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![]() Wie am Tausendkinderbrünnlein im Elsass hat im Volksglauben vielerorts die christliche Maria die Rolle der alten Kinderbringerin Frau Holle bzw. Frigga übernommen. |
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| Über die Kinderherkunft
Von Bernhard Kummer. 1. Das religionsgeschichtliche Problem 1. Eine eingehendere Darlegung des zugehörigen religionsgeschichtlichen Problems1) ist hier unvermeidlich. - Die natürliche Herkunft der Kinder von der Mutter kann niemals zweifelhaft gewesen sein. Selbst die primitive Unklarheit über den Erzeugerberuf des Vaters, an die Gelehrte glauben, kann, da sie nur jenseits des Beginns menschlichen Denkens2) möglich ist (nie etwa bei Jägern oder Viehzüchtern), kaum in Mythos und Glaube gesucht werden2a). Wenn die Nord-Queensländer glauben, dass Geistwesen 'in the distant west' die Kinder machen, und dann beim Bad den Frauen unbemerkt eingeben3), so wird auch hier nicht die Unkenntnis der dem Naturvolk stets vertrauten Natur, sondern die religiöse Suche nach der Herkunft des seelischen Lebens am Werke sein3a). Die 'präanimistische' Erklärung reicht hier nicht aus. Der Mensch, auf Grund seelischen Besitzes sich vom Tier stets unterscheidend, sucht Heimat seiner Seele, solange er Mensch ist, und verwechselte sich auch in der Steinzeit nicht mit dem 'Säugetier'. Darum erfand er den Tieren weder Kinderbrunnen noch Paradies4). Wenn man also in dem auf die Kinderherkunft bezüglichen Aberglauben und Märchengut nicht nur die schamhafte oder bequeme Verhüllung oder Umschreibung des Natürlichen vor dem fragenden Kinde sieht (wozu außerhalb der christlichen Sündenlehre sich selten Anlass bietet), kann man einen dahinter vermuteten 'uralten Glauben'5) nur auf das vom Körper bewusst getrennte Seelische beziehen. Dies vorausgesetzt, kann man sagen: "Was früher sinniger Glaube einer mit der Natur eng verbundenen Menschheit war, die überall in Stein, Baum und Wasser Leben sah, das hat die Phantasie späterer Geschlechter ausgestattet und benützt, um den neugierigen Wissensdurst der Kinder zu befriedigen"6). Der Glaube, der so zum Kindermärchen wird, ist nicht eine 'kindliche Volksanschauung', nach der die Kinder wirklich in Seen und Teichen wohnen7), sondern wie aller Glaube eine sinnvolle Erkenntnis des Unsterblichen8). - Erkennt man in der großen Vielfältigkeit, Verbreitung, Ursprünglichkeit, Unchristlichkeit, Naturverbundenheit jener Vorstellungen von der Kinderherkunft, die so auffallend denen vom Totenort benachbart sind und so vielfältig an heidnisch-germanisches Glaubensleben erinnern, wirklich einen Rest alten Glaubens, so gewinnt man damit einen neuen Beleg für das altgermanische Wissen um Seele und Unsterblichkeit, und ein wichtiges Argument gegen den Versuch, dieses Wissen auf Grund des Wiedergängerwahns präanimistisch zu verengen. Diese Reste des Heidentums sagen nicht nur, dass 'die Menschen bei der Geburt aus der Gemeinschaft der (naturbeseelenden) Elben heraustreten und beim Tode in sie zurückkehren'9), dass also 'die menschliche Seele nur ein Teil der Naturkraft ist', sondern sie weisen auf den Glauben, im Seelischen einen Teil der göttlichen Kraft zu besitzen. Dieser Glaube von dem Seelenort der Ungeborenen