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![]() Der Seeburger See. Foto: Wolfram1 |
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Vom Seeburger See (51°31′22.69″N, 10°9′28.48″E)
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| Der Seeburger See
Unter den Eichsfelder Gewässern bildet der fisch- und sagenreiche 'Seeburger See', auch 'Eichsfelder Meer' genannt, eine der schönsten landschaftlichen Zierden. Der runde See liegt in einer flachen Senke und ist 5-10 Meter tief bei einem Durchmesser von einem Kilometer. Die Lage des Sees überrascht den fremden Besucher, der von den umgebenden Hügeln auf die Wasserfläche hinabblickt und an den Ufern aus dem Grün der Obstbäume die roten Dächer der Dörfer Seeburg und Bernshausen hervorlugen sieht. Die Natur stattete diese Gegend mit herrlichen Gaben aus. In den Talsenken erquicken dunkelgrüne Wiesen das Auge des Beschauers, an den sanften Abhängen liegen Roggen-, Weizen-, Hafer-, Kartoffeln- und Tabaksfelder. Die Ufer des Sees sind von Scharen gefiederten Sängern belebt, wir finden hier Arten, die sonst nur an den Seeküsten anzutreffen sind z. B. Möven. Die Tier- und Pflanzenwelt zieht manchen Naturfreund in diese Gegend. Am 19. August 1911 hob sich über Nacht aus den Fluten der unteren Hälfte des Sees eine ca. 200 Quadratmeter große Insel, die aber nach 14 Tagen wieder verschwand. Nach alten Aufzeichnungen soll sich diese Erscheinung in früheren Jahrhunderten schon oft wiederholt haben. Wie die sumpfigen und moorigen Wiesen am Süd- und Westufer des Sees erkennen lassen, war der See einst viel größer und stand nach Westen mit einem zweiten See in Verbindung, von dem die Tümpel und Sümpfe in den Auewiesen zwischen Seeburg und Krebeck noch als Reste erhalten sind. Die Bewohner der anliegenden Ortschaften beschäftigten sich schon oft mit dem Plane, den See zur Hälfte trocken zu legen. Diese Hoffnung der Anwohner wird sich nicht verwirklichen lassen, denn abgesehen von den bedeutenden Kosten stellt sich diesem Gedanken die geographische Tatsache entgegen, dass das Gefälle nach der Hahle, die den Abfluss des Sees aufnimmt, nicht ausreicht, um den See völlig zu entleeren. Dazu kommt noch, dass der Fischreichtum recht bedeutend ist und lohnenden Gewinn bringt. Aus der Geschichte ist zu ersehen, dass sich in Seeburg eine befestigte Burg erhob, in der die als Raubritter und Wegelagerer geflüchteten Herren von Seeburg ihr übles Regiment führten. Sie wagten es öfters, die feste Stadt Duderstadt zu überrennen. 1263 erschien Herzog Albrecht von Braunschweig in Duderstadt. Da mussten ihn die Ritter von Seeburg öffentlich um Verzeihung bitten. Weil sie aber dem Herzog bald danach ihr Ritterwort brachen, zerstörte er in demselben Jahre ihre Burg. Man hat aus dem See dicke Quadersteine Hausgeräte und Schmuckgegenstände hervorgeholt, die untrüglich beweisen, dass hier vom Wasser unterspültes Erdreich gesunken ist. Der See bildete sich vielleicht an der Stätte der gesunkenen Burg. In der Nähe des Sees liegt der Wallfahrtsort 'Maria in der Wiese' zu Germershausen mit neu erbauter schöner romanischer Wallfahrtskirche und kleinem Augustinerkloster. Der Seeburger See ist von Göttingen über Wanke, Ebergötzen und Seeburg zu erreichen. An den Seeburger See knüpfen sich nachstehende Tagen. Karl Sittig, Sagen des südhannoverschen Berglandes, Hann. Münden1924 |
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| Seeburger See Zwei kleine Stunden von Göttingen liegt der Seeburger See. Er vermindert sich jährlich, ist jetzt dreißig bis vierzig Fuß tief und von einer guten halben Stunde Umkreis. In der Gegend sind noch mehr Erdfälle und gefährliche Tiefen, die auf das Dasein eines unterirdischen Flusses vermuten lassen. Die Fischer erzählen folgende Sage: In alten Zeiten stand da, wo jetzt der See ist, eine stolze Burg, auf welcher ein Graf namens Isang wohnte, der ein wildes und gottloses Leben führte. Einmal brach er durch die heiligen Mauern des Klosters Lindau, raubte eine Nonne und zwang sie, ihm zu Willen zu sein. Kaum war die Sünde geschehen, so entdeckte sich, dass diejenige, die er in Schande gebracht, seine bis dahin ihm verborgen gebliebene Schwester war. Zwar erschrak er und schickte sie mit reicher Buße ins Kloster zurück, aber sein Herz bekehrte sich doch nicht zu Gott, sondern er begann aufs Neue nach seinen Lüsten zu leben. Nun geschah es, dass er einmal seinen Diener zum Fischmeister schickte, einen Aal zu holen, der Fischmeister aber dafür eine silberweiße Schlange gab. Der Graf, der etwas von der Tiersprache verstand, war damit gar wohl zufrieden, denn er wusste, dass, wer von einer solchen Schlange esse, zu allen Geheimnissen jener Sprache gelange. Er hieß sie zubereiten, verbot aber dem Diener bei Lebensstrafe, nichts davon zu genießen. Darauf aß er so viel, als er vermochte, aber ein weniges blieb übrig und wurde auf der Schüssel wieder hinausgetragen; da konnte der vom Verbot gereizte Diener seiner Lust nicht widerstehen und aß es. Dem Grafen aber fielen nach dem Genuss alsbald alle je begangenen Sünden und Frevel aufs Herz und standen so hell vor ihm, dass die Gedanken sich nicht davon abwenden konnten und er vor Angst sich nicht zu lassen wusste. "Mir ist so heiß", sprach er, "als wenn ich die Hölle angeblasen hätte!" Er ging hinab in den Garten, da trat ihm ein Bote entgegen und sprach: "Eben ist Eure Schwester an den Folgen der Sünde, zu der Ihr sie gezwungen habt, gestorben." Der Graf wendete sich in seiner Angst nach dem Schlosshof zurück, aber da ging alles Getier, das darin war, die Hühner, Enten, Gänse, auf und ab und sprachen von seinem ruchlosen Leben und entsetzlichen Frevel, den er all verbracht und die Sperlinge und die Tauben auf dem Dache mengten sich in das Gespräch und riefen Antwort herab. "Nun aber", sagten sie, "haben