Das Bachtier in der Deggenhauser Aach

Wer in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts das Tal von Deggenhausen über Wittenhofen und Untersiggingen bis Mennwangen durchwanderte, der hörte oft Laute, die das eine Mal wie Kindergeschrei, das andere wie Entengeschnatter klangen, dann glichen sie wieder dem Grunzen eines Ferkels. Besonders deutlich sollen sie zu den heiligen Zeiten vernehmlich gewesen sein. Man schrieb sie dem so genannten Bachtier, dem Bachtierle oder auch Bachfrauele zu, das zu seinen Lebzeiten eine bildhübsche Nonne des Frauenklosters Rugacker in der Gemeinde Homberg war. Sie hatte mehrmals heimlich Kinder zur Welt gebracht und sie dann in die Deggenhauser Aach geworfen. Zur Strafe musste sie nach ihrem Tod im Bach umgehen. Folgte man den Jammertönen und dem Geschrei, so sah man ein Tier, das auf dem Bach davonschwamm. Oft war auch ein Geheul zu hören, das weder mit den Stimmen von Menschen noch mit den von Tieren Ähnlichkeit hatte. Bisweilen konnte man ein Rauschen und Plätschern wahrnehmen, wie wenn ein Gegenstand fortgeschwemmt würde oder ein Vogel über den Bach flöge. Manchmal war ein Licht zu sehen, das unter dem Bachsteg durchfuhr. Leute, die an der Mennwanger Kapelle vorübergingen, hörten bisweilen, wie darin laut gebetet wurde, ohne freilich jemanden zu sehen. Einmal fuhren zwölf Schlitten blitzschnell längs des Baches an einem Mann vorüber und in jedem der Schlitten saß eine weißgekleidete Dame. Derartige Erscheinungen wurden meist von Mennwangen bei der Kapelle bis abwärts nach Altenbeuren beobachtet.

Einst hatten drei Männer von Mennwangen eine Begegnung mit dem Bachtier. Von einem Köhler, dessen Hütte in der Nähe lag, hatten sie von dem Spuk erfahren. Um ihm aufzulauern, hatten sie sich eines Nachts mit scharfgeladenem Gewehr in der Köhlerhütte eingefunden. Zwischen ein und zwei Uhr vernahmen sie tatsächlich ein Plätschern im Bach, das sich immer mehr der Hütte näherte. Sie gingen hinaus und erblickten auch richtig ein großes, unheimliches Tier mit langen Flügeln. Einer der Männer rief das Unwesen an, es gab keine Antwort. Er rief noch einmal, wieder keine Antwort! Da feuerte er los, aber das Gewehr versagte, das Bachtier kam aus dem Wasser auf die Männer zugeflogen und trieb sie mit heftigen Flügelschlägen in die Hütte zurück.

Die ungeratene Klosterfrau musste aber so lange im Bach umgehen, bis darin kein Beinlein mehr von den Kindlein zu finden war, die sie ertränkt hatte. Von einem Geistlichen ist sie dann endlich erlöst worden.

Theodor Lachmann, Sagen und Bräuche vom Überlinger See, Weißenhorn 1976

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