissen, die alten freudigen Opferfeste in neuer Gestalt. - Ob nicht auf diesen beiden Gipfeln einst Donar seine heiligen Bäume hatte, deren Wichtigkeit noch in der Slawenperiode und der später christlich fränkischen Zeit für die bleibende Benennung der ersteren maßgebend war? - Donar, dem "über Regen und Wolken" gebietenden, sich durch Wetterstrahl und rollenden Donner ankündigenden, den Menschen aber freundlichen, "väterlichen Gott" wurden gerne Berge geweiht. Wo hätten sich einladendere Kultusstätten für den milden Gott der Saat, der dem Landmanne den befruchtenden, beim Luft reinigenden Gewitter nieder strömenden Regen schenkt, finden lassen, als diese hocherhobenen, weithin sichtbaren und doch so sanften, fruchtbedeckten Höhen? - Die Donar heilige Eiche ist im Oberlande seltener; es trat hier, wohl der Ahorn an ihre Stelle, der mit Ulme oder Linde noch heute ein Lieblingsbaum der Dorfbewohner ist.

Germanischer und wendischer Kultus stießen überdies in diesem Bereiche ineinander; auch die Wenden hatten ihrem Gotte Perun ganze Wälder geweiht. Wer darinnen einen Baum fällte, konnte sein Verbrechen nur mit dem Tode büßen. Scherber bemerkt, freilich ohne Belegung, in seiner 'Bayreuthischen Vaterlandsgeschichte' (1796): "Die Slawen brachten zwar ihre eigene gottesdienstliche Verfassung mit nach Deutschland. Sie waren aber so wenig eigensinnig, daß sie vielmehr in diesem Stück allenthalben, wo sie einwanderten, mit den Landeseinwohnern sogleich gemeinsame Sache machten." Gründlicher geht die neue Zeit zu Werke. "Manch Auffallendes bestärkt uns in der Annahme, daß nicht Alles, was als leise Ahnung eines alten, verdrängten Götterkultus im Volke fortlebt, germanischen Ursprungs sei. Wenn auch die imprägnierende Macht des deutschen Geistes sich namentlich an den im 7. und 8. Jahrhundert vorrückenden Slawen erprobte, so ist doch schwer anzunehmen, daß diese sofort ihre eigenen Götter völlig vergaßen und sich ohne Weiteres zu dem germanischen Gottesdienste bequemten. - Gegenüber dem Schlossberg von Berneck erhebt sich gen Mitternacht der Köslar (Köstler), davon die Leute sagen, daß auf seiner ebenen Hochplatte in uralter Zeit die Heiden ihren Götzen geopfert haben. Im Böhmischen bedeutet 'Kostel' Tempel (polnisch Koßiol). Am Fuße des Köstler, da wo das steilere Gelände unter dem Namen 'Kirchleiten' ins Tal niedergeht, stehen etliche Gehöfte, welche die gleiche Bezeichnung 'Köslar' führen. Nahe daran, gleichfalls auf der Höhe, liegt das kleine Dörflein Nimlas. Hentze in seiner Beschreibung von Berneck leitetet mit einiger Wahrscheinlichkeit den Ortsnamen von dem slawischen 'h'rimi', es donnert und Las oder Les, der Wald, insbesondere die 'Haselnussstaude' ab. Reiches Gebüsch an Haselnussstauden durchwuchert die kleinen Birkenwälder der Umgebung. Der Haselnussstaude schreibt das Volk eine besondere Kraft beim Gewitter zu. Wo solche stehen, da schlägt der Blitz nicht ein. Es gilt der Glaube, daß drei Pflöckchen aus Haselholz in das Hausgebälke eingerammt, vor dem Wetterstrahle schützen. - So läge hier die Vermutung eines dem Perun (Perkun), dem slawischen Donnergotte, geheiligten Berges nahe".4, 5

Der alte Weidenbaum, mit dem sich das einleitende Gedicht beschäftigt, stand unweit Münchberg auf dem Wege nach Zell und ist seit Jahren verschwunden. Die südliche Hälfte wurde zuerst vom Winde umgelegt, ihr folgte bald die nördliche. Wenn auch diesem Baume eine besondere Bedeutung nicht beizulegen war, so möge seiner an dieser Stelle doch gedacht sein. Denn auch ihn hatte die Sage umrankt. -

Gleiche Beachtung wie der Birnbaum am Konradsbrunnen fordert letzterer selbst. Wir sehen wie erwähnt, in ihm eines der heiligen Quellwasser, zu denen einst gläubig gewallt wurde.6

"Quellen und Flüsse standen bei unsern Vorfahren in hoher Verehrung; an ihnen betete, ihnen opferte man, vorzugsweise der Quelle, welche unsere alte Sprache 'Ursprinc' nannte. An der Quelle ist das Element rein, unentweiht, sein ewig frisches, lebendiges Hervorsprudeln, die Oeffnung des Bodens verdankt es selbst häufig göttlicher Einwirkung. -

Soll das Wasser aber seine volle Heiligkeit haben, dann muß es in heiligen Augenblicken geschöpft werden, wie in der tiefen Stille der Mitternacht oder vor Sonnenaufgang, ehe der Tag beginnt. Heilawâc, heilwâc, heilwaege nannte unsere alte Sprache solches Wasser und es gilt bis heute noch als kräftiges Heilmittel; so jenes, welches in der heiligen Weihnacht, so lange die Glocke zwölf schlägt, geschöpft wird. Solches Wasser verdirbt nicht, so wenig wie das, welches man am ersten Ostertag früh vor Sonnenaufgang stillschweigend (unberufen) stromabwärts schöpft, es verjüngt, heilt Ausschläge und kräftigt das junge Vieh. -

