Übergießen der Mädchen am Ostermorgen in Ungarn. Nach einem Holzstich aus dem 19. Jh.
Wasserguss, Wassertauche

Wasserguß, Wassertauche bedeutet in den meisten Fällen einen Fruchtbarkeitszauber, ursprünglich Regenzauber (s.d.). Der letzte Wagen, das Korn, die Pferde, der Knecht werden beim Eintritt in die Scheune mit Wasser begossen1), ebenso bei der Rückkehr von der Aussaat der Landmann, der Großknecht, die Pferde und der Pflug2), ferner der Träger der letzten Garbe3), der erste, der im Frühjahr mit dem Pfluge auf den Acker zieht oder davon heimkehrt4), wer zum ersten Male im Frühjahr gegraben hat5); auch die Leingräber werden am Abend tüchtig mit Wasser bespritzt, damit der Flachs gut gedeihe6). Bei den Wotjäken begießen beim ersten Pflügen und Säen die Weiber die Saat und schütten den Rest des Wassers den Männern über den Kopf7). Wenn der Bauer in Hettingen (Buchen) zum ersten Mal zum Häwert geht, wird er von manchen Häusern aus mit Wasser bespritzt, dass der Hafer nicht verlächle, d.h. vertrockne8). Der Drescher, der den letzten Schlag macht, wird ins Wasser getaucht9). Gewöhnlich werden die Frauen von den Männern und die Männer von den Frauen begossen. Manchenorts wird eine bestimmte Begründung für das Begießen gegeben: dass die Knechte nicht faul werden, so in Dreba bei Neustadt a. d. Orla10), im Egerland11), in Taus in Böhmen12); dass die Mädchen frisch bleiben (Egerland, Mühlessen, Haselberg) oder, in Nallesgrün, dass die Kühe viel Milch geben13), oder dass die Mädchen gesund und fleißig bleiben14) und beim Grasen nicht schlafen15). Auch für das Vieh sorgt man, dass es stets Futter habe, deshalb werden die Gras holenden Mädchen bei der Rückkunft von den Burschen begossen16).

Unmittelbar an die Fruchtbarkeit des Viehs denkt man, wenn man die Tiere selbst mit Wasser besprengt, so das neu gekaufte Vieh17); man gießt Wasser aufs Dach des Stalles, wenn die neu gekaufte Kuh hineinkommt18), "damit sie sich an den Stall gewöhne", man begießt die Köpfe des von der ersten Weide zurückkehrenden Viehs mit kaltem Wasser, "dann ist es ruhig und wird nicht von Fliegen geplagt"19), das gleiche geschieht beim Auftrieb auf die Sennalpen20). Wenn man dem neugeborenen Kalb die Stirne mit Wasser benetzt, wird es später ein gutes Zugtier und verträgt Hitze und Kälte21). Wenn die Kuh zum Bullen geführt wird oder von ihm zurückkommt, muss man sie mit Wasser begießen, damit sie trächtig bleibt22). Dass das Vieh gedeiht, werden Hirten und Hirtinnen beim ersten Austrieb begossen23), das gleiche geschieht beim ersten Viehheimtrieb; im Böhmerwald erhält der Hirte daher zur Entschädigung einen Eierkuchen24); auch die Burschen, die mit der Kuh beim Stier waren, werden bei der Rückkehr von den Mädchen begossen25). Das gegenseitige Bespritzen der Burschen und Mädchen geschieht auch unabhängig von der Feld- und Hütearbeit zu Beginn des Frühlings und Sommers: an Fastnacht26), an Ostern27), am 1. Mai28), am Sonntag Judica29), am Johannistag30).

Den Vegetationsdämon, den man begießt, stellt der Maibaum31) dar, ebenso der in eine Kornähre gebundene Mann32), den man begießt oder ins Wasser wirft (vgl. dazu den oben genannten Träger der letzten Garbe), der Pfingstbutz33), Pfingstl oder Pfingstquack (s.d.); auch das Begraben der Fastnacht, das häufig mit Brunnentauche34) verbunden ist (s.o. Brunnen § 10), und der Kirmes gehört hierher: in Andolsheim (Elsass) wird dabei ein Mann in eine Pfütze geworfen35).

