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Stier und Rind als Symbole des Wassers

Von Heinrich Bertsch.

Nächst der Schlange oder dem Drachen ist der Stier das häufigste Sinnbild des Wassers und seine Verbreitung gibt jenem nicht viel nach. Bekannt ist, dass die Griechen die Flussgötter häufiger in Stiergestalt als in Schlangenform darstellten. Besonders der Flussgott Acheloos wird im Kampf mit Herakles als Stier oder wenigstens mit einem Stierhaupt gebildet. Der Wassergott Poseidon und der Gott der Vegetation und des Nasses, Dionysos, erscheinen häufig als Stiere im Bild und in Beinamen; dem Poseidon werden schwarze Stiere geopfert und Stierkämpfe ihm zu Ehren gefeiert. Die Opferknaben bei seinem Fest in Ephesos heißen Stiere (Preller-Robert 548, 570). In Ägypten wird der Nil, Hapi genannt, unter dem Bild eines Stiers göttlich verehrt. In Deutschland und im Norden zeigt sich der Wassermann oft in Stiergestalt. In Uttenweiler kam der Bachgeist in Gestalt einer weißen Kuh in den Garten eines Bauern; als er sie fangen wollte, verschwand sie im Bach (Birlinger 1, 129). Den Wassermann in Horazdiowic nahm als großes Kalb ein Metzger auf den Rücken, um es heimzubringen. Es wurde aber immer schwerer und sprang dann wieder in den Teich (Böhmen 151). Der Geist der Quelle in Schottland wird bald als Stier, bald als Pferd oder menschengestaltig vorgestellt (Altbayern 702). Bekannt ist auch jene Sage vom Stammvater der Merowinger, dem Wassermann, der in Stiergestalt dem Meere entstieg und sich der schlafenden Königin nahte (Simrock 417).

Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, wie der Stier dazu kommt, Vertreter des Wassers zu werden, so ist ein Vergleich des Auges, wie er bei der Schaffung des Symbols der Schlange wirksam war, wohl ausgeschlossen. Denn nirgends vermag dieser Sinn eine Lebensäußerung des Stiers zu entdecken, die die Vorstellung des Wassers in der Seele hervorriefe. Es muss daher das Ohr gewesen sein, welches dies Sinnbild schuf. Das Rauschen des tosenden Flusses, das Dröhnen des Wasserfalls und das Brüllen der Meereswoge konnte die Ansicht erzeugen, dass ein göttlicher Stier im Gewässer wohne. Aber auch ein Vorgang, der in einer anderen Region sich abspielt, konnte als Lebensäußerung eines Stiers erscheinen; der Donner galt als Stimme, als Gebrüll eines Stiers. Die Häufigkeit der Charakterzüge bei diesem Symbol, die der Gewitterregion entstammen, beweist, dass der Gewitterstier auf die Schöpfung der Vorstellung von größerem Einfluss war als der des Flusses und Meeres. Dafür spricht auch die Tatsache, dass zwei alte Nomadenvölker, die Inder und Juden, ihren obersten Gott, der ursprünglich in erster Linie Gewittergott war, in sehr alter Zeit als Stier dachten. In den Veden heißt der Gewittergott Indra oft 'der Stier'. Im Atharvaveda wird zu einem Stier gesagt: "Dich nennt man Indra". Der Gewittergott der Perser, Verethragna, nimmt dieselbe Verwandlung an (Oldenberg 76).

Auch in Kanaan finden sich noch Nachwirkungen der Vorstellung des Hauptgottes in Tiergestalt. Bis ins sechste Jahrhundert waren die goldenen Rinder in Bethel und Dan, die Jerobeam aufgestellt hatte, ein Gegenstand des Kultus (1. Könige II, 28). Und das zweite Buch Moses weiß noch wohl, wie viele vom Volke den Gott, der sie aus Ägyptenland geführt, sich in Form eines Rindes dachten. Soll ja doch Aaron selbst diesen Leuten das goldene Kalb aufgerichtet haben (Kap. 32). Im Rollen des Donners glaubte man die Stimme Gottes zu vernehmen, sowohl in alter Zeit, wo man den Hauptgott unter dem Bild eines Stiers wähnte, wie später, wo er als Person galt. Die Poesie bewahrt diese Anschauung. "Da donnerte im Himmel Jahve und der Höchste ließ seine Stimme erschallen", singt Psalm 18. "Jahve lässt seine majestätische Stimme ertönen und das Herabfahren seines Armes sehen mit tobendem Zorn und der Flamme verzehrenden Feuers unter Sturm und Wetter und Hagelsteinen", sind die Worte des Propheten Jesaja XXX 30. - In der Europasage treffen wir den Zeus als Stier doch wohl in seiner Eigenschaft als Gewittergott. - Der nordische Donnergott Thor wird wie der Stier Vingnir genannt und Stiere fielen ihm zum Opfer. - Die geflügelten Stiere, die in Assyrien als Wächter vor Palästen und Tempeln stehen, sind Zeugnisse überwundener religiöser Vorstellungen von Gewitterdämonen, die im Luftraum wirken.

Dass bei der Schaffung des Stiersymbols der Vergleich von Donner und Gebrüll in erster Linie einwirkte, scheint die Tatsache zu beweisen, dass die Züge des sagenhaften Stiers, die der Region des Gewitters entstammen, sehr zahlreich sind. Ein norwegisches Rätsel vom Donner lautet: "Es steht eine Kuh auf dem breiten Rücken (des Himmels) und brüllt über das Meer; sie wird in sieben Königreichen gehört" (Rochholz, Naturmythen 52). Das Rind bringt also nach dieser Vorstellung den Donner hervor. Oft genug findet sich diese Idee; nur versteckt sich der Donner unter einem Bild, das wir oben besprachen, der Glocke. Der Stier läutet eine Glocke. In Recknitz versäumte man aus Nachlässigkeit das Einläuten des Weihnachtsfestes. Plötzlich erscholl um Mitternacht vom Turm das gewohnte Läuten. Da sahen Pfarrer und Küster einen weißen Stier, der das Glockenseil zog. Das Tier kam herunter, verschwand aber mit einem Male. - In Grambow treten bei gleichem Anlass zwei Ochsen auf. - In Alt-Gaarz läutet die Glocke ein schwarzer Bulle, der sich dann brüllend zum Schallloch hinausstürzt. Seitdem hat die große Glocke den Namen 'der schwarze Boll' (Mecklenburg 1386, 378). Die Glocke führt den Namen des Stiers, weil Stiergebrüll wie Glockenklang symbolische Bezeichnungen des Donnerschalls sind; darum werden beide Töne gleichgesetzt. Die Benennung einer großen Glocke als Stier findet sich oft in Tirol. So heißt die große Glocke zu Brixen der Brixener Stier, die von Laien der Lainer Stier; bekannt sind auch der Stier von St. Valentin und der von St. Pankraz.







