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![]() Der sagenumwwobene Frau Holle Teich auf dem Hohen Meissner. An den flachen Uferzonen des verwunschenen Sees wachsen Rohrkolben, welche die Wasserfläche immer mehr eingrenzen. An sonnigen Herbsttagen bilden die Waldhänge eine leuchtend bunte Kulisse in warmen Gold- und Brauntönen. Schweben dunstige Nebelschleier über dem Wasser, oder ist der See im Winter mit einer Schneeschicht überdeckt, so werden die alten Sagen wieder lebendig, die man sich nicht nur in dieser Gegend von der einstigen Göttin Holle erzählt. |
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Frau Holle und der Hohe Meißner
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![]() Die am Frau Holle-Teich errichtete Skulptur der holden Göttin Holle war einigen Eifrern zu anmutig und figurbetont geraten. Das Standbild wurde von Unbekannten sogar beschädigt und ist inzwischen einem grob gehauenen Huzelweibchen gewichen, das besser in die christliche Vorstellungswelt von der alten Göttin passt. Mit freundlicher Genehmigung von Willow |
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Anmerkungen zum Hohen Meißner und dem Frau Holle Teich
Das 754 m hohe Bergmassiv des Hohen Meißner in Hessen gilt als Frau Holles Reich. Als höchster Gipfel Kurhessens wird er auch "König der hessischen Berge" genannt. Das Basaltmassiv ragt mehr als 6oo m über die Ebene des Eschweger Beckens empor. Der älteste schriftlich überlieferte Name des Gebirges lautete Wissener und stammt aus dem Jahr 1195. Diese Bezeichnung geht auf die althochdeutschen Stammwörter wisa=Wiese, wizon=Weisssager oder auch wiz=weiß zurück. In 650 m Höhe, auf der Ostseite des Massivs, befindet sich in einer Bergsenke der Frau Holle Teich. Er wird dreiseitig von steil aufragenden Blockhalden mit Mischwald eingeschlossen. Ein halbkreisförmiger 20 m hoher Wall aus Lockermaterial, bestehend aus Steinen und Felsbrocken, sperrt den See zum Berghang hin ab. Die Tiefe des Sees wurde mit 9 m gemessen. Vermutlich handelt es sich um ein eiszeitliches Kar. Der abschließende Wall wäre in diesem Fall eine Endmoräne. Die Gegner der Kar-Theorie führen jedoch an, dass die Schneegrenze in dieser Gegend während der Eiszeit bei lediglich 700 m gelegen habe. Frau Holles Teich wird unterirdisch durch eine 9 Grad kalte Quelle gespeist. Um die Verlandung des Sees zu vermeiden, wird heute zusätzlich der Hollenbach eingeleiten. Der Name 'Hollenteich' ist seit 1641 schriftlich belegt. Man geht davon aus, dass es sich um einen vorchristlichen Kultplatz handelt. Im Teich wurden römische Münzen und Feuersteingerätschaften gefunden. An den flachen Uferzonen des verwunschenen Sees wachsen Rohrkolben und Schilf, die die Wasserfläche immer mehr eingrenzen. An sonnigen Herbsttagen bilden die Waldhänge eine leuchtend bunte Kulisse in warmen Gold- und Brauntönen. Schweben dunstige Nebelschleier über dem Wasser, oder ist der See im Winter mit einer Schneeschicht überdeckt, so werden für den Betrachter die alten Sagen lebendig, die man sich hier von Frau Holle erzählt. Im Volksglauben bildete der See den Eingang in Frau Holles unterirdisches Reich. Auf seinem Grund befindet sich ihr gleißendes Schloss aus purem Silber, umgeben von prächtigen Gärten voller Blumen, Obst und Gemüse. Hier unten im See wohnen die Ungeborenen. Aus dem Frau Holle Teich kommen alle kleinen Kinder dieser Gegend. Frau Holle, Hulda oder auch Perchta waren die Fruchtbarkeit bringenden Quellen geweiht. Im gesamten germanisch-slawischen Raum sind eine Vielzahl Kindlesbrunnen und Teiche nach ihr benannt, aus denen die Ungeborenen kamen. Als lichte Erdmutter und Göttin der Fruchtbarkeit schenkte Frau Holle den Menschen reiche Ernten. Sie spendete den Feldern den Wachstum bringenden Regen und wenn sie ihre Betten ausschüttelte, den alles zudeckenden Schnee. Erzürnte man sie, brachte sie Unglück und Not über das Land. Ihr Lieblingsbaum war der Holunderbusch, unter dem die ländliche Bevölkerung Opfer darbrachte; ihr Lieblingstier war - und hier gleicht sie der germanische Freia - die Katze. Es ist sicher kein Zufall, dass diese ihre Krallen besonders gern an der Rinde des Holunders wetzen. Von der Wurzel bis zur Beere, alles am Holunder ist für den Menschen heilsam. So findet man Holundersträucher noch heute an vielen Scheunen und bei Gehöften. Jeden Mittag soll die schöne junge Frau an ihrem See erscheinen, um in der Teichmitte ihr Bad zu nehmen. Deshalb nennt man diesen Platz auch 'Badestube der Frau Holle' oder 'Frau Hollen Bad'. Bemerkenswert ist, dass Frau Holle - anders als Dämonen - immer zur hohen Mittagszeit und nicht in der Finsternis oder zur Geisterstunde erscheint. Der Name der alten Göttin wird 633 erstmals schriftlich erwähnt. Der ursprünglich aus Hessen stammende Bischof Burchard von Worms setzte sie in seiner Schrift mit der römischen Göttin Diana gleich. In spätgermanischer Zeit und im frühen Mittelalter wurde Frau Holle als die große Erdmutter und als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt. Von Martin Luther wird sie als Vegetationsdämon gesehen. Die Göttin Holle ist im gesamten deutschsprachigen Raum unter verschiedenen Namen bekannt. Im Rheinfränkischen heißt sie Holla, obersächsisch Frau Helle oder Frau Holt, friesisch Ver Helle, südlich des Mains kennt man sie als Hulla oder Frau Harke in den Kamernschen Bergen am Havelberg. In anderen Quellen wird sie auch als Mutter Holla, Hludana, Hertha, Frau Hulle, Hulde, Fru Gode, Weiße Frau, Frau Berchta oder Perchta, (die Prächtige) bezeichnet. In seiner 1835 veröffentlichten 'Deutsche Mythologie' schreibt Jakob Grimm sie: "Frau Holle wird als ein himmlisches, die Erde umspannendes Wesen vorgestellt: wenn es schneit, so macht sie ihr Bett, dessen Federn fliegen. Sie erregt den Schnee, wie Donar den regen. [...] Sie liebt den Aufenthalt in See und Brunnen; zur Mittagsstunde sieht man sie, als schöne weiße Frau, in der Flut baden und verschwinden, dieser Zug stimmt zu Nerthus. Sterbliche gelangen durch den Brunnen in ihre Wohnung, vgl. die Benennung Wasserholde. Auch dass stimmt, dass sie auf einem Wagen einher fährt. Sie ließ ihn von einem Bauer, der ihr begegnete, verkeilen, die aufgerafften Späne waren Gold. Ihr jährlicher Umzug, der wie bei Herke und Bertha auf Weihnachten in die so genannten Zwölften verlegt wird, wo es nicht recht geheuer ist, und Tiere wie der Wolf nicht beim Namen genannt werden, bringt dem Lande Fruchtbarkeit. Gleich Wuotan fährt Holda aber auch schreckenhaft durch die Lüfte und gehört, wie der Gott, zu dem wütenden Heer. Daraus folgt die Einbildung, dass Hexen in Hollas Begleitung fahren, schon Burchard wusste es, und noch ist Hollefahren, mit der Holle fahren in Oberhessen und im Westerwald gleichbedeutend mit Hexenfahrt. In das wütende Heer wurden aber auch nach dem weit verbreiteten Volksglauben die Seelen der ungetauft sterbenden Kinder aufgenommen, da sie keine Christen wurden, blieben sie heidnisch und fielen heidnischen Göttern zu, Wuotan oder Hulda. Hieran knüpft sich, dass Hulda statt der göttlichen Gestalt, das Aussehen einer hässlichen, langnasigen, großzahnigen Alten, mit struppigem, engverworrenem Haar annimmt. 'Er ist mit der Holle gefahren' heißt es von Einem, dessen Haare sich unordentlich wirren und sträuben. [...] Holla wird wiederum als spinnende Frau dargestellt, der Flachsbau ist ihr angelegen. Fleißigen Dirnen schenkt sie Spindeln und spinnt ihnen nachts die Spule voll; faulen Spinnerinnen zündet sie den Rocken an oder besudelt ihn. Dem Mädchen dessen Spindel in ihren Brunnen fiel, lohnte sie durch Begabung. Wenn sie Weihnachten im Land einzieht, werden alle Spinnrocken reichlich angelegt und für sie stehen gelassen, zu Fastnacht aber, wenn sie heimkehrt, muss alles abgesponnen sein, die Rocken stehen dann vor ihr versteckt; trifft sie alles an, wie es sich gehört, so spricht sie ihren Segen aus, im Gegenteil ihren Fluch, die Formeln "so manches Haar, so manches Jahr!", "so manches Haar, so manches böse Jahr!" klingen altertümlich. [...] das Verstecken des Arbeitsgerätes deutet zugleich auf die Heiligkeit ihres Feiertages, an dem gerastet werden soll. Am 'Samstag der Hulla' wird auf der Rhön keine ländliche Arbeit verrichtet, weder gekehrt, noch gemistet, noch zu Acker gefahren. Auch im Norden soll sich von Jultag bis Neujahr weder Rad noch Winde drehen. Diese Oberaufsicht über den Feldbau und die mütterliche strenge Ordnung im Haushalt bezeichnet ganz das Amt einer mütterlichen Gottheit, wie wir sie in der Nerthus und Isis kennen gelernt haben. Ihre besondere Sorge für Flachs und Spinnen führt aber unmittelbar auf die altnordische Frigg, Odins Gemahlin, deren Wesen in den Begriff einer Erdgöttin übergeht und nach der ein Gestirn des Himmels, Orions Gürtel: Friggjar rocker (Friggae colus), benannt ist. [...] Die deutsche Holda steht dem Spinnen und Ackerbau vor, die nordische Hulle der Viehweide und dem Melken. Ein ähnliches Wesen, wie Holda, oder ganz dasselbe, unter verschiedener Benennung, erscheint gerade in den oberdeutschen Gegenden, wo jene aufhört, in Schwaben, im Elsass, in der Schweiz, in Baiern und Österreich. Es heißt Frau Berchte, d. i. ahd. Perahta, die leuchtende, glänzende, hehrere, wie Holda den glänzenden Schnee erzeugt; schon dem Sinn des Wortes nach eine gütige, Freude bringende. Aber selten wird sie doch so vorgestellt. Gewöhnlich ist die grauenhafte Seite hervorgehoben, sie tritt als ein fürchterliches, Kinder schreckendes Scheusal auf. In den Erzählungen von Berchta herrscht die böse Bedeutung vor, wie in denen von Frau Holda die gute, d. h. durch die christliche Volksansicht ist Berchta tiefer als Holda herabgewürdigt." Wenn Nebelschwaden um das Meißner-Massiv ziehen, heißt es: Frau Holle feuert ihren Ofen an und kocht. Färbt sich der Himmel über dem Meißner rot, ist Frau Holle am Backen; schneit es, schüttelt sie ihre Betten aus und es fliegen die Federn. Während der 12 Raunächte zwischen Weihnachten und Dreikönig zieht sie an Wotans Seite an der Spitze des Wilden Heers umher. In dieser Zeit sollen die Mädchen ihren Spinnrocken in Acht nehmen oder man darf keine Wäsche auslegen, weil diese sonst zerrissen wird. Wenn man während dieser Zeit arbeitet, misslingt es. Nicht weit vom Frau Holle Teich entfernt befindet sich auf dem Meißner die Basaltformation der Kitzkammer. Es wird erzählt, dass dem Wanderer hier hin und wieder eine hohe weiße Frau mit einem Schlüsselbund erscheint, stumm neben ihm einhergeht und dann plötzlich in einer Höhle in der Kitzkammer verschwindet. Auch einem jungen Schäfer aus Hausen sei die weiße Frau erschienen und wollte ihm einen goldenen Schlüssel schenken. Doch den Jungen packte die Angst und er lief so schnell er nur konnte nach Hause. Mit diesem Schlüssel hätte er Frau Holles unterirdisches Reich aufschließen können. In einem anderen Märchen verwandelte Frau Holle faule und zänkische Mädchen in Katzen und sperrte sie in der Kitzkammer ein. An der 'Morgengabe', am Südhang des Meißners befinden sich seit undenklichen Zeiten zwei große Basaltblöcke - Frau Holle Stuhl genannt. Hier soll die Göttin an schönen Sommertagen in ihrem weißen Kleid gesessen und gesponnen haben. Man sagt in der Gegend: "Wer sich auf diesen Stein setzt, der wird gesund." Am Fuß des Meißner befindet sich die Kammerbacher Höhle, auch Hollestein, Hohlstein oder Frau Hollen Höhle genannt. Mit ihrer erstmaligen Erwähnung 1267, ist es die älteste namentlich erwähnte Höhle Deutschlands. Hinter ihrem Eingang öffnet sich ein 40 m x 21 m großer und 8 m hoher Höhlenraum. Im vorderen Bereich liegt ein kleiner Höhlensee, der sich auf gleichem Niveau wie der davor befindliche kleine Hexen- oder Nixenteich befindet. Auch hier handelt es sich wieder um einen alten Kultplatz der Erdgöttin Frau Holle. Das Wasser des Höhlensees galt als schon immer als wunderkräftig. Am zweiten Ostertag kam die Jugend aus der Umgebung, legten Blumen auf den Opferstein und hoffte so, dass Frau Holle ihre Wünsche erfüllte. Bis in die 1920er Jahre badeten in der Mainacht und am Weihnachtsabend Frauen im Höhlensee, wenn sie Kinder wünschten. Und wer sich in der Osternacht zwischen elf und zwölf Uhr schweigend mit dem Höhlenwasser wäscht, soll seine Schönheit lange behalten. Früher trank man das Wasser auch und nahm es in Krügen mit nach Hause. Der Höhleneingang soll in alter Zeit sehr niedrig gewesen sein, was an Durchkriechrituale denken lässt. kk |
