Über Brunnen-Feste

Die alten Maibrunnenfeste sind im Oberbergischen noch in Erinnerung geblieben, obwohl sie von Jahr zu Jahr in Abnahme geraten. Am Maiabend werden nämlich die Trinkquellen gereinigt, Lämpchen und Kerzen dabei angezündet, an die nahe stehenden Bäume befestigt und unter Gesängen bewacht. Am andern Morgen werden zum Schmucke der Brunnen Blumen gepflückt und Kränze gewunden, auch Eier zwischen die Blumen gelegt, mit denen man den Brunnenrand verziert. Dieses Schmücken geschah früher unter üblichen Liedern, und mit den Eiern wird nachmittags Kuchen gebacken, den man beim Maireigen gemeinschaftlich verzehrt.

Im Rheintale ist diese Festlichkeit mit ihren Liedern fast gänzlich vergessen. Wenn aber in Bacharach einer der vier Brunnen gereinigt wird, so versammeln sich noch immer die Kinder des Stadtviertels, worin derselbe liegt, reich und arm, ohne Unterschied des Standes, denn keines darf sich ausschließen, um mit dem Brunnenkranz herumzuziehen. Dieser Kranz ist eine Art Erntekranz, welcher von einem der Knaben an einem Stab befestigt und so von einem Haus zum andern getragen wird. Hinter ihm gehen die anderen Knaben, die auf einem alten Säbel einige Wecken oder Semmeln und oben ein Stück Speck gespießt haben und diesen folgen die Mädchen, welche die nicht spießbaren Nahrungsmittel, wie Eier und Butter, in Schalen und Körben nachtragen.

Auf jedem Hofe stellt sich alles im Halbkreis um den Kranzträger herum und stimmt ein Lied an, dessen Inhalt hauptsächlich den Speck, die Wecken und die Eier betrifft, die man zu haben wünscht.

Was man bekommt, wird dem Brunnenmeister gebracht, welcher dafür verbunden ist, am nächsten Tage einen kleinen Schmaus zu geben, bei dem sich das junge Völkchen an 'dickem Brei' und 'gelben Schnittchen' gütlich tut.

Am vollständigsten hat sich das Maibrunnenfest in Tissington, einem Torfe von Derbyshire in England, erhalten, wo es unter dem Namen Brunnenbekleiden oder beblumen well-dressing oder well-flowering) am Himmelfahrtstag gefeiert wird.

Schon Wochen vorher bewerben sich die Bewohner in der ganzen Gegend um Blumen, besonders um rote Maßlieben (red daisies), mit denen am Himmelfahrtstage alle fünf Brunnen des Orts auf das Graziöseste und Phantastischste geschmückt werden. Kränze und Girlanden bilden verschiedene Embleme, Figuren aus Brettern werden mit feuchtem Lehm bedeckt, um die hineingesteckten Blumen frisch zu erhalten und zu Mosaiks in den mannigfaltigsten Zeichnungen und Schattierungen arrangiert, aus denen, wie aus Blumenbeeten, das Wasser der Quelle herauszufließen scheint. Die Dorfbewohner ziehen die besten Kleider an und öffnen ihre Häuser für die zahlreichen Freunde und Bekannten, welche dieses beliebte Fest aus der ganzen Nachbarschaft herbeizieht.

Nach beendigtem Gottesdienst, wobei gepredigt wird, findet eine Prozession statt, welche alle Brunnen der Reihe nach besucht und an jedem derselben wird entweder ein Psalm oder die Epistel und das Evangelium des Tages gelesen. Das Ganze schließt mit einer Hymne, die von den Kirchenfängern mit Musikbegleitung gesungen wird. Dann geht man auseinander und verlebt den übrigen Tag mit ländlichen Spielen und Festtagsunterhaltungen.

Otto Freiherr von Reinsberg-Düringfeld, Aberglaube - Sitten - Feste germanischer Völker, Leipzig 1898






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