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Die Entstehung der Welt bei den Nordgermanen
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Die Entstehung der Welt in der Vorstellung der Nordgermanen In der Edda schildert eine altgermanische Seherin, eine Völva, in visionärer Schau die ur- und endzeitlichen Geschehnisse. Diese Vision oder Weissagung der Seherin (Völuspa) ist eine der bedeutendsten Überlieferungen der älteren oder Lieder-Edda. Es ist die wichtigste literarische Quelle zur nordgermanischen Religion. Die Lieder der Edda reichen nach neueren Forschungen in die Zeit zwischen dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. zurück. Nicht war Sand noch See noch Salzwogen, nicht Erde unten, noch oben Himmel, Gähnung grundlos, doch Gras nirgend. (Edda, Völuspa, 3). So beschreibt die germanische Seherin Völuspa das Chaos vor Erschaffung der Welt. In der gähnenden Kluft (ginnunga gap) schied sich Dunkel von Hell. Im Norden lag klirrend das kalte Niflheim, wo eisige Stürme in Finsternis tosten. Inmitten von Ginnunga gap toste ein eisiger Brunnen, Hwergelmir (der in kesselförmiger Vertiefung Rauschende) genannt. Aus ihm ergossen sich zwölf reißende Ströme, strebten fort von ihrem Quell und erstarrten am Rande der Gähnung zu Eis, das sich Gletschern gleich am mächtigen Schlund emporschob. Die sprühende Gischt verwandelte sich in Nebel und überlagerte alles mit klirrendem Reif. Im Süden Ginnunga gaps loderten dagegen die heißen Flammen von Muspellheim, glühend heiß und alles verzehrend, was nicht im Feuer heimisch war. Surt hieß der Wächter des Feuerreichs; sein Schwert waren die scharf lodernden Flammen mit denen er einst die Welt verheeren und die Götter stürzen würde. Die heißen Winde Muspellheims trafen auf das klirrende Eis Nebelheims. Der Raureif schmolz, die Tropfen gewannen Leben und formten eine menschliche Gestalt. So entstand der gewaltige Urriese Ymir. Als er wild und ungeheuer am Abgrund lag, brach ihm am ganzen Körper Schweiß aus. Da erwuchsen aus der Feuchte seiner linken Achselhöhle ein Mann und eine Frau. Sein rechter Fuß zeugte einen sechshäuptigen Sohn und auch dem linken entsprang eine zahlreiche Brut. So ward die Welt von grimmigen Riesen erfüllt. Als zweites Wesen erwuchs aus den Schmelzwassern eine Kuh: Audhumla, die Sanftreiche. Vier Milchströme rannen aus ihren Zitzen. Damit nährte sie Ymir. Die Kuh aber fristete ihr Leben, indem sie salzige Reifsteine beleckte. Am ersten Tag leckte sie das Haar eines Mannes frei, am zweiten Tag den Kopf und am dritten den ganzen Mann. Er war groß, stark und schön anzusehen und wurde Buri, der Geborene, genannt. Sein Sohn Bur zeugte mit Besla, der Tochter des Riesen Bölthorn, die Götter Odin, Wili und We. Mit ihnen begann das nordische Götter- oder Asengeschlecht. Es entstand Feindschaft zwischen den Göttern und Riesen. Als die Asen heranwuchsen und sich ihrer Kräfte bewusst wurden, erschlugen sie Ymir. Den Leichnam des Riesen stemmten sie in die Höhe, sodass er über dem Nichts von ginnunga gap schwebte. Aus des Riesen Fleisch schufen sie die Erde, aus seinem Blut das brausende Meer, mit dem die Götter die Erde umgaben, sowie die Flüsse und Seen. Aus dem Gebein Ymirs formten die Götter die Berge, aus Zähnen und Knochenstücken wurden Felsen und Gestein. Die Bäume schufen die Asen aus des Riesen Haaren. Dann stülpten die Götter Ymirs Hirnschale als Himmelskuppel über die Welt. Aus dem Gehirn des Riesen, das die Götter in die Höhe warfen, wurden die Wetterwolken. Aus den Funken Muspellheims machten die Götter Himmelslichter. Dann ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die Sonne den Erdengrund, da entspross grünes Gras. Die Erde war eine