Der Quellkultus in der Schweiz

Von Heinrich Runge

Mit ebenso viel Entschiedenheit als Recht haben sich Grimm und andere gegen die Ansicht ausgesprochen, dass den ältesten Einwohnern Deutschlands nur ein grober götterloser Naturkultus eigen gewesen sei. Schon Tacitus Angaben lassen darüber keinen Zweifel zu, dass die Germanen Götter und Göttinnen verehrten; und selbst wenn dies auch nicht der Fall wäre, so würden spätere Mitteilungen, welche einzelne Gottheiten nennen und ihre Anbetung schildern und der Volksglaube, der noch heute an sie anknüpft, ihr einstiges Vorhandensein beurkunden. Aber ebenso wenig lässt sich leugnen, dass die Elemente bei unseren Vorfahren in hoher Verehrung standen, dass man sie für heilig hielt, ihnen göttliche Kräfte zuschrieb, bei ihnen der Zukunft nachfragte und noch vieles andere tat, was uns zeigt, dass ihr Kultus eine der Hauptseiten der Religion der germanischen Stämme bildete. Ganz ähnlich verhielt es sich bei andern Völkern und namentlich auch bei den Kelten, den bekannten ältesten Bewohnern Galliens und Helvetiens, von denen wir ebenfalls eine Reihe von Tatsachen in Hinsicht auf die Verehrung der Elemente besitzen. Mit Recht sagt Grimm (Myth. 548): „Auf dem Grund und Boden des Elementardienstes erwächst niemals die eigentliche Religion des Volkes; der Glaube selbst entspringt in einer geheimnisvollen Fülle übersinnlicher Ideen, die mit jenen Stoffen nichts gemein hat, sondern sie sich unterwirft. Allein der Glaube duldet Heilighaltung der Elemente in seinem Gebiete, er vermischt sie mit sich und sie kann sogar, wenn er untergeht und vergröbert wird, unter dem Volke fortwähren und länger anhalten. Der gemeine Haufen lässt seine großen Gottheiten fahren und beharrt doch noch eine Zeit lang in dem Kultus vertraulicher Hausgötter; auch ihnen entsagt er und behält seine Scheu vor den Elementen. Die Geschichte des heidnischen und christlichen Glaubens lehrt, wie lange nach Untergang jenes und Befestigung dieses eine Menge abergläubischer Gebräuche fortdauern, die mit Verehrung der Elemente zusammenhängen; es ist der letzte kaum austilgbare Überrest; nach dem Zerfall der Götter treten die nackten Stoffe wieder vor, mit denen sich das Wesen jener geheimnisvoll vermählt hatte.“

Der Beweis für diese Behauptung liegt sofort klar zu Tage, sobald man an eine Prüfung der Sagen, des Volksglaubens, der Festgebräuche geht; in der Schweiz z.B. weiß das Volk nichts mehr von keltischen und germanischen Gottheiten, selbst die Dämonen, in welche sie sich verwandelt, entschwinden; aber noch immer flammen Feuer auf den Bergen, werden die Gewässer beleuchtet, taucht man Kranke mit geheimnisvollen Zeremonien in Quellen ein, opfert man bei Steinen und lässt sich von Wolken, Wind und Schnee die Zukunft prophezeien.

Wurden aber auch von allen heidnischen Völkern die Elemente verehrt und stehen sie noch heut in hohem Ansehen, so folgt daraus noch keineswegs, dass nicht das eine überall oder nur bei einzelnen Stämmen mehr hervortrat und sich ein höheres Ansehen errang, als die andern. Freilich haben wir darüber nicht immer ein sicheres Urteil, weil die Quellen nicht gleichmäßig fließen und der Elementarkultus auch noch keineswegs die ihm gebührende, tief eingreifende Bearbeitung gefunden hat. Aber so viel steht doch fest, dass z.B. der Stein, der Felsblock für den Kelten weit bedeutsamer war als für den Germanen. Im Allgemeinen aber stellt sich als unzweifelhaft heraus, dass Feuer und Wasser, weil sie sich den Sinnen weit mehr fühlbar machten und weil ihre Wirkung in jeder Minute gesehen wurde, die Verehrung kräftiger an sich zogen, als die freilich alles erzeugende und nährende, aber doch unbewegliche Erde und selbst als die wohl dem Ohr und dem Gefühl, aber nicht dem Auge bemerkbare Luft. Noch heut wirken ja der rinnende, murmelnde Bach, die lodernde Flamme, wenn nicht stärker, doch jedenfalls häufiger auf uns ein, als das Wehen des Windes, der grüne Rasenteppich, der freundliche Hügel. Wie hätte es bei unseren Vorfahren, deren Geist und Gemüt mehr als der unsrige sinnlichen Einflüssen geöffnet war, anders sein können!

Was die Schweiz betrifft, so weisen die zahlreichsten Spuren von Elementarkultus auf Wasserdienst hin und keine Gegend dieses Landes, herrsche nun in ihr die deutsche, französische, romanische oder italienische Nationalität vor, ist von demselben entblößt oder auch mit ihm verhältnismäßig nur schwach bedacht. Überall, in Sagen, wie in Gebräuchen, im Volksglauben, wie in Kinderreimen hebt sich das heilige, reinigende, sühnende, befruchtende Element heraus und es ist wirklich auffallend, wie groß die Bedeutung war, welche ihm im Mittelalter und noch in den letzten Jahrhunderten beigelegt wurde. Selbst das Feuer tritt gegen das Wasser so sehr in den Hintergrund, dass man genötigt ist, ohne Widerspruch dem Wasserkultus den ersten Rang und den durchgreifendsten Einfluss auf das gesamte Volksleben zuzugestehen. Wir wollen, weil sich das im Verfolg unserer Untersuchung leicht ergeben wird, hier nur an die Bäder erinnern, welche alle Stände und alle Alter in einem uns fast unbegreiflichen Maße liebten, denen sie Stunden und Tage weihten, ohne welche kein feierlicher, für das ganze Leben bedeutsamer Akt vor sich gehen konnte und deren Wirksamkeit so außerordentlich hoch erhoben wurde, dass man sich durch sie von jedem geistigen und leiblichen Übel und selbst von dem jedem Menschen unerbittlich herannahenden Alter befreien zu können glaubte.

Je zahlreicher und bedeutsamer aber die Spuren und Überreste des schweizerischen Wasserkultus, welche in Schriften aufgezeichnet wurden oder im Volk noch vorhanden sind, sich darstellen, desto wichtiger wird es, sie, ehe sie ganz verschwinden und untergehen, zu sammeln und zu beleuchten. Freilich hat das seine großen Schwierigkeiten, weil bisher noch gar keine Vorarbeiten gemacht wurden und gerade die interessantesten Materialien von denjenigen, in deren Hände sie zufällig gelangten, durch unvollständige Wiedergabe oder durch willkürliche Ausschmückung für immer verdorben worden sind. Doch einerseits verlangt auch niemand jetzt schon eine vollständige und erschöpfende Darlegung aller Formen, in welchen sich die Verehrung des Wassers einst aussprach, sowie eine genaue Geschichte seines Dienstes und andererseits hat auch der einzelne Sammler eine an Erträgen reiche Ernte zu erwarten, weil er das ganze Gebiet nach allen Himmelsrichtungen durchwandern darf. Sollte sich dabei eine sichere Grundlage für alle spätern Forschungen, der feste Punkt des Archimedes finden lassen, so wäre damit unendlich viel gewonnen, weil es in diesem Falle an Kräften nicht fehlen kann, welche, auf der betretenen Bahn fortschreitend, dieselbe mehr und mehr ebnen und nach allen Seiten hin erweitern und fortführen werden.