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| Der Meißner; in Hinsicht auf mythisches Altertum
Von S. v. Münchhausen Zwischen Eschwege, Allendorf und Lichtenau erhebt sich der Meißner, das berühmteste Gebirge in Hessen und eins der merkwürdigsten in Deutschland. Dieser Berg zeichnet sich in manchem Betracht vor vielen anderen aus und wird im Sommer scharenweise von allerlei Gattungen von Menschen, sogar aus fernen Gegenden, besucht. Außer den hohen Sommertagen aber hat die Einsamkeit mit dem starren Regenten der Eispole die Wohnung dort aufgeschlagen und sein Gipfel ist dann ebenso wenig besteigbar, wie der Brocken und der Gotthard. Den Scheitel und die Nordseite dieses Gebirges hüllt der Schnee, wie die Gletscher, bis in den hohen Sommer. Der Verfasser dieses Aufsatzes und seine mit ihm reisende Gesellschaft, fand am längsten Tage des Jahres 1799 noch Schnee und Eisschollen in den nördlichen Basaltklüften dieses Berges. Nur die Brach-, Heu- und Erntemonate allein geben die Tage, die dem Besucher des Meißners hold sind. Der Berg wird in mancherlei Absicht bereist. Der eine besucht ihn aus Neugier und der schönen Aussicht wegen; der andere als Bergmann; der Naturforscher besucht seine Basalte und der Mann der Kräuterkunde die Pflanzenwelt auf seinem Gipfel, wo man verschiedene Alpen- und selbst sibirische Kräuter findet. Ich weiß nicht, ob dieser merkwürdige Berg auch schon von Altertumsforschern in dieser Absicht bereist worden ist. Jene Gesellschaft, mit der ich die Reise machte, hatte diesen Zweck eigentlich nicht; desto mehr also überraschten mich die Spuren eines Restes der grauen mythologischen Vorzeit, die ich dort so unvermutet entdeckte. Wir bestiegen von der Abendseite den Berg, sprachen bei dem gefälligen und kundigen Förster Heynemann, zum sogenannten Viehhause, (einer Försterwohnung über dem Dorfe Hausen, am Abhang des Berges) vor und nachdem wir die bekannte Kitzkammer, eine Höhle in einer merkwürdigen Basaltfelsen-Wand an der Mittagsseite besucht hatten, bestiegen wir den Gipfel des Berges. Hier betraten wir eine, in lauter fetten Wiesen und Viehweiden bestehende und mehr als 1.800 Acker, oder über 173.000 Quadrat-Lachtern enthaltende, sanft gebogene Bergrücken-Ebene und befanden uns nun 2.000 rheinländische oder 2.500 Kasseler Fuß hoch über der Grundebene. Wir atmeten eine reinere, leichtere Luft, trafen den, aus den Tälern längst entflohenen Mai hier noch weilend an, der uns Veilchen, Maiblumen und alle ihre Zeitgenossen darbot; sahen uns gleichsam auf eine, in den Wolken schwebende, blütenreiche Zauberinsel versetzt und blickten, wie die ätherischen Bewohner Asgards, oder die Geister der luftigen Nebelhallen von Loda, auf die scheckigen Gefilde der Erde herab. Gleich den neu angekommenen in der hohen Wohnung Walhalls, sahen wir gen Abend das eben verlassene Kassel und seine umliegende Gegend, die Fulda, die Wilhelmshöhe, die Löwenburg und den Karlsberg, die ferneren Gebirge, den Odenberg und bis ins Kölnische - gegen Mittag ins Fuldische - gen Morgen ins Sächsische, bis Eisenach, die Wartburg, den Hörselberg, den Dollmar und den Inselberg - gen Mitternacht aber Göttingen, die Trümmer des alten Hahnsteins, der Plesse und der Gleichen, die Harzgebirge und den deutschen Bergkönig, den Brocken. Unter uns sahen wir, gleich einer schön illuminierten Landkarte, Länder und Herrschaften mit ihren Städten, Dörfern, Flecken und Schlössern und die Werra schlängelte darüber hin wie ein Silberfaden über ein grünes, mit Edelsteinen gesticktes Gewand. Um uns her ritten, in lustigen Nebelgestalten, die Wetterwolken auf Stürmen und fuhren an den Seiten des Berggipfels vorbei. - "So wie wir jetzt - so dacht ich für mich - sitzen im hohen Gladheim die grauen Kämpfer und die Sänger der Vorzeit und schauen auf ihre jetzigen Enkel herab." Mit diesen oder ähnlichen Gedanken umflügelt, wendete ich mich nördlich und wir stiegen, den waldlosen Wiesengipfel verlassend, die Böschung des Berges hinab. Man glaubt im Vorland der Unterwelt und an den Grenzen des Reiches der Hela angelangt zu sein. Es kommt dem, nur mit einem mäßigen Grad von Einbildungskraft begabten Denker jeden Augenblick vor, als müssten hier die Geister der Hünen aus ihren verschütteten Gräbern und die Gestalten der alten Rymthursen aus dem Gekrüft der Klippen hervor kriechen, den Staub aus ihren Bärten schütteln und mit Keulen und Bogengeschoß auf uns losbrausen. - Man kennt die Mähren und Volkssagen, der Frau Holle, die hier hausen soll, hört sie zur Stelle wiederholt oder vermehrt, man sieht die wilde, mit Überbleibseln der Vorzeit durchspickte Gegend und hört die Namen der Orte, Stellen und Steine nennen, die mit allem übereinstimmen. - Dies alles trägt viel dazu bei, den Liebhaber des vaterländischen Altertums in eine schwärmerische Stimmung zu versetzen. Durch die örtliche Umstände in eine solche Stimmung versetzt, ging ich mit aufgeregter Forscherbegierde nun weiter, durchspähte des Gebirges heimlichste Örter und freute mich über manchen, in Wahrheit ganz unerwarteten Fund. Dasjenige, was dem Verfasser hier aufgestoßen und bemerkenswert vorgekommen ist, wollen wir einmal Kunstlos zusammentragen und das so schlicht Dahingestellte im Ganzen betrachten. Vielleicht ist es eines flüchtigen Blickes und der Mitteilung an Kenner würdig, auch einer kleinen Betrachtung nicht ganz unwert. An der nördlichen Seite des Berges, unterhalb seiner senkrechten Klippenhänge, findet man einen großen Basaltstein, der unter dem Namen "Altarstein" bekannt ist. Wenige wissen um das Warum dieser kirchlichen Benennung; einige aber wollen: dieser sonderbar hohl gebildete Stein habe in den unruhigen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges den Bewohnern dieser Gegend bei ihren heimlichen Gottesdiensten als Altar gedient. Man findet aber solche Steine, ebenso wie auch diese Benennung, an mehreren Orten in Deutschland und in anderen Nordländern, wo sie nicht in solche Sagen und Vermutungen vom Dreißigjährigen Krieg passen wollen. Dergleichen Erzählungen, wobei der Dreißigjährige Krieg seine Rolle mitspielt, findet man in Deutschland mit den Traditionen und den Oertern des heidnischen Altertums häufig vermischt und vergesellschaftet. Gewöhnlich haben sie ihre Entstehung, oder eigentlicher, ihre Verwirrung, denjenigen spekulativen Köpfen zu verdanken, deren Forschkraft und Kunde nicht weiter zurück reicht, als bis in die Zeiten dieses Religionskrieges. Häufig sind die Geistlichen solcher Gegenden hierin sehr stark, wie ich dieses oft schon fand. Vom sogenannten Altarstein zieht sich die Klippenwand östlicher um das Gebirge herum und weiterhin öffnet sich die wildeste und raueste Partie des ganzen Berges. In dieser Gegend, unterhalb der Felsen, zwischen einer ungeheueren Flut von herabgeschossenen Basaltbrocken, findet man große trichterförmige Vertiefungen. Diese äußerst wilden und wüsten Gruben führen den Namen: die Teufelslöcher. Sie liegen am Unterteil des Gebirges, in einer Wüste von zertrümmertem Basaltgestein, welches eine ganze Seite des Berges, gleich einer Hagelsaat, überdeckt. Diese Gruben haben viel Ähnlichkeit mit Erdfällen. Unterhalb dieser herabgestürzten Steinwüste, liegt ein schöner ebener Tal-Rasen, mit Gruppen von Bäumen geschmückt, zwischen denen man ebenfalls zusammengetragene und aufgetürmte Steinhaufen sieht. Über der vorerwähnten Steinwüste empor, türmt sich, mit fürchterlichem Ansehen, das obere Felsengebirge. Von einem der Klippenkämme herab rieselt ein kleiner Bach durch eine enge zackige Schlucht. Man verfolgt diesen Bach aufwärts, erklimmt den Felsenkamm, nach dem Schwalbentale zu und steht plötzlich vor der Öffnung eines wilden Bergkessels. Hier sind die höheren Bergwände dieses Kessels, welche den oberen Teil des Gebirges ausmachen, mit Wald und Felsbrocken gemischt, bedeckt. Vor uns liegt nun ein, mit großen Steinblöcken hin und wieder übersäter, ebener Platz oder Haiderasen. Dieser Platz heißt der Schlachtrasen und macht den Vordergrund des Bergtrichters und der, in der Spitze des Trichters befindlichen, sogenannten Moorwiese aus. In der einen Ecke dieser sumpfigen Wiese sieht man den, in der Tradition so berühmt gewordenen Frau Hollen-Teich. Kaum verdient er aber gegenwärtig noch den Namen eines Teiches; es ist ein bloßer Tümpel von ungefähr 40 bis 50 Fuß in Durchmesser, der nur einen sehr geringen Teil der Wiese noch einnimmt. Ehedem aber scheint die ganze Moorwiese Teich gewesen zu sein, wofür sich mehrere unverkennbare Spuren finden. Die Wiese ist, wie uns ihr Name schon verrät, überaus moorig und überhaupt, besonders um den Hollen-Teich herum, so sumpfig, dass, wie man Beispiele gehabt hat, darauf geratene Pferde gänzlich darin versinken und untergehen. Auch ist die Wiese ringsum mit einem Ring von Steinen, oder einem halbversunkenen Steindamm eingefasst, der ehedem sicher den Rand oder das Ufer des größeren Teiches umkränzte. Allen Merkmalen zufolge liegt dieser Steinring schon Jahrhunderte in seiner jetzigen Lage. Aus den Frau Hollen-Teich, der sein Wasser aus eigenen Quellen nimmt, zieht sich ein von Menschenhand gemachter Abfluss oder Graben an der Seite des Schlachtrasens entlang, auf den, über den Teufelslöchern befindlichen Felsenrücken zu, welcher den Schlachtrasen an der Talseite gleichsam verpallisadiert. Hier verliert sich das Wasser unter der Erde, schleicht den vorerwähnten Klippendamm hindurch und kommt unter dem Felsenhange über den Teufelslöchern wieder hervor, vereinigt sich da mit einem andern, dem vorerwähnten Quellenbach, der aus den höchsten Bergwiesen vom Scheitel des Gebirges kommt und geht so weiter hinab. Über den Frau Hollen-Teich und der Moorwiese ragt die Morgenseite des Bergtrichters mit einer Felsenkoppe weit hervor. Dieses sich sehr auszeichnende Vorgebirge heißt: die 'Kalbe'. Da steht man nun am Saume des Schlachtrasens, staunt über ihn, den Teich und die Wiese hinüber, an der Kalbe und ihrer zerrissenen Felsenstirn hinauf und es wundert sich Jedermann sehr, einen so sonderbaren Teich hier, an der Stirn des Meißners, zu sehen. Der Naturforscher sieht hier beim ersten Anblick den Krater eines ehemaligen Feuer speienden Berges; ihm sind die Basalte seine gesprungene Lava, durch Erschütterungen so zusammengestürzt und Frau Hollen-Teich ist ihm die engere Tiefe des Trichters. Er sieht sowohl, das gewaltsame Auftürmen des Feuer speienden Meißners, als sein donnerndes Zusammenstürzen - und an dem allen mag er denn auch wohl so unrecht nicht haben, wenn wir auf die ersten Erd-Revolutionen zurückblicken wollen. Den Altertumsforscher aber besuchen hier ganz andere Gedanken. Er sieht den wunderlichen Bergkessel, den Teich darin, die halb versunkene, dick übermooste Steinbegrenzung, den Ausflussgraben durch den Felsrücken; er sieht hier und da noch mehr dergleichen Überbleibsel von absichtlichen Arbeiten im Erdboden; er entdeckt unverkennbare Spuren eines hier gewirkt habenden Menschenarms, verbunden mit der Sauerlichkeit des Ortes; er hört von dem redseligen Führer die bedeutenden Namen der Orte, der Stellen, der Felsen und des Teiches nennen; er erfährt von ihm die uralten Sagen und Mähren, die von diesem, Teiche und seiner Bewohnerin, der Frau Holle, im Lande umgehen und unter dem Volke sich fortpflanzen; er erinnert sich, diese und mehr dergleichen Mähren von Frau Hollen schon sonst wo gehört oder wohl eher gelesen zu haben und fühlt zum Orte eine große Begierde und einen durch die Umstände erweckten Beruf , diesem allem mehr nachzuspüren und dem Besonderen der Sache und des Ortes auf die Spur und den Grund zu kommen. Seine erste Frage an sich selbst ist: Sollte denn dies alles nur ein bloßes Ohngefähr sein?