kreisrunde Scheibe und um sie herum lag das tiefe Meer. An den Küsten wiesen die Götter den Riesen Wohnplätze zu. Weiter rückwärtig errichteten sie wegen der feindlichen Gesinnung der Riesen einen Burgwall rund um die Erde und benutzten dazu die Wimpern Ymirs. Inmitten dieses Burgwalls lag Midgard - der mittlere Garten - die Welt der Menschen. Hoch über Midgards Mitte errichteten die Götter ihre eigene Wohnstätte: Asgard - Garten der Asen, Asenland. Als die Asen eines Tages am Strand gingen, waren dort die Baumstümpfe einer Ulme (Embla) und Esche (Ask) angetrieben. Daraus formten die Götter einen Mann und eine Frau. Odin hauchte dem ersten Menschenpaar den Atem ein, Wili schenkte ihnen Vernunft und We stattete sie mit Sinnen und Empfindungen aus. Den Mann nannten sie Ask, die Frau Embla. Als Wohnstätte bekamen die Menschen Midgard zugewiesen. Sie wurden die Ahnen des Menschengeschlechtes. Inmitten Asgards lag eine weite, schöne Ebene, Idafeld genannt. Hier errichteten die Götter ihre Häuser, Säle und Werkstätten. All dies aber überragte der mächtige Weltenbaum, die Esche Yggdrasil, die hohe, benetzt mit hellem Nass: von hier kommt der Tau, der in Täler fällt; immergrün steht sie am Urdbrunnen, beschreibt sie die Seherin. Ihre Krone Yggdrasils reicht bis in den Himmel, ihre Zweige breiten sich über die ganze Welt. Drei Hauptwurzeln tragen den mächtigen Stamm. Eine reicht tief hinab in den Schlund Ginnunga gap, ins neblige Niflheim und in das Heim der Reifthursen. An ihrem Wurzelfuß brodelt der Quellkessel Hwergelmir. Hier entspringen alle reißenden Flüsse dieser Welt. Hier in Nebelheim waltet auch Hel, die Unterwelts- und Todesgöttin. Die zweite Wurzel des Weltenbaums gründet in Jötunheim, der Riesen Land, wo Mimirs Brunnen entspringt. Jeder, der aus diesem Brunnen trinkt, erhält Weisheit und Wissen. Hüter der Quelle war der weise Riese Mimir. Da Mimir täglich aus der Riesenquelle trank, verfügte er über große Weisheit und die seherische Kraft, die Zukunft zu schauen. Um ebenfalls Weisheit aus dieser Quelle zu erlangen, war Gott Odin bereit, Mimir ein Auge zu verpfänden. Die dritte Wurzel gründete im Hain der Götter. Hier entsprang die heiligste aller Quellen. Sie wurde Urds Brunnen oder Urdarbrunnen genannt. Auf seinem dunklen Wasserspiegel schwimmen zwei weiße Schwäne. An diesem Brunnen wohnen die geheimnisvollen drei Jungfrauen, die Nornen Urd, Werandi und Skuld - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Täglich begießen sie die Zweige des Weltenbaums mit dem lebenserhaltenden Wasser des Brunnens, aus dem auch die Götter und Helden immer wieder neue Lebenskraft schöpfen. Hier versammelten sich die Götter zu ihren täglichen Beratungen. Die drei heiligen Frauen galten als Hüterinnen des Lebens. Sie schnitzten die Schicksalsstäbe, die über Glück und Leid, Leben oder Tod der Menschen und sogar über das Schicksal der Götter entschieden. Aus dieser Funktion heraus sah man sie auch als die Spenderinnen des Lebens und der Fruchtbarkeit. Die drei Nornen galten den Frauen als Helferinnen bei Geburtswehen. Die drei weisen Frauen sind mit den drei Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttern verwandt, die in römischer Zeit in Süd- und Westdeutschland als Matronae verehrt wurden. Auch die Matronae standen in einer Beziehung zum Wasser. Ihre Weihesteine waren häufig an Brunnen und Quellen aufgestellt. Im christlichen Volksglauben und in Legenden leben die Nornen als die drei Schwestern, drei Madeln oder drei Marien noch heute fort. Allerlei Tiere und Unwesen zehrten an der gewaltigen Esche Yggdrasil, um sie zu Fall zu bringen und um dadurch das Ende der Welt herbeizuführen. Am Brunnen Hwergelmir nagten der Drache