Meerweiblein

Eine Viertelstunde von Waldangelloch entspringt eine frische Quelle, die von dem Holderbusch, der früher bei ihr stand, Holderbrunnen heißt. In deren Umgebung pflegte eine arme, alte Frau das Futter für ihre Kuh zu suchen, mit dem sie eines Abends erst um 9 Uhr, als es schon lange Nacht war, nach Hause kam. Hier wegen befragt, erwiderte sie nur, sie sei bei guten Freundinnen gewesen, welche sie erst heute habe kennen lernen. Eine ähnliche Antwort gab sie auch an den folgenden Tagen, wo sie ebenfalls erst zur erwähnten Stunde heimkehrte. Endlich schlichen ihr einige Leute nach, sahen sie mit zwei fremden, schönen Mädchen bei dem Holderbusche stehen und letztere, als sie sich näherten, in dem Brunnen verschwinden. Auf dieses ward die Frau noch mehr mit Fragen über die Mädchen bestürmt und gebeten, dieselben in ihr Haus mitzubringen, worauf sie erwiderte: "Meine Freundinnen leben unter der Erde, und ich werde, wie sie wünschen, bald mit ihnen hinab gehen; in mein Haus kommen sie schwerlich, jedoch will ich versuchen, sie dazu zu bereden." Dieses gelang ihr: Am bestimmten Abend kamen die beiden Mädchen, ohne dass sie von der Frau abgeholt wurden oder im Orte sich nach deren Haus erkundigten, zu ihr in die Spinnstube. Jede brachte ein brennendes Laternchen, eine Kunkel und Hanf mit; sie waren gekleidet wie die Dorfmädchen, hatten aber Gürtel und weiße Schürzen an. Während des Spinnens scherzten und lachten sie mit den anwesenden Mädchen und Burschen, erzählten, dass es bei ihnen wie auf der Erde sei und nahmen nichts als Obst und Brot an. Schlag neun Uhr zündeten sie ihre Laternen an und gingen, trotz allen Bittens länger da zu bleiben, mit dem Versprechen fort, am nächsten Abend wieder zu kommen. Dasselbe erfüllten sie und fanden fortan dreiundzwanzig Tage lang jeden Abend, wenn es dunkel war, sich ein. Ihr Betragen blieb stets das gleiche; nur knüpfte die eine mit einem der Burschen eine Liebschaft an. Ihm allein erlaubten sie, beim Heimgehen sie halbwegs zu begleiten; bis zum Brunnen hätte er nur dann mitgedurft, wenn er Willens gewesen wäre, sich auch hinein zu begeben. Letzteres zu tun, konnte er erst auf vieles Zureden seiner Geliebten sich entschließen. Als sie an die Quelle kamen, wollten die Mädchen, dass zuerst die eine, dann er und nachher die andere sich hinunter ließe, er aber begehrte, der Letzte zu sein. Auf dieses schnallte ihm seine Geliebte ihren Gürtel um, indem sie ihm versicherte, dass er durch ihn vor dem Nasswerden geschützt sei, dann stieg sie und nachher ihre Gefährtin in den Brunnen hinab; aber der Bursch wagte nicht, ihnen zu folgen, sondern blieb an der Quelle stehen. Auf einmal ward deren Wasser blutrot, worauf er eilig den Gürtel hineinwarf, weil er dachte, dass derselbe nicht hätte zurückbleiben sollen. Die Mädchen, welches Meerweiblein waren, sind nachher niemals wieder gesehen worden.

Bernhard Baader, Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden Bd. II, Karlsruhe 1859

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