I. Das Element des Wassers in der Oberpfalz

Franz Xaver von Schönwerth, Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen. Augsburg 1857

1. Wasser im Allgemeinen

Wasser ist das geheimnisvolle Element - Neuenhammer - und gleich Luft und Erde zum Aufenthalte höherer Wesen bestimmt, von denen das Volk jetzt noch die Erinnerung in den lieblichsten Sagen bewahrt. Das Wasser steht ja zum Menschen in engster Beziehung, da er als Kind aus dem Brunnen geschöpft wird; daher auch das innige Verhältnis der Liebe, in welches die Wassergeister so häufig in Sage und Märchen zu den Menschen treten. Selbst die Seele des Menschen, welche nicht gereinigt den Leib verlässt, wird zum Geisterfischchen gleich den gefallenen Engeln, den Elben, und lebt mit diesen zusammen, so dass Ausgang und Heimgang des Menschen im Wasser zu suchen wären.

In der Oberpfalz heißt die Quelle gewöhnlich Brunnen, und so sie zu laufen beginnt, Fluss; besonders sind es die klaren kalten Bäche, welche so heißen. Selbst das Althochdeutsche sôt = Brunnen, findet sich in dem Namen der Zoot, einem solchen Flusse, der in die Pfreimd geht und von Freunden des Slaventums aus dem Böhmischen erklärt wird. Das Wort ist verderbt aus: d'Sood.

Mit dem Trinken aus dem Brunnen und dem Waschen im Flusse verbinden sich zahllose Gebräuche heutzutage noch, welche auf die frühere Verehrung der Wassergottheit oder des Wassergeistes und einst dargebrachte Opfer zurückführen. Die meisten derselben sind an gewisse Zeiten geknüpft und werden daher an einem andern Orte besprochen werden.

Das Bad am Sonnwendmorgen, welches reinigt und heiligt, ist durch ganz Europa, von Russland bis Spanien, verbreitet, mithin Gemeingut des indogermanischen Stammes. Weihnachten, Ostern, Walburgi stehen in besonderem Bezuge zum Wasser. Auch die Erinnerung des Jungbrunnens besteht noch: denn wer sich am Walburgi-Morgen vor der Sonne ungesehen das Gesicht mit Wasser aus dem Entenpfuhle, dem schwarzen stehenden Wasser im Dorfe, wäscht, wird jung und schön. Neuenhammer.

Jetzt noch geht die Sage von manchen Flüssen, wie von der wilden Pfreimd, der Vils bei Amberg, dass sie alljährlich ihr Opfer wollen, indem ein Mensch ertrinkt. Von der Pfreimd heißt es insbesondere, dass sie zu gewissen Zeiten ihr Opfer verlange, und sie ist daher so verrufen, dass man jeden Reisenden, der sie überschreiten will, warnt, sich vor ihr in Acht zu nehmen.

Gleiches meldet man von gewissen Weihern, wovon unten, da der Stoff verlangt, dass Brunnen und Weiher besonders behandelt werden.

Von der Kirche geweihtes Wasser fault nicht und hat große Kraft gegen alles, was unrecht ist. Wer morgens nach dem Aufstehen mit Weihwasser sich besprengt, den können unrechte Leute nicht verschreien, und wer sich zu Bette legt, soll nicht unterlassen, zuvor Weihwasser auf die Erde zu spritzen und dabei zu sagen: »Für meine Freunde, für alle armen Seelen, für den bösen Feind, dass er mir nicht ankann.« Amberg.

Wer beim Betreten oder Verlassen der Kirche nicht Weihwasser nimmt, für den nimmt es der Teufel und hupft und springt dabei vor Freude. Rötz.

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2. Brunnen.

1.

Von Michaeli bis Georgi oder Walburgi soll man aus keinem offenen Brunnen trinken, denn während dieser ganzen Zeit sind sie vergiftet, weil die Kröte nicht darin sitzt, welche in der schönen Jahreszeit alles Gift an sich zieht. Nur jener Brunnen ist heil, in welchem eine Kröte sich aufhält. Rötz.

Will man es aber doch nicht unterlassen, in dieser geschlossenen Zeit zu trinken, so werfe man vorerst drei Brosamen hinein, damit das Wasser nicht krank mache, der Trunk nicht schade - Ebnat - oder man blase zuvor dreimal hinein, damit das Ungeziefer auf dem Boden und giftige Stoffe nicht schaden. Neustadt.

