Lucas Cranach, Das Anlehnen der Flussnymphe am Brunnen
II. Von Wassergeistern in der Oberpfalz

Franz Xaver von Schönwerth, Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen. Augsburg 1857

Wasserriesen

1.

In einem Dorfe an einem großen Wasser gab es einmal lauter schöne Mädchen, dass alle Welt Freude daran hatte, und sie wurden immer schöner, je öfter sie vom Baden im Wasser heimkehrten. Das hörten die Mädchen aus anderen Orten und sie zogen aus allen Gegenden herbei und nahmen ein Bad im Wasser. Da sie aber sehr garstig waren und auch nicht lange unter dem Wasser bleiben konnten wie die Mädchen des Dorfes, wurden sie nicht schöner, ja, viele ertranken im Wasser. Nun blieben die fremden Mädchen zwar aus, dafür aber meldeten sich Freier aus allen vier Himmelsgegenden. Alle Mädchen des Dorfes hielten an einem Tage Hochzeit. Gegen den Morgen hin, der darauf folgte, gab es aber fürchterliches Lärmen. Alles lief zusammen. Jeder Bräutigam zog seine Braut an den Haaren herum, und stieß und schlug sie, so lange er es vermochte; dann lief er davon. - Es hatte sich befunden, dass die Mädchen nicht recht beschaffen, insbesondere beschuppt waren. Da kam der Richter mit seinen Knechten und besah sich die Bräute und befahl einen Scheiterhaufen zu errichten, um auf diesem die Fischweiber insgesamt zu verbrennen. Als die Flammen schon loderten, schlug das Wasser am Dorfe hohe Wellen und es streckte sich ein ungeheuer großer Kopf daraus hervor, der spie Wasser wie ein Walfisch und löschte das Feuer, und auf dem dicken Wasserbogen gingen die Bräute wie auf einer Brücke vom Holzstoß hinüber ans Wasser und in den Rachen des Wassermannes hinein wie in ein großes Tor.

Seitdem baden keine Mädchen mehr in diesem Wasser. Neuenhammer.


2.

Merkwürdig ist die Sage, dass Cham, die Hauptstadt des Bayerischen Waldes, welche sich vordem so ausdehnte, dass Cham-Münster in der Mitte lag und Chamereck die östliche Spitze bildete, auf dem Schweife eines ungeheuren Fisches stehe. Damit er nicht erschreckt werde und durch seine Bewegung die Stadt zerstöre, darf der Hirt beim Austreiben des Viehes nicht blasen.

Eine andere Sage lautet, dass unter der Brücke über den Regen, da, wo er vor dem Falle am tiefsten ist, ein großer Fisch, alt und grau, sich aufhalte: man kann ihn nicht fangen, noch sonst wie erlegen; vergebens wurde schon oft auf ihn geschossen. Er gilt als ein Geist.

Es wird erlaubt sein, hier an die Midgardsschlange - der Regen läuft um Cham herum - und Locki, der als Lachs den nachstellenden Asen entgehen wollte, oder auch an den Zwerg Andvari zu denken.

Übrigens trifft es sich auch an anderen Orten, dass die Dirn Wasser im Eimer heimträgt: zu Hause zeigt sich dann beim Ausgießen ein großer Fisch, der fürchterlich herumschlägt, sich nicht greifen lässt und plötzlich verschwindet, oder so lange tobt, bis man ihn mitsamt dem Wasser wieder an seinen Ort trägt.

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Wasserzwerge

I.

Sie heißen allgemein nur Wassermännlein und sind geisterhafte Wesen, doch nicht rechte Geister, weil sie sonst nicht so viel mit den Menschen, deren Gesellschaft sie lieben, verkehren könnten. Die Männer fühlen sogar oft Liebe zu reinen menschlichen Jungfrauen. Sie wohnen nur in klarem Wasser, während der Wassermann in Brunnen und schwarzem Wasser oder Dümpfeln. Im Wasser haben sie ihre Kristallpaläste mit vielen Gemächern und Gängen. Wird ein solcher zerstört, wandern sie aus und bauen anderswo einen neuen. Ihre Nahrung besteht aus Fischen und Krebsen, ihr Trank aus dem Wein, welcher mit untergegangenen Schiffen ins Wasser gefallen ist. Sie tragen spitze, glasartig glänzende Hütchen, an Feiertagen weiße, an Werktagen mausgraue Röckchen. Ihre Beschäftigung ist das Anfertigen edler Perlen und gläserner Geschirre. Immer stehen sie im Verkehre mit den Unterirdischen, den Bergzwergen: Beider Wohnungen sind zu diesem Zwecke durch Gänge unter der Erde in Verbindung gesetzt. Sie besuchen sich sehr oft, halten Beratungen zusammen, und wahren heilig den Frieden. Doch heiraten sie nicht in einander: sie würden auf die Länge das andere Element nicht vertragen und sterben. Überhaupt waren sonst alle Zwerge nur im Wasser. Einmal aber entstand ein arges Donnerwetter, und der Blitz schlug in das Wasser und zerschmetterte ihren Palast. Das Wasser aber gischte am Feuerstrahle empor und damit ward ein Teil der Zwerge, Männer, Weiber und Kinder, hinausgeschleudert auf die Erde, und weil sie ihre Hütchen unten gelassen hatten, konnten sie nicht mehr hinab in die Flut, sondern mussten oben verbleiben. Das sind nun die Bergzwerge, die Bergmännlein. Hervorzuheben ist noch die Abhängigkeit, in welcher sich dieses kleine elbische Volk den Menschen gegenüber befindet, indem sie Mangel an Speise haben und diese von den Menschen erbitten. Neuenhammer.

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Sagen von Wasserzwergen

1.

Die Bewohner eines Schlosses im Walde waren sehr der Jagd ergeben. Einmal kamen sie während des Jagens an einen kristallhellen Waldbach, der an einer Stelle ganz sonderbar aufwallte und eine Art Wasserglocke bildete. Sie wunderten sich darüber und stießen mit einer Eisenstange an der Stelle hinunter. Da hörten sie Kindergeschrei, und ein Zwerg fuhr zornig empor auf die Wasserfläche und verwies den Jägern ihren Übermut: sie hätten jetzt in den Palast der Zwerge ein Loch gestoßen, das Wasser dringe ein und habe schon mehrere ersäuft; nur schnell sollten sie mit derselben Stange etwas zum Verstopfen der Öffnung hinabreichen. Da steckte einer der Jäger seinen Goller an die Stange und fuhr damit zur selben Stelle hinein. Aber der Zwerg brachte ihn voll Ungeduld wieder herauf, denn er war zu groß für das Loch, und bat nur um eine Handvoll Haare aus dem Pelze des Gollers. Man willfahrte ihm und zufrieden fuhr er wieder hinunter. Voll Staunen entfernte sich die Gesellschaft, und ging denselben Bach entlang. Da sahen sie einen anderen Zwerg auf dem Wasser daherhupfen, und tanzen, und mit seinem Hütchen spielen, das er immer in die Höhe warf und wieder fing. Sie fragten ihn, wie es denn da unten bei ihm aussehe. Er sprang nun zu ihnen hin und erbat sich Lohn, wenn er es gesagt habe. Sie waren dazu gerne bereit, und er erzählte ihnen nun, dass die Zwerge unter dem Wasser lebten, gerade so, wie die Menschen auf der Erde, und dieselben Wohnungen mit Zimmern und Gängen unter dem Wasser hätten, nur etwas kleiner, dass ein Mensch nicht darin zu wohnen vermöchte. Sie hätten aber Mangel an Speise. Würde man ihnen täglich etwas Nahrung bereitstellen, wären sie mit Vergnügen bereit, im Schlosse bei der Arbeit zu helfen, und auf der Jagd vor ihnen herzugehen und so viel Wild zu zeigen, dass sie dessen genug bekämen. Auch die Waldfrevler würden sie zur Anzeige bringen. Der Schlossherr sagte es zu und die Zwerge hielten ihr Wort.


2.

Ein Burgfräulein ging mit ihrer Amme am Wasser spazieren. Da tanzte vor ihren Augen ein spitzes graues Hütchen auf dem Wasser. Die Amme sah aber nichts. Sie ging nun öfter ans Wasser und immer näher tanzte das Hütchen heran und war zuletzt vor ihren Füßen. Nicht lange und das Hütchen setzte sich ihr auf den Kopf. Nun ging sie einmal allein herab aus dem Schlosse ans Wasser, und wieder setzte das Hütchen sich ihr auf den Kopf, und da sie nahe am Ufer stand, glitten ihr die Füße aus, und sie sank hinab in die Fluten. Da aber nahmen sie die Zwerge auf und pflegten sie auf das sorgsamste. Der König verliebte sich sogar in die schöne Jungfrau und bot ihr seine Hand an. Als er mit seinem Antrage zurückgewiesen wurde, bat er die Maid, sie möge nur bei ihnen bleiben: er wäre schon zufrieden, wenn er sie sehen könne. Und nun ließ er ihr einen großen herrlichen Kristallpalast bauen und ging immer um denselben herum, nur um die Jungfrau zu sehen. Jeder ihrer Wünsche wurde erfüllt. Doch begann sie bald Langeweile zu haben und sich wieder auf die Erde zurückzusehnen. Auf ihr Verlangen brachten ihr die harmlosen Zwerge sogar das Hütchen, mit dem sie herabgefahren war. Sie setzte es schnell auf, und sogleich war sie am Lande, bedeckt mit dem schönsten Perlenschmucke, den ihr der Zwergenkönig zum Geschenk gemacht hatte.


3.

Die Besitzer eines Edelhofes hatten in alter Zeit einen Vertrag mit den Wassermännchen abgeschlossen, dass diese die kleinen Fische, welche beim Steigen des Wassers in die offenen Aushöhlungen der Steine getrieben und beim Fallen darin zurückgelassen würden, für sich nehmen dürften. Der Vertrag ward treu gehalten, und die Letzte des Stammes erlaubte ihnen sogar zeitweise auch, in dem großen Wasser zu fischen. Nun zogen aber andere Herren auf, welche den Zwergen feindlich gesinnt waren; insbesondere waren es die ungezogenen Jungen, welche in ihrem Übermute die kleinen Wasserlachen ausschütteten oder die Fischchen verdarben. Da schickten die Zwerge Gesandte an den Edelherrn, um sich über den Treubruch zu beschweren. Der aber fertigte die kleinen Leute mit Hohnlachen ab und die bösen Buben trieben es nun ärger denn zuvor. Nun trat eine neue Gesandtschaft der Zwerge vor den Burgherrn und führte diesmal eine ernstere Sprache. Sie beriefen sich auf den Vertrag und die althergebrachte Übung: erst gestern hätten sie ein Fest gefeiert und keinen Fisch wie früher auf die Tafel bringen können. Die Gesandten aber wurden vor den Augen des Vaters von den Buben mit dem Schimpfworte: "Fort, ihr Wassermäuse!" hinausgejagt aus dem Schlosse, gestoßen, geschlagen, und auf der Flucht fielen die armen Zwerge, und die Buben über sie hin. Als sie endlich ans Wasser gekommen waren, kehrte sich der Zwerge Ältester, welcher auch das Wort geführt hatte, um, und fluchte den Buben, dass es ihnen nach ihrem Tode übel ergehen solle; sie sollten zu Wassermäusen werden, und in den Steinlöchern herumirren müssen, sie und alle ihres Geschlechts, bis einer käme, der sie erlöse. So wurden diese und alle ihre Nachkommen zu Wassermäusen. Neuenhammer.


