Der Fichtelsee. Foto: Adrian Michael.
Fichtelberg und Fichtelsee
N 50° 1'2.41"N, O 11°51'30.05"

Auf dem Fichtelberge, dem Haupt und König des Fichtelgebirges, liegt – gleichwie auf dem Schneekopf im Thüringerwalde der Teufelskreis, auf dem Rhöngebirge in Franken das schwarze Moor, dem Pilatussee auf dem Frakmont der Schweiz, dem Frau-Hollenbad auf dem Meißner in Hessen u.a. – ein berufener unergründlicher See, der Fichtelsee genannt. Früher war er offen wie der Pilatussee, hernachmals aber hat er sich mit einer schwankenden Moordecke, gleich dem vorgenannten, überzogen und heißt nun die Seelohe, weil in dieser Gegend jeder Sumpf unter einer Moordecke Lohe genannt wird. Vier Flüsse rinnen vom Fichtelberge nach den vier Himmelsgegenden nieder, Main und Saale, Naab und Eger, deren Namensanfangsbuchstaben das Wort MENS bilden; davon entspringen Main und Naab unmittelbar dem Fichtelsee. Der Main fließt gen Westen, die Naab gen Süden, die Eger gen Osten und die Saale gen Norden. Der Main fällt in den Rhein, die Naab in die Donau, Eger und Saale strömen der Elbe zu. Bei Weißenstadt fließt die Eger durch einen See, in welchem ein Pfarrer vordessen, wie die Sage geht, die Frösche stumm gemacht, wie jener Arme die zu Schwante, andere aber sagen, ein kunstbegabter Vagabund habe solch Wunderwerk für den Pfarrer verrichtet, den die Frösche unter der Predigt gestört.

Und ist noch dieses wundersam, dass jeder in den Weißenstädter See geworfene Frosch alsbald wieder herauseilt, und dass ein paar Eimer dieses Wassers, in andere Teiche geschüttet, die Frösche ebenfalls verstummen machen. - Die Eger hat in ihrem Sande Diamanten, der Main Perlen, die Saale Gold und die Naab silberflammige Steinlein geführt. Auch vom Fichtelberg geht das weit bekannte Sprichwort: Oft wirft ein Hirte nach einer Kuh mit einem Steine, der mehr wert ist als die Kuh selbst. Das alles aber war und geschah noch in der goldnen Zeit; ob und wann sie wiederkehre, bleibt in Dunkel gehüllt. In dem Fichtelsee badet sich der Nachtjäger, wie seine Sippe, Frau Holle, ihr Bad auf dem Hohen Meißner im Hessenlande hat, der Teufel das seine auf dem Schneekopf und Rübezahl seines auf dem Riesengebirge, und es ist nur gut, dass diese vier hohen Herrschaften ihre Badezeit nicht an einem und demselben Orte halten, dieweil sonst in der Welt noch viel mehr Schlimmes und Arges geschehen würde, als ohnehin geschieht, wenn der Teufel und seine Diplomaten in einem Bade beisammen sind.

Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Meersburg 1930

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