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Das Wasser in der Mythe Von Otto Henne-Am Rhyn. Ebenso reich wie das Feuer ist in der Mythe das Wasser vertreten, nirgends aber in reicherer Ausstattung als bei den Griechen, deren Land allerdings vom Meer umflossen und außerordentlich reich an Flüssen und Quellen ist. Das Meer und alle Flüsse, selbst die Quellen waren für sie lebende Wesen: Okeanos im ältesten, Pontos im zweiten, Poseidon im dritten Göttergeschlechte, als Meeresgott, dann die Flussgötter, die Quellnymphen, die Nereiden, die Tritonen, die Telchinen, die Sirenen usw., ein zahlloses Geschlecht. In der germanischen Mythologie kennen wir außer dem einen Meergotte Oegir, der zudem nur eine untergeordnete Stellung einnimmt, bloß das unheimliche und doch verführerische Geschlecht der Nixen. Selbst unsere Zeit hat sich im Sprachgebrauche und in der allegorischen Kunst von der Vorstellung der Ströme und Flüsse als lebender Wesen nicht losgemacht. Alle Naturvölker, verehren ihre Flüsse und die Ostjaken opfern dem Obi Rentiere. Bekannt ist die Heiligkeit des Ganges in Indien, des Nil in Ägypten, der griechischen und italienischen Flüsse; unseren Naturvölkern, die am Meere wohnen, ist dieses der erste Gott. Die Haifische sind die Vollstrecker seiner Rache, die Wasserhosen Dämonen, Schlangen oder Drachen. Doch war das Wasser als solches schon unseren Voreltern heilig; denn es spiegelt den Himmel wieder, es ist sein Ebenbild, ein zweiter unterer Himmel und himmlischer Wesen Aufenthalt. "Wer in das Wasser spuckt, speit unserm Herrgott in die Augen." (Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 412) Die Perser verboten, Steine ins Wasser zu werfen. Von einer Menge unserer Bergseen glaubte man, ein hineingeworfener Stein errege sogleich ein Gewitter. Manche von ihnen messen zu wollen, galt als Frevel. "Missest du mich, so fresse ich dich", rief es zum Hirtenknabe am wilden See auf dem Altmann in Appenzell und an dem Schwarzwälder Titisee. Sie sind "unergründlich", eben weil der Himmel der Typus derselben ist. So gibt es auch viele Heiden-, Toten-, Hunger- u. a. Brunnen, deren Namen und Sagen an mythische Bedeutsamkeit erinnern. Heidenbrunnen waren eben in der Heidenzeit Gegenstand der Verehrung. Totenbrunnen trüben sich, wenn jemand aus der Gemeinde sterben wird, wie auch wenn das Wetter schlimm werden will. Hunger- oder Teuerbrunnen, die zu den periodisch fließenden Gewässern gehören, verkünden, wenn sie fließen, eine Hungersnot oder Teuerung. Andere Quellen dieser Art dienen den Menschen als Zeitweiser. Ferner fordern Seen und Flüsse an verschiedenen Orten regelmäßig zu gewissen Zeiten ein Menschenleben, und zwar meist am Johannistage (der höchsten Kraftentwicklung der Sonne, der sie geweiht waren und zugleich dem Wiederbeginn des Abnehmens der Tageslänge, was einer Mahnung an den Tod entspricht). Manche Gewässer geben ihre Opfer niemals wieder heraus, wie der Tod. Es deutet dies vielleicht auf ehemalige Menschenopfer zu Ehren der Wassergottheiten. Noch in christlicher Zeit wurden Puppen oder Menschen ins Wasser geworfen. Letztere gewöhnlich nur noch zum Scherz und daher in untiefes Wasser oder sonst unter leichter Möglichkeit der Rettung. In den Quellen zu Baden in der Schweiz fand man römische Münzen im Wasser, die wohl als Opfer hineingeworfen waren. Dem gegenüber steht die Heilkraft vieler Wasser; denn der Himmel, der sich im Wasser spiegelt, bringt sowohl Leben als Tod. Dieselben wurden in christlicher Zeit Heiligen geweiht statt den alten Göttern, und ihre Heilkraft Wundern zugeschrieben. Ja man ging noch weiter und leitete das Menschenleben selbst aus dem Wasser ab, wenigstens den Kindern gegenüber. So werden, wie man diesen [nicht nur] in Schwaben sagt, die kleinen Kinder aus