und Gestorbenen steht durchaus fremd neben der mittelalterlich-christlichen Meinung von dem in Sünde empfangenen, durch Gnade befreiten, im Grabe harrenden und im Fleische auferstehenden Menschenleben. Er entstammt einer anderen Lösung des Leib- Seele-Problems; hinter den ungeborenen Seelen steht wie hinter den Toten die heidnische Gottheit, der kein Teufel das Irdische streitig macht. Jenseits des Sündenfalls und der Sündenpredigt glaubt der Mensch, noch nicht auf Erlösung angewiesen, unmittelbar teilzuhaben am Unsterblichen. Als Orte der Kinderherkunft werden alle die in heidnischer Kultübung bevorzugten Orte genannt. Sie haben nichts Unirdisches, sind im Gegenteil Herzpunkte des natürlichen, irdischen Lebens, da der Heidenglaube hinter 'der Gottheit lebendigem Kleid' noch nicht Frau Welt sah, die Verführerin. Wenn also in gewissem Sinne 'alle deutschen Anschauungen (bzgl. Kinderherkunft) darin zusammengehen, dass die Kinder aus der Erde stammen'10), so ist das eher mit altgermanischem Diesseits-Glauben (vgl. 'Tuistonem terra editum'; Tacitus, Germania c.2) als mit antiken Mysterienkulten von der Wiedergeburt aus der Erde zu erklären. Das Emporwachsen des Menschen innerhalb der heiligen Natur, der er durch Schuld entwächst, - im Gegensatz zu der biblischen Einsetzung des Menschen über die unheilige Natur, der er im 'Sündenfall' verfällt, - ist die weltanschauliche Grundlage aller unserer Anschauungen von der Kinderherkunft Ihre Vielfalt brauchen wir daher weder auf die 'Mutter Erde' des Altertums noch auf die 'Wolkengöttin' Holda oder 'den himmlischen Garten der Mondgöttin'11) zu verengen. Die 'Wolkenmythologie'12), der auch 'Baum wie Berg und Brunnen Abbild der Wolke'13), 'Baum wie Teich, Meer, Fels und Berg Ausdrücke für Wolke'14) waren, mißverstand diese weltanschauliche Grundlage, als sie einer 'im lichten Himmelsreich thronenden' Göttin als der 'großen Mutter der Menschen', 'das Reich des Leben erzeugenden Wassers' unterstellte15). Nicht eine germanische Wolkengöttin, noch eine antike 'Mutter Erde', braucht der Volksglaube bei seinen Träumen von der Allerseelenheimat in der 'Brunnentiefe' heiliger Natur16); über den Mystiker, der die Gottesmutter 'den Brunnen' nennt, darein 'diu lebendiu sunne' scheint, macht er Maria selbst zur Herrin des Kinderbrunnens17). Insofern weist an diesem Glaubensrest tatsächlich alles auf Germanisches, in gewissem Sinne 'alles auf den Brunnen der Wurd oder Wergelmir'18) (oder 'Mimirs Brunnen'), d.h. es weist zurück auf die altnordische Kunde vom Brunnen unter dem Weltenbaum, wo sich im 'Ragnarök' ein Menschenpaar birgt, und wo die Noren aus edlem Blut (vel ættadar) Lebenswasser schöpfen und gute Geschicke schaffen19). Im Gegensatz zur Anerkennung dieser Zusammenhänge hat man jedoch auch 'in dem Ammenglauben (?) vom Holen der Kinder aus dem Teich' 'nur die Umdeutung einer realistischen Tatsache' gesehen, und dementsprechend im germanischen Heidentum 'nur einen Gedanken an vorherige Gestaltung der Körper' gefunden, denen dann (wie Ask und Embla in der nordischen Mythologie)20) 'die Seele zuerteilt wird'21). Mit Hilfe dieses ersten Menschenpaars leitet Karl Helm zumal den Glauben von der Herkunft aus Bäumen zurück auf einen ihm 'wahrscheinlichen' germanischen 