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Der Titiseee im südlichen Schwarzwald
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8° 08' 40'' O, 47° 53' 33'' N, Alt. 844 m
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Der Titisee sagenhaft: |
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![]() Titisee. Postkarte um 1900. |
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Anmerkung zum Titisee
Der Titisee liegt in 840 m Höhe, umrahmt von Bergen, im südlichen Schwarzwald. Mit seiner Seefläche von 1,3 km² und einer Tiefe von etwa 20 Metern ist es der größte natürliche See im Schwarzwald. Im Südwesten wird er durch den Seebach gespeist, der in 1109 m hoch im Feldsee entspringt und entwässert im Nordwesten in die Gutach, die bald, nach Einmündung des Flüsschens Haslach ihren Namen im Wutach ändert und schließlich nach 86 km zwischen Zurzach und Waldshut-Tiengen in den Hochrhein mündet. Die erste urkundliche Erwähnung des Sees unter dem Namen 'Titinsee' stammt aus dem Jahr 1050 und steht im Zusammenhang mit dem Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Auch der Name Dettesee wird in einer Urkunde aus der Pfarrei Saig erwähnt, die aus dem Jahr 1111 stammt. Etwa seit 1750 wurde der Name in seiner heutigen Form verwendet. Wie alle hoch in den Schwarzwaldbergen gelegenen Seen, gab auch der Titisee den Menschen Rätsel auf. Man dachte, die Schwarzwaldseen seien unergründlich tief und glaubte, dass sie unterirdisch mit anderen Gewässern bzw. einem großen unter der Erde liegenden Meer in Verbindung stünden. Somit war es für die Menschen durchaus denkbar, dass ein Ochsengespann, das im Titisee versank, an anderer Stelle wieder ans Tageslicht kommen könnte. Die Vorstellung, dass das gesamte Erdinnere von einem Netz unzähliger Wasseradern durchzogen würde und diese mit gewaltigen unterirdischen Wassersammelbecken in Verbindung stünden, reicht bis weit in die Vorzeit zurück. Man versuchte sich mit dieser Vorstellung das Herkommen der Gewässer und das ununterbrochene Fließen von Quellen zu erklären, die selbst bei größter Trockenheit nicht versiegten. Noch im ausgehenden Mittelalter wurde diese Lehre von anerkannten Naturforschern vertreten, unter anderem durch den deutschen Jesuiten und Universalgelehrten am Collegium Romanum Athanasius Kircher (16021680) in seinem 1678 erschienenen Werk 'Mundus subterraneus'. Als wissenschaftlicher Berater des Papstes vertrat Kircher die offizielle Kirchenlehre. Einer heute gern zitierten Sage nach soll der Titisee seinen Namen durch den römischen Feldherrn Titus erhalten haben, den die Schönheit des Gewässers dermaßen beeindruckt haben soll, dass er an seinem Ufer ein Lager aufschlug. Es ist jedoch zu vermuten, dass die Titus-Sage ins Reich der modernen Fremdenverkehrs-Werbemärchen gehört, denn in historischen Sagensammlungen ist eine solche Sage nicht zu finden. Sprachforscher und Volkskundler sind davon überzeugt, dass der Name Titisee von Teti (= Kindlein) abgeleitet sei. Titisee bedeutet somit Kindersee ein See, aus dem die Kinder kommen. Damit wäre der Titisee in guter Gesellschaft. Die Vorstellung, dass ungeborene Kinderseelen in Brunnen, Seen und Teichen auf ihre Geburt warteten, war überall in Europa verbreitet. Die Wortsilbe Titi- wurde in der Schweiz auch für Steine verwandt, in denen sich der Volksglaube hier die ungeborenen kleinen Kinder dachte. Im unweit entfernten Aargau heißen Felsblöcke, Felsen oder ganze Bergwände 'Titisteine'. Das mächtige Bergmassiv des Titlis wäre somit der größte Kinderstein. Analog hierzu wäre der schön gelegene Titisee der größte Kleinkindersee. In Marzell bei Badenweiler kennt man die Tetitanne, eine Kleinkindertanne. Trotz dieser Abweichungen lässt sich für den deutsche Südwesten sagen, dass die Hebamme die Kinder im Badischen aus dem Brunnen holt. Im fränkischen Nordwesten werden sie aus dem Brunnen gekauft. Und im alemannischen Süden erwarten die kleinen Kinder ihre Geburt in Bächen, Teichen und Seen. Üblicherweise waren Kinderbrunnen und Kinderseen der Todes- und Fruchtbarkeitsgöttin Holle, Holda, Hulda, Hel oder auch Perchte gewidmet, wie man diese Göttin regional unterschiedlich nannte. In der Sage steht für diese die weiße Frau, die sich zur hellen Mittagszeit den Menschen zeigt und sich hierdurch deutlich von anderen durch die Kirche dämonisierten Wasserwesen unterscheidet. Leben und Tod lagen für unsere indogermanischen Vorfahren eng beieinander. In ihrer Vorstellungswelt gelangten die Verstorbenen in das unterirdische Reich der Göttin Hel, Holle usw., aus der sie bei ihrer Wiedergeburt als Neugeborene erneut das Licht der Welt erblickten. Dieses dunkle, unterirdische Reich der Hel oder Holle wurde später von der Kirche zur 'Hölle' umgedeutet und dämonisiert ein Begriff, der in dieser Form und als Begriff z.B. in der Bibel nicht existiert. Von Seen, die auszubrechen drohen, wird in Sagen häufig erzählt; unter anderem auch von dem See zu Eichen, vom Blindensee bei Schönwald (?), vom Kandelsee und anderen. Diese Vorstellung spiegelt die große Angst der Menschen vor Überschwemmungen wieder, wie sie in alten Zeiten immer wieder vorkamen und die nicht selten viele Opfer forderten. kk |
