Vom Glaswald- oder Nonnensee im Schwarzwald

Sagenhaftes

Über den Glaswaldsee

Der heutige Glaswaldsee, auch Rippoldsauer Wildsee und in alten Texten auch Nonnensee oder Sebenweiher genannt, liegt 840 m hoch am Hang des nördlichen Schwarzwalds zwischen Bad Griesbach und Bad Rippoldsau-Schapbach. Er gehört zu den sieben Karseen des Schwarzwalds. Die Seemulde wurde während der Würm-Eiszeit von einem Gletscher aus dem Buntsandstein herausgehobelt. An drei Seiten ist der See von rund 120 m hohen bewaldeten Steilhängen umrahmt.

Die Bergseen des Schwarzwaldes, die wie dunkel schimmernde Augen in tiefen Kesseln ruhen, galten den Menschen von jeher als unheimlich. Es war für sie unerklärlich, dass die Seen, hoch oben am Berghang gelegen, wohl einen Abfluss, aber keinen erkennbaren Zufluss besaßen. Man schloss daraus, dass der Glaswaldsee, der über den Seebach in die Wolf entwässert, wie auch die übrigen Kare, eine direkte Verbindung zu dem großen unterirdischen Ozean haben müssten, den man tief unten im Erdreich vermutete und dass sie von diesem ihren gleichbleibenden Wasserstand bezögen. Das Volk hielt den See daher für unergründlich tief und unter seiner Wasseroberfläche vermuteten die Menschen die andere, fremde Welt der Wassergeister. Ihre mystisch dunkle Stimmung teilen die Schwarzwaldkare mit dem sagenumwobenen Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner - ebenfalls einem Kar - oder den verwunschenen Teufelsseen Norddeutschlands, die ebenso ohne erkennbaren Zufluss sind.

1650 erhielt der evangelische Geistliche Johan Jakob Menzinger aus Basel von Graf Friedrich Rudolf von Fürstenberg den Auftrag, Teile des oberen Kinzigtals und Wolftals zu kartografieren und zu vermessen, darunter auch den Glaswaldsee. Die Ausführung war für Menzinger und seine Gehilfen nicht einfach. Um 1650 war das ganze Kniebisgebiet mit seinen undurchdringlichen Wäldern um vieles wilder und einsamer als heute. Die Umgebung des Glaswaldsees war unwegsamer Urwald und die ganze Gegend durch Wölfe gefährdet. Nach einem Bericht aus dem Jahre 1656 soll zu dieser Zeit eine große Wolfsplage geherrscht haben, der viele Schafe und Ziegen zum Opfer fielen. Im Winter umschlichen die hungrigen Tiere Hütten und Höfe und selbst Menschen sollen angegriffen worden sein. Noch 1814 soll auf der einsamen Seewaldebene ein Mann von hungrigen Wölfen zerrissen worden sein.

Menzinger war tief beeindruckt von dem stillen See, so dass er ihn nicht allein vermaß, sondern auch Mutmaßungen über seine Entstehung anstellte. Er kam zu dem Schluss, dass der See sein Wasser von der 960 m hohen Seewaldebene, der Kleemüsse, beziehe. Regen- und Schmelzwasser würden von hier langsam durch das Geröll hinunter in den See sickern. Und da das stehende moorige Gewässer keine Reinigungsmöglichkeit habe, sei es von einer unheimlich schwarzen Farbe. Fische hätten darin keine Möglichkeit zu überleben. Die Vermessung des Sees ergab 230 'gemeine Schritt' (1 Schritt = 70-80 cm) in der Breite und 300 Schritt in der Seelänge. Von der Tiefe des Sees hatte Menzinger noch keine Vorstellung. Sie sollte erst 243 Jahre später durch Prof. Dr. Halbfaß mit 11 m ermittelt werden.

Die ersten Menschen, die sich im Verlauf des Mittelalters inmitten der unerschlossenen Urwälder des Schwarzwaldes niederließen, waren vor allem Glasbläser mit ihren Wanderglashütten. Für die Arbeit benötigten sie große Mengen Holz. Für die Bauern und Viehzüchter waren es fremdartige Gesellen, die dort im Wald aus Kieseln, Feuer und Asche kostbares Glas für die Stadtbevölkerung herstellten und es rankten sich allerlei Sagen und Mythen um das geheimnisvolle Handwerk.