Indem wir daher den Versuch machen, wenigstens einen Teil des Wasserkultus, den Kultus der Quellen und Bäche in seinen Grundzügen darzustellen und zu betrachten, verzichten wir von vornherein darauf, dasjenige auszuscheiden, was den einzelnen Religionen angehört.1 Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, solche Sagen, welche in der keltischen Mythologie wurzeln, von deren germanischen Ursprungs zu trennen; ja wir vermögen nicht einmal gallische und deutsche Altertümer, trotzdem sie doch viel Abweichendes an sich tragen, immer mit vollster Sicherheit zu bestimmen. Wie sollten wir es da wagen können, den fast überall zusammentreffenden Elementarkultus in seinen einzelnen Äußerungen teilweise diesem, teilweise jenem Volke zuzusprechen. Im Allgemeinen sind wir freilich zu der Annahme berechtigt, dass wir es in den meisten Fällen mit germanischem Brauch zu tun haben. Was die deutsche Schweiz betrifft, so ist das leicht begreiflich, weil hier die Kelten jedenfalls teils ganz verschwanden, teils so geschwächt und unterdrückt wurden, dass sie auf ihre Besieger wenig Einfluss ausüben konnten. Aber auch in der französischen Schweiz hat das deutsche Element, das dort mit den Burgundern Fuß fasste, sich in Sage, Recht und Brauch ziemlich wohl erhalten, obwohl es nicht einmal die Sprache zu wahren wusste. Ganz ähnlich verhält es sich in Bünden, wo selbst in durchweg romanischen Gegenden der deutsche Zwerg sich neben der gallischen Fee behauptet hat und höchstens in der italienischen Schweiz müssen wir darauf verzichten, germanischen Wasserkultus anzutreffen, obwohl auch darüber nicht einmal etwas Unumstößliches feststehen kann.

1. Dass das Wasser im Allgemeinen, das rinnende wie das stehende (und selbst das geschöpfte) der heidnischen Bewohnern der Schweiz heilig war, ergibt sich nicht nur aus einzelnen Tatsachen, welche dafür den direktesten Beweis liefern und die wir an geeigneter Stelle berücksichtigen werden, sondern vorzüglich auch daraus, dass noch heute eine große Anzahl vor Quellen, Bächen und Seen als verehrt nachgewiesen werden kann. Namentlich ist dies bei Quellen und Brunnen der Fall und es bestätigt sich dadurch Grimms Behauptung, dass vorzüglich der Ursprung als heilig galt. Leicht lässt sich diese Tatsache erklären. Nachdem das wunderbare Element unendlich lange tief unten in der schwarzen, finstern Unterwelt geblieben und dann langsam auf weitem unbekanntem Wege emporgestiegenen2, wird es von der Mutter aller Dinge, der Erde, an das Licht des Tages geboren, um die Erzeugerin selbst zu befruchten. Geheimnisvoll und deshalb heilig ist sein Entstehen, geheimnisvoll sein Erscheinen, geheimnisvoll auch sein ganzes Wesen. Während die Erde still und tot da zu liegen scheint, zeigt das Wasser Leben und Kraft; es bewegt sich und spricht; ruhelos und rastlos, dem Menschen ähnlich, strebt es in die Ferne hinaus, überallhin Wohlsein und Gedeihen bringend. Aber es lebt die Quelle nicht nur, sie erscheint auch unsterblich. Während Geschlechter und Völker untergehen, dauert sie fort und blüht dabei in ewiger, schöner Jugend. Alle Elemente sind ferner reinigend, heilend, sühnend, vorzüglich aber das Wasser; um aber dasjenige fortnehmen zu körnen, was Körper und Seele befleckt, muss es selbst rein sein und darauf hat es nur in dem Augenblick, wenn es aus dem Boden hervorquillt, vollen Anspruch. Das spricht sich auch in der Sage aus. Die Flussgottheiten können Männer und Greise sein, diejenigen der Quellen müssen stets als Jungfrauen gedacht werden3; während jene zürnen, schaden und den Tod bringen, liegt auf ihrer Stirn ewige Schönheit, ewige Ruhe, ewige Milde und wo sie auftreten, bringen sie Segen und Gedeihen.

Aus demselben Grunde, weil das Wasser an seinem Ursprung reiner und heiliger und deshalb in jeder Hinsicht wirksamer ist, zieht man als Taufwasser dasjenige der Quellen und Sodbrunnen vor. Taufen in Flüssen rechtfertigen sich zwar ebenfalls, dagegen entsprechen sie, in Teichen und Seen vorgenommen, der ursprünglicher Vorstellung gewiss nicht. Es lässt sich kaum zweifeln, dass die bei den nordischen Heiden gebräuchliche Heiligung des neugebornen Kindes mit Wasser (vatni ausa), das wahrscheinlich auch bei den Germanen geübte Begießen, ebenfalls mit Wasser aus Quellen oder doch aus Strömen bewirkt werden musste. Beschauen wir uns ferner die Bäder des Mittelalters, so bemerken wir, dass auch da die Quellen vorgezogen wurden; man pflegte sich in sie einzutauchen, mochten sie auch noch so kalt sein und kaum eine Minuten langes Verweilen gestatten. Noch heute finden die Abwaschungen kranker Kinder, auch wenn diese sehr leidend sind, unmittelbar im Ausfluss selbst statt. Das geschöpfte Wasser genügt nur in den seltenen Fällen, wenn es an besonderen Tagen und zu bestimmter Stunde geholt wurde und von der Sonne unbeschienen war. Wenn im Verenenloche zu Baden im Aargau unfruchtbare Frauen die Erfüllung ihrer Hoffnungen suchten, so mussten sie, um des Erfolges sicher zu sein, das Bein in die Öffnung stecken, aus welcher das heilsame Wasser hervorströmt. Und von der heiligen Quelle zu Sacramentswald erzählt die Tradition, dass sie sich weder in Trinkgefässe auffangen noch in Wannen leiten lässt.

Dürfen wir schon im Allgemeinen den Ursprung als heilig betrachten, so besitzen wir doch auch viele Quellen, bei denen sich die Verehrung aus dem Namen oder aus ihrer Bedeutung im Volksglauben ergibt und die also den für alle geltenden Satz bestätigen. Einzelne Brunnen heißen ausdrücklich heilige, so z. B. das „heilig Brünneli" zu Ossingen im Kanton Zürich und der heilige Brunnen im Dorfe Ittigen bei Sissach (Brunner Merkwürdigkeiten 2072). Eine Ortschaft Heiligenbrunn findet sich in der innerrhodischen Pfarre Oberegg, eine andere zu Bernang. Außerdem werden die vierzehn Brunnen vor dem Kloster Einsiedeln, die Verenabadquelle zu Baden, der St. Felix und Regula Brunnen zu Zürich und einige andere ausdrücklich als heilige bezeichnet. Sobald einmal nach dem Vorgange der antiquarischen Gesellschaft zu Zürich die Acker-, Wiesen- und Quellnamen der Schweiz treu aufgezeichnet sind, werden sich unzweifelhaft noch mehr dieser Namen ergeben. Häufiger als die heiligen Brunnen treten die Gutbrunnen auf, welche bei dem innigen Zusammenhang der Heilbrunnen mit jenen ebenfalls in Betracht kommen. Ein Gutbrunnen befindet sich zu Dachsen (Zürich), ein Gutenbrunnen, heilsam gegen Brustübel, in der Pfarre Belp (Bern) und ein anderer in Obersimmenthal ; ein Gütlibrunnen , eine außerordentlich klare und dabei sehr starke Quelle, angeblich der Ausfluss des hochgelegenen Muttsee, bei Lintthal im Kanton Glarus. Der Name bonne fontaine findet sich, wirklich an heilsamen Quellen haftend, auf dem Moléson und in den freiburgischen Pfarren Praroman und Girisiez.