4.

Eine besondere Art der Wassermännlein sind die Wassertreter. Man sieht sie im Frühjahre an Vormittagen als kleine, junge, nackte Männlein auf der Naab schnell hin und wieder laufen, von Stein zu Stein hüpfen. Sie sind sehr scheu, und verschwinden, sowie man ihnen näher kommt. Auch tun sie niemanden etwas zuleide. Neustadt.


5.

Aus einem Gehölze bei Neuhaus sieht man öfter schwarze Männlein hervorkommen und in die Naab springen, wo sie verschwinden.

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Wassermann

Der Wassermann, ahd. Nichus, gilt dem Volke vorzugsweise als ein grausames Wesen, da er Kinder und Erwachsene in sein Element hinabzuziehen bemüht ist, somit dem Menschen feindselig gegenübersteht. Ursprünglich lag dieser Zug wohl nicht in ihm: wie Ran die im Meere Ertrunkenen, wird er die in den Landgewässern Verunglückten zu sich aufgenommen haben. Das Volk hat ihn indessen einmal von der schlimmen Seite aufgefasst, und trägt seinen Namen auf böse Kinder, die böse Nickl heißen, über.

Er lebt einsam und gehört daher nicht zu den Elben. Sein Erscheinen ist verschieden; im Allgemeinen ist er wohlgestaltet, und trägt nur wenige Abzeichen an Mund und Rücken, die ihn kenntlich machen. Mit sämtlichen Wassergeistern teilt er den Zug, sich mit Menschenkindern zu vermischen, doch nur vorübergehend; auch nimmt er die Kinder aus solcher Verbindung zu sich und zeigt sich dadurch von rauerer Seite als die Wasserfrau, welche dem einmal gewählten Manne treu bleibt und ihre Kinder dem Vater überlässt oder doch der Erlösung zuführt.

Manchmal vernimmt man seine klagende Stimme: denn sein Reich ist zu Ende.


1.

Auf dem Grunde des Wassers haust ein böser Geist, der Wassermann. Insofern er in Brunnen wohnt, heißt er auch Brunnenmann. Wenn man in den Brunnen hinabschaut, sieht er herauf. Velburg.

Er ist Schreckgestalt für die Kinder: Man warnt sie, nicht an das Wasser zu gehen, denn drinnen ist der Wassermann, der sie mit einer langen Hacke hinunterzieht. Spalt.

Die Mutter droht auch sonst dem bösen Kinde mit den Worten: "Wart nur, es kommt schon der Wassermann und nimmt dich mit!" oder: "Wart, ich gebe dich dem Wassermann!" - Er sieht die hinunterschauenden Kinder immer an, und winkt ihnen mit den Augen: der Blick zieht sie hinunter. Ebnat.

Daher singen die Kinder, wenn sie am Brunnen sind: "Brunnenmann, Brunnenmann, zieh mich nicht in den Brunnen hinein!" Treffelstein.


2.

Er gibt die Kinder, welche er hinabgezogen hat, nicht mehr zurück, weder lebendig noch als Leiche. Treffelstein. - Gleichwohl ist er es, von welchem die Hebamme die neugeborenen Kinder aus dem Brunnen erhalten hat. Neuenhammer.


3.

Der Wassermann zieht auch die feurigen Geister, die Irrlichter, an: die meisten derselben gehen dem Wasser zu. Ebnat.


4.

Im Frühling, wenn beim Auftauen die Wasser groß werden, heißt es: "Heut kommt der Wassermann!" Ebnat.

Zu Tirschenreut, als es noch ganz von Wasser umgeben war, hörte man oft nach Gebetläuten die Stimme des Wassermannes vom jenseitigen Ufer her, sein Rufen und Klagen.

Gar oft kommt aus dem Stieberweiher bei Floß der Stiebermann, ganz nass, einen großen Hut auf dem Kopfe und "hourat", schreit "hou".


5.

Zu Krumpenwün bei Velburg führt er den merkwürdigen Namen 'da bloudi Mon', 'der blutige Mann'. Vielleicht wurden dort in heidnischer Zeit blutige Menschenopfer gebracht. Jedenfalls gibt es Zeugnis von dem Zuge der Grausamkeit im Wesen des Wassermannes, wovon auch andere germanische Stämme zu erzählen wissen.


6.

Der Wassermann kündet durch sein Erscheinen an, dass demnächst ein Mensch im Wasser verunglücken wird.

Zu Wetterfeld bei Roding ging ein Weib einmal abends vor die Türe. Da sah sie am Streuhaufen einen Mann liegen, voll langer Haare und von Wasser triefend. Schnell eilte sie zurück, um die Leute im Hause zu rufen; doch er war schon verschwunden. Tags darauf ertrank der siebenjährige Knabe des Weibes.


7.

Zu Waldkirch, bei Waldthurn, auf der Mühle, geht einer über den Weiherdamm; da hört er es im Wasser unten: "Dunk, dunk!" rufen und eine andere Stimme darauf antworten: "I koñ niad dunka, a háud an Johannessegn drunka!" - Dieses ist Seitenstück zu der Erzählung des Gregor von Tours, in Grimms Myth. S. 466.


8.

Auf einer Mühle im Walde hatte der Müller große Not mit dem Wassermann. Der kam jede geschlagene Nacht in die Stube und trug Fische auf und zu, und kochte und sott und briet, und fraß alle selber zusammen. Der Müller wusste sich nicht mehr zu raten und zu helfen. Nun sprach einmal ein Handwerksbursche zu, der hatte als Hunde drei Bären bei sich, und blieb über Nacht. Wohl hatte er Hunger, aber der Müller konnte weder ihm noch den Bären in der Nacht etwas zu essen schaffen. Während dem kam auch der Wassermann und war gar geschäftig, seine Fische zuzurichten und zu verzehren. Als er so an dem Tische saß und an seinen Fischen kaute, rochen die Bären die leckere Speise, und schlichen sich an den Tisch und schlugen mit ihren Tatzen auf die Schüssel. "Katsch Kodl!" schrie der Wassermann und schlug die ungebetenen Gäste auf die Bratzen. Diese aber wurden zornig und brummten und warfen den Tisch um und fielen über den Wassermann her, den sie jämmerlich zerkratzten und zerbissen, bis er sein Heil in der Flucht fand. Er blieb nun im Mühlwasser, Tag und Nacht, und getraute sich nicht mehr in die Stube. Der Müller war dessen sehr froh und tat als sähe er seinen guten Freund gar nicht im Wasser sitzen. Über eine Weile hob der Wassermann seinen Kopf aus dem Wasser hervor und fragte den Müller, ob er noch die drei Katzen in der Stube habe? "Jawohl", sagte dieser, "noch mehr, ich habe deren sechs!" Da duckte sich der Wassermann und kam nicht mehr herauf. Neuenhammer.


9.

An letztgenanntem Orte geht auch noch Folgendes über den Wassermann: Er ist wie ein großer, schön gebauter Mann mit wunderschönen Wasseraugen, die Haare blond und lang; nur wird er verunstaltet durch einen ungewöhnlich großen Mund und lange Zähne; daher ist er von hinten schöner als von vorne! Den Mädchen, welche er liebt, erscheint er im Hemde, welches ein gläserner Gürtel festhält: es soll die den Rücken hinunterlaufende Reihe glänzender Fischschuppen verbergen. Seiner Geliebten bringt er Geschenke an Perlen und edlen Steinen. Anfangs ist er so kalt wie Wasser, bis er sich am Menschenleibe erwärmt. Dem Menschenauge bleibt der Zustand des Mädchens, welches von ihm ein Kind trägt, verborgen. Bei der Entbindung ist er gegenwärtig, nimmt das Kind zu Händen, ohne dass die Mutter es merkt und trägt es mit sich in das Wasser. Hierüber folgende Sage:


10.

Der Wassermann hat es auch mit den Töchtern der Menschen zu tun.

Eine Magd, die es mit dem Wassermanne hielt, ward von der Frau ausgesendet, um ihren Mann, der so lange nicht heimkam, aufzusuchen. Die Magd blieb aber auch lange aus, und so ging die Frau in die Magdkammer hinunter, um da zu warten und legte sich, um es bequem zu haben, auf das Bett hin. Nicht lange, so kam der Wassermann herein und tat ihr wie ihr Mann; sie vermeinte auch, es sei ihr Mann. Nun wurde geklopft. Sie sprang auf, um zu öffnen: es war die Dirn. Zu gleicher Zeit trat aber bei der Hintertüre auch der Mann herein. Sie lachte ihn an, weil sie glaubte, umsonst nach ihm geschickt zu haben. Als neun Monate um waren, kam sie zur Entbindung. Sie sah den Wassermann ihr zur Seite stehen und Zeichen über sie machen. Darauf verfiel sie in Ohnmacht und beim Erwachen fehlte das Kind. Der Wassermann hatte es mitgenommen.

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Wesen der Wasserfrauen

Die Wasserfrauen sind höhere weibliche Wesen, welche im Wasser ihre Wohnung haben, ohne gerade auf dieses Element allein beschränkt zu sein, und ganz oder zur Hälfte menschliche Gestalt in vollendeter Schönheit an sich tragen; damit ist zugleich auch der Unterschied der Sirene von der Nixe gegeben.

Die Wasserfrauen, welche oben schönes Weib, unten in Fisch- oder Schlangengestalt ausgehen, sind die wälschen Sirenen, welche auf deutschem Boden nicht wurzeln, sondern von dem Auslande, dem Romanischen, herübergenommen sind. Dagegen gehört die Wasserfrau, die Nixe, welche ganz als Weib erscheint, ursprünglich dem germanischen Glauben an und ist Gegenstand der lieblichsten Sagen. Selbst das Volk kennt diesen Unterschied und hält ihn noch fest, indem es jene Meerfräulein oder Seejungfrauen, Mirfral, diese bloß Wasserfräulein, Wasserfral, benennt.

Die Sirene zeichnet das Volk zumeist als trügerisch, verlockend, grausam, während die Nixe ihm die anmutigste Erscheinung ist und nur aus Rache grausam werden kann. Beide haben gemein, dass sie nach der Liebe schöner Männer trachten und diese entweder zu sich in das nasse Element hinab, in ihre Wohnungen, ziehen, oder selbst zu ihnen auf das Land sich begeben, um dort zu verweilen. Die Sirene sucht in der Männerliebe Erlösung, die Nixe Jugend, Schönheit und höheres Alter zu gewinnen. Denn die Nixe verfällt dem Tode, sei es, dass sie die ihr bestimmte Reihe von Jahrhunderten durchlebt oder durch Ungehorsam die Rache der Wassergottheit, des Wasserkönigs, gereizt hat. Erscheinen sie hier abhängig, so ist es ein merkwürdiger Zug der Sage, dass ihnen hinwieder die Wasserzwerge dienstbar sind. - Gewöhnlich endet aber eine solche Verbindung zum Unheile, so für den Mann, der die Treue bricht, wie für die Nixe, welche in Liebe zu dem Gatten oder ihren Kindern befangen, den Gesetzen ihres Reiches zu gehorchen vergisst. Die Kinder aus solchen Ehen nehmen Teil an beiden Naturen, doch wiegt die des Vaters zuletzt vor, da sie zur Erlösung gelangen können. Das Übermenschliche, welches ihnen von der Seite der Mutter anhängt, zeigt sich nur in schwachen Spuren am Fuße, an der Schwimmhaut zwischen den Zehen, oder darin, dass sie im Wasser nicht nass werden. Doch kann die Mutter, wenn sie ein bestimmtes Kind der Wassergottheit zum Opfer bringt, für die anderen Kinder das Band mit dem Wasser lösen.

