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Fluss, fließendes Wasser (Bach, Strom)

Von Richard Hünnerkopf.

1. Die Bedeutung, die das fließendes Wasser (s. a. Brunnen) für den Menschen hat, weist ihm in Glauben und Brauch eine große Rolle zu. Städte und Dörfer entstehen an Bächen und Flüssen. Sie spenden das nötige Wasser zur Reinigung, manchmal auch zum Trinken, und machen Wiese und Feld fruchtbar; dem Fischer liefern sie seine Beute. Die Menschheit stellt die Kraft des fließenden Wassers in ihren Dienst; es trägt nicht nur Schiffe und Flöße und treibt Mühlen, es führt auch alles hinweg, was hineinkommt, es stiftet Nutzen sowohl wie Schaden. Besonderen Eindruck macht seine Lebendigkeit.

2. Die Heilkraft, die man dem fließenden Wasser zuschreibt, besteht darin, dass es den Schaden mit sich fortführt. Besonders deutlich wird dies, wenn der 'Schade' hineingeworfen wird: Nägel, Haare, Urin des Kranken usw.1), das durch Aderlässe entzogene Blut2), Pflaster und Lappen, mit denen eine Wunde verbunden gewesen3). Der Arzt macht in ein Ästchen, das der Kranke bringt, bestimmte Einschnitte, und dieser muss es, mit dem Rücken gegen den Bach, rückwärts über den Kopf werfen und, ohne sich umzuschauen, sofort nach Hause laufen4); oder man geht vor Sonnenaufgang in einen Weinberg, zieht einen weißen Rebstock aus der Erde, schlägt sein Wasser in die Grube ab und wirft nachher den Stock in fließendes Wasser5). Bettnässer trägt man bei Mondschein um Mitternacht zu einem fließenden Wasser und lässt sie hineinpissen6); des Kindes Gelbsucht schwimmt den Bach hinab, wenn man Mist von einem Füllen in den Rauch des Schlotes hängt und nach neun Tagen in fließendes Wasser wirft7). Gegen Kopfgrind nimmt man etwas von dem Grinde und wirft es in ein fließendes Wasser, in dem Hunde und Katzen ersäuft worden sind8): so wie das Wasser die Tiere getötet hat, soll es auch die Krankheit vernichten. Wenn man Brot und Salz einwickelt, drei Vaterunser darüber betet und rücklings in fließendes Wasser wirft, so verliert man das Fieber9), oder der Fieberkranke isst ein Stück Brot zur Hälfte und wirft die andere Hälfte in fließendes Wasser10); eben dorthin gießt man den Inhalt des Gefäßes, worin man seine geschwollenen Füße gewaschen hat11), oder man geht nach Sonnenuntergang stillschweigend an ein fließendes Wasser und wirft eine Handvoll Erbsen12) hinein (wobei man sich das Fieber auf die Erbsen übertragen denkt). Einem Gichtkranken gibt ein Arzt vier eingeschlagene und fest zugenähte Zettel, die er neun Tage am Hals tragen und dann rückwärts in fließendes Wasser werfen muss13). Gegen Blutspeien spuckt man in ein Papierchen mit Kochsalz und wirft es in fließendes Wasser14), bei Zahnschmerzen geht man unberufen an einen Bach, nimmt Wasser in den Mund und speit es in den Bach hinab15), ähnlich bei Fieber16). In abgeschwächter Form haben wir das Fortschwimmen, wenn man ein Tuch, das um ein Geschwür gebunden war, auf einen Stein beim Bach legt17), oder wenn der Fieberkranke mit seinen Händen eine Bewegung stromabwärts macht18) oder am fließenden Wasser nur einen Spruch sagt19). Die meisten dieser Handlungen sind mit dem Hersagen eines Zaubersegens verknüpft. Auch wenn das fließendes Wasser geschöpft und getrunken20) oder die erkrankte Stelle des Leibes damit gewaschen21) wird, verbindet man dies zuweilen mit dem Hineinwerfen eines Gegenstands, oder man wirft das Wasser über sich stromabwärts, so dass auch hier noch der Gedanke des Hinweggeschwemmtwerdens durchblickt22). Eine bestimmte Zeitlang darf man nicht über das Wasser gehen, in das der Schade geworfen ist, sonst bekommt man ihn wieder zurück23). Die Heilkraft des fließenden Wassers beim Waschen und Trinken wird später gelegentlich so gedeutet, dass sich in der Mitternachtsstunde, des Todes Jesu wegen, alles fließende, lebendige Wasser in Blut verwandle und dass so eigentlich das Blut des Heilands die Wunder tue24). Besondere Kraft hat fließendes Wasser, das zu heiliger Zeit geschöpft ist (s. Heilwag). Aber auch sonst müssen bestimmte Formen gewahrt werden. Man muss so im Fluss stehen, dass das Wasser zwischen den Füßen durchläuft25), es muss schweigend geholt und stromabwärts26) bzw. stromaufwärts27) geschöpft werden, bei den Siebenbürger Sachsen28) nackt oder (von Frauen) wenigstens mit aufgelöstem Haar (jeder Knoten würde den Zauber 'binden'). Bachwasser über glatten Kieseln hat besondere Heilkraft29), ebenso abprallendes Mühlradwasser, weil dann das Böse und Schädliche vom Leib abprallt30), in Norwegen Wasser, das gegen Norden fließt, weil dort der Sitz der Dämonen ist31). Waschen in Flusswasser hilft gegen Fieber32), Augenleiden33), Hundsbiß34); es lässt frische Wunden heilen35); Kinder, im fließenden Wasser gebadet, nehmen zu36); Flusswasser als erstes Kindsbad lässt das Kind nie krank werden37); Gelbsucht vergeht, wenn man das Leintuch, worauf der Kranke gelegen, vor Sonnenaufgang auf einer Bachbrücke stehend und das Gesicht dem fließenden Wasser zugekehrt wäscht38). Kann der Kranke nicht zum fließenden Wasser gehen, so holt man ihm solches und stellt es unter die Bettlade39); besonders gut ist dies gegen Wundliegen40). Getrunken wird Flusswasser hauptsächlich gegen Fieber41). Heilkräftig gegen jede Krankheit, besonders äußere Schäden, ist mit fließendem Wasser ausgewaschene Butter42). Die Kraft des fließenden Wassers verbindet sich zuweilen mit einer anderen wegnehmenden Kraft. Beim Fastenläuten, wenn die Fasten aus sind, muss man die Sommersprossen waschen43); zur selben Zeit hilft Waschen gegen Hautausschläge fürs ganze Jahr44). Gegen Gicht geht man an drei Freitagen bei abnehmendem Monde vor Sonnenaufgang zu einer Weide, die an einem fließenden Wasser steht, richtet sein Gesicht nach dem Laufe des Wassers und sagt einen Spruch45); dem Stammeln des Kindes hilft man ab, wenn man seinen Harn dreimal nacheinander am dritten Tag Neumond unbeschrien in fließendes Wasser trägt46); bei Vollmond (also wenn der Mond im Begriff ist, wieder abzunehmen) wäscht man Bruch in fließendem Wasser47). Warzen wäscht man während des Grabgeläutes und sagt etwa folgenden Spruch: "Sie läuten einem Toten ins Grab, ich wasche meine Warzen ab"48), oder man tut dies, während die Leiche übers Wasser49) oder nach dem Kirchhof50) gefahren wird (s. Begräbnisläuten). Da die Sünde vielfach als Krankheit aufgefasst wird, reinigt Baden im Fluss51), Spucken52) oder Ausleeren der Taschen in fließendes Wasser53) oder Hineinwerfen anderer Dinge54) von Sünden.

