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Über die Wassergeister von Friedrich Panzer A. Von den Erscheinungsformen: B. Die Benennungen C. Das Familienleben der Wassergeister D. Tätigkeit der Wassergeister unter sich. E. Feindliche Einwirkungen der Wassergeister auf den Menschen. F. Kränkungen der Wassergeister durch den Menschen. G. Freundliche Gesinnung der Wassergeister H. 37. Wissen und Wahrsagen der Wassergeister I. Opfer und Abwehr K. 41. Wassergeister in dramatischen Spielen L. Überblick A. Erscheinungsformen der Wassergeister Die Wassergeister treten überwiegend in menschlicher oder doch halbmenschlicher Gestalt auf, daneben erscheint nicht selten Tiergestalt, sei es als Verwandlungsform, sei es als Dauergestalt. Auch die Wasserpflanzen gelten als mit ihnen verbunden oder geradezu ein Teil ihrer Erscheinung. Gelegentlich werden auch die Irrlichter als Epiphanie der Wassergeister gefasst.
1. Der männliche Wassergeist hat im Allgemeinen Menschengestalt, nur vereinzelt heißt es, sein Unterleib sei der eines Fisches1). Der menschengestaltige Wassermann ist klein2) wie ein kleines Kind3), wie ein Kind von drei, fünf, sechs, zwölf Jahren4), wie ein Knabe5), kleiner als Menschen6), wie ein Zwerg von 2-3 Fuß Höhe7), wie ein kleiner oder junger Hahn8); er heißt darum auch gewöhnlich 'Männchen'. Nur vereinzelt heißt er ein mittelgroßer, großer oder erwachsener Mann oder gar riesengroß9); er wird immer größer und größer10). Er sieht alt aus11), greisalt12), heißt auch bucklig13). Seine Augen sind hell funkelnd14) und ihr Blick geht wie ein Stich durchs Herz, sodass eine Frau kränkelt und bald stirbt, die ihm in die Augen geschaut hat15). Die Augen sind schön16), bläulich17), rot18) oder grün19), wie Smaragd20), auch vorquellend21), Glotz- oder Fischaugen22). Sein Mund ist groß23), voller Kröten24). Die Zähne sind spitz, scharf, lang25), von grüner Farbe26). Die Ohren stehen der Quere nach27), den Kopf hat er verkehrt auf28). Miene und Aussehen heißen vereinzelt schön und freundlich29), öfter hässlich, finster und tückisch30); er ist von hinten schöner als von vorne31). Seine Haare sind meist lang, auch zottig, von Farbe überwiegend grün32), vereinzelt blond33), gelb34), brandrot35) und öfters schwarz36). Die Haare sind von Wasserpflanzen durchwachsen37), oder er hat überhaupt statt der Haare Schilfblätter38). Er trägt einen langen, krausen Bart, der in Nordböhmen auch rot heißt39) und dem Alter seines Trägers entsprechend auch weiß40). In Westfalen heißt es, er sei am ganzen Körper behaart wie ein Ziegenbock, seine Kinder sähen aus wie ein Haarklumpen; das kleine Volk, das im Darmssen lebt, heißt deshalb 'die rauen Leute'. Das Motiv wird episiert: Als der Bauer ein Kind dieses Volks, das er aufgenommen, hat scheren lassen, nimmt ihm der Fluch der Wasserfrau das Glück bis ins 3. und 4. Glied41); 'teterrimus et pilosus' heißt der Wassergeister schon bei Thomas Cantipratensis42). Seine Hände sind weich und eiskalt43), haben rote Mohrrübenfinger44), tragen Krallen45); die Hände sehen aus wie die Füße eines Frosches46), sind flossenartig47). Als ein Weib in Mittelbieberich ein Kind mit Schwimmhäuten gebar, sagte man, sie habe Umgang mit dem Wassermann gehabt48). Der Wassermann im Valser Maiensässe hat Ziegenfüße49) wie der tschechische und polnische häufig Pferdefüße (s. unten); das mag der Grund sein, dass der Wassergeist bei Grimm, Sagen Nr. 66 die Beine verdeckt, an denen man ihn erkennt. Der Wassermann erscheint wohl gelegentlich nackt, mit grünem Körper50), in der Regel aber bekleidet. Ich verzeichne nur die Farben seines Gewandes. Es heißt am öftesten grün51) oder rot52), mehrfach auch grau53) oder gar schwarz54), vereinzelt sind weiß, gelb oder braun. Die Kleidung heißt öfter aus Lappen zusammengesetzt und zerrissen (s. unten). In der Oberpfalz tritt er den Mädchen, die er liebt, im Hemd mit gläsernem Gürtel entgegen, um die den Rücken hinab laufenden Fischschuppen zu verbergen55). Auch Binsenkleider werden ihm zugeschrieben56), er trägt wohl auch einen Sack oder Korb (anscheinend mit Wäsche) auf dem Rücken57). Häufig wird seiner Kopfbedeckung gedacht, die meist als Mütze oder Kappe bezeichnet wird, wieder von grüner oder roter Farbe, wobei hier das Rot stark überwiegt. Vereinzelt heißt es, die Mütze sei hoch und spitz, es ist aber auch von einem Hute die Rede, der groß oder breit oder grün genannt wird. Sein Element wird der Wassermann auch auf dem Trockenen nie ganz los. Es läuft ihm stets Wasser aus den Haaren58), aus der linken Rocktasche59), der linken Seite60), aus dem linken oder rechten Rockschoß61); sein Gewandsaum ist stets nass62) oder auch seine ganze Gestalte63). Nach wendischem Glauben tropft es ihm immer von den Kleidern, aber wenn er im Wasser ist, ist er ganz trocken und nur die Nähte sind nass64). Ich stelle zum Schlusse zusammen, wie der Wassermann im polnisch redenden Schlesien gedacht wird65). Er erscheint als kleines Männchen, als kleiner Knabe, achtzehn Jahre alt. Er hat Froschaugen, Pferdeohren, Hörner, Häute an Händen und Füßen, Pferdefüße oder Pferdehufe. Er sieht blass aus, hat grasgrüne Backen. Die Kleidung ist rot, vereinzelt schwarz und rot oder ein schmucker Jägeranzug. Er trägt eine rote Mütze, einmal erscheint er auch mit Glöckchen behangen. Er geht seitwärts, sodass man ihm nicht ins Gesicht sehen kann. Ihm läuft Wasser aus dem linken Ohr, dem Ärmel oder der Mütze, sodass er überall eine Lache hinterlässt. Erstaunlich ist seine Verwandlungsfähigkeit. Er kann sich in Mädchengestalt, in Maus, Frosch, Hasen, Hund, Ziegenbock, Pferdchen, Taube, Baum, Stein, ja selbst Puppe, Uhr, goldenen Wagen, rollende Kugel verwandeln. 2. Der körperlichen Erscheinung weiblicher Wassergeister schenkt die volkstümliche Überlieferung weit geringere Aufmerksamkeit. Öfter wird von der Nixe gesagt, dass sie menschlichen Oberleib mit dem Unterleib eines Fisches66) oder einer Schlange67) verbindet. Es heißt dann aber wohl auch, dass sie im Umgang mit Menschen doch ganz menschliche Gestalt habe68) oder zur Mittagsstunde69) oder jeden siebenten Tag70). Nur auf alemannischem Boden und im Böhmerwald, vereinzelt auch in Schlesien begegnet die Angabe, die weiblichen Wassergeister seien klein, ja winzig klein, wie Kinder, nur bis an den Tisch reichend71). Ihre Augen sind groß und grässlich72) oder klein und wässrig73), Schlitz- oder Fischaugen74), klotzäugig wie Froschaugen75), die Zähne grün76); desgleichen die Haare77), die aber auch gelb78) heißen oder vereinzelt blond, golden und blauschwarz. Eine brandenburgische Seejungfrau fängt sich in langen tiefschwarzen Locken Fische79). Die Haare reichen wohl bis auf die Fersen80) und hüllen den Körper ganz ein81), ein Schilfkranz schmückt das Haar82). Im Allgemeinen wird ihre Erscheinung als schön, ja bezaubernd schön gedacht. Es heißt aber auch, ihr Körper sei meergrün83) oder blau84); sie habe nur ein Nasenloch85), das Gesicht sei hundeartig, die Kinder des Wassermanns hätten überhaupt einen Hundekopf86). Im Böhmerwald sagt man, Nixen schwämmen mit gekreuzten Beinen87). Wenn einmal von ihrer Kleidung gesprochen wird, so heißt sie weiß88), wasserblau89), rot90), die Strümpfe rot91). Ein wasserfarbiger Florschleier umhüllt das Oberpfälzer Wasserfräulein92). Ganz allgemein wird versichert, dass ihr Gewandsaum, ihre Schürze, ihre Niederkleider, ein Gewand- oder Schürzenzipfel, vereinzelt ihre Haare, stets nass seien, sodass sie wohl überall einen feinen Wasserstreifen hinterlassen.
3. Am häufigsten begegnet Rossgestalt93). Nicht bloß in Schlesien zeigt sich immer wieder der Wassermann in Pferdegestalt94); es findet auch sonst sich vielfach, dass der Wassermann in ein Pferd sich wandelt, das, mit einer geweihten Halfter, mit einer Halfter aus geweihter Erlenrinde gefangen, in seiner dämonischen Natur erkennbar wird durch ein Maul aus Holz95) oder dadurch, dass es nichts anderes als den steinernen Barren frisst96), dass man ihm kein Wasser geben darf; als es doch welches erhält, verschwindet es97). Sein Verschwinden ist bedauerlich, weil ein solches Pferd, das eigentlich ein Wassermann ist, eingespannt doppelt soviel arbeitet als ein gewöhnliches Pferd98). Diese Pferde verschwinden beim Eggen, sobald die Furchen sich zu kreuzen beginnen, wie ein anderes dämonisches Wasserpferd, von dem nicht ausdrücklich gesagt ist, dass es ein verwandelter Wassermann sei, beim Anblick des Kruzifixes verschwindet99). Solche Wasserpferde heißen bald Schimmel, bald Rappen, entsteigen einzeln oder zu dreien und vieren, zuweilen nächtlich, den Seen, führen Reiter, die ihnen aufsitzen, ins Wasser, locken Gespanne hinein, fressen die am Ufer weidenden Hirten u. dgl.100). Am Nebelsee zog einst ein geschundenes Ross, sodass er auszubrechen drohte, bis man Geweihtes hineinwarf101). Umgekehrt wird solchen Wasserrossen auch christliche Zucht übertragen: Sie führen Karfreitagsschänder oder wenigstens ihre Gespanne ins Wasser102). 4. Stier- und Kalbsgestalt. Mehrfach finden sich Erzählungen von Stieren, die aus dem Wasser gestiegen sind103), wie in Serbien jeder See seinen 'Hausherrn' in der Gestalt eines großen Stieres besitzt, dem man Goldstücke opfert, bevor man die Schafe wäscht104). Ein Meerdämon in Stiergestalt überwältigte Chlodios Gattin105). Wendisch wird erzählt, dass der Nix sich jeden Mittag einen Bullen ins Wasser hole106). Vom Kampf zweier Stiere, die einem See entstiegen sind, erzählt unter sichtlicher Entstellung älteren Zusammenhangs eine Schweizer Sage107). Im Osten erscheint der Wassermann vielfach als (weißes) Kalb108), 'das Wasserkalb', das hinkend und ängstlich schreiend durch sein Auftreten einen Wassermord anzeigt109); als schwarzes Kalb mit Pferdekopf und langen Ohren110). In Gestalt einer weißen Kuh erscheint der Wassergeist in Schwaben111). Das Domleschg kennt ein Seeungeheuer in Gestalt eines riesigen Kuhbauchs mit tausend großen Augen, die alle feurig auf einen Punkt zielen (Butatsch cun ilgs); es richtet große Verheerungen an, wenn es sich aus dem Wasser herauswälzt112). 5. Sonstige Haus- und wilde Tiere. Der Wassermann reitet auch auf einem Bock113) oder zeigt sich selbst als schwarzer Bock114), als Bock mit einer Kerze zwischen den Hörnern115), als weißer Bock, der in einem Kahn fährt; wenn man hinschaut, verschwinden Bock und Kahn: also sichtlich eine Nebelerscheinung116). Seltsam erzählt eine tschechische Sage von einem schwarzen Böcklein, das einst eine grüne Hand ins Wasser gezogen und weiß wieder herausgereicht habe; dieser weiße Bock leckte kranke Kühe gesund, verschwand aber unter Hinterlassung eines Wasserflecks, den nur Weihwasser zu beseitigen vermochte117). In Schweinsgestalt wandelt sich der Wassermann in Polnisch-Schlesien118); es hausen aber auch sonst gespenstige Schweine im Wasser119). Eine böse Frau schwimmt als Schwein, von Ferkeln umgeben, allmählich die Nidda herab120). Ein zottiger Wasserhund wird im Lechtal gefürchtet. Auch in der Reuß erscheint ein Wassergeist in Hundegestalt121), ebenso in Nordthüringen und natürlich wieder in Polnisch-Schlesien zeigt sich der Wassermann als Hund122); vgl. den Hundekopf des Wassermanns § 2. In der Magdeburger Börde sitzt der 'Nickelkater' im Wasser und zieht die Kinder hinab123). Der Blutschink entsteigt dem See am Ausgang des Paznaun in Bärengestalt124). Auch der Hirsch, der auf dem Eise des Klostersees ein fälliges Wasseropfer anzeigt, ist eigentlich ein Wassermann125), wie der große Hase mit roter Blume, der durch den zugefrorenen Teich schwimmt126). Im Stechlin haust ein böser, purpurroter Riesenhahn127); in Böhmen erscheint ein schwarzer Hahn in naher Beziehung zum Wassermann128). In Mähren wandelt sich der Wassermann in die Gestalt eines Huhns129). Mit dem Wasserhuhn (Rallus aquaticus) muss sich der Müller gutstellen, da es sonst den Mühlenbetrieb stört130). 6. Wassertiere. Natürlich erscheinen auch sonst vielfach die Wassertiere als Verleibungen von Wassergeistern: die Gans131), rote Enten132), Frosch und Kröte133), der Molch134); ahd. nihhus glossiert crocodilus135). Im großen Mohriner See liegt ein Krebs an eine Kette geschlossen; reißt er sich los, so wird die Stadt untergehen136), vgl. die Wasserdrachen (s.d.). In der Mark zieht eine im See hausende Otter die Kinder hinab137), und in einer seltsamen nordböhmischen Variante des Typus KHM. 105 ruft der Wassermann in Ottergestalt einem Brot und Milch essenden Kinde zu: "Brocka a!" und ertränkt es bald darauf138). Begreiflich erscheint der Wassermann gerne in Fischgestalt139), wie Andvari in Hechtsgestalt im Wasserfall lebte. Eine weitverbreitete Sage weiß vom Fange eines gespenstischen Fisches, der aus dem Wasser angerufen wird und antwortet. Der Fänger muss ihn der Flut zurückgeben und erleidet Schaden oder Tod. Der Fisch wird übereinstimmend als ungewöhnlich groß geschildert, mit Moos bewachsen, wohl auch mit einem Horn oder Menschenkopf. Mehrmals heißt er einäugig, öfter geht diese Eigenschaft erst aus den gewechselten Reden hervor. Berichte aus Sachsen und der Lausitz lassen ihn schwanzlos sein. Beim Tragen wird er immer schwerer und schwerer, eine Eigenschaft, die auch vom gefangenen Wassermann berichtet wird. Nach dem Fange oder beim Heimtragen ertönt eine Stimme aus dem Wasser. Sie ruft den Fisch beim Namen und fragt, wo er sei, worauf er antwortet, z.B. "Einaug, wo bist du?" "In Peterchens Sack"140), oder die Stimme befiehlt, den Fisch zurückzubringen141). Dass die Libelle als eine Verwandlungsform weiblicher Wassergeister aufgefasst wurde, wird durch ihre Benennung 'Wasserjungfer' erwiesen142); in den volkskundlichen Aufzeichnungen ist mir nirgends eine Bestätigung dafür begegnet.
