Hesiods Theogenie, Vers 116 - 135

Wahrlich, zuallererst entstand
Chaos: gähnende Leere,
dann Gaia: die Erde breitbrüstig,
ein sicherer Sitz von allem immerdar,
und Eros: der Gliederlösend ...

Aus dem Chaos entstanden
Erebos: Finsternis und dunkle Nacht,
aus der Nacht dann wieder entstanden
Äther: Himmelshelle und Tag,
die sie gebar von Erebos: der Finsternis
in sexueller Vereinigung.
Gaia: die Erde aber brachte zuerst hervor
Uranos, den Himmel, den gestirnten,
dass er sie überall einhülle
und sie gebar die weiten Berge
sie gebar auch das unfruchtbare weite Wasser,
das im Wogenschwall stürmt, Pontos: das Meer,
–(das alles) ohne verlangende Liebe;
daraufhin hielt sie Beilager mit dem Himmel und gebar den Okeanos mit seinen tiefen Strudeln,
Köos auch, und Kreios, Iapetos, und Hyperion,
Theia sodann, und Rheia, Mnemosyne dann, mit der Themis,
Föbe die goldgekränzte sodann, und die liebliche Tethys1.)

1. Thetys, Gattin des Okeanos; in der Ilias wird Thetys die Mutter aller Götter genannt.

Paul Barié, Am Anfang war das Wasser, in: Symbolon, Jahrbuch für Symbolforschung, Band 13, Frankfurt/Main 1997

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Griechische Theogonie von Hesiod

Von allem entstand zuerst das Chaos, ihm folgte Gaia mit breiter Brust, der ewige Wohnsitz der Unsterblichen, aller, die den Gipfel des beschneiten Olymp bewohnen..., und Eros, der schönste der unsterblichen Götter, der die Glieder Göttern und Menschen löst und verständige Absicht betört. Aus dem Chaos gingen Erebos hervor und Ny, der Ny aber entstammten das Licht und der Tag, die Kinder, die ihrer Liebe zu Erebos entsprangen.

Gaia aber gebar zuerst, an Größe ihr gleich, den sterngeschmückten Uranos, der sie von allen Seiten umhüllen sollte. Dann brachte sie die hohen Gebirge hervor, die Lieblingsplätze der Götter, und das Meer mit den tobenden Wogen – und alles dies ohne liebende Zuneigung. Dann aber zeugte Uranos mit ihr den Okeanos mit seiner tiefen Strömung, Koios und Krios sodann, und Hyperion, ferner Japetos; Thea und Rheia, Themia und Mnemosyne, auch Phoibe mit goldenem Kranz und die liebliche Tethys. Nach diesen wurde als Jüngster der listige Kronos geboren, der Unerschrockenste ihrer Kinder, der im Hass aufwuchs gegen den Vater, der ihn erzeugte.

Gaia gebar auch die ungestümen Kyklopen – Brontes, Steropes und Arges –, die für Zeus den Donner und den blendenden Blitz schufen und ihm übergaben. Sie waren wie Götter in jeder Hinsicht, außer dass nur ein einziges Auge inmitten ihrer Stirnen stand, und ihre Kraft, Macht und Geschicklichkeit lag in ihren Händen.

Alle Kinder, die von Gaia und Uranos stammten, waren verwegen und hassten ihren Vater von Anfang an. Sobald eines von ihnen geboren wurde, ließ Uranos es nicht das Licht des Tages erblicken, sondern versteckte es tief im Schoß der Gaia. Und dieser Untat freute sich Uranos. Aber Gaia, trotz ihrer gewaltigen Größe, fühlte die Spannung und stöhnte. Schließlich ersann sie eine böse, tückische List. Sie verfertigte schnell grau schimmernden Stahl und schuf daraus eine riesige Sichel. Dann legte sie diese vor ihre Kinder, und die Qual ihres Herzens ließ sie unerschrocken sprechen:

„Meine Kinder, euer Vater ist grausam; wenn ihr auf mich hören wollt, können wir seinen bösen Frevel rächen, denn er war es, der zuerst Gewalttaten beging.“

So sprach sie; doch von Furcht ergriffen waren alle Kinder, und keines sprach ein Wort. Dann aber fasste der große Kronos, der verschlagene Gauner, Mut, und er antwortete der guten Mutter mit diesen Worten:

„Mutter, ich bin willens, euren Plan auszuführen und zu vollenden. Denn ich habe keine Achtung vor unserem schändlichen Vater, denn er war es, der zuerst Gewalttaten beging.“

So sprach er, und die riesige Gaia war hocherfreut. Sie barg ihn im Hinterhalt und legte in seine Hände die Sichel mit gezackten Zähnen, und sie klärte ihn völlig über ihren Anschlag auf.

Die Nacht herbeiführend, kam der gewaltige Uranos und warf voll Liebesverlangen um Gaia die Arme; er streckte sich über sie. Da ergriff ihn aus seinem Hinterhalte mit der linken Hand sein Sohn, und mit der rechten nahm er die riesige Sichel mit gezackten Zähnen und schnitt dem eigenen Vater schnell die Scham ab und warf sie hinweg. Die Blutstropfen, die von ihr herabfielen, empfing alle die Mutter Gaia, und im Kreislauf der Jahre gebar sie die machtvollen Erinnyen und die riesigen Giganten 14 mit funkelnden Waffen und langen Speeren, ferner die Nymphen.

Die Scham aber trieb lange Zeit auf dem Meer, so wie sie Kronos mit der stählernen Sichel durchschnitten und vom Land in die Wellen des Ozeans geworfen hatte. Dann aber entströmte dem göttlichen Fleisch weißer Schaum, und in dem Schaum begann ein Mädchen groß zu werden. Dieses kam zuerst zu dem heiligen Kythera und erreichte dann Kypros, das meerumströmte Land. Dort ging es an Land, eine Göttin zart und schön, und um ihre zierlichen Füße wuchs das grüne Gras. Aphrodite wird sie von Göttern und Menschen genannt, weil sie aus Schaum geboren wurde ...

Norman O. Brown, Hesiod´s Theogony. New York 1963

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Über Hesiod

Hesiod (* ca. 700 v. Chr., vermutlich in Askra in Boiotien), griechischer Dichter, Ackerbauer und Viehhalter. Neben Homers Ilias und Odyssee sind Hesiods Werke die Hauptquelle der griechischen Mythographie, aber auch des Alltagslebens seiner Zeit.

Bei der Theogonie (griechisch: ‚die Göttergeburt / Gottgeburt’) handelt es sich um ein Werk von Hesiod, in dem die Entstehung der Welt und der Götter geschildert wird. Neben der Odyssee und der Ilias von Homer ist die Theogonie die älteste uns bekannte Quelle der griechischen Mythologie.

Zuerst war das Chaos, aus dem dann die Nacht und das Totenreich und dann Gaia, die Erde, und weiterhin aus einer Kette von Geburten und Umstürzen die olympischen Götter der Hellenen hervorgehen.

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