Der Mummelsee und sein Sagenkreis

Sagenhaftes vom Mummelsee

Anmerkungen zum Mummelsee im Schwarzwald
N 48° 35' 51 "N, O 8° 12' 04"

Der von vielen Sagen umwobene Mummelsee liegt im badischen Teil des Nordschwarzwalds in 1036 m Höhe direkt an der Schwarzwaldhochstraße, am Südhang der Hornisgrinde. Die Wasserfläche des eiszeitlichen Kars misst 3,7 Hektar. Seine maximale Tiefe liegt bei 17 m. Auf der heute noch erkennbaren Gletschermoräne wurde die St. Michaelskapelle errichtet. Die Hornisgrinde, in dessen Südhang der Seetrichter eingebettet liegt, ist mit 1164 m der höchste Berg des nördlichen Schwarzwalds.

Von seiner einstigen Einsamkeit und Abgeschiedenheit ist heute nichts mehr zu spüren. Durch die direkt am See vorbeiführenden B 500 wurde der Mummelsee zu dem am meisten besuchten Schwarzwaldsee. Doch trotz des aufdringlichen Touristenrummels mit Andenkenläden voller Schwarzwaldkitsch, der aufdringlich werbenden Getränke- und Würstchenbuden und des Bootsverleihs strahlt der in einem tiefen Kessel ruhende See noch immer eine erhabene Atmosphäre aus.

Einen See stellt man sich eher in einer weiten Ebene oder einer sanften Talsenke vor als 900 m über dem Rheintal, eingegraben in dem Hang des höchsten Berges der Region. Die meist in großer Höhe entstandenen Schwarzwaldkare erschienen unseren Vorfahren vielleicht gerade deshalb unheimlich und rätselhaft. Ohne unser heutiges Wissen begann für die Menschen bis weit ins Mittelalter unterhalb der Seeoberfläche eine fremde und daher Furcht einflößende Parallelwelt. Wie auch bei vielen anderen Seen (u. a. auch dem Pilatussee) so rächen sich die Geister des Mummelsees, wenn man Steine in das Wasser wirft. Dann brodelt der See und man beschwört fürchterliche Unwetter herauf. Und sicher wurden nicht selten Wanderer, die an heißen Sommertagen auf dem Weg zum Mummelsee waren oder von dort kamen, tatsächlich von einem heftigen Sommergewitter überrascht.

Wie alle Schwarzwaldseen, so galt auch der Mummelsee als unergründlich tief und der Geist des Sees bedrohte jeden mit dem Tode, der die Wassertiefe ausloten wollte. Diese Meinung gründete auf der Ansicht, dass die Seen bis tief ins Erdinnere, bis zur Wohnung der Wassergeister reichten und über geheimnisvolle unterirdische Wasseradern mit anderen Gewässern in Verbindung stünden. Diese Welt der Wassergeister wird von Grimmelshausen in seinem Simplizius Simplizissimus, ab Kapitel 10 sehr anschaulich beschrieben. Der Ozean sei durch die Seen, so der Volkskundler Johannes Künzig, "gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet. Hineingeworfene Steine und dergleichen könnten nun leicht die unterirdischen Zugänge verstopfen und müssten von den Wassergeistern schnellstmöglich wieder an die Oberfläche geschafft werden."

Die Vorstellung von mächtigen, tief in der Erde verlaufenden Wasseradern reicht weit in die Vorgeschichte der Menschheit zurück und wird noch 1678 von dem Jesuiten und Naturforscher Athanasius Kircher in seinem die Welt erklärenden geophysikalischen Werk 'Mundus Subterraneus' vertreten. Kircher beschreibt hierin unter anderem auch seine Eindrücke von einer Wanderung zum Mummelsee, die er in Begleitung eines ortskundigen Jägers unternommen hatte: "Wir kamen, nachdem wir mühsam wie die Ziegen geklettert waren, zu einem von dunklen Fichtenwäldern umsäumten See, voll pechschwarzen Wassers. Dieser See hat und duldet keine Fische, und wenn man welche hineinbringt, wirft er sie wieder aus wie das Meer die Leichen. Ja, nicht einmal den Teichfrosch oder den Wasserläufer nährt dieser gänzlich unfruchtbare See in seinen traurigen Wellen. Nur einige große und scheußliche Kröten habe ich angetroffen - und auch die waren verendet. In dem Gewässer aber lebten zahlreiche, etwa spannengroße Tierchen, die Salamandern oder Steineidechsen stark ähnelten."

In vielen alten Erwähnungen wird der See als heilig beschrieben. Ein Zeichen dafür soll sein, dass er keine Unruhe und Verunreinigung duldet. Werfe aber jemand einen Stein in die Fluten, so breche Regen, Donner und ein grausiges Unwetter los und bringe den Frevler in nicht geringe Gefahr. Hierfür führt man als Beweis an: Ein gewisser Markgraf aus Baden habe zusammen mit Geistlichen und Hofleuten diesen See aufgesucht, geweihte Eicheln in die Fluten geworfen und heilige Gegenstände darein versenkt; da tauchte plötzlich ein schauriges Ungetüm von noch nie gesehener Gestalt daraus hervor und verscheuchte die ganze Gesellschaft am Ufer. Sieben Tage lang soll anschließend ein furchtbares Unwetter getobt haben.

Auch Athanasius Kircher erwähnt die Heiligkeit des Mummelsees. Von den in dieser Region siedelnden Kelten und Alemannen ist bekannt, dass ihnen die Seen und andere Gewässer heilig waren und Druiden den darin wohnenden Nymphen oder Göttinnen opferten. Besonders der rund 900 m hoch über der Rheinebene, direkt im Steilhang der 1163 m hohen Hornisgrinde gelegene Mummelsee mit seiner grandiosen Fernsicht bis zu den Vogesen und freiem Blick auf die niedergehende Sonne über dem keltischem Kernland muss in alten Zeiten jenen besonderen mystischen Zauber ausgestrahlt haben, der einen heiligen Ort auszeichnet.

Die auffallend große Zahl und Art der Sagen und mystischen Begebenheiten, die das Volk mit dem Mummelsee verknüpfte, waren der Anlass, dass die bischöflichen Visitatoren von Speyer, Konstanz und Straßburg die Gegend um den Mummelsee besonders argwöhnisch beobachteten und ausführlich über die Region berichteten. Auch die am aussichtsreichsten Ort zwischen Seefläche und Abhang ins Rheintal errichtete Kapelle St. Michael spricht dafür, dass es hier etwas Unchristliches zu bannen gab. Besonders der den Satan und Drachen bezwingende Michael wurde gerne bemüht, wenn es galt, die alten Götter und Geister in Schach zu halten.

Auch die Hornisgrinde, an deren Südflanke der Mummelsee liegt, ist ein außergewöhnlicher Berg. Sein Gipfel ragt rund 1.000 m über die Rheinebene. Viele Generationen von Gelehrten haben die unterschiedlichsten Theorien über den seit wenigstens 1600 für das Bergmassiv gebrauchten Namen aufgestellt. In dem ältesten erhaltenen schriftlichen Dokument aus dem Jahre 1291 wird der Bergrücken 'mons Grinto' genannt. Sprachwissenschaftler leiten diesen Namen von dem keltischen Wort 'giranan' ab, was so viel wie Berggipfel bedeutet. Geht man von einer 'herausragenden' kultischen Bedeutung des Berges aus, so erscheint diese Bezeichnung durchaus plausibel; besonders wenn man die Betonung auf 'der' Gipfel legt, auch wenn der langgezogene Bergrücken eigentlich keine typische Bergspitze aufweist. Auch der Name des bedeutendsten Höhenheiligtums des Elsass, des Donon, der nachweislich bereits 2.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung Zentrum religiöser Kulthandlungen war und auf dem später die Kelten und Römer ihre Götter verehrten, bedeutet in keltischer Sprache nicht mehr und nicht weniger als lediglich 'der Berg' (kelt. dun = Berg).

In der Region ansässige Heimatforscher argumentieren dagegen, das moorige Hochplateau der Hornisgrinde weise keine deutliche Erhöhung auf und besäße daher keinen typischen Gipfel. Sie würden den Namen gerne von Horn-mis-grinte = 'Bergrücken' ableiten.


Der Dreifürstenstein auf der Hornisgrinde.
Einig ist man sich dagegen, dass es sich bei der Hornisgrinde unzweifelhaft um das höchste Bergmassiv des Nordschwarzwaldes handelt. Sein höchster Punkt mit 1164 m befindet sich bei dem alten Signalturm inmitten der Hochfläche. Seit undenklichen Zeiten befindet sich unweit davon einer der wichtigsten Grenzpunkte, und somit befand sich hier auch ein alter Versammlungsort. Ausgerechnet an einer großen waagrechten Sandsteinplatte im Südostzipfel des dreieckigen Bergplateaus stießen die Herzogtümer Schwaben und Franken, die Bistümer Konstanz, Speyer und Straßburg, der Nagoldgau, Ufgau und Mortenau (heute Ortenau) zusammen. Später trafen sich an dieser Stelle die Territorien des Herzogs Württemberg, des Grafen von Eberstein und des Bischofs Straßburg; später trat an die Stelle der Grafen Ebersteins das Großherzogtum Baden. Letzteren Grenzverlauf von 1721 findet man in den sogenannten Dreifürsten- oder Dreimarkstein (früher auch 'die Dreilauf') eingraviert. Seit 1803 verläuft die badisch-württembergische Grenze quer über die mächtige Steinplatte, die vieles mit einem vorchristlichen Versammlungs- und Tanzplatz gemein hat. Wüchse hier nicht der noch recht junge Wald, so böte sich von dem Steinplatz aus eine imposante Fernsicht über das gesamte Südwestdeutschland, bis zu den Alpen im Süden und den Vogesen im Westen. Die Sandsteinplatte bildet zugleich auch den höchsten Punkt Württembergs (1151 m).

Vergleichbare Grenzpunkte, an denen mehrere Gau- oder Landesgrenzen zusammentreffen findet man überall in Deutschland. In den meisten Fällen handelte es sich um alte geweihte Orte. Sie waren gemeinsamer Besitz der dort zusammentreffenden Herrschaftsgebiete. Durch die Grenzziehung hatte jeder Stamm oder Fürstentum die Möglichkeit das gemeinsame Heiligtum auf eigenem Gebiet zu erreichen. Dort selbst herrschte heilige Waffenruhe.

Auch die auf einem plateauartigen Keuperberg errichtete La-Tène-zeitliche Herlingsburg war solch ein gemeinsamer Friedort. E. Gabert schreibt über den exponierten Berggipfel bei Bad Pyrmont. "In germanischer Zeit muss sie ungeteilter, gemeinsamer Besitz gewesen sein. Im übrigen aber hatte jedes der drei Gebiete das Bestreben, möglichst nahe auf eigenem Grund und Boden an das Tor des Heiligtums heranzukommen. Das muss ein gemeinsamer germanischer Grundzug gewesen sein, denn Prof. Wilhelm Teudt-Detmold hat solche Gebietsschläuche nachgewiesen beim Köterberg1, bei der Wittekindsburg, in Österholz und beim Kahlen Asten im Sauerland sogar zwei Stück nebeneinander."

Auch gegenüber des Mummelsees, nordöstlich des Gipfelplateaus, fällt die Hornisgrinde 100 m steil ab und bildet hier ebenfalls einen dreiseitig von Steilhängen eingeschlossenen halbrunden Talkessel: den Großen Biberkessel. Auch hier glitzerte einst ein eiszeitlicher Karsee, der allerdings heute verlandet ist. Der Name hat mit den bekannten Nagetieren wenig zu tun. Auch hier sollen die Kelten vor mehr als 2000 Jahren namensgebend gewirkt haben. Das keltische Wort 'Biver' oder 'Fiber' bezeichnete das Wasser, das damals noch in dem tiefen Moorauge schimmerte.

1 Die Gebrüder Grimm nennen den Köterberg in ihren Deutschen Sagen auch Götzenberg, weil dort die Götter der Heiden angebetet wurden.

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Der sogenannte Biberkessel an der Nordostflanke der Hornisgrinde. Die blaue Schattierung macht die einstigen Ausmaße des Kars deutlich.

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Moorquelle auf der Hornisgrinde.

Über den Mummelsee im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens

Mummelsee.

See in einer Einsenkung der südlichen Abdachung der Hornisgrinde im nördlichen Schwarzwald (Kreis Baden, Amt Achern), zwischen mit Fichten bewachsenen Felsen. Früher mochte wohl das Geheimnisvolle, fast Unheimliche, das ihm durch seine Lage anhaftet, besser zum Ausdruck gekommen sein als heute, wo bequeme Verkehrswege und Gasthäuser bis an sein Gestade vorgedrungen sind; immerhin hat es mehrere Sagen veranlasst, die denen anderer Seen großenteils ähneln. Seinen Namen hat er wahrscheinlich von den Wasserelben, die ihn bewohnen: Muhme = Wassernixe (vgl. Nibelungenlied 1479, 3, wo die Wasserfrau zu Hagen sagt: durch der wæte liebe hat mîn muome dir gelogen). Mummelsee heißen auch andere von Nixen bewohnte Seen; westfälisch Watermöme ist ein geisterhaftes Wesen1.). Nach Grimm (Myth. 1, 405) ist Mummel = Wasserlilie (vgl. das Gedicht von Schnezler: »Die Lilien am Mummelsee«). Die Seefräulein kamen öfters nach Forbach; als eine sich beim Tanz verspätete, wurde sie von ihrem Vater gerichtet; Blut wallte im See empor2.). Nach anderem Bericht halfen die Seewesen den Menschen bei der Arbeit; sie blieben aus, als sie einmal ihr Essen, das an einen bestimmten Ort gebracht werden musste, nicht richtig bekamen3.). Eine Hebamme wurde einst von einem Seebewohner in Rattenpelz über eine alabasterne Treppe in den See hinuntergeholt; als Lohn für ihren Dienst erhielt sie ein Strohbündel, das sich später in Gold verwandelte4.). Ein Ungeheuer, das im See hauste, wurde dadurch verjagt, dass man geweihte Kugeln und heilige Sachen ins Wasser warf5.). Der See soll unergründlich sein6.): als ein Herzog von Württemberg ihn messen lassen wollte, begann das Floß zu sinken, so dass sich die Leute nur mit Mühe ans Ufer retten konnten7.). Ein Unwetter8.) entsteht, wenn man Steine hineinwirft, die den Zorn der Seewesen erregen. Hängt man Steinlein, Erbsen oder Ähnliches in ein Tuch gewickelt hinein, so verändert sich die gerade Zahl in eine ungerade und umgekehrt9.). Nach anderen Sagen ist der Mummelsee der Aufenthaltsort der Ungeborenen10.), oder die Hölle11.) ist auf seinem Grunde.

1. Lütolf Sagen 290; Meyer Germ. Myth. 130.
2. Meier Schwaben 71 f.; Birlinger in Alemannia 2 (1874), 152 Nr. 3.
3. Ebd. 155 Nr. 6.
4. Ebd. 152 Nr. 2.
5. Ebd. 151 Nr. 1; Sepp Sagen 347.
6. Grimm Sagen 40 f. Nr. 59; Alemannia 2 (1874), 155 Nr. 2.
7. Sepp a.a.O.
8. Grimm a.a.O.; Liebrecht Zur Volksk. 335; Rochholz Sagen 1, 353.
9. Grimm a.a.O.
10. Meyer Baden 13.
11. Meyer Germ. Myth. 173.

Richard Hünnerkopf in: Bächthold-Stäubli, Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Berlin 1927-1942

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Vom Mummelsee

Von Johannes Künzig.

Christoph von Grimmelshausen, der als Stadtschultheiß von Renchen seinen abenteuerlichen Roman 'Simplizius Simplizissimus' schrieb, auch 1676 daselbst gestorben ist und also die Gegend um die Hornisgrinde wohl kennen musste, bringt im fünften Buch des genannten und 1669 gedruckten Werkes etliche Merkwürdigkeiten, wie sie die Bauern über den Mummelsee erzählten. Als nämlich Simplizius einst in Sauerbrunn spazierte, traf er eine Gesellschaft an, die von dem Mummelsee diskutierten, der unergründlich und in der Nachbarschaft auf einem der höchsten Berge gelegen sei. Man hatte etliche alte Bauersleute beschickt, die erzählen mussten, was sie von diesem wunderbarlichen See gehört hatten:


Seine Zauberkraft

Einer sagte, wann man ungrad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder etwas anderes, in ein Nastüchlein binde und hineinhänge, so verändere es sich in gerad; also auch, wann man gerad hineinhänge, so finde man ungrad.


Steinwurf erzeugt Unwetter

Einer erzählte, dass auf eine Zeit, da etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher sich zu dem anderen Vieh gesellet, dem aber gleich ein kleines Männlein nachgefolget, ihn wieder zurück in den See zu treiben; er hätte aber nicht parieren wollen, bis ihm das Männlein gewünscht hätte, es sollte ihn aller Menschen Leiden ankommen, wann er nicht wieder zurückkehre! Auf solche Worte hätten er und das Männlein sich wieder in den See begeben.

Noch ein anderer behauptete bei großer Wahrheit, es sei ein Schütze auf der Spur des Wildes bei dem See vorübergegangen, der hätte auf demselben ein Wassermännlein sitzen sehen, dass einen ganzen Schoß voll gemünzte Goldsorten gehabt und gleichsam damit gespielt hätte; und als er nach demselbigen Feuer geben wollen, hätte sich das Männlein geduckt und diese Stimme hören lassen: "Wann du mich gebeten deiner Armut zu Hilfe zu kommen, so wollte ich dich und die Deinigen reich genug gemacht haben."


Fische sterben im See

Andere bewiesen mit vielen Zeugen, dass ein Erzherzog von Österreich den See gar hätte wollen abgraben lassen, es sei ihm aber von vielen Leuten widerraten und durch Bitte der Landleute sein Vornehmen hintertrieben worden, aus Furcht, das ganze Land möchte untergehen und ersaufen. Überdies hätten höchstgedachte Fürsten etliche Legeln voll Forellen in die See setzen lassen, die seien aber alle, eh als in einer Stunde, in ihrer Gegenwart abgestanden und zum Auslauf des Sees hinausgeflossen.


Unermesslich tief

Es fanden sich außerdem noch andere Bauersleute, und zwar alte glaubwürdige Männer, die erzählten, dass noch bei ihrem und ihrer Väter Gedenken hohe fürstl. Personen die besagte See zu beschauen sich erhoben, wie dann ein regierender Herzog zu Württemberg einen Floß machen und mit demselbigen darauf hineinfahren lassen, seine Tiefe abzumessen; nachdem die Messer aber bereits neun Zwirn Netz mit einem Senkel hinuntergelassen und gleichwohl noch keinen Boden gefunden, hätte das Floß wider die Natur des Holzes anfangen zu sinken, also dass die, so sich darauf befunden, von ihrem Vornehmen abstehen und sich an Land salvieren müssen, maßen man noch heutzutage die Stücke des Floßes am Ufer der See, und zum Gedächtnis dieser Geschicht das Fürstl. Württembergische Wappen und andere Sachen mehr in Stein gehauen vor Augen sehe.

Von der grundlosen Tiefe des Mummelsees weiß auch Röders Lexikon von Schwaben (Ulm 1791) zu berichten: "Die nahe wohnenden Seebacher haben schon öfters die Tiefe des Sees mit Seilen zu messen versucht, aber keinen Grund gefunden. Die Tiefe des Wassers lässt sich daraus schließen: Wenn Steine von großem Gewicht hineingewälzt werden, so entsteht nach einer halben Minute eine Blähung des Wassers mit einem Getöse, das dem siedenden Wasser gleicht. Da wo der Stein gesunken, wirft es sich einen Fuß hoch auf und braust wie kochendes Wasser. Das dauert vier bis fünf Minuten lang."

