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Arnold Böcklin, Im Spiel der Wellen, 1883 |
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Nixen und Wassergeister in der Mythologie nordeuropäischer Völker Von Elard Hugo Meyer. "Wind ist der Welle lieblicher Buhler." Schweben die Luftelfen zu den Gewässern hinab oder tauchen sie in diese nieder, so werden sie zu Wasserelfen, wie sie noch heute in Schweden heißen. Der Windelfe Andvari gestand, dass ihn in der Vorzeit eine jämmerliche Norne dazu bestimmte, sich im Wasser zu tummeln. Der älteste einfache Wasserelfenname scheint althochdeutsch Nichus, angelsächsisch Nicor und altnordisch Nykr zu sein, mit dem freilich damals das Krokodil oder Flusspferd oder ein vielgestaltiges Wassertier übersetzt wurde. Das Wort soll mit dem griechischen niptein, sich waschen, zusammenhängen, wie denn auch in Südwestdeutschland die Nixe 'Waschwibele' heißt. Nach dem isländischen Landnahmebuch stürzte sich ein apfelgrauer Nykurhest bei Sonnenuntergang nach dem Heueinfahren ins Wasser. Der nordische Nikur, Neck oder Nennir, der schottische Waterkelpie stieg als Apfelschimmel oder als Seehund aus der Flut, der Ahnherr der Merowinger war ein mächtiger Wasserstier. Die Langobardenkönigin Theodolinde überwältigte ein Meerwunder, das plötzlich wie ein schwarzer, feueräugiger Bär aus dem Wasser stieg. Bald als Ross, bald als schwarzer brüllender Stier erscheint der ostpreußische Nix, als Pferd auch der schlesische Wassermann. In diesen Formen nähert sich der Nix mehr den Riesen als den Elfen. Aber auf den Färöern taucht er als ein kleiner, zarter Hengst aus dem Meer, der badische Bachdatscher, dem sonst menschliche Figur eigen ist, kommt bei Welschensteinach als kleines 'wuseliges' Tier, die schwäbische Nixe sogar als Kröte zum Vorschein. Das althochdeutsche weibliche Niche(s)sa, das das lateinische lympha 'klares Wasser' übersetzt, wird schon die persönliche Geltung unserer Nixe, schlesisch Lix oder Lisse, gehabt haben; das Maskulinum ist in unserem Neck und Nix, im englischen Nick, im schwedisch-dänischen Nöck, Nisse erhalten. Altnordisch ist auch Marmennil, neuer Marbendil, älter auch die hochdeutsche Merimannin, Meriminni, dann Meerfei, bei Albrecht von Halberstadt Wasserholde. Jetzt gebrauchen wir Wasser-, Hakenmann, Wasserjungfer, Seeweibchen, Brunnenholde, die Engländer Watersprite und -fairy, die Skandinavier Haffru und -mand (Meerfrau und -mann), Sjörät (Seewesen), Vattenelf (Wasserelf), Brunnengubbe (Brunnenalter), Källrät (Quellgeist). Von mehr landschaftlicher Geltung ist die hochdeutsche Muhme, die niederdeutsche Watermöme oder Mettje. Die Schweden kennen tre Möjer (drei Wassermuhmen). Im Wasser haben sich die Luftgeister fast noch mannigfaltiger geformt als in Berg und Wald, weil es selber diese an Beweglichkeit und Formenwechsel übertrifft. Vom leise rieselnden Brünnlein rauschen die munteren Bäche und die starken Ströme, hier zu Wasserfällen hinabgedrängt, dort sich zu Seen ausbreitend, zum unübersehbaren wogenden Meer. Steile Felswände oder flache Sandufer, hoher Wald oder Sumpfgestäude und in späterer Zeit auch Werke der Menschenhand begleiten oder unterbrechen ihre Bahn. Und Wind und Wolken fliegen über die Wasser hin, sie lachen im Sonnenschein und dräuen im nächtlichen Dunkel. Wie sie milde kosen und heimlich schluchzen und lieblich singen und heftig donnern! So bringen sie vielgestaltig den Menschen Labe, Gedeihen und Segen, aber auch Ungemach, Gefahr und Verderben. Die