1. Abgrenzung des Gebiets

»Brunnen« bedeutet im Deutschen sowohl die Quelle1.) als die künstlich gefasste oder mechanisch erschlossene Wasserader. Wenn seit dem 16. Jh. in der nhd. Schriftsprache »Quelle« u. »Brunnen« geschieden werden, so ist das nie volkstümlich geworden; wir betrachten daher beide gemeinsam. Anderseits ist »Brunnen« ein Teil des Gebietes »Wasser« u. berührt sich somit vielfach mit »Meer«, »See«, »Teich«, »Strom«, »Fluss«, »Bach« (s. dd.). Wir haben hier in erster Linie von dem Glauben zu reden, der sich an die Quelle als den Ursprung des Wassers und den Brunnen als wichtigen Teil einer Siedlung knüpft.

1. Grimm Myth.3, 550; DWb. 2, 433 f.

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2. Heilende und wunderbare Kraft

Der Glaube an die Heilkraft des Brunnenwassers knüpft sich an natürliche Beobachtungen: Das Wasser reinigt, der Trunk frischen Quellwassers erquickt, manche Quelle (Mineralquelle) bietet heilende Bäder und heilenden Trunk. Somit sind es meist ganz bestimmte Brunnen, denen man diese Kraft zuschreibt. Das Volk glaubt jedoch öfters an die Heilkraft des Brunnenwassers überhaupt zu bestimmten heiligen Zeiten, besonders zu Beginn eines neuen Abschnittes, an Neujahr, an den beiden Sonnwendfesten (Johannis und Weihnachten), am 1. Mai, an Fastnacht (s. auch Osterwasser, Pfingstwasser), oder an den Tagen bestimmter Heiliger, an Peter und Paul, am Maria-Magdalenentag, an Jakobi, im Allgäu auch am Mange-(Magnus-)tag (6. September2.)). "Wasser, zu heiliger Zeit, mitternachts, vor Sonnenaufgang, in feierlicher Stille geschöpft, führt noch späterhin den Namen heil(a)wâc, heilw'ge" (s.d.)3.). Das Wasser ist da am heilkräftigsten, wo es unmittelbar aus dem Schoß der Mutter Erde hervorquillt; besonders wird dies von fließendem Brunnenwasser betont4.). Bestimmte Brunnen helfen gegen bestimmte Krankheiten: gegen Fieber5.) (vereinzelt heilt Fieber dasselbe Brunnenwasser, durch das man es sich zugezogen hat)6.), Lausweh, Zahnweh, Reißen im Kopf7.), Augenleiden8.), Hundebiss9.), Sommersprossen10.), Kröpfe11.), den weißen Fluss der Frauen12.), Unfruchtbarkeit der Frauen13.); sie schaffen Kindbetterinnen Erleichterung14.), sind gut für kranke Kinder15.); das Hänschesbörnchen bei Vadenrod (Hessen) verhilft zu besonderer Schlauheit16.). Der Gesundbrunnen bei Dünschenberg (Mecklenburg) tat den Ärzten solchen Abbruch, dass sie einen Schäfer zwangen, seinen Hund hineinzuwerfen; die Heilkraft des Wassers hörte auf17.). Der Brunnen, der aus der mütterlichen Erde hervorquillt, liefert auch die kleinen Kinder (s. Kinderbrunnen).

2. Reiser, Allgäu 2, 165
3. Grimm Myth.3, 551
4. Sittewald, Aberglauben 804
5. Grohmann 163; Meyer, Baden 41; Birlinger, Aus Schwaben 1, 192; ZfVk. 5, 212
6. Hovorka u. Kronfeld 2, 335
7. Ebd.
8. SAVk. 8, 146
9. Sébillot Folk-Lore 2, 245
10. Rochholz, Drei Gaugöttinnen 60 f.
11. Panzer, Beitrag 2, 295
12. Wolf, Beiträge 2, 186 f.
13 Weinhold, Quellen 25; ZfrwVk 1905, 249; HessBl. 16, 7
14. Köhler, Voigtland 366
15. Rochholz a.a.O. 60
16. HessBl. 16, 8
17. Bartsch, Mecklenburg 1, 357