Als heilige Brunnen sind ferner diejenigen zu betrachten, welche durch unmittelbare, göttliche Einwirkung, durch ein Wunder hervorgerufen wurden4, wie z. B. der Quell, welchen Moses aus dem Felsen schlug, die Quelle der Rhea in Arkadien, die Rossquellen auf dem Helikon, zu Korinth und zu Troezene, die Brunnen, welche Wuotan, Balder und Karl der Große ihrem durstenden Heere geschaffen haben sollen sowie auch die zahlreichen Quellen, welche Heiligen ihren Ursprung verdanken (Grimm Myth. 550). Auch an solchen Brunnen fehlt es der Schweiz nicht. Als einmal aus Mangel an Wasser zu Olsberg Menschen und Tiere zu Grunde gingen und man täglich im Kloster Bußpredigten hielt, sprudelte plötzlich, während ein frommer Kaplan Messe las, hinter dem Altar eine schöne Quelle hervor, die fortan aller Not ein Ende machte (Rochholz Sagen I. 29 [16]). Sowohl die Quelle als der Geistliche galten fortan als heilig. Bei dem Kirchlein zu Munzach zeigte sich einst die Mutter Gottes. An der Stelle, welche ihr Fuß betrat, entsprang der treffliche Brunnen, der Jahrhunderte lang von den Pilgern mit Scheu und Ehrfurcht getrunken wurde, wenn sie, Heilung von körperlichen Leiden suchend, hierher kamen (Lenggenhagen Schlösser in Basel-Land 283). Man leitete ihn als Heilbrunnen in das ziemlich entfernte Siechenbaus. In der Nähe seiner Einsiedelei im St. Immerthal ließ, der heilige Himerius einen Quell hervorströmen, indem er mit dem Schößlein eines Baumes den Boden berührte; sein Wasser galt als ausgezeichnetes Heilmittel (Hottinger Kirchengeschichte I. 238). Die Quelle von Sakramentswald in Unterwalden entstand, als Räuber auf der Alp das gestohlene heilige Sakrament niedergelegt hatten; man errichtete sofort über ihr eine Kapelle und sie zeigt drei wunderbare Eigenschaften, befreit nämlich den Badenden von allen Krankheiten, lässt sich nicht trinken und kann auch nicht herausgeleitet werden (Lang histor. theol. Grundriss I. 867). Auf der kleinen Insel Umberau bei Klingnau steckte St. Verena drei Finger in den Boden und rief damit einen schönen Brunnen hervor; zwei andere ließ sie zu Zurzach entspringen (Rochholz 1. c. I. Nr. 9). Zu St. Gingolph schlug der Heilige, dessen Namen der Ort führt, wie Moses mit seinem Stab Wasser aus dem Boden und es entstand ein Quell, welcher alle Krankheiten des Unterleibs vertreibt (Des Loges Voyage d. 1. dép. du Simplon 36). In gleicher Weise rief St. Lupicinus die kräftige Badquelle zu St. Loup (Waadt) hervor und der Brunnen der heiligen drei Angelsachsen zu Sarmenstorf entstand, als ihre abgeschlagenen Häupter zur Erde fielen.

Dass alle diese Quellen ihr Ansehen und ihre Verehrung in christlicher Zeit heidnischen Anschauungen und Begriffen verdanken, daran können wir nicht zweifeln. Wir wissen, dass der Quellkultus im keltischen und germanischen Heidentum starke Wurzeln hatte und besitzen eine große Reihe kirchlicher und weltlicher Verbote, aus denen nicht nur hervorgeht, wie schwer er auszurotten war, sondern auch, dass das früheste Christentum jede Gemeinschaft mit ihm abwies5. Mit der größten Konsequenz traten ursprünglich die christlichen Sendboten der Verehrung der Bäche und Brunnen entgegen und wir dürfen gewiss sein, dass sie heilige Brunnen auch in dem Sinne, wie sie die katholische Kirche gegenwärtig, wenn nicht annimmt, doch zulässt, niemals anerkannten, denn sonst würden sich in den Verboten irgendwelche Spuren der Ausnahme von der Regel finden. Dies ist aber nirgends der Fall; überall erfolgt der schon von St. Eligius in seiner bekannten Predigt gegebene Befehl, die Quellen und Bäume, welche man heilige nennt, zu zerstören.6 Erst als der Versuch der Vernichtung wenigstens teilweise misslang und das Volk nach wie vor der alten eingewurzelten Gewohnheit treu blieb, wich man auch hier wie in so vielen andern Dingen seiner zähen Ausdauer, indem man christliche Legenden an die Stelle heidnischer Traditionen treten ließ und Brunnen, welche vielleicht Wuotan, Balder, Holda u.s.w. geweiht gewesen waren, auf kirchliche Heilige übertrug. Es stimmt dies ganz mit der Sitte, auf altheidnischen Kultstätten christliche Tempel zu erbauen und heidnische Feste in christliche umzuwandeln, was bekanntlich von Päpsten und Heidenaposteln angeraten und durchgeführt wurde.7 Einzelne Heilige, welche (wie z. B. St. Verena) schon in ihre Legenden zahlreiche mythische Bezüge aufgenommen haben oder die sich gar aus mythischen Wesen entwickelten, besitzen deshalb auch viele solcher Gewässer und (beiläufig bemerkt), da man sich mit den Steinen in demselben Fall befand, auch heilige Felsen und Höhlen, trotzdem die Kirche ursprünglich den Steindienst nicht weniger entschieden verwarf als den Quellkultus.

Dass diese Erklärung des Auftretens von Quellen, welche christlichen Heiligen geweiht waren, begründet ist, ergibt sich auch daraus, dass die wunderbare Entstehung von Brunnen und Quellen in einzelnen Fällen noch der Einwirkung mythischer Wesen, Zwerge und Heroen zugeschrieben wird. Als der Ziegelbrenner Bartli am kahlen Berglein auf der Heide zu Lengnau (Aargau) sich ansiedelte, ließ das ihm günstig gesinnte Heidenwibli seine Reben gedeihen und auf dem Felsen das so genannte Heidewibli-Brünnli entspringen. (Rochholz 1. c. I. 176). In dem Augenblick des feierlichen Eidschwurs der drei Männer im Grütli entsprangen zu ihren Füßen drei schöne Quellen. Das Schongauer-Bad auf dem Lindenberge sprudelt an der Mordeiche, an welcher der Aargauer Blaubart Rüfengügges die von ihm verlockten Mädchen zu erhängen pflegte und ein Jungfernbrunnen zu Langrüti (Kanton Zug) entstand auf der Stelle, wo ein Zwingherr mehrere tugendhafte Jungfrauen umbrachte (Stadlin Gesch. v. Zug I. 33)

Bezeichnend ist es, dass das oben erwähnte Schongauer-Bad in früherer Zeit Guggi- und Heidenbad hieß. Der Gugger ist bekanntlich der Teufel, der so oft an die Stelle heidnischer Götter trat. Ein heilsamer Guggersbrunn findet sich noch im Kanton Appenzell; ein anderer zu Ottenbach (Zürich). In der Berner-Gemeinde Guggisberg ist ein Ort Guggersbach. Am Fußwege von Gais nach Appenzell liegt die waldige Kluft Guggerloch mit einer Trinkquelle, neben welcher eine Frau aus Dankbarkeit für die glückliche Befreiung von einem Augenübel eine Kapelle erbaute (Lutz Lexikon IV. 100). Den Namen Heidenbad führt auch das Bad zu Ibenmoss im Kanton Luzern (Baltbasar 11. 185); ein Heidenbrünnlein kennt Bruckner (362) zu Holee bei Binningen, ein anderes ist zu Oberhof im Aargau, ein drittes zu Grindelwald. Auch die so genannten Zeitbrunnen, von denen noch die Rede sein wird, heißen Heidenbrunnen. Gewiss sind diese Namen geeignet, die Ansicht von der früheren Bedeutung dieser Quellen, die sich schon durch ihre Benutzung als Heilquellen begründet, noch mehr zu stützen.

Es sei uns gestattet, hier noch einige Quell- und Bachnamen, welche ebenfalls mythische Beziehungen und Quellkultus verraten, einzufügen. Häufig kommen Hellbäche vor; wir finden deren z.B. in den Zürcher Flurnamen zu Brütten, Rickenbach, Rutschweil-Bänk und Töss. Ein Hellbach ist oberhalb Waag im Sernftthal; zwei Hellmühlen befinden sich im Aargau, Kreis Othmarsingen und bei Amrisweil im Thurgau. Das Helloch ist beim Rheinfall zu Laufenburg, der Höllhaken bei Rheinfelden, der gespensterreiche Helgraben bei Leuk. Der Name Doggelibrunnenwald (bei Rüderswyl) deutet darauf hin, dass dort ein Brunnen Zwergen gehörte, denn Doggeli ist im Kanton die gebräuchliche Bezeichnung der Zwerge (Jahn Kanton Bern 512.) Eine Salzquelle zu Ryken war das Eigenthum der Heidemandli, ebenso das Aescher- oder Heidenbrünnlein bei Oberhof und das Schellenbrünnlein auf der Staffelegg (Rochholz 1. 270, 295, 313) und viele andere. Der Dürst oder wilde Jäger wohnt beim Cappeler-Born und seine Geliebte beim Bachteler-Bad, das auch das Allerheiligen-Bad heißt. (Anahein im Schweiz. Unterhaltungsblatt 1848 No. 38). Am Fuße des Childberg hat der Schimmelreiter seinen Brunnen, ebenso der Stiefelireuter im Maiengrün u.s.w. Unweit der Ruine Haldenstein (Bündten) ist eine heilsame Quelle, welcher die sie bewohnende Quelljungfer die Kraft verleiht, Kranke von ihrem Übel zu befreien; man sieht oft eine weiße Gestalt neben dem Born sitzen (Vernaleken Alpensagen 233). Eine solche weiße Frau sitzt auch am St. Margarethen-Brunnen in Basel-Landschaft. Den Namen Hollabrunn, dem wir doch in Deutschland begegnen, finden wir in der Schweiz nirgends.