die Sünden ihr volles Maß und das Ende ist gekommen: in kurzer Stunde werden die prächtigen Türme umfallen und die ganze Burg wird versunken sein." Eben als der Hahn gewaltig auf dem Dache krähte, trat der Diener, der von der Schlange gegessen hatte, herzu und der Graf, der ihn versuchen wollte, fragte: "Was ruft der Hahn?" Der Diener, der in der Angst sich vergaß und es wohl verstand, antwortete: "Er ruft: Eil, eil! Eh die Sonne untergeht, willst du dein Leben retten, eil, eil! Aber zieh allein!" - "O du Verräter", sprach der Graf, "so hast du doch von der Schlange gegessen, packe zusammen, was du hast, wir wollen entfliehen." Der Diener lief hastig ins Schloss, aber der Graf sattelte sich selber sein Pferd und schon war er aufgesessen und wollte hinaus, als der Diener zurückkam, leichenblass und atemlos ihm in die Zügel fiel und flehentlich bat, ihn mitzunehmen. Der Graf schaute auf und als er sah, wie die letzte Sonnenröte an den Spitzen der Berge glühte und hörte, wie der Hahn laut kreischte: "Eil, eil! eh die Sonne untergeht, aber zieh allein!", da nahm er sein Schwert, zerspaltete ihm den Kopf und sprengte über die Zugbrücke hinaus. Er ritt auf eine kleine Anhöhe bei dem Städtchen Gieboldehausen, da schaute er sich um und als er die Turmspitzen seines Schlosses noch im Abendrot glänzen sah, deuchte ihm alles ein Traum und eine Betäubung seiner Sinne. Plötzlich aber fing die Erde an, unter seinen Füßen zu zittern, erschrocken ritt er weiter und als er zum zweiten Mal sich umschaute, waren Wall, Mauern und Türme verschwunden und an des Schlosses Stelle ein großer See. Nach dieser wundervollen Errettung bekehrte sich der Graf und büßte seine Sünden im Kloster Gieboldehausen, welchem er seine übrigen reichen Besitzungen schenkte. Nach seiner Verordnung werden noch jetzt reuigen Sündern an einem gewissen Tage Seelenmessen gelesen. In dem Dorfe Berenshausen stiftete er den Chor und die Altarstühle, worüber sogar noch ein Schenkungsbrief da sein soll. Auch werden noch jetzt aus dem See behauene Quadern und Eichenbohlen herausgeholt; vor einiger Zeit sogar zwei silberne Töpfe mit erhabenen Kränzen in getriebener Arbeit, von denen der Wirt in Seeburg einen gekauft hat. Quelle: Neues hanöv. Magazin, 1807, St. 13 u. St. 40. Brüder Grimm: Die Deutschen Sagen der Brüder Grimm, Berlin o.D. |
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| Der Wunderfisch
Bei Göttingen, ungefähr viertehalb Stunden davon entfernt, liegt in einer angenehmen Gegend des Eichsfeldes, zwischen den Dörfern Seeburg und Berendshausen, ein See. Tief und unergründlich ist er und im Umkreise hat er drei Viertelstunden. Vordem war er nicht. An seiner Stelle prangte dagegen auf einem mäßigen Hügel das stattliche Schloss der reichen Grafen von Isang. Der letzte Erbe dieses alten gräflichen Geschlechts war ein schöner, von der Mutter Natur gar köstlich geschmückter Jüngling, aber wild und ausschweifend über die Maße. Sein Vater sah mit Leidwesen diesen unglücklichen Hang, daher er ihn noch auf seinem Sterbelager zu sich rief und beschwor, sich zu zähmen und ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen; aber die Ermahnung ward bald vergessen. Denn kaum war der Entseelte in der Gruft der Ahnherren beigesetzt, die Trauerzeit vorüber, so ließ der Jüngling allen Leidenschaften den Zügel schießen. Reich, jung und schön, frei und fessellos, setzte er seinen Begierden keine Grenzen. Mit gleich lockern Spießgesellen durchzechte und durchbuhlte er die Nächte und am Tage zogen sie umher, die Töchter des Landes zu besehen und freiwillig oder gezwungen nach Seeburg zu führen. Bald war Graf Isang das Schrecken der ganzen Gegend. Ritt er durch ein friedliches Dörflein, so liefen die Dirnen wie vor einem Unhold. Die Männer sperrten ihre Weiber, die Väter ihre Töchter ein, bis das Ungetüm vorüber war. Die alten Freunde des Vaters kamen nicht mehr nach Seeburg und kein Ritter, der auf Ehre und Tugend hielt, kehrte bei ihm ein. So trieb er es mehrere Jahre lang und stürmte wild in seine Gesundheit ein. Einst saßen auch die lockern Gesellen beisammen und zechten, als er vorschlug, einen Raubzug nach dem Kloster Lindau zu machen und die dem Himmel geweihten Töchter zu bekosen. Mit teuflischem Jauchzen wurde der Vorschlag bewillkommnet und ausgeführt. In einer stürmischen Nacht, wo Dunkel und Graus die Erde umgab, stahlen sie sich mit List in das sonst wohlverwahrte Kloster. Die Wächter wurden geknebelt, die Äbtissin eingesperrt und nun wütete, gleich Wölfen, die unter eine ruhig schlummernde Herde geraten, die junge Natterbrut unter den wehklagenden Nonnen. Die heiligen Mauern hallten wider von dem Geschrei und Wimmern der himmlischen Schäfchen, aber ganz ohne Hülfe und Beistand mussten sie der Macht unterliegen. Ein jeder nahm sein Mägdlein mit auf sein Ross und fort flohen sie mit der Beute nach allen vier Winden. Als Hermann, so hieß Graf Isang, mit der seinigen vor Seeburg ankam, hob man sie ohnmächtig vom Pferde. Der Unmensch benutzte diesen Zustand und krönte seine Schandtat. Das Gewissen ist ein übler Gesellschafter für den, dem es immer was vorschwatzt. Niederdrücken lässt es sich wohl, man kann ihm auf eine Weile Schweigen gebieten, aber es arbeitet sich doch wieder hervor und spricht so lange mit, bis man antwortet. Hermann hatte es nun zwar zu einer ziemlichen Fertigkeit gebracht, das seinige zum Schweigen zu zwingen; aber nach diesem Morde einer dem Himmel geweihten Unschuld erwachte es mit aller Kraft und klopfte so unsanft an, dass er sich entschloss, das Opfer seiner Lust nach dem Kloster zurück zu schicken. Doch, welche schreckliche Post brachte ihm sein Diener von da her. Die Nonne war seine Schwester gewesen. Hermann wusste zwar von seinem Vater, dass er eine Schwester habe, dass sie sich der Kirche geweiht; aber wo sie