Doch gibt es noch eine andere Art, wie Gewitterwesen den Donner hervorbringen, nämlich durch Stampfen mit den Füßen auf das eherne Himmelsgewölbe. Dieser Zug ist z.B. von den Gorgonen bei Hesiod bekannt, von denen es heißt: Auf graulichem Stahle sie schritten; unter den Tritten erklang der Schild von gewaltigem Dröhnen, laut und schrill (Scut. Herc. 231). So scheinen denn die Stiere des Äetes, die Jason anschirren muss, Ungeheuer mit ehernen Hufen, Feuer aus den Nüstern blasend, ihre Eigenschaften alten Gewittertieren des Volksglaubens zu verdanken (Schol. Apoll. Rhod. III, 230). Wir treffen den stampfenden Donnerstier auch in der deutschen Volkssage, wenn auch nicht in der Höhe und nicht deutlich als solchen bezeichnet. Erinnern wir uns aber an den schon von uns besprochenen weitverbreiteten Volksglauben, dass der in die Erde einschlagende Blitz eine Quelle, besonders oft eine Heilquelle, hervorrufe, so werden wir nicht zweifeln, dass wir in den folgenden Sagen Gewitterwesen vor uns haben. Von den Ochsen, die die Leichen zweier Heiliger in Maursmünster ziehen, schlägt einer mit dem Huf so gewaltig in die Erde, dass ein reicher Brunnenquell daraus hervorsprudelt. Das Wasser des St. Autorbrünnleins wird als heilkräftig gepriesen (Elsass II, 70). Bei Herzberg wühlte vor einigen Jahrhunderten ein schwarzer Stier die Erde mit Hufen und Hörnern auf. Plötzlich schoss ein dicker Wasserstrahl empor. So bildete sich das Gewässer, das man heutzutage den Ochsenpfuhl nennt (Preußen I, 641). Die letzte Sage deutet zugleich an, dass der Vorgang am Himmel auch so gedacht wurde, dass der Gewitterstier durch einen Stoß seines Horns das Wasser dem Himmelsraum entströmen lasse.

Bei Behandlung des Gewittersymbols der Glocke erkannten wir in vielen Fällen eine vollständige Gleichsetzung von Glocke und Quelle. Der Blitz, der eine Quelle bloßlegte, wie alter Volksglaube annahm, brachte auch eine Glocke zutage. Nun erscheint aber der Blitz auch in symbolischer Gestalt, als Zahn eines Ebers oder als Huf eines Stiers. Auf einem Hügel beim zerstörten Kastelrut wühlte einst ein Stier einen ganzen Tag lang. Da schaute das Ohr einer großen Glocke aus der Erde, die man in der Kirche zu St. Valentin aufhing (Alp. Alp. 354). Im Werratal versank einst die Glocke vom Kloster Münsterkirchen. Da gruben eines Tags zwei junge Stiere mit den Hufen die Erde auf, sodass der Henkel der Glocke aus dem Boden ragte. Sie hängt jetzt zu Mihla (Bechstein 381). Ebenso ist die Glocke von St. Jakob im Grödner Tale von den Hörnern eines Stiers ausgewühlt (Zingerle 168). Fast immer gelten solche sagenberühmten Glocken als Gewitter vertreibende, Hagel- und Blitzschlag abwendende Glocken, weil sie Sinnbilder des Donnerschalls, weil sie selbst heilige Donnerwesen sind.

Die auf das Auge wirkenden Phänomene des Gewitters machen, dass dem Stier oder dem Rind ein Leuchten zugeschrieben wird. In der Martinsnacht reitet bei Elberfeld ein Verdammter auf einem Feuer sprühenden, gewaltigen Ochsen vom Mirker Bach über den Markt zur Wupper (Berg 196). Der Piller Norg, dem immer ein feuriges Rad folgt, erscheint auch in Gestalt eines ungeheuren Stiers, der entsetzlich brüllt (Zingerle 77). Das feurige Rad kennzeichnet das Gewitterwesen. – Im Jahr 1454 begegnet Balthasar Meysekop in der Nacht bei Eisenach einer feurigen Kuh, die sich alsbald auf sein Gebet in eine Birke verwandelt (Witzschel I, 115). Eine schatzhütende weiße Jungfer bei Aerzen erscheint im Holz als glühender Ochse (Westfalen I, 242). Schatzhüter haben häufig Züge von Gewitterwesen. - In der Argonautensage beobachteten wir Feuer hauchende Stiere, die wir den Feuer speienden Drachen und Riesen an die Seite stellen müssen. Ihnen entspricht der gespenstische Ochse, der eine lange feurige Zunge heraushängt (Niedersachsen 196). Im Spreewald liegt nachts ein Kalb mit ausgestreckter feuriger Zunge am Wasserpfuhle; auch Maul und Zähne sind feurig (Schulenburg 175).

Bei den dämonischen Gestalten alten Volksglaubens erkannten wir das große funkelnde Auge als eine Eigenschaft der Gewitterwesen. Das Dorftier von Safenwil, schwarz und von der Größe eines Kalbs, hat glänzende, tellergroße Augen. Das Jonentier geht den Jonenbach im Kanton Zürich entlang. Es schleppt eine Ochsenhaut nach und hat Augen wie Teller (Rochholz, Naturmythen 82).

