In der Spinnstube. Holzschnitt.

In Sagen und Märchen ist immer wieder von Spinnstuben die Rede. Nachfolgend eine Erläuterung:

Über Spinn- oder Rockenstuben

Von Eduard Fuchs.

Der Besuch der Spinn oder Rockenstuben ist in allen Ländern eine der Urformen des geselligen Lebens in Stadt und Land. Hier wie dort hat die gemeinsame Form der Arbeit oft nur den Deckmantel gebildet für einen gemeinsamen und regelmäßigen Dienst der Venus und des Priap.

Hierbei handelt es sich natürlich nicht um die häuslichen Spinnstuben, sondern um jene gewissermaßen öffentlichen Spinnstuben, in denen das halbe Dorf oder zum mindesten eine ganze Zahl jüngerer und älterer Frauen aus der Gegend an einem oder zwei Abenden der Woche des Winters zu gemeinsamem Spinnen zusammenkam. Diese Zusammenkünfte hatten die verschiedensten Namen: Spinnstuben, Rockenstuben, Kunkelstuben, Heimgarten, Lichtstuben usw. In diesen Stuben kamen die Frauen mit Kunkeln und Rädern zusammen, um gemeinsam an den langen Winterabenden zu spinnen. Da aber auch den jungen Burschen des Ortes der Zutritt zu diesen Spinnstuben gestattet war, so haben wir in dieser Einrichtung einen der Ausgangspunkte des geselligen Lebens.

Bei diesen Zusammenkünften herrschte der Brauch, dass jeder Bursche hinter seinem Mädchen saß, - und die Ehre eines jeden Mädchens erforderte doch, dass irgendein Bursch speziell um ihre Gunst warb, - und dass der Bursche dabei getreulich die ihm obliegende Pflicht erfüllte. Diese bestand darin, die Spreu oder das Agen, wie man den Abfall des Hanfes nannte, immer wieder vom Schoße seines Mädchens abzuschütteln. Diese Pflichterfüllung war jedoch entsprechend den Umständen nichts anderes als eine immer neue Gelegenheit zu mehr oder minder derben Handgreiflichkeiten bei dem von dem Burschen bedienten Mädchen, die gründlich auszunützen ebenso die Ehre des Mädchens wie die seine forderte. In einem Fastnachtsspiel 'Von den Rockenstuben' sagt ein Bursch:

"Da bin ich all Nacht gegangen zum Rocken
Da konnt' man mir mit Äpfeln locken,
Da wart ich den Maiden die Agen abschütteln
Und tat oft eine mit dem Hintern rütteln
Und konnt ihr wohl unten warten zum Leib."

Je kühner und verwegener ein Bursche zu Werke ging, um so höher stieg meistens sein Ansehen bei einer Dirne, um so mehr wurde die betreffende Dirne von ihren Freundinnen beneidet, wie die zeitgenössischen Sittenprediger klagen. Aus dieser immer und immer wieder von den Zeitgenossen konstatierten Tatsache folgt unbestreitbar, was wir oben sagten, dass die Arbeit in den öffentlichen Spinnstuben zumeist nur der Deckmantel der Venus und des Priap war, dass die Mehrzahl der Dirnen hauptsächlich deshalb in die Rockenstube lief, um von ihrem Burschen einen Abend lang derart traktiert zu werden.

Gefördert wurde ein solches allgemeines brünstiges Gebaren, zu dem die Alten die Augen zudrückten, durch die sprichwörtlich schlechte Beleuchtung. Oft wurde der Raum, in dem gesponnen wurde, durch einen einzigen Kienspan erleuchtet. Wurde dieser dann beim Türöffnen oder durch einen sonstigen Zufall plötzlich ausgeblasen, was jeden Abend vorkam, dann versäumte natürlich keiner der Burschen, diese Gelegenheit recht gründlich auszunützen, und dann hielten wohl auch die Dirnen mit entsprechenden Erwiderungen nicht zurück. Bei solchen Gelegenheiten artete das Gebaren nicht selten zu einer allgemeinen Orgie aus. Und da solches immer nach dem Geschmack einzelner Teilnehmer war, so kamen diese stets auch geschäftig dem Zufall zu Hilfe, so dass das Licht regelmäßig bei einem Spinnabend einige Mal verlosch. Von solchem und ähnlichem turbulenten Treiben in den Spinnstuben leitet sich auch die volkstümliche Redensart für ein wildes Durcheinander her: "Das ist eine rechte Gugelfuhr (Kunkelfeier)."

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In der Spinnstube. Symbolisch-satirischer Kupferstich.

Aber nicht etwa nur ledige Dirnen kamen in den Spinnstuben zusammen, sondern auch verheiratete Frauen und Witwen beteiligten sich an diesen Zusammenkünften. Und kamen die einen, um der Tochter die Gelegenheit zu erleichtern, mit einem bestimmten Burschen zusammenzutreffen und zu schäkern, so kamen viele andere, um sich in gleicher Weise von irgendeinem Burschen oder Nachbarn hofieren oder wie die Zeit deutlicher sagte, "an ihrem Leibe warten" zu lassen. Dass dieser letztere Zweck bei den Ehefrauen zum mindesten ein nicht allzu selten war, erweist uns schon der Umstand, dass der häufige Besuch der Rockenstuben ein ewiges Kapitel in den Klagen der Ehemänner über ihre Weiber ist. In dem Fastnachtspiel 'Ein Bauernspiel' beklagt sich ein Bauer mit folgenden Worten über seine Frau:

Oft tut sie dann zum Rocken schliefen,
Bis dass der Pfarrer Mess hat gelesen,
Wenn ich sie dann frag, wo sie sein gewesen,
Dass sie nit auch kommt zu rechter Zeit,
So spricht sie: Lass mich ungeheit!
Und schnaubt mich so unsauber an,
So schweig ich neurt und geh davon
Und lass ihren Mutwillen allein treiben.

