Uferpartie am Hertha-See, um 1910.
Über den Herthasee auf Rügen

Sagenhaftes über den Herthasee

Anmerkungen zum Herthasee auf Rügen

Der Herthasee liegt im heutigen Nationalpark Jasmund zwischen Lohme und dem Nationalpark-Zentrum Königstuhl. Es ist ein etwa 170 m langer, 140 m breiter und rund 11 m tiefer dunkler Waldsee. Am seinem Nordostufer befindet sich die sogenannte Herthaburg, eine bis zu 17 m hohe Wallanlage aus der Zeit der slawischen Besiedlung im 8. bis 12. Jahrhundert.

Tacitus schreibt in seiner um 89 n.u.Z. entstandenen 'Germania' über die germanischen Völker: "Die Reudigner und Avionen, Anglen, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen sind durch Flüsse oder Wälder geschützt. An ihnen ist nichts Bemerkenswertes, außer dass sie die Nerthus, die Erdmutter, verehren und der Überzeugung sind, diese greife in die Angelegenheiten der Menschen ein und würde die Völker besuchen. Auf einer Insel des Ozeans liegt ein heiliger Hain. Darin steht ein unter Decken verborgener heiliger Wagen. Berühren darf diesen allein der Priester. Er allein weiß, wann die Göttin ihr Heiligtum bewohnt und begleitet dann den mit Kühen bespannten Wagen, wenn er dahinfährt, in tiefer Ehrfurcht. Fröhlich sind dann die Tage, man feiert Feste an allen Orten, um den Besuch der Gottheit und ihren Aufenthalt unter den Menschen zu feiern. Während dieser Zeit herrscht Ruhe und Frieden im Land, kein Krieg wird geführt und sämtliche Waffen sind weggeschlossen. Wenn die Göttin genug von dem Verkehr mit den Sterblichen hat, führt sie der Priester zurück in ihr Heiligtum. Hierauf werden Wagen und Tücher und, wenn man es glauben mag, auch die Gottheit selbst in einem einsamen See gewaschen. Dieser Dienst wird von Sklaven verrichtet, die der See anschließend sofort verschlingt. Aus diesem Grund waltet ein heimliches Grauen und eine fromme Unwissenheit darüber, was es wohl sein möge, was nur Totgeweihte erblicken dürfen."

Die Gottheit Nerthus oder auch Hertha wird allgemein mit einer Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin gleichgesetzt. Tacitus beschreibt Nerthus geschlechtsneutral als 'Terra Mater' (Mutter Erde) und gibt ihr nicht durch 'dea' (= Göttin) ein weibliches Geschlecht. Die alljährlich vermutlich im Frühjahr stattfindende Umfahrt der Erdgottheit sollte dem Land reiche Ernten bescheren.

Seit Jacob Grimm wurde Nerthus zumeist mit der Figur des nordgermanischen Gottes Njörðr oder Nerður gleichgesetzt und man glaubte in Nerthus eine Frühform des Schiffsgottes Njörð zu erkennen, was auch gut zu dem heiligen See bei Tacitus passen würde. Neuerdings wird diese Sichtweise angezweifelt und Nerthus und ihre Umfahrt durch das Land werden im Zusammenhang mit den häuslichen Angelegenheiten gesehen. Heute ist man davon überzeugt, Frau Holle oder Perchta seien die Parallelen und eigentlichen Spätformen der Nerthus.

Als sich die Historiker Anfang des 19. Jahrhunderts intensiv mit der deutschen Vorgeschichte zu befassen begannen, kam man sehr bald zu dem Schluss, dass es sich bei der von Tacitus beschriebenen Insel allein um Rügen und bei dem genannten See nur um den in der Mitte der Insel befindlichen sogenannten 'Schwarzen See', 'Borg-' oder 'Burgsee' handeln könne. Auf ihn schienen alle Angaben von Tacitus zu passen. Darüber hinaus wusste man von Funden und aus der Überlieferung, dass sich auf der Insel einst ein wichtiges Heiligtum befunden hatte. Als Heimat der Fruchtbarkeitsgöttin standen neben Rügen auch Helgoland und mehrere dänische Inseln zur Diskussion. Diesen Inseln fehlte es jedoch an dem von Tacitus erwähnten heiligen See.