Dass die Einäugigkeit ein Zug der Gewitterwesen ist, glauben wir oben erwiesen zu haben. In dem See bei Wesendorf ist einmal ein großer einäugiger Hecht gefangen worden; wie der Fischer den nach Hause bringt, kommt der Seebulle, der im See wohnt, wütend und fragt: "Wo ist meine Kuh? Wo ist meine Frau?" Da gibt man ihm den einäugigen Hecht heraus und der Stier entfernt sich mit ihm (Westfalen I, 288). Wenn das einäugige Gewitterwesen sich im Wasser aufhält, hat es oft die Gestalt eines Fisches.

Überblicken wir die bisherigen Züge des Stiersymbols, so finden wir keinen, den wir nicht beim Drachen und Riesen schon erörtert hätten. Es scheint, dass die Sage Wasserwesen vollständig gleich behandelt, welches auch die Region sei, aus der die Vorstellung ihrer Gestaltung stammt. Gewissheit darüber werden wir haben, wenn wir alle Eigenschaften des Wasserdrachen, die wir oben in Glaube und Sage beobachteten, beim Wasserstier ebenfalls nachgewiesen haben. Stellen wir also jetzt dieselben Fragen wie oben, um darüber klar zu werden. Wir warfen bei der Besprechung des Gewitterdrachen die Frage auf, wo der Gewitterdrache weile, wenn kein Gewitter stattfinde. Die Antwort, die der alte Volksglaube darauf gab, lautete, dass der Drache in der gewitterlosen Zeit in einem Gewässer hause oder auf Gold, dem Bild des Gewässers, ruhe. Im Frühling sprengt die Vouivre des Kantons Waadt die Eisdecke des Sees und fliegt wieder aus. Alle Züge, den Aufenthalt unter der Eisdecke, das Auftauchen aus dem See, besonders im Frühling, sowie das Versinken in den See finden wir beim Wasserstier wieder. Im Balksee brüllt und tobt der Seebulle unter dem Eise. Im Darmssen, einem See, worin ein Kloster versunken ist, hört man den fetten Klosterochsen im Winter unter der Eisdecke brüllen.

Aus der Bullenkuhle bei Bockel stieg alljährlich ein Bulle von wunderlicher Gestalt und befruchtete gewisse Kühe (Westfalen I, 292. 46. 290). Das Befruchten der Kühe geschieht im Gewitter, die Wasserkuh weilt dann in der Wolke. Wenn das Gewitter beginnt, verlässt der Stier den See. Das bedeutet die häufige Erzählung, dass ein Stier dem See entstiegen sei. Da einst am Mummelsee etliche Hirten ihr Vieh gehütet, ist ein brauner Stier herausgestiegen, sich zu den übrigen Rindern gesellend (DS I, 38). (Anm.: Aus dem Gewitter und Hagelschlag erzeugenden Pilatussee entsteigt ebenfalls der Stier.) Aus einem Sumpfloch bei Scheuen steigt zu gewisser Zeit ein wilder Stier und begattet sich mit den Kühen der Herde (DM 406). Aus dem Wicherdorfer See stieg manchmal ein Stier auf, mischte sich unter die Kühe und belegte sie (Norddeutsch 256). In der Nähe von Wesendorf ist ein See, aus dem kam ehemals oft ein Bulle herauf, der unter die Wesendorfer Kühe ging (Westfalen I, 287). Die alte Rede, dass im Gewitter der göttliche Stier seine Kuh begatte, nachdem er dem See entstiegen sei, wird auf wirkliche Kühe übertragen. So entstehen die vorliegenden Sagen. Das Gewässer wird auch als der Geburtsort der Rinder betrachtet, wenn in Hohenstatt behauptet wird, die Kälber würden aus der Benz geholt (Birlinger I, 140).

Wiederholt haben wir gesehen, wie in der Sage das Innere des Berges oder des Felsens als ein Wasserreich gilt und dem Gewässer gleich behandelt wird. So sind auch die folgenden Sagen aufzufassen. Aus einer Kluft des Wittgensteins kommt jeden Morgen eine schöne große Kuh und verschwindet abends dort wieder. Der Hirt geht ihr einmal nach und verlangt von einem kleinen grauen Männchen, das er im Inneren trifft, Hutgeld für sie. Der Kleine gibt ihm einen alten harten Taler (Witzschel 1126). Aus einem Berge bei Melzingen kam täglich ein Bulle, welcher mit der Melzinger Herde gegangen ist. Das Gleiche wird zwischen Beverbeck und Bardenhagen erzählt. Dort soll der Bulle aus einem Steinhügel gekommen sein (Westfalen I, 289).







So trafen wir denn den Wasserstier und die Wasserkuh in der Tiefe des Sees und der Höhlung der Erde und werden die dämonische Kuh als die Gefährtin des Gewitterstiers wohl auch im Wolkenraum finden. Von Dichtern des Orients nun werden häufig die Wolken selbst als Kühe bezeichnet (Mannhardt FK 203). Das entspricht nicht ganz der volkstümlichen Auffassung von tiergestaltigen geisterhaften Wesen. Freilich weilt die göttliche Wasserkuh auch im Wolkenraum, aber sie ist nicht die Wolke selbst. Den Dämon erblickt man nicht selbst in einer Naturerscheinung; man denkt sich ihn nur wirkend in oder hinter ihr. So ist denn auch die Wolke nicht die Kuh selbst, sondern die Hülle einer Kuh. Wie wir diese Dunstgebilde als Kleidung von Dämonen gefasst sahen, so gelten sie auch als Decke einer Kuh. Die Haut aber, die Hülle der Kuh, ist ein Fell, ist von Leder. In den Veden wird oft die Wolke als Zottenfell bezeichnet (Mannhardt GM 43). Die Wolkenstreifen, die zwei hochragende Burgen miteinander verbanden, fanden wir in der Sage wiederholt lederne Brücken genannt. Die unsichtbar machende Tarnkappe, ein Sinnbild der verhüllenden Wolke und des Nebels, heißt auch Tarnhaut und wird als ledern vorgestellt (Laistner 251). Wolke und Nebel gelten als ledern, weil diese Dunstgebilde die Hülle einer dämonischen Kuh sind. Von dieser Vorstellung aus erklärt sich eine Menge von Sagenzügen. Oben erkannten wir in dem Mantel des Sturmriesen die Wolke und besprachen die Entführung von Menschen durch den Gott der Stürme und der Seelen. In Sagen, die den oben angeführten entsprechen, wird der Entrückte in einer ledernen Decke davongetragen. Heinrich von Ofterdingen wird von Meister Klingsor in eine lederne Decke gewickelt und von dessen Geistern nach Thüringen geschafft.