1) Seyfarth Sachsen 253.
2) Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1022; Lammert 200.
3) Bartsch Mecklenburg 2, 109; John Erzgebirge 110; Drechsler 2, 290; ZfVk. 4 (1894), 85.
4) ZföVk. 4 (1898), 224.
5) Hovorka-Kronfeld 2, 171.
6) WZfVk. 32 (1927), 79.
7) Rochholz Kinderlied 337 Nr. 924.
8) Wuttke 335 § 498.
9) Wolf Beiträge 1, 223.
10) Wuttke 336 § 499.
11) Urquell 3 (1892), 11.
12) Wuttke 335 § 499.
13) ZföVk. 6 (1900), 117.
14) Lammert 197. 15) Wuttke 337 § 501.
16) Hovorka-Kronfeld 1, 147.
17) Heyl Tirol 802 Nr. 255.
18) Wuttke 335 § 499.
19) Bartsch a.a.O. 2, 394.
20) Bohnenberger 14.
21) ZfVk. 1 (1891), 194.
22) Höhn Volksheilkunde 1, 107; Wuttke 336 § 501.
23) Bohnenberger 14.
24) Drechsler a.a.O. 1, 84.
25) Höhn a.a.O. 1, 120.
26) Grimm a.a.O. 3, 427 Nr. 89.
27) ZfrwVk. 7 (1910), 56; John Westböhmen 272; Bartsch a.a.O. 2, 13.
28) Schullerus Siebenbürgen 43.
29) Birlinger Aus Schwaben 1, 404.
30) Grimm a.a.O. 1, 492 f.
31) Eitrem Opferritus 124.
32) Kuhn u. Schwartz 439 Nr. 319; Alemannia 27 (1899), 115.
33) Seyfarth a.a.O. 256; John a.a.O. 272.
34) ZföVk. 6, 116.
35) Wolf a.a.O. 1, 225.
36) Drechsler a.a.O. 1, 211.
37) Seyfarth a.a.O. 257.
38) Manz Sargans 79.
39) Bohnenberger 14.
40) Seyfarth a.a.O. 256.
41) Strackerjan 1, 93; Drechsler a.a.O. 2, 303; ZfrwVk. 7 (1910), 56.
42) Drechsler a.a.O. 1, 85. Über Heilkraft des Wassers des Ganges s. ARw. 17, 361.
43) Meyer Baden 548.
44) ZföVk. 4 (1898), 149.
45) Bartsch a.a.O. 2, 407.
46) Rochholz a.a.O. 335 Nr. 918.
47) Wuttke 337 § 501.
48) Wrede RheinVk.2 131; ZfrwVk. 11 (1914), 161 f.; Lammert 187; Bohnenberger 26; Frischbier Hexenspr. 95; Wuttke 337 § 502.
49) Strackerjan 1, 90; Wuttke 136 § 186; 335 § 497.
50) Bohnenberger 14.
51) Seyfarth 360. 379; Brandt Die jüd. Baptismen 103.
52) ARw. 17, 371.
53) Ebd. 373.
54) Eisel Voigtland 81 Nr. 207.









