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![]() Die nordische Göttin Frigga bzw. Frija, hier dargestellt mit Spindel, Säugling und Klapperstorch, Attributen die auch der alten Göttin Holle zugeschrieben wurden. Buchillustration um 1850. |
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| Frija (Frigg, Frau Holle)
Von Bernhard Kummer. Von drei Hauptpunkten aus hat man den Versuch gemacht, Vorstellungen des Volksglaubens mit der Verehrung einer altgermanischen Göttin Frija (fälschlich Fricka, Frikka)1), an. Frigg, zu verknüpfen, am einfachsten angedeutet mit den Worten: Spinnstubenfrau, Windsbraut und Venus. Entscheidend wirkte bei diesen Versuchen die Voraussetzung eines aus historischen wie psychologischen Gründen durchaus verfehlten Begriffes von altgermanischen Gottesvorstellungen überhaupt und vom Wesen der Göttin Frija im besonderen, weshalb es unumgänglich erscheint, hier kurz diesen Grundirrtum zu berichtigen. Dieselbe einseitige Betrachtungsweise, die eine Religion statt in Gebeten nur an Götterbildern studiert und dabei die echten, Einfühlung fordernden Kultquellen zugunsten der überlieferten mythologischen 'Fertigware' zurückstellt, mythologisiert auch die Erscheinungen des Volksglaubens und vergisst über der altertümelnden Etikettierung den Blick in die abergläubischen Herzen selbst. Ob man Frija als Wolkenwasserfrau oder Himmelskönigin oder Todesdämonin einordnet, ob man sie in Himmel oder Unterwelt zu Hause sein läßt, ist weniger wichtig, als dass man statt eines mythologischen Präparates, das man gleichsam in der Phiole der Gelehrsamkeit auf volkskundliche Streifzüge mitnimmt, eine Göttin begreifen lernt, die nicht von Dichtern ersonnen, sondern von Herzen erbetet worden ist. Niemand, der sich von der Befangenheit im antiken Polytheismus loszulösen vermag, kann bei entsprechender Quellenkenntnis daran festhalten, das Walten germanischer Götter einer auf Ressortministerien verteilten Regierungsgewalt zu vergleichen und demnach auch die Frija etwa als 'Sonnen- oder Morgengöttin'2), 'sommerliche Tages- und Sonnengottheit'3), als 'Göttin der Liebe und Ehe und des Kindersegens'4) 'oder mehr der Schwangeren und Kreißenden'5), als 'vielnamige deutsche Wolkengöttin', die 'ihrem Geschlecht gemäß vorzugsweise über das Leben der Kinder, Jungfrauen und Weiber waltet'6), zu bestimmen. Die Zeugnisse für gläubige Hinwendung des Germanen an jeweils eine Gottheit in allen möglichen Lebenslagen sind zahlreich und eindeutig7). Eigentümlich germanisch und in unmittelbarer Beziehung zu germanischem Ahnenkult und germanischer Frauengeltung stehend ist es dabei, dass ohne Unterschied männliche wie weibliche Götternamen (letztere in der Überzahl) einzeln im Mittelpunkt einer Kultgemeinschaft erscheinen, die hier nur einzelne Sippen, dort sogar eine Mehrzahl von Stämmen vereinen kann8). Genau so wie noch der letzte große Heide im Norden, Hakon Jarl, die Göttin seines Geschlechts in allen Lebenslagen, selbst in der Entscheidungsschlacht, unter Verzicht auf den 'zuständigen' Kriegsgott der Mythologie, für die geeignete Zuflucht hielt9), flehten einst nach einer langobardischen Sage, die das wichtigste Zeugnis für die deutsche Frija liefert, die Viniler vor ihrem Entscheidungskampf gegen die zu Wodan betenden Vandalen ihre Stammesgöttin um Siegeshilfe an. Und nach dem Sieg und einer Verschmelzung der beiderseitigen Kulte wurde die Göttin der Viniler als 'Freja.' ('Frea'), d.h. Gattin oder Geliebte, dem Gott der Besiegten zur Seite gestellt, und nicht Priesterweisheit, sondern dichtende Phantasie schuf die von Paulus Diakonus überlieferte lustige Götterfabel10), die J. Grimm 'für eins der glänzendsten und unablehnbarsten Zeugnisse für die Einstimmung nordischer und deutscher Mythologie'11) hielt. Sie kann uns nicht mehr zu der unhaltbaren Annahme verführen, dass ein Volk in Waffen, beherrscht vom Glauben an