Auch der Herrenwieser See oder der kleine Mummelsee (auch Hummelsee genannt), von dem man glaubt, er stehe in unterirdischem Zusammenhang mit dem großen drei Stunden entfernten Mummelsee und erhalte sein Wasser von dort, gilt als unergründlich. Ein Jäger schoss einmal an seinem Ufer ein Reh, das aber ins Wasser fiel. Am dritten Tage wurde es ganz zerquetscht an der Seebachbrücke wieder ausgestoßen.


Ungewitter aus dem See heraufbeschwören

Von den Unwettern, die frevelhafter Steinwurf hervorruft, erzählt auch Philo (Barth. Anhorn) in seiner 'Magiologia' 1675 Genaueres:

Bei einem kleinen See oder Teich in der Markgrafschaft Baden, ungefähr vier Stunden von der Stadt Baden, sollen sich viele Nachtgespenster aufhalten, also dass niemand sicher und ruhig nahe bei demselbigen wohnen könne. Das Wasser desselben Teichs soll so ungesund sein, dass wann jemand darinnen bade, er stracks an seinem ganzen Leib ausfahre und krätzig werde. Und glaube das Landvolk dortherum vestiglich, wann jemand Stein, Erdschollen oder etwas dergleichen in diesen Teich werfe, entstehen alsbald Wind, der Himmel werde mit Wolken überzogen und es erfolge unausbleiblich Ungewitter und Hagel, durch welchen die nächstgelegenen Äcker und Felder großen Schaden leiden. Als nun solches auch in dem Jesuiten-Kolleg zu Baden erzählt worden, haben sie es für ein Fabel-Märlein gehalten und nicht geglaubt. Zwei der Jesuiten wollten die Sache erfahren, spazierten deswegen an einem schönen hellen Tag dahin, und warfen mit vielen Scherzen und Lachen viele Steine und Erdschollen in diesen Teich hinein. Indem sie also ihre Kurzweil hatten, der Himmel hell war und die Sonne lieblich schien, fing an, aus diesem Teich ein Dunst gleich einem Nebel aufzugehen und in die Höhe zu steigen, welcher alsbald in dicken Wolken den ganzen Himmel eingenommen, aus denen ein starker Sturmwind und Platzregen entstanden, und diese beide Gefährten durch dieses Ungewitter auseinandergetrieben worden, doch endlich, wohl nass, durch unwegsame Weg wiederum nach Hause gekommen und jetzt aus eigener Erfahrung geglaubt, was sie zuvor auf Hörsagen verlachet.

Gleichwohl haben ihre übrige Gesellen noch dafür gehalten, dieses Ungewitter sei aus anderen natürlichen Ursachen grad zu dieser Zeit entstanden. Daher ein anderer Gelehrter und fürnehmer Religios und Geistlicher desselbigen Orts etliche andere fürnehme Herren mit sich genommen und sich an diesen Ort auch begeben, um die eigentliche Beschaffenheit dieses Teiches zu erforschen. Nun hatten diese Herren einen Wasserhund bei sich, welchen sie in den Teich springen lassen wollten, aber weder mit Freundlichkeit noch mit Drohen hineinbringen mochten. Ja, so oft er nahe zu demselbigen kommen, ist er jedes Mal wiederum mit Heulen zurückgelaufen. Endlich haben sie den Hund gefangen und mit Gewalt hineingeworfen; da schien es nicht anders, als wäre er in ein heiß siedendes Wasser geworfen worden, hat sich auch eilends mit großem Geheul wiederum gemacht. Hierauf haben diese Herren unter vielem Scherzen und Lachen etliche Stücklein geweichtes Wachs und zugleich viele Steine und Erdschollen gleich den ersten mit Verspottung des Teufels hineingeworfen, aber in dem Teich nicht die wenigste Änderung gespürt, bis sie wiederum nach Hause und zur Nachtherberge kommen, da ist erst ein Sturmwind und Ungewitter entstanden, davon jedermann erschrocken, und hat solches einen ganzen Monat lang gewärt. Daher männiglich zu Statt und Land ohnzweifelich dafür gehalten, der Teufel habe dieses Ungewitter aus der Ursach erweckt, weil diese Herren Stein und Erdschollen in diesen Teich geworfen und ihnen deswegen jedermann ungünstig und feind worden.

Der Jesuit Athanasius Kircher schildert in seinem umfangreichen, gelehrten Werk "Mundus subterraneus" (Antwerpen 1678) einen Besuch beim Mummelsee in Begleitung eines Jägers: "Wir kamen, nachdem wir mühsam wie die Ziegen geklettert waren, zu einem von dunklen Fichtenwäldern umsäumten See voll pechschwarzen Wassers. Dieser See hat und duldet keine Fische, und wenn man welche hineinbringt, wirft er sie aus, wie das Meer die Leichen. Ja, nicht einmal den Teichfrosch oder den Wasserläufer nährt dieser gänzlich unfruchtbare See in seinen traurigen Wellen. Nur einige große und scheußliche Kröten habe ich angetroffen - und auch die waren verendet. In dem Gewässer aber lebten zahlreiche etwa spannengroße Tierchen, die Salamandern oder Sterneidechsen stark ähnelten ... Teilweise gilt der See auch als heilig, weil er keine Unruhe und Verunreinigung duldet. Werfe aber jemand einen Stein in die Fluten, so breche Regen, Donner und ein grausiges Unwetter los und bringe den Frevler in nicht geringe Gefahr. Hierfür führt man einen tatsächlichen Beweis an: Ein gewisser Markgraf aus Baden hat zusammen mit einem Geistlichen und Hofleuten diesen See aufgesucht, geweihte Eicheln in die Fluten geworfen und heilige Gegenstände darin versenkt: da tauchte plötzlich ein schauriges Ungetüm von noch nie gesehener Gestalt daraus hervor und verscheuchte die ganze Gesellschaft am Ufer. Sieben Tage lang tobte dann ein furchtbares Unwetter."

An anderer Stelle versichert Athanasius Kircher aus eigener Erfahrung aus dem Jahre 1666, dass das Steinwerfen in den Pilatus- und Mummelsee Sturm und Gefahr bringe.

Dagegen meldet der Badener Jesuit Bernhard Dyhlin in seinem 'Discursus de thermis Badensibub' (Rasstatt 1728), und zwar im 'Appendix de famoso Lacu Mummelsee', S. 65, er habe etwas Ähnliches nicht bemerkt, als er 1727 nicht nur mehrere Steine in den See geworfen, sondern auch mehrmals mit der Flinte hineingeschossen habe.

Johannes Künzig, Schwarzwald Sagen, Jena 1930

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Mummelsee

Im Schwarzwald, nicht weit von Baden, liegt ein See auf einem hohen Berg, aber unergründlich. Wenn man ungerad, Erbsen, Steinlein oder was anderes, in ein Tuch bindet und hineinhängt, so verändert es sich in gerad, und also, wenn man gerad hineinhängt, in ungerad. So man einen oder mehr Steine hinunterwirft, trübt sich der heiterste Himmel, und ein Ungewitter entsteht, mit Schlossen und Sturmwinden. Die Wassermännlein tragen auch alle hineingeworfenen Steine sorgfältig wieder heraus ans Ufer.

Da einst etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, so ist ein brauner Stier daraus gestiegen, sich zu den übrigen Rindern gesellend, alsbald aber ein Männlein nachgekommen, denselben zurückzutreiben, auch da er nicht gehorchen wollen, hat es ihn verwünscht, bis er mitgegangen.

Ein Bauer ist zur Winterszeit über den hart gefrorenen See mit seinen Ochsen und einigen Baumstämmen ohne Schaden gefahren, sein nachlaufendes Hündlein aber ertrunken, nachdem das Eis unter ihm gebrochen.

Ein Schütze hat im Vorübergehen ein Waldmännlein darauf sitzen sehen, den Schoß voll Geld und damit spielend; als er darauf Feuer geben wollen, so hat es sich niedergetaucht und bald gerufen: Wenn er es gebeten, so hätte es ihn leicht reich gemacht, so aber er und seine Nachkommen in Armut verbleiben müssten.

Einmal ist ein Männlein am späten Abend zu einem Bauern auf dessen Hof gekommen, mit der Bitte um Nachtherberg. Der Bauer, in Ermangelung von Betten, bot ihm die Stubenbank oder den Heuschober an, allein es bat sich aus, in den Hanfräpen zu schlafen. »Meinethalben«, hat der Bauer geantwortet, »wenn dir damit gedient ist, magst du wohl gar im Weiher oder am Brunnentrog schlafen.« Auf diese Verwilligung hat es sich gleich zwischen die Binsen und das Wasser eingegraben, als ob es Heu wäre, sich darin zu wärmen. Frühmorgens ist es herausgekommen, ganz mit trockenen Kleidern, und als der Bauer sein Erstaunen über den wundersamen Gast bezeiget, hat es erwidert: Ja, es könne wohl sein, dass seinesgleichen nicht in etlich hundert Jahren hier übernachtet. Von solchen Reden ist es mit dem Bauer so weit ins Gespräch kommen, dass es solchem vertraut, es sei ein Wassermännlein, welches seine Gemahlin verloren und in dem Mummelsee suchen wolle, mit der Bitte, ihm den Weg zu zeigen. Unterwegs erzählte es noch viel wunderliche Sachen, wie es schon in viel Seen sein Weib gesucht und nicht gefunden, wie es auch in solchen Seen beschaffen sei. Als sie zum Mummelsee gekommen, hat es sich untergelassen, doch zuvor den Bauer zu verweilen gebeten, so lange bis zu seiner Wiederkunft, oder bis es ihm ein Wahrzeichen senden werde. Wie er nun ungefähr ein paar Stunden bei dem See aufgewartet, so ist der Stecken, den das Männlein gehabt, samt ein paar Handvoll Bluts mitten im See durch das Wasser heraufgekommen und etliche Schuh hoch in die Luft gesprungen, dabei der Bauer wohl abnehmen können, dass solches das verheißene Wahrzeichen gewesen.

Ein Herzog zu Württemberg ließ ein Floß bauen und damit auf den See fahren, dessen Tiefe zu ergründen. Als aber die Messer schon neun Zwirnnetz hinuntergelassen und immer noch keinen Boden gefunden hatten, so fing das Floß gegen die Natur des Holzes zu sinken an, also dass sie von ihrem Vorhaben ablassen und auf ihre Rettung bedacht sein mussten. Vom Floß sind noch Stücke am Ufer zu sehen.

Brüder Grimm: Die Deutschen Sagen der Brüder Grimm, Berlin o.D. 1816/18

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Eine Sage aus dem Schwarzwalde

Nach einem Zeitungsartikel von 1849.

Das Volk hütet seine schöne Sagen- und Märchenwelt wie einen verborgenen Schatz und hat eine unüberwindliche, aber natürliche Scheu davor, sie dem Gebildeten mitzuteilen. Hatte es denn nicht auch in früheren Zeiten zu befürchten, sein liebstes und eigenstes Eigentum als gottlosen oder einfältigen Aberglauben verdammt oder verspottet zu sehen? So viele reizende Sagen hat uns allein diese Scheu gerettet, und wer sich die Mühe nicht verdrießen lässt, der wird ihr noch lange den Genuss zu verdanken haben, selbst einzelne Perlen aus dem reichen Schatze zu erheben. Denn nicht jeder hat das Glück, wie die Gebrüder Grimm eine Viehmännin (die hessische Bäuerin, von der jene einen großen Teil ihrer Märchen haben) zu finden, noch wenigere aber freilich die Gabe, den entdeckten Märchenquell in vollen Strahlen hervorsprudeln zu lassen.

Das erfuhr ich, als ich an einem frischen Morgen im Herbst 1845 von Achern aus in den Schwarzwald hineinzog, um über die Hornisgrinde ins Murgtal hinüberzuwandern. Dabei sollte denn auch der viel berufene Mummelsee nicht umgangen werden. Ein Steinklopfer, den wir vor dem Dorfe Seebach nach dem Weg fragten, ließ dienstfertig merken, wie er größere Neigung zu einem Morgenspaziergang als zu seinen Steinen habe, ließ diese ungeschlagen und zog als Wegweiser mit uns.

Ich war begierig, etwas von dem wirklichen Volksglauben über den unheimlichen See zu erfahren, den die moderne Märchendichtung so gerne zu ihrem Schauplatz wählt, und wandte mich, sobald wir etwas gut Freund geworden waren, an unsern Steinklopfer. Er war zu ehrlich, um seine Bekanntschaft mit den Wundern des Sees verleugnen zu können, aber eine ordentliche, fortlaufende Erzählung war nicht von ihm zu erlangen: jeder einzelne Zug musste mühsam aus ihm herausgepumpt werden. Während wir durch die finstern Tannenwälder den Berg hinanstiegen, stellte ich ein eigentliches Verhör mit ihm an, und was der Bösewicht gestand, das soll im Folgenden getreulich berichtet werden. Zum Glück war unser Weg nicht sehr kurz, denn kaum hatte sich aus den einzelnen Fragen und Antworten endlich die gesamte Erzählung des lieblichen Märchens herausgestellt, als wir auch schon vor dem See selber standen.

Hoch droben über dem Rhein liegt der Mummelsee, in finstern Waldgründen versteckt, auf allen Seiten von den höchsten Gipfeln des mittleren Schwarzwaldes umgeben. Schwarze Tannen werfen ihre Schatten in die tiefen und klaren Wasser, so dass der See einen düsteren, fast schauerlichen Eindruck macht. Kaum bemerkt, rollt ein kleiner Abfluss durch Felsen und Fichtenstämme dem Seebachtal und weiter dem Rhein zu. Selten nur belebt ein neugieriger Wanderer oder ein Hirte mit dem Glockengeläute seiner weidenden Kühe oder ein rüstiger Holzhauer diese stille Einöde. Aber nicht immer ist es so stille: Man erzählt viel von Kobolden, die da hausen und wie es nachts bei dem See herumgeistet. Einige Tage, ehe schlechte Witterung eintritt, bei ruhiger Luft und sonnigem Himmel, wogt und tost es dumpf aus dem Grunde des Sees herauf. Darum heißt er auch der Brummel- oder der Mummelsee.

Indes nicht von Anfang an lag hier der See: in alten Zeiten stand an seiner Stelle ein prächtiges Kloster, und fromme Nonnen wohnten darin. Plötzlich versank es einst in den Abgrund, und der schwarze See bedeckt es seitdem. Mehr als hundert Klafter tief unter den Wassern steht es noch unversehrt auf dem Grunde des Sees, und noch immer wohnen die Nonnen darin; schon viele haben sie gesehen, und jedermann im Seebach weiß von den Seeweiblein zu erzählen. Denn vorzeiten, da kamen sie oft hinunter zu den Bauern, halfen ihnen auf dem Felde oder hüteten die Kinder im Hause. Frühmorgens waren sie schon da, aber sobald es finster war, mussten sie alle wieder im See sein.

Eines von den Seefräulein aber, ein gar schönes und freundliches Jüngferchen, gewann einen jungen Bauernsohn lieb. Als nun wieder Kirchweih im Tal war, da kamen auch die Seeweiblein herab, und nachmittags waren sie auch im hinteren Wirtshaus, wo der Tanz war; und die den Bauernsohn lieb hatte, die tanzte einen Tanz nach dem andern mit ihrem Liebsten. Das war das schönste Paar unter allen; auch der Bauernbursche gehörte nicht zu den Schlechten, und vielen Seebachmädchen gefiel er so gut wie dem Seefräulein; so schön wie dieses aber konnte man weit und breit kein Mädchen sehen, und keine tanzte so zierlich und so leicht.

Als es nun anfing dunkel zu werden, da gingen die Übrigen zum See hinauf, jene aber konnte noch nicht fortkommen; noch nie hatte sie ihren Liebsten so gern gehabt, und nur noch einen Tanz wollte sie noch mit ihm tanzen. Sie dachte, es werde eben da unten im Tale früher Nacht als droben, und sie wolle dann nachher umso schneller laufen.

So tanzte sie noch einen Tanz, und dann noch einen, und die Zeit verging ihr in ihrer Seligkeit, sie wusste nicht wie. Da läutete es Betglocke; der Tanz hielt inne. Alles betete in stillem Gemurmel das »Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ«. Jetzt fiel ihr Leichtsinn ihr schwer aufs Herz, rasch zog sie ihren Liebsten hinaus: es standen schon die Sterne am Himmel. Schweigend stiegen die beiden in raschem Lauf den Berg hinauf. Als sie nun am See waren, da sprach sie mit trauriger Stimme zu ihm: »Jetzt werden wir uns wohl nimmer sehen, denn ich werde sterben müssen. Warte noch eine Viertelstunde, steigt dann Blut aus dem Wasser herauf, so haben sie mich umgebracht, kommt keines, so werde ich bald wieder bei dir sein. « Als sie dies gesagt hatte, nahm sie ein Rutchen und schlug dreimal damit auf das Wasser; da teilte sich das Wasser, und eine glänzende steinerne Treppe erschien, die auf den Grund des Sees hinunterging, wo das alte Kloster in seiner Pracht deutlich zu sehen war. Das Seefräulein stieg die schöne Treppe hinab, und wie sie drunten war, schloss sich das Wasser wieder zu, und alle Herrlichkeit war verschwunden. Es war dunkle Nacht, keine Tanne bewegte sich, keine Welle regte sich. Endlich stieg ein leiser Wirbel aus der Tiefe des Sees herauf, rotes Blut schwamm darüber, es war von dem umgebrachten Seefräulein.

Seitdem - und das sind schon viele hundert Jahre her - sind die Seefräulein nicht mehr ins Tal hinabgekommen. Bloß hie und da hat schon einer, wenn er sein Vieh herauftrieb, in der Ferne eines am Ufer sitzen sehen, kam er aber näher, so verschwand es schnell unter dem Wasser. Drunten aber im See, da wohnen sie noch immer, und ihr schönes Kloster steht noch, und auch das hat schon mancher bei recht hellem Wetter aus dem Grunde des Sees heraufschimmern sehen.

Zeitungsartikel aus dem Jahr 1849, aus den Anmerkungen zur Mummelseesage der Brüder Grimm. Aus: Brüder Grimm: Die Deutschen Sagen der Brüder Grimm, Berlin o.D.

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Der alte Aussichts- und Vermessungsturm auf der Hornisgrinde in der Bildmitte muss sich heute gegen moderne Konkurrenz behaupten.

Der Mummelsee

Von Friedrich Gottschalck.

Drei Stunden von der Stadt Baden, im Großherzogtum gleichen Namens, erhebt sich gegen Mittag aus der hohen Bergkette des Schwarzwaldes der kahle Rücken des Herrenwieser Berges. An seiner Südseite versteckt sich in einem hoch liegenden Tale das Dörfchen Herrenwiese, und drei Viertelstunden von da breitet sich ein kleiner See aus, der den Namen des Dörfchens führt, vom Volke aber der Wundersee oder Mummelsee (vielleicht wegen seiner vermummten, heimlichen Lage) genannt wird. Das Klima ist hier rau. Die Bäume in seiner Nähe haben ein verkümmertes Ansehen. Seine Ufer sind, wie die des Lethe, öde und abgeschieden. Kein Laut unterbricht die ewige hier herrschende Stille. Immer unbewegt ist der schwarz beschattete Spiegel des Wassers, auf welchem die gelbe Seerose (nymphaea lutea) ihre breiten Blätter entfaltet. Kurz, es ist hier der Aufenthalt der Betrachtung, der Wehmut und der Dichtung.

Von diesem stillen See leben in dem Munde der umwohnenden Landleute eine Menge Sagen.

Da, wo er jetzt sein schwarzes Wasser ausbreitet, stand sonst eine heilige, Gott geweihte Wohnung, wo, in tiefer Abgeschiedenheit von des Lebens stürmischen Trieben, kindlich fromme Seelen der Andacht lebten.

Durch langer Zeiten Räume herrschte hier heilige Ruhe, welche jetzt aber zum tiefen, schauerlichen Schweigen geworden ist. Denn plötzlich vernichtete des Himmels Zorn diese geweihte Stätte. Vergebens fragst du: warum? Nur mit stillem, mit ehrfurchtsvollem Blicke weiset der fromme Landmann dich hin auf die unergründlichen Wege der Vorsehung.