Heinrich der Löwe wird von seinem Knechte in eine Ochsenhaut genäht und von Greifen nach Hause gebracht; in der älteren Fassung der Sage trug ihn der Teufel in einer Lederdecke (Wolf; Beiträge I, 5).

Da die Wolke Luft, Wasser, Hagel und Schnee in sich birgt, so finden wir sie häufig als Sack bezeichnet. Im Märchen vom Schneiderlein, das vor dem Himmel warten muss, wird geklagt, dass man so lange vor dem Himmel im Ledersack sein müsse (Aargau II, 305). Der Wolkenraum gilt als lederner Sack. Ein solcher wird in Griechenland Schlauch genannt und kann Flüssigkeiten oder Luft bergen. Der Schlauch des Äolus in der Odyssee ist ein Symbol der Wind bergenden Wolke und wird zum zaubern benützt. So schließen auch norwegische Zauberweiber Wind und Unwetter in einen Sack, dessen Knoten sie zu gelegener Zeit lösen; dann fährt der Sturm heraus (DM 910). Ein Zauberweib an der Schlei gab Fischern ein Tuch mit drei Knoten. Das Öffnen des ersten bewirkte Fahrwind, das des zweiten Sturm, des dritten Orkan (Schleswig 222). Hier fehlt also der Sack, wie bei den Lappen, die einen Strick mit drei Knoten zum Windzauber aufs Schiff nehmen (Klemm III, 100).

Da die Wolke auch als Schiff gilt, so sollte man die Vorstellung von einem ledernen Schiff in der Sage erwarten. An dessen Stelle aber tritt der Schuh auf, der dem Schiffe ähnlich ist und Ladung in sich aufnehmen kann. So erscheint denn die Wolke als Schuh. Manchmal kommt der Schuh allein daher. Bei Matsch ging der wilden Fahrt immer ein gar zierlich geputzter Schuh voraus, ohne dass man etwas anderes sehen konnte; wenn dieser ruhig stand und jemand hineinstieg, der wurde unaufhaltsam fortgerissen und weithin über Felsen und Berge getragen (Alp. Alp. 237). Im Vintschgau kehrte an der Spitze des wilden Heers ein stumpfer Besen von selbst den Weg und hinter ihm her trappten zwei leere Schuhe, die den, der sie anzöge, über Berg und Tal tragen würden; endlich zuletzt wackelte mühevoll eine hinkende Gans nach (Zingerle 8). Oft aber denkt man sich die Sache so, dass Wesen der Wolken, der Winde und des Nebels große Schuhe anhaben. Im Bergischen spricht man vom riesigen Nebelkater Niff. Als Windwesen ist der Kater gestiefelt, eine Vorstellung, die sich noch im Märchen vom gestiefelten Kater erhalten hat. Der gestiefelte Windriese aber findet sich häufig. Der ewige Jäger Hackelberg heißt an der Weser Schlorfhacker als einer, der daherschlürft (Norddeutsch 238). Wenn er zieht, so kann man ihn wohl stundenweit hören; so gewaltig klappert er mit den Schuhen (Niedersachsen 72). Das sind die Siebenmeilenstiefel des Märchens. Der blasende Sturmgeist Bläseli kommt in großmächtigen Stiefeln auf seinem Schimmel dahergeritten; er heißt auch Stiefelf (Aargau I, 377). Auf dem Schloss Calenberg hauste ein Geist namens Stiefel. Er trug einen großen Stiefel, der ihm das ganze Bein bedeckte (DS. I, 66). Der Stiefelireiter von Muri, in gewaltig großen, sporenklirrenden Stiefeln, speit Feuer aus dem Munde und schwingt eine feurige Peitsche. Er reitet auf einem Schimmel. Bei Lebzeiten soll er als ungerechter Klosterschaffner einen Meineid geleistet haben und muss deshalb umgehen (Aargau II, 111). Feuerspeien und Peitschen haben wir oben als Züge von Gewitterriesen beobachtet. Dahin gehört auch der klirrende Sporn, der auf den Donner weist. Dasselbe ist zu sagen, wenn einem Dämon Schuhe von Metall zugeschrieben werden. Auf dem Graneckle spazierte ein Zwerg in grauem Mantel, der blecherne Stiefel trug und einen dreieckigen Stern auf der Brust hatte (Birlinger 141). Ein verwunschenes Fräulein im Rachelsee hat eiserne Pantoffeln (Panzer 183). In Wolfratshausen geht das Gespenst einer Hebamme nachts mit hohen eisenbeschlagenen Pantoffeln durch die Straße und schaut oben den Leuten in die Fenster (Schöppner III, 253).

Ein Gewitterriese ist es auch, der aus der Wolke, seinem Schuh, einen Stein, den Donnerkeil, verliert. Der große Christoph ging bei Goslar; dort hat er eine Erbse, die ihm im Schuh gelegen hat, herausgeschüttet. Das ist der mächtige Sandsteinfelsen, der jetzt die Clus heißt (Harz 84). Oder der Inhalt der Wolke gilt als Sand, den ein Riese aus seinem Schuh geschüttet haben soll, wie der 80 Fuß hohe Sandhügel bei Kreiensen (Niedersachsen 145). Aber auch die Zwerge benutzen den Schuh aus Dunst, der sie durch die Luft trägt. Ein Erdmännchen in Dangstetten pflegte ein Paar Schuhe anzuziehen, die vorn und hinten geschnäbelt waren, um über den Rhein nach Zurzach hinüberzulaufen (Rochholz, Naturmythen 115).