'Totemismus', damit freilich bestenfalls ein Teilstück des gesamten Herkunftsglaubens erklärend22). Die Fragen, von wem und aus welchem Stoff der erste Mensch geschaffen wurde23), sind im übrigen zu trennen von den Fragen, woher die Kinderseelen kommen, wer sie bringt (und warum die Mutter davon liegen muss). Die Herkunftsorte lassen sich elementar verteilen auf 'Baum und Wald', 'Wasser', 'Stein und Berg', 'Luftreich' und sind in der volkskundlichen Literatur unübersehbar oft behandelt24). 1) Vgl. Dieterich Mutter Erde 18 ff.; Ploß Kind 1, 29 ff. |
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![]() Am Heiligen Brunnen in Haslach stellen Kinder Holzkreuze auf, wenn sie sich Geschwister wünschen. |
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| 2. Der Baum als Symbol25) des aufrechten, an Scholle und Sippe gebundenen Germanen ist von unseren Geburtsbäumen (s.d.) und Dorflinden zurück bis zu Donarseiche, Irminsul und Yggdrasil26) eindeutig genug überliefert. Hinter dieser Symbolik steht nicht 'primitiver' Glaube an Wesensgleichheit von Mensch und Baum, sondern Weltanschauung. Deshalb gibt uns die Belebung des ersten Menschenpaares aus Baumstämmen27) (Treibholz, Landnahme?, vgl. isländische Hochsitzpfeiler mit Thorsbild) neben der Bergung des, 'Ragnarök' überlebenden, Menschenpaares28) (unter dem Welten- und Lebensbaum), neben der Verehrung von Baum und Hain als Sitz der Gottheit (Nerthus, Donarseichen) keinen Grund zur Suche nach germanischem (durchaus unwahrscheinlichen) 'Totemismus'. Auch der Semnonenhain ('inde initia gentis')29) hat wohl Bedeutung in diesem Zusammenhang30), und die rätselhafte Vorschrift der Fesselung und des Hinauswälzens Gestrauchelter gewinnt Sinn in einem Kultus, dem Bindung an den Wurzelgrund Leben - und Entwurzelung Tod gilt (vgl. Fällung der Donarseichen durch Missionare). Schwer zu entscheiden bleibt aber, wieweit im Einzelfalle der Kinderherkunftsglauben von jenem 'Heidentum' berührt ist. Und gewiss ist etwa bei dem Handwerksburschenlied von den Mädchen aus Sachsen, die auf Bäumen wachsen, reichlich Vorsicht am Platze31). Ernster zu nehmen ist wohl schon der schwäbische Kinderreim: 'Jetzt steig ich auf den Feigenbaum, und schüttel Buben runter. Es fallen etlich tausend 'rab. Es ist kein schöner drunter'32). Vereinzelt wird erzählt, dass die Kinder im Garten in Kohlköpfen wachsen33) (auch in England, Belgien, Frankreich34), vgl. Engelköpfchen aus Rosen auf Pariser Hebammenschildern)35) oder dass sie aus des Pfarrers Garten kommen36), dass sie unter dem Buchsbaum (von der Hebamme) ausgegraben werden, dass sie aus dem Weidengebüsch37) oder aus einem bestimmten Waldstück (Kinderbusch) geholt werden38) und im Walde Schwämme hüten39). Zumeist aber wachsen sie in oder auf Bäumen40) in Garten und Wald. Der Kinder- oder Kindlibaum ist unendlich verbreitet41). Äpfel-, Birnen-, Pflaumen-, Nuß- Bäume, daneben Eiche, Weide, Esche, Lärche, Linde, Buche, Tanne (Kastanie) kommen vor42), bisweilen je nach Geschlecht verschieden (Birnbaum-Knaben, Zwetschgenbaum-Mädchen)43). Oft sind es besonders ausgezeichnete, alte, vor allem aber hohle Bäume44), z.B. hohle Esche45), Eiche46) und Weide47), und bisweilen wird ein solcher bestimmter Kinderbaum ('Kindlibuche', 'Tititanne' u.a.48)) ehrfürchtig