Als einst am frühen Morgen des Tales Bewohner den steilen Berg hinanklimmten, um an geheiligter Stätte der Andacht zu pflegen, und ihre frommen Gaben zu bringen, und sie nun des Berges Höhe erstiegen hatten, suchte vergebens ihr Blick das Kloster. Keine Spur war mehr davon übrig, an seiner Stelle aber ein See, in dessen schwarzem Spiegel sie umsonst die Trümmer des versunkenen Gebäudes zu erspähen sich mühten.

Mit geheimem Grauen wanderten sie zurück, und verkündeten ihren Brüdern dieses schauerliche Ereignis. Einsam blieb seitdem diese Stätte, und selten betreten vom Fuße verirrter oder neugieriger Wanderer. Aber noch lange Jahre zeigten sich die wohltätigen Geister des Sees. In die nächsten Wohnungen des Tales kamen sie bei nächtlicher Weile. Oft, wenn die Hausfrau oder ihre Mägde des Morgens zur Arbeit aufstanden, fanden sie schon die Küche gereinigt, das Gerät blank gescheuert, das Brot gebacken, und dergleichen Arbeiten mehr verrichtet. Auch pflegten sie die Rinder und Schafe, und machten das Werk des Landmanns gedeihen. In den Tälern am Gebirge und in der weiten Ebene des Rheingaues, weideten nirgends schönere Herden als in den Tälern von Seebach und Achern.

In der Gestalt einer Jungfrau traf einmal eine der geistigen Bewohnerinnen einen Hirtenknaben im Gebirge, und gewann sein Herz durch die Reize ihrer Gestalt. An einer Quelle kamen sie täglich zusammen, und kosten hier in traulichen Gesprächen, bis der Abendstern durch die Tannen flimmerte. Der Knabe spielte in ihren weichen langen Haaren, und sie lehrte ihn viele wunderschöne Lieder. Sooft sie sich aber trennten, so warnte sie ihn auch, ihr nie zum See zu folgen, und sie nie dort aufzusuchen, wenn sie auch mehrere Tage ausbleiben sollte.

Einst harrte ihrer der junge Hirt vergebens zwei lange Tage hindurch. Beim Frührot des dritten konnte er's nicht länger ausdauern. Die Sehnsucht nach der Geliebten zog ihn zu dem See hin.

Alles um ihn her war still und öde. Er sah nichts. Traurig setzte er sich ans Ufer, und rief laut ihren Namen. Da vernahm er ein Ächzen tief unten im Schoße des dunkelschwarzen Gewässers und plötzlich färbte sich dieses blutrot.

Den Knaben ergriff ein kalter Schauder - "Sie ist tot!" rief er aus, eilte weinend nach Hause und starb.

Auf Kinder und Kindeskinder pflanzte die Güte der wohltätigen Geister des Sees sich fort, bis einst die Enkel, ohne es zu wollen, sie verscheuchten. Öfter hatten nämlich schon die Bewohner des Tals die nächtlichen Gäste belauscht und sie gesehen, wie sie in ärmlicher Kleidung, die kaum ihre Blöße bedeckte, einher wandelten. Da hielten sie Rat zusammen und wurden eins, zum Danke den freundlichen Geistern neue Bedeckung zu schaffen, damit sie stattlicher ihre nächtliche Reise könnten beginnen, und zierliche Kleider hingen sie auf an dem Orte, welchen die nächtlichen Geister besuchten. Aber, zürnend über die Geschenke der beschränkten Talbewohner, obgleich sie gutmütig ihnen geboten waren, und zürnend, dass sie belauscht wurden in ihrem stillen Wirken, kehrten die Geister zurück und keines Sterblichen Auge hat sie seitdem erblickt.

Erst nach langen Jahren, in unseren die Vergangenheit so oft verschmähenden Tagen, gaben sie wieder ihr Dasein zu erkennen. Denn als einst die Mönche eines benachbarten Klosters in dieser wilden Gegend sich mit der Jagd vergnügten, kamen sie auch an des Sees Rand. Der kindlichen Sage spottend, beunruhigten sie die stille Behausung der Geister, und schossen in die Wellen. Aber eine zürnende Stimme, gleich dem Brausen des Waldstroms, erhob sich aus der Tiefe des Sees, und es begannen die vorher ruhigen Wellen sich mächtig zu heben, und in furchtbarem Aufruhr schlugen sie an die sie begrenzenden Felsen, dass es wiederdröhnte weit umher in dem Walde.

Furchtsam flohen die Mönche aus dem Gebiete der zürnenden Geister und suchten durch Messelesen und Gebet sie wieder zu versöhnen. Noch jetzt betet, auf ihre Verordnung, der Talbewohner in nächtlicher Stille jedes Mal einen Rosenkranz, damit die beleidigten Geister wieder versöhnt werden, und aufs Neue sich mit ihnen befreunden.

* * *

Ich bin sehr versucht, diese Sage in ihrem Ursprunge als eine symbolische Dichtung zu betrachten. Die Seerose, welche in dem Mummelsee wächst, schließt abends ihren Kelch, senkt sich ins Wasser hinab, und erhebt und entfaltet sich wieder beim ersten Morgenstrahl. Das Kommen und Verschwinden dieser Blume bezeichnet sich sinnbildlich, schön und treffend im Erscheinen und Untertauchen einer Nymphe. Die Phantasie gab dem Schein das Leben, auch die höhere und gefälligere Form desselben; und so entstand vielleicht die Sage von den Jungfrauen in den Seen der Gebirge. - Badensche Wochenschrift v. 1807. Morgenblatt 1813.

Friedrich Gottschalck, Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, Halle 1814

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Noch vom Mummelsee

Es wird viel Wunderbares vom Mummelsee erzählt. So soll er keine Fische in sich leiden und die man hineinsetzt, alsbald auswerfen. Es wohnen nur Tiere darin, die in etwas dem Salamander gleichen und Brüste und andere Glieder gleich den Frauen haben. Fasst man sie an, dann entsenden sie eine weiße Materie. Man sagt von ihnen, dass es verwunschene Mädchen seien, was auch von den Hagesissen und dem Fischlein Gründling (Grondeling) erzählt wird.

Der Mummelsee wird für heilig gehalten, weil er so ganz und gar keine Berührung oder Schmutz leidet; wirft man einen Stein hinein, so entsteht Donner oder Unwetter.

Einmal ist ein Markgraf von Baden mit mehreren geistlichen Herren und in Begleitung des ganzen Hofes zum Mummelsee gegangen und hat einige geweihte Kugeln hineingeschossen, auch anderes Heiligtum hineinwerfen lassen. Da ist aber ein schrecklich Ungetüm aus dem See gestiegen und hat den Markgrafen mit all seinen Begleitern, so geistlichen als weltlichen, weggejagt.

Im nahebei gelegenen Kloster Allerheiligen bewahrte man ehedem ein Buch, worin alle merkwürdigen Geschichten, die sich mit und an dem Mummelsee begeben, aufgezeichnet waren.

Joh. Wilh. Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig 1845, in: Gustav Neckel, Deutsche Sagen.

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Das Mümmelchen

Von August Schnezler.

Obe uf de Hornisgrinde isch e See, de mer de Mummelsee heißt, denn vor Ziten hen Mümmele oder Seewible drin g´wuhnt. E junger Hirt het mengmol in der Näh si küe un Schof g´hüet, un e Liedli g'sunge. ´s isch e sufrer Bue gsi, mit gele, gruse Härle un e me G´sichtle, wie Milch un Bluet. Emol, gege Obed, do kummt e Jungfrau zu em, ime grüne G´wand, un über de Zöpfe het sie en Schleier trage.

D´Jungfrau setzt si zuem Hirte und seit: "s´isch do guet lenze1.), ´s Moos isch weich, un ´s weiht e küel Lüftli us de Tanne her."

Der Hirt het nit´s Herz, ebbes z´antworte; so e schüns Frauebild het er si lebti nit g´sehe, un ´s wurd em fascht wunderli d´Sinn. Do guckt sie en a mit ihre große, schwarze Aue, und mit ihrem Mündle, wie Griese2.) so roth, und seit: "Mögscht mer net e Liedle singe? Do hobe hört mer niks as d´wilde Waldvögel."

Em Hirt isch´s just nit singeri gsi, aber er het do ang´fange:

Es schwimmt e Rössli, so wiß wie Schnee,
Gar lusti dört uf em schwarze See,
Doch gückelt numme ne Sternle runter,
So duckt´s au gli si Köpfle unter.

Witer het er nit singe könne; denn denn´s Mümmele het en ang´schaut mit eme paar Aue, der Schnee us de Grinde wär schu3.) im Merze dervun g´schmolze. Wenn mer aber Fir zuem Strau thuet, so brennt´s, un mit em Lösche isch´s so e Sach. Kurz un guet, der Hirt verlempert4.) si in´s Seewibl, und sie isch au nit von Stahl un Ise gsi.

Aber alles in Ehre! Sie hen kurzwilt un Narrethei triebe, un am End isch der Hirt keck wore, und het em Mümmele e Schmützle gen, un sie het em seldrum d`Aue nit uskratzt. Bim Abschied aber het sie zuem g´seit: "Wenn i au emol nit kumm, se blib mer vom See weg, un rief mer nit."

E Zit lang isch´s so gange, un der Hirt het g´meint, der Himmel wär jetzt allewil klor bliebe, aber hinter e misch e gar schwarze Wolk ufg´stiege. Emol loßt si mi Mümmele zwei Tag mit keim Au mer sehe, und do isch´s em Hirte winne und weh worre; denn mit der Lieb isch´s, wie mit em Heimweh; mer kann debei nit ruege noch raste, un mer sot glaube, böse Lüt hätte´s eim angetun. Z´letscht kann´s der Hirt nimme ushalte, un lauft an de See; do guke en d´Seerösle an, as wenn se Mitlid mit em hätte; er merkt´s aber nit, un rieft d´Jungfrau bim Name. Uf eimol wurd´s Wasser unruebig, un us em See kummt e Zeterg´schrei, un er färbt si mit Bluet. Der Hirte wandelt e Grusen an - er lauft in d´ Berri ni, wie wenn en e Geischt jage thät, un vun der Zit an het me niks meh vun en g´sehe no g´hört.

1. hingestreckt ruhen
2. Kirschen
3. schon
4. verliebt

August Schnezler, Badisches Sagenbuch, Karlsruhe 1846

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Vom Mummelsee

August Schmelzer
(1809-1853)

Im Mummelsee, im dunklen See
da blühn der Lilien viele,
sie wiegen sich, sie biegen sich,
dem losen Wind zum Spiele;
doch wenn die Nacht herniedersinkt,
der volle Mond am Himmel blinkt,
entsteigen sie dem Bade
als Jungfern ans Gestade.

Es braust der Wind, es saust das Rohr
die Melodie zum Tanze;
die Lilienmädchen schlingen sich
von selbst zu einem Kranze
und schweben leis umher im Kreis,
Gesichter weiß, Gewänder weiß,
bis ihre bleichen Wangen
mit zarter Röte prangen.

Es braust der Sturm, es saust das Rohr,
es pfeift im Tannenwalde,
die Wolken ziehn am Monde hin,
die Schatten auf der Halde;
und auf und ab durchs nasse Gras
dreht sich der Reigen ohne Maß,
und immer lauter schwellen
ans Ufer an die Wellen.

Da hebt ein Arm sich aus der Flut,
die Riesenfaust geballet,
ein triefend Haupt dann, schilfbekränzt
vom langen Bart umwallet,
und eine Donnerstimme schallt,
dass im Gebirg es widerhallt:
"Zurück in eure Wogen,
ihr Lilien ungezogen!"

Da stockt der Tanz - die Mädchen schrein
und werden immer blässer.
"Der Vater ruft: puh! Morgenluft!
zurück in das Gewässer!"
Die Nebel steigen aus dem Tal,
es dämmert schön der Morgenstrahl,
und Lilien schwanken wieder
im Wasser auf und nieder.

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Eine Wanderung nach dem Mummelsee

Von Hypolyt Schreiber.

Oft und viel hatte ich während meines Aufenthalts in Baden von dem rätselhaften, geheimnisvollen See gehört und gelesen, der tief im unwirtlichen Gebirge liege, und zwar mehrere tausend Fuß über der Rheinebene. Schon der wunderliche Name Mummelsee muss Aufmerksamkeit erregen, und ich weiß nicht, war es Verlangen nach dem nie geschauten Anblick eines Sees auf der Höhe des Gebirges, oder waren es die anziehenden, wunderbaren Sagen, die von ihm in der Gegend heimisch sind, was mich immer unwiderstehlich dahin zog. Aber es schien, als wolle mich irgendein neckischer Kobold von dieser Wanderung abhalten, denn so oft ich einen Tag zum Ausflug dahin festgesetzt hatte, jedes Mal trat wieder ein unvorhergesehenes Hindernis dazwischen.

Endlich, an einem heiteren Morgen des jüngst verflossenen Jahres, trat ich die Wanderung wirklich an. Die Sonne war in ungetrübtem Glanze aufgegangen und versprach einen herrlichen Tag; allenthalben funkelten Gras und Laub im strahlenden Juwelenschimmer des reichlich gefallenen Nachttaus. Rüstig und aufgeräumt wanderte ich im frischen Morgen dahin, durchzog die Eichenallee mit ihren Schatten, wo mir der stattliche Turm auf dem Merkuriusberge seinen Morgengruß zuwinkte; begrüßte das stille, einsame Nonnenkloster Lichtenthal, aus dessen Hallen eben der erste Morgengesang der frommen Beterinnen dem jungen Tag entgegentönte; ich schritt die Häuserreihe des Dorfes hindurch, und hielt meine Schritte nicht eher an, als bis ich die Höhe vor dem Weiler Geroldsau erreicht hatte, wo sich ein reizendes Bild vor meinen Blicken entfaltete. Ein Kranz gewaltiger Berge mit angebauten Vorhügeln umzieht hier den lieblichen Wiesengrund, durch welchen der Waldbach bald hell und klar, bald schäumend und rauschend im steinigen Bette seine Wellen dahinrollt; während an seinem Ufer die bescheidenen Wohnungen des eben genannten Weilers sich hinreihen. Wie still und friedlich steht dort die kleine Kapelle am Waldessaum, von den mächtigen Schatten der dunklen Tannen umdüstert! Einen Augenblick weidete ich mich an dieser idyllischen Landschaft, dann setzte ich meine Wanderung fort und hatte bald die letzten Häuser Geroldsaus hinter mir. Jetzt nahm mich der finstere Tannenwald in seine Schatten auf. Der Weg stieg nun aufwärts, immer dem Ufer des Waldstroms zur Seite, der in der engen Talschlucht zwischen den Felsen und dem Steingeröll sich durchdrängt. Nicht sehr lange war ich im kühlen Waldesdunkel hingewandert, als mein Ohr ein dumpfes Rauschen vernahm, und nach wenigen Minuten war ich an die Stelle gelangt, wo sich der wilde Waldstrom über einen Felsenabsatz in ein Granitbecken herabstürzt, das sich im Laufe von Jahrtausenden mühsam ausgehöhlt. Es ist dies zwar nicht ein großartiger Katarakt, wie der Fallbach bei Triberg oder der Reichenbach oder der Staubbach, aber dieser Wassersturz gewährt immerhin in seiner wilden Umgebung einen anziehenden Anblick, und das gewaltige Kreuz auf der Höhe des Felsbergs zur Linken schaut gar bedeutungsvoll in das Tal herab. Unweit des Falles erweitert sich das Tal wieder; grüne, reich bewässerte Wiesen mit weidenden Rindern und Ziegen breiten sich im Grunde aus und rechts steht an dem Eingang einer Talschlucht eine ärmliche Gebirgswohnung, bloß aus rohem Gebälk zusammengefügt. Immer tiefer zog sich der breite, bequeme Weg ins Gebirge, immer höher ansteigend und je weiter ich eindrang in die wundersame Bergwelt mit ihren ahnungsvollen Schauern, desto mehr zog sie mich an und ich begann, mich ganz heimisch zu fühlen in ihrem Waldesschatten.

Die Berghänge mit ihren dämmrigen Hallen, getragen von den schlanken Stämmen der düsteren Schwarztannen und überwölbt von lichtgrünen Buchenzweigen; die tausend und wieder tausenderlei Stauden, Kräuter, Moose und Flechten mit ihren Blüten, Beeren, Samen und Früchten, die zwischen und über dem Steingeröll üppig wucherten und nicht selten ein undurchdringliches Gestrüpp bildeten, oder den Boden gleich dem herrlichsten Teppich überzogen; die gewaltigen Granitmassen und das zerklüftete Gestein, die an den Berghängen hervortraten; die zerrissenen Felsschluchten, von kristallklaren Quellen durchzogen, begrüßten mich traulich wie einen alten Bekannten, und die ganze Natur umher sprach zu mir und erzählte von Zeiten und Ereignissen, die weit hinausreichten über alle Geschichte. Hier erst ward mir klar, wie die Sehnsucht nach der Heimat den Sohn des Gebirges im innersten Leben erfassen kann, bis das ungestillte Weh das Herz ihm gebricht.

Als ich nach mehr als zweistündiger Wanderung den Grat eines langen Bergrückens erstiegen, lag vor mir auf einer abgeflachten Einsenkung der Berge das einsame Gebirgsdorf Herrenwiese, dessen unbedeutende Feldmark ringsum von waldumkränzten Gebirgsköpfen umzogen wird. Das Dorf ist arm und seine Bewohner erwerben ihren Unterhalt meist durch Holzfällen in den benachbarten Waldungen, während sie ihren Bedarf mit vieler Mühe aus weit entfernten Orten herbeischaffen müssen. In der einzigen, eben nicht sehr einladenden Schänke des Ortes nahm ich kein glänzendes, aber ein nahrhaftes Frühstück zu mir und schritt dann rüstig weiter.

Von hier führt der Pfad eine Zeit lang fast eben fort, immer zwischen Waldungen hin, an deren Saum der gelbe Enzian blüht und die rote Preiselbeere allenthalben aus der grünen Bodendecke hervorglänzt. Bei der Hundseck, einer einsamen Waldwohnung, ging es wieder steil den Berg hinan und ich erreichte nicht ohne Anstrengung die Höhe des Hochkopfs, der sich in einem endlos langen Bergrücken südwärts zieht. Diese Höhe ist fast ganz von Bäumen entblößt und nur das Heidekraut mit seinen roten Blüten deckt in üppiger Fülle den Boden, wo allenthalben mächtige Sandsteinblöcke zerstreut liegen, wo von gewaltigen Fluten in einer urweltlichen Erdrevolution auf diese Höhen gewälzt. Wie öde und einsam auch alles umher ist, eine unvergleichliche, entzückende Fernsicht entschädigt reichlich dafür.

Die Perle aller deutschen Gauen, das herrliche Rheintal, breitet sich vor den Blicken aus in all seiner Pracht und Fülle, mit seinen blühenden Feldern und duftenden Rebhügeln, mit seinen gewerbsamen Städten und reinlichen Dörfern, mit seinen zahllosen Flüssen und Bächen, die alle raschen Laufes dem mächtigen Rhein zueilen, der einen Namen trägt, ruhmreich wie kein anderer Strom der Erde. Wer zählt all die Schlachten auf, die an seinen Ufern geschlagen, wer all die Taten, die hier in Liedern besungen worden? Drüben aber aus dem Duft der Ferne steigt Erwins gewaltiger Riesenbau zum Himmel empor und schaut wehmütig nach dem ernsten Schwarzwald herüber, den er einst, gleich den Bergen des Wasgaus, seine Heimat genannt.