Ein Gebärzauber liegt vor, wenn man Neuverheiratete ins Wasser wirft36); in Japan wurden am zweiten Tage des neuen Jahres alle, die im letzten Jahre geheiratet hatten, mit Wasser begossen37); bei Niederbronn begießen die Frauen, die Mütter werden wollen, die Schalensteine dort auf der Höhe38). Glück und Segen fürs neue Haus soll der W. bringen, den der Bauherr am Richtfest an dem am First des Hauses angenagelten Lorbeer vollzieht oder die Zimmerleute an dem Mädchen vom Nachbarhofe, das ihnen Geschenke bringt39). Bei Misswuchs werden Heiligenbilder ins Wasser gestürzt, die hier den Vegetationsdämon vertreten; man fasst dies allerdings später als Strafe auf, weil man mit ihnen unzufrieden sei40). Ebenso verbietet ein Mandat Herzog Maximilians von 1611, seine Statue herumzutragen, weil man sie, wenn es nicht schön Wetter werde, ins Wasser zu werfen pflege41).

Über Besprengen zum Zweck der Reinigung, Heilung und Geisterabwehr s. Fluss, Heiliwag, Wasser, Weihwasser.

1) Sartori Sitte 2, 62. 81. 92; ZfVk. 7 (1897), 154. 2) Ebd. 1 (1891), 186; 7 (1897), 150; Schönwerth Oberpfalz 1, 400 Nr. 3.
3) Mannhardt 1, 207.
4) Drechsler 2, 49. 148; Sartori a.a.O. 2, 61; Engelien u. Lahn 270.
5) Sartori a.a.O. 2, 61; Schulenburg Wend. Volkstum 115.
6) ZfVk. 14 (1904), 424; Sartori a.a.O. 3, 115.
7) Buch Wotjäken 155 f.
8) Meyer Baden 420.
9) Sartori a.a.O. 2, 101; Mannhardt Forschungen 50 f.
10) ZfVk. 14 (1904), 142.
11) John Westböhmen 242.
12) Grohmann 144.
13) John a.a.O. 212.
14) Schulenburg a.a.O. 115.
15) Grimm Myth. 3, 445 Nr. 342.
16) Schramek Böhmerwald 238 f.; Drechsler 2, 148; Wuttke 441 § 693; ZfVk. 7 (1897), 150.
17) Drechsler 2, 118 Nr. 493; Sartori a.a.O. 2, 142.
18) Gesemann Regenzauber 59.
19) Grohmann a.a.O. 136 f.
20) Sartori a.a.O. 150.
21) ZfVk. 10 (1900), 209.
22) Drechsler 2, 108; Eberhardt Landwirtschaft 16.
23) Drechsler 2, 148; Wuttke 441 § 693; Schramek a.a.O. 239.
24) Sartori a.a.O. 2, 150; 3, 182; Grohmann a.a.O. 136; Köhler Voigtland 434; John a.a.O. 242; Schramek a.a.O. 239.
25) Schramek a.a.O. 241.
26) Sartori a.a.O. 106.
27) Drechsler 2, 148; Sartori a.a.O. 3, 155.
28) Schramek a.a.O. 239; Sartori a.a.O. 3, 183.
29) Ebd. 3, 155; ZfVk. 6 (1896), 364.
30) Sartori a.a.O. 223.
31) Ebd. 3, 208; Strackerjan 2, 81.
32) Mannhardt Forschungen 22. 28. 50.
33) Sartori a.a.O. 201; Meyer a.a.O. 142; ZfVk. 7 (1907), 92; Bronner Sitt' u. Art 166. 169.
34) In Schlesien wurden die Mädchen an Fastnacht nachts aus dem Bett geholt u. am Brunnen eimerweise mit Wasser übergossen: Mannhardt 1, 332; Wuttke 93 § 114.
35) Sartori a.a.O. 3, 255.
36) Birlinger Aus Schwaben 2, 45; Sartori a.a.O. 3, 183.
37) Ebd. 3, 71.
38) Rütimeyer Urethnographie 382.
39) Sartori a.a.O. 2, 7.
40) Grimm a.a.O. 2, 6401; Sébillot Folk-Lore 2, 376 ff.
41) Rochholz Sagen 1, 387.

R. Hünnerkopf in: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 9, Berlin 1927-1942.

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