Die auf einem vorchristlichen Quellheiligtum errichtete Kapelle von Amorsbrunn wird als Wiege oder Anlass zur Errichtung des Klosters Amorbach angesehen. 1565 entstand zur Anwendung des Quellwassers östlich der Kapelle ein Heilbad. Das Becken wird über einen unterirdischen Kanal aus der Quelle, die unter dem Boden der Kapelle entspringt, gespeist. Bis ins 18. Jahrhundert war das Bad überdacht.

Die Quellenkultstätte Amorsbrunn im Odenwald


Wolfram von Eschenbach (um 1160/80 - etwa 1220) beschreibt in seinem Werk 'Parzival' eine mit nur einem Fenster ausgestatteten Klause unter der eine 'lautere Quelle' entspringt. Hier trifft der Held seine Base Sigune:
"Vor Zeiten kam ich hier im Tann
Zu einer Klause: die durchrann
Eilig eine lautre Quelle.
Wenn ihr sie wisst, weist mich zur Stelle!"
"Wir kennen sie", ward ihm gesagt,
"Es wohnt in Klagen eine Magd
Auf ihres Freundes Grabe dort."
Amorsbrunn soll Wolfram von Eschenbach zu dieser Ortsbeschreibung inspiriert haben.

Anmerkungen zu Amorsbrunn

Die Quelle von Amorsbrunn gilt als Ort früher Götterverehrung und sie ist bis heute ein Ort sakraler Weihe geblieben. Auch die Römer sollen hier bereits auf einem germanischen Kultplatz einen Altar zu Ehren der hier wohnenden Quellnymphe errichtet haben.

Im Jahr 714, so die Legende, soll Ruthard, Graf von Frankenberg, den Wandermönch Pirmin (ca. 670-753) und dessen Anhänger zu sich gerufen und ihn beauftragt haben den Odenwald zu missionieren. Pirmin und seine Begleiter sollen sich daraufhin an der heiligen Quelle im Otterbachtal niedergelassen haben. Sie nannten die Quelle 'Marienborn' und bauten hier eine hölzerne Kapelle.


Durch die Öffnung im Boden der Kapelle kann das heilbringende Wasser direkt aus der Quelle geschöpft werden. Die Tür im Hintergrund führt zum Becken des Heilbades.

Altheilige Orte mit christlichen Gotteshäusern zu überbauen ist eine häufig überlieferte Taktik der ersten christlichen Missionare, um die dort ansässigen Menschen zu missionieren. Und so ist die Tatsache, dass Pirmin direkt an oder über der Quelle eine Kapelle errichtete, schon fast ein sicherer Beleg dafür, dass auch diese Quelle bereits lange vor der Ankunft der Missionare bei der Bevölkerung in hohem Ansehen stand. In dem Wasser der heiligen Quelle soll Pirmin die ersten Christen des Odenwaldes getauft haben.

Die heilige Quelle im Otterbachtal stand vermutlich in ältesten Zeiten mit einem Fruchtbarkeitskult in Verbindung, denn bis ins 20. Jahrhundert wurde Amorsbrunn von Frauen besucht, die sich durch die Anwendung des Quellwassers ein Kind erhofften.

Der christliche Vorposten im Heidenland konnte schon bald weiter ausgebaut werden. Mit Ruthards Hilfe entstand im heutigen Amorbach das Kloster Marienmünster, dessen Kirche 734 von Bonifatius geweiht wurde. Zum Abt des Klosters soll Pirmins Gefährte Amor ernannt worden sein, der dem Kloster angeblich 33 Jahre lang vorstand. Dieser soll für das Kloster 'Amorbach' und die Quellenkirche 'Amorsbrunn' Namens gebend gewesen sein. Nach einer später verbreiteten Legende soll erst Abt Amor von seinem Gott die besondere Heilkraft der Quelle herbeigefleht haben.