Mit Hinsicht auf das auffallend Deutende im Ort und Namen, dass sich mit den Sagen in Verbindung zu setzen scheint, wirft man den Blick rückwärts, die Vergangenheit steht uns vor der Stirne, gleich einer magischen Bildnerin, die grauen Gefilde der Vorwelt drängen sich um uns herum und heran, schreiten wie Schatten vor uns hin und gleiten wie Traumbilder an unserer Seele vorüber. So woget eine Zeitperiode der anderen nach; der Forscher prüft und muss sich selbst antworten: Hier liegt etwas im Hintergrund, das den Stoff zu dem Allem hergab. Das nächste wonach man greift, sind die sonderbaren Mähren von Frau Holle. Man erinnert sich sogleich an die, schon in den Knabenjahren gehörten und in Musäus deutschen Volksmärchen wieder gelesenen Erzählungen von Frau Holle im Brunnen, in denen diese ewige wunderbare Frau, bei guten Menschen gut, bei bösen bös, eine so große Rolle spielt. Man wundert sich, diese, in entlegenen Gegenden und Gauen gehörten legenden hier wieder zu finden und selbst au dem Urquell zu stehen, aus dem gleichsam die Sagen geschöpft worden sind. Beim ersten Anblick des Hollen-Teiches warf der Verfasser sich selbst die Frage auf: Sollte dieser Teich, seiner Lage und Schauerlichkeit zufolge, wohl unter jene, in dem Mittelalter so berühmt gewordenen, sogenannten Hexen-Teiche gehören? Aber die Umstände und alle Merkmale zeugen dagegen; auch findet sich von den hierzu erforderlichen Eigenschaften und sonstigen Belegen nicht die mindeste Spur. Wir haben es hier auch mit der Frau Holle, wahrscheinlich einer Person aus der Geister-, Elfen- und Götterwelt zu tun und es liegt uns eigentlich nur daran, zu erfahren, wer sie sei. Der Legenden von ihr sind viel und mancherlei. Mit kurzen Worten will ich hier nur einige derselben berühren und von diesen wenigen bloß Auszugsweise das Wesentliche hersetzen. Eine Volkssage erzählt: Frau Holle sei eine Gesundheits-Göttin und mache die unfruchtbaren Weiber, die zu ihr hinabsteigen und sich in ihren Brunnen badeten, fruchtbar. Eine andere: Sie sei eine berüchtigte Unholdin, der Faulheit und Liederlichkeit aber besonders gefährlich. Man sehe hierzu Schaub's Beschreibung des Meißners. Ein drittes Märchen, welches vielleicht aus dem vorhergehenden entstand und schier zum Sprichwort geworden ist: Frau Holle besudele derjenigen Spinnerin, die ihren Rocken am Schlussabend des alten Jahres nicht rein abspänne in der Neujahrsnacht den Rockenflachs und entzöge ihr alles Gedeihen der folgejährigen Arbeit. Ein viertes: Sie bringe die neugeborenen Kinder aus einem schönen Brunnen hervor. Ein fünftes: Sie ziehe die Kinder in den Brunnen hinein und verwandele sie da, je nach ihren Eigenschaften, die guten in Glückskinder, die bösen in Wechselbälge. Ein sechstes nennt sie die gute Frau Holle, welche alljährlich im Lande umginge Fruchtbarkeit den Äckern fleißiger Menschen verleihe und Kuchen, Blumen und Obstfrüchte die in ihrem unvergleichlichen Garten unter dem Brunnen wüchsen, denen austeile, die ihr begegneten - und wie die Märchen nun weiter lauten. - Einige machen Frau Holle zu einer guten, andere wieder zu einer bösen Frau. Bald ist sie eine Unholdin, bald eine Göttin , bald sichtbar, bald unsichtbar; bald erscheint sie den Vorübergehenden, als eine schöne weiße Frau, in oder auf der Mitte des Hollen-Teiches, bald hört man aus dessen unergründlicher Tiefe ein Glockengeläute, bald ein leises, nächtliches Geistergeflüster usw. Solche Mähren kommen uns, wie die meisten alten Volkssagen, gewöhnlich im ersten Augenblick sehr albern vor; allein sie haben eine Entstehung und hierfür gibt es eine Ursache. Geht man hierauf zurück, so findet sich der Grund für ihr Entstehen gewöhnlich in alten Quellen und stützt sich oft auf irgendeine oder andere Handlung und Geschichte aus ältesten Zeiten. Greifen solche Sagen mit dem Geiste der Vorzeit, es sei nun mehr oder minder, oder irgendwo mit den Handlungen mehrerer oder auch nur einzelner Menschen, in einander, so erhalten sie schon mehr Wichtigkeit und sind nicht als bloße Mährchen mehr zu betrachten. Finden sich aber auch historische Hinweise oder andere örtliche Überbleibsel, die augenscheinlich damit zusammentreffen und wo sogar das Eine sich auf das andere stützt, dann treten sie mit Fug und Recht an die Stelle der Geschichte und werden für den Altertumsforscher wichtige erläuternde Zeugen. Oft schon gaben solche Dinge wirklichen Aufschluss, wo die diplomatische Kunde schwieg. Nehmen wir nun alle obigen und andere, des Raums wegen hier nicht angeführten, Sagen von Frau Holle zusammen, so ergibt sich, dass zu deren Entstehung, irgend etwas Veranlassung und Stoff gegeben haben muss. Geben wir die Umstände des Örtlichen hier am Meißner, den Frau Holle-Teich, vor dem wir jetzt stehen und den diese Überirdische bewohnt haben, oder abergläubischer Leute Meinung zufolge, noch bewohnen soll, dazu - betrachten wir die übrigen Namen der Orte dieser Berggegend mit dem Obigen, so finden wir nicht allein einen Zusammenhang und eine auffallende Übereinkunft im Einzelnen, sondern es ergibt sich daraus auch ein merkwürdiges Ganzes auf der Stelle um uns her, wo wir stehen. Der Altertumsforscher entdeckt hier in vielen Einzelheiten ein übereinstimmendes Ganzes, das sich unverkennbar ins heidnische Altertum zurückneigt und Antiquar und Nicht-Antiquar mit sich dahin winkt. Jedem drängt sich hier sofort der Gedanke auf: diese Frau Holle muss eine mythische Person bei den alten Deutschen Gewesen sein - entweder die Gottheit selbst oder eine ihrer berühmtesten Priesterinnen, eine überall bekannte Rune, wie Velleda es war. Diese Runen waren aber mehr die Wahrsageweiber oder Prophetinnen des Volkes, als die Priesterinnen der Götter. Gewöhnlich waren diese Deuterinnen nur Opfer-Priesterinnen und zum Abschlachten der Opfertiere bestimmt, aus deren Blut sie weissagten. Dieses geschah auch nach allerlei Zeichen; aus dem Feuer, aus dem Wasser, nach Tiergang und Vogelflug, aus Träumen, Spiegeln und Mondlauf, aus den Eingeweiden der Opfer und nach sogenannten Loszeichen. Die Arten waren sehr verschieden, je nach Gegenstand und Fragestellung. In Deutschland nannte man sie Runen und Allraunen, in Skandinavien ebenfalls Alirunar und Haliruner, auch Wollen. Nach Strabo, Keyser und anderen bedeuteten diese Benennungen Zauberinnen. In Kriegszeiten zogen die Runen mit dem Heer, im Frieden trieben sie, so wie die Druiden und Barden, ihr Wesen auf den Gebirgen und in heiligen Hainen. Nach Tacitus und nach allen anderen alten Schriftstellern wurden sie aber so wenig als die Druiden oder Götzenpriester, für Gottheiten oder übernatürliche Wesen, sondern nur für heilige Personen, für Propheten und Prophetinnen gehalten und einzig als Diener der Götter und als weise Leute verehrt und geachtet. Dass hier am Scheitel des Meißners ein heidnisches Altertum vorhanden war, erkennen wir deutlich. Es verraten uns dieses die vielen, hier auf einen Punkt zusammenlaufenden und miteinander verknüpften, Umstände, die sich in diesem Gebirge und zwar in und um den Frau Hollen-Teich gleichsam konzentrisch verknüpfen. Alles vereinigt sich hier zu ein und demselben Zweck, wie die Folge vielleicht noch dartun wird. |
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![]() Wenn Nebel über dem Meissner liegt, feuert Frau Holle ihren Ofen an. |
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Frau Hollen Teich
Auf dem hessischen Gebirg Meißner weisen mancherlei Dinge schon mit ihren bloßen Namen das Altertum aus, wie die Teufelslöcher, der Schlachtrasen und sonderlich der Frau Hollen Teich. Dieser, an der Ecke einer Moorwiese gelegen, hat gegenwärtig nur vierzig bis fünfzig Fuß Durchmesser; die ganze Wiese ist mit einem halb untergegangenen Steindamm eingefaßt, und nicht selten sind auf ihr Pferde versunken. Von dieser Holle erzählt das Volk vielerlei, Gutes und Böses. Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar; die neugeborenen Kinder stammen aus ihrem Brunnen, und sie trägt sie daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat und was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, teilt sie denen aus, die ihr begegnen und zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und hält auf guten Haushalt; wann es bei den Menschen schneit, klopft sie ihre Betten aus, davon die Flocken in der Luft fliegen. Faule Spinnerinnen straft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn wirrt oder den Flachs anzündet; Jungfrauen hingegen, die fleißig abspannen, schenkt sie Spindeln und spinnt selber für sie über Nacht, daß die Spulen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie die Bettdecken ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster; Fleißige, die schon frühmorgens Wasser zur Küche tragen in reingescheuerten Eimern, finden Silbergroschen darin. Gern zieht sie Kinder in ihren Teich, die guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Jährlich geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber auch erschreckt sie die Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze des wütenden Heers. Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in oder auf der Mitte des Teiches, bald ist sie unsichtbar, und man hört bloß aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen. Brüder Grimm: Die Deutschen Sagen der Brüder Grimm, Berlin o.D |
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Frau Hollen Bad
Am Meißner in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehrenteils trüb von Wasser, den man Frau Hollen Bad nennt. Nach alter Leute Erzählung wird Frau Holle zuweilen badend um die Mittagsstunde darin gesehen und verschwindet nachher. Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind voll von Geistern und Reisende oder Jäger oft von ihnen verführt oder beschädiget worden. Brüder Grimm: Die Deutschen Sagen der Brüder Grimm, Berlin o.D |
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![]() Hinweistafel am See. |
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Frau Holle
Welches Kind in Hessen kennt nicht die Frau Holle und die artigen Märchen, die von ihr erzählt werden? Und in welchem Dörfchen hört man nicht sagen: »Frau Holle stäubet ihr Bett!« wenn im Winter die Schneeflocken in den Lüften tanzen? Wer aber die Frau Holle recht kennen lernen will, der muß zum Weißner wandern, dessen gewaltiger Rücken hoch über die Berge hinausragt, die um ihn herum wie Trabanten stehen, zwischen der Werra, der Eisenacher und Allendörfer Straße. Den Weißner besuchen alljährlich viele Hundert Menschen aus der Nähe und Ferne. Die Einen kommen der schönen und weiten Aussicht wegen, die man von seinem Gipfel hat, denn das Auge reicht bei klarer Luft bis zum Brocken, zur Wartburg und Milseburg, bis zum Inselsberg und Odenberg und bis über die waldeckschen und paderbörnschen Gebirge hinaus, bis zum großen Christoph über Wilhelmshöhe, und bis zu den Gleichen und zur Plesseburg. Andere suchen nach den schönen, zum Theil seltenen Pflanzen, die über den frischen Matten und aus dem grauen Felsengebröckel aufschießen und einen gewürzigen Duft um sich verbreiten. Die Dritten suchen nach Steinen und Erzen in den Stollen und wilden Felsenpartien und die Vierten forschen in den uralten Sagen, Formen und Namen droben auf dem Berge über längst vergangene dunkle Zeiten nach. Die Fünften endlich, das sind die Bauern und Bäuerinnen aus den umliegenden Dörfern, die ziehen alljährlich am goldenen Sonntag (Sonntag nach Pfingsten) hinauf und erfreuen sich, nach alter Sitte, bei Musik und Tanz. Und die, welche nach den alten Sagen, Formen und Namen forschen, betrachten die Kalbe auf der Ostseite der Bergfläche, die von bemoosten Felsblöcken ganz übersäet ist und einen der höchsten Punkte des Weißners bildet; dann den ebenen, von Baumgestrüpp umgebenen Platz darunter, den die Leute den Schlachtrasen nennen, den Gottesborn daneben und die nahe gelegene Moorwiese, in welcher oft Pferde versunken sein sollen; dann in der Moorwiese den kleinen See, welcher Frauhollenteich heißt, früher über die ganze Wiese sich erstreckt haben und unergründlich tief gewesen sein soll; auch besehen sie sich den uralten Steindamm, der wie ein Ring sich um Teich und Wiese schlingt; unter dem Teiche die Teufelslöcher, auch die Runenwiese; am westlichen Abhang die Kitzkammer mit ihren Basaltsäulen, auf der entgegengesetzten Seite den Altarstein und endlich das tiefe, gegen die Werra hin ausmündende Höllental mit seiner wilden, stillen Schönheit. Auch findet sich im Felde des Dorfes Lautenbach, das am westlichen Fuße des Weißners liegt, ein Opfergraben. Früher sprach man in dieser Gegend noch mit ehrfurchtsvoller Scheu von der Frau Holle, wie von einem höheren Wesen, und das Volk liebte und fürchtete sie. Doch davon hat sich Vieles verloren, manche Sage ist untergegangen und auch die Lieder, welche noch im vorigen Jahrhundert bei der Flachsbereitung von den Bäuerinnen in einer Sprache gesungen worden sein sollen, von welcher man wenig mehr als den Namen der Frau Holle verstanden, sind längst verklungen. Hören wir nun, was von den alten Sagen am Berge noch übrig geblieben ist. In dem Frauhollenteiche hat Frau Holle ihre Wohnung. Nach alter Leute Erzählung ward sie zuweilen um die Mittagsstunde badend darin gesehen. Bald zeigt sie sich als schöne weiße Frau in oder auf der Mitte des Teiches, bald ist sie unsichtbar und man hört bloß aus der Tiefe herauf Glockengeläute und geheimnisvolles Rauschen. Was sie unten im Teiche hat, Kuchen und schöne Gewänder, Obst und Blumen, die in ihrem sonnigen Garten wachsen, gibt sie gern Denen, die ihr begegnen und ihr zu gefallen streben. Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar. Aus ihrem Brunnen kommen die neugebornen Kinder und sie trägt sie daraus hervor. Aber sie zieht auch gern Kinder hinein, die ihm nahe treten; die guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Sie hält sehr auf Ordnung und häuslichen Fleiß. Mägde, die schon früh morgens in reingescheuerten Eimern Wasser zur Küche trugen, fanden oft Geldstücke darin. Faule Spinnerinnen bestraft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn wirrt oder den Flachs anzündet; fleißigen hingegen schenkt sie Spindeln und spinnt selbst für sie über Nacht, daß die Spulen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie im Schlaf die Bettdecke ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster. Die unartigen Kinder straft sie mit der Rute, wenn sie zu Weihnachten kommt, den gehorsamen aber bringt sie Spielzeug mit und Äpfel und Nüsse. Wenn es am Weißner nebelt, besonders wenn einzelne Wolken daran hinziehen, so hat Frau Holle ihr Feuer im Berge; wenn es schneit, schüttelt sie ihr Bett, davon die Federn in der Luft fliegen. Jährlich zieht sie im Lande umher und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit; aber sie erschreckt auch die Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze des wütenden Heeres. Oft erscheint sie auch als tückisch und neckend, indem sie den Menschen, besonders den Weibern, das Haar verwirrt und zerzaust; daher heißen die mit verworrenen Haaren 'Hollerkopf', und die Leute sagen: Dein Haar ist "hollerich" oder "verhollert". Karl Lyncker, Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854 |