Die Nixen sind Elben: sie leben in Gemeinschaft, und ergötzen sich in fröhlichen Reihen, während die Sirene vorzüglich durch ihren Zaubergesang berühmt ist.

Insofern die Sage berichtet, dass sie den Vorüberziehenden zu trinken bietet, nimmt die Wasserfrau auch einen Zug der Walküren, welche in Walhalla Mundschenkenamt verrichten, in sich auf. Den Übergang beider vermitteln die Schwanjungfrauen, welche an drei Elementen - Luft, Wasser, Erde - Teil haben.

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Meerfrauen

1.

Über sie ist die Anschauung des Volkes überall dieselbe. Sie sind Doppelwesen, halb Weib, halb Fisch oder Schlange, singen wunderschön auf dem Wasser und locken damit die Menschen an, um sie in die Flut hinunterzuziehen.

Nähert sich ihnen ein Mann, wird er zerrissen. Waldmünchen.

In der Naab bei Neustadt sieht man das Meerfräulein im Frühjahre und Sommer, wenn die Sonne schön untergeht, als schönes Weib mit langen Haaren aufrecht schwimmen, den Fischteil unter dem Wasser verborgen. Da hört man sie auch schon von Weitem schön singen: Wer sich ihr nähert, den zieht sie hinunter.

Wenn das Meerfräulein singt, kommt starkes Wetter, daher sie der Schiffmann fürchtet. Ihre Speise sind die grünen Fische. Bleystein.


2.

Die Seejungfrau war erst eine wunderschöne Prinzessin, dabei aber sehr böse und unruhig, weshalb sie der eigene Vater verfluchte und auf das Meer gehen hieß, wo sie tun könne, was sie wolle. So ward sie halb Weib, halb Fisch, und lebt im Meere, wo sie durch einen ganz eigenen Gesang anzeigt, dass in 24 Stunden Sturm eintreten werde. Pressat.


3.

Auf weibliche Zentauren möchte deuten, was vom Neuweiher am Fichtelgebirge erzählt wird. Dort vernimmt man zu heiligen Zeiten verschiedene Stimmen in der Luft, bald Weinen, bald Singen, oft eine halbe Stunde im Umkreis; es sind Geister, welche oben Weib und ganz nackt sind. Man kann ihnen nicht nahe kommen: sie verschwinden im Wasser mit einem plätschernden Lärmen, wie wenn Rosse in den Fluten herumspringen.

Die germanische Heidenzeit kennt auch Wassergeister in Pferdegestalt.


4.

Wenn das Meerfral nicht alle Tage eine Menschenleiche zu essen bekommt, stürzt sie das Schiff um. Daher nimmt der Meersegler, ehe er ausfährt, eine Truhe voll Leichen mit; gehen sie ihm auf dem Wege aus, muss er die Lebenden hinabwerfen; das Meerfral würde sonst das Schiff, welches sie auf dem Rücken trägt, umstürzen. Pfatter. Neuenhammer.

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Sagen von der Meerfrau

Von den folgenden drei Sagen ist die erste Seitenstück zur Melusine, die zweite bemerkenswert dadurch, dass die Meerfrau den geraubten Mann gegen Opfer an Speise wieder freigibt.


1.

Ein Förster hatte einen Sohn. Dieser bekam den Dienst nicht, als der Vater starb und ging also in die Fremde, sein Brot zu suchen. Auf dem Wege verirrt er sich in einer Wildnis; er hat nur mehr ein Stück Brot, das isst er; nun ward er durstig und sucht nach einer Quelle. Er findet einen Fußsteig, geht ihm nach und gelangt zu einem Brunnen, aus welchem eine wunderschöne Frau Wasser schöpft. Sie bietet ihm einen Trunk, er trinkt. Sie fragt ihn, wohin er ziehe. Er antwortet: "In die Fremde, einen Dienst zu suchen." "Den kannst du bei mir haben, wenn du willst", entgegnete sie ihm. Sie war schön, und so folgte er ihr in ihr Haus am Brunnen. Bald fanden sie sich zusammen und hielten Verlobung; doch eine Bedingung musste er zuvor eingehen, nämlich, dass er an keinem Donnerstage nach ihr frage, wenn sie zu wenig wäre. So lebten sie glücklich vierzehn Jahre lang, und sieben Knaben hatte sie ihm geboren, als er doch neugierig wurde, welches das Geheimnis seines Weibes sei. Noch war das vierzehnte Jahr nicht um, da sah er an einem Donnerstage durch das Schlüsselloch in ihr Gemach und erblickte sie in einer Badwanne sitzen, unten in der Gestalt eines Fisches. Des anderen Tages tritt das Weib zutraulich zu ihm hin; er aber stößt sie zornig zurück; mit einem Drachen wolle er nicht leben. Da weinte sie bitterlich: Hätte er nur die zweimal sieben Jahre durchgemacht, wäre sie erlöst gewesen, denn sie sei von ihrer Mutter aus verwünscht; nun müsse sie in der Luft herumfliegen bis an den jüngsten Tag. "Des Windes Heulen wird meine Stimme, das Wirbelgestäube meine Speise, meine Tränen mein Trank sein", wehklagte sie. Da wollte er sie zurückhalten, sie aber entwich ihm und flog immer ums Haus. An jedem der sieben Fenster saß eines ihrer Kinder: Zu diesen weinte sie hinein, Abschied zu nehmen, und die Kinder winselten ihrer Mutter nach und wurden von ihr nachgezogen; ihre Stimmen sind das feine klagende Winseln des Windes. Dümpfel.


2.

Ein Meerfräulein stieg täglich um Mittag aus dem Wasser im Walde hervor und saß auf dem Spiegel auf einem Stuhle, einen Tisch vor sich. Da fuhr ein Bauer mit seinem hübschen Sohne in das Holz und am Weiher vorbei; den Wagen ließ er hier stehen und der Bube sollte des Zugviehes warten. Nicht lange, so lockte diesen die Wasserfrau, warf ihm Blumen zu und fragte ihn zuletzt, ob er nicht zu ihr aufs Wasser herüberkommen möchte. Da ward er gewonnen; er ging ins Wasser und versank, von der Wasserfrau hinabgezogen. Das hatte aber der Vater, als er eben vom Holzfällen herkam, gesehen und schlug und peitschte das Wasser; vergebens, er musste allein heimkehren.

Nach mehreren Jahren fährt der arme Vater wieder des Weges, und sieht seinen Sohn bei der Wasserfrau auf dem Teiche sitzen; da bat er sie flehentlich um seinen Sohn, sie habe ihn lange genug gehabt, er gebe ihr, was sie verlange.

Die Wasserfrau ließ sich erweichen und stellte den Sohn dem Vater zurück. Der brachte dafür des anderen Tages einen Wagen voll Lebensmittel an den Teich und warf sie ins Wasser und die Meerfräul zog alles hinab.

Sie hatte unten ein Stübchen von Glas: oben schönes Weib, war sie unten Fisch, jedoch nur einen Tag in der Woche; statt der Kleider dienten ihr die langen Haare; sie aß Fische und trank Wasser. Des Bauern Sohn musste ihr Holz hauen, den Ofen zu heizen, und das Stübchen zusammenräumen. Ebendort.


3.

Einem Schiffe auf dem Meere waren die Leichen für das Meerfral ausgegangen und es musste nun unter der Mannschaft das Los entscheiden, wer in die Fluten gesenkt werden solle. Es traf einen jungen schönen Mann. Doch erbarmte sich die Meerfrau seiner, weil die Braut schon an dem Ufer des nahen Landes mit Sehnsucht auf ihn wartete, und trug ihn ans Land und beschenkte ihn mit drei Säckchen, voll von Gold, Silber und Perlen. Dagegen musste ihr das Brautpaar das siebente Kind aus der Ehe versprechen.

Als dieses zur Welt kam, erschien die Meerfrau und nahm es in Empfang: denn jeden siebenten Tag der Woche ist es ihr vergönnt, die volle menschliche Gestalt anzunehmen; die trauernden Eltern tröstete sie damit, dass es dem Kleinen gut ergehen solle.

Es verging nun eine geraume Zeit, da wählte sich der älteste Sohn gegen der Eltern Willen ein armes Mädchen zum Weibe und ward von ihnen verstoßen. Nun erschien die Meerfrau wieder, brachte das siebente Kind, zum schönen Jüngling erwachsen, zurück, reiche Geschenke aber für das unglückliche Brautpaar gegen das Versprechen, dass wieder das siebente Kind der Ehe ihr angehöre.

So ist die Meerfrau auch jetzt noch der gute schützende Geist für diese Familie: Bricht ein Unglück herein, kommt sie zu helfen; immer aber hat sie ein Kind aus deren Kreis bei sich in ihrem unterseeischen Glaspalast, und ist dieses zum Jüngling erwachsen, stellt sie es zurück und holt sich ein neues. Neuenhammer.

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Wasserfräulein

1.

Man sieht sie zur Mittagsstunde oder um Mitternacht, bei Sonnen- oder Mondlicht, auf ruhigem Wasserspiegel, stets in verführerischer Stellung. Manchmal auch stehen sie mit einem Fuße auf dem Ufer oder sonst einer Unterlage, den andern halten sie ins Wasser. Ihre Haare sind teils hellblond, teils schwarz, blauschwarz, sehr reich und lang. Den Leib umhüllt ein Florschleier, leuchtend in Wasserfarbe. Dabei machen sie sich immer etwas zu tun: sie pflücken Blumen, flechten sich Kränze aus Wasserpflanzen. Gewöhnlich strählen sie sich aber das Haar mit einem goldenen Kamme, dessen Gestalt einem Rosskamme gleicht, mit sehr feinen Zähnen; sie lieben es dabei, den Kamm so zu halten, dass Sonne oder Mond darin widerstrahlt; dann blasen sie ihn aus, und schweiben ihn im Wasser, alles mit gewinnender Anmut.

Nicht alle Menschen sehen sie, sondern nur jene, denen sie gefallen wollen. Daher zeigt sich auch immer nur eine; aus Eifersucht hält sie die anderen ferne. Sie heißen Wasserfral, Wasserfräulein, mit ihrem Eigennamen gewöhnlich Hulda. Neuenhammer.


2.

Die Erzählerin dieses sah das Wasserweiblein, wenn sie auf die Eidlmühle bei Treffelstein hinunterging, in der Schwarzach nachts im Wasser stehen und das lange blonde Haar kämmen. Die glänzenden Haare bedeckten ihr das Gesicht. Wollte man sich ihr nähern, verschwand sie im Wasser, kam aber bald über oder unter der Stelle wieder zum Vorschein. Sie ward so oft gesehen, dass ihr Erscheinen gar nicht mehr auffiel. Man hielt sie für etwas anderes als eine arme Seele.


3.

