Die Schöpfung der Welt im Kalevala
So hab’ ich es sagen hören, so den Sang einst selbst erfahren:
Einsam nahen uns die Nächte, einsam dämmern auf die Tage,
Einsam wurde Väinämöinen, einsam ward der Urzeitsänger
Aus dem Wesen, das ihn austrug, Ilmatar, der teuren Mutter.
Jungfrau war der Lüfte Tochter, dieses schöne Schöpfungswesen,
Lange lebte sie in Reinheit, allezeit in Unberührtheit,
In dem langen Luftgehöfte, auf den ebnen Luftgefilden.
Leidig ward sie ihres Lebens, ihres Daseins überdrüssig.
Immer einsam nur zu weilen, jungfräulich dahinzuleben
In dem langen Luftgehöfte, in der unermessnen Öde.
Sieh, da steigt sie schon hernieder, senkt sich auf die Wasserwogen,
Auf den offnen Meeresrücken, auf die weite Wasserfläche;
Plötzlich kam ein wilder Windstoß, aus dem Osten böses Wetter,
Hob sie auf die Meeresbrandung, warf sie auf die wilden Wogen.
Wind trieb hin und her die Jungfrau, Meereswoge wiegt das Mädchen
Auf dem blauen offnen Wasser, auf den weiß gekrönten Wellen
Schwanger wehte sie der Windstoß, schwellen ließ den Leib die Woge.
Ihres Schoßes Schwere schleppt sie, ihres Bauches volle Bürde,
Siebenhundert lange Jahre, über neun der Mannesalter
Und es kommt nicht zum Gebären, zeigt sich nicht das Ungezeugte.
Wassermutter war das Mädchen, schwamm im Osten, schwamm im Westen,schwamm im Nordwest, auch im Süden, schwamm an alle Himmelsränder
In der Pein der Feuerwehen, in dem schlimmen Schmerz des Schoßes
Und es kommt nicht zum Gebären, zeigt sich nicht das Ungezeugte.
Da begann sie leis’ zu weinen, sagte so, sprach solche Worte:
„Ach ich Arme all mein Lebtag, Dauernswerte all mein Dasein,
Schon ist dieses mir beschieden: Ewig unter freiem Himmel,
Hin und her gewiegt vom Winde, von den Wogen auch geworfen
Auf den unbegrenzten Fluten, auf der weiten Wasserfläche.
Besser wär’ es mir gewesen, lebt’ ich als der Lüfte Jungfrau,
Statt dass ich zu dieser Stunde mich als Wassermutter wälze:
Bitter kalt ist’s hier zu bleiben, traurig ist es, hier zu treiben,
Auf den Wogen hier zu wohnen, mich im Wasser zu bewegen.
Ukko du, o Herr der Höhe, der du trägst den ganzen Luftraum,
Komm herbei, weil ich dich brauche, komm herbei, weil ich dich rufe,
Lös’ das Mädchen aus der Marter, lös das Weib aus Leibeswehen.
Mach nur schnell und lauf geschwinde, schneller noch bedarf ich deiner!“
Wenig Zeit nur war verstrichen, eine kleine Frist verflossen,
Da kam eine Taucherente, schwang sich her im schnellen Fluge,
Sich fürs Nest die Stelle suchend, einen Ort zur Wohnstatt wählend.
Flog nach Osten, flog nach Westen, flog nach Nordwest, auch nach Süden,
Konnte keine Stelle finden, nicht die allerschlimmste Stätte,
Um ihr Nest dort einzurichten, ihren Aufenthalt zu nehmen.
Langsam schwebt sie, weithin schweifend, überdenkt und überlegt es:
„Bau ich in den Wind die Wohnung, auf den Wogen meine Wohnstatt,
Wird der Wind das Haus zerstören, wird die Welle es entführen.“
Da erhob die Wassermutter, Wassermutter, Maid der Lüfte,
Schon ihr Knie aus Meereswogen, ihre Schulter aus der Welle
Als ein Nistort für die Ente, als ein sehr erwünschter Wohnplatz.
Dieser schöne Entenvogel schwebt nun langsam, weithin schweifend,
Merkt das Knie der Wassermutter auf dem blauen offenen Wasser.
Hält’s für einen Gräserhügel, eine frische Rasenbülte.
Er fliegt langsam, gleitet leise, auf das Knie lässt er sich sinken.
Darauf baut er seinen Brutplatz, legt dort seine goldenen Eier,
Legt sechs Eier ganz vom Golde, doch das siebte ist aus Eisen.
Fängt die Eier an zu brüten, Knies Wölbung zu erwärmen.
Brütet einen Tag, den anderen, brütet auch am dritten Tage.
Schon verspürt die Wassermutter, Wassermutter, Maid der Lüfte,
Eine große Glut entstehen, spürt die Haut sich stark erhitzen,
Jäh ließ sie ihr Knie erzittern, schüttelte sogleich die Glieder.
In die Flut entfloh’n die Eier, rollten in des Meeres Wogen.