Quelle wird ein 'Haupt' genannt, von den Griechen ein Haupt des Flusses, von den Römern ein Haupt des Wassers, von den Germanen ein Brunnhaupt oder Bornhövede. Auch in der Verehrung der Quellen stimmen diese Völker, namentlich die Römer und die Deutschen, miteinander überein. Beide umkränzen sie mit Laub und Blumen, die Römer schlachten ihnen ein Böcklein wie die Norweger dem Wasserfall. Beide warfen in die Heilbrunnen Geldstücke hinein. Wenn man nun auch zahlreiche römische Kaisermünzen in deutschen Heilquellen, namentlich an beiden Ufern des Rheins, gefunden hat, so könnte man deutsche Nachahmung eines fremden Brauches vermuten. Aber wie die Brunnenbekränzung aufs Innigste mit der germanischen Frühlingsfeier zusammenhängt, ist auch jener andere Brauch in Skandinavien und anderen von Rom unbeeinflussten Ländern häufig. Aber was hat man von der Quellgöttin Coventina, deren Name nicht gerade germanisch klingt, zu halten, der germanische Soldaten in Northumberland kleine Altäre, sowie tönerne Becher und zahlreiche Münzen von Hadrian abwärts weihten? Auch anderen Elfen als Quellelfen opferte man Geld. Das Umstellen der Quellen mit angezündeten Lichtern war ebenfalls weit verbreitet, es wird schon in der Katechese des Bischofs Cyrillus von Jerusalem im Jahre 347 getadelt. Die Römer spendeten den Quellen auch Wein, die Germanen Brot und Kuchen, und wenn die Griechen ihnen abgeschnittenes Haar, so brachten ihnen die Germanen abgeschnittene Nägel dar. Von entschiedenerer germanischer Eigenart waren die Opfer, die nach dem Indiculus die Sachsen den Quellen brachten, und die Oster-, Mai- und Johannifahrten, die man zu den Quellen unternahm, um gesund und fruchtbar zu werden und ihre Weissagung zu hören. Man durfte sie aber nicht verunreinigen und durch Steinwürfe trüben. Das alles geschah nicht den Quellen selber, sondern ihren Bewohnern. Denn die Bläschen, die in schwäbischen Quellen aufperlen, kommen von den atmenden Wassergeistern. Meist sind diese weiblichen Geschlechts, weiße Jungfern oder Frauen oder Waschwibele, die darin waschen oder sich baden. Doch kommen auch männliche Brunnenholde vor. Freier tummeln sich die Bach- und Flusselfen. Namentlich in Thüringen hat jedes Flüsschen seine Nixen, die Saale, die Ilm, die Unstrut. Sie bewohnen im Grunde des Wassers lichte Säle und tauchen mit halbem Körper hervor und lauern unter oder auf den Brücken, ja sie wagen sich darüber hinaus aufs Land. Da kämmt dann wohl eine Nixe ihr Goldhaar oder breitet ihre Wäsche aus, wie oben ihr Wald- oder Bergbäschen, blickt dich mit großen, starren Augen aus der stillen, glasigen Wasserfläche an und zeigt zwischen dem säuselnden Schilf ihre grünen Zähne und grünen Locken. Im Wasser fühlt sie sich am wohligsten mit einem Fischschwanz, aufs Ufer steigt sie mit langem, triefendem Kleid. Der Nix schaut auf dem Lande oft unauffällig wie ein ältlicher Mann aus, der einen grünen oder roten Hut auf dem Kopf trägt. Aber auch er hat grüne Zähne und einen tropfenden Rockschoß, und gefährlich zum Wasser lockend blickt sein Auge. Noch heute ist der thüringische Nixenglaube nicht ganz erloschen, und manches badische Mütterchen hört das Waschwibele oder den Bachdatscher abends im Dorfbach plätschern, und die Kinder fürchten den Hakenmann oder das Hakenfräulein oder die Mettje, die sie mit einem Haken oder ihren grünen Haaren oder ihrem langen Arm in die Tiefe ziehen. Der schlesische Wassermann fängt sie in einem Netz. Doch die hessischen Kinder schelten derbe auf ihn