lebe, das hatte ihm dieser nie sagen wollen. Diese Nachricht war daher ein Donnerwort für den im Laster versunkenen Jüngling, ein Schwert, das ihm die Seele durchbohrte. Er weinte und klagte acht Tage lang, zechte nicht und hatte keine Gelage, ging in die Kirche und betete, spendete reichliche Gaben an das Kloster, schenkte ihm einige Dörfer, zum Heil seiner Seele und als er nun glaubte, dass er hinreichende Buße getan habe und der Himmel nun wohl beruhigt sein könne, fuhr er in der alten Lebensweise wieder fort. Er frönte allen gewohnten Leidenschaften auf das ausschweifendste, betäubte sich in Wein und Wollust und wenn einmal ein guter Gedanke in ihm aufkeimte, flugs wurde er von seinen Zechbrüdern weggespottet und das Flackerfeuer seiner Begierden von seinem Diener Arnold, der treulich mithalf und mitgenoss, immer wieder angefacht. Übersättigt und abgespannt lag Graf Hermann eines Morgens auf dem Faulbette und gähnte missgelaunt den Tag an. Da trat sein Mundkoch - der schon lange den abgestumpften Gaumen seines Herrn durch kein Würznäglein mehr zu reizen vermochte - herein und brachte in einem Netz einen silberweißen Aal getragen. "Schauts 'mal, gestrenger Herr," sagte er, "da hat der Fischer einen weißen Aal im Schlossgraben gefangen. Hab' in meinem Leben so ein wunderbarlich Thier nicht gesehen und bin doch ein eisgrauer Kerl!" Graf Isang staunte lange das seltene Trier an, zweifelte anfangs, dass es ein Aal sei und meinte, es könne eine Schlange sein. Da aber der erfahrene Koch versicherte, es sei gewiss ein Aal, so hielt Graf Hermann dafür, dass ein so außerordentliches Trier auch außergewöhnlich schmecken müsse. Seine Esslust wurde bei dieser Vorstellung ganz rege und er befahl dem Koch, dass er den Fisch mit einer stark gewürzten Brühe zum Mittagsmahl zubereiten solle. Es geschah. Der Fisch wurde aufgetragen und Graf Isang ließ sich die seltene Speise trefflich schmecken. Je mehr er aß, desto besser schmeckte es ihm; denn der Fisch hatte einen ganz ungewöhnlich reizenden Geschmack. Noch ein Stückchen lag in der Schüssel, als sein treuer Diener Arnold eintrat. "Da, du treuer Bursche," sprach er, "du musst auch etwas von dem wunderbaren Fische haben!" Arnold aß und fand den Bissen köstlich. In sanftem Schlummer lag Graf Isang nach der Tafel auf dem Lotterbette hingestreckt und Arnold saß in seiner Zelle und schnarchte auch. Da wälzten sich fürchterliche Träume vor Isang's Seele vorüber. Die Glieder zuckte es ihm, die Nerven zog es an, er sprach unverständliche Worte, schrie, fuhr auf und erwachte endlich unter konvulsivischen Zuckungen. Schreckliche Bilder der Vergangenheit standen vor ihm. Eine unerklärbare Veränderung durchdrang sein ganzes Wesen. Das lange Register seiner Sünden, seiner Schandtaten, seiner längst vergessenen Ausschweifungen und veralteten schlechten Handlungen mit allen ihren furchtbaren Folgen sah er in einem schauderhaften Gemälde vor sich. Unaussprechliche Angst folterte ihn. Gewissensbisse nagten wie verzehrendes Feuer an seiner Seele. "Gott! Was ist das! Hülfe! Hülfe!" Schrecklich brüllte er diese Worte heraus. Einige Diener stürzten herbei; denn die übrigen Bewohner der Burg arbeiteten auf dem Felde, aber entsetzt blieben diese stehen vor ihrem Herrn, dessen Haare sich sträubten, dessen Augen verworren und grässlich rollten, der einem Wahnsinnigen glich. Zur Tür stürzte er hinaus auf den Burghof. "Luft, Luft!" schrie er von neuem gegen die hohen Mauern, die es dumpf zurückgaben "Hülfe!" Das ganze Hofgesinde versammelte sich erschrocken um ihn her. Aber er sah keinen, er hörte keinen. Wild lief er umher, stand still, griff gierig in die Luft, zerriss die Luft, als wollte er ein ihm vorschwebendes Bild vernichten und floh dann in den Garten. Umsonst, die grässlichen Bilder verließen ihn nicht, sie flohen mit ihm, sie verfolgten ihn überall. In diesem Augenblicke brachte ein Eilbote aus dem Kloster Lindau ein Schreiben von der Äbtissin. Hastig riss er es voneinander und las: "Heute früh ist Eure unglückliche Schwester gestorben. Ihre Seele steht vor Gott und klagt Euch, Graf Isang, an. Ihr Tod ist die Folge Eurer himmelschreienden Schandthat. Im Wahnsinn schied ihr Geist und ihre letzten Worte waren: Wehe, Wehe über ihn! Gott sey Euch gnädig." Hermann stürzte nieder zur Erde, krümmte sich heulend und schrie wie einer, dem tausend Messer das Herz durchschneiden. "Schrecklich, schrecklich! O, wer hilft mir von dieser Qual! Wer nimmt mir mein schändliches Leben!" Die Diener sprachen ihm zu, hoben ihn auf, wollten ihn ins Schloss zurückbringen, aber von nichts wollte er wissen. Mit Ingrimm stieß er sie von sich und befahl ihnen, Mordgewehre zu bringen, aber keiner gehorchte. Er drohte, sie alle mit zu morden, wenn sie seinen Befehl nicht vollzögen, aber keiner gehorchte. "Nun, so hole ich sie selbst!" rief er und wollte fort, aber - sieh, eine unwiderstehliche Macht hielt ihn zurück. Seine Handlungen hingen nicht mehr von seinem Willen ab, eine unsichtbare Hand schien sie zu leiten. Die Fieberwut ging in stille Betäubung über, innerliche Angst schien ihm das Herz sprengen zu wollen, ohne von neuem auszubrechen. So ging er zitternd und langsam aus dem Garten in den Schlosshof zurück. Hunde, Katzen und Geflügel aller Art gingen da durcheinander herum und Isang vernahm unter ihnen ein dumpfes Gemurmel wie leise Menschenstimmen. Er stutzte, schien mit einem Male seine volle Besinnung wieder zu erhalten, wandte sich bald nach diesem Hunde, nach jener Katze, neigte sich hier herab zu einer Ente, dort zu einer Taube, fuhr dann heftig auf, streckte die Hände zum Himmel und weinte bitterlich. Seine Begleiter sahen sich erstaunend an, begriffen von allem dem nichts und meinten zuletzt, ihr Herr habe nun den Verstand rein verloren. Freilich mussten sie so etwas vermuten; denn sie