Schriftsteller der Romantik griffen die Nerthus-Schilderung auf und überhöhten den Inhalt zum Teil auf schauerliche Weise. In Gotthard Ludwig von Kosegartens (1758-1818) 'Wanderungen auf Rügen' heißt es unter anderem: "Die Altäre dufteten von Brandopfern. Von Gesängen ertönten Gefilde und Haine. Erhabene Hymnen erweckten den schlummernden Widerhall. Die Wege waren mit Blumen bedeckt. Im ödesten Winken rosteten die Waffen ..."

Auch der geschäftstüchtige Wirt des Gasthofs am Königsstuhl erkannte in Tacitus Schilderung seine wirtschaftliche Chance. Er arrangierte in der Nähe des damaligen Schwarzen Sees oder Borgsees für Werbezwecke einen Opferstein und verbreitete Schauergeschichten über den Herthasee. Dies schließt jedoch nicht aus, dass es sich beim Herthasee tatsächlich um den bei Tacitus beschriebenen See der Nerthus gehandelt haben könnte und die Sagen auf alte Überlieferungen zurückgehen könnten. kk

Top

Der Originaltext bei Tacitus, Kap.40

XL. Contra Langobardos paucitas nobilitat: plurimis ac valentissimis nationibus cincti non per obsequium, sed proeliis ac periclitando tuti sunt. Reudigni deinde et Aviones et Anglii et Varini et Eudoses et Suardones et Nuithones fluminibus aut silvis muniuntur. Nec quicquam notabile in singulis, nisi quod in commune Nerthum, id est terram matrem, colunt, eamque intervenire rebus hominum, invehi populus arbitrantur. Est in insula Oceani castum nemus, dicatumque in eo vehiculum, veste contectum. Attingere uni sacerdoti concessum. Is adesse penetrali deam intellegit vectamque bubus feminis multa cum veneratione prosequitur. Laeti tunc dies, festa loca, quaecumque adventu hospitioque dignatur. Non bella ineunt, non arma sumunt; clausum omne ferrum; pax et quies tunc tantum nota, tunc tantum amata, donec idem sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo reddat. Mox vehiculum et vestes et, si credere velis, numen ipsum secreto lacu abluitur. Servi ministrant, quos statim idem lacus haurit. Arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid sit illud, quod tantum perituri vident.

Top

Der Hertha-See

Auf der Insel Rügen, in dem Teil, welcher Jasmund genannt wird, nicht weit von der Stubbenkammer, findet man noch einzelne Teile, insbesondere den Burgwall, der daselbst vor vielen hundert Jahren, schon zur Zeit des Heidentums gestandenen Herthaburg. In dieser Burg verehrten die heidnischen Rügianer ein Götzenbild, welches sie Hertha nannten, und unter welchem sie sich die Mutter Erde vorstellten. Nicht weit von dieser Herthaburg liegt ein tiefer, schwarzer See, rund von Anhöhen und Waldung eingeschlossen, der Herthasee genannt. In demselben badete sich alljährlich einige Male die Göttin. Sie fuhr dahin in einem Wagen, der mit einem geheimnisvollen Schleier bedeckt war und von zwei Kühen gezogen wurde. Nur ihr geweihter Priester durfte sie begleiten. Es wurden zwar auch Sklaven mitgenommen, welche die Zugtiere leiten mussten, aber sie wurden, nachdem sie ihren Dienst verrichtet hatten, alsbald in demselben See ertränkt; denn wessen ungeweihte Augen die Göttin einmal gesehen hatten, der musste sterben. Darum hat man auch keine näheren Nachrichten über den Dienst der Hertha. An diesem See begeben sich noch jetzt allerlei Schreckgeschichten, von denen einige zwar meinen, es seien Gaukeleien des Teufels, der sich von den Heiden hier als Göttin Hertha habe verehren lassen, und der deshalb noch immer die Gerechtigkeit auf dem See sich zuschreibe, wovon aber andere sagen, dass eine alte Königin oder Prinzessin hierher gebannt sei.