Auf der Wiese, welche den Eltern der Erzählerin aus Waldmünchen gehörte, waren die Mägde mit Mähen beschäftigt. Es war eben Mittag und die Sonne schien sehr heiß. Da vernahmen sie aus dem Bächlein, welches dorten fließt, ohne etwas zu sehen, eine feine Stimme dreimal rufen: "Das Stündlein ist verflossen, das Knäblein noch nicht da." Zu gleicher Zeit kam ein junges Bürschchen eiligst dahergelaufen, um sich zu baden. Die Dirnen wollten ihm wehren und sagten ihm, was sie soeben gehört. Er aber meinte, er wolle nur ein wenig ins Wasser sich tauchen, ihm sei gar so heiß; stieg in den Bach und ertrank.


4.

Zwischen Waldmünchen und Ast, in einem Föhrenwalde, Föhra genannt, ist ein Weiher. In diesem sah man früher ein Fräulein in alter Tracht, das Haar goldgelb und so dick, dass es den ganzen Körper bedeckte. Sie war mit Waschen beschäftigt. Wer vorbeiging, den rief sie an, ob er nicht trinken wolle. Die Leute aber zogen schweigend des Weges, ohne der Einladung zu folgen. Wollte man es aber wagen sie auszuspotten, so ergriff sie den Frevler, und drückte ihm den Kopf so lange unter das Wasser, bis er ertrank. Vom Walde heißt sie Föhra-Lena.

Gewöhnlich meldete sie ihr Heraustreten aus dem Teiche um die zwölfte Stunde bei Tag oder Nacht durch drei heftige Schläge an einen Baum im Walde an, damit jeder die Stelle meiden konnte.

Einer von Hiltersricht fuhr wöchentlich ein Fässchen Bier aus Waldmünchen durch dieses Holz, und wenn er am Wasser war, rief er regelmäßig der Föhra-Lena, ihm schieben zu helfen, und sie kam auch jedes Mal, ihm beizustehen. Einmal war er aber etwas heiterer als sonst gestimmt, und so zapfte er sein Fässchen an und ließ die Wasserfrau von dem Tranke kosten. Nach einigem Aufenthalte schoben sie weiter. Die Wasserfrau aber wollte nun auch ihn trinken lassen und zog ihn, weil sie vorne am Schubkarren ging, in den Weiher und unter das Wasser, so dass man selbst seine Leiche nicht mehr fand.


5.

Im Helfenberger Weiher, bei Velburg - er war an 2000 Tagwerk groß, ehe er trockengelegt wurde - zeigten sich sonst mehrere Wasserjungfrauen, zwei bis drei beisammen, die Haare kämmend.

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Der Wasserfräulein Liebe

1.

Ein Burgvogt befragt, warum er so lange nicht heirate, gab zur Antwort, er habe einst geträumt und im Traume ein Mädchen gesehen, so schön und lieb, wie er noch keines bisher gefunden, sie stehe nun immer vor seiner Seele; er wisse noch alles ganz genau und würde selbst die Gegend erkennen, wo er im Traume sie gesehen.

Einmal musste er im Auftrage seines Herrn eine Reise unternehmen. Nachtherberge fand er auf einem Schlosse im Gartenhause. Es war eine schöne, mondhelle Nacht, und da er nicht schlafen konnte, ging er hinaus in den Garten. Am Ende eines Laubenganges befand sich ein Springbrunnen. In diesen schaute er eine Zeit lang hinein und glaubte plötzlich die Jungfrau, welche ihm im Traume erschienen war, im Wasserspiegel zu erkennen. Nachdenkend kehrte er zurück, und es war ihm hierbei, als ginge die Jungfrau vor seinen Augen einher. Er öffnete die Türe des Gartenhauses und war überrascht, dieselbe Jungfrau im Gemache zu erblicken. Nicht lange währte das Gespräch zwischen beiden, so trug ihr der Vogt seine Hand an, und sie blieb sofort bei ihm, als wäre sie schon längst sein Weib. Am Morgen aber hatte der Vogt Reue, dass er sie über Nacht bei sich behalten. Da lächelte sie und tröstete ihn. "Sei ruhig", sprach sie, "es hätte ja doch einmal sein müssen. Deine Formen sind nicht die meinen; ich bleibe bei dir; doch frage mich nie um meine Herkunft!" Dabei langte sie in die Falten ihres weiten Kleides und reichte dem Erstaunten einen reichen Schatz an Perlen und Edelsteinen daraus hervor.

So lebten sie glücklich zusammen. Das Glück erhöhten ihre Kinder, die sie ihm gebar. Als sie aber mit dem siebenten Kinde schwanger ging, überkam sie große Angst, und als der Knabe geboren war, wendete sie ihm eine Sorgfalt und Zärtlichkeit zu, wie keinem der früheren Kinder. Der Knabe war so zum jungen Mann von 25 Jahren gereift. Da vernahm der Vater von ihrem Munde das Geheimnis, das seither so schwer auf ihr geruht hatte. "Du musst wissen", hub sie an, "dass ich eine Wasserfrau bin. Sieben Kinder habe ich geboren, sechs gehören dir, das siebente habe ich versprochen, nach 25 Jahren dem Wasser als Tribut zu opfern, um die anderen sechse dir zu retten. Nun soll ich von meinem Sohne mich trennen, der mir der liebste ist."

Da berieten sich die Gatten und beschlossen, den Sohn auf Reisen zu senden, ihn aber vor dem Wasser zu warnen. Also verließ der Sohn die Heimat und ging hinaus in die weite Welt, stets das Wasser vermeidend. Doch einmal vermochte er es nicht, der Warnung der Mutter zu gehorchen; einem schönen Mädchen zu Gefallen unternahm er eine Wasserfahrt. Heiter und schön war der Himmel, ruhig wie ein Spiegel der See. Plötzlich aber begann das Wasser zu wogen und zu brausen; es warf das Schifflein auf und nieder, so dass alle gedachten, ihre letzte Stunde sei gekommen. Wollte der Jüngling Hand anlegen, das Schifflein zu lenken, tobten die Wogen noch unbändiger. Um die anderen zu retten, sprang er hinaus in die stürmische Flut, und sogleich sah man ihn von einem schönen Frauenarm umschlungen und in die Tiefe gezogen. Er befand sich in den Armen einer schönen Wasserfrau und bedurfte keiner Überredung, bei ihr zu verbleiben, so sehr hatte ihn ihre Schönheit gefesselt. Doch mit Trauer gedachte er der Mutter zu Hause und erhielt das Versprechen, dass er sich ihr alle vier Wochen zeigen dürfe, indem er den Kopf über das Wasser erhebe. Zu gleicher Zeit sollte auch der Mutter Meldung geschehen, wo ihr Sohn sei, und dass sie ihn alle vier Wochen sehen werde, obwohl sie durch ihre Wortbrüchigkeit solche Gunst nicht verdient habe.

Der Sohn aber gedachte bald nicht mehr der Mutter, noch weniger der Zeit, wo er sich ihr zeigen könne. Wohl mahnte den Liebetrunkenen die Wasserfrau, doch er meinte immer, die Zeit sei noch nicht hiefür gekommen, wie denn die Zeit da unten eine ganz andere ist als bei uns. Erst als ihm ein Knabe geboren wurde, gedachte er seiner Pflicht, und wollte hinauf an den Wasserspiegel, um die Mutter zu sehen. Er vermochte es nicht mehr. So war ihm auch das siebente Kind geboren. Da wollte er sich nicht mehr zurückhalten lassen: Er näherte sich der Wasserfläche und sah ein Schifflein fahren. Drinnen saß eine jugendliche Braut, mit den Zügen seiner Schwester. Da legte er sein Ohr an den Kahn, und vernahm, die Braut sei die Tochter seiner Schwester. Überwältiget von Sehnsucht nach den Seinigen auf der Erde, erhob er das Haupt über die Wasserfläche. Die Braut erkannte ihn. Er aber stieß einen Schrei aus und verschwand. Zur Stelle zeigte sich eine Blutlache.

Eines Tages ging die Mutter, traurig über das unbekannte Schicksal ihres Sohnes, im Garten. Da lag die Leiche ihres Sohnes am Brunnen. Nun ward ihr klar, was geschehen war. Auch ihre Zeit war um. Sie ergriff die teure Leiche und stürzte mit ihr in den Brunnen. Von beiden ward nichts mehr gesehen.

So hatte die Wasserfrau sieben Kinder gewonnen, und durch den Wassertod des siebenten für sich die Erlaubnis, auf neue drei Jahrhunderte schön und jung zu bleiben. Neuenhammer.


2.

Ein Ritter und seine Frau, sehr reich an Gütern dieser Welt, hatten nur ein Kind, einen Knaben. Als dieser zwölf Jahre zählte, starb der Vater, und die Mutter zog mit ihrem Kinde auf eine Burg, die in der Mitte eines Sees stand, um von der Welt abgeschieden ganz ihrer Trauer leben zu können. Der Knabe aber wuchs und nahm zu an Schönheit und Verstand; doch war er immer so bleich und in sich gekehrt. Er liebte es, allein zu sein und hatte sich daher das Zimmer gewählt, welches am entlegensten die schönste Aussicht auf den See gewährte. Träumerisch schaute er immer hinaus in den See. Als er 24 Jahre alt war, drang die Mutter in ihn, sich eine Braut zu wählen; ihr war das Leben zu einsam geworden. Er aber wollte nicht. Eines Abends, nachdem die Mutter recht ernstlich in ihn gedrungen war, lehnte er sich betrübt an das offene Fenster und sah den Mond gar lieblich im Wasser sich spiegeln. Da gedachte er einer Braut und wie sie aussehen müsse, ihm zu gefallen. Ermüdet ging er zu Bette, vergaß aber, das Fenster zu schließen. Plötzlich bemerkte er einen lichten Schein am Fenster; er blickte auf, konnte aber nichts unterscheiden. Schon wollte er einschlummern, da rauschte der Vorhang des Bettes und ein weibliches Wesen mit Seidenhaaren und leichten Gewändern lag an seiner Seite. Der matte Schein des Mondes gestattete ihm so viel, dass er ein bleiches wunderschönes Frauenhaupt neben sich bemerken konnte. Sie schmiegte sich an ihn und in liebendem Spiel und Gespräche verging die Nacht. Am Morgen war das Frauenbild verschwunden. Kurz vorher hatte sie ihm eröffnet, dass sie wiederkommen werde: denn oft habe sie ihn gesehen, wie er im Mondenlichte hinausgeblickt auf den See, und sie wäre schon früher zu ihm eingetreten, wenn die Fenster offen geblieben wären.

So lag jede Nacht ein Frauenbild an seiner Seite, und glücklich war er in dieser Liebe. Nun meinte er, es sei nicht immer dasselbe Wesen, welches mit ihm das Bett teile. Umso mehr bat er, sie möge sich bei Tage zeigen, seine Mutter dringe in ihn, dass er ein Weib nehme; möge sie auch arm sein, er werde sie zum Altare führen. Sie aber entgegnete immer: "Mein Lieber, das kann nicht sein; ich kann mich nicht trauen lassen nach deiner Weise; lass mich dein Weib sein, wie ich es bisher war." Indessen hatte sich die Mutter selbst um eine Braut für den säumigen Sohn umgesehen; doch sie ließ ihn kalt, und als er abends zu Bette ging, seufzte das Frauenbild. Die Mutter aber eilte und bestimmte den Tag der Hochzeit. Er kam. Am ersten Tage wurde getanzt bis an den Morgen, den zweiten füllten Bankette aus, am dritten führten die Frauen die Braut in sein Gemach. Als sie eintraten, rauschten die Vorhänge an der Himmelbettstatt; die Braut erschrak. Sie sollte zuerst das Bett besteigen und glaubte, es schon besetzt zu finden. Lachend über ihre Ängstlichkeit folgte der Bräutigam nach. Aber zwischen beiden lag die Wasserfrau. Von eisigem Atem angeweht, wich die Braut an den äußersten Rand. So war es jeden Abend. Der Ritter vermeinte, seine Braut im Arme zu haben, die Braut aber härmte sich ab und starb noch vor Jahresfrist als Jungfrau.