Neben den erwähnten, durch Heilige geradezu hervorgerufenen Quellen gibt es noch eine sehr große Anzahl solcher, welche von christlichen Märtyrern und Bekennern den Namen führen und teilweise auch mit der Legende in Verbindung gesetzt werden; sie gelten ebenfalls, trotzdem nur ein geringer Teil mineralische Beimischungen enthält, als vorzüglich heilkräftig. Wir müssen uns versagen, sie hier sämtlich anzuführen und heben deshalb nur die bedeutsamsten heraus. St. Verena besitzt außer den bereits erwähnten drei Quellen noch drei weitere: das Verenaloch, eine incrustierende Quelle zu Oltingen, den Quell bei der Einsiedelei zu Solothurn und den heiligen Quell zu Baden im Aargau, der, wie schon erwähnt, von unfruchtbaren Frauen benutzt zu werden pflegte. St. Felix und Regula, den Patronen der Stadt Zürich waren eine Quelle am Fuß der Baumgartenwand bei Lintthal und die einst berühmte Quelle in der Wasserkirche zu Zürich geweiht; bei beiden sollen die Heiligen gewohnt haben. Ein St. Gallusbrunnen befindet sich am Tössstock, ein zweiter zu Tuggen, wo St. Columban und seine Gefährten die Götzen zerstörten; zwei Meinradsbrunnen finden wir in der Nähe der Schindellegi und des Etzels, zu Pfungen den St. Pirminiusbrunnen, oberhalb Chur am Mittenberg die Höhle und die Quelle des heiligen Königssohnes Lucius, zu Remüs den Brunnen des heiligen Florin, dessen Wasser sich in Wein verwandelte, zu Beinwyl den Brunnen des heiligen Pfarrers Burkhardt, der so viele Krüppel herstellte, dass von den in der dortigen Kirche aufgehängten Krücken, Stelzen und wächsernen Gliedern der Ort selbst den Beinamen Ghanget-Beuel empfing8, zu Einsiedeln den Brunnen Gottes, seiner Mutter und der zwölf Apostel, zu Bad Lenk Unserer lieben Frauen Brunnen, zu Verossa im Wallis den Quell des Burgunderkönigs St. Sigismund, bei Airolo den St. Carlsbrunnen und viele andere. Dass auch diese Heiligenbrunnen, wie jene durch Heilige hervorgerufene, dem heidnischen Quellkultus ihre noch heute fortdauernde Verehrung verdanken, ergibt sich aus dem bereits eben Gesagten, aber auch aus den Erzählungen der Legenden selbst, sobald man auf dieselben näher eingeht. Es sei uns gestattet, so kurz als möglich bei einigen den mythischen Ursprung der an ihnen haftenden Sage aufzuweisen. Auf dem Rigi ist der Schwesternbrunnen zu Kaltbad, bei welchem zur Zeit der Verfolgungen der habsburgischen Landvögte drei heilige Jungfrauen sich niedergelassen haben sollen. Sind auch die Namen der drei von der Kirche nicht angenommenen Bekennerinnen nirgends genannt, so entdecken wir doch leicht in ihnen jene St. Einbett, St. Warbett und St. Wilbett, welche Panzer in Bayern so häufig nachgewiesen hat und von denen wir auch zu Basel, im Haslithal und anderswo Sagen finden. Ein zweiter Schwesternbrunnen ist zu Rafz (Kanton Zürich), ein Riaux des filles ergießt sich im Waadtland in die Tine (Levade Waadt 308). Auf dem Kronberg (Appenzell) befindet sich der St. Jakobsbrunnen, auch der Wunderbrunnen genannt, in der Nähe einer Kapelle der Apostel Bartholomäus und Jacobus; der letztere soll von hier aus seinen Wanderstab bis nach San Jago di Compostella [Santiago de Compostela] geworfen haben. Unter diesem schleudernden St. Jacobus verbirgt sich, wie wir an einem andern Orte (Berchtoldstag S. 36) nachgewiesen haben, niemand anders als Donar, dessen Hammer Miölnir sich in manchen Sagen in einen Stab verwandelt. Bei Courfaivre im Berner Jura liegt unweit eines Hexentanzplatzes und mehrerer Feenkreise die Grotte der heiligen Columba und bei derselben sprudelt der Brunnen der Einsiedlerin, aus welchem sie zu trinken pflegte und der als geweiht betrachtet wird. Er heilt alle Krankheiten und die Mütter pflegen ihre verkümmernden Kinder in das eiskalte Wasser zu tauchen (Quiquerez in Coup d'oeil d. l. Soc. Jur. 1856 Pag. 138). Eine andere Höhle und einen anderen gleich wirksamen Brunnen derselben Heiligen sieht man bei Undervelier am Ufer der Sorne (Fäsi Erdbeschreibung IV. 528). Die Kirche weiß von der heiligen Columba, der auch im französischen Jura Quellen und Steine geweiht sind, nichts; auch im Volke hat sich nicht mehr erhalten, als dass sie fromm und keusch in Höhlen und in der Einsamkeit lebte und man glaubt sie deshalb zu den keltischen Feen rechnen zu dürfen, von denen noch viele Traditionen erhalten sind und deren Vorhandensein an dieser Stelle die nahen Feenkreise bestätigen.9 Jedenfalls ist hier die Heiligkeit der Quelle nicht einmal durch die kirchliche Legende anerkannt worden.

Aber nicht allein dadurch, dass man gewisse Brunnen als durch Heilige hervorgerufen oder von ihnen gesegnet und mit heilsamen Wirkungen begabt anerkannte, suchte in frühester Zeit die Kirche den heidnischen Quelldienst umzuwandeln; sie gestattete es sogar, dass einzelne ehedem heilige Gewässer in Kirchen und Kapellen aufgenommen und zu Taufbrunnen gemacht wurden. Beispiele dafür haben wir in Deutschland nicht selten; in der Schweiz kennen wir den schon erwähnten Brunnen unter dem Altar zu Olsberg, den Burkhardt-Brunnen in der Kirche zu Beinwyl, die St. Felix und Regula Quelle zu Zürich, die Quelle zu Sakramentswald, die Quelle zu St. Villette (Waadt), welche wunderbarer Weise alljährlich einen Rosenstock zur frühen Blühe brachte und andere, welche sämtlich zugleich Gesundbrunnen sind. Viele Quellen befinden sich mindestens an Kirchen oder in der Nähe derselben, z. B. der Verenenbrunnen an der linken Mauer der Zurzacherkirche, dessen Wasser vom Volke so geschätzt wird wie Weihwasser (Rochholz Sagen I. 14), der St. Annabrunn bei der ehemaligen Wallfahrtskirche zu Oberstammheim (Zürich), der heilige Brunnen zu Einsiedeln, das St. Martinsbad unweit der St. Martinskapelle zu Worms im Veltlin und andere. In vielen Fällen wurde die Kirche oder Kapelle selbst nach der Legende neben den Pilger und Wallfahrer anziehenden Brunnen hingebaut, wie z. B. zu Munzach, auf dem Kronberg, beim St. Himeriusquell, auf Rigi Kaltbad u.s.w. Auch Klöster errichtete man neben heiligen Quellen, wie z. B. Fontaine St. André (Neuenburg) ursprünglich an einem verehrten Brunnen im Val de Ruz erbaut wurde und von ihm auch den Namen empfing. Dasselbe wird auch, nach dem Namen zu schließen, bei dem Kloster Fraubrunnen der Fall gewesen sein, da hier ein der Mutter Gottes geweihtes Gewässer vermutet werden muss.10 Eine Erinnerung an heidnische Tempel bei Quellen beurkundet sich in der Tradition, dass am Hinterrhein unmittelbar am Ausflusse desselben aus dem Gletscher ein Tempel der Nymphen gestanden habe; eine kleine Glocke in der Dorfkirche soll von dort herstammen.11 Auch bei der so genannten Heidenkirche auf dem Isenberge unweit Ottenbach (wo im vorigen Jahrhundert wirklich Säulen, anscheinend von einem Tempel herrührend, entdeckt wurden) soll ein wunderschöner Brunnen gewesen sein.