Endlich hatte ich das Ende des lang gestreckten Bergrückens erreicht, aber ich war gar nicht freudig überrascht, als ich mich jetzt plötzlich durch einen tiefen, breiten Einschnitt des Gebirges von den Hornisgrinden getrennt sah, an deren südöstlichem Abhange das Ziel der Wanderung lag. Missmutig stieg ich hinab, um auf der anderen Seite noch höher wieder hinauf zu klimmen, doch empfand ich es nicht wenig angenehm, als ich wieder auf Waldungen traf und kühle Schatten mich umfingen, denn die Sonne war bereits hoch gestiegen und ihre Strahlen hatten in der baumlosen Öde heiß auf meinen Scheitel gebrannt. Meine Freude sollte indes nicht lange gewähren, denn die Schatten wurden bald wieder lichter, der Wald dünner und die Bäume gewannen immer mehr ein schwächlicheres, kränklicheres Aussehen, bis sie zuletzt ganz verschwanden. Endlich änderte sich auch der schöne Teppich von Moos und Heidekraut unter meinen Füßen, und als ich die hohe Gebirgsfläche, welche den Namen Hornisgrinde trägt, erreicht hatte, bedeckte nur erdfahles Sumpfmoos den unfruchtbaren, lockeren Torfboden, der nur hier und da einer verkrüppelten Krummholzkiefer die spärliche Nahrung spendet. Oder, trauriger lässt sich kaum eine Gegend denken als diese, wo selbst die grüne Farbe aus der Vegetation verschwunden ist. An einem gewaltigen Steinhaufen kam ich vorüber, dem man die Gestalt eines Turmes gegeben und der bei der Landesvermessung zum Signalpunkt diente; wanderte nun auf eine Gruppe verkümmerter Kiefern zu und stand plötzlich – am Rand eines gewaltigen Bergkessels. Jäh und steil fiel die Kluft mehrere hundert Fuß tief hinab; wild durcheinander geworfene Felsblöcke, zwischen denen mächtige Tannen zum Himmel emporstreben, überdeckten die abschüssigen Hänge und den ganzen Grund der weiten Schlucht füllte der Mummelsee aus. Mühsam kletterte ich zwischen dem Gestein hinab und erreichte bald das felsige Ufer. Still und unbeweglich wie der acherusische See, schwarz und schauerlich wie das Asphaltgewässer des toten Meeres, lag der Wasserspiegel vor mir. Kein Blick vermag zu ergründen diese schauerliche Tiefe und die Geheimnisse zu erforschen, die sie birgt auf ihrem Grunde. Kein lebendes Wesen beherbergt er in seinem düsteren Schoß und kein Ton unterbricht die ewige Stille der Umgebung als zuweilen das Gekreisch eines Raubvogels.

Der Aufenthalt in dieser öden Wildnis hat etwas ungemein Ergreifendes, und wer einmal hier gewesen, wird es leicht begreiflich finden, dass sich die Sage so viel mit diesem See beschäftigt und dass schon die Alten ihm den Namen Wundersee gegeben. Ich suchte mir ein Ruheplätzchen am Ufer und fand es neben einem frischen Bergquell, der frisch und klar zwischen dem Gestein herabsprudelte, wo ich mich auf die schwellende Moosdecke niederließ. Gerade mir gegenüber öffnete sich die hohe Bergwand und in dieser Öffnung drängt sich durch Felsen hindurch der Abfluss des Sees, der Seebach, und eilt hastig ins Tal hinab, sich mit der Acher zu vereinigen, einem kleinen Bergwasser, das aber oft zum wilden, reißenden Strom anschwillt und verheerend durch die Täler braust. Doch meine Augen hafteten nur auf dem dunklen Gewässer, dessen Spiegel sich jetzt bisweilen leise zu kräuseln begann, und vor meiner Seele vorüber zogen all die wundersamen Sagen, so ich schon von diesem Bergsee vernommen und wiegten mich in die Träume. So lag ich lange, lange, wie lange weiß ich nicht, aber im Westen sank die Sonne hinab, die Schwingen der Dämmerung flogen über die Erde und die Schatten legten sich über den See; der Nachthimmel, mit den ewigen Sternen und dem bleichen Mondesantlitz, spiegelte sich wieder auf der dunklen Fläche, während das Geläute der Abendglocken sanft verhallend aus den Tälern zu mir heraufklang. Da war es mir plötzlich, als ziehe sich plötzlich eine Decke von der bisher verschlossenen Wasserschlucht und die unermessenen Tiefen erschlössen meinen Augen ihre Geheimnisse. Zauberische Hesperidengärten erblühten in frühlingsherrlicher Wunderpracht auf dem Grunde des schlafenden Sees, wo die bräutliche Myrthe und die duftende Orangenblüte mit hell blinkenden Kristallblumen und blutroten Korallen und tausend anderen Blüten und Blumenkelchen von nie gesehener Gestalt und Farbenpracht sich zu den wundersamsten Gruppen, Lauben und Irrgärten seltsam verwoben. Dazwischen aber, auf den gewundenen Wegen vom reinsten Kristallsand, wandelten die lieblichen Bewohnerinnen der Wasserwelt: schlanke, ätherische Gestalten, so fein und zart, so hold und entzückend, von solch überirdischer Reizesanmut, dass sie geschaffen schienen aus dem duftigsten Wellenschaum, durchwebt von Lilienschnee und Rosenschmelz. Kosend und scherzend schwebten sie zephyrleicht durch die Gebüsche und warfen bisweilen Blicke zu mir empor voll brennender Sehnsucht und wonniger Liebesglut. Wie schauen sie verlockend aus ihren dunklen Augen zu mir herauf! – da mit einem Male trübte sich der kristallhelle Wasserspiegel; immer farbloser und verworrener wurden die zauberischen Bilder; wogend und wirbelnd drehten sich die Wasser im tiefen Grunde durcheinander und alles verschwamm zu einer wirren chaotischen Masse, aus deren dunklem Kerne jetzt die seltsamsten Missgestalten sich zu entknäulen begannen. Hässliche Molche, Seedrachen, Wasserschlangen, Skorpione, Medusen, Mollusken und allerlei ekelhaftes Gewürm kroch wimmelnd in unzähliger Menge wild durcheinander, dazwischen aber empor tauchten missgestaltete Kobolde, grinsten aus ihren verzerrten Gesichtszügen höhnend mich an, oder hoben drohend ihre zwerghaften Fäuste gegen mich. Dort näherte sich mir eine riesige Seespinne mit ihren scheußlichen Füßen, ätzendes Gift nach mir speiend; da reckte ein grässlicher Polyp seinen endlosen Arm nach mir aus, den er immer länger und länger dehnte, bis er mich fassen konnte – ich wollte um Hilfe rufen, allein jeder Laut war mir in der Brust festgebannt.

Der Guten-Abend-Gruß eines Forstgesellen aus der Herrenwiese weckte mich aus dem entsetzlichen Traume. Hastig raffte ich mich auf und schickte mich schweigend zum Weiterwandern an. Es war ganz Nacht geworden und am tiefblauen Himmel flammten die hohen Leuchten in ungetrübtem Glanze und streuten ihr silberblühendes Licht durch das Dunkel. Noch einen Blick warf ich auf den wundersamen See, dann folgte ich dem sich mir zum Führer anbietenden Jäger, der eben in das Dickicht des Waldes hineinschritt, wo die Tannenzweige dem Mondeslicht noch hinreichend Durchgang gestatteten, dass wir rasch und ungehindert zwischen den schlanken Baumsäulen hindurchwandern konnten. Noch hatten wir keine weite Strecke zurückgelegt, als wir aus dem tiefen Waldesschatten heraus und ins Freie traten. Hier aber wartete meiner ein überraschender, wahrhaft zauberischer Anblick.

Rings im Kreis umzogen die gewaltigen, finsteren Bergriesen den Horizont und reckten ihre Häupter tief hinein in des Mondes milden Schein; zwischen den düsteren Baumgruppen an den Gebirgshängen traten riesige Felsmassen heller hervor, oder einzelne Steingiganten ragten wie Nachtgespenster aus dem Boden; aus den Schluchten und Klüften aber stiegen die alten Berggeister auf und zogen als seltsame Nebelgestalten über die Wipfel der Bäume hin, während glänzende Tauperlen wie Elfen auf grünem Laub und duftenden Blumenkelchen schaukelnd sich wiegten. Und über die ganze Landschaft hatte sich ein leichter, feiner Nebel gebreitet, der sich mit dem halben Mondlichte zu einem duftig durchsichtigen Nebelschleier verwob und dem Bilde seine feenhafte Färbung verlieh, die uns die Brust mit unbegriffener Ahnung erfüllt und unaussprechlicher Sehnsucht. Nur ungern schied ich von dieser Stelle und von dem zauberhaften Gemälde, das sich hier zeigte, aber mein Führer drängte; so gehorchte ich seiner Mahnung, und wir folgten dem Pfade abwärts, der sich zwischen Felsstücken und Gesträuch hinabzieht. Endlich hatten wir den Talgrund erreicht, wo der Weg fortan längs der rauschenden Acher hinführt.

"Dort liegt der Bosenstein!" – sprach jetzt mein Führer, indem er nach einem dunklen Hügel links zeigte, dessen ungewöhnliche Gestalt wohl von einem dort befindlichen Gemäuer herrühren möchte, das aber von Bäumen und Gesträuch so überwachsen war, dass man es beim Mondenlicht kaum zu unterscheiden vermochte. Das Geschlecht der Herren von Bosenstein ist sehr alt und war einst reich begütert und mächtig. Im Jahr 1773 starb der Letzte dieses Geschlechts mit Hinterlassung von sieben Töchtern, nachdem er die Burg wieder an sich gebracht, sie fast dritthalb hundert Jahre in fremden Händen gewesen. Mein Führer erzählte mir viel von dem großen Umfang der Burg und den Gütern, die einst dazu gehört, und knüpfte daran die bekannte Sage von der Burgfrau von Bosenstein im Gottschläg (s. Schnelzer II, s.S. 75 unten). Der gute Mann war nun einmal im Zuge, und nun folgte eine Geschichte der anderen. Das meiste davon war mir schon bekannt; anderes war teils neu erfunden, teils äußerst fade. Die anziehendste von den mir noch unbekannten Sagen war folgende:

„In der Legelsau, einer reizenden Seitenwindung des Kappelertals, wohnte einst ein Förster der Herrn von Bosenstein mit seiner Hausfrau und seinem einzigen Sohn, einem stattlichen Burschen von 20 Jahren. Frisch und kerngesund und dabei blühend in kräftiger Jugendfülle, war der junge Berwin die Freude und der Stolz seiner Eltern und schon ging er dem Vater in seinen beschwerlichen Berufsgeschäften kräftig an die Hand, war ein rastloser, unermüdlicher Jäger und ein Schütze, der seinesgleichen suchte nah und fern, und keinen fürchteten die Wildschützen der Umgebung mehr als ihn.

Aufgewachsen unter den Bäumen des Waldes, gab es für ihn keinen schöneren Aufenthalt als in der lieben freien Gotteswelt und im grünen Schatten von Berg und Tal, wo die schlanken Tannen und breitästigen Buchen ihm lauter Bekannte waren. Vom frühen Morgen an schweifte Berwin über Höhen und Schluchten und kehrte meist erst am späten Abend zum heimatlichen Herde zurück, worüber ihm manch freundlich-ernste Zurechtweisung von der Mutter zuteil ward. Doch war der junge Waidmann deshalb nichts weniger als ein Menschenfeind und häufig fand er sich an Sonn- und Feiertagen in der Schänke zu Seebach ein, wo er sich mit den jungen Burschen des Tals belustigte und auf der Kirchweihe oder sonst bei ländlichen Festen, war er der schmuckste und flinkste Tänzer. Manches Mädchenauge blickte verstohlen nach dem schönen Jägersmann und mancher Seufzer stahl sich aus zarter Brust, wenn er den Tanzplatz wieder verließ. Aber die schönen Dirnen galten ihm alle gleich. Er scherzte und tanzte mit allen und keine konnte sich eines Vorzuges in seinem Herzen rühmen.

Eines Tages kam Berwin von den Höhen der Hornisgrinde herab. Es war ein heißer Tag und der Durst trieb ihn zu der frischen klaren Bergquelle, die unweit des Mummelsees im Schatten grünen Gebüschs entspringt und nach wenigen Schritten ihr Wasser mit dem des Sees vermischt. Er labte sich weidlich an der hellen, sprudelnden Quelle, und die Heimlichkeit des Ortes verlockte ihn, auf dem blühenden Heidekraut sich niederzulassen, wo auch alsbald ein leiser Schlummer seine Augen umfing. Lange dauerte der indes nicht; er erwachte bald wieder und richtete sich auf; aber wer beschreibt sein Staunen, als er gerade gegenüber, am jenseitigen Ufer eine Mädchengestalt sitzen sah, von solch zauberhafter Schönheit, wie noch in keinem Traume, geschweige denn in Wirklichkeit ein Frauenbild ihm erschienen war. Das war kein irdisches Wesen! Auf Erden reiften nicht solche Himmelsreize! Des blendendsten Schnees Schimmer musste verglimmen vor der Weiße dieses herrlich geformten Lilienantlitzes und die Rosen von Pästum erbleichen vor dem Hauch ihrer Wangen. In diesem Gesicht voll unnennbarer Anmut lag ein ganzer Himmel unendlicher Seligkeit und diese taubenmilden, klugen Augen drangen unwiderstehlicher als die feurigsten Blicke in des jungen Jägers Seele, dort eine Flamme weckend, die nur mit seines Atems letztem Hauche verlöschen sollte. Ein süßer Schauer durchbebte ihn bis ins innerste Mark und unwillkürliche Seufzer entstiegen seiner beklommenen Brust. Mit dem Binden eines Straußes von Heideblumen beschäftigt, war dies holde Frauenbild bisher in sorgloser Unbefangenheit im Ufergrase gesessen. Bei dem ungewöhnlichen Ton aber schaute sie auf und als sie die Gestalt des Jägers erblickte, sprang sie rasch empor und stürzte sich kopfüber in die Fluten des Sees, dessen über ihr zusammenschlagende Wasser sie alsbald Berwins Blicken entzogen. – Mit sich hinab nahm sie die Ruhe seines Lebens.

Mit Staunen, ja, mit Entsetzen starrte sein Blick nach der Stelle hin, wo das holde Kind verschwunden war, schweifte von dort nach dem Platze, wo sie gesessen, und sah etwas schimmern im grünen Gestrüpp. Er eilte hin und fand dort den Schleier des reizenden Wunderkindes, den sie vor Eile vergessen und der von so feinem Gewebe war, dass er sich leicht in einer Hand verbergen ließ. Berwin drückte den glücklichen Fund an sein Herz, an seine Lippen und barg ihn zuletzt an seinem Busen.

Er weilte noch lang am Ufer des Sees, immer hoffend, die Erscheinung werde noch einmal zurückkehren, um das Vergessene zu holen. Aber vergebens! Als endlich die Sonne hinabgesunken und Mond und Sterne am dunklen Himmel heraufzogen, trat er den Rückweg an und erreichte halb träumend das Forsthaus, wo er sich alsbald unter dem Vorwand von Ermüdung auf seine Kammer begab.

Am anderen Morgen frisch gestärkt erwacht, deuchte ihm die ganze Begebenheit nur ein schöner Frühlingstraum. Als er aber auf dem Sitz neben seinem Lager den Schleier der Seejungfrau erblickte, da ward wieder alles deutlich und lebendig vor seiner Seele, und die Sehnsucht nach dem süßen Wunderkind lockte ihn unwiderstehlich abermals nach dem See. Und Tag für Tag trieb es ihn fortan nach dem verhängnisvollen Gewässer, stets in banger Hoffnung dort verharrend, ob die holde Jungfrau sich nicht wieder zeigen werde. Doch sie kam nicht wieder. Aber diese Täuschung, das ungestillte Sehnen und der Schmerz der Liebe zehrten an seinem Herzblut und der tiefe Seelengram bleichte seine Wangen.

Mit unendlichem Kummer sahen die betagten Eltern, wie der einzige geliebte Sohn in der Blüte seiner Jahre dem Grab zuwankte, wie er täglich bleicher und stiller ward, wie nichts mehr auf Erden ihn zu erfreuen vermochte. Wohl war die arme Mutter in ihrem Jammer oft in ihn gedrungen, ihr zu sagen, was so schwer ihn bedrücke, aber nur ausweichende Worte waren die Antwort.

In dem benachbarten Dorfe Seebach wohnte damals ein herrschaftlicher Beiförster, der bei Berwins Vater einst die Jägerei erlernt hatte und als Waidgesell lang in dessen Dienst gestanden hatte. Eckart, so hieß er, war nicht nur im Forsthause, sondern auch in der ganzen Umgegend seines biederen, freundlichen Wesens wegen gern gesehen und mit besonderer Liebe hing von frühester Jugend Berwin an ihm, der ihn mit den Waffen umzugehen lehrte und ihm den ersten Unterricht in dem edlen Waidwerk erteilte. Und auch jetzt noch, nachdem Eckhart schon jahrelang den herrschaftlichen Dienst angetreten, genoss er der alten Liebe und erfreute sich des unumschränkten Vertrauens der Familie des Forsthauses in der Legelsau. An ihn wandte sich die betrübte Mutter und der Biedere versprach, sein Möglichstes zu tun, um dem Leid, das am Herzen des Jünglings nagte, auf die Spur zu kommen, oder ihn selbst zum Geständnis zu bringen.

In Kurzem gelang es ihm auch auszukundschaften, dass Berwin tagtäglich den Mummelsee besuchte. Er beobachtete ihn, wie er stundenlang am Ufer in tiefen Gedanken saß, öfters aus tiefster Brust aufseufzte und dann und wann etwas Weißes aus dem Busen zog, das er an sein Herz drückte und an seine Lippen. Er wusste es nun einzurichten, dass er eines Tages, wie zufällig, im Gebirge mit ihm zusammentraf. Sie begannen ein gleichgültiges Gespräch, währenddessen sie sich im Kühlen Waldesschatten auf schwellender Moosdecke niederließen. Eckart rückte seinem Ziel näher und seinem treuherzigen, eindringlichen Zureden vermochte der offene Berwin nicht lange zu widerstehen. Er gestand seine glühende, hoffnungslose Liebe zu der reizenden Wasserjungfrau und zeigte sogar den Schleier vor, den er am Ufer gefunden.

Die Jägersleute stehen eben nicht in dem Rufe besonderer Frömmigkeit, doch Eckart besaß einen frommen Sinn und ein gläubiges Gemüt und in der ganzen Erzählung seines jungen Freundes sah er nur eine höllische Verblendung, den Jüngling ins Verderben zu locken. Er suchte ihn darum mit aller Kraft seiner einfachen, natürlichen Beredsamkeit zu überzeugen, dass dies verführerische Gebilde aus dem Mummelsee nichts anderes sei, als ein finsterer Geist des Abgrunds, den der Böse heraufgesandt hatte, seine Seele zu verderben. So lang er das Lügenbild in seinem Herzen trage, habe die Hölle Teil an ihm. Und dies werde nicht aus seinen Gedanken schwinden, solange er den unseligen Schleier nicht von sich werfe, dessen Zauberkraft ihn zugleich unfehlbar in seiner Verblendung dem Grabe zuführen müsse. Berwin wurde nachdenklich. Er erinnerte sich mancher unheimlichen Erzählung von den Bewohnern des Mummelsees und sein Kleinmut erwachte, so dass es zuletzt dem Drängen Eckarts gelang, dass er diesem sogar den Schleier übergab, wiewohl nur mit widerstrebendem Herzen. Bald darauf trennten sie sich, denn es war schon spät geworden.

Eckart war nicht wenig erfreut über das Gelingen seines Auftrags. Aber noch war das Werk nicht ganz vollbracht. Noch blieb ein winziger Schritt übrig, um seinen jungen Freund aus den Schlingen des Bösen und seiner Diener zu befreien, wie der Glaube jener Zeit wähnte. Und kaum graute in der andern Frühe der Morgen, als er sich auf den Weg nach den Hornisgrinden machte. Am See angekommen, wand er den Schleier um einen schweren Stein und schleuderte ihn so weit in das Wasser, als er vermochte. Dann stieg er in die Höhe des Berges vollends hinan, den etwaigen Erfolg dort abzuwarten.

