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Urnagold und die Nagoldquelle
48° 36' 12" N, 8° 26' 16" O, Alt. 811,3 m üNN Sagenhaftes: |
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![]() Die wahrscheinlich im 13. Jahrhundert nahe der Nagoldquelle errichtete Taufkirche zum heiligen Johannes in Urnagold. |
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Anmerkung zur Nagoldquelle
Mit Sicherheit war es kein Zufall, dass die trutzige kleine Urnagolder Wehrkirche zum heiligen Johannes nur wenige Meter von der Nagoldquelle entfernt errichtete. Urkundlich wird der Bau 1228 erstmals erwähnt. Ihr Name lässt auf eine alte Taufkirche schließen. Diese wurden gerne an alten Quellheiligtümern errichtet. Das Quellwasser wurde gerne für den Taufritus genutzt, stellte es doch für die Bevölkerung eine vertraute Verbindung zum alten Glauben dar. Auch die Tatsache, dass das früher einsam in der Schwarzwaldwildnis gelegene Kirchlein über Jahrhunderte das religiöse Zentrum der umgebenden Ortschaften darstellte, lässt darauf schließen, dass der Ort bereits in vorchristlicher Zeit eine besondere Bedeutung hatte. Alte heilige Orte wurden gerne durch den Bau einer Kirche für das Christentum 'occupiert'. Der trutzige Turm und die wehrhafte Umfassungsmauer aus der Gründungszeit lassen erkennen, dass die Kirche ursprünglich nicht jedermann willkommen war. Das in den später aufgekommenen Sagen erwähnte vornehme Fräulein, das sich in der Waldeinsamkeit hierher verirrte, erinnert an die 'weiße Frau', welche im Volksglauben an einer Vielzahl von Quellorten und Gewässern in ganz Deutschland heimisch war und die in der Regel für die Göttin Holle steht. 'Ur'-Nagold bedeutet nicht zuletzt auch 'Ur'-sprung des Schwarzwaldflüsschens Nagold, dessen Wasser zunächst in östlicher Richtung über Calw, Altensteig, durch die gleichnamige Stadt Nagold fließt und von hier ab dem Tal in Richtung Norden folgt, bis es nach 92 km im Stadtzentrum von Pforzheim bei 250 m üNN in die Enz mündet. Die Enz ist ein Nebenfluss des Neckars. Wie archäologische Funde und Relikte alten Brauchtums entlang der Nagold-Ufer belegen, durchfloss die Nagold altes Keltengebiet. In der Stadt Nagold, direkt an dem engen Flussbogen, mit dem der der Fluss in Richtung Norden abbiegt, liegt am Ufer der so genannte 'Krautbühl' oder 'Keltenhügel', unter dem sich ein frühkeltisches Fürstengrab aus dem fünften bis sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verbirgt. Trotz 2.600 Jahren Erdabtrag durch Überschwemmungen, Erosion, Feld- und Gartenbau besitzt das Hügelgrab heute noch immer eine Höhe von 4,50 m, bei einem Durchmesser von 50 m. Bei dem Grab handelt es sich um den mächtigsten und am besten erhaltenen Grabhügel Baden-Württembergs. Auf dem gegenüberliegenden Schlossberg hatten die Kelten eine befestigte Höhensiedlung errichtet, die nach den dortigen Funden von überregionaler Bedeutung war. Rund vier Kilometer nördlich davon bei Oberjettingen fand man Überreste von zwei keltischen Viereckschanzen. Die Wissenschaft streitet darüber ob es sich bei Viereckschanzen um eingefriedete Heilige Orte oder lediglich um befestigte Höfe handelte. Die Kelten mussten schließlich den Alemannen weichen. Später besetzten die Römer diese Region. Allen diesen Völkern waren Gewässer und besonders die Quellen heilig, Quellen betrachtete man als Wohnorte von Göttinnen und Nymphen. Den Flussläufen folgten die ersten Wege auf die Höhen des Schwarzwaldes. Über diese Pfade wurden die Berge erschlossen. Die am Ende des Bachlaufs sprudelnde Quelle war zugleich auch der Endpunkt des bis dahin Vertrauten. Zugleich war ihr Wasser Voraussetzung für die Fruchtbarkeit der Täler und Grundlage für das Leben in den Niederungen. Alleine dies machte sie schon verehrungswürdig. kk |
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![]() Der heute etwas verwaiste Quellgrund in 811 m üNN neben der Kirche. |
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Ur-Nagold