Wie man noch heut beim Ausbruch eines Feuers in einigen Gegenden dieses dadurch zu löschen sucht, dass man Reliquien hineinwirft und feierliche Besprechungen durch Priester stattfinden lässt; wie man ferner eben dieselben Mittel gegen Stürme und Ungewitter in Anwendung brachte so pflegte man sonst wohl auch aufgeregte Gewässer durch Segnungen zu besänftigen. Dergleichen kommt noch in den Pyrenäen und in einigen andern Gegenden Frankreichs vor und Giraldus Cambrensis (Top. Hib. 2, 7) erzählt von einer Quelle in der irischen Provinz Munster, welche, wenn sie von Menschen berührt oder auch nur gesehen wurde, die Gegend überschwemmte, bis sie durch Aussprengung von Weihwasser und von Milch einer einfarbigen Kuh nach heidnischem und unvernünftigem Brauch" wieder versöhnt worden war. Sowohl dieses Milchopfer als auch die Segnungen deuten auf Kultus der Quelle, welcher man dämonische Eigenschaften zuschrieb, hin. Wir sind nicht im Stande, ähnliche Weihungen bei den zahlreichen stürmenden Seen der Schweiz nachzuweisen; dagegen war es aber überhaupt Sitte, zu gewissen Zeiten die Gewässer zu segnen. Zu Sempach findet noch heute alljährlich am Mittwoch in den Bittfasten ein Bittgang um die Stadt und die feierliche Segnung des Sees statt; die benachbarten Gemeinden pflegen sich dem Umgang anzuschließen (Geschichtsfreund 14, 61). Dasselbe geschah in Bezug auf den Zugersee und andere. Damit der Lünersee am Scesaplana nicht ausbricht und das Unterland verbeert, lässt man alljährlich Messen lesen. Zu Ostern und Pfingsten pflegte man die Taufbrunnen zu segnen (Hottinger Kirchengeschichte 2, 677). Den Namen 'gesegneter Brunnen' führt eine herrliche Quelle in der Nähe eines Kreuzes bei Zermatt, da wo der Reit- und der Fußweg nach dem St. Theoduls-Pass zusammentreffen. Haben wir vielleicht den Namen als Segen bringend zu erklären, so wird doch in den Legenden oft erwähnt, dass Heilige Quellen segneten und weihten und wir wissen auch, dass die laufenden wie die Ziehbrunnen alljährlich zu bestimmter Zeit, die letzteren auch bei ihrer Anlegung benedicirt wurden. In einem Manuskript des 11. Jahrhunderts, das sich in der Klosterbibliothek zu Rheinau befindet und augenscheinlich stark benutzt wurde, sind uns die Formeln für solche Weihungen und Exorzismen erhalten.12 Aus allen diesen Segnungen ergibt sich aber, dass den Quellen, Brunnen, Seen u. s. w., mochten sie nun der Sage nach von Geistern bewohnt sein oder nicht, dämonische Eigenschaften zugeschrieben wurden, welche sich nur durch den früheren Kultus erklären.

Weit verbreitet ist die Sage, dass man gewisse Seen nicht beunruhigen darf, weil sie sonst zu stürmen anfangen, austreten und die Umgegend verheeren oder aber Gewitter und Stürme hervorrufen. Wie Liebrecht (Otia imperialia 148) ganz richtig bemerkt, verdanken diese Traditionen oft dem Umstande, dass man durch eigentümliche Bräuche Regen zu bewirken suchte, ihre Entstehung und namentlich möchte diese in der Schweiz in Hinsicht auf die Sage vom Pilatussee der Fall sein. In vielen andern Fällen liegt dagegen in ihnen der Gedanke an eine dem Wasser oder seinem Dämon zugefügte Beleidigung zum Grunde. War das Wasser heilig, so durfte ihm kein Unberechtigter nahen, blieb jede Störung und Besudelung des reinen Elements untersagt. Klar ergibt sich, dass aus der eben angeführten Sage vom Quell zu Munster in Irland, der nicht einmal gesehen und noch weniger berührt werden durfte. Ihr schließt sich die schweizerische Sage von der Quelle in Bruderbalm, nicht weit von der unteren Nase am Bürgenberg, an. Dort soll ein Brunnen in der Tiefe des Sees sein; wenn man ihn mit lauter Stimme dreimal ruft, so quillt er mit großer Gewalt von Grund auf über das Seewasser hervor, sodass man eilends davon fliehen muss. Die Person aber, welche gerufen, muss noch in demselben Jahre sterben (Cysat Vierwaldstättersee 244). Dieselbe Strafe trifft auch denjenigen, welcher in den Seelisbergersee hineinschreit oder der sich am Karfreitag an den Pilatussee wagt und den Pilatus erblickt. Ein anderer, einst von allen Reisenden besuchter, jetzt indes fast vergessener Brunnen ist derjenige auf Engstlen-Alp (Bern). Er fließt nur im Sommer drei bis vier Monate lang (ist also ein so genannter Zeitbrunnen), aber dann auch nicht immer, sondern er steht oft mehrere Stunden lang ab und kommt darauf wieder mit unterirdischem Geräusch hervor, so stark, dass er ein Mühlrad treiben könnte. Man behauptete von ihm, dass er Menschen und Tieren außerordentlich wohl tue und niemals schade; auch fließe er so sanft über die Alp, dass er nicht einmal den Tau von den Pflanzen abspüle. Von ihm erzählt Scheuchzer in der zweiten und fünften Bergreise die Sage, dass er oft auf lange Zeit ausbleibe, wenn etwas Unreines hineingeworfen oder darin gewaschen werde; das wohltätige Wasser zürnt über die Besudelung und Entheiligung. Wer im Einfisch-Tal (Wallis) fließendes Wasser verunreinigt, verursacht den Seelen seiner verstorbenen Eltern Schmerzen (Des Loges Voyage 138). In den Ganges darf der Hindu nicht speien. Dass man auch die den Heiligen geweihten Brunnen nicht besudeln darf, ohne sich eines schweren Verbrechens schuldig zu machen, bedarf keiner ausdrücklichen Erwähnung.