In Berwins Augen kam in der Nacht, welche der Unterredung mit Eckart folgte, kein Schlaf. Er konnte den Gedanken nicht loswerden, dass er mit dem Schleier das ganze Glück seines Lebens aus den Händen gegeben und Eckart ihn getäuscht habe. Denn lebendiger, reizender als je, stand jetzt das Bild der Wasserjungfrau vor seiner Seele und unbezwinglich ward die Sehnsucht nach ihr. Er wälzte sich ruhelos auf seinem Lager und kaum dämmerte der erste Schein im Osten, so trat er schon den Weg nach dem See, wohin es ihn so unaufhaltsam zog. Träumend schritt er dort am Ufer hin. Da sieht er etwas in der Mitte des Wassers schwimmen. Er sieht genauer hin und, täuschte ihn nicht alles, so ist es der verhängnisvolle Schleier, den er zu seinem großen Leid aus den Händen gegeben. – Ja, so war es, er trügte sich nicht. Als rüstiger Schwimmer besinnt er sich nicht lange und stürzt sich jählings in den See. Jetzt ist er dem schwimmenden Gewebe nahe, schon streckt er die Hände danach aus, da beginnt er unaufhaltsam zu sinken, tiefer und immer tiefer, bis die schwarzen Gewässer über ihm zusammenschlagen und ihn bergen in ihrer bodenlosen Tiefe. – Nie ward er wieder gesehen. Hatte ein Krampf ihn erfasst und im tiefsten Grunde des Sees sein Grab finden lassen, oder hatten die Nixen ihn hinabgezogen in ihr schirmendes Reich – niemand weiß es zu sagen. Eckart kam zu spät von der Höhe des Berges herab, um ihn noch retten zu können und ihm blieb nur die traurige Pflicht, den alten Eltern die schreckliche Kunde von dem unglücklichen Ende ihres Sohnes zu bringen."

Mein Führer hatte kaum diese Geschichte geendet, als wir vor der ersehnten Herberge im Städtchen Kappel-Rodeck anlangten, wo mich Labe und Ruhe die Mühseligkeiten des etwas beschwerlichen Weges bald vergessen ließen.

Hypolit Schreiber aus Lewald´s 'Europa', in: Badisches Sagenbuch von August Schnezler

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Das Mümmelchen

Ein alemannisches Märlein von Aloys Schreiber.

Obe uf de Hornesgründe isch e' See, de mer de Mummelsee heißt; denn vor Zite hen Mümmele oder Seewible drin g'wuhnt. E' junger Hirt het mengmol in der Näh si Küeh un Schof g'hüet un e' Liedli g'sunge. 'S isch e' sufrer Bue g'si, mit gele, kruse Hore un eme G'sichtle wie Milch un Bluet. E' mol, gege Obed, do kummt e' Junfrau zu em, ime grüne G'wand, un über de Zöpfe het se en Schleier trage. D' Junfrau setzt si zu em Hirte un seit: "'S isch do guet lenze; 's Moos isch weich, un 's weiht e' küel Lüftli us de Tanne her."

Der Hirt het nit 's Herz, ebbes z' antworte; so e' schüns Frauebild het er si Lebti nit g'sehne, un's wurd em fascht wunderli z' Sinn. Do gukt se en an mit ihre große, schwarze Aue un mit ihrem Mündle, wie Griese so roth, un seit: "Mögscht mer nit e' Liedle singe? do hobe hört mer niks as d'wilde Waldvögel."

Em Hirt isch's just nit singerie g'si, aber er het do ang'fange:

"Es schwimmt e' Rösli, so wiß wie Schnee,
Gar lusti dört uf em schwarze See,
Doch gückelt numme e' Sternle runter,
So duckt's au gli si Köpfle unter."

Witer het er nit singe künne; denn 's Mümmele het en ang'schaut mit eme Paar Aue, der Schnee uf de Gründe wär schu im Merze dervun g'schmolze. Wenn mer aber Fir zuem Strau thuet, so brennt's, un mit em Lösche isch's so e' Sach. Kurz un guet, der Hirt verplempert si in's Seewibel, un si isch au nit vun Stahl un Ise g'si.

Aber alles in Ehre! Se hen kurzwilt un Narrethei triebe, un am End isch der Hirt kek wore, un het em Mümmele e' Schmüzle gen, un se het em seldrum d' Aue nit uskrazt. Bim Abschied aber het se zu em g'seit: "Wenn i au e' mol nit kumm, se blib mer vum See weg, un rief mer nit."

E' Zit lang isch's so gange, un der Hirt het g'meint, der Himmel wer jetzt allewil klor bliebe, aber hinter em isch e' gar schwarze Wolk ufg'stiege. E' mol loßt si mi Mümmele zwin Tag mit keim Au mer sehne, un do isch's em Hirte winne un weh wore. Z'letscht kann er's nimm ushalte un lauft an de See: do guke en d' Seerösle an, as wenn se Mitlid mit em hätte; er merkt's aber nit und rieft d' Junfrau bim Namme. Uf eimol wurd 's Waßer unruehig, un us'm See kummt e' Zeterg'schrei, un er färbt si mit Bluet. De Hirte wandelt e' Grusen an - er lauft in d' Berri ni, wie wenn en e' Geischt jage thät, un vun de Zit an het me niks meh vun em g'sehne no g'hört.

Carl und Theodor Colshorn, Märchen und Sagen. Hannover 1854

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Die Geister am Mummelsee

Eduard Mörike
1804-1875

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal -
sie haben den See schon betreten -
sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal -
sie schwirren in leisen Gebeten -
o schau,
am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
und - drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh'.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
es geisten die Nebel am Ufer dahin,
zum Meere verzieht sich der Weiher -
nur still!
Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten - o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr, und es klirret im Schilf;
nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!

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Vom großen Mummelsee

Von Ludwig Bechstein.

Im Schwarzwald ist der große Mummelsee gelegen, gar weit berufen, auf hohem Berge und von unergründlicher Tiefe. Man darf in ihn – so ging sonst die allgemeine Sage – so wenig Steine oder Sonstiges hineinwerfen als in den Pilatussee, sonst wird der heiterste Himmel trüb, und es entstehen gleich Stürme und Ungewitter. Er duldet auch keine Fische, wohl aber große Salamander eigner Art.

Gar viele und mancherlei Sagen gehen von dem Mummelsee; Waldmännlein und Waldfrauen, Wasserminnen und Nixenmänner haben sich allda häufig sehen lassen. Den Namen hat er von den vielen Mümmlein, Seerosen oder Seelilien, die auf ihm blühen, die geheimnisvollen Nymphäen, die aus tiefster Tiefe herauf ihre Blätter und Blumenstängel treiben. Kleine Steine oder Erbsen und dergleichen durfte man ohne Schaden in den Mummelsee hängen; war die Zahl ungerad, so wurde eine gerade Zahl derselben im Säcklein heraufgezogen, umgekehrt aber eine ungerade.

Hirten, welche einst am Mummelsee weideten, sahen dem Wasser einen braunen Stier entsteigen, der sich unter ihre Herde mischte, aber da kam alsbald ein Männlein mit einem Stecken, das trieb den Stier mit aller Gewalt wieder in das tiefe Wasser.

Ein Jagdgesell sah am See ein Waldmännlein sitzen, das hatte den Schoß voll Geld und spielte damit, wie Kinder mit Sand spielen. Dieser Schütz war von der dummen Art, die gleich nach allem schießt, es sei damit ein Nutz oder keiner, hatte daher rasch die Büchse im Anschlag und wollte auf das Waldmännlein losbrennen, da tat es einen Hupf in den See hinein wie ein Frosch, ward zum Wassermännlein und rief dem Jäger zu: Du lausiger Lump! Leichtlich hätt' ich dich reich gemacht, wenn du mir die Zeit geboten, statt nach mir zu zielen! Nun sollst du verkommen in Armut und Elend. Und da ist der Gesell auch niemals auf einen grünen Zweig gekommen, und hinterm Zaun ist er gestorben.

Der Mummelsee friert selten zu; tut er's aber, so hat er seine Tücken. Einstmals war er fest zugefroren, ein Bauer fuhr zwei Holzstämme mit paar Ochsen darüber, ohne dass das Eis nur krachte. Auf einmal, wie der Bauer schon am andern Ufer war, kam ihm sein Hund nachgesprungen, da krachte das Eis und brach, und der Hund ertrank.

Ein Herzog von Württemberg war begierig zu erfahren, wie tief doch der Mummelsee sei, und ließ ein Floß bauen, darauf zu fahren und die Faden zu messen. Die Messer banden nach und nach neun Rollen Bindfaden aneinander und fanden noch keinen Boden, da begann aber das Floß zu sinken, und die Messer mussten eilen, das Ufer zu gewinnen. Lange haben am Ufer noch Stücke von dem Floß gelegen. Ein Markgraf von Baden schoss geweihte Kugeln in den See, da brauste er wild auf und wollte überwallen, dass der Herr mit seiner ganzen Gesellschaft eilend entweichen musste.

Einstens kam zu einem Bauer ein Männlein auf den Hof, das bettete sich in die Binsen und das Geröhrig am Brunnen und vertraute dem Bauer, es sei ein Wassermännlein, und sein Weiblein sei ihm abhanden, das suche er nun schon in allen Seen vergebens, wolle zusehen, ob es nicht in den Mummelsee entführt sei; bat den Bauer, seiner am See zu harren oder eines Wahrzeichens gewärtig zu sein. Lange blieb es aus, und endlich kam es gar nicht wieder. Nur sein Stecken fuhr aus dem Wasser in die Höhe, und an derselben Stelle färbte sich der See plötzlich blutrot, und das rote Wasser sprang ein paar Schuh hoch in die Luft. Da merkte der Bauer, dass das Wassermännlein drunten ertötet worden sei, wahrscheinlich hatte es den Räuber seines Weibleins gefunden, das sich willig hatte entführen lassen, darum man noch im Sprichwort sagt von solchen Weibern und Maiden, die gern der Lockung folgen: Sie geht gern in das Wasser.

Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Meersburg 1930 (Erstv. 1853)

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Die drei Seejungfrauen vom Mummelsee

Im Oberkappeler Tal, dort, wo der Weg hinaufführt zum Mummelsee, liegt der Zinken Seebach. Wie überall in Deutschland, trafen sich auch hier abends die jungen Mädchen mit ihren Spinnrädern abwechselnd in den Stuben der Höfe, um sich mit Spinnen, Singen und Plaudern die Zeit zu vertreiben.

Eines Abends saß man beim Hofbauer Erlfried zusammen. Da wurde leise die Türe der Spinnstube geöffnet und drei weiß gekleidete Seejungfrauen traten ein. Jede trug ihr feines Spinngerät in den Händen und sie baten die anwesenden Jungfrauen, sich zu ihnen gesellen zu dürfen. Natürlich wurden sie herzlich dazu eingeladen.

Das Beisammensein gefiel den Seefräulein so gut, dass sie seit diesem Abend in keiner Spinnstube fehlen wollten. Sobald die Dämmerung hinaufzog, stellten sie sich mit ihren Spinnrocken ein und mit dem Glockenschlag elf Uhr rafften sie ihre Arbeit zusammen und sie verabschiedeten sich – da half kein Bitten und Betteln. Niemand wusste, woher die weiß gekleideten Jungfrauen kamen, doch es ging das Gerücht um, sie kämen aus dem Mummelsee. Seitdem sich die drei zu den Spinnstuben einfanden, kamen die Burschen und Mädchen nochmal so gern zum Spinnen. Jetzt ging die Arbeit viel rascher von der Hand und die Spinnerinnen brachten vollere Spulen und feiner gesponnene Fäden mit nach Hause. Doch es missfiel allen, dass die Fräulein pünktlich Schlag elf Uhr die Stube verließen. Ein Bursche konnte es sich daher eines Abends nicht verkneifen, das Werk der hölzernen Uhr um eine Stunde zurückzustellen. An jenem Abend verflog die Zeit besonders schnell und als es elf schlug verabschiedeten sich die Seefräulein wie gewöhnlich. Doch es war längst nicht mehr elf, sondern bereits Mitternacht.

Als am frühen Morgen Holzhauer den Mummelsee auf ihrem Weg zur Arbeit passierten, klang aus der Tiefe des Gewässers ein klägliches Wimmern und Stöhnen. Auf der Wasseroberfläche trieben drei Blutlachen. Von diesem Tag an wurden die Seejungfrauen nicht mehr gesehen. Der Bursche jedoch, der die Uhr zurückgestellt hatte, erkrankte am Tag darauf und war nach drei Tagen gestorben.

Nach Hans Brüstle, Das wilde Heer, Freiburg 1977

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Der Mummelsee

Von Alexander Würtenberger.

Hoch oben im tannendüstern Gebirge liegt unheimlich und trübe der Mummelsee. Auf den dunkeln Fluten tanzen alle Nacht die Seejungfrauen ihren muntern Reigen. Beim ersten Sonnenstrahl, der durch die hohe Waldung dringt, taucht aus den Wellen das schilfbekränzte Riesenhaupt des Elfen, der den See beherrscht. Auf seinen Ruf endet plötzlich der Tanz und die fröhlichen Mädchen verschwinden in den Wassern. Blühend und duftend stehen sie den Tag über als Lilien und Seerosen am Ufer. In alten Zeiten pflogen die Seejungfrauen gar öfter Umgang mit den Menschen, die rings um den See in den Wäldern wohnen. Sie kamen an den langen Winterabenden mit Rocken und Spindeln in die Spinnstuben und waren dort immer gerne gesehene Gäste, denn sie brachten zuweilen kostbare Perlen vom Seegrunde mit, welche sie an die Bauersleute verschenkten und diese dadurch reich und glücklich machten.

Einst liebte eine der Nixen einen schönen jungen Bauernburschen namens Wilhelm. Allabendlich traf der Jüngling seine Liebste am grünen, schilfbewachsenen Seeufer und lange Zeit lebten sie so in heimlichem, ungetrübtem Liebesglück, bis einst der Bursche neugierig fragte:

"Nun sag mir, du Liebste im ganzen Land:
Wo bist du denn her? Wem bist du verwandt?
In welchem Haus gehst du aus und ein?
Wer mag dein Vater und Mutter sein?"

Da ward die Jungfrau blass wie der Tod vor Schrecken und entgegnete mit zitternder Stimme:

"Frag' nicht, wo ich her und wo ich geboren,
Sonst bin ich für dich auf ewig verloren!"

Wilhelm aber ließ die Neugierde keine Ruhe und einst, zur späten Stunde, schlich er ihr durch das Geschilfe nach bis ans Seeufer, wo er sie versinken sah. Aber da vernahm er plötzlich einen durchdringenden, herzzerreißenden Schmerzensschrei, welchem ein donnerähnlich Getöse folgte. Auf dem bisher ruhigen See hoben sich schäumend und tosend blutrote Wellen in die Höhe und durch den Tannenwald raste ein wilder Orkan, der die ungeheueren Waldriesen zu Tausenden entwurzelte. Entsetzt suchte und rief der Jüngling nach der verschwundenen Geliebten; er vernahm nichts als ein höhnisches Gelächter, das vom Seegrund heraufzukommen schien. Da erkannte er, dass er durch seine Neugierde die Geliebte ins Verderben gebracht und schlich sich spät mit einem Herzen voll Reue nach seiner Hütte. Wahnsinnähnliche Sehnsucht trieb ihn noch öfters ans Seeufer hin, wo er jedoch vergebens der Liebsten Namen über das Wasser rief. Der Welt und ihren Freuden entsagend, ging er zuletzt ins Kloster und starb in Allerheiligen als Mönch in hohem Alter.

Alexander Würtenberger, Schwarzwaldsagen und Geschichten, Baden-Baden o. D.

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Der Rattenpelzmann im Mummelsee

Ein seltsam gestalteter Bewohner des Mummelsees, in Rattenpelz gekleidet, holte einst eine Hebamme aus Kappel, seiner Frau bei der Niederkunft beizustehen. Mit einer Birkenrute schlug er in den See. Sogleich teilte sich das Wasser, und beide stiegen auf einer alabasternen Wendeltreppe in den Abgrund zu einem vergoldeten Prachtzimmer, in welchem ein aus Karfunkel zusammengesetzter Thron beschlagen war. Hier hatte die Wehmutter ihr Geschäft zu verrichten. Derselbe rätselhafte Mann führte sie auf derselben Treppe wieder zu der Oberwelt. Hier angekommen, gab er der Geburtshelferin als Belohnung ein Strohbündel. Voll der herzlichsten Freude, dass sie das Abenteuer glücklich bestanden, weigerte sie sich bescheiden, das Geschenk anzunehmen. Verschone mich, sagte sie; es ist gern geschehen; auch fehlt es mir zu Hause nicht an Stroh. Durch vieles Nötigen gelang es endlich dem Rattenpelzmann, dass sie das vermeintliche Strohgeschenk annahm. Doch kaum hatte er sich entfernt, so warf sie das Strohbündel weg. Nach Hause gekommen, bemerkte sie, dass ein Strohhalm, der unversehens an ihr war hängen geblieben, sich in das reinste Gold verwandelt hatte. Nicht wenig grämte sich nun das arme Weib, dass sie das rätselhafte Geschenk so gering geachtet hatte.

Anton Birlinger in 'Alemannia'. Zeitschrift für Sprache, Litteratur und Volkskunde des Elsaszes, Oberrheins und Schwabens, Bonn 1873

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Der Abenteuerliche Simplicius Teutsch,
frontispice der 1. Ausgabe von (1668).

Eine Reise in die Tiefen des Mummelsees und zum Mittelpunkt der Erde, erzählt von H. J. Chr. von Grimmelshausen im 'Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch'

10. Kapitel

Relation etlicher Bauersleut von dem wunderbaren Mummelsee.

Da ich mich nun wieder solchergestalt in meine erste Freiheit gesetzt befand, mein Beutel aber von Geld ziemlich geleeret, hingegen meine große Haushaltung mit vielem Vieh und Gesind beladen, nahm ich meinen Petter Melchior für einen Vater, meine Göt, seine Frau, für meine Mutter, und den Bankert Simplicium, der mir vor die Tür geleget worden, für meinen Erben an und übergab diesen beiden Alten Haus und Hof samt meinem ganzen Vermögen, bis auf gar wenig gelbe Batzen und Kleinodien, die ich noch auf die äußerste Not gespart und hinterhalten hatte, denn ich hatte einen Ekel ab aller Weiber Beiwohnung und Gemeinschaft gefasst, dass ich mir vornahm, weil mirs so übel mit ihnen gangen, mich nicht mehr zu verheiraten; diese beiden alten Eheleut, welche in re rusticorum nit wohl ihresgleichen mehr hatten, gossen meine Haushaltung gleich in einen andern Model, sie schafften von Gesind und Vieh ab was nichts nützte, und bekamen hingegen auf den Hof, was etwas eintrug; mein alter Knan samt meiner alten Meuder vertrösteten mich alles Guten und versprachen, wenn ich sie nur hausen ließe, so wollten sie mir allweg ein gut Pferd auf der Streu halten und so viel verschaffen, dass ich je zuzeiten mit einem ehrlichen Biedermann ein Maß Wein trinken könnte: Ich spürte auch gleich, was für Leut meinem Hof vorstunden, mein Petter bestellte mit dem Gesind den Feldbau, schacherte mit Vieh und mit dem Holz- und Harzhandel ärger als ein Jud, und meine Göt legte sich auf die Viehzucht und wusste die Milchpfennig besser zu gewinnen und zusammenzuhalten, als zehn solcher Weiber wie ich eins gehabt hatte. Auf solche Weis wurde mein Bauernhof in kurzer Zeit mit allerhand notwendigem Vorrat, auch groß und kleinem Vieh genugsam versehen, also dass er in Bälde für den besten in der ganzen Gegend geschätzt wurde, ich aber ging dabei spazieren und wartete allerhand Kontemplationen ab; denn weil ich sah, dass meine Göt mehr aus den Immen an Wachs und Honig vorschlug, als mein Weib hiebevor aus Rindvieh, Schweinen und anderem eroberte, konnte ich mir leicht einbilden, dass sie im Übrigen nichts verschlafen würde.