3. Schädliche Wirkung. Wie das fließende Wasser den Schaden wegnimmt, kann es aber auch die Gesundheit fortführen. Wer im Kraichgau in fließendes Wasser pißt, dem schwimmt die Gesundheit fort55). Man darf nicht über ein Wasser gehen, wenn man an Schnupfen oder Schwindsucht leidet56). Wer im Frühjahr über ein Wasser geht, bekommt leicht Fieber57); besonders gefährlich ist das Überschreiten des Wassers für Genesende58). Wenn man ein Kind, das noch kein halbes Jahr alt ist, über ein Wasser trägt, kränkelt es und wird sein zweites Jahr nicht erreichen59). Mit einem neugeborenen Kind darf man über keine Brücke (s.d.) gehen, sonst vertauscht es der Wassermann (s. § 6) mit einem Wechselbalg60). Wenn man eine Krankheit verpflöckt (s.d.), darf man auf dem Wege zum Baum kein Wasser überschreiten61). Auch Milch darf man über kein fließendes Wasser tragen, weil sonst die Kuh von der Zeit an trocken stehen wird62); tut man es doch, muss man ein Körnchen Salz in die Milch werfen63).

55) Mündliche Mitteilung eines Einheimischen.
56) Grohmann 179; Hovorka-Kronfeld 2, 6; Wuttke 343 § 511.
57) Hovorka-Kronfeld 2, 332.
58) Lammert 264.
59) Rochholz Kinderlied 335 Nr. 914.
60) Kuhn u. Schwartz 92.
61) Grimm Myth. 3, 475 Nr. 1074; Drechsler 2, 303.
62) Sartori Sitte 2, 144.
63) ZfrwVk. 2 (1905), 203.