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![]() Am Fuße eines der "Blockmeere" aus Basaltsäulen entspringt die köstlich schmeckende Eisquelle. Den Namen hat die Quelle wegen ihrer außergewöhnlich niedrigen Wassertemperatur bekommen. Das Wasser tritt, selbst an warmen Sommertagen, mit Temperaturen zwischen 1 und max. 2°C zu Tage. Alle übrigen Quellen am Meißner sind dagegen etwa 5-8°C ‚warm’. Die niedrige Wassertemperatur der Eisquelle entsteht durch Verdunstungsprozesse im inneren der Basaltblockhalden. |
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Rund um den Meißner
Der Weisener (Meißner) liegt ungefähr eine Meile Wegs von der Stadt Eschwege entfernt. Er wird für den allerhöchsten und größten Berg in ganz Niederhessen gehalten, da man von ihm aus nicht allein das ganze Nieder-Fürstentum Hessen, sondern auch das Thüringische, Eisfeldische und ein gut Teil Braunschweigisches, wie auch übers Hessenland hin in das hohe Waldeckische und Kölnische Gebirge und hinauf in das Stift Fulda und nach Franken sehen kann. Er ist lange Zeit mit Schnee und Eis überzogen und vielleicht daher der Weisener genannt worden. Dieser Berg ist eine stattliche Wildbahn gewesen, aber auf Bitte der Untertanen, wegen des ihnen von dem Wild zugefügten merklichen Schadens, veräset worden. Doch gibt es auf ihm noch viele Rehe, zuweilen wilde Schweine, zuvor auch Bären. Oben auf dem Berg hat es einen Platz, fast dreiviertel Meile lang und viel tausend Ackerbreit Wiesen mit schön wachsendem Gras, daher ist eine treffliche Viehzucht an diesem Berg. So wachsen dort auch allerlei stattliche, als Arznei und für die Lustgärten dienliche, teils auch unbekannte Kräuter. Daher sind zu Friedenszeiten jährlich zu bestimmten Zeiten Leute aus fremden Ländern zu diesem Berg gereist, die herrlichen Kräuter einzusammeln. Johann Justus Winkelmann, Beschreibung der Fürstentümer Hessen und Hersfeld, Bremen 1697 |
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Direkt am See findet man eine Karte, die auf die sehr lohnenden Wanderwege auf dem Meissner verweist. |
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| Frauhollenbad
In dem Eschweger oder Bilsteiner Amt liegt an dem Weißner-Berge ein großer Pfuhl oder See, welcher mehrenteils trüb ist, wird Frauhöllenbad genannt, weil der Alten Bericht nach ein Gespenst in Gestalt eines Weibsbildes in der Mittagsstunde sich darinnen badend habe sehen lassen und hernach wieder verschwunden sein soll, auch außerdem viele Gespenster an diesem Berge und die Moraste, deren es darum und auf dem Berg viel habe, sich haben vernehmen lassen, auch zuweilen Reisende und Jäger verführt und beschädigt haben sollen. Zeilerus Epistolische Schatzkammer, 1683 |
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Der Meißner (oder richtiger Weißner) und die in ihm wohnende Frau Holle
(S.v. Münchhausen in Justi's hess. Denkwürdigkeiten Bd. II. S. 161-202. Schimecke in d. Zeitschr. f. hess. Gesch. Bd. IV. S. 103 etc. [wo mehr das rein mythologische Element, das romantische nach: Dr. K. Chr. Schmieder] Frau Holle. Ein hessisches Volksmärchen vom Meißnerberge. Cassel 1819 in 12.) Zwischen Eschwege, Allendorf und Lichtenau erhebt sich der Meißner, das berühmteste Gebirge in Hessen, im Sommer von unzähligen Besuchern bestiegen, im Winter, Frühling und Herbst aber wie ein Gletscher von tiefem Schnee umhüllt und ebenso wenig besteigbar wie der Brocken oder der St. Gotthard. Ersteigt man ihn von der Abendseite, so kommt man an seinem Abhang zuerst bei der Försterwohnung über dem Dorfe Hausen vorbei, besucht dann die so genannte Kiezkammer, eine Höhle in einer merkwürdigen Basaltfelsen-Wand an der Mittagsseite, und schaut sich dann von seinem waldlosen Wiesengipfel aus um. Man erblickt von hier gegen Abend Cassel und seine Umgebungen, die Fulda, Wilhelmshöhe, die Löwenburg und den Karlsberg, die ferneren Gebirge, den Odenberg und das Cölnische Land, gen Mittag sieht man hinein ins Fuldaische, gegen Morgen ins Thüringische Land bis Eisenach, die Wartburg, den Hörselberg, den Dollmar und den Inselsberg, gen Mitternacht aber Göttingen, die Trümmer des alten Hansteins, der Plesse und der Gleichen, den Harz und den Brocken. An der nördlichen Seite des Berges, unterhalb seiner senkrechten Klippenhänge, findet man einen großen Basaltstein, der den Namen des Altarsteins führt, angeblich, weil im 30jährigen Kriege die Bewohner dieser Gegend hier heimlich ihren Gottesdienst gehalten und den Stein als Altar benutzt hätten. Von diesem Stein aus zieht sich die Klippenwand östlicher um das Gebirge herum und hier ist die wildeste Partie des ganzen Berges, wo man zwischen einer ungeheuren Menge von herabgeschossenen Basaltbrocken große trichterförmige Vertiefungen antrifft, welche die Teufelslöcher heißen. Unterhalb dieser Steinwüste liegt ein schöner ebener Talrasen, mit Gruppen von Bäumen geschmückt, zwischen denen man ebenfalls zusammengetragene und aufgetürmte Steinhaufen sieht. Über dieser vorhin erwähnten Steinwüste empor türmt sich nun das obere Felsengebirge auf, von einem seiner Kämme rieselt ein Bach hinab, verfolgt man denselben aufwärts und erklimmt den Klippenkamm nach dem Schwalbenthal zu, so steht man plötzlich vor der Öffnung eines wilden Bergkessels. Hier kommt man nun zuerst wieder auf einen mit großen Steinblöcken hin und wieder übersäten Platz, den so genannten Schlachtrasen, der den Vordergrund des Bergtrichters und der in der Spitze dieses Trichters befindlichen so genannten Moorwiese bildet. In der Ecke dieser sumpfigen Wiese sieht man den berüchtigten Frau-Hollen-Teich, einen Wassertümpel von 40 bis 50 Fuß Durchmesser. Diese sehr sumpfige Wiese ist mit einem halbversunkenen Steindamm eingeschlossen, der darauf hindeutet, daß ehedem die ganze Moorwiese Teich war. Aus dem Frau-Hollen-Teiche, der sein Wasser aus seinen eigenen Quellen nimmt, zieht sich ein durch Menschenhand gemachter Graben an der Seite des Schlachtrasens entlang auf den über den Teufelslöchern befindlichen Felsrücken zu, welcher den Schlachtrasen an der Talseite gleichsam verpallisadirt. Hier verliert sich das Wasser unter der Erde, schleicht den vorerwähnten Klippenkamm hindurch und kommt unter dem Felsenhange über den Teufelslöchern wieder hervor, vereinigt sich da mit dem ebenfalls schon genannten Quellenbache, der aus den höchsten Bergwiesen vom Scheitel des Gebirges kommt, und geht so weiter hinab. Über dem Frau-Hollen-Teiche und der Moorwiese endlich ragt die Morgenseite des Bergtrichters mit einer Felsenkuppe weit vor. Dieses sich sehr auszeichnende Vorgebirge heißt die Kalbe. Man hält gewöhnlich diesen Trichter für den Krater eines ehemaligen Feuer speienden Berges, die herumliegenden Basalte aber für die gesprungene Lava desselben, welche durch Erderschütterungen von den aufgetürmten Wänden herabgestürzt ist, und den Frau-Hollen-Teich für die engere Tiefe des Trichters. Die Sage aber will es anders, sie meint, hier habe Frau Holle gewohnt, eine Gesundheitsgöttin, welche die zu ihr herabsteigenden und sich in ihrem Brunnen badenden unfruchtbaren Weiber fruchtbar mache, eine Feindin aller Faulheit und Liederlichkeit sei, welche denjenigen Spinnerinnen, die ihren Rocken am Schlussabend des alten Jahres nicht rein abspinnen, in der Neujahrsnacht den Rockenflachs besudele und ihnen alles Gedeihen der nächstjährigen Arbeit entziehe, die die neugeborenen Kinder aus dem Brunnen bringe, andere aber auch hineinziehe und die guten in Glückskinder, die bösen in Wechselbälge verwandele, die überhaupt alljährlich im Lande herumziehe, um die fleißigen Landleute mit Fruchtbarkeit ihrer Felder zu segnen etc. Die Umwohner des Meißners haben nun aber eine förmliche Geschichte über das Leben jener Frau Holle zusammengestellt und diese lautet in ihrer Quintessenz ohngefähr so. Am Fuße des Meißners nach Mitternacht zu liegt das Dorf Diederode, nun lebte dort zur Zeit Pipins von Heristall ein Freisasse, Diede genannt, der den Wald ausgerodet und die ersten Ackerfurchen gezogen, auch das erste Haus gebaut hatte. Nach ihm nannten diejenigen, welche sich später dort angesiedelt hatten, den ganzen Ort Diederode. Dieser hatte eine schöne Tochter, um welche viele junge Burschen freiten, allein ihr gefiel nur einer, der starke Holle und dem reichte sie ihre Hand. Von dem Tage an ward sie ein Muster einer Hausfrau, sie bestellte mit unermüdlicher Sorgfalt Haus und Feld. Leider tat es ihr aber ihr Mann nicht gleich, er verließ sich auf seine Frau und lag den ganzen Tag auf der faulen Bärenhaut, höchstens daß er einmal in den Wald ging und ein Stück Wild erlegte. Allein auch dies kam der Wirtschaft nicht zu Gute, denn er pflegte dann mit seinen Genossen ins Gasthaus zu gehen und verließ dasselbe nicht eher, als bis das erjagte Wild für die Bezahlung der Zeche draufgegangen war. Überhaupt gefiel es ihm sehr bald zu Hause nicht mehr, seine Frau war ihm zu ruhig und zu arbeitsam, er wollte Unterhaltung haben und diese suchte und fand er im Wirtshause. Leider aber frönte er nicht bloß dem Trunk, sondern auch dem Spiel, und wo er sich sehen ließ, da klangen auch bald die Würfel. So saß er auch einst im Kruge mitten unter lustigen Gesellen, man hatte tüchtig getrunken, natürlich ward ein Spielchen vorgeschlagen, allein diesmal war er der unglücklichste Spieler, er setzte nach und nach seine ganze Habe aufs Spiel, er verlor Alles, seine leibeigenen Knechte und Mägde, seine Äcker und Wiesen, sein Haus, und als er nichts mehr zu verlieren hatte, da setzte er sich selbst, seine angeborene Freiheit auf einen Wurf, aber auch dieser ging fehl, er ward der Knecht eines Fremden, der in der Nacht noch weiter zog, ihn mit sich nahm und in der Fremde verkaufte. Am andern Morgen kamen seine Spielgegner und nahmen alles, was gestern noch sein gewesen war, in Beschlag, setzten seine Frau vor die Thür und hießen sie ihr Brod vor den Türen ihrer Nachbarn suchen. Dazu jedoch war sie zu stolz, sie hatte nichts mehr als einige Schafe und Hühner, die ihr Eigentum waren und gewohnt, das Futter aus ihrer Hand zu empfangen, ihr überall hin folgten, wo sie ging und stand. Da sie nun aus Scham in ihr väterliches Haus nicht zurückkehren wollte, so ging sie hinauf in das öde Gebirge und versteckte sich hier im dichtesten Gebüsch, wo Niemand ihre Klagen hörte, und als einige ihrer Freunde ihr nachkamen und sie baten zurückzukehren, da wies sie diese Zumutung bestimmt von sich. Endlich kümmerte sich Niemand mehr um sie, die Leute von Diederode glaubten, sie sei in dem Busche verschmachtet und nannten ihn davon den Weinbusch. Allein sie war nicht am Weinen gestorben, sie hatte für ihre Pfleglinge, die Hühner und Schafe, sorgen müssen und das tat sie auch redlich; da es Sommer war, so ward es ihr nicht schwer, für die armen Tiere ein nächtliches Unterkommen zu Stande zu bringen. Jeden Tag ging sie um den Gipfel der Morgenseite des Meißners dem Aufgange der Sonne entgegen und folgte dann derselben bei ihrem täglichen Umlaufe um den Berg in gleicher Weise. So kam sie einst auch vor Mittag an die Stelle, wo der klare Bach herab fällt vom schwarzen Borne. Hier weilte sie gern, während die Schafe tranken und ihre Lämmer säugten. Da hörte sie auf einmal ein Klatschen in der Luft, es waren die Hausschwalben, die einst unter ihrem Dache genistet hatten. Sie liebten die fleißige Frau, die früh vor ihnen schon munter gewesen war, und deshalb waren sie ihr nachgezogen und hatten an der Morgenseite des Baches in hohlen Bäumen ihre Nester gebaut. Von ihnen ward jetzt jener Abhang, über dem die Berggebäude