7. Die Wasserlilie spielt häufig in romantisch aufgeputzten Nixengeschichten eine Rolle, deren volkstümlicher Ursprung verdächtig ist. Dass Wasserpflanzen aber wirklich mit Wassergeistern in Beziehung gedacht werden, erweisen Pflanzennamen143): Nix(en)blume für die gelbe Teichrose (Nymphaea lutea) und den Froschbiss (Hydrocharsus morsus ranae), Nixhaar für den Fuchsschwanz (welchen?)144), Schildnixe für Hydropeltis145), Nickelmannshaare für, 'das lange Wassergras'146), schweizerisch Häggemanne für das auch Haldechrut genannte Potamogeton: Wer in dies an der Seehalde wachsende Kraut gerät, muss ertrinken147); oberpfälzisch Wasserdockelein (vgl. Docke = Wasserfrau § 10) für Nymphaea alba oder lutea148); wendisch Wodneho muza porsty (Wassermannsfinger); wodneho muza potaczki (Wassermannskolben); wodneho muza losy (Wassermannshaare) für Typha latifolia et angustifolia149); Nykusowe zele für die Wassernessel150). In Schlesien heißt es, die Töchter des Wassermanns steckten in den großen Wasserlilien ihre Köpfe hervor151), im Böhmerwald, der Wassermann suche als Teichrose oder Seelilie seine Opfer zu haschen152). Wenn man die roten Knospen der Sträucher am Klodnitzkanal, d.h. die Samenkapseln des Pfefferhütleins abreißt, so erscheint ein Mann mit roter Kappe, der einen ins Wasser zieht153). Eine Weide steht im Eigentum der Wasserlilie154). Es mag hier verzeichnet sein, dass man in Schwaben die aufgehenden Luftblasen der Quellen dem Atmen der Wassergeister zuschreibt155).
8. Begreiflicherweise werden die Wassergeister auch mit den Irrlichtern in Beziehung gesetzt. Der Wassermann zieht die Irrlichter an, sie gehen meist dem Wasser zu156); an der Elster tanzen die Irrlichter mit den Nixen157). Wendisch erscheint der Wassermann selbst als Irrlicht und plagt einen Fischer, der am Karfreitag fischte158), tschechisch erscheint er als feuriges Fass159). Auf dem Bodensee zeigt sich zur Nachtzeit der 'feurige Fischer'; er neckt die Fischer, bis man ihm ein Band oder Seil zuwirft, das er anzündet, mit der Erklärung, er habe Ruhe von seinen höllischen Qualen, solange das Band brennt. Die Spinnerinnen reichen ihm einen Faden zum Fenster hinaus und hören ihn lachen, wenn der Faden recht lang ist160). Auch im Allgäu tauchen feurige Männer aus dem Wasser161). Auf dem Peterssee bei Lich erscheinen abgeschiedene Seelen, die eine schwere Schuld mitgenommen haben, als feurige Flammen162). 1 Kühnau Sagen 2, 246 Nr. 890; 358 Nr. 967; MschlVk. 10 (1903), 28, 3; Vernaleken Mythen 164 A.; Kuhn u. Schwartz 172 Nr. 197; ZfdA. 5, 378 Nr. 4; Knoop Hinterpommern 90; Pfister Hessen 53; Müller Siebenbürgen 184.
9. Der männlich gedachte Wassergeist heißt Wassermann über das ganze Gebiet hin; mhd. wazzerman, danach tschechisch hastrman163) wendisch wódny muž164.), südslavisch (po)vodni, mož (neben tatrman)165.), und da er überwiegend klein gedacht wird, auch Wassermännlein166) und einfach Mannl167); daneben Waterkäerl168), Wassertreter169), Wasserteufel170). Die besonderen Erscheinungsformen des Wassers ergeben die Bezeichnungen Seemann, Mehrzahl Seemänner und Seemenschen, oder Seemännlein171) und Brunnenmann172). Nicht oberdeutsch173), obwohl auch in den oberdeutschen Sagenbüchern aus Nachlässigkeit öfter gebraucht, scheinen die vom Stamme des Sondernamens Nix, ahd. nihhus174) gebildeten Bezeichnungen: Nöcke(n)175), Nix176), Wassernix177), wendisch nyks, nykus, wodny nykus, hodernykus, hodernyks, hadernyks, wodernyks178), Nicker179), Nickert180), flämisch Necker181), Nickel182), Nickelmann183), Nickelkerl184). Da der Wassergeist die Kinder mittels einer Hakenstange ins Wasser zieht, heißt er auch Hake-, Häke-, Hacka-, Hakel-, Häkel-, Häklimann, Hoggema, Häckelkerl, Häggele185), Hakelmärz186); steirisch Bachhaggel187), in Hessen und an der Mosel Krappenmann188). Der sie mit dem Karren holt, heißt Karrenmann189). Vereinzelter stehen Bezeichnungen wie Bachtatscherle190), Bachpatscherle191), Bachpfadli oder Bachpflotdschi192), Flozemann193); Tucherle heißt, der die Vorübergehenden ins Wasser taucht194); der Schreier heißt Hemann195); der Wassermann hourad, d.h. schreit "hou"196), Ohelftmann197). Auf das Aussehen zielen die Benennungen Schlitzöhrchen198), Grünmänner199), Gromannl200), Rotkapp201), wohl auch Hudelmann202). Auf sein blutiges Geschäft zielen da bloudi Mon203), Blutschik204), Blutschik205). Bei Oberplan haust in der Moldau und Teichen der Begelmann, in den Teichen der Iglauer Sprachinsel der Popelmann206), der aus dem Stieberweiher aufsteigende Wassergeist heißt Stiebermann207). Ob (Vetter) Kühleborn208) nicht bloß eine Erfindung von Montanus ist, bleibe dahingestellt. 10. Der weibliche Wassergeist heißt Wassermannin209), Wasserfrau, mhd. wazzervrouwe210), wendisch wodna zona211), und auch hier häufig mit der Verkleinerung Wasserfräulein212), Wasserweib, mhd. wazzerwîp, und Wasserweibchen213), mhd. wazzerminne, -holde, -feine, Wasserjungfer, Waterjumfer214); wendisch wodne jungfry215), Meerfrau, mhd. mervrouwe, nur an der See216), Meerfräulein217), Meerweiblein218), Meerminne, mhd. merminne, ahd. meriminna, meriminni219), mhd. merfeine, -juncfrouwe, -kint, -meit, Seemeerminne220), Seeweiwr221), Seeweibchen222), Seefräulein223), Seejungfer224), Bachfrau225), Bachfräulein226), Bachmaidli227), Brunnenweib228), Brunnenfrau229), Brunnenfräulein230), Wassermuhme231), Püttmoen232), Mümmerle233), Nixe allgemein nord- und mitteldeutsch, auch in oberdeutschen Sammlungen, namentlich in den Überschriften, oft aus Nachlässigkeit gebraucht, im 16. Jh. auch Nixin234), ahd. nicchessa, Wassernixe (desgl.), mhd. wazzernixe235), Nixweibl236), schlesisch Lisse, Wasserlisse, Wasserlixe237), Docke238), Nunne239), Wechselbutten, Wechselbuttenweib240); Wettefräulein241), Gule242), Chlungge243), Häckelfrau244), Häckelmutter245), Häckelweiber246), Elbjungfer247), Seebergjungfer248), Waschfrugens249), Waschfräulein250), Waschwibel251), Waschjungfer252), Bachbarbara253), Mühlibachdame254), Bibern-Mummeli255). Mhd. merwunder bezeichnet männliche wie weibliche Wassergeister und Wassertiere. Das dämonische Ungetüm im Seelisberger See heißt Elbst255a) (s.d.). 163 Vernaleken Mythen 161, 177; Grohmann 148.