wussten es nicht, dass durch den Genuss des wunderbaren Fisches dem Grafen die Gabe verliehen war, die Sprache dieser Tiere zu verstehen, dass diese sich eben jetzt von den Schandtaten ihres Herrn unterhielten und ihm die Strafe dafür, den Untergang seiner prächtigen Burg, ankündigten. Diese Strafe deutete ihm eine alte Henne mit den Worten an: "Deine prächtige Seeburg wird, ehe heute die Sonne sich neigt, untergehen. Du und wir alle finden unsern Tod, du schuldig, wir unschuldig. Bereite dich und bete!" Ergeben in den Willen des Schicksals, setzte sich Graf Isang auf einen Stein vor der Tür seines Palastes. Hier, wo so oft die Freude eingezogen und eben so oft, gleich jungen Weins, die wilden Spießgesellen herausgebraust waren, wo manch liebes Mädchen hineingeschleppt und hohnlächelnd heraus gestoßen war, hier wollte er das Ende seines Lebens ruhig abwarten und unter den Ruinen seiner Burg sich begraben lassen. Der Gedanke an eine Rettung, an eine Flucht aus der Burg, kam ihm nicht bei. Alle Kräfte des Geistes und des Körpers hatten ihn verlassen, in stummem Hinbrüten ließ er mit sich geschehen, was geschehen wollte. Da von seiner Dienerschaft keiner von der bevorstehenden Gefahr etwas wusste, so konnte ihm auch keiner einen Rat erteilen. Alle standen sie traurig und mit verschränkten Armen von ferne, sahen ihren Herrn mitleidig an, voll Angst, wie das enden werde. Da schritt der alte Haushahn, der wegen der Pracht seines Gefieders der Liebling des Grafen war und manches Weizenkorn aus seiner Hand erhalten hatte, zum Grafen, schlug mit den weiten Fittichen, krähte und sprach: "Herr, noch kannst du dich retten, aber du musst sogleich dein schnellstes Ross besteigen und vor Sonnenuntergang, doch ohne einige Begleitung, die Burg verlassen." "Wie! Ist's möglich?" fuhr Isang hastig auf. "Ja, sprach das Tier, aber eile, denn schon senkt sich die Sonne hinab." "Aber meine treuen Diener, kann ich sie nicht mit mir retten?" "Du allein, du ganz allein, eile, eile!" Und dort lief er hin, der treue Hahn. Dieselbe unsichtbare Macht, die den Grafen vorhin vom Selbstmorde zurückgehalten hatte, trieb ihn jetzt an, für die Erhaltung seines Lebens zu sorgen. Er sprang auf, lief zum Stalle, zog sein bestes Pferd heraus, schwang sich hinauf und sprengte, zum Erstaunen der Zurückgelassenen, durch das Burgtor. Draußen kam ihm Arnold bleich und entstellt entgegengelaufen und fiel dem Pferde in die Zügel. Auch er hatte nach dem Genusse der Überbleibsel des Wunderfisches die Sprache der Tiere verstehen lernen, hatte die furchtbare Weissagung des Haushahns vernommen und wollte den Grafen nicht allein entfliehen lassen. "Herr," schrie er ängstlich und atemlos, "nehmt mich mit, nehmt mich hinten auf Euer Pferd!" "Ich kann nicht, ich darf nicht", erwiderte der Graf. "Ihr müsst, um Gottes Willen nehmt mich mit!" "Ich kann nicht, lasst mich los!" Da kam der alte Haushahn geflattert und schrie in eins fort: "Eile, eile, die Sonne sinkt." Schon glühte ihr scheidender Strahl auf den Gipfeln der Berge, als Graf Isang, von Furcht überwältigt, dass mit ihrem letzten Blicke auch jede Hoffnung zur Rettung verschwinden werde, ohne zu wissen was er tat, das Schwert zog und dem flehenden Diener den Kopf spaltete. Nun sprengte er über die Zugbrücke hinweg, zu dem Schlosstore hinaus und erst nachdem er eine kleine Anhöhe nahe vor dem Städtchen Gieboldehausen erreicht hatte, stieg er vom Pferde, um sich zu erholen und über die Begebenheit des Tages nachzudenken. Matt und erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen lag er da und blickte weinend nach seiner schönen Seeburg hin. Rund um ihn her lag die Natur im Schleier eines heitern Abends gehüllt. Über ihm schwirrten die Lerchen, ein kühlender Westwind säuselte in seinen Locken und im Glanze der scheidenden Sonne blitzten die vergoldeten Spitzen der vier schönen hohen Türme seiner Stammburg ihn an. Bitterlich weinte der leichtsinnige Jüngling und aufrichtige Reue keimte ihm im Herzen. Da stieg tröstend der Gedanke in ihm auf: "Wie, wenn alles Täuschung meiner Einbildungskraft wäre?" Und ein Strahl von Hoffnung und Freude, dass es so sein könne, fiel in seine Seele. Schon wollte er aufspringen und nach dem Schlosse zurückkehren, als er plötzlich fühlte, dass sich die Erde unter seinen Füßen bewegte. Voll Schrecken, sie würde ihren Rachen auftun, ihn zu verschlingen, raffte er sich auf, ließ das Pferd im Stiche und floh mit schnellen Schritten weiter. Nur einen Augenblick stand er still, um sich noch ein Mal an dem Anblicke seiner lieben Burg zu weiden. Er blickte nach ihr hin und - da sank sie eben mit ihren Türmen, Mauern und Wällen hinab in die Tiefe und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, zeigte sich plötzlich seinen erschrockenen Augen - ein See. Nach dieser wundervollen Begebenheit bekehrte sich Graf Isang und büßte in dem Kloster zu Gieboldehausen, dem er seine übrigen reichen Besitzungen schenkte, durch ein frommes Leben seine Sünden ab. Lange nachher noch wurden, nach seiner Verordnung, jährlich an einem gewissen Tage, Seelenmessen für reuige Sünder gelesen. Wenn man in dieser Sage die Wahrheit von der Fabel scheidet, so bleibt die Vermutung nicht unwahrscheinlich, dass der See vor langen Jahren durch einen Erdfall entstanden seyn kann und vielleicht stand wirklich in der Mitte des Sees auf einer Insel ein Landhaus oder eine Burg, die, durch eine Menge Fische unterminiert, in die Tiefe versunken ist. An einigen Stellen soll der See, der Aussage der Fischer nach, so tief sein, dass man ihn nicht ergründen kann. Vor einigen Jahren brachte einmal ein Fischer ein Gefäß aus dem See heraus, das einem Kochtopfe von sehr antiker Form ähnlich und von einer ganz besondern Masse zu sein schien. Es gab einen hellen Klang von sich und soll bei der Probe aus Messing und Silber zusammengesetzt befunden sein. Späterhin sind noch Fragmente von Silbergeräten, als Stiele von Esslöffeln und andere Kleinigkeiten, in dem See gefunden worden, welches für die Hypothese, dass einmal eine Burg oder auch nur ein Haus im See stand, zu sprechen scheint. - Aus dem neuen Hannöv. Magazin von 1807. N. 40. Friedrich Gottschalck, Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, Halle 1814 |