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3. Wunderbare Spenden

Aber der Brunnen gibt nicht nur gewöhnliches Wasser. Im Kalotaszeger Bezirk holen sich die Mädchen in der Dämmerung am Brunnen 'goldenes' Wasser. Wer sich damit wäscht, wird schön. Aber der Neid gönnt diese Gabe den Genossinnen nicht: Die erste, die dort ist, wirft Spreu hinein, sodass die anderen kein goldenes Wasser bekommen können18.). Die Tatsache, dass in manchen Landstädten beim Empfang des neuen Landesfürsten aus dem Marktbrunnen Wein floss, ließ den Wunsch entstehen, der Brunnen möge dieses edle Nass selbsttätig spenden. So schöpft man Wein aus dem Brunnen, wenn man nicht hineinsieht, in der Christnacht19.) oder in der Osternacht um 12 Uhr20.) (s. Wasser u. Wein). Aus dem Brunnen der heiligen Hunna im Elsass floss in einem armen Jahre aus allen Röhren Wein21.) (auch das Märchen kennt einen Marktbrunnen, aus dem Wein fließt)22.). Einen Milchbrunnen kennt das Elsass23.). Aus einem Brunnen bei Cronweißenburg quoll 'Karchsalb' und Wagenschmiere24.).

18. ZfVk. 4, 319
19. Sittewald, Aberglaube 804; Drechsler 1, 23; Kapff, Festgebräuche 9 Nr. 2
20. HessBl. 16, 8
21. Wolf, Beitr. 2, 5
22. Grimm, KHM, 29
23. Stöber, Elsass 1, 38 Nr. 57
24. Rochholz, Sagen 2, 242

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4. Weissagung

Neben diesem Wunderbaren haftet dem Brunnen noch manch Geheimnisvolles an: Er wirft das Spiegelbild zurück, und in der Dunkelheit scheint es oft ein anderes zu sein; er führt hinab in das Reich der Unterirdischen (s. 8); er versiegt plötzlich oder läuft über, oder die Quelle ändert ihren Lauf: Deshalb schreibt man ihm die Gabe der Weissagung zu. 731 verbot Papst Gregor III. in seinem Erlass an die Fürsten und an das Volk der germanischen Provinz die fontium auguria25.). Durch Trinken erfährt man die Zukunft: Wer in der Weihnachtszeit während des Zusammenläutens der ersten Messe an drei Brunnen unangeredet trinkt, aber noch während des Läutens in die Kirche kommt und über die rechte Achsel zurückschaut, sieht sein Zukünftiges (Wolperdingen bei St. Blasien), und Heiratslustige trinken aus einem Brunnen Wasser und warten bei der Kirchtüre: Wer zuerst herauskommt, ist Braut oder Bräutigam26.). In der Westschweiz muss ein Bursche aus 7, 9 oder 11 Brunnen je drei Schluck Wasser trinken, im Simmental muss dies zwischen 11 und 12 Uhr nachts geschehen, im Emmental dürfen dabei keine Brunnenleitungen überschritten werden: Dann sieht er die ihm bestimmte Frau vor der Kirchentür stehen27.).

Die Eisfiguren des gefrorenen Wassers, in einem Geschirr aus 3 oder 7 laufenden Brunnen beim Betzeitläuten des heiligen Abends geholt und unter die Dachtraufe gestellt, zeigen am Schluss der Engelmesse anderen Tages den Stand des Zukünftigen28.). In Böhmen wirft man in der Karwoche Kreuzchen aus Zweigen geschnitzt in den Brunnen, um die Zukunft zu erraten29.).

Ein anderes Mittel ist das Brunnensehen. Dem Mädchen zeigt sich so der Zukünftige am Heiligen Abend30.), in der Neujahrsnacht31.), am Silvesterabend (es muss sich aber mit einem Brautschleier und einem Licht, das bei einer Trauung gebrannt hat, ausrüsten), am Andreasabend in der Dämmerung32.), in der Andreasnacht um 12 Uhr (es sieht aber zugleich den Teufel)33.), im Elsass in gewissen Brunnen zwischen 11 und 12 Uhr34.). Wenn man an 11 Brunnen Wasser trinkt, dabei aber jedes Mal rücklings zum Brunnen tritt, erscheint beim 11. Brunnen das Bild des Zukünftigen35.). Wäscht sich das Mädchen zwischen 11 und 12 Uhr nachts an drei Morgenbrunnen (die nach Morgen fließen), dann steht er an der Kirchentür mit einem Tüchel in der Hand, sie abzutrocknen36.). Zuweilen erfährt man auch anderes, wenn man in den Brunnen sieht. Eine Weibsperson, die in den Brunnen sah, hörte Musik, Weinen, Lachen, "und noch anderes muss sie gesehen und gehört haben, weil sie ganz blass und krank in die Stube zurückkam"37.).