Der Holzbedarf einer Glashütte war immens. Für 1 kg Waldglas benötigte man 1 Raummeter Holz. Eine einzige Glashütte verbrauchte pro Jahr rund 2.000 bis 3.000 Festmeter, dies entsprach 20 bis 30 ha Wald. Waren die Bäume in der nächsten Umgebung abgeholzt, verlegte man die Wanderglashütte an einen anderen Platz, bis auch hier wieder alles Holz geschlagen war. Auf diese Weise zogen die Glasbläser mit ihren Hütten in immer entferntere, unbesiedelte Gebiete, bis hinauf in die Hochtäler. Mit der Glashütte zog auch immer das ganze Gefolge, das in der Glasherstellung beschäftigt war.

Eine einzige Wanderhütte bereitete auf diese Weise ganze Landstriche für die Besiedlung nachrückender Ackerbauern und Viehzüchter vor. Als Folge der Waldglasproduktion entstanden in den Höhenlagen des Schwarzwalds Hof um Hof, Siedlung um Siedlung. Im 19. Jahrhundert starb die Schwarzwälder Glasherstellung schließlich aus - wegen Brennholzmangel.

Wie viele andere Orte im Schwarzwald, so hat auch der Glaswaldsee von einer Glashütte seinen Namen erhalten, die im 17. Jahrhundert samt einem kleinen Weiler im Seebachtal lag. Hier wurden unter anderem die Glasflaschen den Rippoldsauer Sauerbrunnen hergestellt.

Auch die Flößer lebten vom Wald. Sie hatten den Glaswaldsee durch einen Damm zum Schwellweiher aufgestaut. Das angestaute Wasser diente ihnen dazu, die gefällten Baumstämme zu Tal zu schwemmen.

Im Jahr 1743 ereignete sich im Seebachtal eine Katastrophe. Durch die rasche Schneeschmelze hatte sich so viel Druck hinter der Staumauer des Glaswaldsees aufgebaut, dass der Damm brach. Der aufgestaute See lief schlagartig aus und die mächtige Flutwelle, die nun durchs Seebachtal rollte, riss mehrere Höfe und deren Bewohner mit.

Der Schwarzwalddichter Hansjakob, der den Glaswaldsee 1897 besuchte, empfand den See "unbeweglich wie ein Stück Ewigkeit". Er schrieb: "Es ist wohl der kleinste, aber nach meinem Geschmack der feinste Bergsee des Schwarzwaldes und zwar deshalb, weil er der düsterste ist und voll von einer Melancholie, die es einem förmlich antut, in seinem Wasser zu sterben." kk

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Die Nonnen vom Glaswaldsee

Wo der Wildsee oder Glaswaldsee liegt, da stand ehemals ein Nonnenkloster; das ist aber versunken und das Wasser hat es bedeckt. Man heißt den See drum manchmal auch den Nonnensee. Noch sind der Fahrweg und das Geleis in den Felsen zu sehen, der Weg führt grad auf den See und hat keine Umkehr, denn er ging von alters her in das Kloster, wo man umwenden konnte. Die Nonnen saßen oft am See, als ihr Kloster untergegangen war und sangen ihr Lied; kam aber jemand in die Nähe, so sprangen sie alle ins Wasser. Es waren allzeit zwölf. Sie tanzten sehr gern und kamen oft zu den Leuten in die Täler, aber immer nur eine allein und niemals hat man gesehen, dass eine Speis oder Trank angenommen hat. Sie nahmen zwar von ihrem Tänzer das Glas und taten als wenn sie trinken wollten, sie brachten es aber nur zum Mund und tranken nicht. Daher sagt man auch, wenn man es einer Jungfer zubringt und sie den Wein nur mit den Lippen versucht: sie trinkt wie einen Nonne, die an dem See ihr Liedlein singt. Diese Nonnen trugen weiße Kleider, waren heiter und froh, aber sie gaben keine Antwort, wenn man sie nach ihrem See fragte. Einen Tänzer, der ihnen diese Frage tat, den verließen sie und kamen nicht mehr an einen solchen Ort. Man hatte sie aber sehr gern bei Hochzeiten, sie brachten der Braut Heil und Segen, daher gingen die Hochzeiterinnen an den See und luden sie ein mit lauten Rufen: "Ich habe Hochzeit, kommt zum Tanz!" Das geschah immer drei Tage vorher; wollte eine Nonne kommen, so merkte man es am Plätschern des Wassers. Wenn aber eine Nonne kam, musste das Brautpaar versprechen ihr unbedingt zu sagen, wann es nachts Zwölfe schlug. Sie segnete dann das Brautpaar ein und ließ sich von ihm bis an die Haustür begleiten. Man küsste ihr die Hand und dann verschwand sie. Diese Nonnen tanzten auf eine eigene, sittsame Art, nicht so wild und roh, wie es jetzt die Leute tun, sondern sie schwebten nur mit leichten Schritten dahin.