Nidhögg und anderes Gewürm an den Wurzeln. In der Krone des Weltenbaums saß der Adler und schrie hässliche Schimpfworte gegen den Drachen. Jener antwortete dem Greif mit heftigen Schmähreden. Zwischen den ewigen Gegnern sprang das Eichhörnchen Ratatosk unablässig am Stamm hinauf und hinab, um die Schmähbotschaften zu überbringen. Hirsche fraßen am Laub des Baumes. Doch die Nornen an Urds Brunnen begossen die Wurzeln der Esche beständig mit frischem Wasser und legten feuchten Schlamm aus der Quelle um die Wurzeln, damit die Zweige nicht verfaulten oder verdursteten. Über den hohen Himmelsfelsen an der Grenze Asgards ragte die dreifarbige Regenbogenbrücke Bifröst über ausgedehnte und tiefe Gewässer. Das Rot des Bogens entsteht, weil die Brücke in Flammen steht. Kein böses Wesen konnte über sie gelangen. kk Verwendete Quellen: |
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Das Lied der Seherin in der Übersetzung von Karl Simrock (28.8.1802- 18.7.1876) Völuspa 1. Allen Edlen gebiet ich Andacht, 2. Riesen acht ich die Urgebornen, 3. Einst war das Alter, da Ymir lebte: 4. Bis Börs Söhne die Bälle erhuben, 5. Die Sonne von Süden, des Mondes Gesellin, 6. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen, 7. Die Asen einten sich auf dem Idafelde, 8. Sie warfen im Hofe heiter mit Würfeln 9. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen, 10. Da ward Modsognir der Mächtigste 14. Zeit ist's, die Zwerge von Dwalins Zunft 15. Da war Draupnir und Dolgtrasir, 16. Fialar und Frosti, Finnar und Ginnar, Wird zu Lofar hinauf ihr Geschlecht geleitet. 17. Gingen da dreie aus dieser Versammlung, 18. Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht, 19. Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil, 20. Davon kommen Frauen, vielwissende, 21. Allein saß sie außen, da der Alte kam, 22. In der vielbekannten Quelle Mimirs. 23. Ihr gab Heervater Halsband und Ringe 24. Ich sah Walküren weither kommen, 25. Da wurde Mord in der Welt zuerst, 26. Heid hieß man sie, wohin sie kam, 27. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen, 28. Gebrochen war der Burgwall den Asen, 29. Da gingen die Berater zu den Richterstühlen, 30. Von Zorn bezwungen zögerte Thor nicht, 31. Ich weiß Heimdalls Horn verborgen 32. Östlich saß die Alte im Eisengebüsch 33. Ihn mästet das Mark gefällter Männer, 34. Da saß am Hügel und schlug die Harfe 35. Den Göttern gellend sang Gullinkambi, 36. Ich sah dem Baldur, dem blühenden Opfer, 37. Von der Mistel kam, so dauchte mich 38. In Ketten lag im Quellenwalde 39. Gewoben weiß da Wala Todesbande, 40. Ein Strom wälzt ostwärts durch Eitertäler 41. Nördlich stand an den Nidabergen 42. Einen Saal seh ich, der Sonne fern 43. Im starrenden Strome stehn da und waten 44. Viel weiß der Weise, sieht weit voraus 45. Brüder befehden sich und fällen einander, 46. Unerhörtes ereignet sich, großer Eh’bruch. 47. Mimirs Söhne spielen, 48. Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie, 49. Hrym fährt von Osten und hebt den Schild, 50. Der Kiel fährt von Osten, 51. Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert, 52. Was ist mit den Asen? Was ist mit den Alfen? 53. Da hebt sich Hlins anderer Harm, 54. Nicht säumt Siegvaters erhabner Sohn 55. Da kommt geschritten Hlodyns schöner Erbe, 56. Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer, 57. Da seh ich auftauchen zum andern Male 58. Die Asen einen sich auf dem Idafelde, 59. Da werden sich wieder die wundersamen 60. Da werden unbesät die Äcker tragen, 61. Da kann Hönir selbst sein Los sich kiesen, 62. Einen Saal seh ich heller als die Sonne, 63. Da reitet der Mächtige zum Rat der Götter, [...] |
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