4. Allerlei Zauber wird außer dem Heilen mit fließendem Wasser getrieben Wasser, das zur Herstellung von Zauberbrei oder dergleichen dient, muss aus einem Fluss oder Bach geschöpft werden64), meist gegen den Strom65), seltener stromabwärts66). Für das Gedeihen des Kindes nimmt man wiederum die wegtragende Kraft des Flusses in Anspruch: die Nachgeburt wird in fließendes Wasser geworfen, damit das Kind gut und willig lerne67); ein Kind, das zu oft weint, schlägt man sanft mit der Rute und wirft diese in fließendes Wasser, damit es das »Gewein« fortführe68). Ein Ross wird kräftig für die Jahresarbeit, wenn es am Weihnachtsmorgen aus einem Wasser trinkt, in das man einen Apfel geworfen hat, so dass er gegen das Ross schwimmt: hier trägt das Wasser dem Tier die Kraft in dem Apfel zu69). Um ein Stück Vieh sicher zu verkaufen, führt man es zu einem fließenden Wasser, gießt drei Hände voll über es und spricht: "Es muss mir jedermann nachlaufen und mir mein Vieh abkaufen. So wahr, als Christus taufte im Jordan, so wahr taufe ich dich"70). Schwenkt man beim ersten Osterläuten an einem fließenden Wasser seinen Geld sack hin und her, so wird er immer voller71). Einen Klumpen Butter kann man aus dem Wasser herausholen, wenn man mit dem Rücken gegen die Strömung in den Fluss tritt und mit den Händen im Wasser hinter dem Rücken herumrührt72). Ein Unwetter entsteht, wenn man mit ungewaschenen Händen in aller Teufel Namen Wasser aus dem Bache über sich hinauswirft73). Liebeszauber treibt das Mädchen, das am Ostermorgen vor Sonnenaufgang drei Löffel aus fließendem Wasser trinkt und spricht: "Untergehen, auferstehen, immer treu, ewig neu"; von Liebessehnsucht74) befreit man sich, indem man den vom Absatz des rechten Schuhs abgeschabten Kot mit rückwärts gewandtem Kopf ins Wasser wirft und, ohne sich umzuwenden, weggeht (wegnehmende Kraft). Das Wasser des Jordans, durch Christi Taufe geheiligt, macht unfruchtbare Frauen schwanger75). Geht ein Mann beim Feierabendläuten in Weiberkleidern in den Bach, so wird er unsichtbar76). Wenn man die Fußstapfen des Diebes, der auf dem Felde Früchte stiehlt, herausschneidet und in fließendes Wasser wirft, bekommt er solange Durchfall, bis er stirbt; hängt man sie nur hinein, so ist ihm noch zu helfen77). Hat ein Mann eine Trud unfähig gemacht, Wasser zu lassen, indem er sofort nach dem Truden in einen Steinkrug gepisst und ihn fest zugestöpselt hat, so kann er sie wieder befreien, wenn er den Krug in ungerader Stunde aufhängt und ihn am andern Tag vor Sonnenaufgang oder -untergang gegen fließendes Wasser ausschüttet78). Bei den Rumänen in Südungarn gehen sechs Wochen nach der Beerdigung drei Weiber morgens zu einem fließenden Wasser und lassen auf ihm Brotrinden, auf die angezündete Wachskerzen gesteckt sind, frei schwimmen; von diesem Augenblicke an hat die Seele des Verstorbenen stets Wasser zur Verfügung79). Das vor Sonnenaufgang aus Flüssen und Bächen unter strengstem Schweigen geschöpfte Wasser, mit dem man sich wäscht, schützt vor Behexung80). Bei den siebenbürgischen Zigeunern wird zum Schutz gegen den bösen Blick unter Verwendung von fließendem Wasser ein gewisser Brei hergestellt, den man in einem Säckchen den Kindern um den Hals hängt81). Flusswasser ist die Zaubergrenze. Fausts Pferde werden, als sie das Wasser des Flusses berühren, wieder zu Strohwischen82). Wenn ein Dieb den Fluss oder Bach überschritten hat, dann hat der Zauber keine Gewalt mehr über ihn83), und der Zauberer selbst ist nach Überschreitung des Wassers in Sicherheit84). Dämonen, Geister, Hexen, Irrlichter usw. können nicht über ein fließendes Wasser gehen, und man ist sicher vor ihnen, wenn man einen Fluss zwischen sich und sie gebracht hat85). Der wilde Jäger kann nur über den Bach, wenn jemand, der ihm begegnet, seinem Pferde von dem Bachwasser zu trinken gibt86). Der Schlangenbiss ist ungefährlich, wenn der Gebissene vor der Schlange über das nächste Wasser kommt87). So kommt es, dass Bachübergänge Aufenthaltsorte für Dämonen sind88). Deshalb soll man beim Überschiffen des Stromes, beim Überschreiten der Brücke (s.d.) zur Abwehr gegen die Dämonen dreimal ausspucken89). Hat man aber einen Geist, der einem folgt, mit über ein fließendes Wasser genommen, so gerät man in seine Gewalt90). Bei der Rückkehr vom Begräbnis gehen in Geislitz bei Hoyerswerda91) die Leichenbegleiter durch fließendes Wasser Auch im Winter wird die Brücke nicht benutzt, sondern das Eis aufgehackt, dass der Trauerzug durchwaten kann. Man will so die Rückkehr des Toten verhindern, denn dieser kann ebenso wenig wie ein anderer Dämon durch fließendes Wasser hindurch. So konnte in Erlisbach eine verstorbene Wöchnerin nicht zu ihrem Säugling kommen, weil ein Bach zwischen Kirchhof und Haus floss; sobald ein Steg über den Bach gelegt war, ging es92). Die Asche einer Hexe wirft man in den Fluss, um die letzte Zauberkraft, die ihren Überresten anhaftet, zu vernichten93). Mit all dem stimmt es überein, wenn fließendes Wasser nicht besprochen werden kann; deshalb nennt man Hunde 'Strom'94), und ebenso schützte man früher Kinder vor dem bösen Blick, indem man auf ihre Hände die Namen von Flüssen schrieb95).

