Io und die Kosmogonie der Maori

Io, das höchste Wesen der Maori Neuseelands, wird als ewig und allwissend angesehen, als Schöpfer der Welt, der Götter und Menschen. Wie der folgende Text zeigt, wird der kosmogonische Mythos von den Maori auch als Vorlage für Rituale benutzt, die in ihrem Verständnis einer Schöpfung im weiteren Sinne dienen.

Io wohnte im unermesslichen Luftraum.
Das All war in Dunkelheit, überall Wasser.
Da war kein Schimmer einer Dämmerung, nichts deutlich, kein Licht.
Und er begann, diese Worte zu sagen:
„Dunkelheit, werde erleuchtet.“
Und sogleich erschien das Licht.
Dann wiederholte er ebendasselbe in dieser Weise:
„Licht, erhalte Dunkelheit.“
Und sofort kam eine tiefe Dunkelheit dazu.
Dann sprach er ein drittes Mal:
„Lasst dort oben eine Dunkelheit sein,
Lasst dort unten eine Dunkelheit sein.
Lasst dort oben ein Licht sein,
Lasst dort unten ein Licht sein,
Eine Herrschaft des Lichtes,
Ein glänzendes Licht.“
Und jetzt gewann ein großes Licht die Oberhand.
Dann sah er auf die Wasser um ihn herum
Und er sprach ein viertes Mal, er sagte:
„Ihr Wasser von Taikama, seid getrennt.
Himmel, sei gebildet.“ Dann wurde der Himmel aufgehängt.
„Komm hervor, du Tupuahoronuku.“
Und sogleich lag die Erde ausgestreckt da.

Diese Worte wurden den Herzen unserer Vorfahren eingeprägt und von ihnen den späteren Geschlechtern übermittelt. Unser Priester weist mit Freude auf sie:

Die alten und ursprünglichen Sprüche.
Die alten und ursprünglichen Worte.
Die alte und ursprüngliche Schöpfungsweisheit,
Die das Wachstum aus den Leeren bewirkte,
Der Leere des grenzenlosen Raumes,
Wie es beweisen die Gezeiten,
Der ausgebreitete Himmel,
Die Leben gebende, ausgebreitete Erde.

Und jetzt, meine Freunde, gibt es drei sehr wichtige Verwendungen dieser ursprünglichen Sprüche in unseren sakralen Ritualen. Die erste betrifft das Ritual für das Einpflanzen eines Kindes in einen (bislang) unfruchtbaren Schoß. Die nächste betrifft das Ritual zur Erleuchtung von Körper und Geist. Die dritte und letzte findet sich in den feierlichen Ritualen des Todes, des Krieges, der Taufe und in Rezitationen, die Stammbäume und wichtige Gegenstände betreffen.

Die Worte, mit denen Io die Welt schuf, werden im Ritual für das Einpflanzen eines Kindes in einen unfruchtbaren Schoß verwendet. Die Worte, durch die Io das Licht in der Dunkelheit scheinen ließ, werden in Ritualen verwendet, die ein schwermütiges und verzweifeltes Herz ermuntern sollen oder einen schwachen, hinfälligen Alten, außerdem um Licht in verborgene Orte und Angelegenheiten zu bringen, zur Anregung für das Ersinnen von Gesängen und in vielen anderen Angelegenheiten, die die Menschen in Zeiten widriger Kriege verzweifeln lassen könnten. In jedem Fall enthält das Ritual zur Erleuchtung und Ermunterung die Worte, die Io sprach, um die Dunkelheit zu überwinden und zu vertreiben. Drittens gibt es ein Vorbeugungsritual, das dem geregelten Ablauf des Naturgeschehens und der Erhaltung des Menschen dient.

Hare Hongi, A Maori Cosmogony,in: Journal of the Polynesian Society 16, 1907

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