Die Heiligkeit der Brunnen spricht sich ferner dadurch aus, dass sie die Zukunft verkünden; nur die Gottheit gibt Orakel.13 Alle Völker kannten weissagende Quellen; wir erinnern hier nur bei den Griechen an das redende Wasser Anapanomenos zu Dodona und an die Kastalische Quelle zu Delphi. In den nordischen Sagen haben wir Urds Brunnen, den Brunnen des Geschicks und Mimir's Brunnen. Nach Plutarch prophezeiten die weisen Frauen in Ariovists Heere aus den Strudeln der Flüsse. Dieselbe Weissagungsart kannte auch Clemens von Alexandrien und Papst Gregor III. ermahnt die getauften Deutschen, von den heidnischen Gebräuchen und namentlich von den Orakeln der Quellen (fontium auguria) abzustehen (Epist. bei Othlo Vit. Bon. I. p. 37). Quellen und auch Seen, welche emporsteigen und andere, welche versiegen, weissagen Unglück, Sterbefall und nahende Teuerung. Wenn des Landesfürsten Tod bevorsteht, hält der Fluss in seinem Lauf inne und gibt gleichsam Trauer zu erkennen. Versiegt der Brunnen, so stirbt bald der Herr des Geschlechts (Grimm D. S. No. 110. 103). Häufig sind besonders die Hungerbrunnen, welche, wenn sie ungewöhnlich reichlich fließen, ein unfruchtbares Jahr, Teuerung und Hungersnot verkünden; sie finden sich überall, namentlich außerhalb Deutschlands auch in England und schon Plinius (2. 103-106) erwähnt einen solchen mit den Worten. In Reatino Fons, Neminie adpellatus, alio atque alio loco exoritur, annonae mutationes significans. In der Schweiz stand früher besonders der Hungerbach zu Wangen (Zürich) in hohem Ansehen und Scheuchzer (Naturgeschichte I. 340) meint, er sei fast würdig, dass täglich seine Bewegungen auf obrigkeitlichen Befehl beobachtet und in ein Register eingetragen würden, damit das ganze Land sich vor Eintritt des Brotmangels vorsehen könne. Derselbe Schriftsteller gibt eine Vergleichung der Kornpreise mit dem Stand des Wassers zum Beweise, dass wirklich starker Wasserzufluss mit Teuerung zusammentreffe. Als andere Wasser gleicher Art bezeichnet er den Seltenbach zu Eglisau und den Haarsee bei Henggart; wenn dieser ganz ausgetrocknet ist, so glauben die Bauern an eine außerordentlich reiche Ernte. Weitere ähnliche Gewässer sind die Quelle Bramafan im Jauntal und der Mocausasee im Waadtlande, ein Quell bei der Ruine Neuenburg am Rhein (Schaffhausen), der Hornusser Hungerbrunnen im Fricktal und derjenige im Degermoos (Rochholz 1. e. 1. 40), der Weiher zu Nerach (Zürich), die Brunnen auf Aspi bei Affoltern am Albis und viele andere. Diese Hungerbrunnen heißen auch Heidenbrunnen. Von der Bedeutung, welche sie hatten, erhält man einen Begriff, wenn man Dietmar von Merseburgs (l. 1. cap. 3) Bericht über den See Glomazi im slavischen Elbland liest; er sagt nämlich, dass derselbe, je nachdem ein gutes Jahr oder Krieg zu erwarten war, Weizen und Hafer oder Blut und Asche ausströmte und dass die Anwohner ihn höher als die Kirchen verehrten und fürchteten (hunc omnis incola plus quam ecclesias, spe quamvis dubia veneratur et timet). Dass es wie Seen so auch Brunnen gab, welche das Wetter verkündigten, ergibt sich daraus, dass Witterung und Ernte nahe zusammen gehören. Wir können es außerdem aus dem Namen Wetterbrunnen (bei Wintersingen), den wir bei Bruckner (2374) finden, schließen und ferner wissen wir, dass das Schlagen der stehenden und fließenden Wasser durch die Hexen Stürme und Ungewitter hervorruft. Die intermittierende Quelle von Ebauches bei Morgens im Wallis prophezeit ebenfalls das schöne Wetter (Des Loges Voyage 44). Bei allen diesen Brunnen erzählt uns die Sage nichts von einem Geiste oder Dämon, der in und bei demselben seinen Sitz hat; wir haben aber als Ausnahme eine Sage vom Pilatus, nach welcher dort bei einer Quelle alljährlich zu gewisser Zeit eine Frau mit zwei weißen oder zwei schwarzen Ziegen erscheint, je nachdem wohlfeile Zeit oder Teuerung bevorsteht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ähnliche Überlieferungen auch von andern Gewässern vorhanden waren.

Eine sehr merkwürdige Tradition haben wir von dem Totenbächlein zu St. Stephan im Saauental, einer starken Quelle, welche am Eingange des Kirchhofes bervorquillt und sofort eine Mühle treibt. Sie soll sich nämlich bei Wetterveränderungen trüben und dann mehrere Stunden lang einen weißen Stoff auswerfen, bei schönem Wetter aber klar sein. Außerdem glauben aber auch die Einwohner, dass bald nach Eintritt der Trübung jemand aus der Gemeinde sterben muss und dass die Quelle früher auch den Eintritt der Pest geweissagt habe. Unter dem Kirchhofe soll ein ungeheurer Drache liegen; er beunruhigt das Wasser, wenn er von Zeit zu Zeit heftige Konvulsionen hat. Dieser eingeschlossene Drache erinnert an Loki, den Vater der Midgardsschlange, welchen einst die Asen seiner Untaten wegen über drei Felsen banden; träufelt man ihm das Gift des über ihm aufgehängten Wurms in die Augen, so schüttelt er sich, dass die ganze Erde sich bewegt und das nennt man Erdbeben. Unter den Konvulsionen des Drachen von St. Stephan sind wahrscheinlich ebenfalls Erderschütterungen zu verstehen, die ja bekanntlich in dem nahen Wallis häufig genug vorkommen. Jedenfalls deutet das Untier auf die Unterwelt hin. Für uns ist die Tradition besonders deshalb wichtig, weil nach ihr der Brunnen nicht nur das Wetter, sondern auch ein herannahendes Sterben und den Tod Einzelner verkündet.14 Wir haben schon erwähnt, dass ähnliche Brunnen auch von Grimm aufgeführt werden; wahrscheinlich waren sie in der Schweiz früher häufiger, denn wir haben allein im Kanton Zürich die Todtenbächlein zu Unterleimbach und zu Maschwanden und das Todtenbrünneli zu Wollishofen (Zürcher Flurnamen). Ob hierher auch der Totensee auf der Grimsel, der diesen Namen schon vor dem bekannten Kampfe der Österreicher und Franzosen führte, zu rechnen ist, wollen wir nicht entscheiden; Seen verkünden aber ebenfalls Todesfälle und im Fischteich zu St. Maurice zeigt eine tote Forelle das nahe Absterben eines Chorherrn, im Rootsee das Erscheinen eines großen Fisches den Tod des Grundherrn, ein ähnlicher Fisch 'gleich wie ein eichbaumiges Schiff' im Zugersee Krieg, Pest und Teuerung an.

Wir können hier gleich noch einer andern Art von Brunnen, welche ebenfalls hoch geachtet wurden, gedenken: Man behauptete von ihnen nämlich, dass sie nur zu denjenigen Zeiten flössen, wenn Menschen und Tiere ihrer bedürfen. Es sind dies die so genannten Maibrunnen (fontes majales) und sie treten im Gebirge sehr häufig auf, weil die Bedingungen für ihr Entstehen fast überall vorhanden sind. Den Namen Maibrunnen haben sie davon, dass sie meist im Mai zu fließen anfangen sollen; ihr Aufhören setzt man in den September, wenn die um Pfingsten auf die Alpen ziehenden Herden wieder heim kehren. Außerdem nennt man sie auch Zeitbrunnen, weil sie nur periodisch Wasser haben. Der vorhin erwähnte Engstlenbrunnen gehört zu ihnen. Von einigen dieser Quellen behauptet noch heut das Volk, dass sie genau an einem Marientage (Verkündigung, 25. März) hervorkommen und an einem andern (Geburt, 8. Sept.) abstehen; zu dieser Zahl gehört Unserer lieben Frauen Brunn zu Leuk und sie werden in der Regel als heilsam betrachtet. Andere fließen angeblich zwischen zwei Kreuztagen (Kreuz-Erfindung und Erhöhung). Gewiss ist diese Beziehung der Quellen zu christlichen Festen beachtenswert, obwohl leicht erklärlich. Da die Maibrunnen in der Tat wohltätig sind und oft dem Wassermangel abhelfen, so schrieb man ihr rechtzeitiges Erscheinen, das man sich nicht natürlich zu erklären wusste, einem Wunder zu, das freilich in heidnischer Zeit von den Göttern, in christlicher Zeit aber von den Heiligen ausgehen musste. Im Allgemeinen haben sie mit den Hungerbrunnen das gemein, dass ihre außergewöhnliche Wassermasse auf Teuerung hindeutet; aus dem ebenfalls vorkommenden Namen Schonbrunnen lässt sich auch auf Verkündigung des Wetters schließen. Als die merkwürdigsten unter ihnen erschienen übrigens diejenigen, welche täglich zu gewissen Stunden flossen, zu andern abstanden und oft ganz unerwartet mit Geräusch und reichem Erguss hervorsprudelten. Wie sollte man sich ein solches Phänomen anders als durch höhere, göttliche Einwirkung erklären? Ein solcher Quell war der schon erwähnte Anapauonenos zu Dodona und deshalb hieß er eben auch der Ausruhende; um Mitternacht sprudelte er am stärksten, um Mittag am schwächsten.15

Neben diesen zu verschiedenen Zeiten stärker oder schwächer fließenden Brunnen erregten auch alle andern Quellen Aufmerksamkeit, welche sich durch irgend etwas von den gewöhnlichen Wassern unterschieden, namentlich also alle eiskalten und alle heißen Quellen, die Gletscherbrunnen, die rotfärbenden und inkrustirenden Brunnen u.s.w. Wir können aber hier über sie fortgehen, da eine erschöpfende Behandlung an diesem Orte nicht möglich ist und einige der wesentlichsten Beobachtungen weiter unten vorgeführt werden sollen. Wir wenden uns deshalb lieber noch einigen Quellen zu, welche durch ihre Sage von höherer Bedeutung sind.