11. Familie, Kinder, Geburt. Sehr verbreitet ist die Vorstellung, dass die Wassergeister familienweise hausten. Mann und Frau treten da und dort zusammen auf; die Töchter erscheinen vom Vater streng, ja grausam behandelt. Die Wasserfräulein zeigen sich gerne zu dreien und heißen besonders in dem verbreiteten Erzählungstyp vom Tanze der Nixen im Dorfe (s.u. § 24) regelmäßig Töchter des Wassermanns. Als Kinder der Wassergeister gelten nach verbreitetem Glauben die Wechselbälge (s.u. § 14), und ein viel bezeugter Sagentyp berichtet, wie der Wassermann eine irdische Wehmutter herunterholt, damit sie seiner Frau in Kindesnöten beistehe256). Die Geschichte läuft gewöhnlich so aus, dass die Wehfrau, von der Kindbetterin gewarnt, nach glücklicher Entbindung vom Wassermann als Lohn auf Befragen nur soviel verlangt, als ihr zukommt; Goldgier hätte ihr das Leben gekostet. Der Nix heißt sie oft die Stube auskehren und das Kehricht mitnehmen, das oben sich in Gold verwandelt. Meist hat die Frau es unwillig weggeschüttet und merkt erst an dürftigen Resten, was sie verloren hat. Bemerkenswert sind hier etwa diese vereinzelt begegnenden Züge: Der Nix tötet und frisst seine neugeborenen Kinder257). Eine Spindel, auf dem Wasser schwimmend, zeigt an, dass er das Kind, Blut, dass er auch die Frau ermordet hat258). Die Frau heißt ein ausgetauschter oder beim Baden geraubter Mensch259). Die Wehmutter muss die Stube rücklings auskehren oder wird rücklings hinaufgebracht260) oder sie muss, hinaufkommend, gleich eine Weidenrute fassen, dann ist der Wassermann ohnmächtig261). Die Wehmutter wird vom Wassermann auch vom Schiffe herab ins Meer hineingeholt262). Das neugeborene Wasserkind hat einen großen Kopf, eingebogene Nase und aufgeworfene Lippen. Manche Leute sagen, das seien die Kielkröpfe und Wechselbälge263). Das Meerweib gebar ein Kind, das man auf Sylt Seekalb zu nennen pflegt, aber die Mutter meinte, es sei so schön wie ein Engel264). Die Wehmutter erhält statt des Kehrichts auch Stroh oder Laub, auch einmal einen Ring oder ein Wunderknäuel. In einer Harzer Sage wird ihr versprochen, dass in ihrem Heimatorte nie Feuer ausbrechen solle265). Mehrere Fassungen mengen das Motiv von der Kröte ein, bei der ein Mädchen sich als Gevatterin anbietet266). Es gehört in einen anderen Zusammenhang, vgl. Laistner Sphinx 1, 235 ff. 12. Wohnung. Die Wassergeister wohnen in Quellen, Brunnen, Wasserlöchern und -höhlen, Sümpfen, Bächen, Flüssen (bes. ihren Untiefen und Strudeln), in Teichen, Seen und im Meer (s. Meergeist). In einzelnen alemannischen Gegenden lässt man sie als pädagogisches Schreckmittel auch in den Abtritten wohnen267). Für sich und seine Familie hat der Wassermann in der Tiefe eine Wohnung; vgl. die nicorhusa fela (Beowulf 1411). Es heißt öfter, doch kaum ursprünglich und bodenständig, dass die Wohnung ein Palast, ein Kristallpalast sei, strahlend von Gold und Edelsteinen; andere Berichte versichern, es sei eine 'gewöhnliche Bauernstube'268), ein grün angestrichenes Häuschen269). Ihrer zu gedenken geben namentlich die Erzählungstypen von der Wehmutter, von der Befreiung der beim Wassermann gefangen gehaltenen Seelen und der Einkehr der Nixentänzer Anlass (vgl. § 13). Der Phantasieaufwand in der Einzelschilderung ist sehr gering. Es heißt schon viel, wenn einmal gesagt wird, der Fußboden sei mit Fischaugen gepflastert gewesen oder die Tische hätten voll lockender Speisen gestanden, die in Wahrheit doch nur gebratene Schlangen und Kröten gewesen wären. Es herrscht dort eisige Kälte270). Gefällig episiert ist das Wohnungsmotiv in der bei Halberstadt und in der Oberpfalz aufgezeichneten Erzählung, dass einst ein Fischer dem Wassermann mit einer Stange eine Glasscheibe seines Hauses zertrümmert oder ein Loch in den Palast gestoßen habe und der Störenfried vom Wassergeist gezwungen wurde, den Schaden zu bessern271). Zu der Wohnung führt, nach übereinstimmender Schilderung, eine Treppe hinab, über die der Wassermann auch Menschen einen trockenen Zugang öffnet, indem er mit einer Rute ins Wasser schlägt. 13. Ehen der Wassergeister mit Menschen. Die Wassergeister suchen sich vielfach mit Menschen in ehelicher Gemeinschaft zu verbinden. Die männlichen Wassergeister erreichen solche Ehegemeinschaft nur durch Entführung und Zwang, die weiblichen in wirklichem Liebesbund. Vom Wassermann wird entweder einfach der Glaubenssatz aufgestellt, dass er, wie der am Wörther See, alljährlich ein paar schöne Mädchen in sein Kristallschloss hinabhole272), oder es finden sich epische Ausgestaltungen wechselnder Art: Entführung beim Tanze273), Trauer des abgewiesenen Nöck und früher Tod des nun doch von Sehnsucht geplagten Mädchens274); die Mensch gewesene Frau des 'Donaufürsten' bindet jedes Mal, wenn jemand in der Donau ertrinkt, einen Blumenstrauß und schickt ihn an die Oberfläche, zum Zeichen des Geschehenen275). Im ausgeführten Typ gebiert die Frau dem Wassermann 6 oder 7 Kinder, verlangt endlich wieder einmal auf die Erde, erhält die Erlaubnis, zur Kirche zu gehen, soll aber den Segen nicht abwarten, und wird, als sie das doch tut, in wechselnder Weise bestraft276). Diese Erzählung begegnet auch als volksläufiges Lied in Deutschland und Skandinavien wie bei den Wenden, wobei eine variierende Prägung erscheint, die nur von der widerwilligen Vermählung der Braut mit dem Wassermanne unter Zustimmung der Eltern erzählt277); Agnes Miegels Ballade von der schönen Agnete hat den Stoff wunderbar gestaltet. Dass es auf Menschenlüsternheit des Wassermannes deutet, wenn er gerade Bräute zu sich hinabzieht278), lehrt eine märkische Sage: Der Wassermann, dem der Bräutigam einen Tanz mit der Braut abschlug, droht: "Heut ist sie dein, übers Jahr ist sie mein" und ertränkt das Mädchen das Jahr darauf in der Elbe279). Die Oberpfalz weiß, dass der Zustand von Mädchen, die der Wassermann geschwängert hat, den Menschen verborgen bleibt und der Vater das Kind bei der Geburt unbemerkt weghole; sie hat auch eine sehr eigenartige epische Ausprägung des Motivs gefunden280). Weibliche Wassergeister locken Jünglinge, manchmal durch Musik und Gesang281), zu sich in die Tiefe, um sich in ihren Umarmungen Jugend und Schönheit zu holen; die Leichname der Jünglinge erscheinen am 7. Tage, in feine Netze gewickelt, eine Wasserlilie in der Hand, am Ufer282). Gewöhnlicher aber geschieht es, um sie als Gatten bei sich in der Tiefe zu behalten283). Die Sehnsucht des Hinabgezogenen wird wohl durch ein besonderes Wasser gestillt, das er zu trinken erhält283a). Verwicklungen, die zu epischer Ausgestaltung führen, ergeben sich daraus, dass der Liebhaber die Nixe im Stich lässt284) oder dass er verheiratet ist285). Es finden sich Sagen vom Typus der Stauffenberger Geschichte286), häufiger vom Melusinen-Typ287); auch die männliche Umkehr des Agneten-Typs begegnet288). Merkwürdig verlässt ein Wasserweibchen den menschlichen Gatten, als die Magd, ihren Befehl missverstehend, das Feuer auslöscht, statt zu schüren289). Auch an die Ehe des Königs Vilcinus mit einer sækona, aus der der riesenhafte Vadi entspringt290), ist hier zu erinnern und die Umkehr des Verhältnisses in den Erzählungen von der Überwältigung Theodelinds und der Gattin Chlodios durch Tierungeheuer291); auch Dietrich von Bern sollte eine belua marina zur Mutter gehabt haben292). 14. Wassergeister tauschen Kinder aus. Nicht selten werden die Wassergeister für den Wechselbalg verantwortlich gemacht293), der in der hier zu besprechenden Überlieferung Wasserkind oder Wassermensch294), Wastücker295), Wasserkopf296), Kielkropp297), Kielkropf298), Kuhlkropf299) genannt wird. Die Wechselbälge gelten gewöhnlich als die Kinder der Wassergeister, aber auch als ihre 'alten Leute'300). Übereinstimmend wird dem Wechselbalg ein großer Kopf zugeschrieben, der allein wächst; ein solches Kind lernt nicht gehen noch sprechen, ist sehr hässlich und behaart, kalbartig301) und schreit den ganzen Tag302); es hat einen Kopf wie ein Sester, Augen wie ein Kalb, ist am ganzen Leibe mager und fahl, wälzt sich in seinem Kot und krächzt wie ein Rabe303). Eine Zeitlang soll der unterschobene Balg freilich noch dem geraubten Kinde ähnlich sehen304). Die Wassergeister sind auch schuld, wenn Kinder tot zur Welt kommen305). Sie vollziehen den Austausch in der Wochenstube oder wenn die Mutter mit dem Kinde in der Nähe eines Wassers weilt. Er ist nur möglich, solange die Kinder noch ungetauft sind306), innerhalb der ersten sechs Wochen307), wenn die Mütter zu fest schlafen oder ihre Kinder allein lassen308). Es heißt wohl auch, die Frau habe das Kind beim Wasserschöpfen im Bach gefunden und mit nach Haus genommen309). Die Wassergeister werden auch den Wöchnerinnen selbst gefährlich310); eine Schar von Nickern hat einst eine Frau, die allein im Kindbett lag, fortgeschleppt311). Es heißt dann, der Nickert hätte den Austausch nicht vollziehen können, wenn die Frau nicht mit dem Neugeborenen über fließendes Wasser gefahren wäre312). Als ein Bauer seinen Kielkropp zum wundertätigen Doktor bringen will, hört er auf der Brücke eine Stimme aus dem Wasser: "Kielkropp, wo wult du hen?", und das Kind antwortet: "Ik wil mi laten wegen, dat ik sal gedegen", worauf der Bauer das Kind ins Wasser wirft mit den Worten: "Kanstu nu spreken, du Undeert, denn go dorhen, wo du't hest leert"313). Den Austausch zu verhindern, legt die Mutter, wenn sie zur Arbeit geht, dem Kinde das Gesangbuch unter den Kopf oder hält einen Vogel im Zimmer, dann hat der Unhold keine Gewalt über das Kind314), oder sie bindet die Türen der Wochenstube des Nachts mit einem Schurzband zu und lässt das Kind nie nachts allein315). Das Kind fortzuschleppen hindert das 'Wechselbuttenweib', ein 'Wechsel' in der Diele, d.h. der Ort, wo eine neue Lage Bretter angestoßen ist316), oder im Garten stehender blauer Orant317); auch konnte eine entschlossene Mutter den Dämon noch verjagen, doch blieben dem Kinde von seinen roten Fingern vier rote Flecken auf der Stirne318). Auch der Helfgott-Ruf eines Bettlers auf das Niesen eines Neugeborenen konnte den Wassermann im letzten Augenblick noch verscheuchen319). Den Rücktausch des untergeschobenen Kindes zu bewirken, schlägt man den Wechselbalg mit Ruten oder der Peitsche, dann bringt der Wassergeist das gestohlene Kind zurück320), man spricht dazu: "Nimm dir das Deine und bring mir das Meine."321) Da aber die Nixe dem fremden Kinde alles antut, was man ihrem Kinde tut, so lassen manche Eltern ihre Kinder lieber beim Nix und erweisen den Nixkindern alles Gute, weil sie wissen, dass es ihren Kindern vergolten wird322). Am Plöckenstein schneidet ein Vater, wenn ein Kind tot geboren oder ausgetauscht ist, einem neugeborenen Kalbe den Kopf ab, stellt sich damit auf eine Brücke, wirft den Kalbskopf über den seinen hinweg ins Wasser und eilt dann, ohne sich umzusehen, nach Haus323). Zuweilen verschwinden die Wechselbälge auch von selbst, wohl gar zum Schornstein hinaus324). Die Wechselbälge sind sehr stark; einst schob einer einen festgefahrenen beladenen Wagen mit Leichtigkeit weg325). 15. Wassergeister bringen aber auch die Menschenkinder. Dass die Kinder wie auch die Haustiere aus Brunnen, Teichen, Seen, Bächen geschöpft werden, entquellend dem mütterlichen Schoß der Erde, ist ein über das ganze Gebiet verbreiteter, fast aus jedem Orte zu belegender Glaubenssatz326). Vereinzelt werden dabei die Wassergeister beteiligt gedacht. Der Wassermann bringt in Schlesien die Kinder und das neugeborene Vieh327), von ihm erhält die Hebamme die neugeborenen Kinder aus dem Brunnen328). Die Wasserjungfer holt die Kinder aus einer Quelle329), in Baden bringt sie die Häckelmutter330). Sie wohnen beim Wassermann in der Bode331), bei der 'großen Wasserfrau' im Teiche und kommen herabgeschwommen, sodass sie von den Leuten aufgefangen werden332). Die Brunnenweiber hüten unter dem Wasser auf einer großen Weide Herden von Kindern, die dann oft vom Storch geholt und in der Gegend umhergetragen werden333). Es mag damit zusammenhängen, wenn in der Mark Seejungfern den kreißenden Frauen Hilfe bringen334), in Helgoland das Meerweibchen sich den Schwangeren zeigt und, falls es ihnen günstig ist, bei der Entbindung beisteht335). An die Stelle der Wassergeister tritt öfter die Weiße Frau oder die Jungfrau Maria336). 16. Kampf der Nixe. Dass Nixen auch unter sich im Streite liegen, erhellt auf unserem Gebiete nur aus einer ziemlich häufig bezeugten Erzählung ungefähr dieses Inhalts: Bei einem Bauern tritt ein fremder Knecht in Dienst, der sich als Lohn nichts ausbedingt, als dass er schließlich einen alten Erbdegen, ein Schwert erhalte, das zweischneidig oder an dem nichts abgehandelt sei, oder dass er täglich Rindfleisch, täglich zwei Pfund Fleisch bekomme. Er braucht das, wie er schließlich aufklärend mitteilt, um, selbst Wassergeist, für den Kampf mit einem anderen Wasserdämon gerüstet zu sein. Nach Beendigung der Dienstzeit führt er den Bauern zum Wasser und springt hinein, während der Bauer an dem Aufsteigen von Milch oder Blut, weißen oder roten Strahlen oder Blasen, bräunlicher oder grüner, schwarzer oder roter Wasserfärbung ermessen soll, ob der Ausgang des Kampfes glücklich oder unglücklich gewesen. Überwiegend ist das Ende unglücklich. Die beiden Wassergeister heißen einmal Vater und Sohn, einmal Brüder. Als Grund der Feindschaft wird gelegentlich angegeben, der eine habe dem anderen die Frau entführt oder vorenthalten337). 256 Ich habe gegen 50 Fassungen notiert. Der Typus ist schon in Luthers Tischreden bezeugt; Grimm Myth. 1, 407; vgl. die ähnlichen Erzählungen in Frankreich Sébillot Folk-Lore 2, 343