vor Gelärm und Axt geschützt (er blutet, wenn man hineinschlägt)49) und abergläubisch verehrt50). Es kommt vor, dass Tauf- und Hochzeitsgesellschaft an der als Kinderbaum bezeichneten Eiche rasten und scherzhafte Glücksorakel und Opfer (Schmücken mit Bändern, Begießen mit Branntwein) vollziehen. Die Sage begründet (nachträglich?) den Brauch damit, eine Taufgesellschaft habe einst hier bezecht den Täufling liegen lassen51). Im alten Nußbaum hört man die Kinder schreien, wenn der Sturm die Blätter schüttelt52). 25) Vgl. bes. Mannhardt Baumkultus. 3. Zum Lebensbaum gehört schon im Mythos der Lebensquell. So weiß auch die Volkskunde viel von der Kinderherkunft aus Brunnen, Quell, Bach, Fluß, Teich, See, Sumpf. Das Wasser als Lebensträger und Lebensspender53), hat Denken und Glauben stets beschäftigt. Aus Fluten steigt im Mythos die neue Erde empor. Über das Meer kommt der sagenhafte Held, wie er dann übers Meer zurückfährt, in das 'Jenseitige', das zumal in altirischen Sagen im Gegensatz zur christlichen Vorstellung ein irdisches Traumland ist (vgl. die altnordischen Schiffsbestattungen). In Cortryk (Belgien) soll es noch heißen, die Kinder kommen zu Schiff54), wie die Halligkinder aus der Tiefe des Meeres kommen55) und dänische Kinder 'aus dem Salzwasser'56). Auf Sylt 'fischt' man die Kinder, desgl. auf Amrun (aus dem 'Gänsewasser')57) und erzählt (Sylt), wie Ekke Nekkepenns Weib sich einst einer Frau für Geburtshilfe erkenntlich zeigte58). - Im Lande hat fast jeder Ort sein 'Kinderwasser'; möglichst nahes fließendes oder stehendes Wasser aller Art59), von großen Seen wie Bodensee und Titisee (Schwarzwald)60) bis zur Ortsschwemme61), oder der Lache auf der Wiese62), der Wasserstelle zum Hanfeinweichen63) u.a. Vielerorts trägt der 'Kindleweiher'64) oder 'Kinderteich'65) besonders bemerkenswerte Namen. Aus der Fülle seien genannt: der 'Gütchenteich' bei Halle66), 'Kinderpfuhl', 'Hollenteich'67) (Friesland), 'der große und kleine Kindersoll' im Kreis Schievelbein68), 'Lüttekensdyk', 'Burdyke' (Iserlohn-Dortmund)69); 'Teuchelgrube' (Marbach-Rottweil)70), 'der blaue Damm' (neben Schloßruine bei Flensburg)71), der 'Eselsteich' (Dassel am Solling), der 'Krähenteich' bei Lübeck, der 'Däbel' (mooriges Tiefland in Norddithmarschen)72) u.a. Die Herkunft aus dem Moor scheint selten zu sein73). Mehrere Vorstellungen vereint der See in der Zwergenhöhle, 'über den noch keiner lebend gefahren ist'74), oder der 'Teich am roten Tor' (bei Glaucha), wo einst die Gräfin in schwarzer Kutsche versunken ist75) u.a.m. Auch die Flüsse sind Kinderbringer. Die glucksenden 'Gotterlöcher' der Donau bei Donaueschingen76) werden besonders genannt. Neben der Donau der Neckar77), der Rhein78), die Spree79), die Eider80), die Isar, die Weser (aus den die Fahrstraße bezeichnenden Tonnen)81) u.a.82). Die Kinder werden in den Flüssen gefischt oder aufgefangen, wie sie auch auf den Bächen zur Menschenwohnung83) geschwommen kommen84), wie im Kleinkinderbach der Stadt Aarau85), dem 'Seltenbach' im Luzerner Gebiet86). Im Wasserschaum werden sie aufgefangen, von der Hebamme herausgeschöpft87) oder vom Geistlichen gefangen, der sie in Krautkübeln (an die die 'Häuserin' einmal wöchentlich Suppe gießen muss)88) im Keller verwahrt89). Auch