Das Wasser ist das fruchtbar machende Element. Ohne dasselbe lässt sich für alles Lebende; für Menschen, Tiere und Pflanzen weder Entstehung, noch Gedeihen und Entwicklung denken. Aus diesem Grunde geht auch von einer großen Anzahl von Brunnen und Teichen die Sage, dass aus ihnen die Kinder herkommen. So werden zu Köln die Kinder aus dem Brunnen bei der St. Cuniberts-Kirche geholt, zu Halle aus dem Gütchenteich, zu Braunschweig aus den zwei Gödebrunnen, zu Flensburg aus dem Brunnen auf dem Gebermarkte u.s.w. (Wolf Beiträge 1. 164). Derselbe Glaube ist auch in Belgien verbreitet. Wir kennen solche Brunnen in der Schweiz freilich nicht16, vielmehr erzählt man hier in der Regel, dass die Kinder aus Felsen und Bäumen kommen; aber wir zweifeln nicht, dass man sie noch auffinden wird.17 Jedenfalls ergibt sich die Beziehung der Brunnen und Bäche zu den Kindern aus dem Rufe, mit welchem die Knaben in Aarau den wieder erscheinenden Stadtbach begrüßen. Sie bezeichnen sich damit gewissermaßen als Kinder des Baches.18 (Rochholz Sagen I. 21.) Bemerkenswert ist auch der einst allgemein verbreitete Glaube, dass totgeborene Kinder durch die Taufe, wenigstens auf einige Minuten, in das Leben zurückgerufen werden könnten; namentlich soll dies besonders häufig in der Wallfahrtskirche Unserer lieben Frau zu Büren geschehen sein. (Hottinger Kirchengeschichte II. 971). Der Gedanke von der Fruchtbarmachung des Wassers spricht sich auch in der Meinung aus, dass viele Quellen, vorzüglich aber die heißen, die Unfruchtbarkeit der Frauen heben. In vorzüglichstem Rufe stand in dieser Hinsicht bekanntlich das Verenenbad zu Baden, welches Jahrhunderte lang von den angesehensten Frauen und, wie behauptet wird, mit vielem Erfolg benutzt wurde. Doch auch Bad Ganey im Prättigau verdankte demselben Glauben den größeren Teil seiner weiblichen Besucher. Bemerkenswert ist der Volksglaube zu Croutoy (Oise) in Frankreich. Eine Frau, welche während ihrer ersten Schwangerschaft nicht wenigstens dreimal aus der Quelle des heiligen Michael trinkt, bringt nur Mädchen zur Welt; diejenige, welche nach ihrer Entbindung die Windeln nicht an einem andern Quell, la Galène, wäscht, entehrt sich und erzieht nur ein geistig und körperlich elendes Kind. Übrigens ist nicht zu übersehen, dass im Mittelalter am Hochzeitstage Braut und Bräutigam ein Bad zu nehmen hatten, wie denn auch in einer gewissen Nacht des Jahres der Brunnen im Mondschein den Mädchen das Bild ihres künftigen Bräutigams zeigt (Panzer. I. 124).







In nahem Zusammenhange mit diesen Kinderbrunnen steht der Jungbrunnen, welchen das Mittelalter kannte; wer in ihm badet, heilt von Krankheiten und wird davor bewahrt; Rauchels legt darin ihre Haut ab und verwandelt sich in die schöne Sigeminne; ein solcher Brunnen gibt nicht nur Schönheit und Jugend, er hat sogar mitunter auch die Kraft, das Geschlecht zu verändern. Gleichbedeutend ist der ahd. quecprunno, mhd. quecprunne, auch kekprunno (fons vivus) (Grimm M. 554, Wolf Beiträge I. 167.) Schweizerische Sagen, welche einen solchen Brunnen, durch welchen eine förmliche Wiedergeburt bewirkt wird, ausdrücklich erwähnen, sind bis jetzt nicht aufgefunden worden, dagegen zeigt sich allerdings der Name. Bei St. Niclaus im Visperthal ist der wilde Jungbach und aus der Gadmenfluh im Berner Oberland brechen die Jüngisbrunnen, auch Achtelsaasbäche genannt, hervor. Bei Genf haben wir Eaux vives und Fontaine vive. Einen Queck- oder Keckbrunnen erwähnt Rochholz (Sagen I. 42) im Dorfe Waldhäusern im Aargau; ein Kechbrunnen befindet sich zu Obermettmenstetten (Zürich) und die Grenzen der Herrschaft Farnsburg bildeten ein Geggenbrunnen und ein Keckbrunnen (Bruckner 2144). In mehreren Fällen scheint man den Namen später missverstanden zu haben und wandelte ihn in Quecksilberbrunnen um; von diesen geht gewöhnlich die Sage, dass sie aus Rache durch hineingeschüttetes Quecksilber verdorben worden seien. Ob aus den Quecksilberbrunnen wieder die Silberbrunnen entstanden sind, lässt sich nicht bestimmen, möglich ist dies freilich, da zwar der Sage nach den Quellen oft Gold, aber niemals Silber beigemischt sein soll.

Aus allen diesen Zeugnissen über die hohe Bedeutung der Quellen, wie der Gewässer überhaupt, welche indes den Gegenstand keineswegs erschöpfen können und die sich namentlich dann, wenn auf Ströme und Seen eingegangen würde, noch bedeutend vermehren ließen, dürfen wir wohl mit vollem Recht den Schluss ziehen, dass auch in der Schweiz das Element des Wassers in hohem Grade verehrt wurde.

Simrock (Myth. 509) möchte zwar voraussetzen, dass in allen Fällen wenigstens bei den Germanen der Kultus nicht dem Wasser an sich, sondern dem in ihm wohnenden Fluss- und Quellgeist gegolten habe; wir halten indes diese Annahme für unrichtig. Abgesehen davon, dass, wie wir in der Einleitung an J. Grimm uns anschließend ausgeführt haben, überall und bei allen Völkern Elementarkultus stattfand, sind die Verbote des Mittelalters auch zu bestimmt; es ist in denselben stets deutlich und klar von Verehrung der Steine, Bäume und Quellen die Rede. Dass in einzelnen Fällen das Gewässer als von einem bösen Geiste bewohnt erscheint, ist freilich ebenso wahr, als dass in der Schweiz von Dämonen in Quellen, Flüssen und Seen nicht selten die Rede ist; aber dieser Umstand schließt gewiss nicht den reinen Wasserkultus aus. Jedenfalls müsste das Gegenteil erst bewiesen werden. Übrigens beabsichtigen wir nicht, diesen Punkt, dessen Besprechung zu weit führen würde, näher zu erörtern; wir haben deshalb auch häufig Quellen erwähnt, bei denen ein in ihnen hausender Dämon eine große Rolle spielt und werden es auch auf den folgenden Blättern so halten. Kaum würde sich auch feststellen lassen, ob der einzelne Brunnen zu heidnischer Zeit einem Gott geweiht war oder ob man erst in christlicher Zeit, wie es gewiss oft geschehen sein wird, dem verehrten Quell einen teuflischen Geist oder ein Gespenst zuschrieb. Ebenso wenig gehen wir an dieser Stelle auf die Wasserdämonen ein, obwohl sie in manchen Beziehungen zu interessanten Beobachtungen Anlass geben und dem deutschen Mythologen namentlich deshalb wichtig werden, weil hier das Hereinragen der keltischen Götterlehre in deutsches Sagentum oft bemerkbar hervortritt. Aber gerade darum führen sie auch von unserm Gegenstande zu weit ab und wir ziehen es deshalb vor, uns zur Ergänzung unserer Untersuchung den verschiedenen Kultusformen, so weit sich von ihnen noch Reste und Spuren erhalten haben, zuzuwenden.