Man sieht oft, besonders im hellen Mondscheine, aus dem nahen Walde, da wo die Herthaburg liegt, eine schöne Frau hervorkommen, die sich nach dem See hinbegibt, um sich darin zu baden. Sie ist von vielen Dienerinnen umgeben, die sie zu dem Wasser hinbegleiten. In diesem verschwinden sie alle, und man hört nur das Plätschern darin. Nach einer Weile kommen sie sämtlich wieder heraus, und man sieht sie in großen, weißen Schleiern zu dem Walde zurückkehren. Für den Wanderer, der dies sieht, ist dies alles sehr gefährlich, denn es zieht ihn mit Gewalt nach dem See, in dem die weiße Frau badet, und wenn er einmal das Wasser berührt hat, so ist es um ihn geschehen, das Wasser verschlingt ihn. Man sagt, dass die Frau alle Jahre einen Menschen in die Flut verlocken müsse.

Auf diesen See darf auch niemand einen Kahn oder ein Netz bringen. Es hatten vorzeiten einmal etliche Leute sich unterstanden, darauf mit einem Kahne zu fahren, den sie des Nachts auf dem Wasser ließen. Als sie aber am anderen Morgen dahin zurückkehrten, war er fort, und sie fanden ihn erst nach langem Suchen oben auf einer Buche am Ufer wieder. Da hatten ihn die Gespenster des Sees über Nacht hinaufgebracht; denn wie die Leute ihn herunterholten, da hörten sie tief unten aus dem See ein Gespött und eine Stimme, die ihnen zurief: "Ich und mein Bruder Nickel haben das getan."

Jodocus Deodatus Hubertus Temme, Die Volkssagen von Pommern und Rügen, Berlin 1840

Top


Der Herthasee um 1910.
Der heilige See der Hertha

Die Reudigner, Avionen, Angeln, Wariner, Eudosen, Suarthonen und Nuithonen, deutsche Völker, zwischen Flüssen und Wäldern wohnend, verehren insgesamt die Hertha, das ist Mutter Erde, und glauben, dass sie sich in die menschlichen Dinge mischt und zu den Völkern gefahren kommt. Auf einem Eiland des Meers liegt ein unentweihter, ihr geheiligter Wald, da stehet ihr Wagen, mit Decken umhüllt, nur ein einziger Priester darf ihm nahen. Dieser weiß es, wann die Göttin im heiligen Wagen erscheint; zwei weibliche Rinder ziehen sie fort, und jener folgt ehrerbietig nach. Wohin sie zu kommen und zu herbergen würdigt, da ist froher Tag und Hochzeit; da wird kein Krieg gestritten, keine Waffe ergriffen, das Eisen verschlossen.

Nur Friede und Ruhe ist dann bekannt und gewünscht; das währt so lange, bis die Göttin genug unter den Menschen gewohnt hat und der Priester sie wieder ins Heiligtum zurückführt. In einem abgelegenen See wird Wagen, Decke und Göttin selbst gewaschen; die Knechte aber, die dabei dienen, verschlingt der See alsbald.

Ein heimlicher Schrecken und eine heilige Unwissenheit sind daher stets über das gebreitet, was nur diejenigen anschauen, die gleich darauf sterben.

Anmerkung
Sprichwort v. Hertha in Pommern:
De Hertha gifft Gras
un füllt Schün u. Fass.

Brüder Grimm, Die Deutschen Sagen der Brüder Grimm, Berlin o. D.

Top

Der Herthasee

Im Eiland Rügen war das Heiligtum der Mutter Erde, als Göttin gedacht von den alten Urvölkern des germanischen Nordens und Hertha geheißen. Ein geheiligter Buchenwald, die Stubbenitz genannt, umgab einen tiefen See; im Walde stand der mit einem Gewand bedeckte Wagen der Göttin, darin sie alljährlich einmal das Land durchfuhr im Geleite eines einzigen Priesters, dem ihr Wille offenbart ward. Zwei heilige Kühe zogen den Wagen der Göttin, und wohin derselbe kam, da war Freude die Fülle und eitel Friedensfest; niemand durfte da streiten, keine Waffe durfte ergriffen werden. Das währte so lange, als die Göttin an einem Orte verweilte, und wenn sie nicht mehr weilen wollte, da führte der Priester sie zurück in ihr Heiligtum. Dann wurde in dem düsteren See ihr Wagen, Gewande und ihr Bildnis gereinigt, und die Sklaven, welche dabei dienten, wurden in dem See geopfert, damit ihrer keiner je erzähle, was er geschaut. Die Sage geht, dass die Insel Rügen weder Wölfe noch Katzen dulde.

Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Meersburg 1930

Top

Der Herthasee und die Herthaburg

Auf der Insel Rügen in dem Teile, der Jasmund genannt wird, nicht weit von Stubbenkammer findet man noch heute mitten in dem Buchenwalde, der sogenannten Stubbnitz, einen alten Wall, gewöhnlich der Borgwall, auch zuweilen die Herthaburg genannt. Derselbe liegt an der Nordseite des sogenannten Borg- oder Schwarzen Sees. Letzterer hat seinen Namen nicht etwa von der Farbe seines Wassers, das völlig rein und klar ist, sondern von seiner finsteren und zwischen zwei waldigen Anhöhen eingeklemmten Lage und davon, dass die Schlagschatten der Bäume, die ihn an seiner Nordseite sowie am östlichen Rande einfassen, sich zu gewissen Tageszeiten über ihn hinstrecken und seinen Spiegel verdunkeln. Man findet in ihm große Hechte, deren Rücken mit Moos bewachsen sind, aber früher hat der Teufel sehr oft seine Possen mit den von den Fischern hier gebrauchten Fischgerätschaften getrieben. Angeblich badete sich ehedem alljährlich die Göttin Hertha, welche auf dieser Burg, d.h. in einem Tempel, der in dem Innern dieses Walles, einem ungefähr 164 Schritte langen ebenen Raume, gestanden haben soll, verehrt ward und gewissermaßen bei ihnen die Mutter Erde vorstellte. Von hier ward der heilige Wagen, der mit einem geheimnisvollen Schleier bedeckt war, und von zwei Kühen gezogen wurde, herabgelassen. Nur ihr geweihter Priester durfte sie begleiten, die Sklaven aber, welche diese Zugtiere den steilen Abhang nach dem See zu hinableiteten, wurden, sobald sie ihre Dienste verrichtet hatten, alsbald in dem See ertränkt, weil jeder Uneingeweihte, der die Göttin gesehen hatte, sterben musste.

An jener Stelle ist es aber heute noch nicht geheuer, denn man sieht oft bei hellem Mondenscheine aus dem Walde, wo die Herthaburg gestanden hat, eine schöne Frau, die von vielen Dienerinnen begleitet ist, herabkommen und nach dem See hinabgehen, dort verschwindet sie, man hört aber das Plätschern der Badenden im Wasser. Den Wanderer aber, der dies sieht, zieht es mit wunderbarer Gewalt jener Sirene nach, sobald er aber das Wasser berührt hat, sinkt er unter und kommt nie wieder ans Tageslicht. Man darf auch weder einen Kahn noch ein Netz auf den See bringen. Einmal hatten Leute es gewagt, auf diesem Wasser herumzufahren, und dann den Kahn dort gelassen. Am anderen Tage war er verschwunden und erst nach langem Suchen fanden sie ihn auf dem Wipfel einer hohen Buche wieder, aus dem See rief aber eine Stimme: "Ich und mein Bruder Nickel haben dies getan!"

J.G. Th. Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staats, Glogau 1868-1871

Top

Die Göttin Hertha auf Rügen

Die Herthaburg nahe bei Stubbenkammer war in heidnischen Zeiten der Wohnsitz der Göttin Hertha. Diese war den Menschen stets wohlgesinnt und segnete ihre Fluren und Äcker mit Früchten. Wenn aber die Zeit der Ernte da war, dann fuhr die Göttin auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen durch das Land und überall, wohin sie kam, wurde sie mit Jubel begrüßt. Ein Priester, welcher die Hertha bei ihrem Umzug begleitete, führte dieselbe, wenn sie sich an dem Anblick der Menschen gesättigt hatte, in ihr Heiligtum zurück. Alsdann badete sich die Göttin in dem benachbarten Herthasee. Die Diener aber, welche hierbei hilfreiche Hand leisteten, wurden sämtlich getötet. Deshalb hat auch niemand genaue Kunde darüber, wie es eigentlich beim Dienste der Hertha zugegangen sei.

Wenn man den Fußsteig benutzt, welcher am Ufer des Herthasees entlang bis hinter den Wall führt, so erblickt man mitten gegen den See einen Einschnitt im Ufer, das soll die Stelle sein, wo der heilige Wagen der Göttin Hertha in den See hinabgestürzt wurde. Es wird auch berichtet, dass in früheren Zeiten eine Brücke über den See geführt habe.