Wer Leder zerschneidet, ist ein Schuhmacher. Darum finden wir die Berggeister in Glarus, die durch Stürme die Wolken zerreißen, als Schuhmacher bezeichnet (Aargau I, 378). Der ewige Jude, der ewig wandernde Geist des Sturmes, heißt im Alpengebiet der ewige Schuster (Kärnten 213). Derselbe Dämon treibt aber auch die Dünste zusammen, sodass die Löcher in den Schuhen verschwinden. Doch gelten als Schuhverfertiger und Flicker meist nicht Windriesen, sondern Wasser- und Nebelgeister, die die Dunstgebilde nicht zerreißen, sondern von Wasser und Erde aufsteigen lassen. Der Badenix bei Strehla an der Elbe pflegte seine Schuhe zu flicken (Sachsen 69). Der Wassermann bei Hochlibin flickt einem Hirten gegen ein Stück Brot die Stiefel (Böhmen 153). An der March saß ein kleiner, grün gekleideter Mann, mit einer kleinen Schusterwerkstätte sehr beschäftigt. Ein Mann wirft einen Rosenkranz auf die Werkstätte und gewinnt so einen Stiefel, der sehr haltbar ist (Österreich 189, 195). Das Hojemännlein im Schlegelwalde wirft den Leuten Schuhe nach (Zechrain 128). Wesen des Wassers, Waldes und Nebels bringen Dunstgebilde hervor. Die Zwerge schustern eifrig. Ein Zwerg kam nachts zu einem Schuhmacher und machte alles Schuhwerk, das zugeschnitten war, vor dem Morgen fertig (Niedersachsen 140). Der Zwerg schneidet das Leder also nicht selbst zu. Das ist wohl eine Erinnerung, dass dies nur die Dämonen des Windes tun. Die Erdleutle bei Marbach arbeiteten einem braven Schuster nachts alles auf (Birlinger I, 40). Ein Schanholleken bei Hespicke macht einem Schuster jede Nacht ein Paar Schuhe (Westfalen I, 157). Von Zwergen verfertigte Schuhe bringen Glück. Sie sind oft rot und mit Gold beschlagen (Aargau I, 378). Es zeigt sich hier wieder der Wasserwesen Schatz spendende Kraft. Die rote Farbe vertritt das Gold.

Da der Stiefel des Wind- und Nebelwesens dieselbe Naturbedeutung hat wie die Tarnhaut oder Tarnkappe, nämlich die des verhüllenden Nebels, so hat er auch dieselbe Eigenschaft wie jene, nämlich den Träger unsichtbar zu machen. Die Fußbedeckung des gestiefelten Katers teilt diese wunderbare Gabe mit (Nork, Kloster IX, 190). In dieselbe Reihe gehört die Kraft des Schuhs, Wesen auf Nimmerwiedersehen zu entfernen. Der Schuh des Riesen oder des Zwerges ist die ewig dahineilende Wolke. Wer diesen Schuh anhat, muss beständig wandern. Der dienstbare Hausgeist, der in einem Hause weilt, ist barfuß; sein Fuß steckt nicht mehr im Schuh, im Dunstgebilde, das vom Winde gejagt wird. Sobald er diesen Schuh wieder anhat, treibt es ihn von Neuem ruhelos umher. In Lothra lärmte nachts das Futtermännlein und die Leute wären seiner gern los gewesen. Da riet man ihnen, ein Paar neue Schuhe machen zu lassen und hinzulegen. Da ging das Männchen zum Nachbarn (Voigtland 55). Die Hüttenkobolde im Harz arbeiteten in den Feierstunden der Hüttenleute. Einst ließ man einem Hüttenkobold aus Dankbarkeit einen grauen Rock machen und gab ihm ein Paar Schuhe. Da sagte er, jetzt müsse er fort, die Schuhe seien sein Laufpass (Harz 14). Einem dienenden Waschweiberl im Böhmerwald wollten die Hausleute Schuhe machen lassen; aber es reichte sein Füßchen zum Maße nicht dar; man streute Mehl auf den Fußboden und nahm das Maß nach des Weibchens Tritten. Als die Schuhe fertig und ihm auf die Bank gestellt waren, hub es an zu schluchzen, stürzte laut klagend davon und wurde nie wieder gesehen (DM 401). Die Schuhe sind ein Symbol der unablässig eilenden Wolke und des vom Winde zerrissenen Nebels; in ihnen steckt darum der Zauber der Fortbewegung, gegen den die Geister machtlos sind, die, unaufhörlich gejagt, in der Wohnung der Menschen eine Zeit lang eine Ruhestätte finden. Denselben Zauber enthielt auch das neue Gewand, das Sinnbild der Wolke (Kap. VII § 4).

Wenn also Wolken am Himmel sind, dann weilen die göttlichen Kühe im Himmelsraum; nur ihre Hüllen, die Dunstgebilde, sind sichtbar und verbergen sie dem menschlichen Auge. Aber diese Gebilde bleiben nicht auf ihrem Platze, die Herden werden vom Winde entrückt, die Windgeister entführen die Herden. Indem die Herden des Wolkenraums mit denen auf Erden verwechselt werden, entstehen die Sagen vom Alprücken. Oft werden in den Alpen des Sarganser Landes dem Vieh die Hälse gedreht und die Herde mitsamt dem Melkenden weitergerückt, sodass sie sich dann an einer anderen Stelle befindet. In Lauterbrunnen pflegten die Sennen, wenn das Rücken begann, zu rufen: "Stehet in Gottes Namen still!" Dann war der Zauber gelöst und das Vieh begann wieder zu grasen (Henne 200). Das Wasser, das aus den Wolken quillt, sahen wir als kostbaren Schatz von der Sage aufgefasst. Da sich Herden von Kühen im Wolkenraum befinden, hat der Schatz auch oft die Form von Milch oder Käse. Die Dämonen des Sturmes melken die Herden im Wolkenraum. Durch Übertragung dieser Vorstellung auf die Tiere der Erde bildet sich die Sage, dass das wilde Heer Kühe mit in die Wolken fortreiße und sie von dort ausgemolken zurücksende (Mannhardt GM 51, 75). Als dämonisches Wesen hat die Hexe die Macht, fremde Kühe auszumelken, ohne dass es jemand gewahr wird und die Milch für sich zu verwenden. Sie hängt zwei Lumpen an ihr Ofenstänglein und melkt daraus. So bekommt sie alle Milch, die sonst die Kuh gibt (Aargau II, 167). Man nimmt also an, dass die Hexen dasselbe auch an den Kühen der Erde tun können, was sie an den Kühen im Wolkenraum verüben (Laistner, Nebelsagen 162).