Doch tatsächlich sind weder Pirmin noch sein Kumpan Amor für das Entstehen Amorsbachs historisch belegt. Von Prmin ist überliefert, dass er sich zur Zeit der Gründung Amorbrunns an anderem Ort aufgehalten habe. Wahrscheinlich ist dagegen, dass es heute unbekannte iroschottische Wandermönche waren, die sich im Auftrag und unter dem Schutz des Gaugrafen Ruthardt an der altheiligen Quelle niederließen und von dort aus die Region christianisierten.

Eine andere Theorie lautet, dass die Ortsbezeichnungen nicht von dem legendären Abt abgeleitet, sondern aus 'Amarbach', bzw. 'Ammerbach' (Ammer = Sumpf, Gewässer) hervorgegangen sei. Durch Lautumwandlung sind aus den Gewässernamen um 1200 die Ortsnamen 'Amorbach' bzw. 'Amorsbrunn' entstanden.


Grundriss des heutigen Quellheiligtums. Interessant ist, dass sich im Osten nicht wie bei Kirchen üblich, als allerheiligstes der Chor, sondern die Quelle und das Bad befinden.

Spätestens im 12. Jahrhundert wurde an der Quelle eine romanische Kapelle aus Stein errichtet, deren Überreste in dem heutigen Kirchenbau verbaut sind. Mit der Zunahme der Pilgerzahl stiegen die Einnahmen der Wallfahrtsstätte. Im frühen 15. Jahrhundert konnte man den Bauern Gerlach von Neudorf zur Reliquienbeschaffung nach Münsterbilsen bei Maastrich entsenden. Man baute an die Kapelle einen gewölbten Chor und das Kirchenschiff wurde so weit verlängert, so dass die heilkräftige Quelle mit in das Gebäude einbezogen werden konnte.

Auch nach Christianisierung des Quellheiligtums wurde das Wasser der Quelle weiterhin von den Frauen aus der weiten Umgebung als Fruchtbarkeitsbringer hoch geschätzt. Wer an das Wasser gelangen wollte musste es innerhalb der Kapelle mit kleinen Eimern durch die Öffnung im Boden aus der Quelle schöpfen. Eine milde Gabe in den Opferstock war nun obligatorisch. Zum Baden des Unterleibs wurde östlich der Kapelle ein großes Badebecken errichtet, in das das Quellwasser über einen unterirdischen Kanal aus der Kapelle geleitet wurde. Dies Bad war bis ins 18. Jh. überdacht.


Das große Badebecken neben der Kapelle. Neben dem Trunk aus der Quelle sollte das Bad in diesem Quellwasserbecken Frauen zu Kindersegen verhelfen. In dem einst überdachten Becken wurden auch die Neugeborenen gebadet, die mit Hilfe des Wassers und des heiligen Amors zur Welt gekommen waren. Besonders im 17. und 18. Jahrhundert war Amor der am meisten verwendete Vorname in Amorbach und einer der bekanntesten Namen in der weiteren Umgebung.

Bis ins 17. Jahrhundert verwendete man das Armorsbrunner Quellwasser, außer bei Kinderlosigkeit, gegen die verschiedensten Krankheiten. Es war für allerlei Wunderheilungen berühmt. Aus dieser Zeit stammt der von P. Kolumban Mohr verfasste Spruch, der seit 1652 in der Kapelle die Brüstung der Empore schmückt:

"Wann schwere Kranckheit umringt Dein Hertz
Und leidest gar Großen Schmertz,
Warumb Gibst Dem Artz so grosse Gaben
Undt Läst Fahren die Göttliche Gnaden?
Schau, allhier Sanct Amors Brunn entspringt,
Welcher die vorige Gesundheit wiederbringt!
So Du beschrien bist und Dein Glieder verdürren wöllen,
Wasche Dich mit dieser heilsamen Brunnquellen.
Wann du Meinst Auß grossen Zahnweh Müst Ich vergehn,
Mit Diesem Wasser wasch Deine Zähn.
Dann Baldt Vielerley Kranckheit auß sonderer Krafft,
Haylet S. AMOR mit Segen wertigen Krafft."