Aus unverdeckten Brunnen soll man auch tags nach einer Raubnacht nicht trinken, bis das alte Wasser abgelaufen ist: denn es ist mit Gift überdeckt; verschmähen es doch die Tiere, um diese Zeiten zu trinken! Man schöpfte daher sonst auf dem Lande die Brunnen lieber ganz aus. Amberg.


2.

Am Fuße des Mariahilf-Berges bei Amberg ist das Lindenbrünnl, ein Hungerbrunnen: wenn er zu laufen nachlässt oder gar aufhört, entsteht Teuerung. In der Stadt selbst, in der sogenannten Neustift, ist der Teuerbrunnen, von dem man Gleiches meldet.

Wenn aber im Herbste die Brunnen ausgehen, ausbleiben, dann gehen sie nach Korn, d.h. es folgt ein fruchtbares Jahr. Neuenhammer.


3.

An manche Brunnen knüpfen sich mythische Beziehungen, Geisterspuk, geschichtliche Erinnerungen.

So hat der Hahnenbrunnen bei der Einöde Schlehenhof, im Bezirke Falkenstein, den Namen davon, dass in den Raubnächten, besonders der Christnacht, dort ein Hahn kräht.

Zwischen Erbendorf und Letten ist ein kleines Brünnlein, hart an der Straße, wo ein Fuhrmann mitsamt dem Wagen voll Flachs versunken ist: seitdem wird es nicht größer, nicht kleiner, bei Regen und Dürre; alljährlich wirft es einen Stein aus. Die Tiefe ist unergründlich.

Der Kreuzbrunnen bei Bärnau, aus dem die Waldnaab ihren Ursprung nimmt, trägt den Namen, weil früher die Gebiete dreier Herren, des Königs von Böhmen, des Kurfürsten von Bayern und der Fürsten von Lobkowitz sich hier kreuzten, und jeder dieser Gebieter auf eigenem Grund und Boden aus der Quelle trinken konnte. Das Wasser ist herrlich, und wer einmal daraus getrunken hat, sagt mein Gewährsmann, trinkt wieder; es führt zugleich Goldsand und barg nach der Sage früher edle Perlen und Edelsteine, deren sich die Venetianer bemächtigten, ohne etwas übrig zu lassen. Dieses führt uns zu den Goldbrunnen.


4.

In der Oberpfalz führen viele Brunnen den Namen Gold- oder Silberbrunnen, und hätte die Benennung praktischen Hintergrund, so wäre das Land an edlen Metallen wohl eines der reichsten. Der Glaube, dass die unvermeidlichen Venetianer diese Schätze zu heben kommen und den guten Deutschen das Nachsehen übrig lassen, treibt jetzt noch frische Sagen. So sahen vor einigen Jahren Kinder im sogenannten Dümpfel bei Neuenhammer aus dem dortigen Brunnen, welcher auch sonst glänzende Flimmerchen auswirft, am hellen Mittage ein fremdes, nie gesehenes Männchen Wasser in einem blechernen Löffel seihen: und die Eltern, welche dabeistanden, sahen nichts.

Auf dem Schneeberge sind noch Gewölbe und Gänge der alten Burg sichtbar. Dort hört man nachts Krachen und Stürzen, und ein Ritter in alter Tracht winkt den Vorübergehenden; wenn sie seiner nicht achten, sendet er ihnen Hohngelächter nach. Am Berge ist ein Brunnen, Goldbrunnen genannt; zeitweise steigen aus ihm Goldflämmchen auf und zeigt sich ein kleines graues Männchen, ein Venetianer, welcher des Goldes wegen hierherkommt. Einmal hüteten Kinder da herum und sahen mittags das Männchen am Brunnen sitzen. Einer der Knaben warf mit einem Steine danach, wurde aber augenblicklich bei den Haaren gefasst und zusammengerissen. Später zeigte sich der Fremdling mit verbundenem Gesichte. - Aus diesem Brunnen darf man zu gewissen Zeiten, besonders von Ostern bis Johanni, nicht trinken, bei Vermeidung augenblicklichen Todes. Das Wasser ist so eiskalt und schwer, dass die Bewohner der Burg es vorerst in einem hölzernen Behälter absitzen ließen: sie ehrten aber gleichwohl das Wasser so hoch, dass sie ihm den goldenen Namen beilegten. - Ferner meldet die Sage, dass auf dem Berge selbst Gold gegraben wurde; auch ein Wetzsteinbruch war eröffnet: als nun die Schweden heranrückten, die Burg zu zerstören, flüchteten die Bewohner ihre Schätze in den Schacht und setzten einen großen Stein vor die Öffnung. Die Leute aber fielen alle, und so weiß man die Stelle nicht mehr zu finden. Nur der Riese von Altschneeberg weiß den Weg, er zeigt ihn auch, aber nicht bis zum Ziele, weil er am Bache verschwindet.