Ein vornehmes Fräulein hatte sich einst in der Umgebung von Altensteig verirrt. Endlich hörte es ein Wasser rauschen und kam zu dem Ursprung der Nagold; die nannte es nun Irr-Nagold. Weil es sich daselbst verirrt hatte. Ebenso hieß dann auch der Weiler am Ursprung des Flusses, den man jetzt Ur-Nagold schreibt; das Volk aber spricht den Namen gewöhnlich 'Her-Nagold' aus. - Aus Dankbarkeit schenkte das Fräulein den Altensteigern den ganzen Wald, der mehrere tausend Morgen groß ist. Seit ihrem Tode aber geht das Fräulein bis auf den heutigen Tag als Geist in der Umgebung der Quelle. Es zeigt sich alljährlich mehrmals, und zwar immer in weißen Kleidern und mit freundlichen Mienen. Einem Kinde, das Erdbeeren im Walde suchte, hat es einmal zwei Taler geschenkt. Johannes Künzig, Schwarzwald Sagen, Jena 1930 |
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![]() Altes Quellbecken. |
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Das Fräulein am Quell der Nagold Mündlich aus Nagold. Ein vornehmes Fräulein hatte sich einst in der Umgebung von Altensteig verirrt und hörte endlich ein Wasser rauschen und kam zum Ursprung der Nagold, die es Irr-Nagold nannte, weil es daselbst sich verirrt hatte. Ebenso hieß dann auch der Weiler am Ursprung des Flusses, den man jetzt Ur-Nagold schreibt; das Volk aber spricht den Namen 'Her-Nagold' aus. Aus Dankbarkeit schenkte das Fräulein den Altensteigern den ganzen Wald, der mehrere tausend Morgen groß ist. Sei ihrem Tode aber geht dieses Fräulein bis auf den heutigen Tag geistweis in der Umgebung der Quelle und zeigt sich alljährlich mehrmals und zwar immer in weißen Kleidern und mit freundlichen Mienen. Einem Kinde, das Erdbeeren im Walde suchte, hat es schon einmal zwei Taler geschenkt. Die Kirche von Ur-Nagold ist die Mutterkirche für die ganze Umgebung und liegt einsam mitten im Tannenwald. G. Burkhardt, Schwarzwalds Sagenkranz, Freudenstadt 1926 |
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![]() Die gefasste Hauptquelle der Nagold diente früher der Trinkwasserversorgung von Besenfeld. Heute wird der Sauwasenbrunnen von der Nagoldquelle versorgt. |
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Die Sage vom Kirchenbau
Einst erging sich die Tochter des Grafen von Nagold durch Wiesenauen. Bei strahlendem Sonnenschein lockte die unbekannte Ferne zu neuen Entdeckungen. Weiter und weiter führte der Weg, zuletzt hinein in den Wald. Bald waren es nur noch Pfade. Der Wald wurde dunkler und dichter. Doch weiter ging es über Wurzeln, Baumstämme und Rinnsale. Bei einbrechender Nacht befand sich die Grafentochter in tiefer Wildnis. Sie achtete nicht der zerfetzten Kleider und der zerschundenen Arme und Beine. Auf ihre Hilferufe kam keine Antwort. Die Angst trieb sie immer weiter. Erschöpft kniete sie nieder und gelobte: "Dort, wo ich den erstbesten Menschen treffe, der mir hilft und mir den Weg zurück zu Vater und Mutter weist, dort soll zum Dank eine Kirche erbaut werden." Beim Morgengrauen vernahm die Verirrte einen Hahnenschrei. Sie raffte sich auf, denn dieser Laut bedeutete Rettung. In der Richtung, aus welcher der Hahnenschrei ertönte, mussten Menschen wohnen. Erleichtert atmete sie auf, als sich der Wald lichtete, als sie aufsteigenden Rauch sah und ein Bächlein rauschen hörte. Mit letzter Kraft schleppte sie sich zu der Köhlerhütte. Hilfsbereit reichte ihr der Köhler Speise und Trank. Ja, der gutherzige Köhler brachte die überglückliche Grafentochter auf geheimen Pfaden vom Ursprung der Nagold das klare Bächlein entlang zurück auf die elterliche Burg. Der Graf lohnte die Großmut seines getreuen Untertans mit Gold, und zum Dank für die Rettung seiner Tochter ließ er, getreu jenem Gelöbnis, dort ein mächtiges Gotteshaus errichten, wo der Köhler seine Wohnstatt und seinen Kohlenmeiler hatte. Und das war dicht beim Nagoldursprung auf 800 Meter Höhe im "Inneren Nagel", das später Urnagold genannt wurde. Dort sollte vom Kirchturm fortan die Glocke nicht nur zur Betzeit und zum Gottesdienst rufen, sondern auch den verirrten Wanderern die Richtung weisen und ihnen den Ort des Geborgenseins werden. Unbekannter Verfasser |
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![]() 1888 wurde die Hauptquelle der Nagold neu gefasst. |