64) Grimm Myth. 3, 428 Nr. 58.
65) Bartsch Mecklenburg 2, 13. 18. 20.
66) Seligmann 1, 258 f.
67) John Erzgebirge 49.
68) Urquell 4 (1893), 170.
69) Grimm a.a.O. 3, 418 Nr. 37.
70) Manz Sargans 145; Eberhardt Landwirtschaft 19 (Blaubeuren); SAVk. 12, 226 (Kt. Aargau).
71) Wuttke 408 § 633; Vernaleken Mythen 315.
72) Mannhardt Germ. Mythen 27.
73) Lütolf Sagen 237; Müller Urner Sagen 1, 117 Nr. 160.
74) Grohmann 209.
75) ARw. 15, 141 f.
76) Heyl Tirol 803 Nr. 266.
77) Schönwerth Oberpfalz 3, 200 f.
78) Leoprechting Lechrain 12.
79) Globus 69, 198.
80) Seligmann 2, 236. 330 f.
81) Ebd. 2, 379.
82) Historia von D. Fausten Kap. 39 (Neudrucke 7, 84 f.).
83) Kühnau Sagen 3, 223; Birlinger Aus Schwaben 1, 406.
84) Kühnau a.a.O. 3, 224 f.
85) Seligmann 2, 236 f.; Schönwerth a.a.O. 2, 98 f. 326; 3, 107; Drechsler 2, 147 f.; Liebrecht Z. Volksk. 317; ZfVk. 13 (1903), 65; 18 (1908), 365 (die indischen Rakshas).
86) ZfVk. 18 (1908), 365 f.
87) Grimm a.a.O. 1, 487.
88) ZfrwVk. 3 (1906), 200.
89) Grimm a.a.O. 1, 496.
90) Bindewald Sagenbuch 166.
91) Haupt Lausitz 1, 254. Ebenso auf Celebes (ZfVk. 18, 371); im alten Japan folgte eine Waschung im Flusse, und die Basutos in Südafrika baden sich nach der Schlacht in voller Rüstung im Flusse (ebd. 369).
92) Rochholz Sagen 1, 57.
93) Hansen Hexenwahn 575.
94) Strackerjan 2, 115; Kuhn u. Schwartz 451 Nr. 388; Kluge Bunte Blätter 90 f. (im 14. Jh. heißt ein Hund 'Rîn', ebd. 88).
95) Seligmann 2, 236.









5. Weissagung. Versiegendes oder steigendes Wasser des Flusses bedeutet Todesfall oder Hungersnot96). Färbt sich das Wasser in den Bächen rot, so weist dies auf Seuche, Krieg oder Teuerung97). Die Fulda stand still, wenn ein Fürst aus Hessen sterben sollte98). Im Flussspiegel sehen die Mädchen den Zukünftigen, im schlesischen Kreise Lauban von einem Baum herab am Andreasabend99), am Rhein bei einer Mondfinsternis100). In Oberbayern gehen die Mädchen in der Johannisnacht an einen Bach, berühren das Wasser mit der Fußspitze und sprechen: "Du Wasserwelle, ich tritt dich, du heiliger Johannes, ich bitt dich, lass mir erscheinen den Herzliebsten meinen"101). In Ostpreußen greifen die Mädchen am Silvesterabend aus einem fließenden Wasser eine Handvoll Kies und zählen die Steine; ist die Zahl gerade, so heiraten sie im nächsten Jahre102). Zum Zinngießen in der Neujahrsnacht holt man fließendes Wasser nachts zwischen 11 und 12 Uhr103).

96) Grimm Myth. 2, 952.
97) Birlinger Aus Schwaben 1, 404; Wolf Beiträge 1, 236.
98) Grimm Sagen 94 Nr. 111.
99) Drechsler 1, 10.
100) Wuttke 246 § 356.
101) ZfVk. 8 (1898), 398.
102) Stemplinger Aberglaube 53.
103) Wolf a.a.O. 1, 231.