stehen, das Schwalbenthal genannt. Mit einbrechender Nacht langte Frau Holle auf der Abendseite des Berges an, wo sie eine geräumige Höhle gefunden hatte, in der sie sowohl als ihre Tiere des Nachts über ruhen konnten. Von alle dem wusste aber Niemand etwas, denn damals kam überhaupt Niemand hier oben herauf, und hörte sie ja den Tritt eines Nahenden, so suchte sie stets mit ihrer Herde das dickste Gebüsch zum Versteck auf. Inzwischen war es Herbst geworden, die Schwalben waren fortgezogen und der Winter fing hier sehr zeitig an sein weißes Schneezelt aufzuschlagen, Weide gab es fast gar keine mehr und in trüber Sorge hatte Frau Holle eines Abends ihre Herde über den kahlen Rain nach der gewohnten Stelle getrieben, als sie mit Erstaunen auf dem Anger gegenüber ein großes, ganz neues Gebäude stehen sah, was zur Stallung eingerichtet schien, aber früher doch nicht hier gestanden hatte. Allein während sie noch unentschlossen dastand und nicht wusste, ob sie ihren Augen trauen sollte, da zeigten ihre hungrigen Pfleglinge ihr den Weg, sie liefen voran nach dem Hause und die Hirtin mußte ihnen notgedrungen folgen. Sie fand in der Tat einen warmen Schafstall, treffliches Winterfutter war in Überfluss aufgeschüttet, auch trockene Streu gelegt, nur Wasser fehlte. Übrigens war der Stallraum auf Zuwachs berechnet, das kann man heute noch an den Steinkränzen sehen, die von den eingefallenen Wänden noch übrig sind, von denen der Anger die Mauerwiese (fälschlich die Moorwiese) genannt wird. Frau Holle dankte ihren Göttern, daß sie ihr ein Obdach für ihre Schafe und Hühner gegeben, und ging nun um Wasser zur Tränke für dieselben zu suchen, denn sie erinnerte sich, daß sie in der Nähe in einem Bergtale einen Teich gesehen hatte, dessen klares Wasser wärmer zu sein schien als die andern Gebirgsquellen und der deshalb den Winter über ihr gute Dienste zu leisten versprach. Als sie am Rande desselben angekommen war, da stieg aus den Wellen eine schöne Frau im weißen Gewande hervor, die ihr freundlich zunickte und durch eine Bewegung mit der Hand sie einlud, ihr zu folgen. Dies tat sie auch und fand nicht fünfzig Schritt entfernt vom Ufer ein nettes Wohnhaus stehen, das sie eben so wenig früher bemerkt hatte als den Stall. Vor dem Hause wendete die weiße Gestalt sich nach ihr um und sprach: »Ich bin Hertha, die Herrin der Erde, und bin vom hohen Norden herabgekommen um diesen Teil meines Reiches zu besuchen. Ich habe Dein Thun beobachtet und Gefallen an Dir gefunden: deshalb habe ich Dich erwählt hier meine Stelle zu vertreten, denn ich kehre jetzt nach Rügen, wo mein Herrschersitz ist, zurück. Nimm diese Glocke zu Dir, so bald Du sie bewegst, wird Dir jeder Wunsch erfüllt werden. Ich schenke Dir diesen Berg als Dein Eigentum; willst Du ihn verlassen, so gib mir die Glocke zurück und wirf sie in den Brunnen, der in der Mitte dieses Teiches hinab geht. Du aber sollst in diesem Hause wohnen.« Damit verschwand sie in der schwarzen Flut, die jetzt den Namen Frau- Hollen-Teich führt und für unergründlich gilt. Von dem Wohnhaus im Gebüsch steht jetzt noch weniges Gemäuer, welches man das Waldmannshäuschen nennt, weil mehrere Jahrhunderte nachher hier ein Köhler hauste. Die Kinder desselben verließen es aber, weil es verfiel und ohnedies der Wald zu licht ward. Frau Holle trat nun in ihre neue Wohnung ein und fand Alles hier weit besser und bequemer eingerichtet und ausgestattet als in ihrem alten Hause. Am andern Morgen besuchte sie ihre Schafe und fand dieselben schon außerhalb des Stalles auf der Weide, nur ihre Hühner fand sie nicht und schon glaubte sie, sie wären von dem Stößer verzehrt, da hörte sie weiter unten ihr Gegacker, sie folgte dem Schalle und siehe da, sie erblickte ein stattliches Hühnerhaus wie aus der Erde gewachsen und von ihrem Hühnervolke bewohnt. Es stand an der Stelle, wo jetzt das Dorf Küchen liegt, das seinen Namen von den vielen Hühnern und Küchlein hat, welche die ersten Bewohner desselben hier vorgefunden hatten. Als nun Frau Holle hier nichts mehr zu thun fand, so ging sie wieder nach jenem Platze, wo sie gestern um Mittag mit der Heerde gerastet hatte. Aber auch hier war eine große Veränderung vorgegangen, über Nacht war hier ein kühler Milchkeller entstanden, vor der Tür standen die Milchbahren, welche in dortiger Gegend der Landmann Rebbes nennt, reinlich ausgewaschen und zum Trocknen an die Felswand gelehnt, im Keller aber stand Alles, was zum Butter- und Käsemachen nöthig ist. Die Stelle heißt jetzt noch zur Erinnerung an Frau Holle Rebbes. Von nun an hatte Frau Holle eigentlich nichts mehr zu tun, denn Alles ward in ihrem Hausstande von unsichtbarer Hand besorgt, darum gewann sie Zeit, die Stelle Hertha's zu vertreten, sie wandelte ungesehen rund um den Berg, so weit sein Umkreis geht. Zur Nachtzeit besuchte sie vorzüglich ihren Heimatort und brachte Segen über ihr väterliches Haus und seine Bewohner. So wurden dieselben zu einem mächtigen und reichen Geschlechte im Hessenlande, ein Enkel ihres Bruders fasste die Salzquellen in den Sooden, und seine Erben wurden vom Kaiser Otto II. im Pfännerbesitz bestätigt. Andere Nachkommen bauten den Fürstenstein, Frülingen, Wellingerode, Urlettich, Volkershof, Immichenhayn, Langenhayn, Ziegenberg und andere Güter im Hessenlande. Allein nicht bloß ihre Verwandten besuchte und unterstützte sie, allen fleißigen Frauen war sie hold; wenn sie Abends ungesehen in eine Stube trat und die Mutter gerade den Rocken aus der Hand gelegt hatte, um ihrem Kinde zu trinken zu geben oder das Vieh zu beschicken, da spann unterdessen Frau Holle fort, und wenn die Spinnerin zurückkehrte, da war auf einmal eine Stiege Garn mehr fertig, als der Flachs eigentlich hätte hergeben sollen. Faule Dirnen aber plagte sie, nahm ihnen die Decken und legte sie splitternackend in den Schnee oder auf harte Steine, und hatte man am Neujahrsabend nicht vollends abgesponnen, so verdarb sie das Werg, daß kein ordentliches Gespinst zu Stande kam. Sie sprach: »So manches Haar, so manches böse Jahr«, und zerzupfte das fertig Gesponnene. Fand sie aber nach Neujahr einen neuen Spinnrocken angelegt, so sang sie: »So manches Haar, so manches gute Jahr. « Gegen die Hausherren war sie nicht eben freundlich, denn wo Frau Holle einkehrte, da hatte auch allemal die Frau das Regiment, der Mann mochte sich noch so sperren. Die unfruchtbaren Frauen nahm sie in ihren besonderen Schutz, führte sie nach ihrem Teiche und wusch sie mit dem heiligen Wasser, so daß sie in nicht gar langer Zeit das Haus voll Kinder hatten. Die Kinder selbst liebte sie sehr, die gutartigen trug sie im Schlafe nach ihrem Bergtale und badete sie in dem Brunnen, das wurden dann Glückskinder, denen Alles von selbst von Statten ging und denen das Glück buchstäblich im Schlafe zukam. Am meisten machte sie sich mit den Kindern im Dorfe Hausen zu schaffen, mit diesen spielte sie auf den Hügeln, die unterhalb des Dorfes liegen, erzählte ihnen schöne Geschichten, den Mädchen schenkte sie Blumen und süße Beeren, den Knaben Haselnüsse und bunte Schneckenhäuser. Letztere findet man noch jetzt dort, sie sind aber zu Stein geworden, die Kinder nannten sie Ammenhörner, weil sie sie von ihrer Pflegerin, die sie scherzweise Amme nannten, erhalten hatten, daraus ist der jetzige Namen Ammonshörner gekommen. Frau Holle erbarmte sich aber auch der armen Dirnen, welche von ihren Liebhabern verlassen worden waren, sie lockte sie nach ihrer Behausung und suchte sie durch leichte Arbeit zu zerstreuen und durch freundliches Zureden zu trösten. Dies ging eine Weile recht gut, allein bald ward ihr Haus ganz voll von solchen unglücklichen sitzen gebliebenen Jungfern, denen schmeckte das Spinnen und Stillsitzen nicht sonderlich, hatte Frau Holle den Rücken gewendet, so erzählten sie sich gegenseitig ihr Unglück und da geschah es denn, daß aus Neid und Missgunst häufig eine der andern Schuld gab, selbst die Ursache ihres Unglücks gewesen zu sein. Natürlich folgte nun bald ein allgemeiner Streit und als eines Abends ihre freundliche Wirtin zurückkehrte, fand sie alle ihre Schützlinge in blutige Katzbalgerei verwickelt. Da ward sie zornig, schüttelte ihre Glocke und plötzlich sanken die Mädchen in sich zusammen und aus der Schar anmutiger Jungfrauen ward auf einmal ein ganzer Trupp niedlicher Kätzchen. Frau Holle aber trieb sie hinaus aus ihrem Hause und jagte sie in dieselbe Höhle auf der Abendseite der Berges, wo sie selbst einst übernachtet hatte und die seit dieser Zeit die Kiezkammer genannt wird. Damit sie aber nicht etwa ihr Mütchen an den Hühnern der Frau Holle und den vielen kleinen Vögelchen kühlen möchten, welche durch ihren Gesang heute noch die Besucher des Meißners erfreuen, klingelte sie und siehe aus dem Quelle, der seitwärts unterhalb der Kiezkammer entspringt und durch sein Wasser die Niederung des Abhanges versumpfte, kamen unzählige Frösche ans Ufer geschwommen, verwandelten sich aber hier sofort in Waldmäuse und nun hatten die Katzen vollauf zu tun, die unzähligen Mäuse, welche seit jenem Tage den Meißner durchwühlen, zu verfolgen und zu fangen. Davon soll der Berg, der vorher der Wießner hieß, den Namen Mäusner bekommen haben, jener Quell hat aber seit jener Stunde nie wieder einen Frosch gehegt und ist davon der Mäuseborn genannt worden. Einst kam ein armer Landmann, Namens Germar, mit Frau und Kind von Reichenbach an den Abhang des Meißnerberges, um hier vielleicht Arbeit zu finden, denn er war aus seinem Heimatorte vertrieben worden. Sie setzten sich auf eine Wiese nieder, er selbst ging einen Trunk Wasser für sein verschmachtendes Weib zu holen und seine Knaben schickte er aus, Nüsse zu suchen. Auf einmal kamen diese zurück und zeigten ihm nicht weit im Gebüsch ein Haus, das er vorher für einen Felsen angesehen hatte. In der Türe desselben stand eine Bauersfrau, welche ihnen winkte hereinzukommen, ihnen ein kräftiges Mahl und dann der ermüdeten Familie eine gute Streu bereitete. Am andern Morgen gab die sorgsame Wirtin ihren Gästen noch ein gutes Frühstück, und hieß sie einer schön gefleckten Katze, welche sie ihnen als Wegweiserin gab, folgen, wo sie hingehe, sollten sie auch hingehen und sie als Geschenk von ihr behalten. Nachdem sie einige Schritte weit gegangen waren, sahen sie sich unwillkürlich nochmals nach ihrer Wirtin um, allein siehe da, das Haus war verschwunden und an der Stelle desselben stand wieder ein kahler nackter Felsen. Sie warfen sich aber alle auf die Erde und beteten zu ihren Göttern, sie möchten sie auf den rechten Weg leiten und gleichzeitig flehten sie auch dieselben um ihren Segen für ihre gütige Beschützerin an. Davon heißt jene Wiese noch bis diese Stunde die Segenwiese und der wunderbare Fels der Segenstein. Getrost wanderten sie nun weiter den Weg nach Hausen, wo Germar Arbeit zu finden hoffte. Die Katze sprang immer munter voran bis sie an die Gegend des Haselbaches kamen, dort schien sie auf einmal zu ermüden, ging immer langsamer, bis sie sich auf einmal niederlegte, als könne sie nicht mehr fort. Der mitleidige Germar nahm sie also auf den Arm um sie zu tragen, allein je weiter er ging, desto schwerer ward seine Bürde und endlich verwundert, wie das zugehe, sah er sie näher an und fand auf einmal, daß er nur einen Katzenbalg in den Armen halte, der unten mit Riemen und Bändern zugemacht war. Als er aber dieselben löste, war kein Fleisch darin, sondern eitel Gold und Silber in klingender Münze. Dies war gerade an der Stelle, welche heute noch die Morgengabe heißt. Nun waren die Armen auf einmal reich geworden, allein sie kehrten doch nicht wieder nach ihrer Heimat zurück, sondern sie zogen in die Täler unter dem Berge nach Morgen zu, und als sie an den Bach kamen, der vom schwarzen Borne herab fällt, fanden sie daselbst eine Menge Schwalben, die hierher vom Schwalbental herabgekommen waren. Hier siedelten sie sich an, rodeten den Wald aus und bauten das Dorf Germerode. Mit dem männlichen Geschlechte verfuhr aber Frau Holle nicht ebenso wohlwollend, sie duldete sie höchstens und begünstigte nur die guten Männer, die ihre Frauen lieb hatten. Nun hatte sich in der Umgegend dadurch, daß Frau Holle so viele verlassene Bräute zu sich genommen hatte, der Glaube verbreitet, daß es hier oben schöne Wasser- und Waldjungfern gebe, dies veranlasste viele liederliche Burschen hier heraufzuklimmen und nach diesen auszuschauen, allein die Katzen aus der Kiezkammer lockten sie bis zur Frau Holle, die sie auf der Stelle in borstige Schweine verwandelte, welche aber gewissermaßen auf den Berg gebannt blieben, sie liefen hinab auf die sumpfigen Wiesen, welche nach ihnen heute noch die Sauställe heißen, und hier bestand ihr Vergnügen darin, mit ihren Rüsseln den Moor aufzuwühlen. Es gab aber auch noch andere Besucher hier oben, die nicht der schönen Mädchen, sondern des Trinkens wegen hier herauf kamen. Durch einen lustigen Wirth nämlich in der Schenke zu Lautenbach war die Fabel von einem ungeheueren Weinkeller, der im Weinbusch verborgen sei, ausgekommen, und man erzählte sich, daß der, den das Glück begünstige, die Türe offen und unten Fass bei Fass finde, alle voll des herrlichsten Weines, von dem man trinken könne, so viel man immer wolle. Da ließen sich viele verlocken, hinauf auf den Berg zu gehen und den Keller zu suchen, allein statt eines solchen kamen sie an das schwarze Bornwasser des Frau-Hollen-Teichs, wo sie