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| Graf Isang
Der letzte Besitzer der Burg Schweckhausen hatte eine sehr schöne Tochter, Bertha genannt, um diese warb Graf Isang, welcher ein wilder und wüster Ritter war, dessen Schloss zwischen Bernshausen und Seeburg stand. Auch er war der letzte seines Geschlechts und hatte schon viele Untaten getan, die sich gar nicht niederschreiben lassen. Die schöne Bertha wollte gar nichts von der Werbung des Grafen Isang wissen, aber da dessen Mutter eine gewaltige Zauberin war, so verwünschte sie das Mägdlein, dass es im Burghain nachts so lange umgehen und seufzen sollte: "Hilf mir! hilf mir!," bis jemand zu ihr sagen würde: "Helfe dir der liebe Gott!" Aber auch damit solle sie noch nicht erlöst sein, sondern der Sohn zweiter Ehe einer Frau, der als Pfarrer studiert habe und noch ein reiner Jüngling geblieben sei, wenn er seine erste Predigt tue, der könne Bertha erlösen. Da hat nun die arme Bertha fort und fort spuken müssen die längste Zeit. Der Graf Isang wurde aber von nun an nur immer ärger und schlimmer und häufte Schuld auf Schuld, Sünden auf Sünden. Da brachte ihm eines Tages sein Koch einen silberweißen Aal, es war aber eine weiße Schlange und der Graf war begierig, davon zu essen und verbot, dass irgend jemand von der Dienerschaft es wage, auch von dem weißen Aal genießen zu wollen. Da nun der Graf von der Schlange gegessen hatte und hinab in den Hof kam, da hörte er viele Stimmen und hörte die Tiere sprechen und verstand ihre Sprache. Aber erfreuend war es nicht, was Graf Isang hörte. Die Hennen gackerten: "Packe, packe, packe dich!" - Der Hahn schlug mit den Flügeln und krähte den Grafen an: "Flieh, flieh, flieh, flieh!" - Die Tauben gurrten: "Die Burg, die Burg, die Burg geht unter!" - Gänse und Enten schnatterten durcheinander: "Graf Isang, Graf Isang! Es ist alle, alle, alle. Wo dein Haus heute stand, ist morgen Wasser, Wasser, Wasser, Wasser!" - Dem Grafen rieselte es kalt durchs Gebein, da er die Tiere also reden hörte. Da stürzte sein Diener atemlos herbei und rief: "Hört Ihr's, Herr? Hört Ihr's, was die Hunde heulen und winseln? Auf, auf, auf! Das Haus soll im Hui, im Hui versinken, verschwinden!" - Und da entbrannte der Graf im jähen Zorn und zog sein Schwert aus der Scheide und schrie: "Selbst Hund! Hatte ich nicht allen verboten, vom weißen Aal zu essen, nun hast du's doch getan und hörst den Unsinn und schwatzest ihn gleich nach! Fahre zur Hölle, du Teufelsrabe! Du Unsinnskrächzer!" - Und damit spaltete der Graf dem Diener den Kopf und ritt aus der Burg hinaus nach dem Städtchen Gieboldehausen zwischen Göttingen und Northeim zu. Hinter ihm sank unter Erdbeben und Donnerkrachen seine Burg in den Boden und an ihre Stätte trat ein tiefer See. Graf Isang aber trat in ein Kloster zu Gieboldehausen und büßte reuig seine Sünden ab und machte reiche Schenkungen von seinem Erbe. Auch die arme Bertha von Schweckhausen hat hernachmals, doch nach langer Zeit, durch einen außerordentlich tugendhaften jungen Pfarrer ihre Erlösung gefunden. Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Meersburg 1930 (1853) |
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| Wie der Seeburger See entstanden ist
Vor vielen hundert Jahren stand da, wo sich heute der Seeburger See ausbreitet, ein großes und schönes Schloss, das ein breiter und fischreicher Graben umgab. Das Schloss und viele Ländereien ringsum gehörten dem Grafen Isang. Der führte einen schändlichen und gottlosen Lebenswandel. Er raubte schöne Jungfrauen, schändete sie und schickte sie dann nach einigen Tagen wieder heim. Auch die anderen Bewohner des Schlosses waren ruchlos und schlecht, wie der Graf selbst. Nun lebte im Kloster zu Limburg die Schwester des Grafen, die wusste wohl, dass Graf Isang ihr Bruder war. Aber der Graf kannte seine Schwester nicht. Einst hörte Graf Isang von der schönen Schwester zu Limburg und er holte sie mit seinen Leuten gewaltsam aus dem Kloster, brachte sie auf sein Schloss, wo sie seiner bösen Lust dienen sollte. Seine Schwester aber flehte zu Gott, dass er alle Tiere von den Schandtaten ihres Bruders erzählen lassen möchte. Da geschah es, dass im Schlossgraben ein weißer Aal gefangen wurde, den der Koch dem Grafen zubereitete. Als der Graf den Aal gegessen hatte, verstand er alle Tierstimmen. Er hörte, wie der Hahn rief: "Graf Isang, eile von dannen, deine Burg geht unter, willst du dein Leben retten, so setze dich auf dein schnellstes Ross." Als der Hahn zum ersten Male rief, achtete der Graf der Warnung nicht. Als der Hahn aber immerfort rief: "Eile, eile, eile!" da sattelte er sein schnellstes Ross und eilte davon. Der Koch hatte aber auch ein Stück von dem Aal gegessen, verstand darum auch den Hahnenschrei und wollte sich ebenfalls retten. Er fasste das Pferd am Schwanze doch der Graf hieb ihm mit seinem Schwert beide Arme ab, und somit musste er zurückbleiben. Nun sprengte der Graf fort, während der Hahn krähte: "Sieh dich nicht um, sonst kommst du um. "Glücklich entrann der Graf dem Verderben. Erst auf der Höhe des Melenberges hielt er an, wagte sich umzusehen, und da erblickte er noch die Spitze seines untergehenden Schlosses. Ein großer See bedeckte das in die Tiefe versunkene Land. Graf Isang wandte sich nach Gieboldehausen, wo er große Besitzungen hatte und führte von nun an ein gottseliges Leben. Einen Teil seiner Güter vor Seeburg schenkte er den Armen. Karl Sittig, Sagen des südhannoverschen Berglandes, Hann. Münden 1924 |