Eine Heiligung des neugeborenen Kindes durch Wasser bestand schon vor dem Christentum und vor Einführung der Taufe bei den nordischen Heiden."7 - "Gesundbrunnen, Salzquellen heiligte der Geist, der sich in ihnen offenbarte, da sammelte man sich wohl zum Gebet. Nichts ist natürlicher, als das heilige Gefühl an einem Platze, wo eine besondere Gnade Gottes sich offenbart.8, 9

So berichtet auch die 'Ausf.-Beschr. etc.': Etwa eine halbe Viertel Stunde von Marckleuten, unfern der Pfarr-Güther, sey eine Capelle gestanden, welche St. Wolffgang gewidmet gewesen, gleich hinter dem Hügel, worauf gedachte Capelle gestanden, sey ein kleines Brünnlein, zu welchem unterweilen etliche in der Pfalz wohnende Päbstische Leute sich befänden, und daraus Wasser schöpffeten, und mit hinweg trügen, zu was Ende aber, sey unbewußt."

Eine im Altertum verehrte Quelle war ohne Zweifel auch der Saalbrunnen, der Ursprung eines großen Segen spendenden Gewässers, gleich der Mainquelle. War diese der 'Weise-Manns-Brunnen', so ließ die Volkssage an der Saale eine weissagende Frauengestalt wohnen. In geringer Entfernung von der Saalquelle, gegen den Haidberg zu, ist der Teufelsbrunnen, an welchem früher gleichfalls eine Kapelle gestanden haben soll - nicht weit von Beiden, bei Walpenreuth, eine Stelle, die das 'Drutengrab' genannt wird. Deutet diese die Ruhestätte der zur Drut erniedrigten Seherin an, die an diesen heiligen Quellen gewaltet?10 -

Den Priesterinnen insbesondere ward die Gabe der Weissagung zugeschrieben. Wurden aber die Götter zu Teufeln, so mussten folgerichtig auch ihre Diener zu Zauberern und Hexen werden. - Wie am Weißmannsbrunnen die Gruppe gleichnamiger Felsen, so liegt hier auf dem Bergrücken ein 'Drutenstein'.

Der heimliche Gebrauch der Osterwaschungen zur Reinigung der Haut, Entfernung von Sommersprossen ist im Fichtelgebirge noch wohlbekannt.


Anmerkungen:

1 Wolf, Deutsche Götterlehre

2 Sommerer, Das Alexanderbad.

3 Die Hauptkirche in Wunsiedel war ehemals Sankt Veit geweiht, Sankt Veit klingt ähnlich wie Swantewit der Name sollte die bekehrten Wenden mit dem neuen Glauben versöhnen. Swantewit war die höchste slawische Gottheit, Bringer des Lichts, Geber des Guten, Förderer der Fruchtbarkeit und die Slawen erkannten dafür nun St. Veit die göttliche Oberherrlichleit vorzugsweise zu.

4 Bavaria. Landes- und Volkskunde des Könir. Bayern.

5 Auch den Namen 'Berneck' brachte man mit Perun in Verbindung. Die Haselnussstaude war den Germanen gleichfalls von hoher Bedeutung. Sie lieferte vornehmlich die Wünschelrute, die unter besonderen Bräuchen gebrochen und gebildet wurde. Wunsch hatte althochdeutsch den Begriff von Glück und Heil, das von Wuotan ausging. Wer die Wünschelgerte besaß, der wurde des Glückes und Heiles teilhaft. Die Wünschelrute musste als Zwiesel einer Haselnussstrauchsommerlatte genommen werden, an einem Neusonntage, morgens zwischen 3 und vier, vor Sonnenaufgang. Schweigend nahte der Rutengänger dem Strauche, neigte sich vor ihm, grüßte die Gerte mit Segensformeln, brach mit reiner Hand oder schnitt sie ab mit reinem Messer, das noch zu keinem andern Gebrauch gedient hatte. Sie wurde hier und da auch von Metalldraht gefertigt und unter besonderen Zeremonien getauft.

6 Wenn die protestantische Bäuerin des Saallandes hie und da noch heute in das Mainland hinüberwandert, um von dem katholischen Gnadenorte Marienweiher sich Weihwasser für ihr Flachsfeld zu holen, wie man einst von geweihter Stätte heiliges Wasser mit sich nahm, so darf füglich angenommen werden, daß dieser zähe Brauch nicht eine katholische Reminiszenz ist, sondern daß er über die christlich-vorevangelische Epoche des Voigtlandes hinaus: - in das Altertum zurückreicht.

7 Wolf, Deutsche Götterlehre.

8 Barth, Teutschlands Urgeschichte.

9 Wenn des Leichtsinns Rotte
Die Natur entstellt,
Huld'ge Du dem Gotte
Durch die ganze Welt.--

In krystall'ne Quellen
Schleud're keinen Stein,
Bete zu den Wellen:
Wär ich auch so rein!

Ueberall, Dir günstig,
Weht ein Gott Dir zu,
Darum, liebebrünstig
Handle wandle Du. (Platen.)

10 Es sei hierbei, der mythischen 'Sibylle Weiß' gedacht. Dieselbe liegt nach einer Tradition bei Bischofsgrün begraben. Gleich dem König Salomo hatte sie angeordnet, nach ihrem Tode sie auf einen Wagen zu laden und die Tiere anzutreiben; wo diese stehen blieben, da solle man sie begraben. Dies geschah bei den 'drei Tannen' unweit Bischofsgrün. Ein Stein am Weissenstädter Kirchhof trägt die Fußspur der Sibylle. - Vgl. ferner den Bericht über das 'Drutengärtlein' bei Feucht in Mittelfranken. Panzer II. 163.

Ludwig Zapf, Sagen aus dem Fichtelgebirge, München 1873

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