Weit verbreitet, besonders in Oberdeutschland, sind die Hungerbrunnen: sie fließen nur dann, wenn ein unfruchtbares Jahr bevorsteht38.). Seltener zeigt ein Brunnen, der ganz voll ist, ein fruchtbares Jahr an39.).

Den Tod verkündet der Brunnen eines adligen Stammhauses in Franken: Wenn jemand aus dem Geschlecht sterben soll, versiegt auf einige Wochen sein Wasser40.); bei einem anderen fränkischen Geschlecht wird bei bevorstehendem Todesfall der Quell durch einen unbekannten Wurm getrübt41.). Verlangt ein Kranker nach Wasser aus dem Ehlborn zu Gambach (Hessen), so ist dies ein Zeichen des nahen Todes42.). Verändert der Brunnen seinen Lauf, so wird bald eine große Schlacht im Lande geschlagen43.).

Über die unmittelbare Weissagung des Brunnengeistes s. 6 (s. auch Wasserorakel).

25. Weinhold, Quellen, 28
26. Meyer, Baden, 199
27. SchwVk. 3, 88
28. Meyer a.a.O. 199
29. Grohmann, 49
30. ZföVk. 4, 146
31. Bartsch, Mecklenburg 2, 238
32. Hovorka u. Kronfeld 2, 177
33. Meier, Schwaben 2, 454
34. Urquell NF. 1, 71
35. SAVk. 8, 267 f.
36. ZfVk. 8, 250
37. Vernaleken, Mythen, 346
38. Grimm, Myth.3, 557 f.; Birlinger, Volksth. 1, 141; Lammert 47 f.; Reiser, Allgäu 1, 236; Meier, Schwaben 1, 262
39. Ebd. 1, 263
40. Grimm, Sagen Nr. 104
41. Lammert, 47
42. HessBl. 16, 22
43. Rein, Brunnen im Volksglauben, 122

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5. Schädliche Wirkung

Aber auch Unheil kann der Brunnen bringen. Hier sind ebenfalls wieder natürliche Beobachtungen der Ausgangspunkt: Ein kalter Trunk schädigt den erhitzten Menschen, mancher Brunnen hat ungesundes Wasser, verunreinigte Brunnen bringen Krankheit; der überlaufende Brunnen richtet Schaden an, mancher hat durch Sturz in den Brunnen sein Ende genommen. Vor fremdem Wasser (in anderen Dörfern) soll man sich in Acht nehmen, es verursacht leicht Krankheiten, bes. Hautausschlag; wer aus dem Krockeborn bei Allmenrod (Hessen) trinkt, bekommt Grinder44.), wer aus dem Kropfbrunnen bei Grieningen (Bayern) trinkt, einen Kropf45.). Das Vieh erkrankt, wenn man an Sonntagen den Brunnentrog auswäscht46.). Die Hühner vertragen die Eier, wenn die Hausfrau an Fastnacht zum Brunnen geht47.). Unglück in der Familie ruft es hervor, wird am ersten Weihnachtstage und Neujahr Wasser aus dem Brunnen geholt48.). Tödlich wirkt die Berührung des schwarzen Wassers eines Brunnens am Fuße des Radelsteins in Böhmen; an heißen Tagen kommt dichter Nebel aus ihm hervor, und daraus entsteht Hagel und Unwetter49.). Über einen Brunnen darf man kein Haus bauen, da sonst bald jemand darin stirbt50.). Die letzten Beispiele führen uns schon zum Glauben an den Brunnendämon (s. 6).

44. HessBl. 7 f.
45. Panzer Beitrag 2, 295
46. SAVk. 21 (1917), 42
47. Wuttke 83 § 98
48. Bartsch, Mecklenburg 2, 314
49. Grohmann, Sagen 255
50. Urquell 1, 9

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6. Dämonen und Gottheiten

Diese wunderbaren Eigenschaften, die dem Brunnen anhaften, die guten wie die bösen, haben schon in alter Zeit den Glauben an im Brunnen waltende Wesen veranlasst. Die Brunnendämonen vermischen sich jedoch vielfach mit anderen: Wasserfrauen, die die Menschen besuchen und ihnen helfen, aber vor 12 Uhr zu Hause sein müssen, Wassermänner, die die Menschen schrecken und zu sich hinabziehen (der 'Hakenmann' zieht Kinder mit einem Haken hinunter); solche, die auf dreimaligen Anruf das Wasser überlaufen lassen und der rufenden Person den Tod bringen, sind für den Brunnen nicht bezeichnend (s. Wasserelben, Wasserfräulein, Wassergeist, Wassermann). Häufig herrscht hier auch die Vorstellung, dass Seen, Flüsse und Brunnen durch unterirdische Gänge miteinander verbunden sind, sodass der Brunnen für den Wassergeist nur ein Ausgang zur Oberwelt ist (vgl. Mörikes 'Historie von der schönen Lau'). Die Tatsache spielt mit herein, dass von manchen Brunnen unterirdische Gänge ihren Anfang nehmen.