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| Die Entstehung des Seeburger Sees
Da wo jetzt der Seeburger See sich ausbreitet, hat vor Zeiten ein stattliches Schloss gestanden, welches ein breiter und fischreicher Graben umfloss, über den eine Zugbrücke führte. Das Schloss und viele Ländereien ringsum gehörten einem Grafen namens Isang. Dieser führte einen schändlichen und gottlosen Wandel; er raubte schöne Jungfrauen, zwang sie zu seinem Willen und schickte sie dann nach einigen Tagen wieder aus dem Schlosse fort. Auch die übrigen Bewohner des Schlosses waren eben so ruchlos und schlecht, wie der Graf selbst. Der Graf hatte, ohne dass er darum wusste, eine Schwester, die im Kloster zu Lindau lebte; wohl aber wusste sie, dass der Graf ihr Bruder sei. Diese holte er nun mit seinen Leuten gewaltsam aus dem Kloster und brachte sie auf sein Schloss, wo sie seiner schnöden Lust dienen sollte. Doch Gott verwirrte seinen Geist, so dass er ihr nichts zu Leide zu tun vermochte. Seine Schwester aber flehte zu Gott, dass er alle Tiere der Welt von den Schandtaten ihres Bruders erzählen lassen möchte. Da begab es sich, dass in dem Schlossgraben ein weißer Aal gefangen wurde, den der Koch für den Grafen zubereiten musste. Als der Graf den Aal gegessen hatte, verstand er den Hahnenschrei und hörte, wie dieser rief: "Graf Isang, eile, deine Burg geht unter!" Und dann wieder: "Willst Du dein Leben retten, so setze Dich auf dein schnellstes Ross." Als der Hahn das erste Mal rief, achtete der Graf der Warnung noch nicht, als jener aber zum zweiten Male warnte und immerfort rief: Eile, eile, eile! Da sattelte er eiligst sein bestes Ross, warf sich darauf und wollte fort sprengen. In demselben Augenblick aber fasste der Diener, welcher den Aal aufgetragen und, weil er heimlich ein Stück davon gegessen, ebenfalls den Hahnenruf verstanden hatte, das Pferd am Schwanze, um sich so mit zu retten. Doch der Graf hieb ihm mit seinem Schwerte beide Arme ab und so musste er zurückbleiben. Dann sprengte er fort, während der Hahn krähte: sieh dich nicht um, sonst kommst du um, und entkam so allein dem Verderben. Als er bei Berenshausen die Höhe des Meelenberges hinan ritt, fühlte er den Boden unter sich wanken (schuddern); erst oben auf der Höhe wagte er es sich umzuschauen und sah nun, wie eben die Spitze des Schlosses versank. Von da wandte er sich nach Gieboldehausen, woselbst er bedeutende Besitzungen hatte, und führte fortan ein gottseliges Leben. Die acht Hufen Landes, welche er vor Seeburg gehabt hatte, bestimmte er den Armen in der Weise, dass von einem Morgen im Winterfelde zwei Scheffel Roggen, im Sommerfelde zwei Scheffel Hafer, im Brachfelde aber nichts gegeben werden solle. Zugleich hatte er erklärt, wer auf das Land mehr setze, mit dem werde er am jüngsten Tage zu Gerichte gehen. Dennoch müssen die Leute jetzt vom Morgen fünf Scheffel geben. Jene acht Hufen heißen Koland (Kaland?) und von dem Ertrage derselben, der zum Teil an die Schule in Heiligenstadt fällt, zum Teil mehreren Geistlichen zukommt, wird auch die Vergütung für die Gebete bezahlt, die noch alle vier Wochen für des Grafen Seele gehalten werden. Georg Schambach, Niedersächsische Sagen und Märchen, Göttingen 1855 |
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| Untergegangenes Schloss im Seeburger See
Mündlich. Da, wo jetzt der Seeburger See liegt, hat in alter Zeit ein schönes Schloss gestanden; es ist aber mit allem, was darin war, untergegangen, und nur der Herr und sein Diener sind glücklich davongekommen. Vor dem Untergange aber hat man schon mancherlei Vorzeichen desselben wahrgenommen, denn zuerst hat der Hahn gekräht, dass heute noch das Schloss untergehen werde; bald danach hat der Bediente seinem Herrn einen Fisch gebracht, von dem prophezeit war, dass, wenn er gefangen wäre, das Schloss untergehen würde. Darum haben sich Herr und Diener schnell zu Pferde gesetzt und sind davon geritten und zwar nach Gieboldehausen zu; als sie aber auf den Mühlberg gekommen sind, haben sie sich noch einmal umgeblickt und gesehen, wie an der Stelle, wo das Schloss gestanden, durch einen ungeheueren Wolkenbruch ein großer See entstand und wie eben die Turmspitze des Schlosses hinab sank. Ein Mann aus Bernshausen erzählte, es sei ein bunter Fisch gewesen, dessen Fang den Untergang des Schlosses angezeigt habe und ein anderer erzählte, der Herr habe Pisang geheißen und sei so gottlos gewesen, dass er seiner Schwester nachgetrachtet; darum werde in Seeburg alle vier Wochen seinethalben noch Koland (!) gehalten. Vgl. oben Nr. 359, 360 und unten Nr. 412; Norddeutsche Sagen, Nr. 178-180 mit der Anm.; Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 131; Schambach u. Müller, Nr. 70 mit der Anm.; Harrys, I, 1; über den Koland erhält man auch durch das, was Schambach u. Müller haben, keine größere Klarheit; vielleicht waren ursprünglich Festlichkeiten damit verbunden; vgl. Grimm, Mythologie, S. 594, worauf auch die in den Gebräuchen unter Nr. 458 berichtete Sitte deutet, dass man sich am ersten Pfingsttage am Seeburger See zu versammeln pflegt. Der bei Schambach u. Müller angeführte Umstand, dass der Koland genannte Acker an Schulen und Geistlichkeit zinst, scheint auf uralte Heiligkeit desselben zu deuten; vgl. Panzer, I, 282 fg. Zum Beweise für den Untergang des Schlosses im See, erzählte man mir, dass vor einigen Jahren ein dreifüßiger Grapen beim Fischen aus dem See gezogen sei; vgl. auch Harrys. Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen und einigen andern, besonders den angrenzenden Gegenden Norddeutschlands, Leipzig 1859 |
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| Über Alljährliche Versammlungen am Seeburger See.