die Herrin desselben in buntscheckige Stierkälber verwandelte und auf den nächsten Felsengipfel trieb, dessen Rand für sie eine undurchdringliche Mauer ward, und dieser Bergrücken, den sie nie wieder verlassen dürfen, hieß fortan nach ihnen die Kalbe. Noch eine dritte Art Leute kamen aber hierher zu ihrem Unglück, das waren Taugenichtse und Tunichtgute, welche hier oben Schätze zu finden dachten, oder solche, die da meinten, jene Abenteurer, die nach Wein und Mädchen hier heraufgezogen aber nicht wieder zurückgekommen waren, seien hier von Riesen, die vom Reinhardswalde herübergekommen seien, festgehalten worden, und solche zu befreien gedachten. Kamen sie wirklich bis auf den Gipfel des Berges hinauf, da war auch Frau Holle da und verwandelte sie in wilde Stiere, die in brutaler Wut einer auf den andern losgingen. Aber die Bergfrau wusste auch sie zu zähmen, mit einer Haselrute trieb sie die rasenden Tiere nach dem Abhange der Kalbe zusammen, und bannte sie in das Gehege, das man den Ochsenstall nennt. Aus ihnen wählte sie dann auch die Stiere, die sie an jedem Neumonde der Hertha opferte, und aus ihren Kameraden ebenso jedes Mal ein Kalb und ein Schwein zu demselben Behufe. Sie wurden vor dem heiligen Teiche auf der kleinen Bergwiese geschlachtet, welche der Schlachtrasen heißt. Gegenüber derselben an einem Abhange, der eine weite Aussicht gewährt, steht noch jetzt, wiewohl mit Gestrüpp bewachsen und nicht leicht zu finden, der Altarstein, eine große Steinplatte, welche auf drei Blöcken im Gleichgewichte ruht. Hier verbrannte sie den größten Teil ihres Opfers, so daß die Opferflamme in der Nacht weit hin in die Ferne leuchtete. Die Abfälle vom Opfer aber wurden den Katzen zu Teil und einiges Fleischwerk nahm Frau Holle selbst mit nach Hause zu ihrer eigenen Nahrung und wusch es in dem Bache, der unter dem Segensteine hervorquillt und von dem Blute, womit er gefärbt ward, heute noch der rote Bach heißt. Die Geister jener geschlachteten Menschentiere bannte Frau Holle in die Felsenschlünde unterhalb des Hollenteiches, die davon noch jetzt die Teufelslöcher heißen. Von hier aus brachen sie zuweilen in schrecklichen Gestalten hervor und ängstigten und verscheuchten diejenigen, welche entweder durch Zufall oder aus vorwitziger Neugier dem Wohnhause der Frau Holle zu nahe kamen.
Nun kam zu derselben Zeit ein frommer Mann vom Rheinstrom herüber, der war als Knecht an einen christlichen Herrn gekommen, hatte sich taufen lassen und alsdann den Namen Bernhard erhalten. Er hatte sich dann dem h. Winfried angeschlossen, als dieser die heidnischen Hessen zu bekehren kam, vom Christenberge herab predigte, die Thorseiche zu Geismar fällte und die Kirche zu Wanfried an der Werra baute. Er wohnte mit ihm auf der Büraburg und ward seiner liebsten Jünger einer. Zwar wollte ihm sein Herr und Meister das Bistum Würzburg anvertrauen, allein er klebte zu sehr an dem heimischen Boden des Hessenlandes und baute sich eine kleine Kapelle in dem Walde, wo jetzt Waldkappel steht, und seine Lehre fand bei Manchem Eingang. Da hörte er auch von dem Teufelsspuk auf dem Meißnerberge und beschloss demselben ein Ende zu machen. Er nahm also sein Meßgewand um, fasste mit der Rechten das Kreuz, welches ihm St. Winfried selbst zu diesem Zwecke gegeben hatte, und mit der Linken das eherne Gefäß mit dem Weihwasser und so machte er sich auf den Weg nach dem Berge. In Germerode erkundigte er sich erst noch näher, ob wirklich Alles so sei, wie er gehört, und als er die Nachrichten über das Unwesen, welches auf dem Berge getrieben wurde, bestätigt fand, stieg er am nächsten Morgen, das heilige Kreuz in seiner Rechten, den Berg hinan, ohne daß ihm das Mindeste begegnet wäre, überstieg den kahlen Rain und langte oben an einem Gehölz an, von dem eine Erhöhung die Übersicht des Bergrückens gestattete. Auf derselben stellte er sich unter eine majestätische Buche, sprengte das geweihte Wasser umher, schwang das Kreuz und fing an den Exorzismus herzusagen. Auf einmal vernahm er vom Weinbusch her eine klagende Stimme, welche rief: »Was willst Du von mir, nicht mein ist die Macht, welche ich ausübe, sondern sie gehört einem mächtigen Wesen, dessen Stellvertreterin ich bloß bin. Wenn ich gefehlt habe, so bist Du selbst daran Schuld, denn nicht immer warst Du der heilige fromme Mann, als welcher Du jetzt erscheinst, einst hießest Du der starke Holle, der über sein Weib Not und Kummer brachte und sie zwang bei der Gottheit, welche mich hierher gestellt hat, Hilfe und Schutz zu suchen.« Als Bernhard diese Stimme hörte, schlug er an seine Brust und sank zu Boden, denn er fühlte wohl, daß er am wenigsten dazu berufen sein könne, die heidnischen Götter und Unholde von diesem Berge zu vertreiben. Seine Gattin aber hatte Mitleid mit ihm, trat zu ihm, redete ihm mit freundlichen Worten zu und forderte ihn auf mit ihr zu gehen und bei ihr in ihrer Wohnung zu bleiben. Allein er ließ sich nicht verführen, sondern er forderte sie auf, dem Götzendienste abzusagen und in den Schooß der christlichen Kirche sich aufnehmen zu lassen. Sie aber schüttelte das Haupt und kehrte mit trauriger Miene zurück nach ihrer Wohnung, ihr Gatte aber hoffte immer, sie solle sich bekehren, und harrte ihrer drei Tage und drei Nächte in dem Gehölze, das man das Heiligenholz genannt hat, weil er hier unter strengem Fasten unausgesetzt für ihr Seelenheil gebetet hatte. Aber vergebens, sie kam nicht, und trostlos kehrte er nach Germerode zurück, und klagte sich als einen unwürdigen Diener des Herrn an, weil es ihm nicht gelungen sei, die verlorene Seele seiner Gattin zum wahren Glauben zu führen. Auf dem Hügel unterhalb des Dorfes kniete er aber nochmals nieder und betete inbrünstig: "Komm, Du Gerechte, komm und rette mich aus der Qual, in der ich verschmachte, komm!" Das Echo aber wiederholte den Ruf: »Komm, komm« und die Landleute, die vom Dorfe aus ihm zugesehen hatten, nannten davon den Hügel, auf dem er gestanden hatte, den Kommberg. Aber der Herr erhörte sein Gebet und lenkte das Herz seiner Gattin, sie warf die Wunderglocke hinein in den Brunnen und begab sich dadurch ihrer Macht für immer. Sie stieg den Berg herab und vereinigte sich mit ihrem Gatten, der sie selbst taufte und ihr den Namen Martha beilegte. Unterdessen war aber durch das Versenken der Glocke der Zauber auf dem Berge gelöst, aller Teufelsspuk hörte auf und die Verzauberten bekamen ihre frühere Gestalt wieder. Allein mit ihrer Rückkehr ins menschliche Dasein hatten sie auch ihren frühern sündhaften Sinn und ihre weltlichen Neigungen abgelegt, die Mädchen aus der Kiezkammer gingen hinab zur Frau Martha, die sie alle bei sich aufnahm, der Kirche weihte und mit ihnen ein Nonnenkloster zu Germerode gründete, während die Schlemmer und Lüstlinge aus den Saulöchern und dem Ochsenstall sich an Bernhard anschlossen und mit ihm in dem Gehölze, das noch jetzt das Münchenholz genannt wird, ein Mönchskloster stifteten. Zwischen diesen beiden Klöstern bestand aber ein Laubgang, der noch jetzt gezeigt wird, wo sich Bernhard und Martha zuweilen ergingen und einander in frommen Gesprächen erbauten. Dies ist die Sage von Frau Holle, wie sie zuletzt noch Christin geworden ist, allein nach andern Berichten ist sie Heidin geblieben und zieht noch jetzt an der Spitze des wütenden Heeres durch die Wälder. So sagen heute noch die Umwohner des Meißners, wenn einzelne Wolken an demselben hinziehen und sein Gipfel in Nebel gehüllt ist, daß Frau Holle in diesem Berge ihr Feuer angezündet habe. Wenn es schneit, so heißt es, sie schüttele ihr Bett auf, so daß die Federn in der Luft fliegen. In dem Eschweger oder Bilsteiner Amt liegt an dem Meißner Berge jener Pfuhl oder See, welcher meist trüb ist, und Frau Hollenbad heißt, dort soll man sie heute noch oft sehen, wie sie sich um die Mittagstunde darin badet und dann verschwindet. Hinter dem Dorfe Abterode, unter dem Meißner, ragt ein Fels über die Erdoberfläche hervor, der die Gestalt eines Bären hat und der Todtenstein heißt. Frau Holle soll ihn auf ihrem Daumen dorthin getragen haben. Zwischen Eschwege und Reichensachsen liegt ein Berg, die blaue Kuppe genannt, dessen Gipfel ein großer Felsblock bedeckt. Als Frau Holle einmal über diesen Berg ging, drückte sie ein Stein im Schuh; sie zog ihn vom Fuße und schüttelte den Stein heraus, welcher auf derselben Stelle liegen blieb. Es soll jener Felsblock gewesen sein1.). Wer aber wissen will, wie hoch unsere Vorfahren die Frau Holle oder Hulda (so genannt, weil sie sich den Frauen hold zeigte) gehalten, der blicke den Holzschnitt an über dem zehnten Gespräch (oder Kapitel) von Petrarca's Glücksbuch, da steht sie im tiefen kräuterreichen, vom Feuerstrahl des Himmels durchflammten Walde, haltend den mächtigen hohen Rocken, der mit vollen Spindeln für die Fleißigen umsteckt ist, über sich den Mond und zwölf Sterne in Kreisen, welche die zwölf Nächte ihres Ziehens andeuten. Sie selbst ist alt und gebeugt und runzelvoll und ihr langes Lockenhaar fliegt im Winde. Sie erscheint manchmal auch als graues Mütterlein, spinnend in einem hohlen Baumstamm sitzend, manchmal aber, wie schon gesagt, als schöne weiße Frau an ihrem Teiche. 1. S. Lyncker, Hess. Sagen S. 19. J.G. Th. Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staats, Glogau 1868-1871 |
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| Das Bad im Frauhollenteich verheißt Kindersegen
Frauen, welchen der Kindersegen versagt war, gingen zum Frauhollenteiche, um darin zu baden. Auch die Quelle des heiligen Gangolf an der Milseburg, drei Stunden von Fulda, machte die Frauen fruchtbar, welche daraus tranken. Karl Lyncker, Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854 |
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| Der Hohlstein
Im Felde des Dorfes Hilgershausen, an der von Großalmerode nach Allendorf führenden Straße, erhebt sich ein schroffer, an die 80 Fuß hoher Kalksteinfelsen, der Hohlstein genannt, welcher eine geräumige, ohne große Mühe oder Gefahr zugängliche Höhle und darin einen kleinen See mit kaltem, klaren und wohlschmeckendem Wasser birgt. Alljährlich am zweiten Ostertage gehen die Burschen und Mädchen von Hilgershausen und Kammerbach hierher, steigen in die Höhle, legen einen Strauß von Frühlingsblumen als Opfer hinein, trinken von dem Wasser des Teiches und nehmen in Krügen für die ihrigen davon mit nach Hause. Schon hat die Sitte sehr nachgelassen, denn früher wurde das Brunnenopfer so heilig gehalten, dass sich, auch zu anderer Zeit, ohne ein solches Niemand hinabgewagt hätte. Man glaubte durch den Besuch der Grotte ohne dies Opfer Gott zu erzürnen. Das Dorf Hilgershausen, welches am Fuß des Weißners liegt, war auch schuldig, dem Nonnenkloster Germerode jährlich einen Strauß Maiblumen zu liefern. Karl Lyncker, Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854 |
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![]() Basaltgestein an der Kitzkammer. |
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| Volkssagen und Märchen von der Göttin Holle | ||||||||||||||
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| Die Götter des Frankenlandes
Die Ostfranken verehrten, so lange sie noch heidnisch waren, als höchste Gottheit Wuotan, Wodan oder Odin. Er war der Allvater des Lebens und der Lenker der menschlichen Geschicke und der Schlachten. Von der Verehrung des Donnergottes Thor zeugen noch die Donnersberge. Dieser Gottheit wurde ein wunderbarer Hammer zugeteilt, mit dem er nach ihm feindlich gesinnten Riesen wirft. Als bedeutendste weibliche Gottheit nennen uns die Überlieferungen vornehmlich Hulda, Holda, Frau Holle. Sie ist die Mutter der kleinen Geister: der Heimchen, Wichtlein und Elben, die der Wilde Jäger verfolgt. Manchem erschien sie als verführerische Schöne, anderen wieder als widerwärtige Alte. Öfters aber trat sie den Armen als hilfreiche, gütige Fee entgegen. Im rosigen Frühling durchzieht sie das Land und segnet die Saaten. Gar oft besucht sie auch die Hütten der Armen und teilt Segen aus, wo sie Ordnung findet, während sie flucht, wo sie auf Unordnung stößt. Man dachte sich diese Göttin als hoch betagte Spinnerin mit langem Haar und stark aufgewickeltem Spinnrocken oder auch als wunderliebliche Jungfrau, auf einem weißen Pferde sitzend. Um die Christzeit streift sie mit dem Wilden Heere durch das Land, den fleißigen Spinnerinnen Glück und Heil wünschend zum 'Neuen Jahr", die unfleißigen aber, die ihren Rocken nicht abgesponnen, zerzauste sie in der Nacht Spinnrocken und Haar. Ihr voran zieht öfters der treue Eckardt, der den Unvorsichtigen warnt, ihre Bahn zu betreten. Daß sie selbst in der Kunst des Spinnens gar wohl erfahren ist, zeigen die von ihr gewobenen feinen, weißen Marienfäden, die im Herbste in den Lüften umherfliegen. Sie steigt auch in die Brunnen und hütet hier mit großer Sorgfalt die Seelen der ungeborenen Kinder. Wenn sie aber im Winter ihr Bett macht, dann schüttelt sie dasselbe so ungestüm, daß ihm ein Teil der Federn entflieget und im lustigen Wirbel als Schneeflocken zur Erde fällt. Die Verehrung dieser Gottheiten fand in heiligen Hainen statt, und manche uralte Linde oder Eiche bezeichnet noch die Stelle, wo einst unsere Vorfahren ihre Gottesdienste abhielten. Als aber das Christentum siegreich vordrang, geschah es nicht selten, daß auf den alten Opferplätzen Klöster und Kapellen errichtet wurden. Es herrscht aber auch noch heutigentags im Volke eine Menge Aberglauben, der noch der Heidenzeit entstammt. Hermann Wettig, Die schönsten Sagen und historischen Erzählungen aus dem Herzogtum Coburg und seiner Umgebung, Coburg 1899 |
