|
|
|
|
||||||||||||
![]() Nachwuchs auf der Baar. Das Aufhängen von Klapperstörchen zur Geburt eines neuen Erdenbürgers ist alter schwäbischer Brauch. Wie in nahezu allen deutschen Regionen kommen die Schwabenkinder aus Teichen und Brunnen. |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
Kindlesbrunnen und Kinderherkunft in Württemberg
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
Kinderbrunnen
Eine halbe Viertelstunde von Böhmenkirchen auf der Alb liegt ein tiefer Brunnen, den noch die 'Heiden' gegraben haben sollen. Man nennt ihn 'Höllbrunnen'. Auch sagt man den Kindern, wenn sie wissen wollen, woher die kleinen Brüderchen und Schwesterchen kommen, dass sie aus diesem Höllbrunnen geholt werden und sich tief unten in einem 'Siedel' oder in einer länglichen Kiste befinden. Mündlich aus Böhmenkirchen. Auch sonst hat fast jeder Ort einen bestimmten Brunnen, aus dem man die kleinen Kinder holt, z.B. in Ulm aus dem Butzenbrunnen; in Tübingen aus den Schlossbrunnen; in Derendingen aus dem Brunnen des Pfarrers. Diese Kinderbrunnen sind immer tief und das Wasser wird heraufgezogen (Ziehbrunnen, 'Gallbrunnen'). Nur in Heubach sagt man, dass die Hebamme die kleinen Kinder aus einer Höhle des Rosensteins hole; dort sei eine weiße Frau, die sie der Hebamme hinreiche. Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, Stuttgart 1852. |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
![]() In Rottweil kommen die kleinen Kinder aus dem Weiher. Einst dehnte sich in dem Hochtal bei Göllsdorf ein geheimnisvolles Sumpfgebiet aus. |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
Kinderbrunnen in Schwaben In Massenbachhausen bringt's der Storch oder holt man's aus dem Schafsbrunnen. Anton Birlinger, Volkstümliches aus Schwaben, Freiburg 1861. |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
![]() Kind und Quelle - Symbole der Reinheit und des unschuldigen Neubeginns: auch in der Kunst eine mythische Einheit. |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
Woher die Kinder kommen
Über die Geburt wird den Kindern ein Märchen erzählt. Man sagt ihnen, die Kleinen kommen aus dem Wasser. Vor allem die Brunnen, im Ort oder im Feld, werden als Aufenthaltsort der präexistenten Kinder angesehen. Man nennt sie Kindle(in)sbrunnen. Sie sind meist lokalisiert, manchmal auch bloß fingiert, so dass kein bestimmter Brunnen als Kindlesbrunnen bezeichnet werden kann. Man erzählt den Kindern z.B., die Hebamme fische die Kleinen aus ihrem Brunnen, der sich an einer geheimen Stelle ihrer Wohnung befindet (Oberamt (OA.) Tuttlingen, Rottenburg) und den sie den Kindern nicht verrät (OA. Blaubeuren) oder hole sie aus ihrem Keller (Mötzingen-Herrenberg). Wo bestimmte Brunnen als Kinderbrunnen gelten, werden Brunnen in der Nähe der Wohnung der Hebamme, namentlich aber das frische klare Quellwasser der Brunnenstuben als Aufenthaltsort der Kinder angesehen, besonders gern auch alte Kloster- (z.B. Talheim OA. Rottenburg, Adelberg OA. Schorndorf, Weil der Stadt, Backnang, Gnadental OA. Öhringen), Kirchen- und Pfarrbrunnen, Schlossbrunnen und -seen, die Marktbrunnen in Marktorten (Schechingen OA. Aalen, Sindelfingen, Haiterbach OA. Nagold), die alten Gall- (OA. Nagold, Neuenbürg) oder Galgenbrunnen (OA. Herrenberg), d.h. Schöpfbrunnen. Bevorzugt als Kinderbrunnen sind auch solche, welche besonders gutes oder heilkräftiges Wasser spenden (OA. Brackenheim, Cannstatt, Crailsheim). Sie haben manchmal auf ihre Bestimmung hinweisende Namen; in den Oberämtern Blaubeuren, Geislingen und Ulm trifft man die Butzenbrunnen (Butz = Dämon oder kleiner Mensch), in Ebersberg (Backnang) einen Aunzenbrunnen (aunzen = wimmern). In Grötzingen (Nürtingen) gibt es einen Engelesbrunnen, der aber seinen Namen nicht etwa von den Engeln hat, die als Kinderbringer nicht volkstümlich sind, sondern von einem Personennamen, wahrscheinlich Angelika, mundartlich Engel (schon 1483 erscheint 'des engelis brunn'). Fast jedes Dorf hat seinen eigenen Kindlesbrunnen, nur in kleine Dörfer, welche von der Hebamme des Nachbarortes versehen werden, werden die Kinder aus der Heimat der Hebamme gebracht (z.B. OA. Ulm, Freudenstadt, Crailsheim). Manche Orte haben zwei bis drei 'Kindlesbrunnen'; neben dem eigentlichen Brunnen wird etwa noch ein See, ein Bach oder ein Gumpen als Aufenthaltsort der ungeborenen Kinder angesehen. Buben und Mädchen haben hie und da ihre besonderen Brunnen, in Zweiflingen (Öhringen) z.B. kommen jene aus dem Buwe(n)brunnen, diese aus dem Veitlesbrünnlein, in Dornstetten unterscheidet man Buben- und Mädlesbrunnen. Große Berühmtheit hat der uralte Siebenröhrenbrunnen in Heilbronn, der die ganze Umgebung, nämlich nicht weniger als fünf Oberämter (Heilbronn, Marbach, Neckarsulm, Öhringen, Weinsberg) mit Kindern versorgt; der Butzenbrunnen in Ulm liefert wenigstens in einzelne Orte dreier Oberämter (Ulm, Heidenheim, Laupheim). Schön ist auch der Glaube, dass Kinder von Bächen angeschwemmt werden, z.B. der Iller (OA. Leutkirch, der Lein (OA. Aalen), dem Kocher (OA. Gaildorf), manchen kleineren Schwarzwaldbächen, so dem Heimbach und Bruckenbach im Oberamt Freudenstadt) oder dass sie aus der Quelle eines Bachs wie des Seltenbachs im Oberamt Rottenburg hervorkommen. Auch das Altwasser der Donau (Laupheim) und des Neckars (Esslingen) bringt Kinder. Viel genannt als Aufenthaltsorte der Kleinen sind die Seen, die Weiher, worunter die Mühlenweiher (OA. Freudenstadt, Laupheim), die Gumpen, ferner die Hülben, Hülen auf der Alb, oder die Wetten (OA. Freudenstadt). Im Oberamt Marbach und Rottweil kommen die Kinder teilweise aus der Teuchelgrube, in Upflamör (Riedlingen) aus der Röße (mundartlich 'Raise', Wasserstelle zum Hanf einweichen), in Flözlingen (Rottweil) aus dem Krottenbach, in Beuren (Nagold) aus dem Fröschlöchle. Auch Steine und Höhlen bergen Kinder, wobei übrigens Vorhandensein von Wasser vorausgesetzt zu sein scheint: In Agenbach (Calw) zieht die Hebamme die Kinder unter einem großen Stein am Heldenbrunnen hervor, in Neuhausen (Tuttlingen) holt dieselbe sie im Steinbruch, in Heubach (Gmünd) in einer Höhle am Rosenstein, in der sich ein Brunnen befinden soll, in Schlattstall (Kirchheim) aus einer Felsenspalte, dem 'Goldloch'. Bäume als Wohnungen der Ungeborenen werden nicht genannt. Zur Herkunft aus dem Wasser rechnet wohl auch die aus dem 'Gries' (Kies am Flussufer, mit Weidengebüsch) an der Iller in zwei Orten des Oberamtes Leutkirch. Die Herbeiholung der Kinder wird meist der Hebamme zugeteilt, welche in den Oberämtern Spaichingen und Tuttlingen den Namen Kindleweib, sonst einfach Weib (OA. Aalen, Geislingen, Freudenstadt) oder Kindlesbas (OA. Künzelsau, Ludwigsburg) oder bloß Bas (OA. Esslingen, Nürtingen), im Oberamt Mergentheim auch Amme(n)fra(u) führt. Sie hat wohl den Schlüssel zur Brunnenstube (OA. Mergentheim) und zieht die Kinder aus dem Wasser (mit einem Haken?), fischt sie heraus oder schöpft sie mit der Schape (letzteres in den OÄ. Crailsheim, Künzelsau, Tuttlingen und sonst wohl), meist bei Nacht, wenn alles schläft (OA. Heidenheim, Herrenberg). In Holzmaden (Kirchheim) sagte man früher, die Hebamme pfeife den Neugeborenen mit einem Pfeiflein. Sie trägt die Kinder in der Schürze (OA. Blaubeuren, Crailsheim), in einem Korb (OA. Leutkirch, Ravensburg), in ihrem großen Kopftuch (Blögental-Crailsheim). Im Korb oder im Butten holte man sie früher aus den Siebenröhrenbrunnen zu Heilbronn nach Sontheim (Heilbronn). Manchmal bringt sie der Müllerknecht (OA. Blaubeuren). In Dietenheim (Laupheim) holte sie früher der Bote aus einem Brunnen in Ulm. Vom Vater gekauft wird das Kind teilweise in den Oberämtern Blaubeuren, Ehingen, Weinsberg. Die Wippinger (Blaubeuren) holen ihre Kinder auf der Messe, die Winzerhauser (Marbach) auf dem Markt oder in Heilbronn. Wenn Kinder gerne ein Geschwisterchen hätten, sagen sie es der Hebamme (OA. Crailsheim und wohl sonst) oder wollen ihr ein Trinkgeld geben (OA. Crailsheim). Ist ihnen aber keines mehr erwünscht, weil schon mehrere Kinder vorhanden sind und sie nicht Kindsmagd sein wollen, so schließen sie das Haus vor ihr zu (OA. Crailsheim) oder hüten es ängstlich, damit die Hebamme es nicht betrete (OA. Neresheim, Neuenbürg). Über den Präexistenzzustand der Kinder sind nur wenige Angaben vorhanden: in Nellingen (Blaubeuren) weint hin und wieder ein nacktes Kind im Brunnen, bis sich die Hebamme seiner erbarmt. Das Quaken der Frösche wird in Reutin (Oberndorf) als Geschrei der ungeborenen Kinder gedeutet. In Wittendorf (Freudenstadt) schwimmen sie in Fässchen im Brunnbächlein, im Oberamt Maulbronn und Mergentheim ohne schützende Hülle im Brunnen; die Buben als die kräftigeren schwimmen besser und kommen deshalb meist zuerst heran (Mergentheim). Entsteht ein Geräusch im Brunnen, so glauben die Kinder das 'Pflatschen' (Plätschern) der Ungeborenen zu hören (OA. Welzheim). An einem gewissen Tag (welchem?) soll man sie schwimmen sehen (OA. Maulbronn). Glaubt ein Kind nicht, dass die Kleinen aus dem Kindlesbrunnen kommen, so muss es in ihn hinunterschauen, wodurch es dann, da es ja einen Kinderkopf erblickt, von seinen Zweifeln befreit wird (OA. Rottenburg). Anderswo kann man sie aber nicht sehen (OA. Crailsheim). Der Glaube, dass der Storch die kleinen Kinder bringe, dringt auch in Württemberg durch die gebildeten Kreise mehr und mehr ins niedere Volk ein. Karl Bohnenberger, Volkstümliche Überlieferungen in Württemberg, Stuttgart 1904. |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
![]() Nicht allein in Deutschland, auch in Großbritannien hat der Storch als Kinderbringer eine lange Tradition. Postkarte um 1900. |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
Wasser ist mehr als H2O! Bitte helfen Sie uns dabei, die Liste der aufgeführten und besprochenen Brunnen, Quellen und sagenhaften Gewässer zu vervollständigen. Mit Ihren Bild- und Textbeiträgen können Sie mit dazu beitragen, dass die einstige hohe Bedeutung des Wassers in Volkskunde und Religionen nicht in Vergessenheit gerät. Bitte beachten Sie hierbei, dass wir aus urheberrechtlichen Gründen ausschließlich Fotos verwenden können, die Sie selbst gemacht haben. Über Ihre Anregungen und Mitarbeit freuen sich Klaus Kramer und Team. |
||||||||||||||