Einstmals spazierte ich in Sauerbrunnen, mehr ein Trunk frisch Wasser zu tun, als mich meiner vorigen Gewohnheit nach mit den Stutzern bekannt zu machen, denn ich fing an, meiner Alten Kargheit nachzuahmen, welche mir nicht rieten, dass ich mit den Leuten viel umgehen sollte, die ihre und ihrer Eltern Hab so unnützlich verschwendeten: Gleichwohl aber geriet ich zu einer Gesellschaft mittelmäßigen Stands, weil sie von einer seltenen Sach, nämlich von dem Mummelsee diskurrierten, welcher unergründlich und in der Nachbarschaft auf einem von den höchsten Bergen gelegen sei; sie hatten auch unterschiedliche alte Bauersleut beschickt, die erzählen mussten, was einer oder der andere von diesem wunderbarlichen See gehöret hätte, deren Relation ich denn mit großer Lust zuhörte, wiewohl ich's für eitel Fabeln hielt, denn es lautete also lügenhaftig als etliche Schwänke des Plinii.

Einer sagte, wenn man ungerad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder etwas anders, in ein Nastüchlein binde und hineinhänge, so verändere es sich in gerad; also auch, wenn man gerad hineinhänge, so finde man ungerad. Ein anderer und zwar die meisten gaben vor und bestätigten es auch mit Exempeln, wenn man einen oder mehr Steine hineinwürfe, so erhebe sich gleich, Gott geb’ wie schön auch der Himmel zuvor gewesen, ein grausam Ungewitter, mit schrecklichem Regen, Schlossen und Sturmwinden. Von diesem kamen sie auch auf allerhand seltsame Historien, so sich dabei zugetragen, und was sich für wunderbarliche Spectra von Erd- und Wassermännlein dabei hätten sehen lassen und was sie mit den Leuten geredet. Einer erzählte, dass auf ein Zeit, da etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher sich zu dem anderen Rindvieh gesellet, dem aber gleich ein kleines Männlein nachgefolgt, ihn wieder zurück in den See zu treiben, er hätte aber nicht parieren wollen, bis ihm das Männlein gewünscht hätte, es sollte ihn aller Menschen Leiden ankommen, wenn er nicht wieder zurückkehre! Auf welche Wort er und das Männlein sich wieder in den See begeben hätten. Ein anderer sagte, es sei auf eine Zeit, als der See überfroren gewesen, ein Bauersmann mit seinen Ochsen und etlichen Blöcken, daraus man Dielen schneidet, über den See gefahren ohne einzigen Schaden; als ihm aber sein Hund nachkommen, sei das Eis mit ihm gebrochen und der arme Hund allein hinuntergefallen und nicht mehr gesehen worden. Noch ein anderer behauptete bei großer Wahrheit, es sei ein Schütz auf der Spur des Wilds bei dem See vorübergangen, der hätte auf demselben ein Wassermännlein sitzen sehen, das einen ganzen Schoß voll gemünzter Goldsorten gehabt und gleichsam damit gespielt hätte; und als er nach demselbigen Feuer geben wollen, hätte sich das Männlein geduckt, und diese Stimme hören lassen: "Wenn du mich gebeten, deiner Armut zu Hilf zu kommen, so wollte ich dich und die Deinigen reich genug gemacht haben."

Solche und dergleichen mehr Historien, die mir alle als Märlein vorkamen, damit man die Kinder aufhält, hörte ich an, verlachte sie und glaubte nicht einmal, dass ein solcher unergründlicher See auf einem hohen Berg sein könnte; aber es fanden sich noch andere Bauersleut, und zwar alte glaubwürdige Männer, die erzählten, dass noch bei ihrem und ihrer Väter Gedenken hohe fürstliche Personen den besagten See zu beschauen sich erhoben, wie denn ein regierender Herzog zu Württemberg etc. ein Floß machen und mit demselbigen darauf hineinfahren lassen, seine Tiefe abzumessen; nachdem die Messer aber bereits neun Zwirnnetz (ist ein Maß, das die Schwarzwälder Bauernweiber besser als ich oder ein anderer Geometra verstehen) mit einem Senkel hinuntergelassen und gleichwohl noch keinen Boden gefunden, hätte das Floß, wider die Natur des Holzes, anfangen zu sinken, also dass die so sich darauf befunden, von ihrem Vornehmen abstehen und sich ans Land salvieren müssen, maßen man noch heutzutage die Stücke des Floßes am Ufer des Sees und zum Gedächtnis dieser Geschichte das fürstlich Württembergische Wappen und andere Sachen mehr in Stein gehauen vor Augen sehe. Andere bewiesen mit vielen Zeugen, dass ein Erzherzog von Österreich etc. den See gar hätte abgraben lassen wollen, es sei ihm aber von vielen Leuten widerraten und durch Bitte der Landleute sein Vornehmen hintertrieben worden, aus Furcht, das ganze Land möchte untergehen und ersaufen: Überdies hätten höchstgedachte Fürsten etliche Lägeln voll Forellen in den See setzen lassen, die seien aber alle, ehe als in einer Stund, in ihrer Gegenwart abgestanden und zum Auslauf des Sees hinausgeflossen, ohnangesehen das Wasser, so unter dem Gebirg, darauf der See liege, durch das Tal (so von dem See den Namen habe) hinfleußt, von Natur solche Fisch hervorbringe, da doch der Auslauf des Sees in selbig Wasser sich ergieße.

11. Kapitel

Eine unerhörte Danksagung eines Patienten, die bei Simplicio fast heilige Gedanken verursacht

Diese letztere Aussag machte, dass ich denen zuerst beinahe völligen Glauben zustellte, und bewog meinen Vorwitz, dass ich mich entschloss, den wunderbaren See zu beschauen; von denen, so neben mir alle Erzählung gehört, gab einer dies, der andere jenes Urteil darüber, daraus denn ihre unterschiedlichen und widereinander laufenden Meinungen genugsam erhellten; ich zwar sagte, der deutsche Name Mummelsee gebe genugsam zu verstehen, dass es um ihn wie um eine Maskerade ein verkapptes Wesen sei, also dass nicht jeder seine Art sowohl als seine Tiefe ergründen könne, die doch auch noch nicht erfunden worden wäre, da doch so hohe Personen sich dessen unterfangen hätten; ging damit an denjenigen Ort, allwo ich vorm Jahr mein verstorbenes Weib das erste Mal sah und das süße Gift der Lieb einsoff.

Daselbsten legte ich mich auf das grüne Gras im Schatten nieder, ich achtet aber nicht mehr wie hiebevor, was die Nachtigallen daherpfiffen, sondern ich betrachtete, was für Veränderung ich seithero erduldet; da stellte ich mir vor Augen, dass ich an eben demselbigen Ort den Anfang gemacht, aus einem freien Kerl zu einem Knecht der Liebe zu werden, dass ich seithero aus einem Offizier ein Bauer, aus einem reichen Bauern ein armer Edelmann, aus einem Simplicio ein Melchior, aus einem Witwer ein Ehmann, aus einem Ehmann ein Gauch, und aus einem Gauch wieder ein Witwer worden wäre; item, dass ich aus eines Bauern Sohn zu einem Sohn eines rechtschaffenen Soldaten, und gleichwohl wieder zu einem Sohn meines Knans worden. Da führte ich zu Gemüt, wie mich seithero mein fatum des Herzbruders beraubt und hingegen für ihn mit zweien alten Eheleuten versorgt hätte; ich gedachte an das gottselige Leben und Absterben meines Vaters, an den erbärmlichen Tod meiner Mutter, und daneben auch an die vielfältigen Veränderungen, denen ich mein Lebtag unterworfen gewesen, also dass ich mich des Weinens nicht enthalten konnte. Und indem ich zu Gemüt führte, wie viel schön Geld ich die Tage meines Lebens gehabt und verschwendet, zumal solches zu bedauern anfing, kamen zwei gute Schlucker oder Weinbeißer (denen die Cholica in die Glieder geschlagen, deswegen sie denn erlahmet und das Bad samt dem Sauerbrunnen brauchten), die setzten sich zu nächst bei mir nieder, weil es eine gute Ruhestatt hatte, und klagte je einer dem andern seine Not, weil sie vermeinten allein zu sein; der eine sagte: "Mein Doktor hat mich hierher gewiesen als einen, an dessen Gesundheit er verzweifelt, oder als einen, der neben andern dem Wirt um das Fässlein mit Butter so er ihm neulich geschickt, Satisfaktion tun solle; ich wollte, dass ich ihn entweder die Tage meines Lebens niemals gesehen oder dass er mir gleich anfangs in Sauerbrunnen geraten hätte, so würde ich entweder mehr Geld haben oder gesünder sein als jetzt, denn der Sauerbrunnen schlägt mir wohl zu." "Ach!" antwortete der andere, "ich danke meinem Gott, dass er mir nicht mehr überflüssig Geld beschert hat, als ich vermag; denn hätte mein Doktor noch mehr hinter mir gewusst, so hätte er mir noch lang nicht in Sauerbrunnen geraten, sondern ich hätte zuvor mit ihm und seinen Apothekern, die ihn deswegen alle Jahr schmieren, teilen müssen, und hätte ich darüber sterben und verderben sollen; die Schabhäls raten unsereinem nicht eher an ein so heilsam Ort, sie getrauen denn nicht mehr zu helfen oder wissen nichts mehr an einem zu rupfen; wenn man die Wahrheit bekennen will, so muss ihnen derjenige, so sich hinter sie lässt und hinter welchem sie Geld wissen, nur lohnen, dass sie einen krank erhalten."

Diese zwei hatten noch viel Schmähens über ihre Doctores, aber ich mag's drum nicht alles erzählen, denn die Herren Medici möchten mir sonst feind werden und künftig eine Purgation eingeben, die mir die Seel' austreiben möchte: Ich melde dies allein deswegen, weil mich der letztere Patient mit seiner Danksagung, dass ihm Gott nicht mehr Geld bescheret, dergestalt tröstete, dass ich alle Anfechtungen und schweren Gedanken, die ich damals des Gelds halber hatte, aus dem Sinn schlug. Ich resolvierte mich, weder mehr nach Ehren noch Geld, noch nach etwas anderem, das die Welt liebt, zu trachten; ja, ich nahm mir vor zu philosophieren und mich eines gottseligen Lebens zu befleißen, zumalen meine Unbußfertigkeit zu bereuen und mich zu erkühnen, gleich meinem Vater sel. auf die höchsten Staffeln der Tugenden zu steigen.

12. Kapitel

Wie Simplicius mit den Sylphis in das Centrum terrae fährt

Die Begierde, den Mummelsee zu beschauen vermehrte sich bei mir, als ich von meinem Petter verstund, dass er auch dabei gewesen und den Weg dazu wüsste; da er aber hörte, dass ich überein auch dazu wollte, sagte er: "Und was werdet Ihr dann davontragen, wenn Ihr gleich hinkommt? Der Herr Sohn und Petter wird nichts anders sehen als ein Ebenbild eines Weihers, der mitten in einem großen Wald liegt, und wenn Er seine jetzige Lust mit beschwerlicher Unlust gebüßt, so wird Er nichts anders als Reu, müde Füß (denn man kann schwerlich hinreiten) und den Hergang für den Hingang davon haben; es sollte mich kein Mensch hingebracht haben, wenn ich nicht hätt' hinfliehen müssen, als der Doktor Daniel (er wollte Duc d'Anguin sagen) mit seinen Kriegern das Land hinunter vor Philippsburg zog." Hingegen kehrte sich mein Vorwitz nicht an seine Abmahnung, sondern ich bestellte einen Kerl, der mich hinführen sollte; da er nun meinen Ernst sah, sagte er, weil die Habersaat vorüber und auf dem Hof weder zu hauen noch zu ernten, wollte er selbst mit mir gehen und den Weg weisen; denn er hatte mich so lieb, dass er mich ungern aus dem Gesicht ließ, und weil die Leut im Land glaubten, dass ich sein leiblicher Sohn sei, prangte er mit mir und tat gegen mich und jedermann, wie etwa ein gemeiner armer Mann gegen seinen Sohn tun möchte, den das Glück ohne sein Zutun und Beförderung zu einem großen Herrn gemacht hätte.

Also wanderten wir miteinander über Berg und Tal und kamen zu dem Mummelsee, ehe wir sechs Stund gegangen hatten, denn mein Petter war noch so käfermäßig und so wohl zu Fuß als ein Junger; wir verzehrten daselbst, was wir von Speis und Trank mit uns genommen, denn der weite Weg und die Höhe des Bergs, auf welchem der See liegt, hätte uns hungrig und hellig gemacht; nachdem wir uns aber erquickt, beschaute ich den See und fand gleich etliche gezimmerte Hölzer darin liegen, die ich und mein Knan für rudera des württembergischen Floßes hielten; ich nahm oder maß die Länge und Breite des Wassers vermittelst der Geometriae, weil gar beschwerlich war, um den See zu gehen und denselben mit Schritten oder Schuhen zu messen, und brachte seine Beschaffenheit vermittelst des verjüngten Maßstabs in mein Schreibtäfelein, und als ich damit fertig, zumal der Himmel durchaus hell und die Luft ganz windstill und wohl temperiert war, wollte ich auch probieren was Wahrheit an der Sagmär wäre, dass ein Ungewitter entstehe, wenn man einen Stein in den See werfe; sintemal ich allbereit die Hörsag, dass der See keine Forellen leide, am mineralischen Geschmack des Wassers wahr zu sein befunden.

Solche Prob nun ins Werk zu setzen, ging ich gegen die linke Hand am See hin, an denjenigen Ort, da das Wasser (welches sonst so hell ist als ein Kristall) wegen der abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein scheint und deswegen so fürchterlich aussieht, dass man sich auch nur vorm Anblick entsetzt, daselbst fing ich an so große Stein hineinzuwerfen, als ich sie immermehr ertragen konnte; mein Petter oder Knan wollte mir nicht allein nicht helfen, sondern warnte und bat mich, davon abzustehen, soviel ihm immer möglich, ich aber kontinuieret meine Arbeit emsig fort, und was ich von Steinen ihrer Größe und Schwere halben nicht ertragen mochte, das walgert ich herbei, bis ich deren über dreißig in See brachte; da fing die Luft an, den Himmel mit schwarzen Wolken zu bedecken, in welchen ein grausames Donnern gehöret wurde; also dass mein Petter, welcher jenseits des Sees bei dem Auslauf stand und über mein Arbeit lamentierte, mir zuschrie, ich sollte mich doch salvieren, damit uns der Regen und das schreckliche Wetter nicht ergreife oder noch wohl ein größer Unglück betreffe; ich aber antwortete ihm hingegen: "Vater, ich will bleiben und des Ends erwarten und sollte es auch Hellebarden regnen!" "Ja", antwortet' mein Knan, "Ihr machts wie alle verwegenen Buben, die sich nichts drum geheien, wenn gleich die ganze Welt unterginge."

Indem ich nun diesem seinem Schmälen so zuhörte, verwandte ich die Augen nicht von der Tiefe des Sees, der Meinung, etwa etliche Blattern oder Blasen vom Grund desselbigen aufsteigen zu sehen, wie zu geschehen pflegt, wenn man in andere tiefe, so stillstehende als fließende Wasser Steine wirft; aber ich wurde nichts dergleichen gewahr, sondern sah sehr weit gegen den abyssum etliche Kreaturen im Wasser herumflattern, die mich der Gestalt nach an Frösche ermahnten, und gleichsam wie Schwärmerlein aus einer aufgestiegenen Raket, die in der Luft ihr Wirkung der Gebühr nach vollbringt, herumvagierten; und gleichwie sich dieselbigen mir je länger je mehr näherten, also schienen sie auch in meinen Augen je länger je größer, und an ihrer Gestalt den Menschen desto ähnlicher; weswegen mich denn erstlich eine große Verwunderung und endlich, weil ich sie so nahe bei mir hatte, ein Grausen und Entsetzen ankam: "Ach!" sagte ich damals vor Schrecken und Verwunderung zu mir selber, und doch so laut, dass es mein Knan, der jenseits des Sees stund, wohl hören konnte (wie wohl es schrecklich donnerte) "wie sind die Wunderwerk des Schöpfers auch sogar im Bauch der Erden und in der Tiefe des Wassers so groß!" Kaum hatte ich diese Wort recht ausgesprochen, da war schon eins von diesen Sylphis oben auf dem Wasser, das antwortet': "Siehe: das bekennest du, ehe du etwas davon gesehen hast; was würdest du wohl sagen, wenn du erst selbsten im centro terrae wärest und unsere Wohnung, die dein Vorwitz beunruhiget, beschautest?" Unterdessen kamen noch mehr dergleichen Wassermännlein hier und dort, gleichsam wie die Tauchentlein hervor, die mich alle ansahen und die Steine wieder heraufbrachten, die ich hineingeworfen, worüber ich ganz erstaunte; der Erste und Vornehmste aber unter ihnen, dessen Kleidung wie lauter Gold und Silber glänzte, warf mir einen leuchtenden Stein zu, so groß als ein Taubenei und so grün und durchsichtig als ein Smaragd, mit diesen Worten: "Nimm hin dies Kleinod, damit du etwas von uns und diesem See zu sagen wissest!" Ich hatte ihn aber kaum aufgehoben und zu mir gesteckt, da wurde mir nicht anders, als ob mich die Luft hätte ersticken oder ersäufen wollen, derhalben ich mich denn nicht länger aufrecht behalten konnte, sondern herumtaumelte wie eine Garnwinde und endlich gar in See hinunterfiel: Sobald ich aber ins Wasser kam, erholte ich mich wieder, und brauchte aus Kraft des Steins den ich bei mir hatte, im Atmen das Wasser anstatt der Luft; ich konnte auch gleich so wohl als die Wassermännlein mit geringer Mühe in dem See herumwebern, maßen ich mich mit denselben in Abgrund hinabtat, so mich an nichts anders ermahnte, als wenn sich ein Schar Vögel mit Umschweifen aus dem obersten Teil der temperierten Luft gegen die Erde niederlässt.

Da mein Knan dies Wunder zum Teil (nämlich soviel oberhalb des Wassers geschehen) samt meiner jählingen Verzückung gesehen, trollte er sich vom See hinweg und heim zu, als ob ihm der Kopf brennte; daselbst erzählte er allen Verlauf, vornehmlich aber, dass die Wassermännlein diejenigen Stein, so ich in See geworfen, wieder in vollem Donnerwetter heraufgetragen und an ihre vorige Statt gelegt, hingegen aber mich mit sich hinuntergenommen hätten: Etliche glaubten ihm, die meisten aber hielten es für eine Fabel, andere bildeten sich ein, ich hätte mich wie ein anderer Empedocles Agrigentinus (welcher sich in den Berg Aetnam gestürzt, damit jedermann gedenken sollte, wenn man ihn nirgends finde, er wäre gen Himmel gefahren) selbst im See ertränkt, und meinem Vater befohlen, solche Fabeln von mir auszugeben, um mir einen unsterblichen Namen zu machen; man hätte eine Zeit lang an meinem melancholischen Humor wohl gesehen, dass ich halber desperat gewesen wäre, etc. Andere hätten gern geglaubt, wenn sie meine Leibskräfte nicht gewusst, mein angenommener Vater hätte mich selbst ermordet, damit er als ein geiziger alter Mann meiner los würde und allein Herr auf meinem Hof sein möchte; also dass man um diese Zeit von sonst nichts als von dem Mummelsee, von mir und meiner Hinfahrt und von meinem Petter, beides im Sauerbrunnen und auf dem Land zu sagen und zu raten wusste.