ein pangermanisches himmlisches Ehepaar, in seiner Schicksalsstunde sein Heil der listigen Gattin des 'Kriegsgottes', von dem der Feind den Sieg erfleht, anvertraut. Nicht anders steht es mit der Gattin oder Geliebten des nordischen Odin, bald Frigg (= Gattin, sprachlich selbständig aus gleicher Wurzel wie Frija entstanden), bald Freyja (= Herrin), bald auch mit alten Eigennamen benannt. Auch im Norden erscheinen weibliche Gottheiten ihrer ursprünglichen Stellung im Mittelpunkt einer Kultgemeinschaft beraubt und von Dichtern mythologisiert (die Mütter Thors: Hlodyn-Hludana, Fiorgyn, Jord so gut wie die Gattinnen Odins, Freys u.a.); das göttliche Ehepaar, das, vom Himmel herabschauend, die Welt beherrscht, erweist sich auch hier als der Mythus des Synkretismus im sterbenden Heidentum. So ist es möglich und nicht einmal 'merkwürdig'12), dass die Frija, der Loki in Ägirs Halle Buhlschaft mit allen Göttern vorwirft13), und die er einmal 'Fjorgyns mar', also wohl Geliebte14) des mit Thor verwandten alten Gottes Fjorgynn (lit. Perkunas) nennt15), heute noch im nordischen Volksglauben an der Seite des Gottes Thor erscheint: Man soll noch in Norwegen sein Hauswesen am Donnerstag für 'Toregud och Frigga' verrichten16) und bisweilen am Donnerstagabend in einem Greis und einem Weib am Spinnrocken Thor und Frigg erkannt haben17) (die Beziehung auf die Götter 'gelehrten Ursprungs'?18). Außer der Frea der Langobardensage und der Frigg der nordischen Mythologie finden wir 'Friia' im Merseburger Zauberspruch als Vollas Schwester erwähnt19) und dann bezeugt durch die Übersetzung des 'dies Veneris' mit Freitag20); obgleich fast einheitlich auf germanischem Sprachgebiet durchgeführt (Ausnahme Bayern)21), besagt diese Ersetzung der Venus durch Frija doch kaum etwas für eine 'gemeingermanisch' verehrte, 'der Venus amatoria gleichgestellte' 'Göttin der Liebe'22). Bemerkenswerterweise haben wir im Norden statt des zu erwartenden Friggjardagr das aus Deutschland entlehnte 'Frijadagr'23). Bezeichnend ist auch, dass Männer wie Berthold von Regensburg in 'Vrîtach' nur noch das Adjektiv 'frei' erkennen, nicht mehr den Götternamen24). Demgegenüber kann eine Bevorzugung des Freitag als Hochzeitstag (s. a. Hochzeit) kaum als eine direkte Erinnerung an Frija als 'Göttin der Liebe und Ehe' gedeutet werden25), oder gar eine (für die Mark bezeugte) Scheu, den Flachs am Freitag (bes. Karfreitag) auszusäen, über die 'Flachsjungfer' hinweg mit Frija erklärt werden26). Nach allem Gesagten muß es als aussichtslos gelten, in Frija eine bestimmte, eindeutige Gottheit zu erkennen. Sie kann auch weder aus den Händen des früheren Himmelsgottes in die Wodans übergegangen27) noch ursprünglich das vom Sturmdämon verfolgte Weib sein, das dann »mit zunehmender Kultur und Steigerung der Wodanverehrung die Braut und schließlich die Gattin des Gottes«28) wurde, noch sind aus ihr 'jüngere' Göttinnen wie Freyja 'abgezweigt'29); sie ist als 'die Gattin schlechthin'30) ein neutraler Deckname für selbständige Kultgöttinnen, wie in ähnlicher Art Freyr = Herr im Norden ältere Kultgötter (Ullr, Njord, Ing) verbirgt. Vielleicht darf man an Nerthus denken, ohne jedoch mit falschem Rückschluß dieser selbständigen Göttin nun einen31) oder gar mehrere Gatten32) erfinden zu müssen. In der Wandlung von der weiblich gedachten Eigengottheit germanischer Kulte über die dem Gotte als Gattin nur beigeordnete, gleichsam entmündigte mythologische Gestalt zu der vom wilden Jäger gehetzten Waldfrau oder gefährlichen Hexe des Aberglaubens liegt eine bedeutungsvolle Parallele zur Wandlung germanischer Frauengeltung im MA. Nur der weiblich gefaßte Gottesbegriff, der hinter Frija steht und in der mythologischen Gestaltung oft ins Gegenteil verkehrt erscheint, kann uns für den Volksglauben von Wichtigkeit sein; dieser Gottesbegriff aber ist von der dämonischen Spinnfrau wie von der jagenden oder gejagten Windsbraut wie schließlich auch von der Liebesgöttin Venus gleich weit entfernt. 