Das unter dem Kapellenboden entspringende Quellwasser fließt unterhalb der Steinbank in das Heilbad ein. Die näpfchenartige Vertiefung in der Sitzfläche diente den Frauen vermutlich zum Benetzen des Unterleibs.
Im Laufe der Zeit trat der so genannte 'Kindsbrunnen' in den Vordergrund. Man rühmte das Amorsbrunner Quellwasser weit über die Grenzen Amorbachs hinaus, dass es unfruchtbaren Frauen zu reichem Kindersegen verhelfen könne. 1735 stiftete der Würzburger Stadtrat Planer und seine Ehefrau die reich vergoldete Statue des hl. Amors, "zum Dank für glücklich erhaltene Leibesfrucht". Beredte Zeugen sind auch die Stiftungen der beiden kostbaren Seitenaltäre durch Adelsfamilien aus der Umgegend, bei deren Frauen das Amorsbrunner Quellwasser eine befruchtende Wirkung gezeigt hatte. Ein Verwandter dieser Familien, Reichsvizekanzler Friedrich Karl v. Schönborn, berichtete der österreichischen (Titular-)Kaiserin Elisabeth Christine von der Quelle und riet ihr 1726 zum Genuss des Amorsbrunner Wassers und zur Stiftung von 1500 Gulden. Von den anfallenden Zinsen sollten alljährlich Bittgottesdienste für die Kaiserin in Amorsbrunn gehalten werden. Diese hatte das Problem, dass sie außer ihren beiden Töchtern keinen lebensfähigen Stammhalter gebären konnte. Doch da die Auszahlung der versprochenen Zinsen ausblieb, so war auch kein Priester bereit für die Kaiserin Messen zu lesen und das Wasser blieb offensichtlich ohne Wirkung.

1769 wurde das Kapital von Elisabeths Tochter, der Kaiserin Maria-Theresia von Österreich, um weitere 400 Gulden aufgestockt und angewiesen. Und diese sorgte persönlich dafür, dass die Zinsen ausbezahlt und für das Geld Bittgottesdienste zu ihren Gunsten abgehalten wurden. Der Erfolg des Kindsbrunnenwassers stellte sich offensichtlich ein und Maria Theresia wurde mit 16 Kindern gesegnet. Wer konnte jetzt noch an der Wirksamkeit des Amorsbrunner Quellwassers zweifeln? Zumal auch der Klerus es nicht versäumte, lauthals auf die Wunderwirkung des Amorsbrunner Wassers hinzuweisen - wer ordentlich schmiert, der gebiert! Da das Geld jetzt floss, wurden die so genannten 'Kaisermessen' bis zum Ende der österreichischen Monarchie in der Amorsbrunner Kapelle gelesen.


Im Bereich der Treppe (rechts) und anderen Stellen am Beckenrand sind mehrmals fünf Näpfchen nach dem Muster einer Fünf auf einem Würfel in den Sandstein eingetieft. Wer in diese Näpfchen Wasser schöpft, die Finger hineintaucht und damit über die Augen streicht, dem soll gegen Augenleiden geholfen werden.
Wenn die Dienste des Klerus auch käuflich waren, das Heilwasser selbst unterschied nicht zwischen arm und reich. Erfreulicherweise sollen auch weniger betuchte und völlig mittellose Frauen durch den Genuss des Quellwassers und das richtig angewandte Bad im Becken neben der Kapelle schwanger geworden sein.

Den Kindern erzählte man, dass die weise (bzw. Weiße) Frau, das 'Ammefräle', die Babys aus dem Amorsbrunnen holt. Dies galt nicht nur für das Gebiet um Amorbach, sondern für eine Vielzahl der benachbarten Ortschaften, wie Miltenberg, Walldürn, Buchen und weitere.