Es zerbrachen alle Eier, splitterten in viele Stücke.
Nicht verschlingt der Schlick die Eier, nicht verschluckt die See die Stücke,
Sie verwandeln sich zum Guten, schön gestaltet alle Stücke:
Aus des Eies unt’rer Hälfte wird die Mutter Erde unten,
Aus des Eies ob’rer Hälfte wird der hohe Himmel oben.
Aus dem ob’ren Teil des Gelbeis wird die Sonne weithin strahlend,
Aus dem ob’ren Teil des Weißeis wird der Mond mit mildem Glanze;
Was gesprenkelt in dem Ei ist, wird zu Sternen hoch am Himmel,
Das, was dunkel in dem Ei ist, wird zu Wolken in den Lüften.
Weiter zieh’n dahin die Zeiten, immer fort und fort die Jahre
Bei dem Glanz der neuen Sonne, bei dem Schein des neuen Mondes.
Immer treibt die Wassermutter, Wassermutter, Maid der Lüfte,
Auf dem wogenlosen Wasser, auf den dunstumwobenen Wellen,
Vor sich nur des Wassers Feuchte, hinter sich den klaren Himmel.
Endlich nun im neunten Jahre, zu der Zeit des zehnten Sommers
Hob ihr Haupt sie aus dem Meere, reckte sie empor die Stirne.
Fing nun an, die Frucht zu werfen, die empfangene zu gebären
Auf dem offnen Meeresrücken, auf der weiten Wogenfläche.
Wo sie nur die Hand hinwandte, da erschuf sie Landvorsprünge.
Wo ihr Fuß den Grund berührte, grub sie Laichgrund für die Fische.
Wo sie Blasen treibend tauchte, mehrte sie des Meeres Tiefe.
Seitlings streift sie an das Ufer, da entstehen glatte Strände.
Stieß ans Ufer mit den Füßen, da entstehen Lachsfangstellen.
Kehrte Kopf voran sich landwärts, da entstanden breite Buchten.
Sie entfernte sich vom Lande, machte Halt auf freiem Meere,
Schären schuf sie aus dem Wasser, richtet auf verborg’ne Riffe,
Dass das Schiff daran zerschelle, dass der Seemann dort versinke.
Schon geschaffen sind die Inseln, aufgereiht im Meer die Riffe,
Aufgestellt die Himmelstützen, Feld und Flur durch Wort entstanden,
Striche eingeritzt in Steine, Furchen in den Fels gezogen.
Noch entsteht nicht Väinämöinen, zeigt sich nicht der Urzeitsänger.
Väinämöinen alt und wahrhaft lebte in dem Mutterleibe.
Dreißig ganze, lange Sommer, eine gleiche Zeit von Wintern
Auf dem wogenlosen Wasser, auf den dunstumwobenen Wellen.
Er bedenkt und überlegt es, wie zu sein und wie zu leben
In dem finsteren Verstecke, in der allzu engen Hausung.
Wo er nie das Mondlicht wahrnahm, nie die Sonne sehen konnte.
Darauf sprach er diese Worte, sagte sie in diesem Satze:
„Lös mich, Mond, entlass mich, Sonne, weis den Mann, o Himmelswagen,
Fort von diesen fremden Türen, von den unbekannten Pforten.
Hier aus dieser kleinen Kammer, aus dem engen Wohngemache!
Bring den Wanderer auf die Erde, an das Licht das Kind der Menschen,
Dass es merkt den Mond am Himmel, staunend sieht das Licht der Sonne,
Wahrnimmt auch den Großen Wagen, schaut hinauf zur Schar der Sterne.“
Als der Mond ihn nicht erlöste, ihn die Sonne nicht befreite,
Trübten sich ihm seine Tage, ward sein Leben ihm verleidet.
Fort rückt er das Tor der Festung mit dem namenlosen Finger,
Schiebt zurück das Schloss aus Knochen mit der linken großen Zehe,
Kriecht zur Schwelle auf den Krallen, kommt auf Knien durch die Türe.
In die See stürzt er kopfüber, fasst mit Fingern in die Wogen;
So bleibt nun der Mann dem Meere, ist den Wogen ausgeliefert.
Darin schwamm er dann fünf Jahre, wohl fünf Jahre, ja, ein sechstes,
Sieben Jahre, auch ein achtes, hielt er auf der off’nen See dann inne
An dem namenlosen Vorsprung, an dem baumentblößten Lande.
Er erklomm das Land auf Knien, schwang sich hoch mit beiden Händen,
Stand dann auf, den Mond zu schauen, staunend anzuseh’n die Sonne,
Wahrzunehmen auch den Wagen, aufzuschau’n zur Schar der Sterne.
Das war Väinämöinens Ursprung, des beherzten Sängers Herkunft
Von dem Wesen, das ihn austrug, Ilmatar, der teuren Mutter.
Aus dem finnischen Urtext übertragen von Lore und Hans Fromm, München, 1979