der Wasserfall kommt als Ort der Kinderherkunft vor90) und dann die Quelle91), wie der 'Hirschgumpen' zu Ebnat92) u.a. Die 'Gumpen', 'Hülben' auf der Alb, oder die 'Matten' bergen Kindlein93). Vor allem aber haben die Kinderbrunnen eine ungeheure Verbreitung94); sie liegen im oder beim Dorf (Stadt)95) oder im Heimatdorf der Hebamme96); solche mit besonders heilkräftigem Wasser scheinen bevorzugt97). Am bekanntesten sind (oder waren) der 'Knäbleinsborn' in Frankfurt a. M.98), das Basler 'Milchbrünneli'99), der sprachlich viel umstrittene100) Gödebrunnen in Braunschweig101), der 'Grönnerkeel' in Flensburg102), der 'Klingelspütz' in Köln103), der Alfredibrunnen ('Saffrings Püttken') in Essen, das 'Clemenspüttchen' in Werden104) und der 'Queckbrunnen' zu Dresden (mit Storch verziert), nach dem zu Luthers Zeit schon gewallfahrtet wurde (Sage, dass sein Wasser fruchtbar mache) und neben dem eine Kapelle errichtet wurde, die man wegen des die umliegenden Kirchen schädigenden Andranges der Abergläubischen wieder eingehen ließ105). Ähnliches ist bekannt vom 'Helgenbronn' (Helgenbrunn i. Elsaß), wo Mütter kranke Kinder baden, Fruchtbarkeit gewinnen u.a.106). In der Tiefe dieser 'Kinderbrunnen', in den 'Brunnenstuben'107), wo Frau Holle108) oder Maria die Kleinen hütet, mischt sich eigentümlich Heidnisches und Christliches, Hölle und Himmel109). Alte 'Höllbrunnen' gelten als 'noch von den Heiden gegraben'110) (vgl. die 'Höll' als Kinder-Brunnen111)), und manche Kinderbrunnen 'führen zur Hölle'112). Die schlesische 'Spillaholle' bringt die faulen Kinder in den Brunnen und neugeboren kinderlosen Eltern zu113). Oder ein Brunnengeist verschenkt die Kinder114) (Wassermann115)). Aber im Kunibertsbrunnen zu Köln sitzen die Kinder um die Gottesmutter, die ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt116); gerade vor Liebfrauenkirchen stehen Kinderbrunnen117); eine der Maria geweihte Kapelle (über einem Brunnen) kann selbst zum Ort der Kinderherkunft werden118). Die Sage begründet den Bau der Kapelle mit einem Wunder: Ein Baum wurde gefällt, und man hörte Stimmen119). - Frau Holle freilich gilt uns nicht mehr so viel wie den Wolkenmythologen, und wir verzichten auf den Versuch, hinter den verschiedenen mythischen Gestalten, die im Kinderbrunnen herrschen, eine germanische Gottheit zu erkennen (vgl. Kinderfrau, die den Teich beherrscht, und die Mutter mit der Sense verwundet120)). Wichtig ist, dass der Kinderbrunnen auch im Keller der Hebamme121) und im Garten des Pfarrers gedacht werden kann122). |
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![]() Der Queckenbrunnen in Dresden. Foto: Moritz Kuhn. |
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Es bleibt noch die Frage, was man von den Ungeborenen in der Tiefe hören und sehen kann. Nicht nur für Kinder erdacht scheint es, wenn es heißt, dass unter der Erde ein Brunnen fließt: man hört das Rauschen und das Jubeln und Schreien der Kinder, wenn man das Ohr auf die Erde legt123). Den Kinderglauben bestärkte bisweilen das Spiegelbild im Wasser124) oder die Puppen, die man hineinwarf125). So konnte man sehen, 'ob wieder ein neues Kindli parat' war (Schaffhausen). Oder man ließ das Echo helfen, dem fragenden Kind über die erwarteten Geschwister