los: "Nix in der Grube, bist ein böser Bube, wasch dir deine Beinchen mit roten Ziegelsteinchen." Was hilft's? In zahlreichen deutschen, auch dänischen Flüssen pochen die Wassergeister auf ein förmliches Wasserrecht: sie fordern alljährlich zu Laetare oder Himmelfahrt oder Johanni oder Peter und Paul einen bis zehn Menschen zum Opfer. Mit Blumen, den Wasserrosen, und bunten Bändern, dem Mond- und Sonnenglitzern der Wellen, lockt der österreichische Wassermann die neugierigen Kinder ins Wasser, lacht dabei laut auf, patscht in die Hände und verschwindet. Ist die Stunde gekommen, so ruft es in der Lausitz aus dem Wasser: "Zeit und Stunde ist da, aber der Mensch noch nicht", und ein Mensch eilt herzu und stürzt sich unaufhaltsam ins Wasser. Abends lockt der süddeutsche Nix durch seinen Hilferuf, und willenlos wirft sich ein Mensch in die Tiefe. Hoch im Norden lachen der isländische Marbendill und der schwedische Sjörät gellend auf, bevor jemand ertrinkt, und an der anderen Ecke des Germanengebiets, in Steiermark, die Bachbarbara. Auch den Wassergeist im Würmsee verlangt es nach einem Opfer, wenn der See blüht, d. h. sich auf der Fläche viele von Grund aufsteigende Bläschen zeigen. An jenen verrufenen Tagen badet man daher nicht, der Fischer stellt keine Netze, der Schiffer unterbricht seine Fahrt, und man meidet sogar den Weg über die Brücke. Sieht man in Böhmen den Wassermann kommen, so wirft man bunte Bänder ins Wasser. Neugierig greift er darnach und verwickelt sich in sie. Der Schwede legte wohl vor dem Bade einen Stahl hinein, weil er dadurch den Neck gebunden glaubte. Als der Frankenkönig Theoderich 539 mit seinem Heere über die alte Pobrücke zog, brachte er furchtbare Menschenopfer. Geht in Katzhütte in Thüringen eine Mutter mit ihrem Kinde das erste Mal zur Kirche, so wirft sie dreierlei Münzen in den Fluss mit denWorten: "Da hast du das Deine, lass mir das Meine." Daraus, dass die Nixen am liebsten Kinder greifen, erklärt sich vielleicht der grausige Brauch, in den Grund namentlich von Brücken, Flusswehren, Deichen ein unschuldiges Kind lebendig einzumauern, zu beschwichtigender Sühne. Noch 1841, als die Elisabethbrücke in Halle gebaut wurde, glaubte das Volk, man bedürfe eines Kindes zum Einmauern. Die Wassergeister stellen dem Müller wie seiner Mühle nach. Die Müller an der Bode in Thale am Harz warfen immer, wenn das Wasserhuhn pfiff, dem Nickelmann ein schwarzes Huhn ins Wasser, denn sonst musste jemand ertrinken. Das fränkische Wasserweible stellte dem Müller unlieb die Räder; zur Julzeit dringt der schwedische Neck aus seinem stillen Wasser in die Flüsse und zerbricht die nicht gehemmten Mühlräder, oder er mahlt so arg, dass die Mühlsteine bersten. Der schlesische Wassermann überrascht einen spöttischen Müller mit seiner Flut, bis dieser ihm sieben Leben verspricht, und hintereinander fallen fünf Kinder, des Müllers Weib und der Müller selber ins Wasser. Die Heimlichkeit der Spinnstube oder die Kirchweihmusik der nahen Schenke lockt die deutsche Nixe ans Ufer. Sie trocknet ihr Haar, schmückt sich, stiehlt sich im Abendnebel über die Wiese ins Dorf hinein und huscht im Tanzsaal in die Mädchenschar. Und selig tanzt sie mit dem schönsten Burschen und vergisst die rechte Stunde des Scheidens. Wie sie nun den Morgen grauen sieht, erblasst sie, reißt sich von ihrem Tänzer los und stürzt sich in den Bach. Aus der Tiefe schäumt das Wasser blutig auf; der Wassermann hat seine Tochter getötet. In Schweden kennt man auch eine Art