In Seeburg im Göttingischen findet zu Pfingsten gewöhnlich ein Kranzstechen der Knechte zu Pferde statt; wer den Kranz herabsticht, wird König. Am ersten Pfingsttage pflegen die Einwohner der Nachbardörfer in großer Zahl am Seeburger See sich zu versammeln, angeblich ohne weitern Zweck und nur zum Vergnügen. Vgl. Märkische Sagen, Nr. 323, 324; Norddeutsche Gebräuche, Nr. 53-60. Ein solcher Pfingstritt findet sich auch in Schwaben, Meier, Gebräuche, Nr. 96, 98, 100, und mit Wettlauf um den geschmückten Maien, Nr. 101; Grimm, Mythologie, S. 748; über die Bedeutung dieser Wettkämpfe vgl. Simrock, Mythologie, S. 566 fg. Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen und einigen andern, besonders den angrenzenden Gegenden Norddeutschlands, Leipzig 1859 |
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Graf Isang von Seeburg S. Veldeck, Göttingen u.s. Umgebungen Bd. II. S. 56. Harrys Th. I. S. 1 etc. Etwas verschieden bei Schambach u. Müller, Niedersächs. Sagen S. 49. Unfern Göttingens, zwischen den Dörfern Seeburg und Berenshausen, liegt der Seeburger See. Einst war er groß und weit, nun wird er jährlich kleiner, aber wie die Fischer sagen, seine Tiefe ist an vielen Stellen nicht mehr zu ergründen. Früher stand an seiner Stelle die stolze Burg der Grafen von Isang. Der letzte dieses Geschlechtes führte ein wildes und gottloses Leben, sodass er der Schrecken der ganzen Gegend war. Einst ritt er um Mitternacht zum Kloster Lindau hinab und stahl sich heimlich in die heiligen Mauern. Da sah er ein schönes Mädchen knien vor dem Muttergottesbilde, indes die andern Schwestern schliefen, er hob sie auf sein Ross und entführte sie nach seiner Burg. Wie er seinen Willen an ihr vollführt hatte, entdeckte er, dass die Nonne seine ihm unbekannt gebliebene Schwester war. Da erschrak sein Gewissen heftig, er sandte die Nonne mit Gold reich versehen zum Kloster zurück, schenkte demselben reiche Gaben, ließ den Altar kleiden und täglich viele Messen lesen, aber sein Herz bekehrte sich doch nicht zu Gott und bald hub er von Neuem an, seinen Lüsten zu frönen. Wie er nun eines Tages in träger Lässigkeit sich auf seinem Lager wälzte, geschah es, dass sein Koch ihm einen silberweißen Aal brachte, der Graf meinte, es könne wohl eine Schlange sein, ließ ihn bereiten, speiste davon, verbot aber dem Diener bei seinem Leben etwas von diesem Gerichte zu genießen. Alsbald nach der Mahlzeit fielen dem Grafen alle seine begangenen Frevel schwer aufs Herz, ihm ward so heiß und eng, dass er nicht Ruhe hatte im Schlosse, sondern nach Luft schrie und in den Garten eilte. Da trat ihm ein Bote aus dem Kloster entgegen und sprach: "Zu dieser Stunde ist Euere tugendhafte Schwester im Kloster verschieden. Euer Frevel hat sie zu Tode gebracht, das letzte Gebet sprach sie für Euch!" - "Ach!" seufzte Graf Isang, "Wer nimmt mir mein elendes Leben?" Als er wieder nach seinem Schloss zurückgehen wollte, da hörte er auf dem Schlosshofe ein seltsames Murmeln und Rauschen wie Menschenstimmen und es war ihm, als wenn die Blumen und Blätter sprächen und alles Getier redete, Enten, Hühner und Gänse im Hofe, Sperlinge und Tauben auf den Dächern. Das kam daher, weil der Graf von der Schlange gegessen hatte und nun musste er die Sprache der Tiere verstehen. Der Hahn sprach: "Es ist ein Sünder im Hause, wehe Graf Isang!" Die Hennen riefen: "Eile Dich, Graf Isang! ehe die Sonne untergeht, werden die Türme Deines Schlosses fallen, wird Deine prächtige Burg versunken sein. Bete, Graf Isang!" Ergeben in sein Geschick, schritt Graf Isang zum Schlosshof hinaus und setzte sich auf einen Stein vor der Tür seines Hauses. Da trat der Hahn zu ihm heran, schlug mit dem Fittich und sprach mitleidig: "Herr, Du kannst Dich noch retten, fliehe schnell, doch ziehe allein!" - "Soll ich allein fliehen", antwortete Graf Isang, "und meine treuen Diener nicht retten?" - "Eile, eile! ziehe allein!" kreischte der treue Hahn. Der Graf sattelte eben sein bestes Ross und wollte hinaus, da kam ein Diener atemlos herzu, fiel ihm in die Zügel und wollte den Grafen nicht allein ziehen lassen, sondern bat, dass er ihn mitnehme auf sein Ross. Der Graf aber fragte: "Was ruft der Hahn?" und der Diener, der trotz seines Herrn Verbot, von der Schlange gegessen hatte, vergaß sich in der Angst und sprach: "Willst Du Dein Leben retten, so eile zur Stunde von hier, doch ziehe allein!" - "Verräter", schrie der Graf, "hast Du mir doch Dein Wort gebrochen? Nun geh' zur Ruh!" In diesem Augenblick krähte der Hahn wieder gewaltig: "Eile, eile, die Sonne sinkt!" Und wie der Graf aufschaute und sah, dass die Sonne schon ihre letzte Glut auf die Spitzen der Berge goss, da zog er sein Schwert, spaltete dem Diener, der leichenblass sich an seines Rosses Mähnen klammerte, das Haupt und sprengte über die Zugbrücke zum Schlosstor hinaus. Auf einer Anhöhe nahe beim Städtchen Gieboldehausen ruhte er aus, sein Ross war tot. "Da liegt mein schönes Schloss", sprach er mit weinenden Blicken, "und ich bin hier so ganz allein und mein Herz ist todesmatt. Was trieb mich hinaus? War alles