Seen, Weihern oder Brunnenstuben geholt; es gibt daher dort Kindleweiher und Kindlesbrunnen. (70.) Zwischen den Dörfern Plothen und Linda liegt ein Teich, der so genannte Hollen- oder Höllenteich. Unter seinem tiefschwarzen Gewässer ruht ein da versunkenes Dorf und nur mit Grauen geht man da vorüber. (71.) Die Elster hat ein heimtückisches Wesen und kein Jahr vergeht, wo sie nicht ein Opfer fordert. Sie lässt dann einen Laut, wie eine gellende Lache, hören, wobei das Wasser hoch aufspritzt. Ein alter Fischer in Pohlitz (auch andere alte Leute) haben es immer vorher gewusst, wenn wieder ein Mensch im Wasser umkommen werde; denn sie hatten die Elster "lachen" hören. Besonders bei einem Tümpel an der Biegung unterhalb der Eisenbahnbrücke unfern Pohlitz hat man die Erscheinung beobachtet; ebenso an der Zwerghöhle bei Stublach und am Kupferhammer bei Cuba, immer aber mit demselben traurigen Verluste. (72.) Hinter Duschitz ist ein verborgener Winkel, zu dem man nur schwer gelangen kann; er heißt: in der andern Welt (na onom svêtê). Dort ist ein See, der leidet nicht, dass man etwas hineinwirft. Wenn jemand einen Stein oder ein Holzstück hineinschleudert, so braust er auf, spritzt die Wogen gegen den Frevler und wirft den Stein oder das Holzstück ans Ufer zurück. (73.) Als einmal der Herr der Hölle mit seiner Frau hinter dem Torfe Alt-Benatek vorüber fuhr, blieb er mit seinen Pferden in einer Pfütze stecken und bemühte sich vergebens, den Wagen herauszubringen. Endlich rief er einige Teufel zu Hilfe, die nun den Wagen mit unsäglicher Mühe herausbrachten. Bei dieser Arbeit entfloss dem Haupte des Höllenfürsten ein Schweißtropfen und aus diesem ward am andern Tage ein unergründlicher Sumpf, der bis heute daselbst zu sehen ist. Es ist nicht ratsam, sich gegen Abend dem Sumpfe zu nähern, denn es baden sich täglich die Teufel darin. Die zwei nächsten Sagen zeigen, wie sehr der Gedanke von Odins versenktem Auge in Mimirs Brunnen und von Mimirs Haupt (oben S. 39, Sage Nr. 18 und folgende) sich in der deutschen Volkssage erhalten und ausgebildet hat. (74.) Im Masmünstertale des Elsass liegt ein See. Ein Knabe sah einen Stern vom Himmel und hinein fallen, lief an den Strand, sah viele Sterne darin leuchten und kam nie wieder. Seither sieht man den See voll goldener Sterne und mitten unter ihnen ein bleiches Antlitz. (75.) Oberhalb Luchsingen im Glarnerlande auf der Alp Oberblegi mit lieblicher Aussicht auf das von der Linth silbern durchzogene Großthal, liegt mitten in saftigen Weiden einer- und kahlen Riesenen andererseits der dunkelblaue Oberblegisee, der einen unterirdischen Abfluss hat, den Läuggelbach. Einst bekam der Geisler von Läuggelbach das Gelüste, den eine halbe Stunde weiten See kreuzweise zu durchschwimmen. Vergebens warnte ihn der Senn mit den Worten, man solle nicht Gott versuchen; der Übermütige habe erwidert: "Sei es Gott lieb oder leid, ich will hinüber". Der Senn schwieg und schaute ihm nach, wie er hineinsprang und schwamm. Beinahe aber hatte der Schwimmer das jenseitige Ufer erreicht, als er plötzlich in die Tiefe sank. Zu derselben Stunde schöpfte seine Mutter unten im Läuggelbache Wasser, sah aber entsetzt den Kopf ihres Sohnes in die Gelte fallen und wurde inne, was geschehen sei. (76.) Geht man von Sennwald im Werdenbergischen Forsteck zu, so trifft man rechts von der Straße, nahe beim Badhause einen Sumpf, einst See und noch der Eglensee geheißen. Obwohl jetzt bald zugewachsen, bleibt er in der Sage unergründlich und sah man früher noch die Spitze eines Türmchens in seiner Tiefe, da ein Schloss in ihm versunken sei. Sonderbar ist, dass drei ähnlich unergründliche kleine Seen, einer im Kanton Zug, der andere zwischen Bern und Muri, der dritte in Hochberg (Schwaben), ebenfalls