Kehrseite dieser Geschichte: Fünfzehn Jahre lang hatte ein Mädchen im Haus einer Meerfrau gewohnt und nie die Sonne gesehen. Endlich dringt ihr Bruder hinab und führt seine Schwester wieder zu den Ihrigen. Sieben Jahre wartete die Meerfrau auf ihre Rückkehr, dann schlug sie mit ihrem Stab ins Wasser, dass es hoch aufbrauste und rief:"Hätt ich gewusst, dass du wärest so falsch, so hätt' ich gebrochen deinen Diebeshals." Das schwedische Meerweib und die deutsche Nixe wissen bezaubernd zu singen, wenn das Wasser rauscht, das Wasser schwillt. Der Fischer sinkt zu ihr hinab. Aber noch mächtiger reißt der schwedische Strömkarl (der Flussmann) oder der oberste Felekarl (Fiedelmann), oder der norwegische Fossegrim oder Fossekall (der Wasserfallmann), oder der Quernknurren (der Mühlengeist) hin, wenn er in grauem Kleid mit roter Mütze auf einem Stein mitten im Wassersturz sitzt und auf seiner Geige den unwiderstehlichen Elfvalek spielt. Erst streicht er ganz sacht wie leises Geplätscher, aber immer höher schwillt die Melodie, und immer stärker berauscht sie die Zuhörer. Der Elfvalek oder Strömkarlslag hat elf Variationen, von denen man aber nur zehn tanzen darf. Wird die elfte aufgespielt, so fangen Greise und Tische und Bänke und Kannen und Becher, selbst die Kinder in der Wiege an zu tanzen, bis die ganze Gastgesellschaft hinab ins Wasser tanzt, wenn nicht einer kommt und dem Musikanten die Saiten der Geige zerschneidet. Der Müller fürchtet des Felekarls Spiel so, dass er, wenn es anhebt, sein Mühlenhaus schließt und den Schlüssel fortwirft, um nicht ins Wasser zu tanzen. Aber auch drinnen muss er mit einem Scheffel in seinen Armen die ganze Nacht herumspringen. Der Fossegrim lehrt seine Kunst gegen Lohn auch Menschen. Ist die Gabe mager, so lernt der Lehrling nur das Stimmen der Geige. Wirft dieser aber mit abgewandtem Haupt ein weißes Böcklein oder ein schwarzes Lamm in den Wasserfall, so führt ihm der Fossegrim die rechte Hand so lange über die Saiten hin und her, bis ihm das Blut aus allen Fingerspitzen springt. Dann kann auch der Mensch spielen, dass die Bäume tanzen und die Wasser in ihrem Falle stillstehen. Solche volksberühmte Geiger waren in den Tagen Ole Bulls im schwedischen Wärend Nils und Peter. Nach anderen lernt einer sofort die Kunst der schwedischen Elfen, wenn er ihnen die Auferstehung verspricht, denn sie sehnen sich nach dem Christentum. Wer das aber nicht tut, der hört, wie sie in ihrem Berg die Geigen zerschlagen und bitterlich weinen. So schleuderte auch der deutsche Neck seine Harfe weg und weinte, als ihm zwei Knaben zugerufen hatten: "Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig!" Aber als sie, von ihrem Vater getadelt, zum andern Male ihm die Erlösung verhießen, spielte er lieblich auf seiner Harfe bis lange nach Sonnenuntergang. Die stilleren Seen, die zuzeiten so unruhig und wild werden können, haben ihre eigenen Elfenmythen. Lässt man ein flaches Steinchen über ihre Fläche hintanzen, so löst man ,Bräutle' oder ,Wassermännchen', als ob dadurch die darüber schwebenden Wassergeister von ihrem Element gelöst würden. Viele Schweizer und deutsche Seen dürfen aber nicht durch Steinwürfe beunruhigt werden. Sie erregen im Schwarzwälder Mummelsee den Zorn der Seemuhme, sodass Unwetter losbricht, und zornig erweist der Mummelsee sich auch in der etwas unklaren Erzählung des Simplicissimus 5,16, nach der ein Wassermännlein darin seine geraubte Gemahlin sucht. Es kommt aber nicht wieder zum Vorschein. Nur