Einmal geschah es, dass ein Brautpaar die Stunde vergaß und als die Nonne fragte, so war es ein Uhr. Da sank sie mit einem Schrei zusammen und bat den Bräutigam, mit ihr zu gehen. Als sie an den See kamen, blieb er stehen, denn sie hatte ihm ihr Schicksal vorausgesagt und ihn gebeten, dass er es ansehen solle. "Wenn ich jetzt in den See hinabsinke", sagte sie, "und er wird weiß wie Milch, so ist es ein gutes Zeichen; wird er aber blutrot, so ist es um mich geschehen."

Sie sprang in den See, aber sogleich schoss ihr Blut herauf. Der Bräutigam ging traurig nach Forbach heim und seitdem singen die Nonnen nicht mehr am See, wo sie sonst im Frühjahr sich an der Sonne wärmten.

Mittags um zwölf hört man manchmal in der Tiefe des Sees die Glocken läuten. Auch Gesang und Musik will man dorther schon vernommen haben. Ein alter Bauer, namens Volz, aus dem Schönmünzachtal bewahrte in den Fünfzigerjahren noch einen großen Schlüssel, der zu der versunkenen Kirche gehören soll. So sagt man in Schönmünzach.

Johannes Künzig, Schwarzwaldsagen

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Seemännlein

In dem Seebenweiher oder Glaswaldsee, der unergründlich ist, hielten vordem sich Seemännlein auf, welche so groß wie Kinder und oben wie Menschen, unten wie Fische gestaltet waren, auch sich unsichtbar machen konnten. Eines derselben war mit den Leuten des Seebenhofs, der drei Viertelstunden weiter unten am Berge liegt, so befreundet, dass es jeden Morgen sie weckte und bis zum Abend bei ihnen blieb, wo es in den See zurückkehrte. Den ganzen Tag schaffte es für sie, besonders lag es der Wartung ihres Viehes ob, das dabei schöner als je gedieh. Übrigens mussten sie, wenn sie dem Männlein eine Arbeit auftrugen, jedes Mal sagen: »Nicht zu wenig und nicht zu viel!«, sonst tat es entweder viel zu wenig oder viel zu viel. Täglich bekam es auf dem Hofgute sein Frühstück, Mittag- und Nachtessen, das ihm unter die Treppe gestellt werden musste, wo es, allein sitzend, dasselbe verzehrte. Obschon sein Anzug, wie sein Schlapphut, stark abgetragen und seine Jacke obendrein verrissen war, hielt es doch stets den Seebenbauer ab, ihm andere Kleidungsstücke anzuschaffen. Endlich aber ließ derselbe im Winter heimlich ein neues Röcklein machen und gab es abends dem Männlein. Da sagte dieses: "Wenn man ausbezahlt wird, muss man gehen; ich komme von morgen an nicht mehr zu euch." So sehr der Bauer auch versicherte, dass der Rock kein Lohn, sondern nur ein Geschenk sei, konnte er doch das Männlein von seinem Vorsatze nicht abbringen.

Hierüber böse, gab die Magd dem Männlein kein Nachtessen und es ging mit leerem Magen von dannen. Am andern Morgen fand man vor dem Hause die Magd tot und auf den Kopf gestellt, welcher ganz in dem Boden eingegraben war. Das Seemännlein hat niemals mehr auf dem Seebenhofe sich blicken lassen.

Bernhard Baader, Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden.