Und nun ist zu erweisen, dass Milch und Käse vollständig für Gold und Kostbarkeiten in der Sage eintreten. Der Drache und der Kobold brachten manchem Menschen Getreide, Gut und Geld. In Pressburg sah man die wilde Jagd in das Haus einer Frau ziehen, die in der Folge unendlich viel Milch zu verkaufen hatte. Der Hund des wilden Jägers verschafft durch sein Bleiben im Hause sehr reichliche Butter und Milch (Mannhardt GM 50). Eine Bäuerin zog sich nackt aus und sang einen Zauberspruch; da spie ihr der Teufel alle Gefäße voll Milch (Oberpfalz I, 372). Dasselbe ungefähr sahen wir oben den Drachen tun; nur spie er Gold.

Deutlich tritt auch Milch und Käse an die Stelle der Edelmetalle in dem oben eingehend behandelten Flutbannungszauber. In der Provinz Munster in Irland ist eine Quelle, die, wenn sie von Menschen berührt wird, die Gegend überschwemmt, bis sie durch Aussprengen der Milch einer einfarbigen Kuh wieder versöhnt wird (Altbayern 702). Das Einwerfen von Käse in Quellen findet sich häufig und wird meist als Opfer für die Nixen angesehen, während es, wie oben dargelegt, eine Zauberhandlung zur Bannung der Flut ist. So wirft man Käse in den See von Brecknock in Südwales. Der Schotte nennt die Quelle auf der Spitze des Minchmuir die Käsequelle, weil man Käse in sie zum Opfer hineinwarf (Rochholz, Glaube 112). So ist also vielfach Käse an die Stelle des Goldes oder kostbaren Gutes getreten.

Dass der im Gewitter tätige Stier wieder in seine Wohnung, den See, zurückkehrt, ist darin ausgesprochen, dass der Seebulle, nachdem er die Kühe besprungen hat, wieder im See verschwindet. Noch deutlicher sagt dies folgende Sage: Bei Tölz hat vorzeiten der Blitz eingeschlagen und ein Weib mit einer Kuh ist spurlos versunken. Jetzt ist dort ein unergründlicher Erdschlund (Altbayern 331). Das Blitzrind ging dort in die Unterwelt. – Meist zeigen Eigenschaften oder Tätigkeiten der sich in den See stürzenden Tiere, dass sie dämonische Gewitterwesen sind. Ochsen einer wilden Herde mit großen Hörnern und roten glühenden Augen stürzten mitsamt einer zahmen Herde, die sie mitrissen, in den Koblosee (Veckenstedt 417). Hier beweisen die Augen, mit was für Wesen wir es zu tun haben.

In St. Georgen ist eine Glocke nebst Fuhrleuten und zehn Ochsen in den Weiher versunken. Noch jetzt hört man manchmal aus dem See die Glocke läuten, die Ochsen brüllen und die Fuhrleute mit den Peitschen knallen (Baader 76). Eine andere Fassung spricht nur von einem Stier und einem Fuhrmann. In der Winter Fronfasten brummt bei nächtlicher Weil der Stier aus dem Abgrund (Birlinger I, 143). Läuten, Brüllen, Brummen und Peitschenknall sind Ausdrucksweisen für Donner und Blitz. Der Wetterstier tut auch im See das, was oben im Gewitter. Bei Schlitters im Zillertal war einst ein See. Aus ihm hörte man öfter eine Kuh plärren (Alpenburg 211). Meer und See werden auch häufig genug mit einem Stier identifiziert. In einem estnischen Volksliede heißt es: "Fort von Riga nach Fellin hin brüllt des Meeres schwarzer Bulle" (Mannhardt GM 10). Vom Ammersee wird behauptet, er brülle (Altbayern 370). Von dem seine Eisdecke spaltenden Hallwiler See heißt es: Er brüllt (Rochholz, Naturmythen 218). Der Duxer See beginnt zu brüllen, wenn die Melcher mit den Kühen abfahren (Zingerle 154). Deutlicher und hübscher kann man die Gleichsetzung von See und verliebtem Wasserstier nicht aussprechen.

Oben bei der Besprechung des Donnerkeils, des Belemniten, führten wir den Aberglauben an, dass ein solcher Stein vor zündendem Blitz und Hagelschlag behüte, eben weil er selbst dem Gewitter entstammt. So schützt auch beim Stier das Blitzwesen gegen Blitz. Der Stier oder sein Gehörn hat Übel abwehrende Kraft. In Biberach kaufte man alljährlich einen Stier und schickte ihn in das Kloster Ottenbeuren für das Wetter. Man sammelte am Ostermontag für ein Hagelrind (Birlinger II, 185). Unter den Strohfirsten zu Radolfingen hängen große Ochsenköpfe mit ihrem Hörnerschmucke und die Berner Bauern sagen, damit hätten die Heiden dem Blitze gewehrt (Aargau II, 19).

Der göttliche Stier aber, sei es, dass er im Gewitter wirkt, sei es, dass er im Wasser der Tiefe haust, ist im Besitz der Gewässer, des köstlichen Schatzes, den er zu spenden die Macht hat. Darum wurde das göttliche Rind von den Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten, wie die in Dan und Bethel verehrten, von Gold gebildet.