Zu den häufigsten Gepflogenheiten bei diesen Zusammenkünften gehörte auch ein fröhlicher Tanz; an manchen Orten bildete er den üblichen Abschluss, und die Burschen brachten zu diesem Zweck sogar Spielleute mit. Diese Tänze wurden natürlich von beiden Teilen zu denselben Zwecken des handgreiflichen Flirts ausgebeutet. In Gar ein hübsch Vasnachtspiel" erzählt ein Bursche von solchen Spinnstubentänzen:

Nu hört mein Hübschheit von mir Jungem
Ich han in Dörfern getanzt und gesprungen,
Dazu treib ich solch Geradigkeit,
Dass mir hold waren all' Rockenmaid.
Eh der Pfeifer ein Tanz hat gepfiffen,

Da hatt ich einer dreist unten dran gegriffen.
Und gab ihr zwei Schmutzel am umbher führen,
Dass ihr dennoch kein Mensch mocht spüren.
Das treib ich an allen Tänzen an.
Die Geradigkeit ich noch alle kann.

Über alle diese Sitten und Gepflogenheiten orientieren uns neben den bereits zitierten literarischen Schilderungen auch eine Reihe bildlicher Darstellungen aufs allerdeutlichste. Eine Probe dafür ist der mehrfach neu aufgelegte Holzschnitt 'Die Spinnstube' von Beham (unten), den wir bereits in unserer 'Geschichte der erotischen Kunst' vorführten. Der gleichnamige Kupferstich (oben) ist eine durch den beigefügten Text erklärte Variation dieses Holzschnittes. Aber es gibt außerdem noch verschiedene ebenso eindeutige Darstellungen dieses wüsten Treibens in den Spinnstuben. Auch verschiedene Karikaturen orientieren uns über diese Gepflogenheiten.

Jedoch den schlüssigsten Beweis, dass solches Treiben in zahlreichen Gegenden die übliche Tagesordnung bildete, liefern die verschiedenen Erlasse, die in Städten und Dörfern immer wieder gegen das Spinnstubentreiben gerichtet wurden. Die Obrigkeit musste wohl oder übel einschreiten, denn es kam dabei sehr häufig bis zum Letzten und dazu sogar in den Spinnstuben selbst, wenn das Licht einmal lange nicht wieder brennen wollte, noch häufiger natürlich auf dem Heimwege, wo der Bursche von der sinnlich erregten Dirne unschwer alle seine Wünsche erfüllt bekam. Der Bursche, der sich seines Tuns in den Spinnstuben rühmt, fügt auch gleich die Folgen hinzu. Er sagt: All das wird dazu führen, dass ihr ein Beul auflief als ein Salzscheib, dafür kein Arzt nit kund gearzneien, bis dass es in einer Wiegen wurt schreien". Auch kam es nicht selten infolge Eifersucht zu Raufereien, zu Misshandlungen und selbst zu Mord und Totschlag unter den aufeinander eifersüchtigen Burschen. Je mehr daher die Spinnstubenzusammenkünfte zu allgemeinen 'Rammelnächten', wie man sie offen in verschiedenen Gegenden nannte, sich entwickelten, um so häufiger waren die Behörden gezwungen, durch Warnungen und Strafandrohungen dagegen einzuschreiten. In einem solchen Erlass, der aus Nürnberg stammt und im Jahre 1572 erschien, heißt es:
"dass mehrmalen in solchen zusammen den Eltern Töchter verführet hinter den Vätern zu unziemlichen Ehen überredt, auch etwa geschwächt und gar zu Schanden bracht worden. Dass auch die Gesellen an einander darob verwarten, verwunden und todschlagen . . ."

Schließlich, als alle Strafen nicht fruchteten und als durch das Treiben in den Spinnstuben sogar hin und wieder große allgemeine soziale Gefahren heraufbeschworen wurden, weil es durch den freventlichen Umgang mit dem Licht zu Feuersbrünsten kam, da wurden die Spinnstuben an vielen Orten gänzlich aufgehoben. Aber solche Verbote halfen nicht viel und vor allem nicht auf die Dauer. Das, weshalb Dirne und Bursch in die Rockenstuben liefen, wollte sich unbedingt betätigen. Und darum lebten die Spinnstuben immer wieder auf, und mit ihnen das alte Treiben, was wir aus verschiedenen Erlassen erfahren, die sich gegen die allgemeine Unzucht richteten und in denen stets als Hauptstätte des Unfuges die Rockenstuben genannt sind.

Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, Band Renaissance, München 1909

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Satire auf das unzüchtige Treiben in den Spinn- und Rockenstuben. Kupferstich nach Hans Sebald Beham.

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