Auskunft zu geben126). In den Kinderteichen und Brunnen hört man Geschrei, das verstummt, sobald man einen Stein hineinwirft127), oder man sieht die Kinder als Fischlein umherschwimmen128), stellt sie auch als Frösche vor, die sich vom Tau nähren und dann im Bach zu den Menschen schwimmen129). Bisweilen läßt man die Kinder Gaben für die ungeborenen Geschwister, Backwerk und Blumen in den Brunnen werfen130). Überzeugend für die Kleinen wirkt auch, wenn ihnen das Neugeborene Zuckerwerk mitbringt131). 53) 'Das fruchtbar machende Element' Runge Quellkultus in der Schweiz 19. 4. Neben Wald und Wasser spielen Stein und Berg eine große Rolle im Kinderherkunftsglauben. Wie dort der hohle Baum, oder die Brunnenstube dem wachsenden Rationalismus entgegenkommt, so gewinnt hier die Höhle, das Felsloch, Bedeutung. Ursprünglicher ist auch hier der gewachsene, ragende Fels oder Berg, der als Lebensspender vielfältig verehrt wird132). Schwangere erfragen am 'Kinderstein' das Geschlecht der Kinder u.a.m.133). Die Gelübde-, Opfer- und Göttersteine der Heiden, die Steinsetzungen ('Leerthrone der Gottheit'134), Totengedenksteine u.a.) bergen göttliche Lebenskraft, die sich der Mensch nutzbar macht. Die 'heiligen Berge', bevorzugt zum Kult, sind noch im heidnischen Island (Helgafell)135) frei erwählte Kraftzentren des Göttlichen, zu Gebet und Ratschluß bevorzugt und als Orte der Toten auch Herkunftsorte des neuen Lebens. Erst die christliche Interpretation des Heidenglaubens 'an Stock und Stein Der Glauben an solche Kinderfelsen, Kindersteine oder Kindlisteine139) (in der Schweiz auch Titti-, Poppali-, Heubeeri-, Herdmandlisteine, 'pierre à bourdons' u.a.)140), die oft in Bach oder See liegen141), begegnet in mancherlei Abwandlung, heftet sich zumal an auffallende, einzelne Felsen142), die besondere Namen haben, z.B. Egglistein (Sisikon), Fluestein (Küßnacht)143), Hochstein144), Oefelisstein, Badlesstein145) u.a. Aber auch der Steinbruch kann der Ort der Kinderherkunft sein146). Die mit solchen Steinen in Zusammenhang stehenden Sagen kann man weder 'mit der bergebewohnenden Holde' noch mit den griechischen Sagen von der Abkunft allein erklären147), und auch die bisweilen auftauchenden, hinter dem Stein wohnenden148) oder die Kinder hütenden149) Erdmännchen oder Zwerge helfen nicht weiter. Die Hebamme ist es meist, die (im Aargau) mit goldenem Schlüssel den Stein aufschließt, oder mit goldenem Karst ihn hebt150); denn oft sagt man, die Kinder liegen darunter151), mitleidige Mädchen hören die Ungeborenen weinen, und mühen sich vergeblich, den Stein wegzuheben152), und das Kranksein der Mutter erklärt sich damit, dass sie sich beim Heben des Steins überanstrengt hat153). Schließlich heißt es in Baden, dass jedes Kind einen Zettel trägt, mit dem Namen der Eltern darauf154). Eindeutiger ist die Vorstellung vom Aufenthalt der Ungeborenen in Felsloch, Höhle155), Schlucht und wildem Tal156), so das 'Holloch' bei Kranichfeld ('Frau Holle'157)) oder die zur Flutzeit gefüllte Höhle unter dem 'Ongersteine'158). Bemerkenswert ist die Vorstellung vom Kindertrog im und unter dem Felsen159), die 'Jungfrau' im Schloßberge bei Tegerfelden hat sogar zwei, einen für die Ungeborenen und einen für die gestorbenen Säuglinge, und sie ernährt