Egelsee, Egelmoossee heißen. (77.) Alte Valenser wissen viel von dem reichen Garlett zu erzählen, der im Schlosse wohnte, auf dessen dicker Mauer nun Konrad Ruch sein Haus hat. Er habe vom Schlosse einen unterirdischen Gang zur Kirche gehabt und auf eigenem Boden von der Hausbesitzung Clarina bis auf die Voralp Branggis wandern können. Einst wunderte ihn, wie tief eigentlich der dortige Wangsersee sei und er nahm zu diesem Behufe einen Haspel und einen Bund Schnüre mit. Als er einen Stein an die Schnur gebunden und ihn in den See hinab gelassen, fand sich nirgends Grund. Schon war er daran, eine neue Schnur an die bisherige zu binden, und begann aufs Neue, als kochende Blasen aus dem Seegrunde aufstiegen und eine furchtbare Stimme herauf rief: "Ergründest du mich Da gab er den Versuch eilig auf. (77b.) Im Riesengebirge ist ein Teich, der heißt, der schwarze Teich, von der dunklen Farbe seines Wassers. Dieser Teich soll nicht zu ergründen sein. Ein Engländer wollte es einmal versuchen, aber so viel Stricke er auch aneinander band, sie reichten alle nicht. Ein anderes Mal befestigte man einem Karpfen einen Ring um den Leib und setzte ihn ins Wasser. Man ließ die Sache überall bekannt machen und erfuhr, dass dieser Karpfen eine Zeit nachher in Breslau gefangen worden sei. Von diesem Teiche glaubt man auch, dass, wenn er einmal überlaufen wird, ein großer Teil des Jiciner Kreises wird zu Grunde gehen. (78.) Im Tälchen von Champe im Wallis ist ein fischreicher See. Wenn die Hexen den Spiegel desselben mit weißen Stöcken schlugen, erhoben sich sogleich verheerende furchtbare Gewitter. Im See auf dem Dreisesselberge im bayerischen Wald an der böhmischen Grenze sind in Tiere verwandelte Geister. Hineingeworfene Steine erregen Sturm. (Panzer) Das vom Steinewerfen und Sturm erzählt man ganz gleich in Graubünden, dann vom so genannten 'wilden See' ob Vilters, vom See auf dem Pilatus und fast von allen. (79.) In der Stadt Kahla hat es einen Teich gegeben, dessen Wasser sich zu Zeiten in rotes Blut verwandelte. Obgleich dies nun gewiss eine merkwürdige Eigenschaft eines Teiche ist, so ist sie doch noch lange nicht die merkwürdigste; denn gar nicht weit davon liegt ein Teich, welcher mehrere Male gebrannt hat, eine für einen Teich gewiss höchst seltsame und wunderliche Eigenschaft. Am Wege von Dorndorf nach Motzelbach nämlich liegt 'der schwarze Teich' in torfreichem, fast vulkanischem Boden. Dieser Teich soll im Jahre 1686, und auch bereits vierzig Jahre vorher in einem glühend heißen Sommer, als Hitze und Glut alles ringsum versengt und verbrannt hatten, ausgetrocknet sein und sich sogar von selbst entzündet und einen ganzen Sommer lang gebrannt haben. Weithin, stundenweit hat man den Rauch und Dampf des brennenden Teiches gesehen; hell jedoch hat das Feuer nie gebrannt; wenn man aber eine Scholle Erde aufnahm, da schlugen die hellen Flammen heraus und man sah es darinnen unheimlich glühen und flammen wie in einem Schmelzofen. So ist denn wirklich das Unglaubliche wahr geworden, dass einmal ein Teich in Flammen gestanden hat. (80.) In einer mecklenburgischen Sage weint ein Mädchen um ihren abwesenden Geliebten so viele Tränen, dass daraus ein Teich wird. Auf die Nachricht von seiner Untreue ertränkt sie sich selbst in ihrem Tränenteiche und ihr folgt ihr Vater nach. (81.) In einer Sage desselben Landes ruft ein Ackerknecht, der mit seinem alten Gaule nicht vorwärts kommt, den Teufel an, der ihm in Gestalt eines kohlschwarzen Rosses die Arbeit vollbringen hilft; als sich aber der ermüdete Knecht von ihm will tragen lassen, mit ihm in einen kleinen See stürzt, der noch heute der schwarze oder Teufelssee heißt. Aus: Otto Henne-Am Rhyn, Die Deutsche Volkssage, Wien 1879
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