Das Wasser in der Genesis des Alten Testaments

Die ältesten Überlieferungen, die in den Text der Bibel einflossen, waren in phönizisch-althebräischer Schrift abgefasst, die etwa um 2000 v.Chr. im Raum Syrien-Libanon entstand. Es handelt sich hierbei um die erste alphabetische Buchstabenschrift, die wir kennen. Die ältesten wörtlichen Textpassagen waren in aramäischer Sprache verfasst, die seit dem Assyrischen Großreich im ganzen Vorderen Orient verbreitet war. Die hebräische Schrift war eine Weiterentwicklung hieraus. Beide Schriftformen bestanden bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. nebeneinander, wobei Althebräisch als heilige Sakralsprache galt.

Die heilige Schrift der Juden, die Tora, als Grundlage des christlichen Alten Testaments, wurde vor Tausenden von Jahren in Hebräisch kodifiziert und in dieser Sprache an die folgenden Generationen weitergegeben. Hebräisch wurde jedoch nicht als Umgangssprache benutzt, sondern diente in erster Linie als Sakralsprache für rituelle Zwecke.

Die Bibel in der heute vorliegenden Zusammenstellung war zunächst in hebräischer, aramäischer und altgriechischer Sprache verfasst.

Mit anderen Worten: Die Texte mussten mehrfach in neue Sprachen übertragen, aktualisiert und bei jeder Übersetzung auch erneut interpretiert werden.

Auch wenn man versuchte, dem Urtext möglichst gerecht zu werden, ließen sich Textinterpretationen nicht vermeiden. Neben den allgemeinen Schwierigkeiten jeder Transkription kam bei der Bibelübersetzung noch die religiöse Bedeutung der Schrift hinzu. Auch spielten grammatikalische Differenzen zwischen Ausgangs- und Zielsprache, inhaltliche Verständnisschwierigkeiten, persönliche Glaubensansichten des Übersetzers, Zweckvorgaben der Auftraggeber und weitere Kriterien bei jeder Übertragung eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Ich möchte hier drei Übersetzungen der Genesis des Alten Testaments nebeneinanderstellen:

1. Die nach heutigen sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten so weit als möglich korrekte Übersetzung von Paul Barié, die er in seinem Artikel ‚Am Anfang war das Wasser’, in Symbolon 1997 veröffentlichte.

2. Die priesterschriftliche Schöpfungsgeschichte in der Übersetzung Martin Bubers, der als jüdischer Theologe und Philosoph die Genesis in den 1920er bis 1930er Jahren aus jüdischer Sicht ins Deutsche übertrug.

3. Den Genesis-Text aus der Bibelübersetzung Martin Luthers von 1545.

Trotz unterschiedlicher Interpretationen sind sich alle drei Übersetzungen darüber einig: Am Anfang war das Wasser und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Aus religionsneutraler Sicht lässt sich darüber diskutieren, ob auch der Geist Gottes aus dem Wasser entstanden ist. Und wenn man sie miteinander vergleicht, stimmt die biblische Schöpfungsgeschichten in vielen Punkten mit denen anderer Kulturkreise überein. kk

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Die Genesis 1.1 - 2,4a in der wörtlichen Übertragung von Paul Barié.

Zu Anbeginn, da Gott Himmel und Erde schuf -
die Erde war damals noch TOHWABOHU,
und Finsternis lag auf TEHOM, der Urflut,
und ein Gottessturm bewegte sich über dem Wasser -
da sprach Gott: Es werde Licht ... Tag eins.
Da sprach Gott:
Es werde ein Gewölbe inmitten der Wasser
und es scheide zwischen Wasser und Wasser!
Und Gott machte das Gewölbe
und schied zwischen dem Wasser unterhalb des Gewölbes und dem Wasser oberhalb des Gewölbes.
Und es geschah so.
Und Gott rief dem Gewölbe zu: Himmel!
Und es wurde Abend, wurde Morgen: Tag zwei.
Da sprach Gott:
Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort
und es werde sichtbar das Trockene!
Und es geschah so.
Und Gott rief dem Trockenen / der Jabbaschah / zu: Erde!
Und dem Sammelort der Wasser rief er zu: Meere!
Und Gott sah, dass es gut war.
Und es wurde Abend, wurde Morgen: Tag drei.

Auch als Gott Adam aus Schlamm knetete, war Wasser notwendige Voraussetzung. Die Übersetzung des Moses-Textes der Genesis 2, 4b - 7 von Paul Barié:

Des Tages, da Gott Erde und Himmel machte -
noch war kein Feldgesträuch auf der Erde, noch wuchs Feldgras,
denn Gott hatte noch nicht auf die Erde regnen lassen
und Menschen gab es noch nicht, das Erdreich zu bebauen,
und ein Wasserdunst stieg von der Erde auf
und tränkte die ganze Oberfläche des Erdreichs,
da formte Gott den Menschen aus Staub und Erdreich

Paul Barié, Am Anfang war das Wasser, in: Symbolon, Jahrbuch für Symbolforschung, Band 13, Frankfurt/Main 1997

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Die Genesis aus jüdischer Sicht in der Interpretation von Martin Buber aus den 1920er und 1930er Jahren.

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.
Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.
Finsternis über Urwirbels Antlitz.
Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.
Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: dass es gut ist.
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.
Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!
Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.
Gott sprach:
Gewölb werde inmitten der Wasser
und sei Scheide von Wasser und Wasser!
Gott machte das Gewölb
und schied zwischen dem Wasser,
das unterhalb des Gewölbs war
und dem Wasser, das oberhalb des Gewölbs war.
Es ward so.
Dem Gewölb rief Gott: Himmel!
Abend ward und Morgen ward: zweiter Tag.
Gott sprach:
Das Wasser unterm Himmel staue sich an einem Ort,
und das Trockne lasse sich sehn!
Es ward so.
Dem Trocknen rief Gott: Erde!
und der Stauung der Wasser rief er: Meere!
Gott sah, dass es gut ist.

[...]

Gott sprach:
Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis!
Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres,
den Vogel des Himmels, das Getier, die Erde all,
und alles Gerege, das auf Erden sich regt.
Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
männlich, weiblich schuf er sie.
Gott segnete sie.

Martin Buber (1876-1956)

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Die Genesis der evangelischen Lutherbibel von 1545

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.
Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern.
Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah also.
Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Örter, dass man das Trockene sehe. Und es geschah also.
Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.

[...]

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.

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Wasser ist mehr als H2O!

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