wohl nur ein wüster Traum?" Und wie er noch sprach, wankte plötzlich der Hügel und die Erde bebte unter seinen Füßen. Glühend rot war der Himmel und der Donner rollte. Erschrocken floh Graf Isang weiter und wie er dann noch einmal nach der Burg zurückschaute, da war sie mit Wall und Türmen in die Tiefe gesunken und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, zeigte sich ein großer See. Nach dieser wundervollen Begebenheit bekehrte sich Graf Isang und trug Buße seiner Sünden im Kloster zu Gieboldehausen, dem er verschrieb, was ihm von Erdengütern noch geblieben war. Noch heute werden nach seiner Verordnung reuigen Sündern an einem gewissen Tage Seelenmessen gelesen. Die Fischer haben zuweilen Silbergeräte, Töpfe von altertümlicher Form und andere Gegenstände aus der Tiefe des Sees gebracht. J.G. Th. Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staats, Glogau 1868-1871 |
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| Hildegard von Radolfshausen In alten Zeiten stand da wo heute die Wellen des Seeburger Sees lustig plätschern, ein herrlich großes Schloss, und sein Besitzer hieß Graf Isang von Seeburg. Der führte ein gottloses Leben und seine Schandtaten waren weit und breit bekannt. Die Mutter des Grafen war aber nicht besser; als böse Hexe fürchtete sie jedermann in der ganzen Gegend. Einst kam Graf Isang zum Herrn von Radolfshausen und begehrte dessen schöne Tochter Hildegard zum Weibe. Die wies ihn aber wegen seiner Gottlosigkeit ab. Fluchend und drohend, ritt Graf Isang heim und erzählte seinen Schimpf und seine Schande der Gräfin. Um den Sohn zu rächen, verwünschte die Mutter Hildegard: Dreihundertfünfundzwanzig Jahre solle sie im Ebergötzer Holze umgehen und dann erst erlöst werden, wenn jemand die Worte zu ihr spräche: "Es helfe dir Gott!" Kaum war der entsetzliche Wunsch ausgesprochen, so verschwand Hildegard und war verdammt, im Ebergötzer Holze als weiße Jungfrau umzugehen. Als Nahrung trug sie in einem Körbchen ein Brot und eine Flasche Wein, die sich an jedem Tage von selbst erneuerten. Bei Tage lag Hildegard im Walde und trug eine Nebelkappe auf dem Kopfe, damit niemand sie sehe in der Nacht wanderte sie von 11 bis 1 Uhr als weiße Jungfrau durch den Wald und rief: "Helft mir!" Schon oft war ihr Ruf vernommen, aber niemand wusste das Wort, das sie erlöste. Da geschah es, dass ein Husar noch in der Nacht von Ebergötzen nach Holzerode reiten musste. Er war gewarnt, weil die weiße Jungfrau die Wanderer in der Nacht erschrecke, er aber antwortete: "Ich fürchte mich vor dem Teufel nicht" und ritt fort. Als er um 11 Uhr mitten in den Wald gekommen war, erschien ihm die weiße Jungfrau, weinte bitterlich und flehte: "Hilf mir, hilf mir!" Der Husar wandte sich zu ihr und sprach: "Wer kann dir helfen?" Sie antwortete: "Niemand." "So helfe dir Gott", erwiderte der Husar. Kaum hatte er das Wort gesprochen, so saß die weiße Jungfrau schon hinter ihm auf dem Pferde, fiel ihm um den Hals und sprach: "Hab Dank, du hast mich erlöst, du sprachest das rechte Wort; aber heimkommen darf ich erst nach fünfundzwanzig Jahren, denn der Zauber bannt mich dreihundertfünfundzwanzig Jahre und an dieser Zeit fehlen noch fünfundzwanzig Jahre. In Waake wohnt im letzten Hause auf dem Sike ein altes kinderloses Ehepaar, das wird wider alle Erwarten noch einen Sohn bekommen, der wird in seinem fünfundzwanzigsten Jahre seine erste Predigt in der Kirche zu Wanke halten, die werde ich mit anhören und dann völlig erlöst sein." Darauf verschwand sie wieder. Der Husar dachte, er wolle doch einmal in Waake das Haus aufsuchen und sehen, ob die Jungfrau die Wahrheit gesprochen. Er trat in das letzte Haus auf dem Sike, fand die beiden Eheleute und berichtete ihnen, was er von der Jungfrau vernommen. Kaum hatte er ausgeredet, da öffnete sich die Tür und der Husar sah den Tod mit seinem Stabe in der Hand eintreten. Der gab dem Ehemann einen Schlag auf den Rücken, wandte sich und verschwand, wie er gekommen. Der Mann zitterte bei dieser Berührung, sah aber ebenso wenig den Tod wie seine Frau, nur dem Husaren war er sichtbar. Noch in demselben Jahre ward den Eheleuten ein Sohn geboren, und die Freude war bei ihnen übergroß. Als der Sohn ein Jahr alt war, starb der Vater. Der Sohn wuchs heran, studierte und ward Pastor. Mit seinem fünfundzwanzigsten Jahre hielt er seine erste Predigt in Waake, und damit war die Jungfrau völlig erlöst. Sie saß auf der letzten Bank und hörte andächtig zu, aber niemand erkannte sie. Alt, ganz gelb im Gesicht und zusammengeschrumpft sah sie aus. Nun ging sie nach Radolfshausen und erzählte ihr ganzes Schicksal. Keiner von ihren Verwandten lebte mehr, niemand wusste etwas von ihr, aber die Leute nahmen sie doch freundlich auf und verpflegten sie bis an ihren Tod. Nach drei Jahren starb sie, das ganze Dorf gab ihr das Geleit und nach dem Brauch der damaligen Zeit ward ihr zu Ehren ein Leichenschmaus gehalten, der drei Tage und drei Nächte dauerte. Karl Sittig, Sagen des südhannoverschen Berglandes, Hann. Münden 1924 |
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