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Über das Ritual des Waschens in Volksbrauch und Aberglauben
1. Überblick über das Gebiet. Waschen im Brauch deckt sich oft mit Baden (s.d.). Die Arten des kultischen Waschens s.o. 5, 802; Waschen mit bestimmtem Wasser und zu bestimmten Zeiten s. Brunnen, Fluss, Heilwag, Meer, Osterwasser, Regenwasser, See, Weihwasser; Waschen als Dämonenabwehr s. Wasser § 3; Waschen im Totenbrauch s. Wasser § 4; Heil- und Zauberwirkung des Waschens im Haus und in der Familie s. Wasser § 5; Waschwasser s. Wasser § 6, Wäsche waschen s. Wäsche; Wir bringen im folgenden Ergänzungen zu Waschen und Nichtwaschen in Glauben und Brauch. 2. Manchmal ist das Waschen ein Fruchtbarkeitszauber, der Kraft und Gesundheit bringen soll (s. Regen, Wasserguss). An Fastnacht (d.h. zu Frühlingsanfang) waschen die Knechte den Mädchen die Füße und beanspruchen eine Bewirtung dafür1). Wer sich früh gewaschen hat, soll das Wasser von den Händen nicht abschleudern, sonst verschleudert er die Nahrung für den ganzen Tag2). In Deés legt man am ersten Ostertage ins Waschwasser ein rotes Ei, grüne Brennnessel und eine Silbermünze; wer sich darin wäscht, wird im Jahre rot wie das Ei, stark wie die Brennnessel und reich und glücklich3). In den meisten Fällen handelt es sich aber um eine Reinigung: irgendein Übel soll abgewaschen werden. Bei Abzehrung gießt man drei Löffel Wasser in einen Topf und wäscht damit den Körper kreuzweise, d.h. auf dem Kopfe, auf dem Nabel, auf den Händen, unter den Knien und endlich auf der Brust und spricht ein bestimmtes Gebet4). Waschen der Geschlechtsteile mit kaltem Wasser vertreibt die Berauschung5). Man beugt dem Zahnweh vor, indem man beim Waschen immer zuerst den Nacken wäscht6) oder beim Waschen zuerst die Hände und dann das Gesicht abtrocknet7), in Ungarn, indem man sich vor dem Kirchgang am Fronleichnamstag zweimal wäscht8). Aber nicht nur körperliche Übel werden abgewaschen: In der Vita Hadriani muß eine Frau einen schlimmen Traum abwaschen9), und in einem isländischen Gebet, das beim Waschen gesprochen wird, heißt es: "Ich wasche von mir ab meine Feinde und meine Unfreunde"10). Am Hochzeitstage müssen sich die Brautleute übers Kreuz waschen, so können sie nicht beschrien werden11). Erkrankt bei den Rumänen in der Bukowina jemand am bösen Blick, so soll er mit dem Wasser, in dem für ihn Kohlen gelöscht wurden, gewaschen werden, und er wird genesen12). Wer nach volkstümlichem Glauben in Ungarn an Silvester 12 Uhr mittags sich wäscht, bleibt das Jahr hindurch rein und gesund13). Die rituellen Waschungen, besonders der orientalischen Völker, erklären sich vielleicht aus volkserzieherischen Absichten. Begründet werden sie damit, daß die Dämonen schmutzig seien und sich gern im Schmutz aufhielten (s. Wasser § 3 und 6), das Waschen ist ihnen verhaßt14). Die Türken müssen vor jedem Besuch der Moschee Hände, Füße, Hals, Gesicht und Ohren, ferner nach jeder Verrichtung der Notdurft das Gesäß waschen. Deshalb besitzt jedes türkische Haus ein Hausbad und jeder türkische Abort eine Waschkanne15). In Indien muß jeder, der zur Essenszeit in ein Haus tritt, sich die Füße waschen, damit der böse Geist, der sich ihm unterwegs an einem Kreuzweg an die Sohlen geheftet hat, abgewaschen wird; tut er dies nicht, hat er den