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Die Kirche von Ur-Nagold
Mündlich aus Nagold. Urnagold darf nicht, wie der Name etwa andeuten könnte, als das ältere Nagold angesehen werden. Dagegen spricht schon die große Entfernung voneinander, noch mehr aber der frühere Name Innernagold, d.h. "das tief drinnen im Waldgebirge gelegene Nagold", da wo Nagold und Enz entspringen. Die Sage weiß allerdings auch eine andere Erklärung des Namens. Die wenigen Häuser Urnagolds, die zur Gemeine Besenfeld gehören, sollen einst "Irrnagold" geheißen haben, "weil man um den wilden Ort zu erreichen, gar bald in die Irre gehen kann". Von einer Edelfrau wird erzählt, dass sie sich einst in den weiten Waldungen gründlich verirrt habe. Ihr Rufen war umsonst. Ganz erschöpft sank sie endlich unter einer großen Tanne in das weiche Moos nieder. Da drang der Schrei eines Hahnes an ihr Ohr. Sie raffte sich noch einmal auf und erreichte in kurzer Zeit Irrnagold, wo sie eine überaus freundliche Aufnahme fand. Zum Dank dafür ließ sie dort eine Kirche erbauen, damit der Klang der Glocken den verirrten Wanderer wieder auf den rechten Weg führe. In diese Kirche wurden auch die Besenfelder und die Eisenbacher eingepfarrt. Die Besenfelder waren darüber nie besonders erbaut. Sie hätten es lieber gesehen, wenn die Kirche in den größeren Ort, also zu ihnen gekommen wäre. Bei stürmischem Wetter und tiefem Schnee bot der Weg nach Urnagold doch zu viele Beschwerden. Dass die Urnagolder im umgekehrten Falle dieselbe Klage gehabt hätten, wurde nie erwähnt. Man dachte wohl wie in der Fabel: Ich bin groß und du bist klein. Nun begab es sich, dass die Kirche nach vielen Jahren baufällig wurde. Eine gründliche Ausbesserung hätte nach dem Urteil des Baumeisters fast so viel gekostet als wie ein Neubau und so entschloss man sich, die alte Kirche abzubrechen. Über den Standort der Kirche gab es keine langen Verhandlungen: die Mehrheit entschied sich für Besenfeld. Mit dem Bau wurde alsbald begonnen. Den Grabarbeitern folgten die Steinhauer und Maurer und legten die Fundamente. Auf einem freien Platz, vor dem Dorf draußen, hantierten die Zimmerleute. Sie verarbeiteten neben dem neuen das noch brauchbare Holz der alten Kirche. Dann schafften sie die zugerichteten Balken zur Baustelle, um die neue Kirche aufzuschlagen. Doch was mussten sie am anderen Morgen sehen? Das Bauholz war aus Besenfeld verschwunden und lag drüben in Urnagold auf dem Bauschutt der alten Kirche. Erst glaubte man an einen Scherz, den sich die Urnagolder aus alter Anhänglichkeit für ihr Gotteshaus gestattet hätten und brauchten das Holz zurück. Aber am folgenden Morgen hatte sich der Vorgang wiederholt. Die Bauleute und die Einwohner standen bestürzt umher. Mit der Arbeit wollte es den ganzen Tag nicht vorwärts gehen. Doch hatten die Arbeiter am Abend ihr Holz wieder in Besenfeld. Zwei kecke Arbeiter ließen sich bestimmen, die Nacht über zu wachen. Aber auch diese Vorsicht half nichts. Die Gesellen lagen den nächsten Morgen schlafend auf dem Holz in Urnagold. Als man sie weckte, konnten sie keinerlei Auskunft über den nächtlichen Ortswechsel geben. Dass sich das Gespräch jetzt nur noch um diesen wunderlichen Vorgang drehte, konnte kaum mehr auffallen. Bereits hörte man viele Stimmen in Besenfeld, die der Kirche ihren alten Platz zuwiesen. Einige aber wollten das Spiel noch nicht verloren geben, zumal ein verwegener Zimmergesell die Wache noch einmal zu übernehmen versprach und sagte, er wolle doch sehen, ob das Holz nicht doch in Besenfeld bleibe. Am kommenden Morgen war aber die Bestürzung noch größer. Die geheimen Mächte hatten abermals zu Gunsten Urnagolds entschieden, und der freche Handwerker hatte den Tod gefunden. Nach diesem erschütternden Vorfall gab es keinen Widerstand mehr. Die Kirche kam an ihren alten Platz zu stehen. Damit aber die Arbeiter in Besenfeld nicht umsonst wären, erbaute man dort ein Kirchlein, in dem jetzt die Kinder zur Sonntagsschriftenlehre zusammenkommen. Zum Hauptgottesdienst aber diente die Kirche in Urnagold. G. Burkhardt, Schwarzwalds Sagenkranz, Freudenstadt 1926 |
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