17. Allgemeines. Die Wassergeister denkt man sich gewöhnlich im oder am Wasser weilend, auf Steinen hockend, auf Bäumen am Flusse sich schaukelnd, auf dem Wehr, auf oder unter der Brücke338) sitzend, oft laut lachend in die Hände klatschend und mit allerlei Stimmen rufend; nicht selten ist auch vom Klagen der Wassergeister die Rede339). Vereinzelt340) werden den Wassergeistern allerlei Tätigkeiten zugeschrieben. In der Salzach ziehen sie die Schiffe stromauf mit dem Rufe: "Reit ab!"341); im Wesenberger See treiben sie die Fische342). Im Osten mäht der Wassermann Gras343) oder zählt Geld344), die Wasserfrau bettelt in den Häusern345), der Wassermann holt sich Feuer für seine Pfeife346), geht auf den Markt einkaufen347), eine Nixe liest Holz348). Gewisse Tätigkeiten aber werden den Wassergeistern allgemein zugeschrieben und haben vielfach epische Ausgestaltung erfahren. 18. Haarekämmen. Ganz allgemein und schon bei Luther349) heißt es von der Nixe, in Österreich, Böhmen, Sachsen und bei den Wenden, aber auch vom Wassermanne350), sie säßen - am Tage, zur Mittagsstunde, bei heller Sonne oder auch am Abend am Ufer, auf Steinen, auf Weiden und kämmten sich das Haar; der wendische Nyx kämmt sich die Läuse ab. Von dem benützten Kamme wird gesagt, er sei besonders groß351), blitzend352), golden353), eine Art Rosskamm mit sehr feinen Zähnen354). Alemannisch ersetzt auch das Flechten der Haare das Kämmen355). 19. Wassergeister flicken Schuhe und Kleider. Es mag der Ausdeutung von Wassergeräuschen entsprungen sein, wenn nicht selten die Vorstellung begegnet, die Wassergeister flickten ihre aus zahllosen Lappen zusammengesetzte Lederkleidung356) oder ihre Schuhe. Statt des Flickens begegnet auch ein Zählen der Fleckchen; in einer Lausitzer Fassung heißt es, der Wassermann schlage sich dabei klatschend auf die Beine357). Eine Erzählung wird aus dem Motive in der Weise aufgebaut, dass Vorübergehende den Wassergeist bei seiner Tätigkeit verspotten und dafür bestraft werden, öfter mit einer Wendung, die in einer thüringischen Sage so lautet: die Wassernixe an der Wipper deutete tanzend auf ihre Flicken und rief: "Hier ein Patzen! da ein Patzen." Ein Schäfer schlug sie mit der Peitsche und rief: "... und da ein Patzen!". Er ertrank darauf in einer Wanne, die mit Wasser aus der Wipper gefüllt war358). Eine Sage aus dem deutschen Böhmen lässt den Wassermann im Scheine des Mondes die Stiefel flicken; wenn Wolken ihn verdunkeln, ruft er: "Mund'n schei'ma oda stich ich da na Pfräima (Pfrieme) in Oasch"359). Verquickung mit dem Motive vom Aushängen der Bänder und Wäsche (s. § 20) liegt vor, wenn die Nixe von Woiz lauter handtellergroße Flecklein auf die Gesträuche hängt und Knaben ertränkt, die sie dabei mit bösartigen Versen verspotten360). Schließlich wird der Wassermann ein Schuhflicker von Profession, der für die Menschen Stiefel flickt und fertigt, und die Sage weiß dann von solchen Stiefeln zu erzählen, wie sehr sie geschätzt wurden361). 20. Wassergeister waschen362). Der Wassermann, vor allem aber weibliche Wassergeister, waschen an Flüssen, Bächen, Teichen und Seen. Man sieht die weißen Gestalten, man hört ihr Plätschern und Klopfen, man sieht vor allem die glänzend weiße, wie Spinnweb feine Wäsche am Ufer zum Bleichen ausgelegt oder an die Ufergesträuche zum Trocknen gehängt. Die Wäscherinnen verschwinden, tauchen ins Wasser, wenn Leute in die Nähe kommen. Klärlich sind hier Nebelerscheinungen mythisch apperzipiert; es heißt wohl ausdrücklich, dass das Auslegen dieser Wäsche gutes oder schlechtes Wetter, großes Wasser bedeute362a). Das wird dann phantasiemäßig weitergeführt: Auf dem Wasser steht ein Wäschekorb363), die weißen Jungfrauen waschen sich die Hände im Weiher364), oder die Haare365); die Nixe nimmt Vorübergehenden die Kappe ab, wenn sie zurückkommen, ist sie gewaschen366); die Wäscherin sucht vergebens ein blutiges Tuch reinzuwaschen367); es ist eine Sechswöchnerin, die das Kinderzeug vom Blute des gemordeten Kindes zu reinigen sucht368). Die Wäscherin ist dann wohl erlösungsbedürftig, und man muss ihr nach bekanntem Schema ein "Gott helf"369) oder "Help Gott!", nicht "Gott help!" zurufen370), um sie zu erlösen. Öfter heißt es, die Wäsche sei von den Wassergeistern als Mittel ausgehängt, die Menschen ins Wasser zu locken. Das ergibt Erzählungen von Menschen, die ertränkt wurden, weil sie trotz warnender Stimmen - die Wäsche der Wassergeister mitgenommen oder verunreinigt haben371). Auch der kecke Zuruf Vorübergehender "Wascht mer ock a Kittl mitte" u.Ä. wird bestraft372). Die Wäscherinnen haben öfter stilisierte Erscheinungszeiten: Sie waschen zur Mittagsstunde oder am Johannistage bzw. in der Johannisnacht als dem Haupttage der Wassergeister (s. § 29)373) oder zur Weihnachtszeit374). In der Lupow darf man nach Sonnenuntergang weder waschen noch Netze spülen, sonst führen sie die Seejungfrauen davon375). Es erblicken auch wohl nur Fronfastenkinder die Wäscherinnen376) oder von mehreren Frauen, die daherkommen, nur eine377). Nebeldeutung liegt wohl auch vor, wenn Wasserfrauen die erscheinungsverwandte Tätigkeit des Spinnens zugewiesen wird378). Es mögen dabei die spindelartigen Knospen der Wasserrose mit im Spiele sein: In der Neumark zeigen sich kleine Nixen in weißen Gewändern, die mit altmodischen Spindeln spinnen; die sehen den Köpfen der Wassermummeln gleich und tanzen emsig auf dem Wasser379). 21. Wassergeister backen. Eine Geschichte, die sonst von Erd- und Waldgeistern erzählt wird (vgl. oben 1, 755) wird auch dem Wassermanne angedichtet. Am Ufer mähende oder pflügende Bauern hören ein Backgeräusch im Wasser oder sehen einen Rauch daraus aufgehen und rufen dem Wassergeiste zu: "Wenn ihr Kuchen gebacken habt, so lasst uns auch etwas zukommen". Sofort erscheint ein Kuchen und auch wohl eine Kanne Bier; der Wassergeist stellt aber zugleich die anscheinend unlösbare Aufgabe: "Verzehrt alles und lasst alles ganz" oder "ohne zu zerschneiden, ohne das Glas zu berühren". Die Empfänger essen dann vom Kuchen nur das Innere, sodass der Rand ganz bleibt und trinken das Bier mit einem Strohhalm oder Schilfrohr. Der geprellte Wassermann muss mit einem zornigen "Das hat euch der Teufel geraten" abziehen380). 22. Der Wassergeist als Schmied. Kaum dürfte es ursprünglich sein, wenn der Wassermann als Schmied erscheint anstelle des altbezeugten und besser begründeten Bergschmiedes381). Den Wasserschmied kennt die alte Schmiedeheimat Westfalen sowie Pommern382); im Süden weiß man nur, dass Schmieden in Seen versunken seien383). Diese Wasserschmiede fertigen für die Umwohner Eisenwaren und machen sich nach dem System des 'stummen Handels' bezahlt. Sie werden vertrieben durch Nichtbezahlung oder schmutzigen Lohn. Rote eisenhaltige Wasser am Teichrande werden danach als aus der Schmiede kommend bezeichnet. Das Dasein des pommerschen Wasserschmiedes wird seltsam durch ein Regin-Fafnir-Motiv erklärt: von zwei Brüdern glaubte sich der eine, ein gelernter Schmied, vom Bruder im Erbe beeinträchtigt und begab sich deshalb mit Amboss und Schmiedegerät in den See. 23. Gesang der Wassergeister. Dass die weiblichen Wassergeister lieblich singen und durch solchen Gesang Jünglinge anlocken, wird oft erwähnt384). Gelegentlich ist von Musik, Pfeifen, Walzerklängen die Rede385). Vom männlichen Wassergeist finde ich nur einmal, in Südböhmen, Flötenspiel erwähnt, durch das er Kinder in den Teich lockt386), und in Niedersachsen sagt man, das Wassergeräusch sei das Singen des Hakemanns387); ein Lied des Strömkarl aber kennt Deutschland nicht. In der Steiermark sagt man, es gäbe nachmittags ein Unwetter, wenn die Jungfrauen in den Alpenteichen singen388); die Musik des Spielmanns im Wildsee deutet immer auf ein kommendes Unglück389). 24. Tanz der Nixen. Vom Tanze der Nixen im oder am Wasser ist in deutschen Sagen von wirklich volkstümlicher Haltung nicht eben häufig die Rede390). Gleichwohl hat sich die Tanzlust der Nixen in einer Erzählung episiert, welche die schlechthin verbreitetste Wassersage auf deutschem Sprachgebiete überhaupt darstellt (ich habe einige 90 Fassungen notiert). Sie erzählt, wie drei, seltener zwei Wasserfräulein regelmäßig ins Dorf zum Tanze zu kommen pflegten. Sie entfernen sich aber stets so, dass sie zur Mitternachtsstunde zurück sein können. Ihre Tänzer halten sie einst auf, indem sie die Uhr zurückstellen oder ihre Handschuhe verstecken, oder sie verspäten sich von selbst. Ängstlich eilen sie zum Wasser und heißen die sie begleitenden Burschen beobachten, ob das Wasser entweder sofort oder am nächsten Morgen sich weiß oder rot färben werde. Es färbt sich rot, zum Zeichen, dass sie blutiger Strafe verfallen sind. Hier wird also eine Art Ethik des Reiches der Wassergeister aufgestellt, die für ihre Landgänge an bestimmte Zeiten gebunden sind. Und wieder flammt eine blutige Grausamkeit umso verletzender auf, als die tanzenden Wasserfräulein häufig Töchter des Wassermanns heißen, der danach als der Strafende erscheint. An Besonderheiten einzelner Fassungen sei dies angemerkt. Die Wasserjungfern erscheinen gelegentlich am Johannistag zum Tanze391). In den alemannischen Fassungen392) kommen sie öfter nicht zum Tanze, sondern in die Spinnstube, wo sie spinnen helfen. Sie sprechen nie ein Wort393), reiben sich die Hände und sagen dazu "Huhuhu"394). Sie nehmen nicht Speise noch Trank und dulden nicht, dass man sie frage, woher sie wären395). In Hessental, wo die Geschichte auch in der Spinnstube passierte, bleibt man seither nie über Mitternacht auf, damit es einem nicht gehe wie dem 'Meerfräulein im Ungeheuerbrunnen'396). Als jemand die Wasserfräulein aus dem Empfinger See fragte, wer sie wären, haben sie es gesagt, sind aber seitdem weggeblieben397). Die Fräulein aus dem Wildsee sieht man gerne bei Hochzeitstänzen, da sie der Braut Segen bringen. Die Hochzeiterinnen gehen daher drei Tage vor der Vermählung zum See und laden sie ein mit dem Rufe: "Ich habe Hochzeit, komm zum Tanze"398). Nicht selten wird erzählt, die Tänzer hätten die Wasserjungfern zum Ufer begleitet und seien wohl auch von ihnen mit hinabgenommen worden, indem die Jungfern, mit einer Rute ins Wasser schlagend, einen trockenen Zugang öffneten. Unten wurden die Burschen freundlich bewirtet, öfter aber auch nur mit Mühe vor dem Wassermann gerettet, der 'Christenblut' riecht und sie bedroht399). Wenn die Burschen dabei Morast, Kehricht, Laub, Schilf, Stroh erhalten, das alles sich droben in Gold verwandelt, so sind das sichtlich Einwirkungen des Erzählungstypus von der Wehmutter im Wasserreiche, die solchen Lohn mit besserem Fug erhält400). 338 Wolf Beiträge 2, 302