bösen Blick16). In der isländischen Eyrbyggjasaga (Kap. 4) befiehlt Thorolf, daß niemand ungewaschen nach Helgafell (dem heiligen Berg) schaue17). Auch die Berührung des Toten erfordert eine rituelle Reinigung, denn der Leichnam ist das Haus der Dämonen (s. Wasser § 4). Aber auch die Teilnehmer an der Bestattung müssen sich die Hände waschen18), vor allem auch die Sargträger19); in Rumänien waschen die Totengräber nach Beendigung ihrer Arbeit die Hände und die beim Graben benutzten Geräte20). Auch den Leichnam selbst muß man waschen, um ihn von den Leichendämonen zu befreien. Der Waschende muss sich dabei durch allerlei Vorsichtsmaßregeln vor den feindlichen Mächten schützen. Bei den Permiern sagt die Person, die das Amt übernommen hat, vorher zu dem Verstorbenen: "Ärgere dich nicht, ich will dich abwaschen"21). In Ölsnitz muß der Lappen, mit dem der Verstorbene abgewaschen wird, von einem seiner Kleidungsstücke abgeschnitten und später mit in den Sarg gelegt werden. Ist er von der Kleidung eines noch Lebenden genommen, so hat dieser zeitlebens keine Ruhe mehr22). Bei den Rumänen darf kein Angehöriger den Toten waschen, in Siebenbürgen tut das eine Freundin des Hauses, die dafür vom Pfarrer beim Begräbnis gesegnet wird23). In vielen Fällen hat sich die Vorstellung gebildet, daß dem Toten selbst durch das Waschen Vorteil gebracht werde: man bietet ihm ein Bad24), man verschafft ihm dadurch Ruhe im Grabe25). Die serbischen Zeltzigeuner waschen bereits den in den letzten Zügen Liegenden, und bei den Walachen in Unterkrain müssen sich die Todkranken sogar selbst waschen, "um nach dem Tode hübsch rein zu erscheinen"26). 1) Sartori Sitte u. Brauch 105. 3. Ungewaschen soll man nicht das Haus verlassen, weil man sonst Teufeln und Hexen Gewalt über sich gibt27). In Forsterbach begegnete ein Bub, der sich nicht gewaschen hatte, der Wilden Frau; er pisste sich rasch in die Hand, da konnte sie ihm nichts anhaben und verschwand wieder28). Besonders besteht die Gefahr, verhext zu werden, für ungewaschene Kinder29). Geht ein Kind ungewaschen in die Kirche, so schaut es unsere liebe Frau vierzehn Tage nicht mehr an30), nimmt es ungewaschen Weihwasser, verliert es seinen Schutzengel31). Solange ein Kind morgens nicht gewaschen ist, soll man es keinem Fremden zeigen32). Wenn die, welche ein Kind über die Taufe heben, sich vorher nicht waschen, wird das Kind aussätzig33). Trägt man ein Kind morgens mit ungewaschenen Händen über die Dachtraufe seiner Wohnung, ist es dem Verhexen ausgesetzt34). Wenn das Kind in den ersten vierzehn Tagen oder sechs Wochen der Blick einer ungewaschenen Person trifft, ist es beschrien, so daß es täglich abnimmt, immer gähnt und weint und zuletzt ganz abzehrt35). Auch Vieh und Pflanzen können durch ungewaschene Personen geschädigt werden. Man darf den Stall nicht ungewaschen betreten36), das Vieh bekommt sonst Läuse37), oder es nimmt ab38); besonders soll kein Fremder mit ungewaschenen Gesicht in den Stall gehen39). Wenn das Mädchen ungewaschen das Vieh melkt, kommt kein Rahm auf die Milch (Osterrode am Harz 1788)40). Im Egerlande muß der Sämann rein gewaschen und gekleidet sein, daß der Weizen nicht brandig wird41). Wenn man in Öhringen einen Baum mit ungewaschenen Händen anrührt, bekommt er den Krebs oder Ungeziefer42). In Hochofen