13. Kapitel

Der Prinz über den Mummelsee erzählt die Art und das Herkommen der Sylphorum

Plinius schreibt im End des zweiten Buchs vom Geometra Dionysio Doro, dass dessen Freunde einen Brief in seinem Grab gefunden, den er, Dionysius, geschrieben und darinnen berichtet, dass er aus seinem Grab bis in das mittelste Centrum der Erden sei kommen, und befunden, dass 42 000 Stadia bis dahin seien; der Fürst über den Mummelsee aber, so mich begleitet' und obigergestalt vom Erdboden hinweggeholet hatte, sagte mir für gewiss, dass sie aus dem Centro Terrae bis an die Luft durch die halbe Erd just 900 deutscher Meilen hätten, sie wollten gleich nach Deutschland oder zu deren Antipodibus, und solche Reisen müssten sie alle durch dergleichen Seen nehmen, deren hin und wieder soviel in der Welt als Tag im Jahr seien, welcher Ende oder Abgründe alle bei ihres Königs Wohnung zusammenstießen. Diese große Weite nun passierten wir ehe als in einer Stunde, also dass wir mit unserer schnellen Reis’ des Monds Lauf sehr wenig oder gar nichts bevor gaben, und dennoch geschah solches so gar ohne alle Beschwerung, dass ich nicht allein keine Müdigkeit empfand, sondern auch in solchem sanften Abfahren mit obgemeldtem Mummelseeprinzen allerhand diskurrieren konnte, denn da ich seine Freundlichkeit vermerkte, fragte ich ihn, zu was Ende sie mich einen so weiten, gefährlichen und allen Menschen ohngewöhnlichen Weg mit sich nähmen? Da antwortet' er mir gar bescheiden, der Weg sei nicht weit, den man in einer Stund spazieren könnte, und nicht gefährlich, dieweil ich ihn und seine Gesellschaft mit dem überreichten Stein bei mir hätte, dass er mir aber ungewöhnlich vorkomme, sei sich nichts zu verwundern; sonst hätte er mich nicht allein aus seines Königs Befehl, der etwas mit mir zu reden, abgeholt, sondern dass ich auch gleich die seltsamen Wunder der Natur unter der Erden und in Wassern beschauen sollte, deren ich mich zwar bereits auf dem Erdboden verwundert, ehe ich noch kaum einen Schatten davon gesehen. Darauf bat ich ihn ferner, er wollte mir doch berichten, zu was End der gütige Schöpfer so viel wunderbarliche Seen erschaffen, sintemal sie, wie mich dünkte, keinem Menschen nichts nützten, sondern viel eher Schaden bringen könnten? Er antwortet': "Du fragst billig um dasjenige, was du nicht weißt oder verstehest, diese Seen sind dreierlei Ursachen willen erschaffen: Denn erstlich werden durch sie alle Meer, wie die Namen haben, und sonderlich der große Oceanus, gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet; zweitens werden von uns durch diese Seen (gleichsam als wie durch Teichel, Schläuche oder Stiefeln bei einer Wasserkunst, deren ihr Menschen euch gebrauchet) die Wasser aus dem abyssu des Oceani in alle Quellen des Erdbodens getrieben (welches denn unser Geschäft ist), wovon alsdann alle Brunnen in der ganzen Welt fließen, die großen und kleinen Wasserflüss’ entstehen, der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquickt, und beides Menschen und Vieh getränkt werden; drittens, dass wir als vernünftige Kreaturen Gottes hierin leben, unser Geschäft verrichten und Gott den Schöpfer in seinen großen Wunderwerken loben sollen! Hierzu nun sind wir und solche Seen erschaffen und werden auch bis an den jüngsten Tag bestehen; wenn wir aber gegen dieselbe letzte Zeit unsere Geschäfte, dazu wir von Gott und der Natur erschaffen und verordnet sind, aus einer oder andern Ursach’ unterlassen müssen, so muss auch notwendig die Welt durchs Feuer untergehen, so aber vermutlich nicht ebender geschehen kann, es sei denn, dass ihr den Mond (donec auferatur luna, Psal. 71), Venerem oder Martem, als Morgen- und Abendstern verlieret, denn es mussten die generationes fructu- & animalium erst vergehen und alle Wasser verschwinden, ehe sich die Erde von sich selbst durch der Sonnen Hitz entzünde, calciniere und wiederum regeneriere; solches aber gebührt uns nicht zu wissen, ist auch allein Gott bekannt, außer was wir etwa mutmaßen und eure Chymici aus ihrer Kunst daherlallen."

Da ich ihn so reden und die Hl. Schrift anziehen hörte, fragte ich, ob sie sterbliche Kreaturen wären, die nach der jetzigen Welt auch ein künftiges Leben zu hoffen hätten? oder ob sie Geister seien, welche so lang die Welt stünde nur ihre anbefohlenen Geschäfte verrichteten? Darauf antwortet' er: "Wir sind keine Geister, sondern sterbliche Leutlein, die zwar mit vernünftigen Seelen begabt, welche aber samt den Leibern dahinsterben und vergehen; Gott ist zwar so wunderbar in seinen Werken, dass sie keine Kreatur auszusprechen vermag, doch will ich dir, soviel unsere Art anbelangt, simpliciter erzählen, dass du daraus fassen kannst, wieweit wir von den andern Kreaturen Gottes zu unterscheiden seien: Die heiligen Engel sind Geister, zum Ebenbild Gottes gerecht, verständig, frei, keusch, hell, schön, klar, geschwind und unsterblich zu dem Ende erschaffen, dass sie in ewiger Freude Gott loben, rühmen, ehren und preisen, in dieser Zeitlichkeit aber der Kirche Gottes hier auf Erden auf den Dienst warten, und die allerheiligsten göttlichen Befehl verrichten sollen, deswegen sie denn auch zuzeiten Nuntii genannt werden, und ihrer sind auf einmal so viel hunderttausend mal tausend Millionen erschaffen worden, als der göttlichen Weisheit wohlgefällig gewesen; nachdem aber aus ihrer großen Anzahl unaussprechlich viel, die sich ihres hohen Adels überhoben, aus Hoffart gefallen, sind erst eure ersten Eltern von Gott mit einer vernünftigen und unsterblichen Seel’ zu seinem Ebenbild erschaffen und deswegen mit Leibern begabt worden, dass sie sich aus sich selbsten vermehren sollten, bis ihr Geschlecht die Zahl der gefallenen Engel wiederum erfüllte; zu solchem End nun wurde die Welt erschaffen, mit allen andern Kreaturen, dass der irdische Mensch, bis sich sein Geschlecht so weit vermehret, dass die angeregte Zahl der gefallenen Engel damit ersetzt werden könnte, darauf wohnen, Gott loben und sich aller anderer erschaffenen Dinge auf der ganzen Erdkugel (als worüber ihn Gott zum Herrn gemacht) zu Gottes Ehren und zu seines nahrungbedürftigen Leibs Aufenthaltung bedienen sollte; damals hatte der Mensch diesen Unterscheid zwischen sich und den hl. Engeln, dass er mit der irdischen Bürde seines Leibs beladen und nicht wusste, was gut und bös war, und dahero auch nicht so stark und geschwind als ein Engel sein konnte; hatte hingegen aber auch nichts Gemeines mit den unvernünftigen Tieren, demnach er aber durch den Sündenfall im Paradies seinen Leib dem Tod unterwarf, schätzten wir ihn das Mittel zu sein zwischen den heiligen Engeln und den unvernünftigen Tieren, denn gleich wie eine heilige entleibte Seel eines zwar irdischen doch himmlisch-gesinnten Menschen alle gute Eigenschaft eines heiligen Engels an sich hat, also ist der entseelte Leib eines irdischen Menschen (der Verwesung nach) gleich einem andern Aas eines unvernünftigen Tiers, uns selbsten aber schätzten wir für das Mittel zwischen euch und allen andern lebendigen Kreaturen der Welt, sintemal, ob wir gleich wie ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbigen mit unsern Leibern gleich hinweg, gleichsam als wie die lebhaften Geister der unvernünftigen Tiere in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar, dass ihr durch den ewigen Sohn Gottes, durch welchen wir denn auch erschaffen, aufs allerhöchste geadelt worden, indem er euer Geschlecht angenommen, der göttlichen Gerechtigkeit genug getan, den Zorn Gottes gestillt und euch die ewige Seligkeit wiederum erworben, welches alles euer Geschlecht dem unserigen weit vorziehet; aber ich rede und verstehe hier nichts von der Ewigkeit, weil wir deren zu genießen nicht fähig sind, sondern allein von dieser Zeitlichkeit, in welcher der allergütigste Schöpfer uns genugsam beseligt, als mit einer guten gesunden Vernunft, mit Erkenntnis des allerheiligsten Willens Gottes, so viel uns vonnöten, mit gesunden Leibern, mit langem Leben, mit der edlen Freiheit, mit genugsamer Wissenschaft, Kunst und Verstand aller natürlichen Dinge, und endlich, so das allermeiste ist, sind wir keiner Sünd und dannenhero auch keiner Straf, noch dem Zorn Gottes, ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen: Welches alles ich dir darum so weitläufig erzählt und auch deswegen der hl. Engel, irdischen Menschen und unvernünftigen Tier gedacht, damit du mich desto besser verstehen könnest." Ich antwortet, es wollte mir dennoch nicht in Kopf; da sie keiner Missetat und also auch keiner Straf unterworfen, wozu sie dann eines Königs bedürftig? item, wie sie sich der Freiheit rühmen könnten, wenn sie einem König unterworfen wären? item, wie sie geboren werden und wieder sterben könnten, wenn sie gar keine Schmerzen oder Krankheit zu leiden geartet wären? Darauf antwortet' mir das Prinzlein, sie hätten ihren König nicht, dass er justitiam administrieren, noch dass sie ihm dienen sollten, sondern dass er wie der König oder Weisel in einem Immenstock ihre Geschäfte dirigiere; und gleichwie ihre Weiber in coitu keine Wollust empfänden, also seien sie hingegen auch in ihren Geburten keinen Schmerzen unterworfen, welches ich etlichermaßen am Exempel der Katzen abnehmen und glauben könnte, die zwar mit Schmerzen empfangen, aber mit Wollust gebären; so stürben sie auch nicht mit Schmerzen oder aus hohem gebrechlichem Alter, weniger aus Krankheit, sondern gleichsam als ein Licht verlösche, wenn es seine Zeit geleuchtet habe, also verschwinden auch ihre Leiber samt den Seelen; gegen die Freiheit, deren er sich gerühmt, sei die Freiheit des allergrößten Monarchen unter uns irdischen Menschen gar nichts, ja nicht so viel als ein Schatten zu rechnen, denn sie könnten weder von uns noch andern Kreaturen getötet, noch zu etwas Unbeliebigem genötigt, viel weniger befängnist werden, weil sie Feuer, Wasser, Luft und Erde ohn einzige Mühe und Müdigkeit (von der sie gar nichts wüssten) durchgehen könnten. Darauf sagte ich: "Wenn es mit euch so beschaffen, so ist euer Geschlecht von unserm Schöpfer weit höher geadelt und beseligt als das unserige." "Ach nein", antwort der Fürst, "ihr sündigt wenn ihr dies glaubt, indem ihr die Güte Gottes einer Sache beschuldiget, die nicht so ist, denn ihr seid weit mehrers beseligt als wir, indem ihr zu der seligen Ewigkeit und das Angesicht Gottes unaufhörlich anzuschauen erschaffen, in welchem seligen Leben eurer einer, der selig wird, in einem einzigen Augenblick mehr Freud und Wonne als unser ganzes Geschlecht von Anfang der Erschaffung bis an den jüngsten Tag genießt." Ich sagte: "Was haben drum die Verdammten davon?" Er antwortet' mir mit einer Widerfrag, und sagte: "Was kann die Güte Gottes dafür, wenn euer einer sein selbst vergisset, sich der Kreaturen der Welt und deren schändlichen Wollüsten ergibt, seinen viehischen Begierden den Zügel schießen lässt, sich dadurch dem unvernünftigen Vieh, ja, durch solchen Ungehorsam gegen Gott mehr den höllischen als seligen Geistern gleichmacht? Solcher Verdammten ewiger Jammer, worein sie sich selbst gestürzt haben, benimmt drum der Hoheit und dem Adel ihres Geschlechts nichts, sintemal sie so wohl als andere in ihrem zeitlichen Leben die ewige Seligkeit hätten erlangen mögen, da sie nur auf dem dazu verordneten Weg hätten wandten wollen."

14. Kapitel

Was Simplicius ferner mit diesem Fürsten unterwegs diskurriert, und was er für verwunderliche und abenteuerliche Sachen vernommen

Ich sagte zu dem Fürstlein, weil ich auf dem Erdboden ohnedies mehr Gelegenheit hätte, von dieser Materia zu hören, als ich mir zu Nutze machte, so wollte ich ihn gebeten haben, er wollte mir doch dafür die Ursache erzählen, warum zuzeiten ein so groß Ungewitter entstehe, wenn man einen Stein in solche Seen werfe? Denn ich erinnerte mich von dem Pilatussee im Schweizerland ebendergleichen gehört, und vom See Camarina in Sicilia ein solches gelesen zu haben, von welchem die Phrasis entstanden 'Camarinam movere'; Er antwortet': "Weil alles, das schwer ist, nicht ehe gegen das centrum terrae zu fallen aufhöret, wenn es in ein Wasser geworfen wird, es treffe denn einen Boden an, darauf es unterwegs liegen verbleibe, hingegen diese Seen alle miteinander bis auf das centrum ganz bodenlos und offen sind, also dass die Stein so hineingeworfen werden, notwendig und natürlicher Weis in unsere Wohnung fallen und liegen bleiben müssten, wenn wir sie nicht wieder zu eben dem Ort, da sie herkommen, von uns hinausschafften, also tun wir solches mit einem Ungestüme, damit der Mutwille derjenigen, die sie hineinzuwerfen pflegen, abgeschreckt und im Zaum gehalten werden möge, so denn eines von den vornehmsten Stücken unsers Geschäfts ist, dazu wir erschaffen. Sollten wir aber gestatten, dass ohne dergleichen Ungewitter die Stein eingeschmissen und wieder ausgeschafft würden, so käme es endlich dazu, dass wir nur mit den mutwilligen Leuten zu tun hätten, die uns täglich von allen Orten der Welt her aus Kurzweil Stein zusendeten. Und an dieser einzigen Verrichtung die wir zu tun haben, kannst du die Notwendigkeit unseres Geschlechts abnehmen, sintemal da obigergestalt die Steine von uns nicht ausgetragen, und doch täglich durch so viel dergleichen unterschiedliche Seen, die sich hin und wieder in der Welt befinden, dem centro terrae, darinnen wir wohnen, soviel zugeschickt würden, so müssten endlich zugleich die Gebäude, damit das Meer an die Erde geheftet und befestiget, zerstöret und die Gänge, dadurch die Quellen aus dem Abgrund des Meers hin und wieder auf die Erde geleitet, verstopft werden, das dann nichts anderes als ein schädliche Konfusion und der ganzen Welt Untergang mit sich bringen könnte."

Ich bedankte mich dieser Kommunikation, und sagte: "Weil ich verstehe, dass euer Geschlecht durch solche Seen alle Quellen und Flüsse auf dem ganzen Erdboden mit Wasser versieht, so werdet ihr auch Bericht geben können, warum sich die Wasser nicht alle gleich befinden, beides an Geruch, Geschmack, etc. und der Kraft und Wirkung, da sie doch ihre Wiederkehrung (wie ich verstanden) ursprünglich alle aus dem Abgrund des großen Oceani hernehmen, darein sich alle Wasser wiederum ergießen; denn etliche Quellen sind liebliche Sauerbrunnen und taugen zu der Gesundheit, etliche sind zwar sauer, aber unfreundlich und schädlich zu trinken; und andere sind gar tödlich und vergift, wie derjenige Brunn in Arcadia, damit Jolla dem Alexandro Magno vergeben haben soll; etliche Brunnenquellen sind laulicht, etliche siedend heiß und andere eiskalt; etliche fressen durch Eisen als Aqua fort, wie einer in Zepusio oder der Grafschaft Zips in Ungarn; andere hingegen heilen alle Wunden, als sich denn einer in Thessalia befinden soll; etliche Wasser werden zu Stein, andere zu Salz und etliche zu Vitriol: Der See bei Zircknitz in Kärnten hat nur Winterszeit Wasser und im Sommer liegt er allerdings trocken; der Brunn bei Engstlen läuft nur Sommerszeit und zwar nur zu gewissen Stunden, wenn man das Vieh tränkt; der Schändlebach bei Ober-Nähenheim läuft nicht eher als wenn ein Unglück übers Land kommen soll. Und der Fluvius Sabbaticus in Syria bleibt allezeit den siebenten Tag gar aus. Worüber ich mich öfter, wenn ich der Sache nachgedacht und die Ursache nicht ersinnen können, zum allerhöchsten verwundern musste."

Hierauf antwortet' der Fürst: Diese Dinge alle miteinander hätten ihre natürlichen Ursachen, welche denn von den Naturkundigern unsers Geschlechts mehrenteils aus den unterschiedlichen Gerüchen, Geschmäcken, Kräften und Wirkungen der Wasser genugsam erraten, abgenommen und auf dem Erdboden offenbart worden wären. Wenn ein Wasser von ihrer Wohnung an bis zu seinem Auslauf, welchen wir die Quelle nennen, nur durch allerhand Stein laufe, so verbleibe es allerdings kalt und süß, dafern es aber auf solchem Weg durch und zwischen die Metalla passiere (denn der große Bauch der Erden sei innerlich nicht an einem Ort wie am andern beschaffen), als da sei Gold, Silber Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Quecksilber, etc. oder durch die halben Mineralia, nämlich Schwefel, Salz mit allen seinen Gattungen, als naturale, sal gemmae, sal nativum, sal radicum, sal nitrum, sal ammoniacum, sal petrae, etc. weiße, rote, gelbe und grüne Farben, Vitriol, marchasita aurea, argentea, plumbea, ferrea, lapis lazuli, alumen, arsenicum, antimonium, risigallum, Electrum naturale, Chrysocolla, Sublimatum, etc., so nehme es deren Geschmack, Geruch, Art, Kraft und Wirkung an sich, also dass es den Menschen entweder heilsam oder schädlich werde. Und ebendaher hätten wir so unterschiedlich Salz, denn etliches sei gut und etliches schlecht; "zu Cervia und Comacchio ist es ziemlich schwarz, zu Memphis rötlich, in Sicilia schneeweiß, das centuripische ist purpurfarbig, und das kappadozische gelblich. Betreffend aber die warmen Wasser", sagte er, "so nehmen dieselben ihre Hitz von dem Feuer an sich, das in der Erde brennet, welches sowohl als unsere Seen hin und wieder seine Luftlöcher und Kamin hat, wie man am berühmten Berg Aetna in Sicilia, Hekla in Island, Gumapi in Banda und andern mehr abnehmen mag. Was aber den Zircknitzer See anlangt, so wird dessen Wasser Sommerszeit bei der Kärntner Antipodibus gesehen, und der Engstlerbrunn an andern Orten des Erdbodens zu gewissen Stunden und Zeiten des Jahrs und Tags anzutreffen sein, eben dasjenige zu tun, was er bei den Schweizern verrichtet. Gleiche Beschaffenheit hat es mit dem Ober-Näheimer Schändlebach, welche Quellen alle durch unsers Geschlechts Leutlein nach dem Willen und Ordnung Gottes, um sein Lob dadurch bei euch zu vermehren, solchergestalt geleitet und geführet werden: Was den Fluvium Sabbaticum in Syria betrifft, pflegen wir in unserer Wohnung, wenn wir den siebenten Tag feiern, uns in dessen Ursprung und Kanal, als den lustigsten Ort unsers ganzen Aequatoris, zu lagern und zu ruhen, deswegen denn ermeldter Fluß nicht laufen mag, solang wir daselbst dem Schöpfer zu Ehren feierlich verharren."