6. Dämonen und Götter. Die große Bedeutung, die somit Flüsse und Bäche für das Schicksal des Menschen haben, erweckte schon in alter Zeit den Glauben an dämonische und göttliche Wesen im Flusse. Die Griechen und Römer personifizierten die Flüsse; die nächste Entwicklungsstufe war die Flussgottheit, die schon im Altertum eine große Rolle spielt. Nach Herodot durfte in Ägypten niemand, die Nilpriester allein ausgenommen, die Leiche eines Ertrunkenen anrühren, und das Leichenbegängnis wurde glänzend ausgestattet, weil der Ertrunkene jetzt die verkörperte Gottheit der Fruchtbarkeit darstellte104). In Deutschland sind es Wassermänner und Nixen (s.d.), die die Flüsse beherrschen. In Weißwasser im ehemaligen Österreichisch-Schlesien erkannte man die Nixe des Weißwasserbachs, die öfters in den Ort mit einem Körbchen am Arme kam, am unteren nassen Saum ihres Kleides105). In Fröbel (an der polnischen Sprachgrenze) wurde ein Wassermann im roten Kleid, der die Vorübergehenden neckte, häufig an Flussübergängen gesehen106). Im heutigen Wiener Kinderglauben leben im Bache noch Wassernixen, die weiß, und Wassermänner, die grün aussehen107). Meist sind diese Wesen, entsprechend der Gefährlichkeit des Wassers, bösartig, so in einzelnen Talbächlein in der Eifel108); ein brüllendes Gespenst weilt in einem Bache bei St. Gallen109). Der Nix in Sachsen erscheint gewöhnlich als ein kleiner freundlicher Knabe in grünem oder rotem Röckchen, manchmal aber auch als alter Mann mit tückischem Gesicht und Krallen an den Händen110). Der Hakenmann sitzt in Einbeck und Dassel am Ufer der Flüsse, zuweilen wohnt er in Strudeln, wo er durch seinen Gesang die Kinder anlockt und mit seinem langen Haken hereinzieht111); in der Tauber bei Gamburg weilt er unter dem Bogen der Brücke112), der Häklimann an der Ober-Saar lauert im Schilf113). Die Seelen der Ertrunkenen (s.d.), die der slawische Wassermann in umgestürzten Töpfen bewahrt, kommen, wenn sie entfliehen, als Wasserblasen an die Oberfläche114).

104) Eitrem Opferritus 114 f.
105) Kühnau Sagen 2, 338.
106) Ebd. 2, 323.
107) WZfVk. 32 (1927), 43.
108) Wrede Eifeler Vk.2 89.
109) Kuoni St. Galler Sagen 186.
110) Sommer Sagen Nr. 34.
111) Schambach u. Müller 342.
112) ZfdMyth. 1, 29.
113) Rochholz Sagen 2, 208.
114) ARw. 5, 145 ff.