wäscht man sich die Hände, bevor man Kraut steckt, damit es rein von Raupen bleibt43). Aber auch der wilde Jäger ist machtlos, solange er sich noch nicht gewaschen hat44). Von zwei Mädchen, die er bei Culsow (Hinterpommern) verfolgt, sagt das eine: "Heut' bekommt er uns nicht, er hat sich noch nicht gewaschen". Da lässt er einen Jungen in einem Becher Wasser holen, wäscht sich damit und fängt die Mädchen45). Als der Wode bei der Verfolgung der Unterirdischen in gleicher Lage ist, läßt er sein Pferd stallen, wäscht sich mit dem Harn und erwischt mehrere46). Ein Mann in Mykleby, der am Sonntagmorgen ungewaschen einen Bock verfolgt, hilft sich ähnlich, indem er sein eigenes Wasser lässt47). Dagegen müssen Zauberer und Hexen bei Ausübung ihrer Werke ungew. sein, ursprünglich wohl, daß die ihnen anhaftende Zauberkraft nicht abgewaschen wird48). Der Geisterbeschwörer Hans Riß aus Säckingen vollbringt den Wetterzauber am Bach mit ungewaschenen Händen49), eine Hexe, die ihr Patenkind lehrt, Milch aus einem Handtuch zu melken, läßt es morgens ungewaschen zu sich kommen50). Wer die Zukunft befragen will, darf sich vorher nicht waschen51), das Mädchen, das ein Liebesorakel befragt, neun Tage vorher nicht, hier allerdings mit der Begründung, weil der Teufel die Antwort erteile52). Andrerseits kann man sich aber von einem Vertrage mit dem Teufel losmachen, indem man sich sieben Jahre nicht wäscht und kämmt53); vgl. die Grimmschen Märchen 'Der Bärenhäuter' und 'Des Teufels rußiger Bruder'. 27) ZfVk. 1 (1891), 219; 8 (1898), 395; 9 (1899), 257 f.; 21 (1911), 294. 296; Zahler Simmenthal 42; Quitzmann 275; Wuttke 283 § 416; Grohmann 231; Kuhn u. Schwartz 377 Nr. 42; Grimm Myth. 3, 452 Nr. 541; Drechsler 2, 124; Schönwerth Oberpfalz 3, 41 Nr. 3. 4. Merkwürdigerweise besteht im Gegensatz zu all' den Gebräuchen, wo das Waschen eine so wirksame Rolle spielt, bei denselben Gelegenheiten mitunter geradezu ein Waschverbot. Nach Papuasitte darf sich auf Neu-Guinea der verwitwete Teil nach dem Tode des Gatten nicht waschen54). In den Abruzzen müssen die beim Leichenmahle benutzten Geräte dem Freund, der das Mahl geliefert hat, ungewaschen wieder zugestellt werden55). Wer auf Tonga eine schwere Operation bestanden hatte, durfte sich nicht waschen und kämmen, auch nicht Haar und Nägel schneiden, weil sonst Starrkrampf oder Tod eintrete56). In diesen Fällen fürchtet man wohl, es könnte etwas von der Person des sich Waschenden in die Gewalt der umgehenden Todesmächte geraten. In Jerusalem gibt man der eingeborenen Frau in den ersten sieben oder acht Tagen nach der Niederkunft gar kein Waschwasser, später auch nur warmes zum Waschen der Hände57). Im Pandschab schützt man die Kinder vor dem bösen Blick, indem man ihnen nicht vor dem sechsten Jahre das Gesicht wäscht58). Zwischen Weihnachten und Neujahr oder überhaupt in den Zwölften wäscht man sich nicht, sonst hat man Unglück59). Gegen Fieber geht man in Böhmen vor Sonnenaufgang ungewaschen und ungekämmt aufs Feld, kniet nieder, betet und spricht einen Spruch60). - Wäscht sich jemand in dem Wasser, von dem die Hühner getrunken haben, so bekommt er unzählige Warzen61). 54) ARw. 4, 305. R. Hünnerkopf in: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 9, Berlin Top |
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