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Seemännlein ausgelohnt

In dem unergründlichen Seebenweiher oder Glaswaldsee hielten sich vordem Seemännlein auf; sie waren so groß wie Kinder und oben wie Menschen, unten wie Fische gestaltet; auch konnten sie sich unsichtbar machen. Eines der Männle war mit den Leuten des Seebenhofes, der dreiviertel Stunden weiter unten am Berge liegt, so befreundet, dass es sie jeden Morgen weckte und bis zum Abend bei ihnen blieb; dann kehrte es in den See zurück. Den ganzen Tag schaffte es für sie, besonders besorgte es ihr Vieh, und das gedieh dabei schöner als je. Wenn man dem Männlein eine Arbeit auftrug, musste man übrigens jedes Mal sagen: "Nicht zu wenig und nicht zu viel!", sonst tat es entweder viel zu wenig oder viel zu viel. Täglich bekam es auf dem Hofgut sein Frühstück, Mittag- und Nachtessen. Man musste es ihm unter die Treppe stellen und durfte es beim Essen nicht stören. Obschon sein Anzug, wie sein Schlapphut stark abgetragen und seine Jacke obendrein zerrissen war, hielt es doch stets den Seebenbauer ab, ihm andere Kleidungsstücke anzuschaffen. Endlich aber ließ der im Winter ein neues Röcklein machen und gab es abends dem Männlein. Das aber klagte: "Wenn man ausbezahlt wird, muss man gehen; ich komme von morgen an nicht mehr zu euch." So sehr der Bauer auch versicherte, dass der Rock kein Lohn, sondern nur ein Geschenk sei, konnte er doch das Männlein von seinem Vorsatz nicht abbringen.

Hierüber böse, gab die Magd dem Männlein kein Nachtessen, und es ging mit leerem Magen von dannen. Am andern Morgen fand man vor dem Hause die Magd tot auf den Kopf gestellt, der ganz in dem Boden eingegraben war. Das Seemännle hat niemals mehr sich auf dem Seebenhof blicken lassen.

Johannes Künzig, Schwarzwaldsagen.

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Die Nixe des Wildsees

Rudi hieß der blonde Hirtenknabe mit den feinen, nachdenklichen Zügen und den blauen, träumerischen Augen, der am Rande des Wildsees seines Vaters Herde hütete.

Wohl jeder, der die Gaue des badischen Landes kennt, weiß, dass dieser See die südliche Seite des Kniebis belebt. Wie die helle Stahlplatte auf der ernsten Rüstung des Ritters, so schimmert er inmitten der mit Heidekraut und Moos bedeckten Hochebene und trägt seine Wellen der klaren, lebensfrohen Murg entgegen, welche dankbar für den geleisteten Dienst mit umso frischerem Mute das reizende, wechselvolle Bild ihrer Ufer in ihrem Lauf widerspiegelt. Der Wildsee darf nicht, wie es oft geschieht, mit dem Mummelsee verwechselt werden. Weniger hoch gelegen und von geringerem Umfange als dieser, bietet er durch den Charakter der ihn umgebenden Landschaft ein durchaus verschiedenes Naturgemälde. Seine Gestade rufen nicht den Eindruck des Schauerlichen hervor, sondern den einer schwermütigen Ruhe; und wenn man ihm den Namen des wilden Sees beilegte, so wollte man damit wohl seine einsame, gleichsam verlassene Lage bezeichnen.

Rudi war in diesen Gegenden aufgewachsen und sein ganzes Wesen hatte von ihnen ein eigentümliches Gepräge empfangen. Während die anderen Hirtenkinder gleichgültig und mechanisch vollbrachten, was ihre Eltern sie hießen und nach getaner Arbeit sich zum Spiel, das oft in Rauferei ausartete, zusammenscharten, hielt er sich stille und abgeschlossen und bedurfte nie der Mahnung, um seiner Pflicht zu genügen. Er führte seine Herde am liebsten an das Ufer des Sees und seine Feierstunden brachte er immer daselbst zu. Er war vertraut mit den Sternen des Himmels, die er im Auf- und Niedergang beobachtet; er lauschte dem Gezwitscher der Vögel bis er meinte, ihre Sprache zu verstehen; und er wusste genau, wann die blassroten Blüten der Heide sich erschließen und wann sie sterben mussten. Des Knaben sonderbare Art gab zu allerlei oft abergläubischen Vermutungen unter dem Landvolk Anlass. Einige behaupteten, er sei ein Kind vornehmer Abkunft, welches ehrgeizigen Gelüsten im Wege gestanden und welches man dem armen Hirtenpaare, das er Vater und Mutter nannte, zur verborgenen Erziehung übergeben, andere, dass das rechte Kind desselben gleich nach der Geburt von einer Fee gegen ein Geschöpf übernatürlicher Art vertauscht worden sei. Gewiss war indes nur, dass, wenn hier eine Fee tätig gewesen, sie ihm die Gabe seltener Schönheit und poetischen Gefühls verliehen; auch sah der gute Mönch, der zuweilen in den Hütten der Gegend vorsprach, in dem Knaben nur ein Wesen feinerer Organisation, das er lieb gewonnen und dessen Geist er zu bilden sich bemühte. Als Rudi heranwuchs, pflegte er liebliche Weisen zu erfinden und sie mit seiner weichen, schwermütigen Stimme in der Einsamkeit des Uferrands zu singen, während die Wellen die Begleitung dazu plätscherten und der Windhauch leiser durch die vereinzelten Tannen strich, die Harmonie des Liedes nicht zu stören.