sein Stecken mit einer Handvoll Blut springt nach einiger Zeit ein paar Fuß hoch in die Luft. Aber der berüchtigtste See ist doch der am Pilatusberg bei Luzern gelegene Oberalpsee, dessen Sage erst im 13. Jahrhundert mit der Pilatuslegende verknüpft ist. Bald watete, übrigens mehr nach Riesenart, der Unhold in diesem See, dass er überströmte und seine Wasser ins Tal ergoss, bald stürmte er durch das Gebirge, jagte Hirten und Herden auseinander und stürzte sie in die Abgründe. Namentlich wenn man in der Nähe des Sees lärmte, Steine hineinwarf oder gar seine Tiefe ausmessen wollte. Der Zutritt zu dem See und selbst der Besuch des Berges waren verboten; wegen versuchter Besteigung wurden 1387 sechs Geistliche zu Luzern ins Gefängnis geworfen, und selbst der Herzog Ulrich von Württemberg und 1555 der berühmte Konrad Gesner wurden nur unter Aufsicht und dem Versprechen, nichts in den See hineinwerfen zu wollen, hinaufgelassen. Noch im vorigen Jahrhundert sprachen die Sennen bei Sonnenuntergang durch die 'Volle', den Milchtrichter, einen feierlichen Segen gegen den Unhold und wurden dafür mit dem sogenannten Rufkäse belohnt. Am Strande größerer Landseen oder gar des Meers haben die Wassergeister wiederum anderen Umgang. Der heilige Gallus hörte ums Jahr 600, wie ein Berggeist bei Bregenz seinem Kameraden im See zurief: "Komm, hilf mir die Fremdlinge vertreiben, die mich aus meinem Heiligtum vertrieben!" Darauf antwortete der Wassergeist: "Einer von ihnen ist auf dem See, aber vergebens suche ich seine Fischnetze zu zerreißen. Er ist durch das Zeichen Christi geschützt." Darauf erhoben sie ein 'fantastisches', d. i. dämonisches Geschrei. Wo sich das Rauschen des Bergwaldes mit dem der Wellen mischte, belauschte der Bekehrer ein Zwiegespräch der Geister. Der nordische Skalde aber nannte die Wogen im Nebel Bräute, die auf Brandungsklippen gehen und die Bucht entlangfahren; ein hartes Bett haben die weiß geschleierten Weiber und spielen in Seestille wenig. Wir kennen schon die schwedische Meerfrau, die am Strand ihre Kleider ausbreitet und mit dem Herrn des Berges zankt. Wirft der Nord aus Gischt und Wasser gemischte Wogen auf, so sieht man sie ihr weißes, schwarzköpfiges Vieh ans Land treiben. Am Mälarsee trieb sie es bis zur Klintatanne, unter der sie wohnte. Niemand wagte, deren Äste anzurühren. Graue Kühe nennt man noch wohl auf Island den Seekuhschlag, weil sie von Kühen abstammen, die einst ein gefangener Marbendill aus Dankbarkeit in den Hof seines Befreiers aus der See herausschickte. Der Fischer der schwedischen Seen opfert der Seejungfrau Früchte und Geld, um Wind und Glück von ihr zu kaufen. Dem rauschenden Wasser ist weissagende Kraft eigen. Nach Plutarchs 'Caesar' gingen germanische Frauen an die Strudel der Flüsse zu weissagen, und mehr als ein halbes Jahrtausend später warfen noch christliche Franken gefangene Gotenweiber und -kinder als Opfer in den Po, um die Zukunft zu erfahren. Im Nibelungenlied künden die Quelljungfern, die aber 'Meerweiber' heißen, dem Hagen samt dem ganzen Burgunderheer Verderben in König Etzels Land. Die dänische Königin Dagmar lässt sich von einer Meerfrau weissagen, wie auch die mecklenburgische Sage eine zukunftskundige Watermöme kennt. Gefangen weissagt die Meerfrau Untergang des Landes, soweit man sie landeinwärts schleppe. Die Meermaid von Padstow in Cornwall, die man durch einen Schuss erbittert hat, verflucht den Hafen, der auch wirklich versandet. Der merkwürdigste Meergeist ist aber der