Brunnen zu Neujahr im Elsass. Nach einem Holzstich um 1890.
Heilwag

Von Richard Hünnerkopf.

"Wasser, zu heiliger Zeit, mitternachts oder vor Sonnenaufgang, in feierlicher Stille geschöpft, führt noch späterhin den Namen heilawâc, heilwâc, heilwage."1) Solche heiligen Zeiten sind besonders Ostern (s. Osterwasser), Weihnachten, Silvester-Neujahr, Dreikönig (der erste, mittelste und letzte Tag der »Zwölften«), der 1. Mai und die Johannisnacht. Das Wasser darf nicht geschöpft oder getrunken werden, solange die Sonne am Himmel steht; trinkt man am Karfreitag vor 6 Uhr abends, so hat man das ganze Jahr Durst2) und wird von Mücken und Schnaken gestochen3). Nur an Silvester holt man sich das Wasser vor Sonnenuntergang, denn vor Sonnenaufgang am andern Tag darf man nicht schöpfen. Sollten die bösen Geister etwas in den Brunnen getan haben, so vernichtet es der Sonnenglanz des Neujahrstages4). Heilwag darf nur in Gefäßen geschöpft werden, die nicht stehen können, sondern hängen und getragen werden und nicht die Erde berühren, vielmehr beim Stehen umfallen und alles verschütten5). Es wird in feierlicher Weise geholt: in Endingen am Kaiserstuhl versammeln sich gegen 12 Uhr in der Christnacht am Brunnen ungefähr fünfzig Leute, um Schlag 12 Uhr Wasser aufzufangen6). Im Baselland entwickelte sich nach den Erinnerungen einer alten Frau ein Zwiegespräch zwischen der Tochter, die mit dem Heilwag vor der Türe stand, und der Mutter drinnen im Hause. Auf die Frage: »Was bringsch is?« antwortete die Tochter: "Erliwog (daneben Herrliwog und Heliwo), Gottesgob, Glück ins Huus und's Unglück druus!" Wenn die Mutter dem Kind den Zuber mit dem Heilwag abnahm, ließ sie dabei rasch ein paar Batzen hineinfallen7). Einen ähnlichen Spruch sagte in St. Blasien der Hausvater über das mitten in der Christnacht geschöpfte Wasser8), ebenso der Schulmeister mit den Chorknaben am 1. Mai in der Kolmarer Gegend, wenn sie von Haus zu Haus zogen und die Dorfbewohner dreimal mit dem Heilwag besprengten9).


Hofbrunnen in den Vogesen.

In katholischen Gegenden wird das Wasser an den heiligen Tagen kirchlich geweiht, meist am Dreikönigstag10), manchenorts auch am Karsamstag11), am Annatag12) oder am Jordanstag13). Durch Tauchen des Kruzifixes in Wasser wird die Jordantaufe nachgeahmt und dadurch das Wasser, wie seinerzeit der Jordan durch das Hineinsteigen Christi, geheiligt14). Man genest vom Fieber, wenn man Sonntags der Wasserweihe in drei verschiedenen Kirchen beiwohnt15). Als Schutzmittel trägt man um den Hals Stücke eines Besens, mit dem man am Wasserweihtag das Eis gekehrt hat16). Nach der Wasserweihe am Jordanstag ist keine Gefahr mehr vorhanden, von den Wölfen gefressen zu werden17). Als heilkräftig galt ein Bad am Johannisabend, in der Nacht des ersten Mai18), am Karfreitagmorgen19) oder in der Christnacht20). Waschen und Baden an diesen Tagen vertreibt Hautausschlag21), Kopfschmerzen22), Nabelweh23), ist gut für erfrorene Füße24) und wehe Finger25) und schützt vor Insektenstich26). Am Karfreitagmorgen wäscht man auch die Pferde mit Heilwag27); nach altem Glauben badet an diesem Tage der Rabe seine Jungen mit Flusswasser, damit sie schwarz werden, denn sonst bleiben sie weiß28). Man besprengt mit Heilwag Haus, Hof und Wirtschaftsgebäude, Weinberge und Felder29). Man bewahrt es in Flaschen auf30), tut es an Speisen für Menschen und Tiere31) und schüttet es ins Weinfass oder in den Weinessig, daß sich diese Flüssigkeiten gut halten32). Auch das Butterfass reibt man mit Karfreitagswasser aus, daß der Milchertrag nicht verdorben und beredet werden kann33). Man trinkt das Wasser gegen Zahnschmerzen34); ein Trank fließenden Wassers am Gründonnerstag sichert Gesundheit und jugendliches Aussehen35).

1) Grimm Myth. 1, 485 f.; DWb. 4, 2, 854.
2) Meier Schwaben 2, 389; Wuttke 75 § 87.
3) Wuttke ebd. u. 315 § 466.
4) Bartsch Mecklenburg 2, 231.
5) Grimm a.a.O. 3, 167; Seligmann 2, 237.
6) Meyer Baden 485.
7) SchwVk. 1, 87.
8) Meyer a.a.O. 485.
9) Stöber Elsaß Nr. 231; ähnlich Panzer Beitrag 2, 301.
10) Sartori Sitte 3, 152 führt mehrere Belegstellen an.
11) Usener Kl. Schr. 4, 429 ff.; Schramek Böhmerwald 147; Sartori a.a.O. 3, 152.
12) Ebd. 3, 240.
13) ZföVk. 4 (1898), 216.
14) Usener a.a.O. 4, 429 ff.; ARw. 7, 290 ff.
15) Wolf Beiträge 1, 248.
16) Hovorka-Kronfeld 2, 339.
17) ZföVk. 4 (1898), 216.
18) Meyer a.a.O. 221; Birlinger Aus Schwaben 2, 92.
19) Meyer a.a.O. 502; ARw. 17, 408.
20) Meyer a.a.O. 486. 21) Ebd.; Wolf a.a.O. 2, 368.
22) Drechsler 1, 89.
23) Grimm a.a.O. 3, 462 Nr. 804.
24) Drechsler 2, 291.
25) Meyer a.a.O. 502.
26) Grohmann 44.
27) Wuttke 74 § 87.
28) Drechler 1, 85.
29) Sartori a.a.O. 3, 75; ZfVk. 11 (1901), 464.
30) Drechsler 1, 84.
31) ZfrwVk. 10, 11; Seligmann 2, 235.
32) Meyer a.a.O. 485.
33) Drechsler 1, 85. 34) SAVk. 7, 137.
35) Sartori a.a.O. 3, 143.

s. > Brunnen § 2, > Fluß § 2, > Osterwasser.

Richard Hünnerkopf über Heilwag im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 3, Berlin 1927-1942.

Wasser ist mehr als H2O

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