Die schöne Nixe, die im Wildsee ihre Wohnung hatte, vernahm den Gesang und es gelüstete sie, den Sänger zu sehen. Sie rauschte deshalb zur Wasseroberfläche empor, tauchte jedoch nicht völlig auf, da sie erst unbemerkt beurteilen wollte, ob es der Mühe wert sei, ihre Schönheit sterblichen Augen zu enthüllen. Sobald sie Rudi erblickte, war es bei ihr beschlossen, dass sie sich ihn zueigen machen wolle. Sie sah auch sogleich, dass sie es hier mit keiner alltäglichen Eroberung zu tun hatte und dass sie außerordentliche Künste zur Anwendung bringen müsse. Sie war kalten Herzens und eitlen Sinns; manches Opfer hatte sie schon umgarnt und dadurch die Umgebung des Sees menschenöde gemacht, da selten jemand sich ohne Not in ihre gefährliche Nähe wagte. Die, welche sie mit ihren Liebesnetzen umstrickt, wurden entweder nie mehr gesehen, oder erst nach Jahren fanden sie sich wieder bei ihren Angehörigen ein, aber gebrochenen Herzens und umdüsterten Sinnes, des Grabes schnelle Beute. Als Rudi, die Gefahr nicht kennend oder sie gering schätzend, sich der Nixe durch seinen Gesang bemerkbar machte, war der letzteren schon mancher Monat in träger Langeweile dahingeschlichen; umso eifriger erfasste sie jetzt die Gelegenheit, sich neuen Zeitvertreib zu verschaffen.

Rudis inneres Leben, bisher so ungestört in seinem Frieden, erlitt jetzt eine gänzliche Umwandlung. Allnächtlich führte ihm der Traum ein reizendes Frauenbild vor, das, in lichte, rosige Schleier gehüllt, mit einer Perlenkrone auf dem Haupte und von einem schneeweißen Reh gefolgt, mit freundlichem Gruß an ihm vorüberschwebte. Tagsüber fühlte er sich ruhelos umhergetrieben und wünschte die Nacht herbei, das holde Wesen wieder zu sehen, nach welchem sein Herz sich mit immer brennenderem Schmerz sehnte. Wenn er mit trübem Blick in den See hinabsah und sein Lied immer klagender und verlangender ertönte, glaubte er, den Silberlaut einer weiblichen Stimme zu vernehmen, die aus den Wellen ihm zuflüsterte: "Komm! Komm! Ich liebe dich!" - War es ein Spiel seiner Phantasie oder hatte die unsichtbare Geliebte Mitleid mit seiner Trauer?

Die Vögel in den Zweigen zwitscherten von Liebe; die Gräser der Heide neigten sich traulich einander zu; das Schmetterlingspaar koste in den Lüften; Wolke und Sonnenstrahl begegneten sich in verschmelzendem Kusse, - immer vereinsamter und unglücklicher fühlte sich Rudi. Vergebens zeigten sich die Hirtenmädchen in ihrem schmucksten Sonntagsputz mit ihren heitersten Mienen, - der Knabe hatte kein Auge für sie. Vergebens baten Vater und Mutter, dass er ihnen den Kummer, der ihn sichtlich verzehrte, anvertrauen möge, - der Knabe blieb stumm.

Da dachte die Nixe, dass es Zeit sei, den Armen zu trösten; und als er einst später wie gewöhnlich am See verweilte, fuhr es wie unterirdischer Lichtschein über die Gegend und sanft rieselnd trugen die Wellen ihre holde Bewohnerin ans Ufer und an des jungen Hirten Seite; und dieselbe Stimme, die ihm vom Wasser "Ich liebe dich!" verlockend zugerufen, flüsterte schmeichelnd und berauschend in sein Ohr. Fast besinnungslos vor Entzücken warf sich Rudi vor der verkörperten Erscheinung seines Traumbildes nieder und blickte anbetend zu ihr auf; sie aber zog ihn zu sich heran und sprach:

"Wie lange musste ich dieses Augenblicks harren, – wie lange einsam trauern in der kühlen Tiefe meines Reichs! Du bliebst achtlos auf die Mahnung, die ich dir sandte und hörtest nicht auf meine Stimme und doch dachte ich nur immer dein, du erste Liebe meines Herzens!"