Andere Brunnendämonen sind unterirdische Gottheiten, da der Brunnen der Eingang zur Unterwelt ist (s. 8). Besonders deutlich wird dies bei Holda oder Holla (s.d.), in deren unterirdisches Reich es durch den Brunnen geht und die auch Kinder schenkt (s. Kinderbrunnen). Bei Frischborn (Hessen) heißt ein Brunnen 'Frau-Rolle-Loch' (entstellt aus 'Frau-Holle-Loch')51.). Zum Wesen der Unterirdischen passt auch das Weissagen der Brunnengeister52.) (und der Wassergeister überhaupt, vgl. Hagen und die Meerfrauen im Nibelungenlied). - Und schließlich vermengen sich die Brunnengeister öfters mit verwünschten Gestalten. Manchmal hüten sie auch Schätze, die schwer zu heben sind. Veranlassung zu diesem Glauben mögen mancherlei Funde gegeben haben; in Kriegszeiten wurde Geld und Gut, mitunter auch die Kirchturmglocke in Brunnen und Seen versenkt (s. Schatz, Glocke).

Die Brunnengottheiten sind, dem nährenden, reinigenden und heiligenden Wesen des Wassers entsprechend, meist weiblich53.). Die badenden Jungfrauen sind ein Zeichen für gutes Heuwetter, d.h. die Nebel und Wolken haben sich gesenkt. Während diese auch an Flüssen und Seen zu Hause sind, gehören die waschenden Jungfrauen vielleicht enger zum Brunnen. "Die Handlung des Waschens selbst dieser geisterhaften Weiber ist von dem Plätschern des Wassers abgeleitet"54.). Der Nebel veranlasst wieder die Vorstellung, dass sie ihre Leinenwäsche an den Nusshecken trocknen, wie beim Seileborn am Roteberg (Hessen)55.).

Altertümliche Brunnengeister sind Tiere im Brunnen, Kröte, Krebs, Forelle u.a., die den Brunnen rein halten56.); giftige Dünste, die dem Brunnen entsteigen, kommen von einem Gift speienden Lindwurm57.) (s. Lindwurm; vgl. auch die Kröte im Brunnen bei Grimm KHM. 29).

Böse Brunnengeister sind auch die Frauen im Brunnen in der Gegend von Merklin (Böhmen), die Fieber über die Menschen bringen. Will man sich davon befreien, so muss man das ausgezogene Hemd zu einer bestimmten Stunde der Nacht über das Dach werfen; gelingt dies auf den ersten Wurf, ist man fieberfrei, muss der Wurf wiederholt werden, so verliert sich das Fieber erst nach einiger Zeit. Man darf sich aber inzwischen nicht nachts im Freien blicken lassen, denn der Geist lauert einem auf, um sich zu rächen (beruht auf der Erfahrung, dass der Aufenthalt abends im Freien in Sumpfgegenden gefährlich ist)58.).

In manchen Gegenden nimmt es der Brunnengeist übel, wenn man in den Brunnen hineinblickt; er zieht einen hinunter59.), bedeckt einen mit einem Ausschlag oder schlägt einen über den Kopf60.); wer in Trachenberg (Schlesien) in der Christnacht um 12 Uhr in den Brunnen sieht, wird von den Nixen hinabgezogen61.). Erwähnt sei hier noch der Mimirsbrunnen der Edda, wiewohl es fraglich bleiben muss, wie viel davon auf alten Volksglauben zurückgeht.

51. HessBl. 16, 22
52. Weinhold, Quellen 28 f.
53. Ebd. 17
54. Ebd. 22
55. HessBl. 16, 35
56. Ebd. 8 f.
57. Panzer Beitrag 1, 233 f. Andere solche Tiere: Weinhold a.a.O. 25; Basilisk: Mailly, Niederösterreich 27 Nr. 61
58. Hovorka u. Kronfeld 2, 330
59. Müller Siebenbürgen 34 f.
60. SAVk. 25, 50
61. Drechsler 1, 23

