Die Lutterjungfer und die Frau Holle auf dem Hausberge

Nahe bei der alten Burgstelle oben auf dem Hausberge ist der Eselsborn, von dem soll früher das Wasser auf Eseln nach der Burg geschafft worden sein. Zu ihm hat die Lutterberger Jungfer oder die Lutterjungfer die Schlüssel, wie man den Kindern sagt, und wenn sie aufschließt, so gehen die Leute hin und holen sich mit der Brunnenstange, woran eine Semmel gebunden wird, einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen heraus. Die Mädchen gehen deshalb auch dorthin und rufen: „Schlüsseljungfer, bring uns einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen.“

Wenn die Kinder unartig sind, so sagt man ihnen: „Sei still oder wir bringen dich wieder hin nach dem Eselsbrunnen.“ Ein ganz kleiner Knabe erzählte: Wenn die Kinder vor den Eselsbrunnen hinträten und sprächen „Duck, duck, duck“, so kämen Esel heraus und holten sie hinein.

Es soll auch ein Brunnen in dem alten Lutterberger Schlosskeller sein. An jedem ersten Ostermorgen steigt die Jungfer vom Hausberge herunter und wäscht sich dort in der Lutter. Dabei hat sie einmal jemand gesehen, dem hat sie eine Maulschelle gegeben, weil er sie angeredet hat. Hätte er es nicht getan, so hätte er sie erlösen können. Im Burgkeller bewacht sie große Schätze und manche sagen, wer sie erlösen wolle, müsse sich lange Zeit dort neben dem Brunnen verstecken.

Auch die Frau Holle sitzt oben auf dem Hausberge und wird von einigen die Kammerfrau der Lutterjungfer genannt. Oft wäscht sie ihren Schleier drunten in der Lutter, und wenn es auch die ganze Woche regnet, hofft man doch in Lauterberg den Freitag und Sonnabend noch auf gutes Wetter und sagt: Die Frau Holle muss doch zum Sonntag ihren Schleier wieder trocken haben.

Heinrich Pröhle, Harzsagen, zum Teil in der Mundart der Gebirgsbewohner gesammelt und herausgegeben, Leipzig 1886

Wasser ist mehr als H2O!

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