Man erzählt auch, es seien alljährlich ein edler Jüngling und eine edle Jungfrau der Göttin Hertha zu Ehren im See ertränkt worden. Andere fügen hinzu, der See fordere noch jetzt jedes Jahr mindestens ein Menschenleben als Opfer.

Prof. Dr. Alfred Haas, Rügensche Sagen, Bergen (Rügen) 1939

Top

Die weiße Frau im Herthasee

I.

In der Nähe des Herthasees in der Stubbnitz sieht man oft, besonders in hellen Mondscheinnächten, eine schöne Frau hervorkommen, die sich nach dem See hinbegibt, um sich darin zu baden. Sie ist von vielen Dienerinnen umgeben, die sie zu dem Wasser begleiten. In diesem verschwinden sie alle und man hört nur das Plätschern darin. Nach einer Weile kommen sie sämtlich wieder heraus und man sieht sie in großen weißen Schleiern zu dem Walde zurückkehren. Für den Wanderer, der dies sieht, ist das alles sehr gefährlich, denn es zieht ihn mit Gewalt nach dem See, in dem die weiße Frau badet und wenn er einmal das Wasser berührt hat, so ist es um ihn geschehen: das Wasser verschlingt ihn. Man sagt, dass die weiße Frau alle Jahre einen Menschen in die Flut verlocken müsse.

Auf der Halbinsel Jasmund herrscht der Aberglaube, dass, wer eine von den im Herthasee wachsenden Wasserrosen oder Mummeln pflückt, in die Tiefe des Wassers gezogen wird.

II.

Alle sieben Jahre kommt die Weiße Frau, welche im Herthasee wohnt, an die Oberfläche des Wassers, um Zeug zu waschen. Sie bleibt dann aber auch nur kurze Zeit sichtbar und daher kommt es, dass bisher nur wenige Menschen sie mit Augen gesehen haben.

Prof. Dr. Alfred Haas, Rügensche Sagen, Bergen (Rügen) 1939

Top

Der Nickel im Herthasee

Der Herthasee ist zwar sehr fischreich, duldet aber nicht, dass Netze oder Boote auf ihn gebracht werden. Als in früheren Jahren trotzdem einmal einige Fischer ein Boot auf den See geschafft hatten, fanden sie dies am folgenden Tag nicht mehr vor. Voller Schrecken und Verwunderung schauten sie sich nach allen Seiten um und zuletzt bemerkte einer, dass das Boot oben auf die höchste Buche gelegt worden sei. Da rief er aus: "Wecker olle Düwel het den Kahn up den Boom schafft?" Alsbald ließ sich, obgleich niemand zu sehen war, aus der Nähe eine Stimme hören, welche sprach: "Nicht alle Teufel haben das getan, sondern ich allein nebst meinem Bruder Nickel!"

Das Wasser des Herthasees soll heilkräftig sein. Wer den See hundertmal umschreitet, wird hundert Jahre alt.

Prof. Dr. Alfred Haas, Rügensche Sagen, Bergen (Rügen) 1939

Top


Herthasee um 1930.
Der Aalfang und der Kahn im Baum

Im Schwarzen See ist vordem ein Schloss versunken. Einer von den Kätners, die da um den See umher gewohnt haben, fängt einmal in seiner Reuse einen großen Aal. Als er den herausgenommen und eine Strecke getragen hat, wird der Aal so schwer, dass er ihn kaum noch weiterbringen kann. Ärgerlich fängt er an, den Aal zu schlagen, da wird dieser wieder leichter und er trägt ihn von Neuem eine Strecke. So geht es auch zum zweiten Male: Der Aal wird allzu schwer und lässt sich erst wieder weitertragen, nachdem er durch Schläge sein Mütchen an ihm gekühlt hat. Als es aber zum dritten Mal so kommt und die Last des Aals nun größer wird als je zuvor, denkt der Bauer, er will ihm nur den Kopf abschneiden. Er nimmt ihn also aus dem Handnetz heraus, aber da ritscht der Aal aus und läuft weg.