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7. Heilige

Die christliche Kirche konnte diesen Brunnendämonen gegenüber zweierlei Stellung einnehmen: Sie konnte sie bekämpfen oder durch Heilige ersetzen. Der heilige Remaclus vertrieb ein heidnisches Wasserweib aus einem Brunnen62.). Meist ließ sich aber das Volk seine Brunnengeister nicht nehmen, und so treffen wir zahlreiche Brunnenheilige, den heidnischen Brunnenfrauen entsprechend meist heilige Jungfrauen63.), neben bekannten Heiligen wie Hedwig, Walburgis u.a., zuweilen 'drei Jungfrauen'64.). Hier liegt die Beziehung nahe zu den drei Schicksalsschwestern, die am Brunnen spinnen (vgl. auch die drei Nornen der Edda an Mimirs Brunnen). Im Salzburger Land und in Tirol verdrängten die Geistlichen die alten Brunnenheiligen durch die Notre Dame de Lourdes65.). Die Muttergottes gibt Mariabrunn den Namen66.), sie tränkt die mutterlosen Kinder im Milchbrunnen67.), sie sitzt mit dem heiligen Johannes im Brunnen und geigt und spielt mit den Kindern68.).

62. Rochholz, Drei Gaugöttinnen 130
63. ZfVk. 11, 201
64. Grohmann 47; Wolf Beitr. 2, 187
65. Meyer, Baden, 533
66. Wolf Beitr. 2, 415
67. Stöber, Elsaß 1, 38 Nr. 57
68. Wolf a.a.O. 1, 165

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8. Eingang in die Unterwelt und Hölle

Die gewaltige, unheimliche Tiefe vieler Brunnen vergrößert die Volksphantasie ins Ungemessene, die christliche Kirche verwandelt das unterirdische Reich, in das sie führen, in die Hölle und die unheimlichen Wesen, die dort weilen und durch den Brunnen heraufkommen, in Teufelsgestalten. Das 'Schiffsloch' bei Nieder-Florstadt (Hessen) ist so tief, dass eine Kirche mit ihrem Turm hineingehen soll69.); bei Volkartshain (Hessen) ist ein tiefer Brunnen; die Bauern schütteten einmal hundert Wagen voll Steine hinunter, und man merkte nicht, wo sie hinkamen70.). In Ried bei Petersbrunn (Oberbayern) hat man einen Brunnen so tief gegraben, dass die Arbeiter den Hahn krähen hörten71.), in Graustein hörten die grabenden Arbeiter Gänse schreien72.). Der Escherbrunnen in Kreutzendorf (Schlesien) ließ sich nicht zuschütten, in seiner grundlosen Tiefe sah man alle möglichen Gestalten73.) (s. auch unergründlich). Namen wie Erdmännlisbronnen74.), Wichtelbrunnen75.), Doggelibrunnen76.) weisen auf die Unterwelt, Teufelsborn heißt ein Brunnen in Zell (Hessen)77.), zahlreiche Brunnen werden als Eingang zur Hölle betrachtet78.). In Holsterschlag in Böhmen entstiegen dem Kellerbrunnen grünröckige Männer mit einem Pferdefuß, also Teufel79.). Der Brunnen erscheint als 'helle' in dem mhd. Gedicht 'Reinhart Fuchs'80.).

69. HessBl. 16, 10
70. Ebd. 56
71. Panzer, Beitrag 2, 135
72. Schulenburg, Wendisches Volksthum 168
73. Kühnau, Sagen 3, 304 f.
74. Zimmernsche Chronik 4, 229
75. Zeitschr. f. hess. Gesch. 7, 210
76. Rochholz, Sagen 1, 270
77. HessBl. 16, 59
78. Weinhold, Quellen 23 f.
79. Grohmann, Sagen 167
80. Altdeutsche Textbibl. 7 V. 910

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9. Entstehungssagen

Die heilige Scheu, die man vor der Wunderkraft des Brunnenwassers und den Brunnengottheiten und -heiligen empfand, veranlasste mancherlei Sagen über Entstehung der Brunnen. Das Älteste ist vielleicht, dass man sie durch den Blitz des Himmels ins Dasein treten lässt, dann ist es der Speer oder Stab eines Helden oder Heiligen, der die Quelle hervorsprudeln lässt, auch durch Gebet entsteht sie, manchmal auch durch den Hufschlag eines Rosses oder eines anderen Tiers; ein Drache wühlt sie auf, eine Taube lässt einen Tropfen aus dem Schnabel fallen, der den Fels aushöhlt und mit Wasser anfüllt. Meist veranlasst Wassernot die Entstehung, mitunter ist sie ein göttliches Zeichen zur Bestätigung einer Tatsache81.). Hervorgerufen sind solche Sagen z.T. wohl auch durch die 'BRUNNENschmecker'82.); schon die Alten spürten Quellen durch magische Mittel auf; es ist nicht immer die Wünschelrute (s.d.).