Die Nixe vom Wildsee (hier Glaswaldsee).

"Du tust mir unrecht", entgegnete traurig Rudi, "mit meiner ganzen Seele war ich stets bei dir, aber nirgends noch konnte ich dich erblicken."

"Ja", erwiderte die Nixe lächelnd, "so seid ihr Bewohner der Oberwelt; ihr schmachtet wohl nach überirdischer Seligkeit, allein ihr wollt sie leicht und mühelos erhaschen. Du hättest erraten sollen, wo ich zu finden war."

Dabei deutete sie mit ihrer weißen Hand abwärts in den See. Rudi überlief es kalt. Ihm ahnte, an welches Wesen er sich unrettbar verloren und dass seiner Seele Verderben drohe. Er gedachte seiner Eltern und der Lehren des Mönchs; sein guter Engel mahnte ihn zu fliehen, weil es noch Zeit sei. Die Nixe aber sah den Kampf seines Innern und während sie ihn in ihrem glühenden Blick einhüllte und seiner Leidenschaft neue Nahrung gab, sprach sie schmeichelnd:

"Glaube nicht, dass ich von dir verlange, du sollst mit mir gehen. Ich liebe dich genug, um deinem Willen zu gehorchen. Von nun an wirst du mich allabendlich beim Glühen des Sonnenuntergangs auf dieser Stelle finden."

"Und wie soll ich dich nennen, meine bezaubernde Geliebte?" fragte Rudi, augenblicklich alles vergessend, nur nicht das Glück, das ihm die Fee verhieß.

"Zu Hause heiße ich Seeröslein," girrte sie, aber hüte dich, meinen Namen hier oben auszusprechen. Wenn du es tust, bekommen die Wassergeister Gewalt über dich und du musst mir dann in die Tiefe folgen."

Rudi gelobte, die Warnung zu beherzigen; die Nixe aber frohlockte heimlich, da sie wusste, wie leicht er hingerissen werden könne, dieselbe zu missachten.

Von nun an brachte jeder Abend dem jungen Hirten Stunden voll unaussprechlicher Wonne. Immer fester umschlang ihn die Wasserfee mit ihrem Zauber und jeder ihrer Küsse mehrte sein Verlangen nach neuem Glück, nach endloser Dauer der verborgenen Liebesseligkeit. Er empfand es daher wie die furchtbarste Pein, als die Nixe einmal an drei aufeinanderfolgenden Abenden nicht am Ufer erschien. Verzweifelt irrte er umher, raufte sich das Haar und warf sich jammernd auf die Erde nieder.

Der sanfte Hirtenknabe war in einen tobenden Wahnwitzigen verwandelt. Nachdem der dritte Abend auf diese Weise vergangen, übermannte ihn die Unerträglichkeit des Schmerzes und er rief mit herzzerreißender Klage:

"Seeröslein, Seeröslein - warum hast du mich verlassen?"

Dann wandte er sich ermattet und hoffnungslos zur Umkehr. Da vernahm er plötzlich wunderbare Klänge und in der Richtung, von welcher sie kamen, hinblickend, gewahrte er die Ersehnte, wie sie am Uferrande sitzend, vom letzten Abendglühen umstrahlt, mit der einen Hand durch die goldenen Saiten einer Harfe fuhr und mit der anderen ein weißes Reh liebkoste. Lächelnd und lockend blickte sie halb zu ihm auf; er aber, von der düstersten Trostlosigkeit zu seligem Entzücken emporgerissen, breitete die Arme aus, um sie zu umfangen. Eine Hand legte sich auf seine Schulter, es war die des Mönchs, der suchend nach ihm ausgegangen; – Rudi stieß die Hand zurück; Warnungsworte schlugen an sein Ohr, – er achtete ihrer nicht. Er sah nicht die Schlange, die sich zu Füßen des arglistigen Weibes wand, er sah nur den unbeschreiblichen Liebreiz desselben und jubelnd lag er in der nächsten Sekunde an ihrem Herzen.

Da hob sich eine dunkle Woge aus dem Schoße des Wildsees, sie stieg höher und höher, sie wälzte sich gegen das Ufer mit rasender Schnelle; - und als die schäumende Brandung sich von demselben zurückzog, waren Rudi und die Nixe verschwunden und schrill erklang aus der Tiefe das Hohngelächter der Wassergeister.

Aus: Aurelias Sagenkreis

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Der Seebach.

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