Ostertaufwasser

1. Seit dem 2. Jh. wurde nur zweimal im Jahre, an den Vorabenden des Oster- und des Pfingstfestes getauft. Zum Andenken an diese beiden ältesten Tauftermine weiht heute noch die römisch-katholische Kirche das Taufwasser für das ganze Jahr am Sonnabend vor Ostern und Pfingsten1). Das zu Ostern geweihte Wasser pflegt als 'Ostertaufwasser' bezeichnet zu werden. In den Taufbrunnen wird die Osterkerze als Symbol Christi oder des hl. Geistes eingetaucht2).

1) Franz, Benediktionen 1, 519 f.; Pfannenschmid, Weihwasser 130.
2) Franz 1, 526. 549 ff.; Usener sieht darin eine Nachahmung der Zeugung: ARw. 7, 294 ff. Vgl. Dieterich, Mutter Erde 114. Dagegen Franz 1, 550. 552.






2. Von alters her war den Gläubigen gestattet, von dem Taufwasser mit in ihre Häuser zu nehmen zum Schutze von Leib und Seele und von Hab und Gut3). Man schreibt ihm wunderbare Wirkungen zu wie auch den Taufbrunnen, die mit lebendigem Wasser gespeist werden4). Man bewahrt von dem Taufwasser das ganze Jahr auf. Gleich am Ostertage besprengt damit der Sigrist die Schwelle der Häuser5). Auch schüttet man von dem Wasser an die Obstbäume, damit sie gut gedeihen und tragen6). Die Hexe kann sie dann nicht durch Wegschälen der Rinde verderben7). Wenn an das während des Maieinläutens tut, erreicht man eine reiche Obsternte8). Man trägt auch etwas vom Ostertaufwasser auf die Fluren und Felder, damit kein Hagel schade und die Früchte gut gedeihen9). Sich selbst besprengt man damit am Andreasabend, in der Christnacht und andern Nächten, die nicht recht geheuer sind. Wenn kleine Kinder mit dem Schnaufen »herb tun«, was vom 'Schrexle' herrühren soll, so benetzt man sie mit dem Ostertaufwasser, so wird ihnen geholfen10). Ein da hinein getauchtes blaues Zuckerpapier legt man gegen Gichter auf das Brüstchen11). Das Ostertaufwasser ist für 77 Fieber gut12). Sommersprossen verschwinden durch Waschen des Gesichtes am laufenden Brunnen, während es am Karsamstagmorgen zum Ostertaufwasser läutet13). Und wenn die Frösche im Weiher recht schreien, so schüttet man Osterwasser hinein, und sie hören auf14).

3) Franz, Benediktionen 1, 52.
4) Ebd. 53 f.
5) Pfannenschmid, Weihwasser 112.
6) Birlinger, Volkst. 1, 490; Meyer, Baden 385. 503.
7) Manz, Sargans 112.
8) Ebd. 117.
9) Birlinger, Volkst. 1, 142; Ders., A. Schwaben 2, 82.
10) Birlinger, Volkst. 2, 84.
11) Meyer, Baden 37.
12) Niderberger, Unterwalden 3. 350.
13) Manz, Sargans 63.
14) Pollinger, Landshut 210.







3. Ein Kind, das mit dem frisch geweihten Wasser zuerst getauft wird, wird ausnehmend gescheit15). Wenn zur ersten Taufe nach Ostern ein Mädchen gebracht wird, muß der Geistliche das Brevier zweimal beten16). Für den ersten Täufling nach Ostern muß eine besondere Abgabe bezahlt werden17), früher ein Osterbock (hircus paschalis)18). Uneheliche Kinder sollen diese erste Taufe nicht bekommen. Geschieht es doch, so wird die Ortsflur in diesem Jahre verhagelt19).

15) Reiser, Allgäu 2, 231.
16) Ebd.
17) Ebd. 2, 231; Meyer, Baden 27; Pollinger, Landshut 241; Sartori, Westfalen 79; Grimme, Das Sauerland 166 (für uneheliche Kinder muß die doppelte Gebühr bezahlt werden).
18) Simrock, Mythol.2 396; Jahn, Opfergebräuche 138.
19) Pollinger 241.

Paul Sartori in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 6, Berlin 1927-1942.

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