Schon in § 23, 24 traten planmäßige und gefährliche Einwirkungen von Wassergeistern auf den Menschen hervor. Sie entwickeln sich darüber hinaus in einer Reihe von Typen. 25. Wassergeister necken. Die Wassergeister treiben allerlei Schabernack. Sie necken besonders Weibsleute. Durch den ständigen Zuruf: "Häng dich ock" bringt der Wassermann ein Weib dazu, sich aufzuhängen401). Das Rufen des Wassermanns täuscht häufig die Stimme eines Ertrinkenden vor402); er heißt deshalb der Ohelft-Mann403). Wassergeister setzen den Fischern den Kahn auf einen Baum404). Den Fergen äfft der Wassergeist durch nächtlichen Holüberruf. Er lässt sich auch wirklich übersetzen, der Fährmann darf dann weder sprechen, noch ihn ansehen, wenn er nicht zu Schaden kommen will; der Wassergeist wandelt sich unterwegs wohl in einen Hund oder ein Kalb oder erscheint als altes Weib404a). 26. Wassergeister hocken auf. Manchmal zeigt der Wassergeist Albnatur, indem er Vorübergehenden aufhockt405); er verschwindet dann wohl beim Schrei "Jesus Maria"406). Auch Erlösungsgeschichten knüpfen hier an. Ein brandenburgischer Waternix ruft immer: "Wo stell ick min Pal hen?" und hockt jedem auf, der ihm antwortet, bis einer ihm zuruft: "Stell ihn dorthin, wo du ihn genommen hast"; da ist er erlöst407). Dass der Wassermann mit vorbeikommenden Menschen ringt, wird namentlich im Osten öfter erzählt408). Ein Mann rang dreimal mit dem Wassermann, zweimal ohne Schaden, das dritte Mal musste er sterben409). Einmal heißt es, der Wassermann habe dabei vergebens den Fuß in die Erde gegraben, ob er nicht etwas feuchten Boden finden könne; dann hätte er gesiegt. Die Wiesen dort sind bis heute wasserlos geblieben410). 27. Spuk in der Mühle. Als Spukgeist in der Mühle zeigt den Wassermann regelmäßig der besonders im Osten unseres Gebietes, aber auch sonst von Schleswig bis nach Franken bezeugte Schwank vom Wassermann und dem Bären. Der Wassermann stört hier den Müller, indem er allnächtlich in der Mühle Fische brät oder sonstigen Unfug treibt: Milch aus dem Stalle holt, am Ofen sich wärmt, das Rad abstellt oder in rasenden Gang setzt, auf besonderem Gange Pferdegraupen mahlt u. dergl., bis er durch das Tier eines zufällig einkehrenden Bärenführers vertrieben wird. Die treuherzige Erkundigung des übel zugerichteten Wassermanns beim Müller nach seiner 'großen Katze', seine endgültige Verscheuchung durch die Auskunft, sie habe inzwischen neun Junge gekriegt, gibt die humorvolle Zuspitzung. In der bekannten mittelhochdeutschen Fassung steht an Stelle des Wassermannes noch ein schretel oder wiht, das ein rotes keppel trägt und sich in einem Bauernhofe nächtlich Fleisch brät, das es an eisernem Spieße getragen bringt411). 28. Die Wassergeister ertränken. Menschen zu ertränken aber ist das grausame Hauptgeschäft insbesondere der männlichen Wassergeister. In naheliegender Ausdeutung der Tatsache, dass Kinder besonders häufig im Wasser verunglücken, heißt es vielfach, der Wassermann habe es vor allem auf Kinder abgesehen; er wird darum gelegentlich auch als Kinderschreck benutzt412). Das Motiv erscheint auch in märchenhafter Wendung: der Nixe wird ein neugeborenes Kind versprochen413). Gewöhnlich wird nur gesagt, der Wassermann ziehe die Menschen hinein. Die am Wasser Schlafenden werden an den Füßen gepackt und hineingezerrt414); auch der Blick des Wassermanns soll hinabziehen415). Von Tiroler Seen wird, ohne dass ein persönlicher Wassergeist dabei genannt würde, gesagt, sie zögen Schlafende in ihr Wasser416). Öfter ist von besonderen Vorrichtungen die Rede, deren sich die Wassergeister bei ihren Nachstellungen bedienen. Naturnahe bleibt die Angabe, die Watermöme wickle Schilf und Rohr um die Füße der Badenden417), oder die Leichen der von der Nixe Ertränkten zeigten sich in ein feines Netz gewickelt418). Es ist ein kleiner Schritt von da, den Wassermann mit seinen grünen Haaren hineinziehen419), ein Netz über den Fluss spannen zu lassen (so fein, dass man es mit bloßem Auge nicht sehen kann) oder auszusagen, er gebrauche einen unsichtbaren Strick oder Hamen420). Kinder ziehen die Wassergeister gerne vermittelst einer Stange mit eisernem Haken, einer Fischerscholle, eines Pilgerstabs mit gekrümmter Handhabe in die Wellen und heißen danach Hakemann, Krabbenmann, Häckelweiber, Häckelfrau, Häckelmutter u.ä.421). In Brandenburg, der Lausitz, in Böhmen und Schlesien lockt der Wassermann oft durch bunte Bänder (s. oben 1, 866), Tücher, Wäsche, die er über dem Wasser, am Ufer, an Bäumen, an der Brücke aushängt, misst, zum Kaufe anbietet oder zuwirft422); er wird dann wohl auch Hochzeitsführer mit dem Bänderstab423), stellt einen Maibaum mit bunten Schleifen auf424); ja der Ertrunkene streckt noch bisweilen einen Arm heraus, der einen mit bunten Bändern besteckten Stock hält425). Der 'Donaufürst' erdrosselt Kinder mit einer Korallenkette426). Der schlesische Wassermann lockt auch durch eine silberne Uhr, die über dem Wasser schwebt427); die Nixe stellt Hausschuhe ans Ufer, Mädchen damit in den Fluss zu locken: "Hättst du genommen die Kommoden, wäre es gewesen dir zum Tode"428). Die Wassergeister locken aber auch durch Gesang oder durch Rufen, das dann vielfach geradezu als Vorverkündigung für den nahen Tod eines Menschen erscheint, s. § 29. Was der Wassergeist mit den Ertränkten tut, wird selten eigens berichtet. Vereinzelt heißt es, er fresse die Menschen429) oder füttere mit den Ertränkten seine Fische430); nach Rollenhagen bricht der Wassermann den Ertrunkenen die Hälse ab431). Dem Blutschink wie der pommerschen Wasserfrau und dem Brabanter Necker wird nachgesagt, sie saugten ihren Opfern das Blut aus432). Übereinstimmend wird berichtet, dass die Leichen der vom Wassermann Ertränkten am ganzen Leibe zerkratzt, zerbissen und blau aussähen. Vereinzelt heißt es, sie zeigten einen blauen Streifen um den Hals433). So zeigen auch Menschen, die dem Zugriffe des Wassermanns eben noch entrinnen konnten, blaue oder schwarze Male, ein Schlag des Wassermanns auf den Rücken hinterlässt den Abdruck einer Männerhand mit besonders großem Daumen434). Nach tschechischem Glauben bezeichnet der Wassermann Menschen, die zum Ertrinken bestimmt sind, wenn sie ihm entgingen, mit einem roten Bändchen; solche Leute ertrinken dann von selbst435). Dass der Wassermann die Seelen der Ertrunkenen in seiner Stube oder in seinem Palaste in den Wellen, unter umgestürzten Töpfen, die gewöhnlich gut bäuerlich auf dem Ofen stehen, in Käsenäpfen, Gläsern, Flaschen bewahrt, wird aus einem Erzählungstypus deutlich, der besonders häufig in Böhmen, sonst in Schlesien, Niederösterreich, Tirol, auch in Franken begegnet436). Danach kommt ein Mensch, meist ein Mädchen, als Dienerin zum Wassermann und befreit eine oder alle Seelen durch Umwenden der Töpfe oder Öffnen des Verschlusses. Von den Seelen heißt es wohl, sie würden sofort wieder zu Menschen oder entflögen als weiße Tauben. Im Böhmerwald wird, gewiss missverständlich, gesagt, die Töpfe seien mit Wasser gefüllt437). Eine Fassung versichert, in den Töpfen hätten sich die Seelen befunden, die Leiber lagen unter den Bänken, als ob sie schliefen438); eine andere, die Seelen hätten in Gläsern gesteckt, die Leichen in Kristallkasten439). Tirolerisch und tschechisch sind seltsamerweise die strengen Hüter der Seelen die Wasserfräulein; sie verteidigen sie gegen den Wassermann, wenn er einmal eine freigeben will440). Der Gamburger Wassermann zwingt die Kinder, die er mit dem Haken hereingezogen hat, sich unter die Häfen zu ducken, die von den Leuten ins Wasser geworfen sind. Nur samstags mittags zwischen 12 und 1 dürfen sie hervor und miteinander spielen441). Der Wassermann hofft auf den Jüngsten Tag so viele Seelen zu haben wie der liebe Gott442). Der Erzählungstyp als Ganzes ist verwandt dem Märchen von des Teufels rußigem Bruder (KHM. 100; vgl. Bolte-Polívka 2, 423 ff.; 3, 487). Nach einer Böhmerwaldfassung müssen die ertränkten Knaben dem Wassermann die Wohnung reinigen und die Kessel heizen, in denen die Seelen der Verdammten kochen443). Eine schlesische Sage weiß, der Wassermann hielte die Leichen der Ertrunkenen in seinem Hause mit Eis überzogen444). Nach kärntnischer Auffassung arbeiten die Ertrunkenen unter der Erde, das Wasser auf die Erde hinaufzupumpen445). Im Märchen von der Wassernixe (KHM. 79) muss das Mädchen der Nixe verwirrten Flachs spinnen und Wasser in ein hohles Fass schleppen, der Junge einen Baum mit stumpfer Axt umhauen (d.h. also Traumqual dulden); sie bekommen nur hartes Brot zu essen. Dass Ertrunkene keine Ruhe im Wasser haben, wird auch sonst vielfach angenommen, tauchen Wasserleichen doch nach einigen Tagen des Verschwundenseins wieder im Wasser empor. Als ein Fischer einen solchen Auftauchenden fragte, was man für ihn tun könne, antwortete er: "Sechs Johr am Läbe verlore, und sechs Johr im Wasser verfrore"446). Sie nehmen leicht etwas von dem dämonischen Elemente an, das sie umgebracht hat. Sie spuken als Geister am Wasser447), und so spuken auch nicht ertrunkene Tote gerne ebenda448). Ein ertrunkenes Mädchen, am Strande bestattet, hockt Vorübergehenden auf, die sie bei ihrem Namen rufen449). Diese brandenburgische Sage erzählt zugleich, man habe Ertrunkene früher stets am Strande bestattet. Im Aargau errichtete man ihnen am Ufer ein 'Nothaus', aus dessen 'Tagloch' sie herausschauen450). Nach wendischen Berichten hindern Ertrunkene auch dauernd Schifffahrt und Fischfang und melden sich mit dem Spruche 'Wenn du hier bist, brauche ich nicht hier zu sein'451). Ertrunkene ziehen auch, als Nachzehrer, andere nach452). Auch Menschen, die mit dem Wasser gefrevelt, Selbstmörder, Mütter, die ihr Kind ertränkt haben, spuken wassergeistartig an der Stelle453). Auch sonst aber sind Seelen nicht Ertrunkener ins Wasser gebannt. Im Ziereiner See auf dem Sonnwendjoch schwimmen viele arme Seelen in der Gestalt großer Fische; wenn sie einst erlöst sein werden, wird der See austrocknen, und man kann dann durch seinen Grund ins Innere des Berges zu großen Schätzen gelangen454). Der Rachelsee duldet deshalb keinen Steinwurf, weil in ihm die Seelen leben, die im Grab keine Ruhe finden455). In den Pillersee in Tirol sind Bauern gebannt, die gefrevelt haben. Sie sind verurteilt, den See von Zeit zu Zeit zum Schwellen zu bringen, wodurch es geschieht, dass die an seinen Ufern Einschlafenden ins Wasser geraten456). In denselben See ist aber auch Pilatus gebannt und leidet darin besonders in der Karwoche entsetzliche Qualen, dass er brüllt wie ein Stier; der Glaube der Unterinntäler sucht ihn aber im Ziereiner und anderen Tiroler Seen457). Bekannter ist seine Verweisung in den nach ihm benannten Schweizer See458). Feiertags- und Brotfrevler werden öfter vom Wasser ertränkt und üben dann nach ihrem Tode wassergeistartige Funktionen459); Seen sind ja vielfach entstanden, um Brotfrevler zu strafen. Überhaupt bieten die zahllosen Sagen von versunkenen Städten, Dörfern, Klöstern, Höfen, Gespannen manches Hierhergehörige. 29. Gefahrzeiten. Dass Flüsse, Seen, Teiche alljährlich ihr Opfer fordern, ist über ganz Deutschland hin durch ungezählte Berichte bezeugt460). Nur in einem Drittel etwa der von mir gesammelten Belege wird ausdrücklich gesagt, dass der männliche oder weibliche Wassergeist es sei, der dies Opfer verlange461). Gelegentlich wird der Mensch nur alle sieben Jahre eingefordert462), umgekehrt werden auch jährlich drei Menschen verlangt463) und 'de Leine fret alle jar teine'464). Wenn der Mohriner See einmal ein Jahr kein Opfer nahm, nimmt er im nächsten Jahr zwei465). Es heißt auch, das Opfer müsse eine männliche Person sein466) oder ein unschuldiges Kind467). In einen Lausitzer See kann man dreimal hineingeraten, ohne umzukommen, das vierte Mal geht man bestimmt unter468). Wenn einmal allgemein gesagt wird, das Opfer falle stets an einem bestimmten Tage469), so wird als besonders gefährliche Zeit am häufigsten der Johannistag genannt470); in Köln sagt man: "St. Johann well hann 14 dude Mann: siben de klemme, siben de schwemme"471), wie es in Schwaben heißt: "Magdalena will an ihrem Tage (22. Juli) einen Schwimmer und einen Klimmer"472). In der Gegend des Bodensees gilt die aufklärende Regel, am Johannistage müsse der 'Engel' oder St. Johannes einen Schwimmer und einen Klimmer haben, deshalb soll an diesem Tage niemand baden noch auf einen Baum steigen473). Vereinzelter werden genannt: Walpurgis (1. Mai)474), Himmelfahrt475), Pfingsten476), Trinitatis477), Peter und Paul (29. Juni)478), Prokopi (4. Juli)479), Jakobi (25. Juli)480), der schwarze Sonntag (30. Sept.)481), Totensonntag482), die Andreasnacht (30. Nov.)483), die Freitage an ihnen steht der Eingang in das unterirdische Reich des Wassermanns offen484) , die Mittagszeit, zu der der Wassermann Geflügel und Menschen erwürgt485), der Abend486). An den Unglückstagen badet man nicht (vgl. Bad oben, 1, 825), fährt und fischt nicht, hält sich dem Wasser fern und geht über keine Brücke. Vor Johanni soll man überhaupt nicht baden487). Es heißt aber auch, der Wassermann herrsche an bestimmten Stellen, wer die beträte müsse versinken488). Wer als Opfer zu fallen hat, steht schicksalhaft fest, und für diesen Menschen gibt es kein Entrinnen489). Wer berufen ist, ertrinkt, und wenn er nur bis zu den Knien im Wasser stünde490), er ertrinkt in einem Bache491) und selbst in einer Kuhtrappe492). Eine öfter begegnende Erzählung weiß zu sagen, wie ein Mensch, den man mit Gewalt vom Flusse zurückgehalten, in den er sich schon stürzen wollte, gleich darauf durch einen Schluck Wasser oder Bier oder Wein getötet wurde493) oder auf Pferdesrücken stirbt, darauf man ihn gehoben494). Durch den Wassermann sind besonders Kinder gefährdet, die im 'Wassermann' geboren sind495). Die Mutter solcher Kinder wirft beim Taufgang eine Münze in ein am Wege fließendes Wasser mit den Worten: "Dau haust du das deine, lau mir das Meine"496), oder ein getragenes Kleid des Kindes497). Verbreitet ist die Angabe, dass kurz ehe das Opfer fällt, eine Stimme aus dem Wasser ertöne, die rufe: "Die Stunde ist da, aber der Mensch ist noch nicht da"498); dass es der Wassergeist sei, der dies rufe, wird selten ausdrücklich gesagt499). Die Stimme ruft auch wohl lockend "Nu kumm! nu is Tid!" oder ähnlich500). Es heißt auch wohl, der Wassermann rufe dreimal den Namen des Opfers501), oder eine Stimme aus dem Wasser rufe den Namen502), und wenn das Wasserhuhn in der Bode pfeift, muss einer ertrinken503). Auch Wehgeschrei und Klagen des Wassermanns, Singen der Nixen, Händeklatschen oder Lachen u.Ä. zeigen den bevorstehenden Tod eines Menschen im Wasser an504). Die gleiche Bedeutung hat es, wenn der Wassergeist sich zeigt505); wer ihn erschaut, muss nach 3 Tagen ertrinken506), ebenso der Badende, der neben sich einen Barsch mit goldenen Stacheln sieht507). 401 Kühnau Sagen 2, 344 Nr. 946. 947; 347 Nr. 950