Nach solchem Gespräch fragte ich den Prinzen, ob auch möglich sein könnte, dass er mich wieder durch einen andern als den Mummelsee, auch an ein andern Ort der Erden auf die Welt bringen könnte? "Freilich", antwortet' er, "warum das nicht, wenn es nur Gottes Will ist; denn auf solche Weis haben unsere Voreltern vor alten Zeiten etliche Kananäer, die dem Schwert Josuae entronnen und sich aus Desperation in einen solchen See gesprengt, nach Americam geführt, maßen deren Nachkömmlinge noch auf den heutigen Tag den See zu weisen wissen, aus welchem ihre Ureltern anfänglich entsprungen." Als ich nun sah, dass er sich über meine Verwunderung verwunderte, gleichsam als ob seine Erzählung nicht verwundernswürdig wäre, sagte ich zu ihm: Ob sie sich denn nicht auch verwunderten, da sie etwas Seltenes und Ungewöhnliches von uns Menschen sehen? Hierauf antwortet' er: "Wir verwundern uns an euch nichts mehr, als dass ihr euch, da ihr doch zum ewigen seligen Leben und den unendlichen himmlischen Freuden erschaffen, durch die zeitlichen und irdischen Wollüste, die doch so wenig ohne Unlust und Schmerzen als die Rosen ohne Dornen sind, dergestalt betören lasst, dass ihr dadurch euer Gerechtigkeit am Himmel verlieret, euch der fröhlichen Anschauung des allerheiligsten Angesichts Gottes beraubt und zu den verstoßenen Engeln in die ewige Verdammnis stürzet! Ach, möchte unser Geschlecht an eurer Stell sein, wie würde sich jeder befleißen, in dem Augenblick eurer nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit die Prob besser zu halten als ihr, denn das Leben so ihr habt, ist nicht euer Leben, sondern euer Leben oder der Tod wird euch erst gegeben, wenn ihr die Zeitlichkeit verlasst; das aber was ihr das Leben nennet, ist gleichsam nur ein Moment und Augenblick, so euch verliehen ist, Gott darin zu erkennen und ihm euch zu nähern, damit er euch zu sich nehmen möge; dannenhero halten wir die Welt für einen Probierstein Gottes, auf welchem der Allmächtige die Menschen, gleichwie sonst ein reicher Mann das Gold und Silber probiert, und nachdem er ihren Valor am Strich befindet, oder nachdem sie sich durch Feuer läutern lassen, die guten und feinen Gold- und Silbersorten in seinen himmlischen Schatz leget, die bösen und falschen aber ins ewige Feuer wirft, welches euch denn euer Heiland und unser Schöpfer mit dem Exempel vom Weizen und Unkraut genugsam vorgesagt und offenbaret hat."

15. Kapitel

Was der König mit Simplicio und Simplicius mit dem König geredet

Dies war das End unsers Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs näherten, vor welchen ich ohne Zeremonien oder Verlust einziger Zeit hingebracht wurde: Da hatte ich nun wohl Ursach, mich über seine Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung noch einziges Gepräng, ja aufs wenigst keinen Kanzler oder geheime Rät, noch einzigen Dolmetschen, oder Trabanten und Leibguardi, ja sogar keinen Schalksnarrn, noch Koch, Kellner, Page, noch einzigen Favoriten oder Tellerlecker nicht sah; sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, ein jedweder in derjenigen Landsart aufziehend, in welches sich ihr unterhabender See von dem Centro Terrae aus erstreckte; dannenhero sah ich zugleich die Ebenbilder der Chinesen und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, Tatarn und Mexikaner, Samojeden und Molukkenser, ja auch von denen, so unter den Polis arctico und antarctico wohnen, das wohl ein seltsames Spektakul war; die zween, so über den wilden und schwarzen See die Inspektion trugen, waren allerdings bekleidet, wie der so mich convoyiert, weil ihre Seen zunächst am Mummelsee gelegen, zog also derjenige, so über den Pilatussee die Obsicht trug, mit einem breiten ehrbaren Bart und einem Paar Pluderhosen auf wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige so über den obgemeldte See Camarina die Aufsicht hatte, sah beides mit Kleidern und Gebärden einem Sizilianer so ähnlich, dass einer tausend Eid geschworen hätte, er wäre noch niemalen aus Sicilia kommen und könnte kein deutsches Wort; also sah ich auch, wie in einem Trachtenbuch, die Gestalten der Perser, Japonier, Moskowiter, Finnen, Lappen und aller andern Nationen in der ganzen Welt.

Ich bedurfte nicht viele Komplimente zu machen, denn der König fing selbst an fein gut Deutsch mit mir zu reden, indem sein erstes Wort war, dass er fragte: "Aus was Ursach hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz mutwilliger Weis so einen Haufen Stein zuzuschicken?" Ich antwortet kurz: "Weil bei uns einem jeden erlaubt ist, an einer verschlossenen Tür anzuklopfen." Darauf sagte er: "Wie, wenn du aber den Lohn deiner vorwitzigen Importunität empfingest?" Ich antwortet: "Ich kann mit keiner größeren Straf belegt werden, als dass ich sterbe, sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen, die unter so viel Millionen Menschen keiner das Glück nicht hat, würde mir mein Sterben ein geringes und mein Tod für gar keine Straf zu rechnen sein." "Ach elende Blindheit!" sagte hierauf der König, und hub damit die Augen auf, gleichwie einer der aus Verwunderung gen Himmel schauet, ferner sagend: "Ihr Menschen könnt nur einmal sterben, und ihr Christen solltet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr wäret denn vermittelst eures Glaubens und Liebe gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert, dass eure Seelen das Angesicht des Höchsten eigentlich anschauen würden, sobald der sterbende Leib die Augen zutäte: Aber ich habe für dieses Mal weit anders mit dir zu reden."

Darauf sagte er: "Es ist mir referiert worden, dass sich die irdischen Menschen und sonderlich ihr Christen des jüngsten Tags ehestens versehen, weilen nicht allein alle Weissagung, sonderlich was die Sibyllen hinterlassen, erfüllt, sondern auch alles, was auf Erden lebt, den Lastern so schrecklich ergeben sei: also dass der allmächtige Gott nicht länger verziehen werde, der Welt ihr Endschaft zu geben. Weilen denn nun unser Geschlecht mitsamt der Welt untergehen und im Feuer (wiewohl wir des Wassers gewohnt sind) verderben muss, also entsetzen wir uns nicht wenig wegen Zunahung solcher erschrecklichen Zeit; haben dich derowegen zu uns holen lassen, um zu vernehmen, was etwa deswegen für Sorg oder Hoffnung zu machen sein möchte? Wir zwar können aus dem Gestirn noch nichts dergleichen abnehmen, auch nichts an der Erdkugel vermerken, dass ein so nahe Veränderung obhanden sei; müssen uns derowegen von denen benachrichtigen lassen, welchen hiebevor ihr Heiland selbsten etliche Wahrzeichen seiner Zukunft hinterlassen; ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du wollest uns bekennen, ob derjenige Glaub noch auf Erden sei oder nit, welchen der zukünftige Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird?" Ich antwortet dem König, er hätte mich Sachen gefragt, die mir zu beantworten viel zu hoch seien, zumal Künftiges zu wissen und sonderlich die Ankunft des Herrn allein Gott bekannt. "Nun wohlan dann", antwortet' der König hinwiederum, "so sage mir denn, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf halten, damit ich daraus entweder der Welt und unsers Geschlechts Untergang oder gleich meinen Worten mir und den Meinigen ein langes Leben und glückselige Regierung konjekturieren könnte; hingegen will ich dich sehen lassen was noch wenige zu sehen bekommen, und hernach mit einer solchen Verehrung abfertigen, deren du dich dein Lebtag zu erfreuen haben wirst, wenn du mir nur die Wahrheit bekennest." Als ich nun hierauf still schwieg und mich bedachte, fuhr der König ferner fort und sagte: "Nun dran, dran, fang am Höchsten an und beschließe es am Niedersten, es muss doch sein, wenn du anders wieder auf den Erdboden willst."

Ich antwortet: "Wenn ich an dem Höchsten anfangen soll, so mach ich billig den Anfang an den Geistlichen, dieselben nun sind gemeiniglich alle, sie seien auch gleich was für Religion sie immer wollen, wie sie Eusebius in einem Sermon beschrieben; nämlich rechtschaffene Verächter der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf begierig zur Arbeit, geduldig in Verachtung, ungeduldig zur Ehr, arm an Hab und Geld, reich am Gewissen, demütig gegen ihre Verdienste und hochmütig gegen die Laster; und gleichwie sie sich allein befleißen Gott zu dienen, und auch andere Menschen mehr durch ihr Exempel als ihre Wort zum Reich Gottes zu bringen; also haben die weltlichen hohen Häupter und Vorsteher allein ihr Absehen auf die liebe Justitiam, welche sie denn ohne Ansehen der Person einem jedweden, Arm und Reich, durch die Bank hinaus schnurgerad erteilen und widerfahren lassen: Die Theologi sind gleichsam lauter Hieronymi und Bedae, die Kardinäl eitel Borromaei, die Bischöfe Augustini, die Äbte andere Hylariones und Pachomi und die übrigen Religiosen miteinander wie die Kongregation der Eremiten in der thebanischen Wildnis! Die Kaufleute handeln nicht aus Geiz oder um Gewinns willen, sondern damit sie ihren Nebenmenschen mit ihrer War, die sie zu solchem Ende aus fernen Landen herbringen, bedient sein können. Die Wirte treiben nicht deswegen ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich der Hungrige, Durstige und Reisende bei ihnen erquicken, und sie die Bewirtung als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen üben könnten: Also sucht der Medicus nicht seinen Nutz, sondern die Gesundheit seines Patienten, wohin denn auch die Apotheker zielen: Die Handwerker wissen von keinen Vorteilen, Lügen und Betrug, sondern befleißigen sich, ihre Kunden mit dauerhafter und rechtschaffener Arbeit am besten zu versehen: Den Schneidern tut nichts Gestohlenes im Aug wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit so arm, dass sich auch keine Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie etwa ein Knäuel Garn nachwerfen müssten: Man weiß von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft dem Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ohngebeten: Und wenn ein Armer nicht zu bezahlen hat, ohne merklichen Schaden und Abgang seiner Nahrung, so schenkt ihm der Reiche die Schuld von freien Stücken: Man spüret keine Hoffart, denn jeder weiß und bedenkt, dass er sterblich ist: Man merkt keinen Neid, denn es weiß und erkennt je einer den anderen für ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer geliebt wird: Keiner erzürnt sich über den anderen, weil sie wissen, dass Christus für alle gelitten und gestorben: Man hört von keiner Unkeuschheit oder unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgeht, das geschieht aus Begierde und Liebe zur Kinderzucht: Da findet man keine Trunkenbold oder Vollsäufer, sondern wenn einer den anderen mit einem Trunk ehre, so lassen sich beide nur mit einem christlichen Räuschlein begnügen: Da ist keine Trägheit im Gottesdienst, denn ein jeder erzeigt einen emsigen Fleiß und Eifer, wie er vor allen andern Gott rechtschaffen dienen möge, und eben deswegen sind jetzund so schwere Krieg auf Erden, weil je ein Teil vermeint, das andere diene Gott nicht recht: Es gibt keine Geizigen mehr, sondern Gesparsame; keine Verschwender sondern Freigebige; keine Kriegsgurgeln, so die Leut berauben und verderben, sondern Soldaten, die das Vaterland beschirmen; keine mutwilligen faulen Bettler, sondern Verächter der Reichtümer und Liebhaber der freiwilligen Armut; keine Korn- und Weinjuden, sondern vorsichtige Leut, die den überflüssigen Vorrat auf den besorgenden künftigen Notfall für das Volk zusammenheben."

17. Kapitel

Zurückreis aus dem Mittelteil der Erden, seltsame Grillen, Luftgebäu, Kalender und gemachte Zech ohne den Wirt

Indessen hatte sich die Zeit genähert, dass ich wieder heim sollte; derhalben befahl der König, ich sollte mich vernehmen lassen, womit ich vermeinte, dass er mir einen Gefallen tun könnte? Da sagte ich, es könnte mir keine größere Gnade widerfahren, als wenn er mir einen rechtschaffenen medizinalischen Sauerbrunnen auf meinen Hof zukommen lassen würde. "Ist’s nur das?" antwortet' der König; "Ich hätte vermeint, du würdest etliche große Smaragde aus dem Amerikanischen Meer mit dir genommen und gebeten haben, dir solche auf den Erdboden passieren zu lassen? Jetzt sehe ich, dass kein Geiz bei euch Christen ist." Mithin reichte er mir einen Stein von seltsamen variierenden Farben, und sagte: "Diesen stecke zu dir, und wo du ihn hin auf den Erdboden legen wirst, daselbst wird er anfangen das Centrum wieder zu suchen und die bequemsten Mineralia durchgehen, bis er wieder zu uns kommt und dir unsretwegen eine herrliche Sauerbrunnenquell zuschickt, die dir so wohl bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung der Wahrheit um uns verdient hast." Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee alsbald wieder in sein Geleit und passierte mit mir den Weg und See wieder zurück, durch welchen wir herkommen waren, etc.

Diese Heimfahrt dünkte mich viel weiter als die Hinfahrt, also dass ich auf dritthalbtausend wohlgemessener deutscher Schweizer Meilen rechnete; es war aber gewiss die Ursach, dass mir die Zeit so lang wurde, weil ich nichts mit meinem Convoi redete, als blößlich, dass ich von ihnen vernahm, sie würden bis auf drei-, vier- oder fünfhundert Jahr alt, und solche Zeit lebten sie ohne einzige Krankheit. Im Übrigen war ich im Sinn mit meinem Sauerbrunnen so reich, dass alle meine Witz und Gedanken genug zu tun hatten, zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen und wie ich mir ihn zunutz machen wollte. Da hatte ich allbereit meine Anschläg wegen der ansehnlichen Gebäu, die ich dazu setzen müsste, damit die Badgäste auch rechtschaffen akkommodiert seien und ich hingegen ein großes Losamentgeld aufheben möchte; ich ersann schon, durch was für Schmieralia ich die Medicos persuadieren wollte, dass sie meinen Wunder-Sauerbrunnen allen andern, ja gar dem Schwalbacher vorziehen und mir einen Haufen reiche Badgäst zuschaffen sollten; ich machte schon ganze Berg eben, damit sich die Ab- und Zufahrenden über keinen müheseligen Weg beschwerten; ich dingte schon verschmitzte Hausknecht, geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägd, wachsame Stallknecht, saubere Bad- und Brunnenverwalter, und sann auch bereits einen Platz aus, auf welchen ich mitten im wilden Gebirg, bei meinem Hof, einen schönen ebenen Lustgarten pflanzen und allerlei rare Gewächs darinnen ziehen wollte, damit sich die fremden Herren Badgäst und ihre Frauen darin erspazieren, die Kranken erfrischen und die Gesunden mit allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und errammlen können. Da mussten mir die Medici, doch um die Gebühr, einen herrlichen Traktat von meinem Brunnen und dessen köstlichen Qualitäten zu Papier bringen, welchen ich alsdann neben einem schönen Kupferstück, darin mein Bauernhof entworfen und in Grund gelegt, drucken lassen wollte, aus welchem ein jeder abwesende Kranke sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte; ich ließ alle meine Kinder von L. holen, sie allerhand lernen zu lassen, das sich zu meinem neuen Bad schickte, doch durfte mir keiner kein Bader werden, denn ich hatte mir vorgenommen, meinen Gästen, obzwar nicht den Rücken, doch aber ihren Beutel tapfer zu schröpfen.

Mit solchen reichen Gedanken und überglückseligem Sinnhandel erreichte ich wiederum die Luft, maßen mich der vielgedachte Prinz allerdings mit trockenen Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land setzte, doch musste ich das Kleinod, so er mir anfänglich geben, als er mich abgeholet, stracks von mir tun, denn ich hätte sonst in der Luft entweder ersaufen oder Atem zu holen den Kopf wieder ins Wasser stecken müssen, weil gedachter Stein solche Wirkung vermochte. Da nun solches geschehen, und er denselben wieder zu sich genommen, beschirmten wir einander als Leut, die einander nimmermehr wieder zu sehen würden bekommen, er duckte sich und fuhr wieder mit den Seinigen in seinen Abgrund, ich aber ging mit meinem Lapide, den mir der König geben hatte, so voller Freuden davon, als wenn ich das Gülden Fell aus der Insel Kolchis davongebracht hätte.

Aber ach! meine Freud, die sich selbst vergeblich auf eine immerwährende Beständigkeit gründete, währte gar nicht lang, denn ich war kaum von diesem Wundersee hinweg, als ich bereits anfing in dem ungeheuren Wald zu verirren, weil ich nicht Achtung geben hatte, von wannen her mein Knan mich zum See gebracht; ich ging ein gut Stück Wegs fort, ehe ich meiner Verirrung gewahr wurde, und machte noch immerfort Kalender, wie ich den köstlichen Sauerbrunnen auf meinen Hof setzen, wohl anlegen und mir dabei einen geruhigen Herrnhandel schaffen möchte. Dergestalt kam ich ohnvermerkt je länger je weiter von dem Ort, wohin ich am allermeisten begehrte, und was das Schlimmste war, wurde ich’s nicht eher inne, bis sich die Sonn neigte und ich mir nicht mehr zu helfen wusste; da stund ich mitten in einer Wildnis wie Matz von Dresden, beides ohne Speis und Gewehr, dessen ich gegen die bevorstehende Nacht wohl bedürftig gewesen wäre; doch tröstete mich mein Stein, den ich mit mir aus dem innersten Ingeweid der Erden heraus gebracht hatte: "Geduld, Geduld!" sagte ich zu mir selber, "dieser wird dich aller überstandenen Not wiederum ergötzen, gut Ding will Weil haben, und vortreffliche Sachen werden ohne große Mühe und Arbeit nicht erworben, sonst würde jeder Narr ohne Schnaufens und Bartwischens einen solchen edlen Sauerbrunnen, wie du einen bei dir in der Taschen hast, seines Gefallens zuwegen bringen."

Da ich mir nun solchergestalt zugesprochen, fasste ich zugleich mit der neuen Resolution auch neue Kräfte, maßen ich weit tapferer als zuvor auf die Sohlen trat, ob mich gleich die Nacht darüber ereilte; der Vollmond leuchtete mir zwar fein, aber die hohen Tannen ließen mir sein Licht nicht so wohl gedeihen, als denselben Tag das tiefe Meer getan hatte, doch kam ich so weit fort, bis ich um Mitternacht von weitem ein Feuer gewahr wurde, auf welches ich den geraden Weg zuging, und von ferne sah, dass sich etliche Waldbauern dabei befanden, die mit dem Harz zu tun hatten: Wiewohl nun solchen Gesellen nicht allzeit zu trauen, so zwang mich doch die Not und riet mir meine eigene Courage ihnen zuzusprechen; ich hinterschlich sie unversehens, und sagte: "Gute Nacht oder guten Tag, oder guten Morgen oder guten Abend ihr Herren! sagt mir zuvor, um welche Zeit es sei, damit ich euch danach zu grüßen wisse?" Da stunden und saßen sie alle sechse vor Schrecken zitternd und wussten nicht, was sie mir antworten sollten, denn weil ich einer von den Längsten bin und eben damals noch wegen meines jüngstverstorbenen Weibleins sel. ein schwarz Trauerkleid anhatte, zumalen einen schrecklichen Prügel in Händen trug, auf welchen ich mich wie ein wilder Mann steurete, kam ihnen meine Gestalt entsetzlich vor. "Wie?" sagte ich, "will mir denn keiner antworten?" Sie verblieben aber noch ein gute Weil erstaunt, bis sich endlich einer erholte, und sagte: "Wear ischt denn der Hair?" Da hörte ich, dass es ein schwäbische Nation sein müsste, die man zwar (aber vergeblich) für einfältig schätzet; sagte derowegen, ich sei ein fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme und ein ganzen Haufen wunderliche Künste gelernt hätte. "Oho!" antwortet" der älteste Baur, "jetzt glaub ich gottlob, dass ich den Frieden wieder erleben werde, weil die fahrenden Schüler wieder anfangen zu reisen."

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, 1668

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Vom Mummelsee zum Rummelsee

Was aus dem sagenumwobenen See heute geworden ist. Bilder ohne Worte:

Wasser ist mehr als H2O!

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