In einer Schatzsage von Hohenstedt ist der Hüter ein großer Ochse mit glühender Zunge und glühenden Augen (Niedersachsen 111). Bei Jungbunzlau kommt auf eine Weide ein ungeheurer Ochse mit einem Horn, an dem ein Bund Schlüssel hängt. Hätte man ihm die Schatzschlüssel abgenommen, so wäre der Geist erlöst gewesen (Böhmen 237). Die Rinder sind die Spender des Nasses der Wolke und der Tiefe. Das Wasser der Tiefe erscheint auf deutschem Boden aus diesem Grunde häufig als vergrabenes goldenes Kalb. Im Schloss Brunnenburg ist ein goldenes Kalb mit einem roten Seidenband um den Hals. Bei Oberperfuß liegt ein Heidengrab, in dem ein goldenes Kalb vergraben ist (Zingerle 349, 351). In Kuttenberg war in der Erde ein goldenes Kalb. Solange die Bergleute das Kalb von hinten ausbeuteten, war Segen bei ihrer Arbeit (Böhmen 191). Auf der Burg Alt-Eberstein sind fünf Kisten voll Geld, ein silbernes Kegelspiel und ein goldenes Kalb unter der Erde verborgen (Baader 140). Im Kirchberg bei Suhr haben die Heidenpfaffen ein goldenes Kalb versteckt; zu Salvan im Kanton Wallis ist Maximians goldenes Kalb vergraben (Aargau I, 103). In Kap. VIII § 1 beobachteten wir, wie in Hinterpommern durch Versenken eines Kalbes das Ausfließen einer Quelle gehemmt wurde. Wie dort vermutet wurde, vertritt das Tier als kostbarer Besitz das Gold und ist wie dies ein Sinnbild des Wassers. So gilt in den Veden das Herbeiführen des Regens als ein Gewinn von Kühen; denn die Kühe sind das kostbarste Besitztum des Nomaden und ein Symbol des Frucht bringenden Gewässers (Usener, Sintflutsagen 193).

Wie den Drachen, so fanden wir den Stier in Meer, See und Fluss, im Wolkenraum wirkend und in der Erdtiefe in Beziehung zum Schatz. Werden wir ihn auch im Nebel beobachten wie den Drachen Elbst, der sich um den See legt und im Seuchennebel todbringend an den Almen emporklimmt? Wir treffen ihn sogar unter demselben Namen, Elb, der von der weißlichen Färbung des Nebels stammt. Den Elbstier kennen die irische, die isländische und die Schwarzwälder Sage. Er ist mausgrau und klein, mit kurzem Gehörn und sehr stark, zeigt sich zumeist an Ufern von Flüssen und Seen und treibt die Zuchtochsen umher, bis sie brüllen (Aargau II, 15). Also ein die Tiere plagender Nebel- und Seuchenstier.

Der Kuhtod in Schleswig ist ein ungeheurer Stier mit langen Hörnern. Sein Brüllen ist viel dumpfer und hohler als das anderer Stiere und so fürchterlich, dass jeder sich davor entsetzen muss. Er geht von Dorf zu Dorf und wo er sich sehen oder hören lässt, kommt ein Sterben unters Vieh und alles fällt (Schleswig 239). Der Viehschelm in Tirol erscheint in der Gestalt eines schwarzen Stiers, voll zottiger Haare. Aber der Körper ist unvollständig; Hinterleib und Hinterfüße sind schlotternde Aasknochen, von einer über sie hängenden Haut überdeckt. Wenn er schreit, bedeutet es großes Viehsterben durch Milzbrand (Alpenburg 62). Die nachschleppende Haut ist der Streifen des Seuchennebels, die Wolke, in der der giftige Dunst steckt.

Im Surenental haust das Greiß, was das graue Tier bedeutet. Ihm schreibt man es zu, wenn in jenen Gegenden das Weidevieh, ohne Zeichen vorheriger Erkrankung, plötzlich tot auf der Alpe umfällt (Aargau II, 15). Elb und Greiß sind dasselbe. – Krankheitsdämonen werden oft mit dem Alp zusammengeworfen. In Ostpreußen sagt man, wenn einer viel Ungemach ausstehen musste: "Die schwarze Kuh hat ihn gedrückt" (Mannhardt GM 79).

Wie gegen den bösen Tod das Todaustragen, das Werfen des Bildes in ein Gewässer und das Festmachen des Seuchengottes das Unheil abzuwehren schien, so ist das Vergraben eines Rindes im Aberglauben ein Bannen der Seuchengottheit. In Beutelsbach herrschte einst eine arge Viehseuche. Ein altes Weib, die Wahrsagerin des Dorfes, riet, den Zuchtstier lebendig einzugraben, dann werde die Seuche aufhören. So geschah es (Panzer II, 180). Um eine Seuche abzuwenden, vergrub ein Landmann in Albringwerde eine ganze getötete Kuh in den Grund eines heilkräftigen Springs, d. i. einer solchen Quelle, die der aufgehenden Sonne entgegenspringt (Zeitschrift I, 394).