30. Dass Menschen ertränkt werden, ist oft ihre eigene Schuld. Sie haben die Wassergeister gekränkt, indem sie sie verspottet, mutwillig herausfordert, ihre Wäsche beschmutzt haben u. dgl. Manches derart ist im Vorstehenden schon unterlaufen. Es gibt aber eine Reihe von teilweise an sich harmlosen Handlungen, die der Wassergeist nicht dulden mag, so beleidigt ihn vermessenes Überschwimmen seiner Gewässer. Im Norden und Süden wird erzählt, wie Schwimmer, die sich mit einer Wette um Geld vermaßen, dreimal, hundertmal, über ein Gewässer zu schwimmen, beim dritten oder hundertsten Mal vom Wassermann in die Tiefe gezogen wurden508). Dem Hirten, der den Oberblegisee durchschwimmen will, beißt der Wassermann den Kopf ab509); eine andere Fassung der Sage erzählt, der Mutter des im Oberblegisee Ertränkten sei, als sie im Läuggelbach Wasser schöpfte, zur selben Stunde der Kopf ihres Sohnes entgegengeschwommen510). Weitreichende unterirdische Verbindung entfernter Gewässer, häufig auch der Binnengewässer mit dem Meere wird von der Sage vielfältig behauptet und durch den Hinweis auf das Wiederauftauchen von mancherlei Lebewesen und seltsamen Gegenständen, die man in das andere Gewässer geworfen, erhärtet511). 31. Das Wasser lässt seine Tiefe nicht messen. Weit verbreitet ist die Angabe, dass Gewässer, besonders Seen, grundlos seien und keine Bemühung dulden, ihre Tiefe zu messen512). Es heißt gewöhnlich, es hätte, als man dies dennoch mühsam versuchte, eine Stimme aus der Tiefe aufgeklungen, die drohend befahl, von dem Beginnen abzustehen: "Ergründest du mich, so schlünd ich dich!", "Lass mich oder ich fass dich!"513) Wessen die Stimme war, wird gewöhnlich nicht gesagt. Nur vom See des Elsässer Münstertales heißt es, die Wasserjungfer sei aufgetaucht und habe die drohenden Worte gerufen514). Sonst liest man wohl, es sei 'einer' drunten gewesen, der gedroht habe515), ein Geist habe gerufen516), die Stimme von Geistern, die in die Seetiefe gebannt sind517), ein schreckliches Ungeheuer tauchte auf und rief518); im großen Stechlin lebt ein böser purpurroter Riesenhahn, der das Messen nicht duldet519). Dass Unheimliches in der Tiefe wohnt, wird auch dadurch anschaulich gemacht, dass die Messenden statt des an den Strick gebundenen Wagenteils einen Pferdekopf heraufziehen520), neben der Pflugschar ein Segg ans Seil gebunden finden521) oder ein weißes Tuch mit einer nicht lesbaren goldenen Inschrift522). Es mag hier angemerkt sein, dass Schwarzwälder Seen eine ungerade Zahl in sie eingesenkter Steinchen oder Erbsen in gerade verwandeln u. umgekehrt523). 32. Steine ins Wasser. Viele Seen dulden nicht, dass man einen Stein in ihre Fluten werfe; jeder Steinwurf erzeugt ein furchtbares Ungewitter, und der See überschwemmt dann wohl gar weithin das Land. Von ungezählten Gebirgsseen wird das berichtet524); am bekanntesten sind die einschlägigen Berichte vom Pilatus- und Mummelsee525). Weiterspinnende Phantasie weiß, dass ein weißer Steinhagel einen schwarzen Platzregen erzeugen werde526). Nur vereinzelt wird erzählt, dass ein solcher Steinwurf den dämonischen Seebewohner reize, so den Pilatus, oder im Reiffinger See den dort hausenden Drachen, windisch den Wassermann im Globoki Vrh, der bei einem Steinwurfe auftaucht und sich in der Luft die Hände wäscht, worauf Nebel und Ungewitter heranziehen527), schon Gervasius sagt, dass nach solchem Steinwurf tanquam offensis daemonibus tempestas erumpit528). Es gibt aber auch Erzählungen, nach denen die Wassergeister Menschen ertränken, die mit Steinen nach ihnen geworfen haben529). Eine Tiroler Sage lässt den Wassermann in prächtiger Steigerung nach wiederholter vergeblicher Warnung auftauchen und den Steinwerfer verfolgen; interessant ist hier, dass der Wassermann den Frevler nach längerer Verfolgung endlich auf nasser werdendem Boden unter dem Rufe "Noch nässer noch besser!" einholt und schindet530). Am Mummelsee tragen die Wassermännlein alle hineingeworfenen Steine sorgfältig wieder ans Ufer531). Als einer einen Stein in einen vogtländischen Teich warf, konnte er nicht mehr über den Damm fahren, ohne dass ihm alle vier Räder am Wagen brachen532); doch passiert den Steinwerfern auch, dass sie bald darauf ertrinken. Auch einer, der mit der Flinte auf den Nix zielte, ertrank nach drei Tagen533). 33. Herausrufen der Wassergeister. Wasser und Wassergeister können bei Namen gerufen und herausgefordert werden. In der Tiefe des Vierwaldstätter Sees quillt ein Brunnen; ruft man ihn dreimal mit lauter Stimme, so wallt er mit Macht über das Seewasser her und man muss eiligst fliehen. Der ihn gerufen, überlebt das Jahr nicht534). Am Pilatussee gibt es ein Unwetter, wenn man ruft "Pilatus wirf deinen Schlamm aus"535). Wenn die Quelle in der Gjoadwand bei Berchtesgaden aussetzt, muss man rufen "Gjoad! Gjoad", (oder Jaik! Jaik!) "lass den Schuss los". Dann erscheint sie wieder536). In den Marsbrunnen bei Walldürn ist ein Bauer versunken. Wenn man hineinruft: "Bauer, Bauer mit zwei Paar Ochsen und einem Gaul, Pütterle vor!", so lässt er Schaumblasen aufsteigen537). Auch in Holland ruft man die Wassergeister und führt mit ihnen gereimte Zwiegespräche538). Das Motiv verschmilzt gelegentlich mit dem Rufmotiv aus dem Sagenkreise der wilden Jagd539). 34. Körperliche Verletzung der Wassergeister. Zugespitzt und zu einer beliebten Erzählung episiert besteht Beleidigung und Rache des Wassergeistes darin, dass ein Metzger dem Wassergeist oder der Wasserfrau, die Fleisch einkaufen, die Hand abhaut, mit der sie das gewünschte Stück zu bezeichnen pflegen (wohl weil sie nicht sprechen können)540). Der Frevler ertrinkt bald darauf, und zwar gewöhnlich in einer kleinen Lache. Der Typ begegnet sehr häufig im Osten unseres Gebietes bis nach Halle, Thüringen und dem Vogtland hin, verstümmelt in zwei vereinzelten Fassungen auch in Franken und Schwaben541), und seltsam historisiert in der Schweiz542). Von dem Gelde, das die Wassergeister bezahlen, heißt es gelegentlich, es seien alte durchlöcherte Groschen gewesen, oder es habe sich in Fischschuppen verwandelt543). Verwandt ist die kärntnische Sage, man habe dem Wassermann, der häufig Speise zu betteln kam, einst heiße Nudeln vorgesetzt, sodass er sich Mund und Finger verbrannte544); oder eine wendische, nach der Flößer der Wasserfrau einen brennenden Ast unter die Röcke hielten, als sie sich an ihrem Feuer eine Kröte braten wollte545). Hier schließt dann auch der Typus 'Selbergetan', auf einen Wassergeist gewandt, sich an546). 508 Bräuner Kuriositäten 37; Grimm Sagen Nr. 54. Nr. 57; Knoop Posen 23; Gander Niederlausitz 59 Nr. 146.
35. Dass W.assergeister sich den Menschen hilfreich erweisen, wird seltener berichtet. Es gibt auch eine Anzahl Erzählungen, in denen die Wassergeister als den Menschen wohlgesinnt und hilfreich gedacht werden. Allgemeiner scheint das von den Tiroler Seefräulein ausgesagt zu werden547). Nur im Osten und verblasst in Schwaben begegnet ein Typ, wonach der Wassermann einem armen Bauern Korn zur Aussaat leiht, die reichen Ertrag bringt, unter der Bedingung, dass das Geliehene zurückgegeben werde548). Verbreiteter ist die Vorstellung, dass Wassergeister nach Heimchenart den Menschen allerlei häusliche Dienste leisten: bei der Arbeit helfen, waschen, weben, Vieh füttern, Kinder pflegen, mähen, roden, insbesondere auch backen; einmal heißt es, nur die Betten hätten sie nicht gemacht549). Es heften sich denn an solche Wassergeister auch die üblichen Hauskoboldgeschichten, so der bekannte Typ 'Ausgelohnt'550) oder der Wassergeist wird vertrieben, wenn man ihm sein Essen nicht recht gibt551), ihm heimtückisch Milch mit Knoblauch vorsetzt, statt mit Zucker: "Melk en look, Flerus verhuist, En't gluk ook"552). Entsprechend haust im wendischen Koboldsee ein Kobold, der die Rolle des Wassermanns spielt554), und in deutsch sprechenden, einst wendischen Gegenden wird der Nix Kobold genannt555) wie im Braunschweigischen die Ausdrücke twarg, unnereersche und nickerkeerls gleichbedeutend gebraucht werden556). Gelegentlich mischt der Typus von den tanzenden Nixen sich ein: Die hilfreichen Seemännlein versehen sich bei der Arbeit in der Zeit, kehren zu spät in den See zurück und werden getötet557). 36. Wassergeister heilen558). Die heilende Kraft des Wassers lässt gelegentlich auch die Wassergeister in Krankheitsnöten suchen. Man kann an Wasser gesunden, in dem der Wassermann weilt559). Das Heidebrünnlein in Böhmen verdankt seine Heilkraft dem Wassermann oder Wasserweib, das in ihm haust560). Der Quell von Haldenstein dankt seine Heilkraft der Quelljungfer, die neben ihm zu sitzen pflegt561); Tiroler Seefräulein verleihen den Wasserpflanzen Heilkräfte und pflanzen auf Wiesen ihrer Umgebung Heilkräuter562). Man erbittet von der Seefrau Wasser gegen Skrofeln562a), ruft den Wassermann mit Zaubersprüchen gegen die Gicht: "Wassermann, ich klage dir, die reißende Gicht, die plagt mir, Wassermann ich trank dir, die reißende Gicht vergang mir", u.Ä. und trinkt dabei Wasser, das stromab geschöpft ist oder gegen den Strom geschöpft und mit dem Strom ausgegossen wird563). Freilich wird Fieber auch durch weibliche Brunnengeister erzeugt564), und wer die weißen Jungfrauen im Tribächli erblickt, wird mit Aussatz geschlagen565). 547 So wenigstens Alpenburg Tirol 83 ff., 98, 100, 101
37. Gewässer lassen Wetter voraussagen und Wachstum. Zahllos sind in Deutschland die 'Hungerbrunnen', 'Hungerpützen'566), deren Fließen Teurung daher auch 'Teuerbrunnen' genannt567) -, deren Ausbleiben ein gutes Jahr verkündigt, daher sie auch 'Getreidebrunnen', 'Weinbrunnen' genannt werden568). "Wenn die Brunnen im Herbst ausbleiben, so gehen sie nach Korn", d.h. es folgt ein fruchtbares Jahr569). Auch der Wasserstand in Flüssen und Seen gibt Anhalt zur Wetter- und Wachstumsbestimmung; nach dem Rigsee bei Murnau sollen früher alljährlich Leute aus den kornreichen Donaugegenden gekommen sein, um seinen Wasserstand zu prüfen570). Und durch bloßes Wassermessen, unabhängig von bestimmten Brunnen, lässt künftiges Wohlsein oder Verarmen sich feststellen571). Die Anzeigen erfolgen öfter durch dämonische Gestalten. Auf einem pommerschen See erscheint jedes Mal vor einem Sturme der Feuerkönig in einem leichten Kahne mit feuriger Krone, feuriger Rüstung und glühendem Schwert572). Wenn die Oberpfälzer Mirfral oder die Jungfrauen in den steirischen Alpenteichen singen, gibt es nachmittags ein Gewitter573). Erscheinen des Wassergeistes zeigt einen Wolkenbruch an574). Wenn die wendischen Seejungfrauen aus dem Wasser tauchen, spielen und singen, kommt ein 'Ungestüm'; manche sagen auch, sie tauchten unter, wenn anderes Wetter kommen soll575). Wenn die Seeweiber Wäsche trocknen, ändert sich das Wetter576). Wenn die drei Schwestern im Gießen baden, dann gibt es gutes Heuwetter577). Wenn man die 'zwey Gespenst' im Selisberger See herumschwimmen sieht, kommt böse Zeit578). Einen Schritt weiter geht die Lausitzer Formulierung: Der Wassermann kommt auf den Wochenmarkt Getreide kaufen; bezahlt er es teuer, so gibt es teure Zeit, verkauft er selbst Getreide, und zwar billiger als andere, so fallen die Preise. Dasselbe tut seine Frau mit der Butter579). Ähnlich steht neben dem Geisbrunnen auf dem Freiburger Schlossberg in der Neujahrsnacht ein Männlein, das nicht viele Worte macht und doch viel andeutet. Wird das Jahr gut, so hält er drei Ähren in der einen Hand und drei Trauben in der anderen und nickt freundlich; leere Hände und ein saures Gesicht verkünden ein schlechtes Jahr580). Da der Wassergeist außerdem den künftigen Tod von Menschen ansagt (s.o. § 29), so versteht man, dass ihm auch sonst Wissen um die Zukunft beigelegt wird. Er bleibt noch in seinem Elemente, wenn den Antwerpenern früher eine Seemeerminne das Nahen eines Walfisches anzuzeigen pflegte, indem sie mit halbem Leibe übers Wasser stieg und sang: "Scheppers, werpt de tonnekens uit, De walfisch sal gaen komen"581). Aber auch als die Einwohner von Zevenbergen in Sünden versanken, kam allnächtlich eine Meerminne geflogen, setzte sich auf den Turm der Kirche Sint Lobbetjen und sang: "Zevenbergen sal vergaen, En Lobbetjens toren blyven staen". Ähnliches wird von Schouven und Mueden berichtet582). Eine