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Frau Holle
Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und war recht der Aschenputtel im Haus. Einmal war das Mädchen hingegangen, Wasser zu holen, und wie es sich bückte den Eimer aus dem Brunnen zu ziehen, bückte es sich zu tief und fiel hinein. Und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, da schien die Sonne und waren viel tausend Blumen. Auf der Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: "ach! zieh mich 'raus, zieh mich 'raus, sonst verbrenn' ich, ich bin schon längst ausgebacken!" da trat es fleißig herzu und holte alles heraus. Darnach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: "ach! schüttel mich! schüttel mich! wir Äpfel sind alle miteinander reif!" Da schüttelt' es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, solang bis keiner mehr oben war, darnach ging es wieder fort. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: "fürcht dich nicht, liebes Kind, bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich tun willst, so soll dirs gut gehen: nur mußt du recht darauf Acht geben daß du mein Bett gut machst, und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt1.); ich bin die Frau Holle." Weil die Alte so gut sprach, willigte das Mädchen ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf, dafür hatte es auch ein gutes Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig in seinem Herzen und ob es hier gleich viel tausendmal besser war, als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin; endlich sagte es zu ihr: "ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier geht, so kann ich doch nicht länger bleiben." Die Frau Holle sagte: "du hast Recht und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen." Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Thor. Das ward aufgetan und wie das Mädchen darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. "Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist," sprach die Frau Holle. Darauf ward das Thor verschlossen und es war oben auf der Welt da ging es heim zu seiner Mutter und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es gut aufgenommen. Als die Mutter hörte, wie es zu dem Reichtum gekommen, wollte sie der andern schönen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen, und sie mußte sich auch in den Brunnen stürzen. Sie erwachte, wie die andere auf der schönen Wiese und ging auf demselben Pfad weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brod wieder: "ach! zieh mich 'raus, zieh mich 'raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken!" die Faule aber antwortete: "da hätt' ich Lust, mich schmutzig zu machen!" und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: "ach! schüttel mich! schüttel mich! wir Äpfel sind alle mit einander reif" sie antwortete aber: "du kommst mir recht, es könnt mir einer auf den Kopf fallen!" ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an und war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie gedachte an das viele Gold, daß sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen, sie machte auch der Frau Holle das Bett schlecht und schüttelte es nicht recht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte der Faulen den Dienst auf. Die war es wohl zufrieden und meinte nun werde der Goldregen kommen, die Frau Holle führte sie auch hin zu dem Thor als sie aber darunter stand, ward statt des Golds ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. "Das ist zur Belohnung deiner Dienste" sagte die Frau Holle und schloss das Thor zu. Da kam die Faule heim, ganz mit Pech bedeckt, und das hat ihr Lebtag nicht wieder abgehen wollen. 1. Darum sagt man in Hessen, wenn es schneit: die Frau Holle macht ihr Bett. Von diesem Märchen gibt es noch eine andere Erzählung: Es war einmal eine Frau die liebte nur ihre rechte, nicht aber ihre Stieftochter, hielt diese immer hart und suchte sie los zu werden. Eines Tags setzte sie beide Töchter an einen Brunnen, da sollten sie spinnen: "Wer mir aber den Rocken hinunter fallen läßt, den werfe ich hinten drein", sagte sie und band ihrer Tochter den Rocken fest, der Stieftochter aber ganz lose Kaum hat diese ein bisschen gesponnen, fällt ihr der Rocken hinab und die Stiefmutter ist unbarmherzig genug und wirft sie hinterdrein. Sie fällt tief hinunter, kommt in einen herrlichen Garten und in ein Haus, wo niemand ist, in der Küche will die Suppe überlaufen, will der Braten eben verbrennen und der Kuchen im Backofen eben schwarz werden. Sie setzt die Suppe geschwind ab, gießt Wasser zum Braten, und nimmt den Kuchen heraus und richtet an; so hungrig sie aber ist, nimmt sie doch nichts davon außer ein paar Krümchen, die beim Anrichten vom Kuchen herab gefallen sind. Darauf kommt eine Nixe mit furchtbaren Haaren, die gewiss in einem Jahr nicht gekämmt waren, und verlangt, sie solle sie kämmen, aber nicht rupfen und nicht ein einzig Haar ausziehen, welches sie endlich mit vielem Geschick zu Stande bringt. Nun sagt die Nixe, sie wolle sie gern bei sich behalten, sie könne aber nicht, weil sie die paar Krumen gegessen habe; doch schenkt sie ihr einen Ring und andere Sachen, wenn sie den Nachts drehe, wolle sie zu ihr kommen. Die andere Tochter soll nun auch zu der Nixe, und wird in den Brunnen geworfen; sie macht aber alles verkehrt, bezähmt ihren Hunger nicht, und kommt dafür mit schlechten Geschenken zurück. Nach dieser Rezension ist das Märchen in der Naubertischen Sammlung I, 136-179. bearbeitet und in der Manier der andern, aber recht angenehm, erweitert. In der jungen Amerikanerin oder Verkürzung müßiger Stunden auf dem Meer. Ulm 1765. Th. 1. ist, auch dies Mährchen benutzt. Das Murmeltier (Ciron), so heißt das Stiefkind, muß die gröbste Arbeit verrichten, die Schafe hüten, und dabei eine gegebene Zahl gesponnener Fäden mit nach Haus bringen. Das Mädchen setzt sich oft an einen Brunnenrand, eines Tages will es sich das Gesicht waschen und fällt hinein. Als es wieder zu sich kommt, befindet es sich in einer Kristallkugel unter den Händen einer schönen Brunnenfrau, der es die Haare kämmen muß, dafür bekommt es ein kostbares Kleid und so oft es seine Haare schüttelt und sich kämmt, sollen glänzende Blumen herausfallen und wenn es in Not ist, soll es sich herabstürzen und Hilfe bei ihr finden. Dann gibt sie ihm noch einen Schäferstab, der die Wölfe und Räuber abwehrt, ein Spinnrad und einen Rocken, der allein spinnt, endlich einen zahmen Biber, zu mancherlei Diensten geschickt. Als Murmeltier mit diesen Gaben Abends heim kommt, soll die andere Tochter sich gleiches erwerben und springt in den Brunnen hinab, sie gerät aber in Sumpfwasser und wird wegen ihres Trotzes begabt, dass stinkendes Rohr und Schilf auf ihrem Kopf wächst und wenn sie eins ausreißt, wächst nur noch viel mehr. Nur Murmeltier kann den hässlichen Schmuck auf 24 Stunden vertreiben, wenn es sie kämmt, das muss es nun immer tun. - Hierauf folgt die weitere Geschichte des Murmeltiers, wozu wieder andere Märchen benutzt sind, es soll allzeit etwas Gefährliches ausrichten, aber durch Hilfe seiner Zauberdinge, vollbringt es alles glücklich. Einige Ähnlichkeit im Ganzen mit diesem Märchen hat auch das erste in der Braunschweiger Sammlung, und eins im Pentamerone. Grimm, Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen. Berlin 1812-15 |
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![]() Basaltformationen im Bereich der Kitzkammer. |
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Die fliegende Frau1.) Bevor das Christentum sich über das nördliche Deutschland verbreitete, da war es die gute Frau Hare (oder Harke, Hertha), welche den Menschen Alles, was sie brauchten, gewährte. Zwölf Nächte nach dem kürzesten Tage flog sie über das waldige, schneebedeckte Land, und wo sie in den Häusern fleißige und geschickte Arbeiter fand, da zog sie ein durch irgend eine Öffnung und segnete die Wohnung mit Glück und Freude für das nächste Jahr; wo sie aber Unreinlichkeit und Versäumnis sah, da bestrafte sie die Nachlässigen. Am großen Jul- oder Weihnachtsfeste opferte man ihr fette Schweine, überall ertönte der Ruf: »Frow Hare da vlughet« und lud die fliegende Frau zum Besuch ein. Als nun die christlichen Priester die heidnischen Götter vertrieben und die Tempel derselben brachen, blieb doch die gute Frau Hare, oder wie man sie später nannte, Holle im Lande und flog in den 12 Nächten vom heiligen Abend bis zum hohen Neujahr oder Dreikönigstag nach wie vor durch die Lüfte und besuchte die Häuser, namentlich auf dem Lande. Nun lebte damals zu Grubow ein alter Schäfer, der hatte einen Sohn, der bei ihm als Knecht diente, aber schon verheiratet war und ein einziges Kind besaß. Zu diesem trat er am heiligen Abend, wie gerade die junge Frau vor der Wiege ihres Kindes saß, und ermahnte ihn, in diesen mit heute beginnenden 12 Nächten ja recht achtsam auf die Herde zu sein und den Pferch wohl verschlossen zu halten, auch ihn (d.h. den Wolf) nicht zu nennen, damit er, da er umgehe, nicht böse werde, er solle den Keil für den Wagen der Frau Hare hauen und ihn auf die Schwelle legen, daß sie ihn finde, wenn sie ihn brauche, wo nicht, so solle er ihn später in den Wagen stecken, die Frau und die Magd sollten aber bis Groß-Neujahr den dicken Flachsknoten abspinnen, damit sie nicht von der Hare gekratzt und besudelt würden, die Frau solle keine Hülsenfrüchte kochen oder berühren, vor Allem aber das Kind hüten. Der Sohn blieb nun bei den Schafen und die Frau vor der Wiege, der Alte aber ging hinaus auf den Voßberg vor dem Dorfe, sah sich nach allen Seiten um und hielt den nass gemachten Finger empor, um zu fühlen, woher der Wind wehe, denn Frau Hare machte die Witterung für das ganze Jahr in den 12 Nächten und jeder Monat ist ganz so, wie sein Tag zwischen Weihnachten und Groß-Neujahr. Der Ostwind wehte aber eisig von den Bergen und darum hielt sich der Alte nicht lange auf und eilte seiner Wohnung zu. Nun war aber sein Haus das erste im Dorfe; als er bald an dasselbe herankam, sah er ein großes zottiges Tier quer über den Acker nach dem Walde eilen, und als er an die Haustüre kam, fand er dieselbe offen stehen. Er eilte in die Stube, doch sah er Niemand, die Kammer der Magd war verschlossen, das Kind in der Wiege aber fort. Seine Schwiegertochter hatte nämlich, sobald er fort gegangen war, der Magd aufgetragen, an ihrer Statt sich an die Wiege zu setzen und war in den Garten gegangen, um frischen Kohl bei dem Nachbar zu stehlen, denn man glaubte, daß wenn man dem Rindvieh in der Christnacht frisch gestohlenen Kohl zu fressen gebe, erkranke dasselbe in diesem Jahre nicht. Die Magd war aber auch nicht in der Stube geblieben, sondern war in ihre Kammer gegangen, hatte sich ganz nackt ausgezogen und so stillschweigend Alles, was darin war, gescheuert, denn wenn sie dies tue, hatte man ihr versichert, käme in dem Jahre ein Freier. Der alte Schäfer stand verzweifelt und die Hände ringend in der Stube, denn er war überzeugt, daß der Wehrwolf das Kind geraubt habe. Plötzlich aber stürzte seine Schwiegertochter leichenblass ins Zimmer, in der einen Hand den Korb mit dem gestohlenen Kohl, im andern Arm aber mit dem in seine Windeln gehüllten Kinde. Sie erzählte, als sie über die Hecke des Nachbargartens gestiegen, habe sie einen großen Wolf auf sich zu rennen gesehen, sie habe darüber einen lauten Schrei getan und in demselben Augenblick habe sie gewaltiges Rauschen in den dürren Blättern der Bäume über sich gehört und einen dunkeln Schatten über sich hinschweben sehen, der Wolf habe dann das Kind aus seinem Rachen zu ihren Füßen fallen lassen und sei über den Acker dem Walde zu gelaufen. Da faltete der Schäfer andächtig die Hände und sagte: das war die gute Frau Hare. 1. Nach Reinhard S. 161 etc. J.G. Th. Grässe, Sagenbuch des Preußischen Staats, Glogau 1868-1871 |
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![]() Wenn Frau Holle ihre Betten ausschüttelt, schneit es unten auf der Welt. |
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Frau Holle versetzt einen Felsen
Hier und da erzählt das Volk sich riesenmäßige Dinge von der Frau Holle. Hinter dem Dorfe Abterode, unter dem Weißner, ragt ein Fels über die Erdoberfläche empor; er hat die Gestalt eines Bären und heißt der Todtenstein. Frau Holle soll ihn auf dem Daumen dahin getragen haben. Schmincke a.a.O. S. 108. Karl Lyncker, Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854 |
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Frau Holle drückt ein Stein im Schuh
Zwischen Eschwege und Reichensachsen liegt ein Berg, die blaue Kuppe genannt, dessen Gipfel ein großer Felsblock bedeckt. Als Frau Holle einmal über den Berg ging, drückte sie ein Stein im Schuh; sie zog ihn vom Fuße und schüttete den Stein heraus, welcher auf derselben Stelle liegen blieb. Es soll jener Felsblock gewesen sein. Mündlich. Karl Lyncker, Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854 |
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Unweit des Hohensteins ist die Frauenruh. Dort sah die alte Deichmann aus Ilfeld die Frau Holle in einem weißen Gewande über die Wiese fliegen.