81. Zahlreiche Belege für all diese Sagen bei Weinhold, Quellen 4 ff.
82. SAVk. 3, 174

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10. Kultische Bräuche und Verehrung

Die Heiligkeit des Brunnens veranlasst verschiedene Bräuche. Die ungeheure Wichtigkeit, die der Brunnen seit alters für Mensch und Vieh, für die ganze Siedlung hat, macht es zur Pflicht, für seine Reinhaltung zu sorgen. Daher finden alljährlich Brunnenreinigungen statt, meist zu Pfingsten oder zu Johannis83.), im schwäbischen Rottenburg am Dienstag nach Trinitatis; dort musste der zuletzt in die Nachbarschaft Gekommene in den Brunnen steigen und helfen ausputzen; waren mehrere neue Nachbarn da, so wurde gelost, jeder Brunnennachbar stiftete einen Kreuzer, ein Trinkgelage schloss sich an84.). Anderswo tun es die jungen Leute: Die Burschen reinigen die Brunnen und streuen Salz hinein, die jungen Mädchen müssen dann mit ihren Schürzen den Burschen die Füße abtrocknen85.). Die Mädchen entfernen mit ihren Händen den Schlamm (in Böhmen86.) und in der Eifel)87.). An den beiden Sonnwenden wird der Brunnen bedeckt, dass ihn der Drache nicht vergifte oder verunreinige88.), auch bei Sonnenfinsternissen, weil während dieser Zeit Gift fällt89.), und bei Mondfinsternissen90. Weiterhin muss der Brunnen geschützt werden gegen böse Geister, die das Wasser unrein und schädlich machen für Menschen und Vieh, in den Zwölften: Man schießt in der Christnacht und Silvesternacht ein Feuergewehr in den Brunnen ab91.). In den synodalen Statuten der Diözese von Meaux heißt es: "Die Quellen sollen durch einen Riegel verschlossen und bewacht werden wegen der Zauberei"92.). Auch Feuerbrände wirft man in der Christnacht in den Brunnen zum Schutz gegen Hexen, oder ein nacktes Mädchen wird hinabgelassen und wirft Stahl und Feuerstein hinein, um das Haus gegen Blitz zu schützen93.). Der Brunnen versiegt, wenn eine 'unreine' Frau daraus schöpft: während sie in der Periode ist94.), während der Schwangerschaft95.), in den sechs Wochen nach der Niederkunft96.); im Vogtland muss sie vorher ein kleines Geldstück hineinwerfen97.), andernorts drei Brotrinden98.) oder eine Handvoll Salz99.); das Wasser wird rot, wenn die Wöchnerin schöpft100.), es bekommt Ungeziefer101.), sie selbst wird außerdem lausig102.), das Kind wird ein Bettnässer103.). - 'Wer in eine Quelle spuckt, speit dem lieben Gott ins Gesicht'104.). Kinder dürfen keine Steine in den Brunnen werfen, 'denn es ist Gottes Auge darin'105.). Auch sonst wird Achtung vor der Heiligkeit des Brunnens verlangt. Wer dem Brunnen in Glotterbad 'Wasser' sagte, musste ein Fuder Wein zahlen106.). Wie vielerorts dem Vieh, wird in Schlesien dem Brunnen der Tod des Hausherrn angesagt107.). Eine neu aufziehende Magd muss in den Brunnen sehen, um recht lange bei der Herrschaft zu bleiben108.).

Dem Brunnendämon müssen Opfer gebracht werden, dass er keinen Schaden anrichtet und weiterhin Gutes spendet. Selten fordert er alljährlich ein Menschenopfer, wie der Brunnen am Mainzer Tor in Friedberg109.); sonst verlangen dies Flussgeister. Gelegentlich haben wir noch die Ablösung des Menschen durch ein Tier110.); wenn der überquellende Brunnen durch ein schwarzes Tier, das hineingeworfen wird, sich beruhigt, klingt wiederum der Glaube an die Unterirdischen an (s. auch Menschenopfer, Tieropfer, Wasseropfer). Bei der Vernichtung des Heidentums in Böhmen wurden ausdrücklich die Opfer am Brunnen verboten, die man zu Frühlingsbeginn darzubringen pflegte111.). – Die Hauptsorge ist, dass der Brunnen nicht versiege. Deshalb wirft man Geld hinein am Heiligen Abend112.) und zur Wintersonnenwende113.), die Wöchnerin tut es beim Kirchgang114.), und wenn sie zum ersten Mal zum Brunnen geht115.). Sonst spendet man Speisen. Im Böhmerwald steckt man am Fasttag vor dem Weihnachtsfest Brot in die Brunnenröhre, dann geht das Wasser das ganze Jahr nicht aus116.); in den neu gegrabenen Brunnen wirft man Salz117.), ebenso in den Brunnen zur Osterzeit118.), an Weihnachten Salz119.), Brosamen120.), Honig121.), von jeder Speise einen Löffel voll auf einem besonderen Teller122.); auf Käseopfer weisen Namen wie 'Käsebrunnen'123.). Teilweise vermischt sich bei diesen Bräuchen die Opferhandlung mit einer Zauberhandlung.