Wahrsagerin in Ypern beschwor denn auch, ehe sie ihre Prophezeiungen aussprach, stets den Wassergeist mit den Worten: "Kom, Necker, Myn decker, Myn wecker, Myn lotetrecker (Loszieher), Myn g'heim ontdecker, En toon van daeg (und offenbare mir heute), Wat dat ick u Necker vraeg". Dann drehte sie sich dreimal rundum und wusste alles, was man sie fragte. Über ihrer Tür hatte sie ein Schild, darauf stand: "Der Necker allhier sagen kann, was man fragt, sei's Frau ob Mann". Danach wäre zuletzt die Straße Neckerstraße genannt worden583). Aus einem Brunnen bei Jaxthausen kamen vor alten Zeiten Meerfräulein ins Ort und weissagten, es würden bald Männer kommen, die das Messopfer und die katholische Religion abschaffen würden584). Über Wahrsagen und geheimes Wissen gefangener Wassergeister s. § 40. Tiergestaltige Wassergeister scheinen auch die Riesenhirsche zu sein, deren Erscheinen jedes Mal den Tod des Herrn oder Patrones des Sees im laufenden Jahre bedeutet585); die Fulda steht still, wenn der Tod des Landesfürsten bevorsteht586). Plutarch erzählt im Leben Caesars, Kap. 19, dass die heiligen Frauen Ariovist aus dem Anschauen der Flusswirbel und dem Wogen und Rauschen des Wassers die Zukunft gedeutet hätten. Auch die Opfer der Franken an den Po, von denen Agathias erzählt (unten § 38), scheinen zu Orakelzwecken erfolgt; Papst Gregor III. verbietet 731 für die germanischen Provinzen fontium auguria587). Im Nibelungenlied588) erzwingt Hagen von drei Meerfrauen (diu wilden merewip589)), die er in einem Quell badend trifft, durch Wegnahme ihrer Kleider eine Weissagung, die zu glauben er von vorneherein willig ist590), über den Ausgang der Fahrt zu den Hunnen. Die eine, Hadeburg, betrügt ihn mit frohem Bescheid. Als er aber die Kleider zurückgegeben, sagt die Zweite, Sigelind (C: Winnelind), muome (vgl. § 10) der Ersten, ihm die bittre Wahrheit, die nachher am Kaplane sich bewährt. Auf Hagens Begehren belehrt "daz allerwîseste wîp" ihn noch über die Furt und die Zustände im Bayernlande und gibt ihm warnende Weisungen591). Auch die merminne Wächilt (in der Ambraser Hs. Nothilt), die Wittich schirmend auf den Meeresgrund nimmt, erweist ein geheimes Wissen um irdische Dinge592). 565 Grimm Myth. 1, 361; 3, 142
38. Dem Unheil zu wehren werden dem Wasser oder den Wassergeistern Opfer dargebracht. Die Sage, nicht selten auch noch der Brauch, kennt Stein-, Speise-, Kleider-, Münz-593) und Tieropfer, die teilweise deutlich als stellvertretende Menschenopfer gekennzeichnet sind; die Sage spricht auch noch von wirklichen Menschenopfern. So häufig gerade die Bekränzung der Brunnen, auch wohl Blumenopfer an Gewässer begegnen, scheinen sie doch als Opfer an persönlich gedachte Wassergeister so wenig irgendwo bezeugt wie das Anzünden von Lichtern. Vielfach haben Heilige die Wassergeister als Empfänger der Opfer ersetzt594). Diese Opfer sind alt bezeugt. Schon Prokop erzählt im Gotenkrieg 2, 25, die Franken hätten bei ihrem Einfall in Italien im Jahre 539 die Leichen gotischer Weiber und Kinder 'als Erstlingsopfer des Krieges' in den Po geworfen595), nach Agathias Historien 1, 7 opferten die Alemannen den Flüssen Pferde, Stiere und andere Tiere, denen sie den Kopf abschlugen. In den Krimmler Wasserfall wirft jeder Vorübergehende einen Stein, die darin wohnenden Geister sich günstig zu stimmen; bitter büßt, der es versäumt596). Dem Nickelmann in der Bode musste man früher jährlich einen schwarzen Hahn in die Bode werfen, sonst ertrank jemand597) oder ein Huhn, einen Hund oder eine Katze598). Die Enz bei Vaihingen und der Neckar bei Mittelstadt verlangen am Himmelfahrtstag einen Bienenkorb, ein Schaf, einen Laib Brot und einen Menschen als Opfer599). Den hl. Johannes zu versöhnen, dessen Tag ein Wasseropfer fordert, werden drei weiße Hennen unter einer ihm geweihten Eiche geschlachtet600). Der schlesische Müller gibt dem Wassermann, der sich im Mühlbach aufhält, am Weihnachtsabend von den Speisen seines Tisches, damit er ihm im Laufe des Jahres das Wehr nicht durchbreche oder ein anderes Opfer fordere601). In Oberösterreich werfen die Müller am St. Nikolaustag alte Kleidungsstücke, Esswaren und ähnliches ins Wasser, um von dem Wassermännchen für das ganze Jahr Frieden zu erbitten602). Einem mährischen Bauern schenkte der Wassermann das Leben gegen das Versprechen, dass er ihm alle Monate ein schwarz und weiß geflecktes Kalb zum Teiche bringe. Als der Bauer beim dritten Mal ein weißes Kalb mit schwarzer Farbe befleckte, zog ihn der Wassermann in die Tiefe603). Unter den Wenden legen die Leute dem Nix frischgebackenes Brot an den Teich, werfen für ihn Hühner, schwarze Enten und ganze Brote ins Wasser; die Schiffer werfen, um sich vor der Verfolgung der Wasserjungfern zu retten, ein Tier, eine Katze, was sie gerade haben, ins Wasser, dann fressen das die Seejungfern und lassen von ihnen ab; der Dämon im Koboldsee fordert von einer Vorübergehenden ein schwarzes Hühnchen und ein Brot; in alten Zeiten warf man lebendige Schweine, Kälber, Katzen, schwarze Hühner, schwarze Enten, schwarze Taubert und ganze Brote in die Mühlgräben, weil sonst jemand starb; wenn in der Mühle die Räder pfiffen, so warf man einen Brotrand hinein, und hörte es dann noch nicht auf, so musste man etwas Lebendiges hineinwerfen: ein Huhn, eine Taube, ein schlechtes Ferkel, dann war es wieder gut604). Auch Menschenopfer an den Wassergeist kennt die Sage noch: Einem See auf Rügen musste alljährlich605) eine Jungfrau, dem Weißen See in den Vogesen gelegentlich einer Seuche ein unschuldiges Knäblein geopfert werden606). Wird der Wassermann um ein versprochenes Menschenopfer betrogen, so holt er sichs607). Ganz besonders verlangt die Sicherung von Wasserbauten Opfer oder Abwehrmittel. Ein Wehr in der Unstrut hält dadurch jedem Hochwasser stand, dass ein Säugling eingemauert wurde608). Ebenso hat man in einen friesischen Deich ein Kind eingesenkt609). Eine Brücke über die Saale wurde so lange von zwei großen Saalmännern zerstört, bis man ein paar Bruchstücke von der Geißel des hl. Nikolaus einmauerte610). Auch Anlage und Erhaltung von Brunnen bedarf der Sicherung durch Opfer. Pommersche Brunnen überschwemmten mit Wassermengen, auf denen eine weiße Gans, eine weiße Ente, schwamm, so lange das Land, bis man einen schwarzen Bullen, ein schwarzes Kalb, ein Kind hineinstürzte611). Ein Brunnen in West-Friesland hört erst auf, alles zu überschwemmen, nachdem man das Blut eines dreijährigen Kindes hineingemengt hat612). Zu einer Höhle im Harz, in der jährlich ein Mensch ertrinkt, zieht eine Prozession, die ein Kreuz hineinlässt613). Den Salzbrunnen, in dem der Haalgeist haust, der Überschwemmungen verkündigt, sucht eine Prozession am 5. Sonntag nach Ostern613a) auf. Das Pulvermaar in der Eifel wurde von den Umwohnern 'an einem Tage im Frühjahr' betend und singend umzogen. Als sie das einst unterließen, tobte der See, bis ein in der Nähe weidender Schäfer seinen Hut in Ermangelung von Kreuz und Fahne auf den Schäferstab steckte und den See singend und betend umzog614). Als der Blautopf bei Blaubeuren im Jahre 1641 tobte, zog eine Prozession zu ihm, und man warf zur Versöhnung der in der Quelle wohnenden 'Nymphe' zwei vergoldete Becher hinein615). So wirft man auch in den Walchensee, Ammersee und den See am Dreisesselberg Goldringe, um sie zu beschwichtigen616). Auch der Aarauer Stadtbach hat seinen jährlichen Festzug617). Episch ausgeweitet erscheint das Opfermotiv in der oben angezogenen mährischen Sage618). 39. Gegenmittel. Der Abwehr der Wassergeister dienen verschiedene Mittel. Man muss zweimal gebähtes Brot619), nüchtern eine Bähschnitte620), morgens vor dem Ausgehen gebackene Semmelschnitten621), zweimal geweihtes Brot622), zweimal am Tage Brot623), in neun verschiedenen Häusern gebackenes Brot624), Zwieback essen625), neunmal geweihtes Johannisbrot in die Kleider nähen626), etwas Mehlteig in der Tasche tragen627) oder gesegnetes Brot628). Man muss Dorant und Dosten (vgl. oben 2, 350 ff. 367 ff.) bei sich tragen629); der Nix redet da die im Keller Bier zapfende Wöchnerin in Versen an: "Hättst nicht Dorant und Dosten, solltest Bierle nicht kosten". Blauer Orant im Garten stehend, hindert die Nicker, die Wöchnerin wegzutragen630). Ein Edelweiß an der Brust scheucht die Wassergeister in Friaul631). Der Wassermann kann mit dem Baste bestimmter Bäume gefesselt und bewältigt werden632). Die Tschechen bekämpfen den Wassermann mit seiner eigenen Strategie (s. § 28), indem sie ein rotes Band ins Wasser werfen, darein sich der Wassermann, neugierig zugreifend, verwickelt633) und bekommen den in ein Pferd verwandelten Wassermann in ihre Gewalt, indem sie ihm das Leitseil einer Halfter aufwerfen, um das geweihte Erlenrinde gewickelt ist634). Man kann auch einen geweihten Strick benutzen, ihn zu fesseln635). Die Wenden fangen den Wassermann in einem Sacke, den man mit Stichen gerade von sich weg genäht hat636), wehren ihn durch große Holzfeuer ab, die die ganze Nacht hindurch brennen637). Im polnischen Schlesien vertreibt man den Wassermann durch Ohrfeigen mit der linken Hand638) oder indem man mit der linken Hand ein Musikinstrument spielt und Kreuze macht639). Man ist seiner Verfolgung entronnen, wenn es gelingt, über die Wagengeleise zu springen640), oder wenn man 'bestimmte Worte' singt641), flucht642), den Spruch hersagt: "Wassermann plump, Zieh mich nich in Tump, Zieh mich nich ze tief nei, Doß ich nich stecken blei"643); tschechisch ruft man ihm zu: "Leviathan, lass los die christliche Seele"644). Christlichkirchliches mengt auch sonst sich ein oder erscheint für sich - besonders häufig im polnischen Schlesien als wirksames Abwehrmittel. Man muss gegen den Wassermann einen Kreuzknoten in die Peitsche schlingen und damit vor und hinter dem Wagen ein Kreuz in der Luft beschreiben645); man muss vor dem Baden ein Kreuz, drei Kreuze machen646). Man muss die Muttergottes anrufen und ein Kreuz schlagen647), "Jesu Maria" rufen648), beten649), 'C + M + B' über die Tür schreiben650). Weihwasser brennt ihn wie Feuer651). Ein (geweihter) Rosenkranz652), ein Skapulier653) verscheucht ihn. Ein am Palmsonntag geweihter Zweig vom Pimpernussbaum tötet ihn654). Wer den Johannissegen getrunken hat, ist gefeit655). Aus Merowingerzeit ist schon häufig belegt, dass Heiliges und Heilige gegen Wassergeister schützen656). 40. Fangen der Wassergeister Vereinzelt wird erzählt, dass man einen Wassergeist gefangen habe657) in einem Netz658) oder indem man ihm Essen und Trinken hinstellte und den Trunkenen in ein mit Harz bestrichenes Gewand oder in Pechstiefel steigen ließ659), die Wasserhexe mit einem Milchbrot in eine Flasche lockte660), den zuschauenden Wassermann in ein gespaltenes Holz einklemmte661), der aus den Wellen steigenden Wasserjungfer einen geweihten Rosenkranz662), dem Wassermann einen Baststrick mit drei Knoten, einen Strick mit einer Schlinge, einen Strohhalm überwarf, in den man mit der linken Hand (oben § 39) drei Knoten geknüpft hatte663); Meergeister (s.d.) werden ohne besondere Veranstaltungen gefangen. Die Gefangenen verraten dann, um freizukommen, allerlei Wissen, wie die Kunde um den Erzberg, den sie den Steirern schenken664), während sie das Wissen um das Kreuz in der Nuss und den Karfunkelstein oder die Aufklärung eines unverständlichen Ausspruches ("Kölln oder dill, ick segg jo nich, wo't got faer is, un wenn ji mi ok fillt")665) zurückhalten. Die Erzählungen laufen dann in allerlei andere Typen aus: Teufel in der Kirche, der die Ochsenhaut beschreibt666), Einsiedler und Engel, Dienst der gefangenen Schwanjungfrau u.a. Sie stimmen sehr genau zu dem, was altskandinavische Überlieferung (Landnáma 2, 5; Hálfssaga K. 7) von Fang und Weisheit des marmenill sowie neuere skandinavische Volkssagen erzählen667). Nach tschechischem Glauben verliert der Wassermann, wenn er sich nach Regen bei Sonnenschein am Teichrande wärmt, seine Kraft, und man kann ihn töten. Wenn die Frösche zu quaken beginnen, gewinnt er seine Kraft zurück. Das Grüne, das auf der Oberfläche der Teiche schwimmt, sind die Häute der getöteten Wassermänner668). Das Ganze überspinnt wohl nur den Glaubenssatz, dass der Wassermann auf dem Lande keine Kraft hat669), wie umgekehrt die geringste Berührung mit seinem Elemente ihn gewaltig macht. "Hätt ich nur die große Zehe ins Wasser eintunken können, so wärest du mein gewesen", sagt der Wassermann zu einem Bauern, der ihn im Ringen besiegt hat670). Ein gefangener Wassermann verschwindet sofort, als man ihm Wasser zu trinken gibt671), wie die Wasserpferde (§ 3). So kann er an jedem Menschen sich rächen, der nur mit der kleinsten Wassermenge in Berührung kommt und sei es im Trinken (§ 29). Dass man keinen Trunk von Wassergeistern annehmen darf, ohne ihnen zu verfallen, wird in Sagen episiert672). 593 Belege hiefür oben in § 29.