In gleicher Weise erging es noch zehn Frauen, welche die Mutter dem Sohne gesucht: alle starben vor Jahresfrist. Die zwölfte Braut aber war klug und erholte sich Rates bei einer Hexe. Von dieser erfuhr sie, wie Wasserfrauen schuld seien an dem Unglücke der früheren Bräute; sie könne sich aber schützen, wenn sie am dritten Tage der Hochzeitfeier ihren Gatten nicht vor Ende der Geisterstunde begleiten würde. Sie solle ihm nicht folgen, um ihn und sich zu retten. Er werde zwar um die Mitternachtsstunde meinen, es ziehe ihn bei den Haaren hinaus in sein Schlafgemach; sie solle aber standhaft bleiben. Ferner möge sie nicht unterlassen, das Fenster gegen den See schließen zu lassen, ja recht fest, damit die Geister nicht hereinkönnen. Der Gatte werde sich dann von klagenden Tönen angezogen fühlen, es werde ihn drängen hinauszuspringen in die Fluten. Dafür ward sie mit einem Zauberspruche bewahrt und mit Kräutern, welche sie unter das Bett werfen solle. Noch ward ihr die Warnung, ja nicht vor ihrem Gatten die Vorhänge des Bettes auseinanderzuziehen und dieses zu besteigen, sowie alles, was sie gehört, für sich als Geheimnis zu bewahren, es würde sonst unfehlbar ihr Gatte sich wieder in die Gewalt der Wasserfrauen begeben.

Nun kam der dritte Hochzeittag. Es ward Abend, Mitternacht. Immer unruhiger zeigte sich der Gatte; es hatte ihn schon angewindet. Immer wollte er fort; die Braut hielt ihn zurück bis Mitternacht lange vorüber war. Im Schlafzimmer angelangt, öffnete er die Bettvorhänge, da seufzte es zwölfmal. Die Braut sprach ihren Zauberspruch und betete mit ihrem Gatten; seit zwölf Jahren hatte dieser nicht mehr an Gott gedacht. Nun vernahmen sie wilden Gesang und Brausen des Wassers. Der See stieg, dass die Wellen an dem Fenster leckten. Aber die Nacht war gewonnen und der Friede eingekehrt für immer.

Nach Umlauf eines Jahres gebar die Burgfrau; es war ein Knabe und groß der Jubel. Die Hexe aber hatte geraten, die Mutter solle das Kind vor dem zwölften Tage nicht aus der Hand geben; die Zwölfzahl drohe dem Hause Gefahr. So ward das Kind am dreizehnten Tage getauft. Während der Taufe vernahmen sie aus den Ecken des Zimmers Kinderstimmen und die Worte: "Ich möchte es auch, ich möchte es auch." Doch wurde nichts gesehen. So gebar sie nach und nach zwölf Kinder. Bei jeder Taufe aber ließen sich die Stimmchen hören. Als nun das zwölfte Kind getauft wurde, ermannte sich die Mutter und rief: "Wenn ihr wollt, so kommt hervor!" - und sogleich traten zwölf Kinder, bleich, aber schön, mit Seidenhaaren, die Füße verbunden, hervor; sie sahen so wasserfarbig aus. Der Graf erschrak, der Priester taufte sie, und sowie eines die Taufe empfangen hatte, fiel es zusammen und war tot. Das letzte der zwölf Kinder aber sprach noch zuvor: "Ein Mensch ist unser Vater, zwölf Wasserfrauen aber sind unsere Mütter. Wir sind nicht Mensch, nicht Geist, nun aber erlöst aus dem Banne, in dem wir lagen. Die Wasserfrauen haben sich durch die Liebe zu unserm Vater auf weitere dreihundert Jahre Schönheit und Jugend erkauft!"


3.

Ein Ritter hatte viele Güter. Von einer Fahrt ins heilige Land zurückgekehrt in seine Heimat, wohnte er einsam auf einer Burg und dachte an alles eher als an seine Verehelichung. Oft erging er sich im Garten des Schlosses und gedachte der tatenreichen Vergangenheit. Eines Abends im Sommer, als der Mond gar so schön herniederblickte, wollte er in die Laube treten, welche am Schlossteiche errichtet war, um seinen Gedanken sich ganz zu ergeben, da war sie besetzt; eine wunderschöne Jungfrau saß darin, umstrahlt vom Mondenlichte. Überrascht fragte er, woher sie komme, wer sie sei, was sie wünsche. Sie aber schwieg auf alle diese Fragen und deutete nur leicht an, dass sie die verstoßene Tochter adeliger Eltern sei. So führte er sie in die Burg und übergab sie der Pflege einer alten Muhme, welche dem Hauswesen vorstand. Die Maid aber blieb bleich wie früher und schien sehr leidend.

Eines Abends leuchtete der Mond in den Saal. Sie nahm das Saitenspiel von der Wand und hub so schön und klagend zu singen an, dass alle Leute in der Burg mit der Arbeit innehielten und der Ritter voll Entzücken ihr seine Hand anbot. Doch setzte sie als Bedingung, dass er nie frage, wer und woher sie sei. Am Hochzeitsmorgen brachte er ihr die Brautgeschenke. Es bedurfte ihrer nicht; die Braut hatte schon die reichsten Kleider und Schätze vor sich liegen. Er hielt sie für eine Fürstin, und war beruhigt in diesem Glauben.

Sechs Jahre nacheinander gebar sie ihm ein Kind. Doch war keines der Kinder dem anderen ähnlich; jedes hatte eine andere Farbe der Haut und der Haare. Dieses fiel dem Ritter auf, noch mehr, dass er nie wusste, wann sein Weib zur Entbindung ging. Sie hatte ihm seither jedes Kind beim Erwachen in die Arme gelegt. Als die Frau daher mit dem siebten Kinde schwanger ging, erholte er sich Rates bei dem Burgkaplan, welcher ihm etwas Geweihtes um den Hals hing, um damit den Zauber zu bannen.

Schon in der dritten Nacht kam er dem Geheimnis auf die Spur. Das Weib schien besonders leidend und schlief nicht. Er stellte sich schlafend. Sie bog sich über ihn hin, um seinen Schlaf zu prüfen und spritzte ihm dann Wasser aus dem Teiche ins Gesicht. Stäbchen von Binsen und Schachtelhalm dienten ihr zum Wedel. Dazu sprach sie die Worte: "Schlaf und werde nicht eher wach als bis du wach werden darfst." Der Ritter empfand hierauf wohl große Müde und Drang zu schlafen; das Geweihte am Halse aber brach den Zauber und erhielt ihn wach. - Nun vernahm er Ächzen und Stöhnen. Sein Weib klopfte dreimal an das Bettholz und herein traten zwölf Zwerge in roten Röckchen und weißlichen Perücken, der Erste und Älteste mit dem Arzneikasten. Sie sprachen zum Weibe: "Dein Mann schläft nicht." Da bog sich die Frau wieder hinüber zum Manne und prüfte, ob er schliefe. Und die Zwerge traten auch heran und zwickten und krallten ihn, und einer biss ihn in die Zehen. Der Ritter bestand die Probe. Nun halfen die Zwerge der kreißenden Frau zur Entbindung und fingen das Kind, ein Knäbchen, auf. Es war schön wie die Mutter und hatte Schwimmhäute zwischen den Zehen. Die Mutter aber weinte und bat, nur dieses eine Kind doch ihr zu lassen. Die Zwerge aber behielten es und meinten, es sei zu gefährlich, es ihr zu belassen; der Graf, ihr Gemahl, könnte merken, dass es kein Menschenkind sei. Nun fragte sie weiter: "Was machen meine anderen Kinder?" Der Arzt erwiderte: "Das eine macht schon Gold, die anderen helfen ihm dabei, die Mädchen blühen und werden reif." Damit legten sie ihr ein Menschenkind, welches sie mitgebracht, in die Arme und sagten: "Sieh, hier hast du ein Kind, welches dein Gatte für das seine erkennen wird. Große Mühe kostete uns, es zu rauben, denn es ist schwer ein Weib zu finden, welches in derselben Zeit wie du zur Geburt geht. Mit den früheren Kindern ging es leicht, denn die Mütter waren entweder arm oder sorglos. Dieses hier aber ist das Erstgeborene einer jungen reichen Frau, und großes Leidwesen herrscht in ihrem Hause." Da rief plötzlich ein Zwerg: "Wehe, dein Mann schläft nicht!" Sie aber beruhigte den Zaghaften und beklagte wieder laut, dass sie ihren Gatten täuschen müsse.

Nun entfernte sich das kleine Völkchen und die Mutter bog sich über den Grafen hinüber und tippte ihn an und legte das Kind in den Arm. In furchtbarem Zorne aber schleuderte dieser das Kind von sich und fluchte dem Weibe, das ihn so betrog und statt der eigenen Kinder ihm fremde unterschiebe. Er sprang aus dem Bette auf, ergriff Weib und Kind, raste damit die Treppe hinunter in den Garten und stieß beide hinein in den Teich. Dann holte er die anderen sechs satt, verließ die Burg und zog in ein fernes Land. Er hatte aber solchen Abscheu vor dem Wasser gewonnen, dass er auf seinem neuen Schlosse alle Brunnen verschütten ließ. Nur Wein kam auf den Tisch; selbst die Rosse wurden mit Bier getränkt. So lebte er einige Jahre dahin; doch ward es ihm bald zu einsam und er nahm ein armes, aber schönes Fräulein zum Weibe.

Als beide in der Brautnacht zu Bette lagen und er mit der Braut koste, da rauschte es plötzlich und die rotseidenen Vorhänge wurden auseinandergezogen. Bleich und seufzend stand die Wasserfrau da, dem Ritter allein sichtbar: "So warst du auch mit mir", sprach sie, "aber wäre sie nicht rein, würde es ihr ergehen, wie du mir getan!" Seufzend wich sie. Den Seufzer vernahm die zagende Braut.

Noch vor Jahresfrist gebar sie einen Knaben; er wusste, dass es sein eigenes Kind war, und groß ward seine Freude. Bei der Taufe aber sieht er die Türe aufgehen, und die Wasserfrau tritt herein und spricht ihn an: »Nach dreihundert Jahren werden auch jene Kinder, die du von mir hast, erscheinen: denn da werden sie zu Menschen. Deine Familie soll stets gezeichnet sein, durch blondes Haar und Wasseraugen!«

Darnach wurden dem Grafen noch elf Knaben geboren, alle schlank und biegsam, alle blond mit Wasseraugen. Nicht mehr gedachte er der Wasserfrau: war sie ja doch nicht wie andere Frauen, war sie ja doch so kühl und ging von ihr oft eine Luft aus wie Wind vom Wasser! Endlich starb er, und als man später seinen Sarg öffnete, war die Leiche verschwunden.

