Merkwürdige Brunnen in Hessen

S. K. Hecker in d. Zeitschr. f. hess. Gesch. Bd. VII.

Am Odenberge befindet sich der Gleisborn, welchen ein Huftritt von Karls des Großen Schlachtross aus dem Boden lockte, und woran das dürstende Heer der Franken sich erquickte. Die Weiber von Bisse gingen dahin, ihr Weißzeug zu waschen, denn sein Wasser wäscht ohne Seife rein. Dieselbe Eigenschaft rühmt man auch dem sogenannten Schreckenbrunnen nach. Letzterer liegt bei Marburg und heißt auch der St. Elisabethenbrunnen, weil sie in ihrem Witwenstande diesen Brunnen oft besuchte und von Marburg bis dahin ein steinernes Pflaster legen ließ. Einst war ein Landgraf von Hessen bei Gudensberg auf der Jagd, und sein Pferd und er selbst litten großen Durst, da hieb Ersteres heftig auf den Felsen und siehe, plötzlich sprudelte dort der sogenannte Landgrafenborn heraus. Der Pfingstborn bei der Stadt Steinau entsprang zu der Zeit, als die Juden die Brunnen vergiftet hatten, auf das Geheiß eines Engels und aus seinem Wasser tranken die Vergifteten Genesung und neues Leben. Das Gespring bei Schmalkalden ist im Jahre 1415 hervorgekommen, an demselben Tage, wo Huss verbrannt ward. In Großenritte bei Kassel sind zwei Borne, aus denen die Kinder kommen, nämlich aus dem Butzborn die Knaben und aus dem heiligen Born die Mädchen. Der heilige Gangolphsbrunnen an der Milseburg macht die Frauen fruchtbar, ebenso der heilige Born bei Zierenberg. Eine dritte Quelle bei Bimbach im Fuldaischen hatte dieselbe Eigenschaft, allein diese fließt nicht mehr, seitdem sie durch eine Frau, welche die Windeln darin auswusch, verunreinigt wurde. Zwei Brunnen im Werratal pflegten die Schiffer, welche fränkischen Wein fuhren, zu besuchen. Damals ging nämlich der Handel mit Wein von Süden nach Norddeutschland größtenteils durch Thüringen der Werra zu, wo die Umladung von der Axe in Kähne stattfand. Hatten die Schiffer, was oft geschah, unterwegs ein Fass angebrochen, dann legten sie bei dem gesegneten Born, welcher oberhalb Albungen an der Straße nach Eschwege dem Kupferschiefer-Gebirge entquillt, oder am Weinborn bei Vischhausen, noch unter Witzenhausen, an und füllten daraus das Fass wieder, denn das Wasser dieser beiden Quellen stand in dem Rufe, dass es den Wein weder verdünne noch trübe mache. Merkwürdig ist das Spring, ein Brunnen, welcher in wasserarmer Gegend zwischen Breuna und Rhöda am sogenannten Stromberg quillt und unmittelbar nach seinem Hervortreten eine Mühle treiben könnte. Solange das Spring fließt, haben auch die übrigen Brunnen in und um Breuna Wasser vollauf, mitunter setzt aber die Quelle ein oder zwei Jahre aus, dann versiegen auch die anderen Brunnen und in Breuna entsteht solche Not, dass die Bauern das Wasser von Volkmarsen holen müssen. Lautes unterirdisches Getöse im Stromberg verkündet demnächst die Wiederkehr der Quelle und oft zwei, drei Tage lang vorher bringen Schäfer und Holzfäller die frohe Nachricht ins Dorf: „Das Spring kommt.“ Der Hungerbrunnen zu Wasungen fließt nur dann reichlich, wenn ein unfruchtbares Jahr folgt. Es gibt deren aber noch mehrere in Hessen, so in den Fluren von Laudenbach, Lohm, Oberdünzebach, Vellmeden, Margrethenhain, Seifertshausen, Ellnhausen, zwischen Ehlen und Zierenberg, auf der Flurgrenze zwischen dem Dorfe Malsfeld und dem Hofe Fahre an der Fulda, endlich auch im Felde von Wiera (hier Ungerborn genannt). Es gibt aber auch böse Börner, die der Gesundheit schädlich sind, so im Felde von Treis, bei Holzhausen im Amte Homberg, bei Dorheim und im Dellröder Forst, ferner zwischen Roda und Rosenthal. Auch der Harborn auf der sumpfigen Harwiese (hâr = Sumpf) bei Sandershausen gehört hierher, sein Wasser ist zwar hell und klar, erzeugt aber sogleich nach dem Genusse Brust- und Magenschmerz.

Es gibt aber auch einen intermittierenden Brunnen hier, der zu den Unglück weissagenden Erscheinungen gerechnet wird. Ein solcher liegt bei dem Dorfe Eichenberg bei Witzenhausen. Er fließt eine Viertelstunde lang, füllt sein gemauertes Becken bis zum Überströmen und bleibt dann sieben Viertelstunden aus, während welcher Zeit die Nachbarn ihren Hausbedarf ausschöpfen. Jedes Mal in der achten Viertelstunde beginnt geräuschvoll der Zufluss wieder. Landgraf Karl wartete einmal sieben Viertelstunden lang darauf; da es ihn endlich langweilte, ging er fort. Vor dem Dorfe holte ihn ein Bauer ein, welcher schon von ferne rief, dass der Brunnen soeben wieder zu fließen anfange, der Landgraf aber antwortete scherzend: “Hat mich Euer Brunnen so lang auf sich warten lassen, so mag er nun auf mich warten“, und kehrte nicht wieder um. Die Annahme, dass Landgraf Karl diesen Brunnen habe in Stein fassen lassen, ist nicht richtig, denn die Chiffren, C. 1763 L., in die obere Einfassung eingehauen, bedeuten nicht Carl Landgraf, der ja schon 1730 starb, sondern Claus Lindenkohl, einen Bauer zu Eichenberg.

J. G. Th. Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staats II, Glogau 1871

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