An der Hochzeit wirft bei den Esten die Braut Geld und Bänder in den Brunnen124.), in Bulgarien speit sie eine Münze hinab und schüttet Hirse hinein125.); bei Tauberbischofsheim wirft die Hebamme ein Stück Zucker in den Brunnen, damit die Frau ein Kind bekommt (Kinderbrunnen!). – Auch zwecks Heilung von Krankheit müssen dem Brunnen Opfer gebracht werden: neben Geld häufig Metallgegenstände, besonders gebogene Nadeln, die an die Fibeln erinnern, die den Nymphen geopfert wurden126.), dem Quell des heiligen Quirinus getrocknetes Schweinefleisch gegen Augen- und Hautkrankheiten127.). Bei Krankheiten kommen öfters noch andere Bräuche in Frage. In Unterfranken wird der Fieberkranke zur Ader gelassen, ein reines Tüchlein mit dem Blute benetzt und in den Brunnen gelegt: so wird das Fieber des Kranken gekühlt128.). Hat eine Wöchnerin keine Milch, netzt eine alte Frau einen Weizenkringel des Morgens an drei Brunnen, wobei sie nicht reden darf, damit die badenden Nymphen sie nicht gewahren. Dies Weizengebäck isst die Wöchnerin, damit ihre Milch fließe wie das Wasser vom Brunnen129.).

Hierher gehören auch die vielen Brunnenwallfahrten und der Umgang um den Brunnen: dreimal (auch sechs-, neun- oder zwölfmal) muss der Brunnen umgangen oder umritten werden von Osten nach Westen130.), drei Vaterunser werden dabei gebetet131.), dreimal wird der Mund dabei voll Wasser genommen. Wer die Wallfahrt in Stellvertretung übernimmt, wäscht sich den Körperteil, an dem der Kranke leidet132.). Die Kranken hängen Kleidungsstücke (wohl die des kranken Körperteils) an Bäume und Büsche und lassen sie zurück133.).

Auch Zaubersprüche werden am Brunnen gesprochen zur Behebung von Krankheiten: gegen Fieber134.), gegen Zahnschmerzen (das Zahnweh soll in den Brunnen fallen)135.); ein krankes Ross wird bespritzt und besprochen136.) (s. auch Heilzauber). Treibt der Hirt am Pfingsttage zum ersten Mal das Vieh auf die Weide, führt er es erst zum Brunnen und schreit ihm ins Ohr: "Kommt wieder nach Haus!"137.). Oder er betet mit abgezogenem Hut am Brunnen138.). - Auch der Dorf- oder Stadtbrunnen wird an vielen Orten umwandelt und umritten (wie die Heilquelle, s.o.), und zwar an Neujahr, Fastnacht, Pfingsten139.); manchmal auch beim Kirchweihfest140.). Es handelt sich hier um einen Fruchtbarkeitszauber, der – in Oberdeutschland z.T. bis in die Gegenwart - mit der Brunnentauche verbunden ist, einem alten Regenzauber (s.d. u. Wasserguss). Zwei ledige Burschen oder der jüngstverheiratete Mann mussten am Aschermittwoch in den Marktbrunnen springen, dann rannten sie unter die Menge und küssten einige Mädchen141.). In Scheer und Sigmaringen wurden an Silvester oder am Fastnachtmontag die im letzten Jahre Neuvermählten in den Brunnen getaucht142.). Als Gesellentaufe finden wir den Brauch in Bayern: die freigesagten Gesellen waschen so alle Unarten der Lehrlinge von sich ab143.). Am Aschermittwoch springt der Fastnachtsnarr in den Brunnen (in Waldshut bis 1869 üblich); heute wird vielfach stattdessen eine Strohpuppe verbrannt oder ersäuft (am Montag nach Aschermittwoch geschah dies in Zürich)144.) (s. Fastnacht begraben); der 'Pfingstdreck' in St. Georgen musste in allen Brunnentrögen ein Bad nehmen. Eine Spur der Brunnentauche hat sich in dem Hildesheimer Maigrafenritt 'über den Brunnen' noch erhalten145.). - Ein anderer Fruchtbarkeitszauber ist das Brunnenschmücken. Im Mai146.) oder an Ostern147.) oder an Pfingsten148.) wird der Brunnen mit Blumen und Kränzen geschmückt, ein Baum wird an Neujahr149.) oder am 1. Mai auf den Brunnenrand gesteckt150.); mancherorts wird das Vieh am 1. Mai aus dem bekränzten Brunnen getränkt151.). Die Fruchtbarkeit des Baums soll auf den Brunnen übertragen werden, dass das Wasser nicht versiegt (s. Maien). – Aus Brunnenreinigen, Brunnentauche und Brunnenschmücken sind somit vielerorts Brunnenfeste entstanden, die heute noch vielfach bestehen, ohne dass die Bräuche noch verstanden werden. Bisweilen finden sie bei der Wahl des neuen Brunnenherrn statt, und das anschließende Gelage, manchmal verbunden mit nachfolgendem Tanz, ist die Hauptsache geworden152.).