Marmennü, der etwa mit den weissagenden Meergreisen des griechischen Mittelmeers verglichen werden kann. Vom Nabel an gleicht er einem Seehunde, wie Proteus am Strande unter Robben ruht, er hat auch wie diese einen dicken Kopf und breite Hände. Wenn die Wellen klatschen, so lacht er laut auf; man gedenkt des unzählbaren Gelächters der Wogen, das bei Aeschylos der gefesselte Prometheus anfleht, sein Leiden anzuschauen. Noch heute ist es ein bekanntes Wort in Island: 'Da lachte Marbendill', und schon einem der ersten Ansiedler der Insel weissagte er scherzend seinen Wohnort. Was die Halfssaga um 1300 vom lachenden Meermännlein erzählt, weiß auch noch die neuisländische Volkssage und zwar viel hübscher vorzutragen. Bei einem schweren Fischzuge holte ein Bauer einen Marbendill ins Boot und nahm ihn mit sich ans Land. Noch hatte er nicht sein Schiff in Ordnung gebracht, als sein Hund fröhlich an ihm aufsprang, und ärgerlich schlug er ihn. Da lachte der Marbenbill zum ersten Mal. Wie nun der Bauer auf seinen Hof zuging und an einen Stein stieß und diesen verwünschte, da lachte der Marbendill zum zweiten Mal. Und als der Bauer den freundlichen Gruß seines ihm entgegenkommenden Weibes freundlich erwiderte, da lachte der Marbendill zum dritten Mal. Nun fragte ihn der Bauer, warum er dreimal gelacht hätte. Er erklärte sich zur Auskunft unter der Bedingung bereit, dass er an der Stelle der See, wo er gefangen worden wäre, wieder hinabgelassen würde. Nachdem der Bauer ihm das versprochen, äußerte sich dieser: "Zuerst lachte ich, weil du deinen Hund schlugst, der dich mit aufrichtiger Freude begrüßte; zum Zweiten, weil du einen Stein verwünschtest, unter dem ein Goldschatz liegt; zum Dritten, weil du so freundlich die schönen Worte deines Weibes aufnahmst, das dir doch untreu ist." Darauf sprach der Bauer: "Zwei von den Dingen, die du mir sagtest, kann ich jetzt nicht prüfen, die Treue meines Hundes und die Treue meines Weibes. Aber auch wenn nur das dritte wahr ist, werde ich dir mein Versprechen halten." - und damit grub er den Stein heraus und fand da wirklich einen großen Schatz. Nun fuhr er mit dem Marbendill aufs Meer und ließ ihn an der verabredeten Stelle über Bord, worauf der Marbendill, noch auf dem Ruderblatt sitzend, sagte: "Du hast wohlgetan, Bauer, dass du mich nun meiner Mutter wieder heimschicktest; das werde ich dir vergelten. Sei gesund und glücklich!" Und sieben seegraue Kühe fand der Bauer kurz darauf in seinem Hof, die größten Kostbarkeiten auf Island, und hatte zeitlebens allen Überfluss. Grausiger als der Marmennil, dem Grendel ähnlich, ist der norwegisch-färöersche Sjodreygur, das Seegespenst, das mit gewaltiger Hand plötzlich aus der Brandung über den Strand, ja bis ins Haus hinein in Grendels Weise nach einem Menschen ausgreift, um ihn in die Tiefe zu reißen. Nachts rudert es heulend wie ein Mann oder Hund durch die Wogen, ja reizt als Schiffer mit seinem Schiff die Schiffer zu verderblicher Wettfahrt im Sturm. Oder es hüpft auf seinem einen Fuß auf die Insel und trachtet die Menschen vom Deich ins Meer zu stoßen, wie der übrigens mehr riesische dithmarsische 'Dränger', der auch die Deiche stürzt, sodass die See wieder ins Land hereinbricht. Aus: Elard Hugo Meyer, Mythologie der Germanen, Straßburg 1903 Prof. Elard Hugo Meyer, Indogermanist. Meyer lehrte seit 1890 zunächst als Privatdozent, später als Honorarprofessor für Volkskunde an der Universität in Freiburg |
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