Der blutige Brunnen bei Mergentheim

Im oberen Tal gegen Lichtal, auf der rechten Seite des Waldsaumes befindet sich ein kesselförmiger, tiefer Brunnen, der Frälesbrunnen genannt. Allabendlich stiegen aus demselben Wasserfräulein heraus, um der Vorsitz im letzten Hause des Ortes, dem 'Wolfenhause', beizuwohnen. Sie sangen, spielten und tanzten mit den Buben und Mädchen und waren stets guter Dinge. Gegen 11 Uhr gingen sie alle pünktlich nach Hause. Einmal - es war eine größere Gesellschaft beisammen - dauerte die Vorsitz länger als gewöhnlich und die Wasserfräulein vergaßen bei der heiteren Unterhaltung ganz die Zeit, die ihnen zu ihrer Heimkehr vorgeschrieben war. Rasch brachen sie, dieses plötzlich gewahrend, auf, klagten und jammerten und sprachen die Befürchtung aus, dass ihnen schweres Unheil zustoßen und sie wohl niemals mehr kommen würden. Teilnehmend begleiteten sie sämtliche Anwesende. Bei dem bewegten Abschied äußerten die 'Wasserfräulein' noch, daß, wenn nach ihrem Untertauchen im Brunnen das Wasser seine gewöhnliche Farbe behalte, alles gut abgegangen sei, wenn es sich aber blutig färbe, sie schweres Unglück betroffen und sie nie, nie mehr kämen. Die Fräulein tauchten unter, und erwartungsvoll standen die Anderen da. Plötzlich wallte blutig gefärbtes Wasser auf. - Betrübt gingen die Leute nach Hause und nie mehr hat man noch etwas von den Wasserfräulein gesehen und gehört.

Nach Leander Petzold, Schwäbische Sagen, Düsseldorf 1975

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