Fort und fort blühte das Geschlecht. Da waren die drei Jahrhunderte um. Der Letzte des Stammes hielt eben Hochzeit und brachte einen Spruch aus auf das Wiedererstarken des absterbenden Geschlechts. Da sprang die Türe auf und herein traten sieben Kinder, vier Jünglinge und drei Mädchen, unendlich schön und zart, im Alter zwischen 16 und 24 Jahren, und der Ältere fing zu reden an und sprach: "Mein Bruder, du hast gesprochen, lass auch mir ein Wort. Kinderlos wirst du sterben; doch stirbt damit der Stamm nicht aus. Wir setzen ihn fort. Wir sind die Kinder deines Urahnherrn aus seiner Verbindung mit der Wasserfrau. Acht Güter besitzt du. Sieben davon musst du uns abtreten, das Achte behalte!"

Verwunderung, Zorn, Ergebung wechselten in dem Herzen des Bräutigams. Er anerkannte die sieben Fremdlinge, und nahm sie auf. Zur Stelle fanden die drei Schwestern drei Freier; doch bangte diesen noch vor den Kindern der Wasserfrau. Sie hätten zu gerne deren Füße besehen und wagten es nicht, davon zu sprechen. Sie führten daher die Jungfrauen hinaus ins Freie, auf Wege, welche über Wassergräben führten. Davon sollten die Füße nass werden, um einen Grund zu haben, die Füße zu entkleiden. Aber der Fuß der Mädchen wurde im Wasser nicht nass und die List misslang. Da erboten sich die Jungfrauen freiwillig, ihre Füße zu zeigen, um die Unruhe zu beseitigen; sie waren wie die Füße anderer Menschen. Dabei sprachen sie: "Wir haben unseren Zoll bezahlt; dreihundert Jahre mussten wir im Wasser verweilen. Die Zeit ist um und wir sind Menschen, doch altern wir nicht und werden im Wasser nicht nass; das allein blieb uns von der Mutter." Darüber wurden die Freier aufs Neue unruhig, aber gleich wieder getröstet. "Wir bleiben treu solange wir leben", sprachen sie, "dann kehren wir hin, wo wir hergekommen sind: alle dreihundert Jahre aber ist uns gestattet, ein Menschenalter lang als Menschen zu leben, und auf Erden zu verweilen."

So ward Hochzeit gehalten. Bedingung aber war, dass jedes zweite Kind den Wasserfrauen unten im See gehören solle, und so verschwand jedes zweite Kind augenblicklich nach der Geburt. Der Kinder aber wurden so viele, dass die Gatten sich nicht über die Teilung beschwerten. Auch vermochten die Frauen nicht ohne Hilfe der Zwerge zu entbinden. Und starb eine davon, so starb auch ihr Gatte, und ihre Leichen wurden im Sarge später nicht mehr gefunden.

Gleiches war der Fall, als die vier Brüder sich verehelichten. Die Kinder aber aus diesen Ehen waren und blieben vollkommene Menschen. Das ganze Geschlecht ist kenntlich an dem besonderen Blau der Augen, dem Blond der Haare und einem gewissen Bug an der Nase. Ein Teil davon brachte es zur Fürstenwürde, ja, auf den Kaiserstuhl, und noch heute herrscht ein Zweig vom Throne.


4.

In einem Dorfe lebte ein schöner junger Tagelöhner, und sein Liebchen war das schönste Mädchen weit und breit, Annamayala mit Namen, aber arm. Die vielen Freier, die sich meldeten, machten beiden Leutchen vielen Kummer, doch siegte am Ende die Standhaftigkeit, und der Tag zur Hochzeit wurde bestimmt. Veri aber hatte von Natur etwas Wildes an sich: Er war so träumerisch und in sich versunken, und sang gar oft gottlose Lieder von der Unterwelt. Davon hieß er der tolle Veri. Tags vor der Hochzeit ging er in den Wald, um ein Wild für das Fest zu erlegen. Mit einem prächtigen Rehbock auf dem Rücken war er auf dem Wege nach Hause. Doch seine Gedanken irrten wild umher, blieben nicht bei der Braut. Während er seinen wilden Träumen nachdachte, kam er an einen Steg. Schon leuchtete der Mond. Da ward er böse über sich, dass er sich verspätet und versäumt habe, den Vorabend seiner Hochzeit bei der Braut zu verbringen. Der Steg ging über ein helles flaches Wasser, und der Mond spiegelte sich gar schön darin. Das zog ihn wieder ab, es wehte ihn so wehmütig an. So legte er sein Ohr, sich niederkniend, auf die Wasserfläche, ob er nichts höre. Da vernahm er denn süßes Singen, je länger, desto schöner, je schöner, desto bezaubernder. Immer mehr neigte er das Ohr den wunderlieblichen Tönen und gedachte, hinabzusinken in die Fluten wäre gar so süß. Da schaute er hinein in die dunkle Tiefe; es war, als ob schöne Beine, wie er sie nie gesehen, im Tanze auf- und niederschwebten. Er hob das Auge und sah Mädchen schön und reizend, in leichter Bewegung nach den Tönen der Musik einen Reigen beginnen. Alle waren schön, eine vor allen. Er fragte sie, wie es da unten wäre. Sie näherte sich und legte ihr bleiches Haupt auf seine Brust und sagte in Wehmut: "Ach, es ist bei uns so schön, so ruhig, viel mehr Luft und Leben als bei euch. Willst du mit mir?" Er bejahte es. Sie aber fügte noch hinzu: "Sieh, ich war auch einst auf der Erde. Du hast eine Braut. Kannst du sie vergessen? So du mit mir gingest, müsstest du ihrer nicht mehr gedenken. Jedes Sehnen nach der irdischen Braut würde dir Strafe zuziehen." Bei diesen Worten schaute sie ihm so gewinnend in die Augen, dass er sie umschlang. Die Füße glitten ihm aus, er sank hinunter mit ihr in das unbekannte Land.

Im Dorfe aber harrte die Braut umsonst des Geliebten; er kam nicht. Man suchte allerorten und fand nichts als auf dem Stege sein Gewehr und den Rehbock. So vergingen viele Jahre. An einem Dienstag sah man einen Hochzeitszug sich zur Kirche bewegen, die Braut schön und anmutig wie eine Rose, Annamayala genannt, hinter ihr Vater und Mutter. Letztere erschien bleich und leidend, an Jahren noch nicht vorgeschritten, mit den Spuren hoher Schönheit. Der Zug ging über einen Steg. Tief seufzte die Mutter auf. Der Vater suchte sie zu trösten. "Ist die Gegenwart", sprach er zu ihr, "nicht besser als die Vergangenheit? Haben wir nicht in Frieden und Treue gelebt miteinander und ist unsere schöne Tochter nicht dein sprechend Abbild?" Inniger lehnte sie sich an ihn.

Plötzlich lief einer, die langen Haare wild in der Luft flatternd, in hastiger Eile den Bergabhang herunter, geradezu auf die Braut. Wie ein Rasender schlägt er sich vor die Stirne, wie ein Irrsinniger fasst er das Mädchen und nennt sie seine Braut. Erst gestern habe er sie verlassen, sie müsse mit ihm zum Altare. Mit gewaltigem Arme schleudert ihn der Bräutigam hinweg, die Mutter bebt und vermeint zusammenzubrechen, der Zug geht weiter.

Nach zwei Tagen geht die junge Frau um Wasser an den Teich. Wieder kommt der wilde Mensch und umschlingt sie und will sie nicht lassen, und wieder wird er vom kräftigen Arme des Gatten hinweggeschleudert.

Darauf sah man ihn im Dorfe herumgehen und nach Leuten fragen, die alle schon tot waren. Zuletzt ging er aus dem Pfarrhause heraus und seitdem sah und hörte man nichts mehr von ihm.

Später kam ein Franziskaner alljährlich ins Dorf, bleich und leidend, noch schön von Angesicht, und nirgends kehrte er lieber zu als bei Annamayala. Sooft er kam, befiel die Mutter ein Zagen, das sie nicht erklären konnte. Nun starb der Vater. Der Mönch erschien zur Stelle, um die trauernde Witwe zu trösten. Er sprach folgende Worte zu ihr: "Gutes Weib, bedenkt, dass alles Leben hart. Betrachtet mich und was ich gelitten, so werdet ihr weniger eurem Schmerze euch hingeben." Da sah ihn die Trauernde an, sie forschte, zagte, erschrak. Sie hatte den Veri erkannt, welcher in ihr schon längst sein Annamayala gefunden hatte. Nun kam die Reihe zu klagen an ihn; doch er ermannte sich und fuhr fort: "Ich habe da unten gelebt, in der Erde, in einem geisterhaften Reiche, gelebt mit einer Wasserfrau, schön und verführerisch, wie mit meinem Weibe. Stets war sie um mich, nur an Freitagen blieb sie mir unsichtbar; ich wäre wohl glücklich gewesen in ihrer Liebe, doch blieb mir etwas zurück im Herzen, das keine Befriedigung fand. Zeitweise quälte mich eine Leere, die ich nicht auszufüllen vermochte; sie war eben doch kein rechtes Weib. Besonders fiel mir auf, dass ihre Füße stets mit Schleifen gebunden und verhüllt waren. Sechs Kinder hatte sie mir geboren, und auch ihnen waren die Füße gebunden. Die Kinder wuchsen schnell zur vollen Größe; sooft sie ein Kind gebar, war das vorhergehende schon vollkommen erwachsen. Das Geheimnis mit den Füßen peinigte mich aber immer mehr. Da löste ich, als sie einmal schlief, die Hülle der Füße. Sie hatten Gänsefüße, Schwimmhäute zwischen den Zehen, an diesen kleine Krallerln. Ich erboste und fluchte und wünschte, dass doch das siebente Kind ein Mensch werden, mit menschlichen Füßen zur Welt kommen möchte. Und mein Wunsch ward erfüllt. Die Wasserfrau aber, als sie das Kind zum ersten Male sah, stieß einen Schrei des Entsetzens aus, dass sie einem solchen krüppelhaften Wesen zur Mutter werden musste und überhäufte mich mit Verwünschungen. Und nicht lange, so kamen die anderen Wasserfrauen, meinem Weibe zur Geburt Glück zu wünschen. Sie sahen aber nicht sobald die Menschenfüße des Kindes, als auch sie ergrimmten. Sie nahmen das Kind und zerrissen es in Stücke und begierig verschlangen sie die kleinen Glieder. Denn Kinderfleisch gewährt ihnen wieder auf dreihundert Jahre Schönheit und Jugend und macht die Männer in Liebe zu ihnen entbrennen. Machtlos musste ich alles dieses über mich ergehen lassen. Zuletzt tippte mich mein Weib an mit einem Stäbchen, ich verfiel in Schlaf, und als ich erwachte, befand ich mich an derselben Stelle, von welcher ich früher in das Wasser hinabgeglitten. Ich sah den Hochzeitszug deiner Tochter; sie hielt ich der Ähnlichkeit halber für dich, denn es war mir alles wie ein Traum. Das Übrige weißt du. Erst der Pfarrherr klärte mich auf, dass seitdem schon mehr denn zwanzig Jahre verlaufen seien, und ich hatte gedacht, es wäre alles erst von gestern. Im Kloster büße ich für meinen Frevel. Deinen Enkeln habe ich Perlen und Edelsteine gebracht."