83. Weinhold, Quellen 34
84. Birlinger Volksth. 2, 205
85. ZfVk 7, 93
86. Grohmann, 52
87. Schmitz, Eifel 1, 99
88. Wolf, Beiträge 2, 387
89. Panzer, Beitrag 2, 315; Wuttke, 301 Nr. 442; Grohmann, 28
90. Sartori 2, 27
91. Bartsch, Mecklenburg 2, 226, 244
92. Seligmann 1, 237
93. Wuttke 68 § 78; ZfVk. 4, 402; Sartori, 3, 232
94. Birlinger, Aus Schwaben 1, 192
95. Wuttke 376 § 571; Höhn, Geburt Nr. 4, 258
96. Panzer a.a.O. 1, 259; Kühnau, Sagen 2, 690
97. Köhler, Voigtland 437
98. Wuttke, 379 § 576
99. Drechsler 1, 204 f.
100. HessBl. 16, 28 f.
101. Bohnenberger Nr. 1, 3. 21
102. Lammert, 173
103. Höhn a.a.O. Nr. 4, 266
104. Rochholz, Drei Gaugöttinnen 131
105. Wuttke, 14 § 12
106. Meyer, Baden 569
107. Drechsler 1, 291
108. Ebd. 2, 149
109. HessBl. 16, 21
110. Liebrecht, Zur Volksk. 335
111. Vgl. Grohmann 74 f.
112. John, Erzgebirge 163
113. Grohmann, 50
114. John a.a.O. 65
115. Wuttke 293 § 429; Köhler, Voigtland 419
116. Schramek, Böhmerwald 114
117. Sartori 2, 27
118. Birlinger a.a.O. 2, 82
119. Schramek a.a.O. 116
120. John, Westböhmen 16
121. Drechsler 1, 40; Sartori 2, 27
122. Grohmann, 50
123. Sepp, Sagen 331; Rochholz a.a.O. 6
124. Wuttke, 292 § 428
125. Meyer, Baden 11
126. Weinhold a.a.O. 60
127. Ebd. 41
128. Lammert, 198
129. ZfVk. 4, 146
130. Sébillot 2, 245. 295; Moore in: FL. 5, 224
131. Müller, Siebenbürgen, 216
132. Sébillot 2, 277
133. Hovorka u. Kronfeld 1, 268
134. Grohmann, 163
135. Wuttke, 336 § 501
136. Drechsler 2, 114
137. Kuhn u. Schwartz, 389
138. Meyer, Baden, 138
139. Knuchel, Umwandlung, 90
140. Mannhardt 1, 430
141. Birlinger, Volksth. 2, 30 ff.
142. Mannhardt 1, 488.
143. Panzer a.a.O. 1, 229
144. Vernaleken, Alpensagen 364
145. Mannhardt 1, 377
146. SAVk. 2, 16 f. 11, 36
147. Sartori 3, 152
148. Meyer a.a.O. 157; ZfVk. 14, 421
149. Mannhardt 1, 241
150. Sartori, Sitte u. Brauch 3, 70
151. Meyer a.a.O. 220
152. Wolf a.a.O. 1, 229 f.; NddZfVk. 4, 245 ff.

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