'Das göttliche Urbild der irdischen Frauen'33) mag eine solche Göttin gewesen sein, wie ein Thor das Idealbild seiner nordischen Bauernhelden war, und 'eine Beziehung zur Frauenarbeit'34) und damit in erster Linie zum Spinnen und Weben ist verständlich. Allgemein wird man ihren Kult und ihr Wesen von jener Tacitusstelle aus zu verstehen suchen, die Gering zur Erklärung der Prophetengabe Frijas anführt35): " ... plerasque feminarum fatidicas et augescente superstitione arbitrantur deas"36). Aus dem Gesagten ergibt sich die Möglichkeit, die vermuteten Spuren Frijas im Volksglauben richtig zu bewerten. Auf einer Wanderung durch die Uckermark i.J. 1844 entdeckten Kuhn und Schwartz (Kuhn spricht letzterem das Verdienst zu)37) in einem 'der Fui (Pfui)', de (die) Fui(k), dann auch Frick und Fricke genannten Wesen dämonischer Art Spuren der Göttin Frija Ein Mädel am Waschfass wußte zu erzählen, dass, wenn man in den Zwölften spinnt, 'de Pfui' in den Wocken komme, dass es 'ein Ekel' sei; und ein Bauer auf der Landstraße erzählte den beiden eine Sage und ein Märchen, in denen die alte Fuik (Kuhn) oder Frick (Schwartz)38) als des Teufels Großmutter, wilde Jägerin mit unheimlichen Hunden und menschenfressende Hexe auftrat39). Diese durch weitere Umfrage bestätigte und ergänzte40) Entdeckung wurde dankbar aufgenommen, verwertet41) und erweitert42), dann besonders von Knoop43) kritisch und respektlos abgelehnt, vom Entdecker über fünfzig Jahre nach der Entdeckung noch einmal bis aufs Messer verteidigt44), um schließlich gleich anderen zweifelhaften Zeugnissen (Frigaholda in Madrider Handschrift45); nordenglischer Tanz mit Anrufung der vornehmsten Riesen Woden und Frigga)46) als 'verdächtig'47) beiseite gelegt zu werden. Mit der bequemen Lösung Knoops: "dat Fu, aber ebenso auch de Fui, de Fuik, de Frick ist weiter nichts als der leibhaftige Teufel"48), ist jene in ihrer Art epochemachende Entdeckung auf eine wenig befriedigende Art liquidiert worden. Wie sollte sich auch die germanische 'Göttin' von Teufel und Hexe unterscheiden, wenn man sie etwa mit Wuttke49) gleichzeitig als Himmelsgöttin in Beziehung zur Sonne, als Göttin der heiteren Jahreszeit, 'vielleicht ursprünglich des Mondes', als Wolkenfrau oder 'regenschwangere Wolke' und doch auch als 'von den Himmelsmächten befruchtete Erde', als wilde Jägerin und selbst vom wilden Jäger gejagte Windsbraut, als Hüterin des Kinderbrunnens, als Göttin der Liebe, als Führerin des Totenheeres, als Todesgöttin Hella, als Spinndämonin, die den Menschen den Bauch aufschneidet und Steine einfüllt, als kinderstehlenden Unhold mit Pferdekopf, und dann wieder als Dornröschen mit der Spindel, als Norne, Walküre und weiße Frau, als Schaffnerin Kaiser Barbarossas im Kyffhäuser, als Gefährtin des Knecht Ruprecht oder Niklas und schließlich als Urbild der blondhaarigen Marienbilder sah? Nicht einmal ein Name, geschweige irgendein Grundgedanke vereinigt diese Vorstellungen aus fast allen Gebieten des religiösen Lebens. In jeder überirdischen Weiblichkeit schlechthin erkannte man die Frija, die selbst nichts über dieses Allgemeinste hinaus an sich erkennen läßt und hinter sich auf jene geglaubten Göttinnen verweist, die weder mit 'der wilden Heerzugführerin noch mit der dämonischen Spinnfrau'50), noch sonst mit den aufgezählten Phantasiegestalten irgendeine Ähnlichkeit haben. Begründet wurden die Beziehungen des Volksglaubens zu Frija außer mit falscher Mythologie auch mit falscher Etymologie. Die übliche Gleichsetzung von Frija mit Holda und allen ihr verwandten Gestalten wurde hauptsächlich durch eine von Grimm51) als 'deutliche Spur der Göttin' bezeichnete Nachricht Eccards (1750) veranlaßt, in der eine Fru Freke der Holda gleichgesetzt wird52). Aber Freke (vgl. Vreke, Vrekeberg in Belg.)53) steht "sicherlich ohne Zusammenhang mit Frija, weil die beiden Namen lautlich gar nichts miteinander gemein haben"54); wie überhaupt die Tatsache, dass anord. Frigg im Deutschen nur Frîja oder Frîa heißen kann55), keine Verwandtschaft der Frija mit den Formen Frick, Fricke usw. zuläßt. Die Namen Frick, Fricke (zu frech gestellt)56) gehen zurück auf gangbare ahd. Eigennamen wie Fricco, Friccolf usw.57) Demnach ist auch in Ortsnamen wie Frickenhausen (nach Ortssage hieß der erste dort Ansässige Frick)58), Frickenhofen, Frickenheim, Frickenweil, Fricktal, Frick59) oder in dem westfälischen Frecken-Frickenhorst60) keine Beziehung zu Frija zu suchen. Ebensowenig können natürlich Ausdrücke wie 'sick befriggen, befrigget, friggerat, friggerigge' an 'Frigga, die Göttin der Ehe'61) erinnern. Neben Fru Freke begegnet als Spinnstubenfrau und buhlerischer Walddämon auch Fru Free, Freen, Frie(n)62), schweizerisch Vrein, Vrin, die mit Verena sprachlich zusammengestellt wird63). Die Geschichte des Dogmas Holda = Frija hat Waschnitius gegeben64). In Grimms Spuren wurde die vorausgesetzte ursprüngliche Göttlichkeit der Holden und Perhten65) allgemein auf 'die vielnamige Frigg-Freia-Frouwa-Holda' zurückgeführt66), in ihnen 'adjektivische Beinamen' der Frija gesehen67), oder umgekehrt (auf Grund der Zusammensetzung Frigaholda = Frau Holle) in Holda die ursprüngliche Gottheit gesehen, von der sich Göttinnen wie Frija, Freyja, Idunn abgespalten haben68). So fand man überall 'Wodans Gemahlin' wieder, 'die mütterliche Erdgöttin, Fricke oder Holda oder Berchta, auch Hera und wenigstens in jüngerer Zeit Gode genannt'69); immer 'dieselbe heidnische Gestalt in anderen Landschaften mit anderen Namen'70), tobt sie 'als rauhe Stürmerin' in den Zwölften71), wirft als Mutter Haagsch den unachtsamen Hausfrauen eine Katze ins Haus72), duldet als Flachsjungfer keine Aussaat des Flachses am Freitag73), entführt als pferdeköpfige Stampa in Tirol die Kinder74), trägt als Bertha in Bayern eine Kuhhaut75) und wird schließlich als Frau Faste in Schwaben am Dreikönigstag verbrannt, begraben oder ertränkt76). Heute gilt fast allgemein, dass in diesen Gestalten 'ein Nachhall germanischer Göttinnen nicht erweisbar'77), eine Beziehung zur Frija 'sehr fraglich'78) ist; aber auch die Annahme, dass sie 'ähnlichen Vorstellungen entsprossen sein mögen, wie in heidnischer Zeit die Frija'79), ist wohl damit hinfällig; denn eben die Frija, die Ähnlichkeit hat mit den Gestalten des Aberglaubens, ist erst nach diesen modelliert worden und nirgends als heidnische Gottheit bezeugt. Noch zu erwähnen blieben die Beziehungen Frijas zu christlichen Gestalten. Man kann nicht sagen, dass etwa 'Fricka, die Gemahlin Wuotans, durch die heilige Notburga ersetzt worden'80) wäre, oder dass 'zahlreiche Züge (von ihr) auf die Jungfrau Maria übergangen sind'81). Die 'Göttermutter' der nordischen Dichtung, die sich beim Göttermahl vergeblich nach einem Sohn umsieht, der ihre Ehre wahren könnte82), hat der Gottesmutter Maria keine Züge geliehen. Nur in gewissen Bezeichnungen tritt bisweilen Maria für Frija (oder auch Venus) ein; so heißt der Orion in Schweden noch der Rocken der Frigg, wie er auf Seeland 'Marirock' heißt83); die anderswo 'Mariengras' (mhd. dial. 'use leiven Fruen Haar')84) genannte Pflanze wird im Norden nach Frigg oder Freyja genannt (in Dänemark Fruehaar oder Venusstraa)85), und der Marienkäfer erfreut sich noch der Auszeichnung, als 'heiliges Tier' der Freyja, die man der Frija fälschlich gleichsetzt, angesehen zu werden86). 1) Zu diesen durch Adams von Bremen Erfindung Fricco veranlaßten Bildungen vgl. Golther Mythol. 429 Frija (Anm.). Bernhard Kummer über Frija im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 3, Berlin 1927-1942. |
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| Wasser ist mehr als H2O
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