1 Es sind in der Schweiz nicht nur Reste der keltischen und germanischen, sondern auch, wenn gleich seltener, der römischen Mythologie nachweisbar.

2 Woher kommen die Quellen? Die Sage weiß, dass sie aus einem ungeheuren See entfließen, der im Innern der Erde liegt und unter gewissen Umständen (beim Weltuntergang) ausbrechen und die Täler und Höhen überfluten kann. Dadurch erklärt es sich, weshalb so viele Bäche der Schweiz Ausflüsse hochgelegener Bergseen sein sollen. Dass dieser unermessliche See eigentlich der Welt umgürtende Ocean ist, lässt sich nicht bezweifeln.

3 In schweizerischen Sagen zeigen sich bei Quellen und Bächen nur Jungfrauen und weiße Frauen. Grimm (Grimm. 3, 384-6) bemerkt, dass in der deutschen Sprache die meisten Flussnamen weiblich sind. Niemals ist in einer heimischen Überlieferung von einem Dämon des Rheins die Rede, doch eddisch heißt die Rin (fem.) svinn, âskunna (prudens, a düs oriunda Saem. 248 a). Aus dem Rhodanus, le Rhône macht der Deutsche die Rhone.

4 Selten kommt es vor, dass Heilige Quellen versiegen lassen. Doch tut dies der heilige Mönch Spinulus auf Bitte des heiligen Nidulf, Stifters des Klosters Moyen-Moutier (gest. 707), als die von ihm hervorgerufene Salzquelle viel Volk anzog und die Buße der Mönche störte. (Schröckh Kirchengeschichte XX. 116.)

5 Nullus Christianus ad fana, vel ad petras, vel ad fontes, vel ad arborea aut ad cellos vel per trivia luminaria faciat aut vota reddere praesumat. - Fontes vel arbores, quos sacros vocant, succidite. (St. Eligius.) Venisti ad aliquem locum ad orandum nisi ad ecclesiam [...] id est vel ad fontes, vel ad lapides […] et ibi aut candelam, aut faculam pro veneratione loci incendisti, aut panem, aut aliquam oblationem illuc detulisti, aut ibi comedisti, aut aliquam salutem corporis aut animae ibi requisisti (Burchard v. Worms). Non lioet inter sentes aut ad arbores sacrivos vel ad fontes vota exsolvere (conc. autissiod. a. 586. can. 3) etc. Grimm Myth. 90.

6 St. Bonifacius duldete nicht einmal die von einigen Geistlichen auf den Feldern und bei Quellen errichteten Kreuze und Oratorien, die das Konzil von Soissons (744) auch wirklich verbot.

7 Fehr, der die katholische Kirche so eifrig gegen den Vorwurf verteidigt, dass sie den Aberglauben gefördert oder wenigstens geduldet habe, rechtfertigt die Nachgiebigkeit der Kirche mit den Worten: Die Kirche musste sich nicht nur zu den Bedürfnissen dieser rohen Völker voll Liebe und Nachsicht, wie es der Mutter eigen Ist, herablassen, sondern, wenn auch mit schmerzlichem Gefühle, ihre tief eingewurzelten heidnischen Vorurteile mit großer Langmut ertragen, wollte sie die Erziehung dieser Völker nicht aufgeben und sie auf die gefährlichsten Abwege geraten lassen. (Der Aberglaube und die kathol. Kirche des Mittelalters 30). Unser Herr Gott hat seine Märtyrer an die Stelle unserer Götter gesetzt, die er ihren Geschäften nachgehen ließ, sagt Theodoretus von Alexandrien (gest. 458) (Wolf Beiträge XIII.) Wichtig in dieser Hinsicht ist besonders das Schreiben des heiligen Papstes Gregor des Grossen an den Abt Mellitus in Franken.


8 Das Aufhängen von Armen und Beinen aus Holz verbietet als heidnisch der Indiculus superstitionum (Cap. XXIX. de ligneis pedibus vel manibus pagano ritu.)

9 Es ist indes auch eine andere Erklärung des Namens möglich. Zu den heiligen Steinen der Kelten gehören bekanntlich die sogenannten Menhir (von Men Stein und hir lang), säulenartig aufgerichtete Steine; wurde ein solcher Stein mit dem passenden Namen columna bezeichnet, so konnte aus einer heiligen Columna durch Verwechselung eine heilige Columba entstehen. Die Säule heißt im heutigen Französisch nicht nur colonne, sondern auch colombe. Dass diese Menhir zuweilen Bildsteine waren, scheint aus dem Namen Peulvan (peul Pfeiler und van oder man Gestalt, Figur) hervorzugehen. Doch bedarf diese Vermutung noch besserer Begründung, obwohl dergleichen Umwandlungen vorkommen und z.B. zu Bulle in Frankreich (Oise) aus einer heiligen Quelle eine St. Fontaine entstand, deren Kapelle über dem noch heut verehrten Brunnen erbaut ist.

10 Mone zählt nach Bodin eine Reihe von Abteien und Klöstern auf, welche in Frankreich bei heiligen Quellen gegründet wurden und von ihnen den Namen empfingen (Geschichte des Heidenthums 11. 380). St. Columbanus baute Luxeuil an einen Ort, wo warme Quellen waren (Murer helv. sancta 81), auch St. Meinrad wählte die Stätte, wo jetzt Einsiedeln steht, des schönen Brunnens wegen (Murer 126). Dass die schweizerischen und der Schweiz nahe gelegenen Inseln als Baustätten für Klöster gewählt wurden (Seckingen, Rheinau, Reichenau, Lindau, Ufenau, Lützelau, St. Petersinsel im Bieler-See u. s. w.) können wir hier nur beiläufig erwähnen.

11 Sererhard Einfalt. Delineation gem. drei Bande. Manuscr. Stadtbibliothek Zürich. L. Quart. 52. 1. 80.

12 Wir veröffentlichen dasselbe in den Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft zu Zürich unter dem Titel: Adjurationen etc. bei Gottesgerichten.

13 In Appenzell sagt man: Wenn man ins rinnende Wasser sieht, so sieht man der Gottheit ins Auge (Vernaleken 345.) Vergleiche F. Wachter bei Ersch und Gruber s. v. Orakelgewässer.

14 Die hohe Bedeutung dieser Quelle ergibt sich auch aus der Sage, dass die Erbauung der Kirche in ihrer Nähe stattgefunden habe, nachdem zwei Stiere den Bauplatz bezeichnet hatten. Diese weisenden Tiere gehören Fro an, der auch in andern Sagen durch St. Stephan vertreten zu werden pflegt. (Wolf Beiträge I. 124.)

15 Der Brunnen im Val d'Assa (Engadin) soll täglich dreimal abwechseln; er fließt jedes Mal nur etwa eine Stunde lang, aber sehr stark.

16 Dr. Coremanns Mitteilung an Wolf, dass zu Zürich ein Kinderbrunnen bei dem Fraumünster sei, ist irrig.

17 In den Kinderbrunnen wohnt Frau Holda [Frau Holle], sie nährt und pflegt die Kinder. Einzelne Brunnen heißen deshalb auch Hollabrunnen. Dass Holda, welche der Erde Fruchtbarkeit verleiht und den Ehesegen gibt, in Quellen ihren Sitz hat, rechtfertigt sich leicht aus der Bedeutung des Wassers.

18 Der Bach chunnt, der Bach chunnt! - Sin mine Bueben- alli g'sund? Jo-jo jo! Der Bach inch cho, der Bach inch cho; - Sin mine Buebe-n- alli-do? Jo -jo-jo!

Heinrich Runge in: Monatsschrift des Wissenschaftlichen Vereins in Zuerich, 1859

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