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![]() Der Titisee. Nach einem Stahlstich von 1830. |
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Der Titisee (1) Unterhalb der Seesteige stand in alter Zeit eine reiche Stadt mit einem Kloster. Als die Üppigkeit ihrer Bewohner so groß geworden war, dass sie die Weißbrotleiber aushöhlten, die Brosame dem Vieh verfütterten und in der Kruste, wie in Schuhen, umhergingen, versank die Stadt in die Erde, und an ihrer Stelle entstand der Titisee. In dessen Tiefe ist bei hellem Wetter die Turmspitze des Klosters noch sichtbar, das, wann jenes zu Friedenweiler versinkt, wieder aus dem Wasser emporsteigt. Vor vielen Jahren begann der See an der Schanze auf der Höllensteige auszubrechen. Da kam in der Nacht eine alte Frau, verstopfte, indem sie etwas sprach, die Öffnung mit ihrer weißen Haube und verhinderte dadurch den Ausfluss. Von der Haube verfault jedes Jahr ein Faden, und wenn der letzte verwest ist, bricht der See heraus und überschwemmt das ganze Dreisamtal. Einige sagen, dass, zur Abwendung dieses Unglücks, in dem Freiburger Münster täglich eine Messe gelesen werde. Nachdem schon manche vergebens gesucht hatten, die Tiefe des Sees zu ergründen, nahm einer sich vor, dieselbe schlechterdings auszumitteln. Er fuhr mit einem Kahn in die Mitte des Sees und warf an einer fast endlosen Schnur das Senkblei aus. Schon waren achtzehn Spulen Faden im Wasser und noch genug zum Nachlassen vorhanden, da rief aus den Wellen eine fürchterliche Stimme:
Oder, wie andere sagen:
Voll Schrecken ließ nun der Mann von seinem Unternehmen ab, und seitdem hat niemand mehr gewagt, nach der Tiefe des Sees zu forschen. In einem Sumpf bei Hinterzarten, eine Stunde vom See, ist einmal ein Paar zusammengejochter Ochsen versunken, und ihr Joch einige Jahre nachher im See an der Wutachbrücke gefunden worden. Bernhard Baader, Volkssagen aus dem Lande Baden, Karlsruhe 1851. |
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Der Titisee (2) Unterhalb der Seesteige stand in alter Zeit eine reiche Stadt mit einem Kloster. Die Üppigkeit ihrer Bewohner war so groß geworden, dass sie die Weißbrotlaibe aushöhlten, die Brosamen dem Vieh verfütterten und in der Kruste wie in Schuhen umhergingen. Da versank die Stadt in der Erde und an ihrer Stelle entstand der Titisee. In seiner Tiefe ist bei hellem Wetter die Turmspitze des Klosters zu sehen. Es wird einst wieder aus dem Wasser emporsteigen, wenn das Kloster Friedenweiler versunken ist. Vor vielen Jahren begann der See an der Schanze auf der Höllensteige auszubrechen. Da kam in der Nacht eine alte Frau, murmelte einige Worte und verstopfte die Öffnung mit ihrer weißen Haube. Von dieser Haube verfault jedes Jahr ein Faden und wenn der letzte verwest ist, bricht der See heraus und überschwemmt das ganze Dreisamtal. Einige sagen, dass zur Abwendung dieses Unglücks in dem Freiburger Münster täglich eine Messe gelesen wird. Nachdem schon manche vergebens gesucht hatten, die Tiefe des Sees zu ergründen, nahm einer sich vor, sie einfach auszumessen. Er fuhr mit einem Kahn in die Mitte des Sees und warf an einer fast endlosen Schnur das Senkblei aus. Schon waren achtzehn Spulen Faden im Wasser und noch genug zum Nachlassen vorhanden, da rief aus den Wellen eine fürchterliche Stimme: "Missest du mich, Oder, wie andere sagen: "Willst du mich messen, Voll Schrecken ließ nun der Mann von seinem Unternehmen ab und seither hat niemand mehr gewagt, nach der Tiefe des Sees zu forschen. Der Titisee soll sich weiterhin unter dem Boden ausdehnen und direkt mit dem Meere (!) in Verbindung stehen. Ein Bauer, der mit seinen Ochsen über den zugefrorenen See fuhr und dabei mit ihnen versank, soll bei der Schanz wieder herausgekommen sein. Johannes Künzig, Schwarzwaldsagen, Jena 1930. |
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Titisee (3)
Wie fast alle Schwarzwaldgewässer, so hat auch der Titisee seine Sage. Eine solche erzählt, auf dem Grund des Sees befinde sich ein Loch, welches eine Hexe mit ihrer Nachtmütze verstopft habe. Von dieser Mütze faule jedes Jahr ein Faden ab; wenn aber der letzte Faden verfault sei, so breche der See aus und überschwemme das Hölln- und Dreisamtal. Eine andere Sage berichtet, an der Stelle des Sees sei ehedem ein Kloster gestanden, dessen Insassen jedoch der Sünde verfielen, indem sie sich der Schlemmerei und weltlichen Genüssen ergaben. Zur Strafe hierfür sei eines Tages plötzlich das Kloster versunken und darüber der jetzige See entstanden. In stillen Nächten könne man jetzt noch das Geläute der Klosterglocken aus dem Grunde des Sees vernehmen. Aus: Aurelias Sagenkreis, Baden-Baden o.D. |
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