Heinrich Pröhle, Unterharzische Sagen, Aschersleben 1856 |
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Frau Holle, die schwarze Kathrine und die Waldfrau in St.-Andreasberg (Harz)
Alle Nacht von elf bis zwölf kommt die Frau Holle nach den Drei-Brotsteinen im Walde bei Andreasberg, setzet sich darauf und weinet. Diese Steine sehen wie drei aufeinander geschichtete Brote aus, sind von der Erde an wohl drei Lachter hoch. Sie liegen auf einer Höhe, zu deren beiden Seiten Täler sind, in deren jedem Wasser fließen, von denen das eine Dreibrotenwasser heißt. Wenn da im Sommer an einem bestimmten Tage jemand durchgekommen ist, so ist die Frau Holle ihm auf den Rücken gesprungen und er hat sie etwa sieben Minuten, bis vors Wasser, tragen müssen. Wer die Steine, die früher Brote gewesen sind, wieder in solche verwandeln kann, erlöset die Frau Holle. Einige sagen auch, die schwarze Kathrine sei in die Dreibroten verwiesen. Früherhin sagte man in Andreasberg den Kindern, um sie zu schrecken: "Wir rufen die Frau Holle herein!" Sich in sie zu verkleiden, wie an anderen Orten geschieht, hätte dort niemand gewagt. Einstmals ging eine Mutter mit ihrem Kinde ins Holz und kamen nach dem Berge, welcher jetzt: Sieh-dich-im (Sieh-dich-um) heißet und im Löwengrunde lieget. Da ging das Kind, das ein Mädchen gewesen ist, von der Seite ihrer Mutter fort, in die Hecke (Gebüsch), hörte auch nicht auf das Rufen der Mutter. Da erschien vor dem Mädchen eine schwarze Frau mit zwei Eimern ohne Boden in der Hand, welches die Frau Holle gewesen ist, drehte dem Mädchen den Kopf um und sprach: Sieh dich im. Seit der Zeit heißt der Berg: Sieh-dich-im. Auf Andreasberg gehet auch ein Hund, der einen Korb in der Schnauze hat, worinnen ein Bund Schlüssel ist. Er taucht bei dem Mühlenborner Puchwerke auf und geht ganz im Sperrlutterthale herunter, wo er verschwindet. Wer den Sonntag geboren ist, von dem sagt man, daß er die Waldfrau in einem weißen Laken sehen könne. Einst rupfte eine Frau im Walde Brennnesseln, da ging die Waldfrau immer hinter ihr und rupfte wie sie. Heinrich Pröhle, Harzsagen, zum Teil in der Mundart der Gebirgsbewohner gesammelt und herausgegeben, Leipzig 1886 |
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| Frau Holle als Ehestifterin in Andreasberg (Harz)
Drei Andreasberger Mädchen, die alle schon einen Bräutigam hatten, gingen eines Sonntagsnachmittags in den Wald nach dem Ort, der heute noch "Die drei Jungfern" heißt. Dort setzten sie sich ins Moos unter jungen Tannen und schwatzten von ihrem Schatz und von der Hochzeit. Als nun eine von ihnen zufällig aufschaute, verstummte sie plötzlich. Die andern blickten auch hin und bemerkten schaudernd, wie über die Tannen hinweg das greuliche Gesicht einer Frau zum Vorschein kam; die Haare hingen ihr lang über die Schultern und den Nacken hinab; halb gutmütig, halb zornig glotzte sie bald das eine, bald das andere Mädchen an. Auf einmal begann die Erscheinung zu reden, daß es den Mädchen kalt über den Rücken lief. "Welche von euch dreien," sagte sie, "heute nacht zwischen elf und zwölf Uhr nach dem Hahnenklee kommt und ihn scheuert, die soll bald ihren Bräutigam heiraten." Nach diesen Worten löste sich das Gesicht in Dunst und Nebel auf. Als die Mädchen sich von ihrem Schrecken erholt hatten, wanderten sie nach Hause und verabredeten unterwegs, sie wollten sich alle drei um halb elf Uhr oberhalb Andreasberg treffen und tun, was Frau Holle gesagt hatte; denn sie hatten den sehnlichen Wunsch, möglichst bald zu heiraten. Sie machten sich denn auch zur vereinbarten Stunde mitsammen auf den Weg. Die Nacht war dunkel und unheimlich, es schienen weder Mond noch Sterne, die Eulen schrien so schaurig, in der Ferne donnerte es, man sah aber keinen Blitz. Stumm schritten die drei Mädchen dahin; ihr Ziel war der Hahnenklee. Als die nächtlichen Wanderer die Stelle erreichten, die man das "Gesehr" nennt, seufzte das eine Mädchen: "Nein, ich gehe nicht weiter!" kehrte um und trat eilends den Heimweg an. Nicht lange danach machte es die zweite ebenso. Die dritte aber dachte: "Und wenn es mir das Leben kostet, ich gehe und tue, was mir befohlen ist!" Sobald sie auf dem Hahnenklee angekommen war, machte sie sich gleich an die Arbeit. Da stand auf einmal wieder Frau Holle neben ihr und meinte freundlich lächelnd: "Du hast Wort gehalten, ich halte auch Wort. Bald wird dich dein Bräutigam zum Altar führen; die beiden andern kriegen nie einen Mann." Mit dem letzten Wort war sie auch schon wieder weg. Als das Mädchen nach Hause ging, kam der Mond aus den Wolken heraus und schien ihr hell auf den Heimweg. Das Mädchen, das auf dem Gesehr umgekehrt war, besaß einen Bergmann zum Bräutigam. Am folgenden Tag brachte man ihn zerschmettert nach Hause; er war im Schacht verunglückt. Das Mädchen aber starb drei Tage danach vor Gram und wurde an der Seite ihres Liebsten begraben. Der Bräutigam des zweiten Mädchens hatte in den Krieg ziehen müssen; er fiel wenige Wochen später, und auch sie hat tatsächlich nie geheiratet. Das dritte Mädchen aber, das den Hahnenklee gescheuert hatte, feierte bald Hochzeit. Als die Vermählten dann an der Festtafel beisammensaßen, erschien Frau Holle zum drittenmal; sie guckte über den Ofen herüber und reichte dem Gast, der zunächst saß, eine silberne Wiege für das Brautpaar. Und wie man das Geschenk genauer besah, war es. ganz voll blanker Andreasberger Silbergroschen. Seitdem heißt es in Andreasberg, wenn ein Mädchen keinen Mann bekommt: Es muß den Hahnenklee scheuern. Und wo man in den Häusern noch die alten Öfen hat, die zwei Stuben nebeneinander heizen, daß man darüber hinwegsehen kann, sagt man, wenn jemand überhebliche Worte spricht: "Schprich sachte, de Fra Holle horcht!" |
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Die Kuhkolksklippe und Frau Holle
I. Frau Holle hat auf der Kuhkolksklippe zwischen Klausthal und Lerbach ein Bett stehen. Unweit derselben kömmt sie um zehn Uhr abends aus dem Buchenholze, schauet in das Fenster, wo sie noch Licht siehet, und thut übel. Sie hat glühe Augen und einen roten, ganz feurigen Mund; ihr weißes Gewand schläget sie (wenn es schneiet) weit auseinander. Von zehn bis elf Uhr nachts sitzet sie nun so da und thut übel, von elf bis zwölf Uhr aber träget sie Wasser in zwei hellen Eimern aus dem Bache herauf. Denn sie hat auf der Kuhkolksklippe auch ein Faß ohne Boden stehen; wenn dieses voll ist, wird sie erlöset, darum träget sie das Wasser den steilen Berg hinan. Ein Waldarbeiter ging eines abends spät nach Lerbach heim, da hörete er am Wege etwas winseln. Er glaubet, es heule eine alte Frau dort an der Straße, und fraget, ob sie nicht mit ihm gehen wolle. Er bekömmt keine Antwort, aber es beginnt hinter ihm herzugehen und kömmt richtig in seine Stube. Nun fragt er die Alte, ob sie nicht einen Schnaps mit ihm trinken wolle: denn der Oberharzer liebt den Schnaps gar sehr. Da macht sie sich so groß bis an die Decke und beuget sich so über ihn. Nun will er zu seiner Frau auf die Kammer entfliehen, da fasset sie ihn, und davon hat er lange ein schwarzes Bein gehabt. Es ist aber dies die Frau Holle gewesen und sie sagte ihm: es solle ihm das zur Warnung dienen, daß er sie gehen lasse, wenn er wieder vorbei käme am Frau- Hollen-Abend, wo sie Recht hätte dort im weißen Gewande zu sitzen, und wo sie heulen müsste. Einer Witwe mit vier Kindern, welche noch in der Mitternachtsstunde saß und spann, warf die Frau Holle in dieser Zeit sieben voll gesponnene Rollen in das Fenster. II. Am Osterheiligabend fährt die Frau Holle mit dem Teufel in einer Kutsche den Langenberg hinab, wie die alte steile Heerstraße heißet, die früher, hart an der Kuhkolksklippe vorbei, eine Strecke weit von Klausthal nach Osterode benutzt wurde. Auch in Lerbach fuhr Frau Holle oft in der Kutsche heraus. Gingen dann in der Nacht Leute nach Hause, so hielt sie an und erkundigte sich nach dem Wege. Zuletzt reichte sie die Hand aus dem Wagen, und wenn man ihr dann die Hand gab, so wurde sie schwarz gebrannt wie im Feuer: man mußte ihr statt der Hand den Stock hinreichen. Es sind aber in Lerbach damals viele auf diese Art um ihre Hand gekommen. III. Am Frau-Hollen-Abend kömmt in Lerbach jemand verkleidet als Frau Holle in einem kreideweißen Laken herein. Der eine Zipfel hänget ihr bis an die Nase, zwei andere Zipfel hat sie um sich herumgeschlagen, der vierte hänget auf den Hacken. Sie sagt dann ihren Spruch, der also lautet:
IV. Frau Holle kam in Lerbach auch immer in ein Haus und wärmete sich. Einstmals war in dem Hause ein Mann unpässlich, darum war sehr stark eingeheizet. Da stellete sie sich doch an den Ofen, jener Mann aber drängte die Frau Holle ganz dicht an die glühende Ofenplatte. Da nahm sie den Ofen und ging damit ab, die Leute aber haben ihren Ofen niemals wieder gesehen. Heinrich Pröhle, Harzsagen, zum Teil in der Mundart der Gebirgsbewohner gesammelt und herausgegeben, Leipzig 1886 |
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