Nicht lange und die Mutter kam zum Sterben. Wieder fand sich der Mönch ein; er kniete sich hin vor die Sterbende und legte ihre Hände in die seinen. Das Haupt sank ihm hernieder. Beide waren Leichen. Sogleich sah man zwei weiße Tauben zum Fenster hinausfliegen; die größere davon hatte aber an einem Fuße sieben schwarze Flocken hängen, welche bei der Berührung mit der kleinen fleckenlosen Taube am Fenster abgestreift wurden und weiß zur Erde fielen. Es waren Zettelchen, auf diesen standen die Namen der sieben Kinder des Wasserfräuleins, denn auch ihnen hatte der Vater durch sein späteres frommes Leben die Erlösung erwirkt, so dass auch sie in den Himmel eingehen durften.

Um die beiden Leichen abzuwaschen, ging eine der Enkelinnen hinaus an den Teich, um Wasser zu schöpfen, und schon war Avemaria vorbei, als sie zum Stege kam. Da begegnete ihr eine Freundin, welche sie fragte, "warum sie zu so ungewöhnlicher Zeit Wasser hole." "Ach", erwiderte sie, "es ist ja meine Großmutter gestorben und ihr Geliebter, der Veri." Da vernahm sie eine leise Stimme rufen: "Wer ist gestorben?" Und nun brauste der Teich, die Wellen hoben sich und wälzten sich auf das Haus zu und füllten die Stube, wo die Verblichenen lagen, und flötzten sie hin und her. Die Leute erschraken, gaben den Leichen Weihwasser und die Fluten zogen ab. Aber sie ließen sechs neue Leichen zurück, schöne Knaben und Mädchen, zwischen zehn und siebzehn Jahren, die Füße verhüllt, in den herabhängenden Händen einen Zettel fassend, auf welchem geschrieben stand: "Wir sind erlöst." Zuunterst an den Kinderleichen aber lagen zwei Füße eines Knaben, der dazugehörige Leib war in seinen Umrissen wie ein Schatten auf dem Boden gezeichnet. Daneben gab ein Zettelchen folgenden Aufschluss: "Der Leib ist verzehrt, die Seele währt." Es war das siebente Kind der Wasserfrau, von welchem nur die menschlichen Füßchen übrig blieben.

Sooft der Jahrestag des Todes des tollen Veri kommt, bricht der Teich aus; an anderen Tagen schlägt er in seinem Gestade wilde Wellen. Seitdem scheint aber auch der Mond nicht mehr in seinen Spiegel. Neuenhammer.


5.

Ein Fischer diente dem Grafen und war wohlgelitten, denn er brachte immer reiche Beute an köstlichen Fischen. Auf einmal aber vermochte seine Kunst nichts mehr, er fiel in Ungnade und ward entlassen. So lebte er einige Zeit von seinem Ersparten, bis er nichts mehr hatte. Da ging er hinaus auf das Wasser, um zu fischen, fing aber wieder nichts und weinte bitterlich im Nachen. Plötzlich legte sich das Wasserfräulein heraus an den Wasserspiegel, und fragte ihn um sein Leid und sagte ihm ihre Hilfe zu, wenn er ihr das verspräche, was er zu Hause nicht wisse, denn sie sei es, welche ihm die Fische erst zugetrieben, dann verjagt habe. Er gab das Versprechen, und tat einen reichen Fischzug und trug ihn heim. Als er aber dem Weibe sagte, um welchen Preis er glücklich sei, kam die Reihe zum Weinen an sie, denn sie trug ein Kind unter dem Herzen, wovon er nichts wusste. Doch trösteten sie sich mit dem Gedanken, dass sie das Kind Gott weihen wollten, und der Fischer fischte und fing wie früher die besten Fische und brachte sie dem Grafen, der ihn wieder in Gnaden aufnahm.

Zur bestimmten Zeit ward ihm denn ein Sohn geboren, der gut gedieh an Leib und Geist und für den geistlichen Stand bestimmt wurde. Doch als er fertig war, konnte er nicht Primiz halten; er gehörte ja der Wasserfrau. So gab er das Studium auf und wurde ein Bühner und ging in die Fremde. Auf dem Wege aber kam er zu mehreren Tieren, welche über einem Pferdeaas waren, und nicht wussten, wie sie es verteilen sollten. Es war der Bär, der Fuchs, der Falke und die Ameise. Diese baten ihn, die Teilung zu übernehmen, und so teilte dieser und warf dem Bären die vier Viertel zu, damit könne er zufrieden sein, und dem Fuchsen das Rückgrat und dem Falken das Ingeräusche und der Ameise den Kopf. Dann ging er seines Weges. Der Bär aber meinte, es wäre doch zu unbillig, wenn man den Mann so gar ohne Dank gehen ließe, und befahl dem Fuchs, ihn zurückzurufen; und er kam und die Tiere gaben ihm die Gewalt, sich nach Wunsch in jede ihrer Gestalten zu verwandeln. Da lachte der Geselle und ging von dannen. Unter Weges bemerkte er in einem Kornacker eine Menge Rebhühner. Um sein Geschenk zu prüfen, wollte er zum Fuchs werden, und sogleich war er Fuchs und fing sich so viele der Rebhühner, bis es ihm genug schien. Die nahm er in die nächste Stadt und ließ sich selbe in der Herberge zurichten zu einem Mahle. Währenddessen traten vier Herren ein und setzten sich an den Tisch, und fingen zu karten an, wohl sehr rauch, denn es ging in Kronentaler. Der Geselle lag auf dem Stroh hinter dem Ofen, und sah, wie einer der Spieler schon einen großen Haufen Geldes gewonnen vor sich hatte. Da machte er sich zur Ameise und kroch als solche unter den Spieltisch und hier wandelte er sich in einen Bären und richtete sich auf und warf den Tisch um mitsamt den Kronentalern, und erschreckte die Herren, dass diese eiligst davonliefen. Nun suchte er die blanken Stücke zusammen und legte sich wieder auf das Stroh und schlief und zahlte am Morgen seine Zeche und ging weiter.

Darauf geriet er in eine große Stadt, da war alles schwarz behangen und vom Turme wehte eine schwarze Fahne mit einem Totenkopf. Er geht also in die Herberge und fragt den Wirt um die Ursache und erfährt, dass der König drei mannbare Töchter habe, alle gleich schön und einander so ähnlich, dass man sie nicht auseinanderkenne. Der König habe aber geschworen, dass nur die mittlere das Reich erben solle; wer sie mit dem Reiche gewinnen wolle, müsse sie erraten. Das aber misslinge jedem, und wer die Probe nicht besteht, verfalle dem Schwerte; so seien schon viele umgekommen, und darum sei Trauer im Lande.

Da ging er hin zur Königsburg und sah in dem Garten, den ein tiefer Graben umgab, die Königstöchter lustwandeln, und er machte sich zum jungen edlen Falken und flog hinüber von Staude zu Staude und lockte die Mädchen und ließ sich zuletzt von der einen fangen. Er blieb ihr auf der Hand sitzen, wie früher auf der Staude und ward von ihr in ihr Gemach getragen und auf eine goldene Stange gesetzt. Während sie nun schlief, nahm er seine Gestalt wieder an, jedoch in schönen, reichen Gewändern, und fasste die Prinzessin bei der Hand, dass sie erwachte und erklärte ihr, wie er der Vogel sei und sie liebe. Anfangs zu Tode erschrocken über den fremden Mann und seine Worte, fand sie doch bald Gefallen an ihm und bekannte sich als die mittlere der Prinzessinnen. Sie gab ihm auch den Ring vom Finger und als Zeichen, woran sie zu erkennen, nannte sie einen roten Seidenfaden, den sie um den mittleren Finger der rechten Hand tragen werde, wenn er zur Wahl komme.

Nun machte sie das Fenster auf und der Falke entflog und der Fremdling kam am Morgen, um die mittlere Königstochter zu werben, vor den König, der ihn mit dem ganzen Hofgesinde ob seiner Schönheit bedauert und bewegen will, abzustehen von dem gefährlichen Vorhaben. Er aber beharrt und wird aufgerufen, in den Saal zu treten, wo die drei Töchter sich befanden, und hinter ihn stellte sich der Scharfrichter mit blankem Schwerte. Da ward ihm bange und ängstlich und gerne willfahrte man seiner Bitte, das Fenster zu öffnen. So trat er vor die gleichen Schwestern. Die eine trat mit dem Fuß vor und trug am Finger den roten Faden; sie bezeichnete er als die mittlere und hatte die rechte getroffen. Große Freude herrschte nun am Hofe und in der Stadt, denn schon lange hatte der König Reue über seinen Schwur und das viele Blut, welches floss, und gerne gab er die Tochter dem glücklichen Freier.

Mehrere Jahre hatten sie glücklich gelebt, da zog er hinaus zur Jagd. Wohl riet ihm die besorgte Gemahlin ab, denn sie hatte üble Ahnung, aber er achtete es nicht. Der Tag war heiß, er hatte lange einen Hirsch verfolgt, und ihn dürstete; nicht mehr gedachte er der Worte seiner Mutter, welche ihn so oft gebeten hatte, sich vor dem Wasser zu hüten. Er eilte dem Gefolge voraus, und fand eine Quelle, und bückte sich eben, um mit der Hand daraus zu trinken, als ihn die Wasserfrau erfasst und hinabzieht. Dem Volke aber, welches eben dazukam, rief sie zu, sie habe ihn teuer erkauft.

Die traurige Märe ward der Königstochter gebracht. Diese hatte nicht Rast nicht Ruhe, sondern eilte, zum Brunnen und zu ihrem Herrn und Gemahl zu kommen und setzte sich hin ans Ufer und weinte. Da tauchte die Wasserfrau auf und tröstete sie damit, dass er es gut habe bei ihr. Die Königin aber war schon zufrieden, wenn sie ihren Gemahl nur zu sehen bekäme, und bot der Wasserfrau den goldenen Kamm vom Haupte. Da hob ihn die Wasserfrau bis unter die Augen empor. Zum Zweiten bot sie ihren Ring, und er stieg bis an die Hüften aus dem Wasser; zum Dritten bot sie den goldenen Pantoffel vom Fuße, und die Wasserfrau stellte den Gemahl auf die Hand - und siehe, er entschwand als Falke und stand neben der Gattin. Da fährt die Wasserfrau in den Brunnen hinunter, dass es zischt und gischt, und wieder herauf, und wirft der Königin eine Handvoll blauen Sandes in das Angesicht, dass diese zum Drachen ward.

Nun war wieder große Not. Der König bietet die Hälfte seines Reiches dem, der Hilfe brächte. Ein alter Zauberer ließ sich endlich melden und versprach zu helfen, wenn die hohe Frau es aushielte. Er lässt drei Öfen bauen und heizen, dass einer mehr glühte als der andere. Dann steckte er den Drachen hinein und zog ihn heraus, als die Haut weich war und kühlte ihn im Wasser; im zweiten Ofen barst die Haut, aber als er den Drachen in den dritten Ofen steckte, musste der unglückliche Gatte sich verbergen, um das Klagen und Winseln der Leidenden nicht zu vernehmen. Endlich steht die Königstochter nackt vor dem Gatten, der ihr seinen Mantel umwirft und sie im Triumphe heimführt. Von nun an lebten sie froh und ohne weiteres Hindernis; die Wasserfrau hatte keinen Teil mehr an ihm. Dümpfel.