St. Gangolf ist der Kirchenpatron der Stadtpfarrkirche in Amorbach. Er gilt zugleich auch als Quellenheiliger und ist in ländlichen Gegenden für die Pferde zuständig. In der Tradition der alten vorchristlichen Pferdeumritte ist auch für Amorsbrunn seit 1182 der erste Gangolfsritt nachgewiesen. Die Reiterprozessionen wurden bis ins 19. Jahrhundert durchgeführt. Nach einhundertjähriger Ruhepause lebte die Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf und findet seitdem jedes Jahr am zweiten Maisonntag statt. kk

Verw. Literatur:
Walter Hotz, Amorbacher Cicerone, Amorbach 1951
Walter Hotz, Amorbach, in Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern Band 8, Mainz

Christian Schreiber, Wallfahrten durchs deutsche Land, Berlin 1928, S. 95
Max Walter, Der Amorsbrunnen als Quellenkirche und Kinderbrunnen, in Frankenland, Würzburg 1959

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Gegenüber dem Eingang der Kapelle befindet sich eine Freikanzel mit gotischem Blendmaßwerk aus dem Jahr 1576. Diese soll früher bei großem Wallfahrerzustrom gebraucht worden sein; daneben eine barocke Mariensäule mit Mondsichel-Madonna von 1720. Freikanzeln sind allgemein ein Zeichen für eine bereits in vorchristlicher Zeit verehrte heilige Stätte. Die römische Kirche zog grundsätzlich den Gottesdienst in geschlossenen Räumen vor. Mit einer Außenkanzel ließen sich jedoch auch jene erreichen, die es gewohnt waren ihren Göttern an Quellen, Bäumen und anderen geweihten Orten im Freien zu dienen und die daher einen Gottesdienst in geschlossenen Gotteshäusern ablehnten.




Mit 1655 ist diese reich vergoldete Figur des heilige Amor datiert, die der Würzburger Stadtrat Planer und seine Frau aus Dankbarkeit "wegen erhaltener Leibesfrucht" stifteten. Bei der Jahreszahl soll es sich allerdings um einen Schreib- bzw. Lesefehler eines Restaurators handeln. Tatsächlich müsste es 1735 heißen.
Die Sage von der Entstehung der Amorquelle

Auf einer seiner Wanderungen kam der heilige Amor in eine Wildnis des Odenwaldes. Von der Sonnenhitze und Reise erschöpft, suchte er vergebens ein Brünnlein, um seinen brennenden Durst zu löschen. Da rief er Gott um Hülfe an und stieß vertrauensvoll, im Namen Jesu, seinen Stab in die Erde. Im Augenblick sprudelte daselbst eine klare, frische Quelle hervor und gewährte dem Heiligen die gewünschte Erquickung. Zum Dank erbaute Amor über dem Brunnen eine Kapelle und daneben für sich eine Klause. Die Quelle erhielt den Namen Amorsbrunnen, zu dem, wegen seiner Heilkraft, noch heute gewallfahrtet wird.1

1 Von dieser Entstehung des Brunnens findet sich nichts in J. Gropp's Werk: Aetas mille annorum antiquissimi et regalis Monasterii B.M.V. in Amorbach.

Bernhard Baader, Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden Teil I, Karlsruhe 1851

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Das künstlerisch wertvollste Stück in der Kapelle ist der farbig gefasste und vergoldete, spätgotische Flügelaltar mit der bildlichen Darstellung des biblischen Prophetenwortes vom "Spross aus der Wurzel Jesse", der Frucht bringen wird. Aus dem Körper des schlafenden Jesse (oder 'Isai', dem Vater König Davids) erwächst der Stammbaum Jesu mit Maria im Zentrum und den alttestamentarischen Königen an den Verzweigungen rechts und links.

Die beiden Seitenaltäre sind fromme Stiftungen für erfüllte Bitten um Kindersegen.

Seit 1535 zeigt die äußere Chorwand der Kapelle ein großes Christopherusbild, das mittlerweile mehrfach erneuert wurde. Im Vordergrund das ablaufende Quellwasser.

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