41. Auf der Saale und dem Mansfelder salzigen See werden Wasserkönig, Nixe und Nixen von Burschen in grünen Kleidern und langen Haaren in bewegten Szenen dargestellt674). Über das gesamte Gebiet verbreitet ist das Kinderspiel vom 'Nix in der Grube', bei dem Wassermann, Nix, Brunnenfrau in einem mit Wasser umschütteten Kreise, in einer Grube usw. stehen und von den übrigen Kindern in spottenden Versen aufgefordert werden, eines von ihnen hinabzuziehen oder auch wegen der roten Strümpfe verlacht, wendisch auch mit Unflätigkeit bedroht werden675). Im 'Maipaar' heißt die männliche Figur, die in den Brunnen gestürzt wird, 'Wassermann'676). 42. Berührung mit anderen Glaubens-, Sagen- und Erzählungskreisen. In den volkstümlichen Erzählungen von den Wassergeistern zeigt sich vielfach eine Vermengung der Wasserdämonen mit anderen Erscheinungen des Volksglaubens. Die Betrachtung der Sagen vom Wasserschmiede, vom Backen und von den Dienstleistungen der Wassergeister. in der Hauswirtschaft oben §§ 21, 22, 35 gab schon zu einschlägigen Bemerkungen Anlass; hier sei nachgetragen, dass auch die rote Kleidung, das rote Käppchen des Wassermannes statt der ihm allein anstehenden grünen Farbe auf eine Vermengung mit den Heinzelmännchen deutet. Berührung mit den Zwergen (vgl. Wasserzwerge) legte schon die zwerghafte Gestalt der W., oben § 1, 2, nahe; in den Wechselbalgsagen standen die beiden Dämonengruppen immer zur Wahl. Es ist darum nicht erstaunlich, wenn gelegentlich auch von einem Auszug der W. erzählt wird677); die Nixen des Vogtlandes zogen, nach bekanntem Schema, aus, als die Menschen anfingen, die Klöße in den Töpfen und die Brote im Ofen zu zählen678). Auch die auf das Motiv "Der große Pan ist tot!" gebauten Geschichten werden öfter von Wassergeistern erzählt679) wie die Typen 'Selbergetan'680) und Rumpelstilzchen681). Wie sonst das Holz- oder Moosweiblein wird wohl auch einmal eine Seefrau vom wilden Jäger verfolgt682). Nahe verwandt sind die weiblichen Wassergeister auch den Wildfrauen des Hochgebirges, denen ähnliche Wohnorte, Gestalt, Tätigkeiten mit Waschen, Backen und häuslicher Dienstleistung bei Menschen zugeschrieben werden683). Ihre Gestalt rückt sie auch den Weißen Frauen nahe684), deren Erlösungsbedürfnis sie dann teilen685). Nur vereinzelt heißt es, die Wassergeister seien verwünschte Menschen686). Die Nixen in der Saale sollen vertauschte Menschenkinder sein, statt deren die Nixe ihre Wechselbälge oben gelassen haben687): eine Folgerung aus dem unter § 14 Behandelten. In Schlesien werden böse Kinder mit der Verwandlung in Lissjungfern bedroht688). Im Ganzen scheint mir gegen Weinhold689) die Erlösungsbedürftigkeit der Wassergeister in Deutschland kein diesem Kreise ursprünglich zugehöriger Zug; dafür tritt er zu selten auf, und die wenigen Erlösungsgeschichten, die erzählt werden690), machen einen hilflosen Eindruck. Mythisch fesselnder sind die Züge des Wasserdämons in der Erscheinung der Frau Holle691): Wohnung im Wasser, Bringen der Kinder, Hinabziehen der Kinder, Verwandlung der bösen in Wechselbälge. Eine ähnliche mythische Verbindung liegt offenbar vor, wenn man im Böhmerwald einem Mädchen, das schlecht spinnt, mit der verwunschenen Frau im Rachelsee droht, ohne dass die Überlieferung sonstige Frau-Hollen-Züge von der Seefrau zu erzählen wüsste692). Dass Hexen, besonders Wetterhexen in die Ungewitter erzeugenden Seen versetzt werden693), versteht sich leicht, ebenso die Beziehung von Wassergeistern zu den ins Wasser versunkenen Glocken694). 43. Entstehung und Wesen. Die hier gebotene Überschau zeigt, dass der Glaube an Wassergeister in ganz Deutschland lebendig ist oder jedenfalls im jüngst vergangenen Jahrhundert, das den verarbeiteten Stoff im Wesentlichen gesammelt hat, lebendig war. Selbst Zeugnisse für fortdauernden Kult der Wassergeister in Gestalt von Opfern begegnen bis in die Gegenwart, und dichterische Phantasie hat aus den Glaubensmotiven eine lange Reihe von Sagen gestaltet, von denen einige ungewöhnlich verbreitet sind. Die Verteilung der Überlieferung über den deutschen Volksboden ist nicht ganz gleichmäßig. Nicht bloß dass einzelne Glaubensvorstellungen und Erzählungsformen, wie oben schon gelegentlich bemerkt werden konnte, auf bestimmte Gebiete sich einschränken. Die Dichte der Überlieferung im Ganzen nimmt von Osten gegen Westen ab. Die lebendigste und reichste Überlieferung zeigt sich an der östlichen Slawengrenze, die dünnste im mittelrheinischen Gebiet, sodass etwa vom Rheine selbst sich kaum eine echt volkstümliche Wassersage bezeugt findet. Die deutsche Auffassung der Wassergeister stimmt mit der skandinavischen weitgehend überein, nur dass diese reicher noch erscheint und altertümlicher in der Bewahrung von Glauben und Kult. Aber auch mit der Überlieferung nichtgermanischer Nachbarn zeigt unsere deutsche sich durch zahlreiche Übereinstimmungen verbunden, der der Slawen sowohl als der Romanen. Mit jenen scheint ein besonders lebhafter Austausch auf dem überschauten Felde stattgefunden zu haben. Das Nähere harrt der Untersuchung. Auch mit der Antike zeigt sich mannigfache Berührung, nur dass Nymphen, Najaden, Nereiden ein freundlicheres Gesicht zeigen. Die Übereinstimmungen scheinen nicht durchweg als das natürliche Ergebnis gleicher Voraussetzungen deutbar. Der Fischleib wie der verlockende Gesang unserer weiblichen Wassergeister dürfte den Sirenen entlehnt sein, denen freilich antik selten, aber schon seit dem 6. nachchristlichen Jahrhundert häufig, ein Fischleib zugeschoben wird. Entlehnung anzunehmen wird nahegelegt durch die Tatsache, dass Fischgestalt wie Gesang auch in deutscher Überlieferung so gut wie ausschließlich den weiblichen Wassergeistern zugeschrieben werden, dass der Gesang als bewegendes Motiv in wirklich volksmäßigen Erzählungen fast nicht, der Fischleib ebenso wenig erscheint (denn der Melusinentyp ist gewiss nicht volkhaft und bodenständig deutsch), der Fischleib aber einer Reihe volkläufiger Erzählungstypen (Tanz der Nixen, Fleisch einkaufen, häusliche Hilfeleistung) völlig widerspricht. Die Sirene war in die Vulgata eingegangen wie in den Physiologus, der deutschen Literatur des Mittelalters ist sie höchst geläufig; ihre Anschauung ward durch die zahllosen fischschwänzigen Sirenen romanischer Plastik, die nicht selten Musikinstrumente in der Hand halten, auch ungelehrten Deutschen früh vermittelt; Lichterweibchen, Kielfiguren, Wetterfahnen, Dachtraufen, Uhrengehäuse u. dergl. haben sie auch in neueren Zeiten volkstümlich gehalten. Wenn im Übrigen aus unserer Überlieferung zu den verschiedensten Völkern, mit denen das deutsche nie in Kulturaustausch gestanden, Fäden sich zu spinnen scheinen, so liegt das an dem gemein menschlichen Geiste, der ähnliche Vorstellungen aus gleichem Grunde heraushob. Das Wasser musste früheren Zeiten wichtiger noch erscheinen als heute als Nahrung spendende und verkehrfördernde, zugleich aber auch ungebändigt ewig gefahrdrohende Macht. Mit der Atmosphäre über ihm bot es in einer Fülle merkwürdiger Gesichts- und Gehörseindrücke reichen Stoff und Anreiz für die Bildung der oben gesammelten Glaubensvorstellungen und Sagen. Dazu kam als ein sehr Wesentliches die beunruhigende Frage, wer und was den Menschen töte, der ins Wasser gerät, da doch eine Menge von Pflanzen und Tieren in ihm unbeschwert leben. Beobachtungen an Wasserleichen bestimmen einzelne der gegebenen Antworten. Die mythische Apperzeption der natürlichen Tatsachen musste nach Ort und Zeit verschieden sein. Unsere Überlieferung zeigt denn nicht nur beträchtliche landschaftliche Unterschiede, sondern in der fesselndsten Weise auch Verschiedenheiten, die als geschichtliche Stufen der Mythenbildung überhaupt sich fassen lassen, deren Ablauf die ältere Stufe nie völlig zerstörte, wenn sie die nächste betrat. Urstufe möchte sein, wenn das Wasser in manchen Überlieferungen rein als solches, dämonisch wohl, aber völlig ungestaltet und unpersönlich gefasst erscheint. Weiter begegnen tiergestaltige Wassergeister, durch die Beobachtung der Wassertiere nahe genug gelegt; als Zwischenstufe weiter halb tierisch, halb menschlich gedacht. Zu rein menschlicher Gestalt erhob die Anschauung sich sichtlich spät und selten, denn auch die menschengestaltigen Wassergeister erscheinen zumeist zwergenhaft, seltener riesenmäßig gedacht. Christlicher Einfluss spielt bei der Bildung der Glaubensvorstellungen eine geringe Rolle. Ob die häufige Angabe vom lauten Klagen der Wassergeister auf Hiob 26, 5 zurückgeht: 'gigantes gemunt sub aquis' und nicht vielmehr als selbständige Ausdeutung von Gehörseindrücken aus dem Wasserbereiche erwuchs, mag dahingestellt bleiben. Am meisten hat Kirchliches sich begreiflicherweise im Abwehrzauber geltend gemacht. Nachleben germanischer Göttervorstellungen wird in der Volksüberlieferung nirgends erweislich; die Gestalten nordischer Mythologie, Aegir, Ran, ihre Töchter und was sonst sich um sie ordnet, sind Stilisierungen der hier behandelten Glaubensvorstellungen. Die Zeugnisse für unseren Stoff sind überwiegend freilich sehr jung, im weitaus größten Teile erst im letzten Jahrhundert aufgenommen. Die wenigen Zeugnisse aus dem Mittelalter bleiben ein sparsames Wetterleuchten über dunklem Grund. Immerhin zeigen sie eine wissenschaftlich tröstliche Übereinstimmung mit der neueren Überlieferung. Sie verraten ferner, dass der Stoff neben der bäuerlichen, die der neueren Volksüberlieferung geläufig ist, auch heroische und ritterliche Stilisierung erfahren hat, da er früh und immer wieder in die Literatur eingegangen ist. Beziehungen zum Märchen haben wir hin und her zu vermerken gehabt, auch das Volkslied hat sich des Stoffes bemächtigt. Mit sittlichen Gedanken ward er auch in seinen volkstümlichen Formungen vielfach durchdrungen, selbst dem Geisterreiche zwang man z.B. in der Erzählung von den beim Tanze sich versäumenden und bestraften Nixen Ordnung und Ethik auf. Ein widerspruchsloses System ergibt die Gesamtheit der Überlieferung dabei keineswegs; man halte nur etwa die Wechselbalgsagen und die Vorstellung vom Bringen der Menschenkinder durch die Wassergeister zusammen, um zu sehen, welche Widersprüche sich nebeneinander zu behaupten vermochten. 673 Naumann Gemeinschaftskultur 123 Literatur über Wassergeister: Friedrich Panzer in: H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 9, Berlin 1940 |
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