Als der Bauer am anderen Tag wieder an den See kommt, ist sein Boot fort und nach einigem Suchen sieht er es oben in einer Eiche hängen. "Wo hät de Düwel bi in de Eek kreegen?", ruft er da voll Verwunderung aus und eine Stimme antwortet: "Dat het de Düwel nich dan; ick tog und min Broder Tiedt schof, un so kreegen wi't beid dor herup."

Prof. Dr. Alfred Haas, Rügensche Sagen, Bergen (Rügen) 1939

Top

Die Steinprobe

In der Stubbnitz auf Rügen, nicht weit von dem Herthasee, findet man einen Stein, in welchem man deutlich die Spuren eines großen Fußes und eines ganz kleinen Kinderfußes abgedrückt sieht. Davon erzählt man sich Folgendes: Zur Zeit als noch der Dienst der Göttin Hertha auf der Insel bestand, war unter den Jungfrauen, die der Göttin zu ihrem Dienste geweiht waren, ein junges und sehr schönes Mädchen; diese, obgleich sie der Göttin ewige Jungfrauenschaft hatte geloben müssen, hatte eine Liebschaft mit einem fremden jungen Ritter, mit dem sie allnächtlich heimliche Zusammenkünfte an den Ufern des heiligen Sees hielt. Sie hatte ihre Liebe aber nicht so geheim halten können, dass nicht dem Oberpriester der Göttin Kunde davon geworden wäre. Diesem wurde es hinterbracht, dass eine der Jungfrauen strafbarer Liebe pflege; nur welche es sei, konnte man ihm nicht sagen. Der Priester stellte alle Jungfrauen zur Rede, aber keine bekannte, auch die Schuldige nicht, obgleich sie die Folgen ihres verbotenen Umgangs schon verspürte und sich Mutter fühlte. Da rief er die Göttin an, dass sie ihm die Schuldige durch ein Wunder entdecken möge, und er führte nun sämtliche Jungfrauen in den Wald zu einem großen Opfersteine. Dort befahl er ihnen, dass sie eine nach der anderen mit nacktem Fuße auf den Stein treten mussten. Das taten sie, und als die Schuldige den Stein betrat, da offenbarte sich plötzlich ihr Vergehen; denn nicht nur ihr eigener Fuß drückte in dem harten Steine sich ab, sondern auch der Fuß des Kindes, das sie unter ihrem Herzen trug. Dies sind die Fußspuren, die man zum ewigen Wahrzeichen noch jetzt in dem Steine sieht. Der Priester soll darauf die Sünderin oben von der Stubbenkammer haben in das Meer stürzen lassen; aber ein Engel hat sie, wie die Leute sagen, in seine Arme genommen und sanft hinuntergetragen; und unten hat ihr Geliebter schon auf sie gewartet und sie in seinem Schiffe mit sich genommen in seine ferne Heimat.

Einige erzählen, der Priester habe die Schwangerschaft der Priesterin entdeckt, und wie er sie vergebens zu einem Geständnis ermahnt, habe er sie zuletzt jene Probe bestehen lassen, worauf dann das Wunder sich begeben. Das Mädchen soll darauf in dem heiligen See ertränkt worden sein.

Jodocus Deodatus Hubertus Temme: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. Berlin 1840

Top

Der Pfennigkasten

Der Pfennigkasten in der Stubbnitz. Er liegt im Walde, eine gute Viertelstunde vom Schwarzen See. Er besteht aus mehreren großen, im Viereck zusammengefügten Steinen, um welche herum einige kleinere Steine aufgerichtet sind. Die Priester der Göttin Hertha haben hierher das Opfergeld gebracht, welches für die Göttin eingekommen war. Daher ist auch der Name entstanden.

Jodocus Deodatus Hubertus Temme: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. Berlin 1840

Top

Wasser ist mehr als H2O!

Bitte helfen Sie uns, die Liste der aufgeführten und besprochenen Brunnen, Quellen und sagenhaften Gewässer zu vervollständigen.

Mit Ihren Bild- und Textbeiträgen können Sie mit dazu beitragen, dass die einstige hohe Bedeutung des Wassers in Volkskunde und Religionen nicht in Vergessenheit gerät. Bitte beachten Sie hierbei, dass wir aus urheberrechtlichen Gründen ausschließlich Fotos verwenden können, die Sie selbst gemacht haben.

Über Ihre Anregungen und Mitarbeit freuen sich Klaus Kramer und Team.