jene mit wunderbaren Heilkräutern und diese mit Honig, weswegen die Bienen immer nach dem Schloßberg schwärmen160). Mit der 'Schatzkiste der Göttermutter Frigg' hat freilich keiner dieser Tröge etwas zu tun161), und der 'Kindelberg 132) Vgl. bes. Sébillot Folk-Lore 1, 5. Der Wolkenmythologie zum Trotz fehlt es fast ganz an Vorstellungen von Kinderherkunft aus der Luft und aus den Wolken164). Der freundliche Gedanke, dass die Kinder vom Himmel fallen (und durch den Kamin ins Haus)165) ist nicht tief im Volksglauben verwurzelt, und der Stern des neuen Menschenkindes wird erst angezündet, wenn unten die Geburt sich vollzog. Auch unsere beflügelten Kinderbringer (s.u. 7) sind nur irdische Etappenflieger, die aus nahem oder fernem Kinderteich oder Stein die Kleinen holen. Wenn das 'Lieb-Gott-Käferchen' (Marienkäfer) ein Himmelskindlein bringt, so doch nur bis zum Kinderbrunnen, und von dort holt es 'der gestiefelte Kater' ab166). Und im Schweizer Fricktal rollt beim Donner ein Stein in das Kinderwasser, und die Hebamme kann ein neues Kindlein holen167). Der Bevorzugung der Vögel als Kinderbringer stellte sich zur Seite, dass man die die Kinderseelen entführenden Geister (Strigen und Lamien usw.) sich meist beflügelt, bzw. in Vogelgestalt vorstellte168). Der 'Seelenvogel'169), wie er dem Munde des Sterbenden entflieht170), hat im Kinderherkunftsglauben keine rechte Entsprechung. Aus Tirol sind die Redensarten mitgeteilt: "Du bist noch mit den Mücken (mit den Feifaltern) herumgeflogen"171). Insekten als Kinderseelen meinte man in Kinderliedern zu erkennen172), besonders auch den griechisch-deutschen Seelen-Schmetterling173), den 'Sonnenvogel' eines westfälischen, zum Kinderlied gewordenen Zauberspruchs174). Dem Engelland der Kinderlieder hat man große Bedeutung beigelegt, dem Land der Engel und Elben, 'der lichte Himmelsraum'175), wobei doch wohl die Befunde im Banne der wolkenmythologischen Theorie überschätzt wurden. Der Name Engelland ergab gewisse Gedankenverbindungen auch ohne 'Heidentum'. Am christlichen Engelsglauben von den himmelsgesandten Kinderseelen ist 'heidnisch' zunächst nur der darin versteckte Protest gegen die Lehre vom 'Bösesein von Jugend auf'; das 'Kinderheer' der Perchta176) (s.d.) und Verwandtes gehört nicht zum Kinderherkunftsaberglauben (s. a. 'ungetauft'). 164) Rochholz Sagen 1, 77; Meyer Germ. Mythol. 62. 80 ff. 6. Zu der Kinderherkunft von Baum, Wasser und Stein tritt noch die nüchterne Vorstellung vom Kauf der Kinder. Der Vater kauft sie auf dem Markt177) (im Kanton Zürich auf der Zurzacher Messe, im Kt. Appenzell in Lindau, im Zürcher Seeland auf der Post zu Uznach u.a.)178), oder die Hebamme kauft sie am Brunnen179); in Belgien bringt sie das Schiff auf den Markt180), und oft ist die Hebamme selbst die Verkäuferin (s. Hebamme 6a). 