6.

Bei einem Grafen in den Bergen diente ein verlaufener Bube als Hirt. Der schlich eines Tages in den Baumgarten am Schloss und kam zu einem Brunnen. Da sah er etwas Glänzendes schwimmen und nahm es heimlich mit. Im Winkel des Stalls hielt er den Fund ans Spanlicht und es war nur eine kleine goldige Fischschuppe. Er wog und bog und rieb das schimmernde Ding, als auf einmal die junge Burgfrau vor ihm stand. Erschrocken fiel ihr der Hirt zu Füßen, denn sie war gar schön und stolz und hatte den hübschen Knecht noch keines Blickes gewürdigt. Jetzt aber erhob sie das Spanlicht und strich dem Jungen das Haar aus der Stirne und lächelte gar gnädig ihn an und nannte ihn einen schönen Jüngling, der ihr lieber wäre denn der alte Graf, ihr Gemahl. Das mochte dieser gehört haben, denn grimmig fuhr er herbei, packte den Buben und warf ihn den Felsen hinunter. Wer da hinunterfiel, vergaß das Aufstehen für immer bis zum jüngsten Tag.

Der Hirt aber fiel unten, wo sonst kein Wasser gewesen, in einen weichen Pfuhl und tat sich nicht weh. Eben kam ein Einsiedler des Weges, der trug einen schweren Sack und sagte zum Jungen: "Hilf mir den Brotsack in meine Hütte tragen!" Der hatte ein gutes Herz, trug den Sack und diente fortan dem frommen Mann.

Einmal hatte der Knecht Langeweile und zog seine goldene Schuppe hervor und wollte sie glänzender haben; darum rieb er sie sachte. Wieder stand die Burgfrau vor ihm, der wie Espenlaub vor Angst zitterte und sie bat, von ihm hinwegzugehen, damit es ihm nicht noch übler ergehe wie vordem. Sie aber lächelte gar hold, nannte ihn ihren Schatz und versprach, ganz ihm zu gehören, so er ihr ein Pfand geben würde. Der Junge aber merkte jetzt, was er für einen Fund getan und hatte nichts, was er der Gräfin geben könnte. Diese fing nun zu seufzen und zu weinen an und setzte sich an seine Seite und umarmte und küsste den Knecht, dass ihm siedend heiß wurde. Das Weib berückte ihn so, dass ihm die Sinne schwanden und er nicht wusste, was er tat, und als er aus seinem Taumel erwachte, war er allein. Er meinte, es wäre ein Traum gewesen, aber der Verlust der Schuppe belehrte ihn eines anderen.

Da ward der Knecht aus Liebe krank, und der Einsiedler pflegte ihn wie ein Vater, dass er wieder genas. Doch wich das Bild des schönen Weibes nicht aus seinem Herzen, er brütete Tag und Nacht und der Gram kam wieder über ihn. Da entdeckte er dem frommen Mann sein Leid. Der fragte ihn aus um seiner Kindheit früheste Tage - er hatte das eigene, lange verloren geglaubte Kind gefunden. Doch schwieg er hiervon; denn er mochte nicht gestehen, dass er der Bruder des Grafen und durch dessen Zauberkünste um all sein Hab und Gut gekommen sei.

Den Knaben litt es aber nicht länger mehr im dunklen Walde; er fühlte, wie es ihn anwindete, fortzog. So machte er sich auf und ging in der Irre herum und gelangte wieder zum Garten des Schlosses und zum Brunnen, der im trüben Mondlicht leise Wellen trieb. Er schaute hinein in die spielende Fläche, schüchtern über den Rand des Brunnens gebückt. Da lag die Gräfin im Bade, ruhig und still, und hatte die Augen geschlossen, als ob sie schliefe und bewegte nur den blendend weißen Arm und die rosigen Finger der Hand, welche anstatt in Nägel, in Schuppen sich endeten. Endlich regte sie sich; sie löste den silbernen Gürtel vom Leibe und hielt ihn schwingend empor. Der Jüngling, welcher die Wasserfrau erkannt hatte und nun vermeinte, sie wolle ihm die Schlinge um den Hals werfen und ihn erwürgen, griff hastig nach dem Gürtel und rannte mit der Beute davon, wie von Hundert gehetzt, in langen Umwegen zur Klause. Schon war es Tag. Da fand er den Grafen traulich beim Alten sitzen. Jener aber hatte kaum den Gürtel in der Hand des Knaben bemerkt, als er rasend aufsprang. "Ha, der Gürtel der Gräfin", rief er und wollte den Jungen mit dem Schwerte durchbohren. Da rief der Alte: "Bruder, halt ein, es ist mein Sohn!" Das Schwert entsank dem Grafen. Von beiden gefolgt, eilte er zum Brunnen; da saßen die Meerwölfe und nagten noch an den Knochen der Wasserfrau. Sie musste sich alle Jahre einmal baden, um die Fischhaut abzustreifen, die ihr alle Jahre wuchs. Der Gürtel schützte sie im Bade vor ihren Feinden, den Meerwölfen.

Der Graf verfiel in Wahnsinn und starb bald, nicht lange danach auch der Einsiedler. So ward der junge Knecht Herr der Burg; unbeweibt endete er in Trübsinn das freudenleere Leben. Lind.

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Waschende Frauengeister

Häufig meldet die Sage von Geistern in Frauengestalt, teils weiß gekleidet, teils grau oder schwarz, mit weißer Kopfbinde, welche am Wasser mit Waschen beschäftigt sind; besonders zahlreich finden sie sich längs des Böhmerwaldes.

Hart an der Strasse von Cham nach Grafenwöhr, neben einem großen Felsen, läuft ein Brunnen, wo um die zwölfte Stunde ein Weiblein sitzt und sich die Haare kämmt.

Auf dem Wege von Tiefenbach nach Rötz kommt man zu einem Stege über eine Bach, da sitzt ein Weiblein, den Oberleib nackt, die Haare fliegend, und wäscht.

In Weiding läuft ein Bach, da wäscht ein graues Weiblein, und kommen Leute, steht sie auf und lässt sie vorbei.

Derlei Weiblein finden sich in Biberbach, Tiefenbach, im Grünweiher zwischen Bleystein und Vohenstrauß.

Eine halbe Stunde von Massendorf bei Spalt ist der Siebenbirkenweiher: Sieben schneeweiße Jungfrauen kommen da aus dem Walde, eine nach der anderen, und waschen sich im Weiher die Hände; zusammen gehen sie in den Wald zurück. – Die behauenen Steine in der Nähe weisen auf eine ehemalige Burg.

Etwa eine kleine Stunde von Warmensteinach liegt auf einem hohen Berge eine Fläche, mit Haid und Zwergbüschen bewachsen, unter der Oberfläche eine Menge Ziegelsteine verbergend, welche Zeugnis geben sollen, dass hier einmal eine Stadt gestanden sei. An der nördlichen Seite ist ein Brunnen, der Weißejungfrauen- oder Glockenbrunnen genannt. Da sieht man zwei weiße Jungfrauen Wasser schöpfen. Ein Holzhacker wollte dasselbe tun und erblickte eine silberne Glocke in der Zisterne. Er rief seine Gesellen und die Glocke verschwand; hätte er sie nur mit der Hand berührt, so wären die Jungfrauen erlöst gewesen.

In Räbersreuth, Landgericht Roding, ging einer zu seinem Mädchen auf das Kammerfenster. Sie wohnte auf einer Einöde und in der Nähe floss ein Bach. An diesem sah er eine Gestalt auf- und abgehen. In der Meinung, es wäre ein Nebenbuhler, schlich er am Staudenwerke hinan und erblickte eine Frauengestalt, nackt, mit fliegenden Haaren. Er glaubte nun, es wolle sich hier eine baden und hatte Lust, ihr die Kleider wegzunehmen. Da aber wurde die Gestalt immer länger, und zuletzt so lange, dass sie zu ihm auf das diesseitige Ufer herüberneigte, worauf er entlief und der Verfolgerin erst in einer Kapelle entrann. Bald danach starb er.

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Geisterfischchen

Unter den Fischen gibt es viele verwunschene Leute oder arme Seelen. Ihnen leuchtet nur der Mond; in seinem Lichte spiegeln sie sich. Das Sonnenlicht ist ihnen verschlossen. Oft wirft die Sonne ihre Strahlenbüschel in rieselnde Bächlein, wie sie denn überhaupt gerne in reines, murmelndes Rieselwasser sich spiegelt. Da erscheinen schwarze Fischlein, fingerlang und schlank, zart und dünn, mit lebhaften Augen, und sehen die Herrlichkeit des Himmels und es kommt ihnen wieder in Erinnerung, was sie verloren. Dann ziehen sie sich zurück in die Prell, in den bodenlosen schwarzen Dümpfel, so schnell, dass kein Mensch sie fangen kann und bleiben Jahre lang darin verborgen in ihrem Schmerze, dass sie so unglücklich sind.

Es treten aber die echten Fischlein zu ihnen hin und fragen, warum nicht auch sie hinausgehen, um sich zu wärmen an der Sonne. Die Geisterchen antworten darauf mit Ausflüchten; denn sie wollen nicht merken lassen, wer sie sind, um nicht verachtet und verfolgt zu werden. Zuletzt aber, um Verdacht abzuwenden, geht wohl ein Teil mit hinaus, die einen traurig, die anderen leichtfertig und munter. Doch können sie nicht schnalzen und tanzen im Wasser, wie die Fischlein; denn die Trauer kommt wieder über sie und bald kehren sie an ihren dunklen Ort zurück. Vom dunklen Aufenthalte sind sie schwarz gefärbt.

Haben diese Geisterchen nur mehr drei Jahre zur Erlösung, so tanzen sie im Mondenlichte auf dem Wasserspiegel in jener jugendlichen Gestalt, welche sie einst als Menschen mit zwanzig Jahren hatten, gehüllt in seine Florkleider, die Haare lang und fliegend. Doch nur zweimal des Jahres ist ihnen dieses gestattet, in der Christ- und Walpurgisnacht. Die Kleider derer, welche noch drei Jahre haben, sind schwarz mit einigen weißen Flecken; im zweiten Jahre halb schwarz, halb weiß, im letzten nahezu weiß. Ist das Kleid endlich ganz weiß, werden sie in den Himmel aufgenommen. Öfters sind auch gefallene Geister, früher Engel, darunter: diese kommen nie zum Tanze und müssen warten in ihrer Fischesgestalt bis zum jüngsten Tag.

Ein Mädchen ging in der Christnacht über einen Steg. Im Wasser unten spiegelte sich der Mond. Da wendete sich ihr Blick abwärts und sie sah die Geister auf der Wasserfläche tanzen; der weißen aber wurden immer weniger; zuletzt waren nur mehr gefleckte übrig. Unter diesen erkannte sie eine verstorbene Freundin. Die fragte sie und erfuhr nun die Deutung des Tanzes. Doch für ihren Frevel wurde ihr mit Strafe gedroht, und nach drei Jahren starb das Mädchen. Neuenhammer.

Wieder eine andere Art, aber noch kleiner, etwa nadelgroß, hält sich auf dem dunklen Boden der Stehbrunnen, Zisternen, auf; diese bescheint nie die Sonne.

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Wasser ist mehr als H2O.

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