7. Opfer, die den Flüssen gebracht werden, gelten ursprünglich nicht den darin weilenden Dämonen, sondern den Flüssen selbst, und alles, was hineingeworfen wird, wie Ei, Brot, Bock, Mensch, ist zunächst keine Opfergabe, sondern die Kraft dieser Dinge und Wesen soll dadurch auf den Fluss zwecks Fischreichtum übertragen werden. Erst als man Dämonen im Wasser annahm, verwandelten sich diese Gaben in Opfer115). Jetzt galt es, den Dämon zu besänftigen. Schon im griechischen und römischen Altertum fanden solche Flussopfer statt116). Der Bischof von Prag eifert noch zu Anfang des 12. Jahrhunderts dagegen117). In ältester Zeit ist dies Opfer ein unschuldiges Kind118), erst später wird es durch Tiere oder Früchte abgelöst. Bis heute fordern viele Flüsse ihr jährliches Opfer, meist an bestimmten Tagen, am Johannistag119), an Peter und Paul, Himmelfahrt, Magdalenä oder Walpurgis120). Um diese Zeit darf man nicht im Flusse baden (s.d.), sonst ertrinkt man121). Am Tage selbst hört man wohl eine Stimme: "Die Stunde ist da, wär nur der Mensch erst da!"122). Oder es ruft am Abend vorher aus dem Wasser: "Reddt, reddt!" (Rettet, rettet!)123). Oder es hört sich an, als ob jemand in die Hände klatsche124) oder lache125). Wer dann nur von dem Wasser trinkt, fällt tot um126). Einen im Jahr muss der Fluss haben, und wenn es noch an Silvester sein sollte127). Solche Flüsse sind der Rhein128), die Donau129), die Rhone130), die Lahn131), die Elster132), die Hunte133), die Saale, die Elbe, die Unstrut, der Neckar134) u.a.; "de Leine fret alle jâr teine"135). Abgelöst wird das Menschenopfer durch ein weißes Böcklein, einen schwarzen Hahn, ein Schaf, einen Laib Brot, einen Bienenkorb, Früchte136). Um ihre Kinder vorm Ertrinken zu bewahren, werfen Eltern ein Kinderkleid ins Wasser137). Aus demselben Grund wirft die Wöchnerin beim Kirchgang, wenn sie eine Brücke überschreitet, einen Pfennig in den Fluss138). Auf der Brücke zwischen Oberndorf und Laufen warf die Geistlichkeit an Fronleichnam einige geweihte Hostien in die Salzach, um Wassergefahren abzuwenden139). In Norwegen erhält am Christtage der Flussgeist Huldra von den Uferbewohnern einen Kuchen von der Größe, dass man ihn eben noch durch ein kleines Loch im Eise stecken kann140). Hierher gehören die Gebildbrote (s.d.), die das Menschen- und Tieropfer vielfach ablösen. Ehe die erste Fuhre Getreides vom Felde abgeht, wirft man drei Ähren in fließendes Wasser141). Im Salzburgischen wurde am Abend des Sonnwendtages etwas vom Brei der Mahlzeit in fließendes Wasser geworfen142); im Augsburgischen werfen Kinder die Reste ihres Vesperbrots in den Bach mit den Worten: "Für die armen Seelen!"143) In Gegenden, die der Überschwemmung ausgesetzt sind, schlägt man an den vier Ecken des neuen Gebäudes etwas Mörtel ab und wirft ihn in das nächstgelegene fließendes Wasser, damit es den Bau verschone144). Auch der Dieb opfert dem Wassergeist, indem er etwas vom Gestohlenen ins Wasser wirft145).

115) Naumann Gemeinschaftskultur 72.
116) Stemplinger Aberglaube 92.
117) Grohmann 43.
118) Grimm Myth. 1, 409.
119) SAVk. 15, 5.
120) Wuttke 39.
121) Birlinger Volksth. 1, 133; Drechsler 2, 266; Eisel Voigtland 31 Nr. 62.
122) Bartsch Mecklenburg 1, 153; Kuhn Märk. Sagen 83 Nr. 82; Kuhn u. Schwartz 271; Schönwerth Oberpfalz 2, 198 Nr. 3.
123) Bartsch a.a.O. 2, 317; Strackerjan 1, 516; Mannhardt Germ. Mythen 722; Schambach u. Müller 342.
124) Kuhn a.a.O. 222.
125) Eisel a.a.O. 252 Nr. 630.
126) Strackerjan 1, 516.
127) Haupt Lausitz 1, 47 f.
128) Waibel u. Flamm 2, 290.
129) Birlinger a.a.O. 1, 133.
130) Mannhardt a.a.O. 722.
131) Schambach u. Müller 342.
132) Eisel a.a.O. 252 Nr. 630.
133) Strackerjan 1, 514 Nr. 259.
134) Wuttke 79 § 92.
135) Schambach u. Müller 62. 341 f.
136) Meyer Germ. Myth. 139; schwarzer Hahn in die Bode: Grimm Myth. 3, 143. 165; Kuhn u. Schwartz 172. 426. 521 f.
137) John Erzgebirge 49; Wuttke 293 § 429.
138) John a.a.O. 65.
139) DG. 12 (1911), 109.
140) Nork Festkalender 770.
141) Grimm a.a.O. 3, 165; Jahn Opfergebräuche 160.
142) Wuttke 293 § 429.
143) ZfVk. 8 (1898), 395.
144) ZfEthn. 1898, 28.
145) Grimm a.a.O. 1, 496.