7. Erstaunlich vielfältig ist auch die Antwort auf die Frage, durch wen die Kinder gebracht oder geholt werden. Der bekannteste Kinderbringer ist der Storch181), der gewiß nicht wegen seiner roten Beine 'mit dem Blitzgott Donar in enge Beziehung' gesetzt werden darf182). Im Gegensatz zu Mannhardt muss man bezweifeln, dass der Storch als 'der blitztragende Vogel der Urzeit' die Seelen als Lufthauch oder Blitzstrahl zur Erde brachte183); germanische Auffassung, die das Göttliche nie restlos in den Himmel projizierte, läßt die Gottheit (gerade Donar-Thorr) 'mit Erdkraft genährt' sein. Die bekannten Zusammenhänge zwischen Zeugung und Feuerbereitung konnten die zweifache Bedeutung des Storches (Blitzträger, Feuerlöscher und Kinderbringer) - und damit die Begründung des Storchaberglaubens im heidnischen Glauben an den eheweihenden und Blitze schleudernden Gott des nordischen Mythos - nur erklären, solange man unter dem Einfluß der Wolkenmythologie das fast völlige Fehlen der Belege für Kinderherkunft aus wirklichen Wolken (etwa im Blitzstrahl) übersah184). In der Schweiz ist der Storch als Kinderbringer ganz jung, in Schwaben offenbar selten185), im Norden und in Schleswig-Holstein, Ostpreußen186) als 'heiliger' Vogel bekannt, der die Kinder aus dem Sumpf187) aus bestimmten Teichen188), oder vom Stein im See189) holt, durch den Schornstein ins Haus bringt190) und die Mutter ins Bein beißt191); bisweilen legt er dabei für die Geschwister noch etwas in die Wiege192). Das gleiche Amt haben auch andere Tiere, so die Krähe, die die Kinder unter den Steinen im Gebirge holt (oder aus dem Walde) und aufs Fenster legt193), oder sie im Teich findet und in den Kamin wirft194); ähnlich die Elster195), der Schwan196), ja der Marienkäfer197). Auch Esel und Hase198) werden genannt. Die unehelichen Kinder 'niest der Esel hinter den Zaun'199). Im übrigen zeigen sich außer der Hebamme, die ja begreiflicherweise leicht den Kindern als die Kinderbringerin erscheint (s. Hebamme C), mancherlei Personen mit dem Amt betraut, 'die allein den Ort der Kinderherkunft genau kennen'200). Die Kinderbringerin mit Rechen, Korb, Tasche, Koffer201) oder einer Butte202), die 'alte Frau', 'böse Frau', 'weise Frau', 'Fei', 'Bötin', 'Wîb, das ummerennt'203), 'Muelteweiblein'204), 'Bademutter'205) (Wasserjungfer)206), ist nicht von vornherein die Hebamme, sondern ein Mittelglied zwischen jener die Kinder hütenden 'Brunnenfrau' oder 'Weißen Frau' (von der sie die Kinder empfängt207)), und der den Kindern als Kinderbringerin erscheinenden Geburtshelferin, deren Tätigkeit auch dem sogen. 'prälogischen Denken' (s.o. Anm. 2) nie unklar war. So ist es auch möglich, dass selbst die Nonnen eines Klosters in den Ruf kommen, die Kinder am Kindlistein zu holen208), und dass andererseits neben weiblichen auch männliche Kinderbringer auftreten, der Hirt, der Waldbruder209), bei Innsbruck der Mann aus dem Duxer Tal210) und andere irgendwie volkstümlich-absonderliche Personen211). Schließlich sogar der Niklaus oder Nikolaus, der die Kinder vom Baum holt212), und den man nicht als 'Nicker' zur mißverstandenen Brunnenfrau213) zu machen braucht; denn der Kinderherkunftsglaube steht nicht unter dem Zeichen einer heidnischen Göttergestalt, sondern unter dem Zeichen eines 'heidnischen' Begriffs von der Herkunft des seelischen Lebens. 181) Dieterichs Ablehnung: "Hat er doch auf keinen Fall mit der Herkunft der Kinder etwas zu tun" (Mutter Erde 20), ist zu scharf. Bernhard Kummer über die Kinderherkunft im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 4, Berlin 1927-1942. |
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| Wasser ist mehr als H2O!
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