An der Silberhütte bei Bärnau ist der Silberbrunnen, so genannt, weil man beim Bauen Silbererz fand; ein Häusler dort führt noch den Namen Baumführer, weil er den ersten Baum dazu gefahren hat. - Einer übersah die Gegend von der Silberhütte aus und meinte, hier müsse der Teufel U.L. Herrn versucht haben, so prächtig und weitmächtig sei die Landschaft. Dafür lassen andere den Teufel, als er die ihm von Gott angebotene Pfalz ausschlug, bei Bleystein gestanden sein.

Ein anderer Silberbrunnen ist in einer Lohe, einem sumpfigem Walde, bei Neuenhammer, mit eiskaltem Wasser, das in bestimmten Zwischenräumen Blasen wirft.

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3. Weiher

1.

Der Schwarzweiher ist ein Weiher zwischen Thannstein und Kulz, am Fuße der Schwarzenburg, von seinem schwarzen Wasser benannt, welcher verwunschene Geister birgt. Man hört auch oft Kegelscheiben dort, zeitweise auch liebliche Musik. Alle Wanderer meiden den Ort.


2.

Nach der Sage um Amberg werden die alten Jungfern, wenn sie sterben, so lange nicht ruhig zu Hause, bis man sie in den Haidweiher verträgt, wo sie »Gabitzl« = Kibitze, hüten müssen. Auch dort noch strecken sie die Hände über das Wasser empor und rufen: »Einen Mann, einen Mann!«

Ferner heißt es dort, die alten Jungfern tragen einen Groschen in den Haidweiher, und geben ihn den Gauwitzeln, damit diese ihnen einen Mann verschaffen. - Wurde hier etwa sonst eine Jungfrau zu gewissen Zeiten dem Wasser zum Opfer gebracht?

Wieder sagt man: Die alten Jungfern müssen vor ihrem Tode einen Groschen in den Haidweiher werfen, zahlen, damit sie, wenn gestorben, in den Himmel kommen.


3.

An dem Städtchen Bleystein, hart an der böhmischen Grenze, erhebt sich ein ziemlich hoher Berg aus Rosenquarz, mit Bleiglanz durchzogen, von dem der Name der Stadt kommen soll. An der Stelle, wo jetzt ein Kirchlein steht, war eine Burg. Einmal erkrankte das Burgfräulein und wurde sehr belästigt durch das unaufhörliche Quaken der Frösche im Weiher am Fuße des Berges. Da ließ sie aus dem nahen Kloster einen Franziskaner kommen, der die Frösche bannte, und seitdem lässt sich kein solcher Sänger dort mehr hören, sie sind stumm und es bleibt auch keiner lebend, den man hineinwirft. - Nach anderen war es eine Leuchtenbergische Landgräfin, welche auf dieser Burg ihre Tage im Dienste des Herrn beschließen wollte, aber in ihrer Andacht von den quakenden Fröschen unten im Schlossteiche gar oft gestört wurde, und daher einmal auf den Söller hinaustrat und über die lärmenden Schreier das Kreuzzeichen mit der Hand machte, worauf sie erstummten.

In der Urzeit soll ein gewaltiger See hier gewesen sein, der sich bis Weiden und Mantel erstreckte. Auch will man auf dem Berge verwitterte Lava gefunden haben.


4.

Zwischen Grafenwöhr und Pressat liegt der Röthelweiher, in düsterer Waldfläche, vom rotschlammigen Wasser so benannt. Hier soll eine Stadt versunken sein. In stillen Nächten tönen noch die Glocken aus der Tiefe empor und blaue Flämmchen tanzen auf dem Spiegel. Es sind die Seelen derer, welche im Weiher verunglückten und dem Wanderer sich beigesellen wollen. An heiligen Zeiten steigt die Stadt gegen den Wasserspiegel und der Türme Spitzen ragen dann hervor.


5.

In der Mitte des Steinwaldes bei Voitenthann ist das Teufelsweiherl, von Felsblöcken umgeben: Der Name fällt auf, weil man in der Umgegend nur das Wort »Teich« kennt.


6.

Der Schlossweiher zu Neumarkt fordert alle sieben Jahre ein Opfer, weshalb man die Knechte warnt, die Pferde nicht weit hineinzureiten.

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Wasser ist mehr als H2O.

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