8. Verehrung. Während in den Opfern, die die Flüsse fordern, und in den Gaben, die man ihnen spendet, um Unheil zu verhüten, ihre schädigende Wirkung zum Ausdruck kommt, werden sie andrerseits wegen ihrer segenbringenden Kraft verehrt. Nach Herodot (I. Kap. 138) hielten schon die Perser alle Flüsse für heilig; Hineinspucken und -pissen, sowie Händewaschen im Fluss war verboten. Ebenso dürfen in vielen Gegenden Deutschlands die Flüsse nicht verunreinigt werden (s. Brunnen § 10), weil Gottes Auge darin ist146), oder weil die Mutter Gottes in ihrer Armut aus einem Bächlein getrunken hat147). Ebendeshalb darf man auch nicht hineinspucken148) oder hineinpissen149): wer dies tut, pisst am Abend ins Bett150) oder seine Frau wird starke Blutungen haben151). Die Flüsse selbst lieben es, rein zu sein, darum stoßen sie die Leichen und anderen Unrat spätestens am neunten Tage aus152). Desgleichen ist es verboten, sein Gesicht im Fluss zu waschen153). Die Esten empfanden es 1641 als Entweihung, dass ein Ausländer in den Bach eine Mühle baute, und zerstörten sie154). Beschimpft man das fließende Wasser, indem man es klein, unrein oder seicht nennt, bekommt man Grind oder Geschwüre am Leib oder erblindet155). Nach Hesiod wird beim Überschreiten des Flusses ein Gebet gesprochen156), die Neugriechen grüßen dreimal beim Wasserschöpfen157). Einen Flusskult kannten die Alemannen und Franken wie die Böhmen158): man betete am Ufer der Flüsse und zündete Lichter an159). In der Schweiz feiert man Frühlingsfeste am Bach, wobei man mit Lichtchen besetzte Schiffchen die Strömung hinunter schwimmen läßt160).

146) Vernaleken Alpensagen 345.
147) Reiser Allgäu 1, 361 f.
148) Schramek Böhmerwald 252; Drechsler 2, 121.
149) Vernaleken a.a.O.
150) Zahler Simmenthal 22.
151) Urquell 4 (1893), 117.
152) Grimm Myth. 3, 449 Nr. 475; Ders. Sagen 43 Nr. 62; ZfrwVk. 4 (1908), 270.
153) ZfVk. 25, 27.
154) Grimm Myth. 1, 497 f.
155) Urquell 4 (1893), 159.
156) Grimm a.a.O. 3, 169 f.
157) Ebd. 1, 496.
158) Grohmann 43. 50.
159) Grimm a.a.O. 1, 484.
160) Intern. Revue 1 (1866), 839 f.


9. Mythisches. Über die Entstehung der Flüsse weiß Homer (Ilias XXI, 196 fließende) zu berichten, dass sie alle dem tief strömenden Okeanos entfließen. Im germanischen Norden ist unter eines Lindwurms Gang ein Fluss entstanden161). In Deutschland haben Teufel oder Riesen ein neues Flussbett gepflügt162). Das Flüsschen Schwente soll so entstanden sein: der Teufel zog seine Großmutter an der Nase, zuerst wich sie dabei nach allen Seiten aus, zuletzt zerrte er sie in gerader Linie weiter; vor Angst ließ sie dabei Wasser163). Auch in Frankreich sind Flüsse vielfach durch Pissen, Schweiß, Blut oder Tränen entstanden164). Unterirdische Flussläufe sind dadurch geworden, dass ein Dämon einen unbarmherzigen Müller durch Wasserentziehung bestrafte165). Bei den Germanen trennt der Totenstrom, ebenso wie bei den Griechen, das Diesseits vom Jenseits166): in der jüngeren Edda reitet Hermod, der sich zur Hel begibt, über die Brücke des Flusses Gjöll167), und Thor muss auf seinem Wege ins Riesenreich (d.i. Totenreich) den Fluss Wimur durchwaten168); man denke auch an den aus der Herzog Ernst-Sage bekannten Fluss, der unterirdisch einen Berg durchfließt. Wie die Griechen beim Styx schwören, so geschieht dies in der Edda (Helg. Hund. 2, 29) beim Flusse Leiptr169). Auch Höllenflüsse, wo die verdammten Seelen in Feuer und Schwefel baden, kennt das MA.170).

161) Hyltén-Cavallius Wärend och Wirdarner 1, 329.
162) Sepp Sagen 446 Nr. 120; Mannhardt Germ. Mythen 146.
163) Kuhn u. Schwartz 473.
164) Sébillot Folk-Lore 2, 327 f.
165) Ebd. 2, 332 f.; Reiser Allgäu 1, 204.
166) Meyer Germ. Myth. 87. 126. 134.
167) Thule 20, 106 f.
168) Ebd. 20, 151 f.
169) Ebd. 1, 148.
170) Grimm Myth. 2, 673; 3, 240; vgl. auch Sébillot a.a.O. 2, 152.

Richard Hünnerkopf über Fluss im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 2 Bd. 2, Berlin 1927-1942.

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