Ein anderer Gedankengang hat der Sitte, einen Stierkopf am First des Hauses festzumachen, den Anlass gegeben. Da die Seuchengottheit in Stiergestalt erscheint, so schützt der Stierkopf gegen Seuche. In der Schweiz hängt oft unter dem Giebel des Dachgebälkes der Abwender aller Viehseuchen, ein mit Haut, Hörnern und Knochen getrockneter Rindskopf (Aargau II, 216). In Peter Karlis Haus zu Dottikon schlug man, als eine Viehseuche herrschte, einem Stier das Haupt ab und hing es an einem Eisenkettlein in einem Kasten im Estrich auf. Seitdem ist keine Seuche mehr über das Haus gekommen (Aargau II, 18). Zu Albringwerde schnitt ein Landwirt einer Kuh den Kopf ab und hängte diesen mit Haut und Haar auf den Boden unter die Firste. Seitdem ist das Dorf von Viehseuche verschont geblieben (Zeitschrift I, 394). Bei Schleswig haben die Bauern in einer schlimmen Zeit des Viehsterbens einer zweijährigen Quien lebendig den Kopf abgeschnitten und haben diesen, nach Osten gekehrt, oben im Kapploch angebunden. Darnach ist das Sterben nicht ins Haus gekommen (Schleswig 239). Dieselbe Vorstellung, dass der Stier oder ein Teil seines Körpers als Sinnbild der Seuche vor Pestilenz und bösen Geistern behüte, scheint auch in Japan die Sitte hervorgebracht zu haben, Ochsenhörner zum Schutze der Häuser anzubringen (Japan 324). Bei afrikanischen Negerstämmen wird das Dorf durch vergrabene Antilopenhörner gegen Feuersbrunst, Seuchen und Diebstähle gesichert (Schneider 204). Der Schutz gegen Feuer spricht indessen mehr dafür, dass das gehörnte Tier als Symbol des Blitzes, des Feindes der Seuchendämonen gilt. Diese Anschauung ist in Deutschland geradezu nachzuweisen. Der Ochsenkopf am Heidenhaus bei Wattenwyl ist ein Abwender von Feuer und Blitz (Vernaleken, Alps. 333). So sagen auch die Berner Bauern, mit Stierhäuptern am Giebel hätten die Heiden dem Blitze gewehrt (Aargau II, 19). Es unterliegt keinem Zweifel, dass bald die eine, bald die andere Vorstellung eingewirkt hat. Eine Scheidung wird nicht immer möglich sein.

Bei mehreren Sagengestalten fanden wir zwei Eigenschaften der Wasserwesen, die todbringende und die weissagende, aufs Engste verbunden; man braucht nur an die Weiße Frau zu erinnern. So ist auch die Stimme des Seuchendämons, des Viehschelms, todweissagend; sie kündet ein bevorstehendes großes Sterben an. Wenn der an den Leichenwagen gespannte Gemeindestier im Zuge stillsteht und zurückschaut, so stirbt bald wieder einer in der Gemeinde.

Die Stiere sagen um Mitternacht des Christfestes, wo dem Vieh die Gabe zu reden verliehen ist, voraus, wenn sie den Herrn des Hauses bald zu Grabe ziehen müssen (Rochholz, Glaube 1164). In Helgoland prophezeite ein schwarzes Ungeheuer mit Telleraugen durch sein Erscheinen vor der Treppe, wenn jemand auf der See verunglücken sollte (Schleswig 246). Auf der Halbinsel Hörnum auf Sylt spuken die Flutkälber und das Talkalb, wenn eine Überschwemmung bevorsteht (a. O. 237).

Es ist nur eine besondere Art der Weissagung, wenn das Tier den Willen der Gottheit kundtut. Oft erscheint das Rind als weisendes Tier. Die Leiche der hl. Guta wird von Ochsen gefahren, die in Niederstaufen stillstehen, zum Zeichen, dass die Heilige hier ruhen solle. Dort wird eine Kirche errichtet (Allgäu I, 379). In Schleswig weiß man von einer Reihe von Kirchen, die auf einer von einem Rind angegebenen Stelle erbaut sind (Schleswig 112). Die Samniten tauften ihre Hauptstadt nach dem Stier, der ihnen vorangegangen war, Bovianum (Wissowa 132). Als Kadmos seine Schwester Europa vermisste, bedeutete ihm das Orakel von Delphi, er solle die Verlorene nicht länger suchen, wohl aber einer Kuh, die ihm begegnen werde, folgen und da, wo sie sich niederlassen werde, eine Stadt gründen. Die Kuh legte sich an der Stätte der Kadmeia.

Im Anfang der Schöpfung war das alles bedeckende Urgewässer, das in Babylon durch das Ungeheuer Tiämat symbolisiert ward. In Persien steht am Anfang der Schöpfung für das Urgewässer der Urstier. Die heiligen Schriften des Avesta sprechen vom Urstier, dem einzig geschaffenen Stier oder der eingeborenen Kuh (das Wesen vereinigt in sich beide Geschlechter). - An seiner Stelle treffen wir in Kanaan Behemoth, den Erstling der Geschöpfe Gottes nach dem Buche Hiob 40, 19. Seine Beziehung zum Wasser zeigt im selben Kapitel die Schilderung des Ortes, wo er sich aufhält. Er lagert zwischen Rohr und Schilf. Umgeben von den Pappeln des Baches, zittert er nicht vor Ebbe und Flut und frisst Gras wie ein Rind. Dem Dichter schwebte bei seiner Schilderung das Nilpferd vor, das ebenso im Wasser wie auf dem Lande sich aufhält. Er betrachtet den Behemoth, im Gegensatz zu Leviathan, als geschaffen, damit er das Trockene beherrsche. Henoch 60, 7-9 hält den Leviathan für das weibliche, den Behemoth für das männliche Urungeheuer.

In der nordischen Sage war es der zweigeschlechtige Riese Ymir, der am Anfang aller Schöpfung stand. Neben ihm war aber auch eine Kuh geworden, Audhumbla, die Saftreiche, genannt. Aus ihrem Euter rannen vier Milchströme (Simrock 18). Also hier haben wir neben dem Wasserriesen die Ergänzung durch die Wasserkuh, die andere Hälfte des Urwesens oder des Urgewässers.

In Ägypten treffen wir die Personifikation des Urgewässers in verschiedenen rindgestaltigen Göttern. Das grenzenlose Urwasser Nun wird in Inschriften als Stier bezeichnet. So wird Nun genannt "der Stier, der Große, der Alte, der am Anfang Seiende" (Brugsch 117). Seine weibliche Ergänzung ist die Göttin Neith von Sais, "welche von Anfang an gewesen ist, welche gewesen ist, als nichts war und welche erschaffen hat, was nach ihr war" (a. O. 58). Sie heißt "die Kuh, die Alte, welche die Sonne gebar und die Keime der Götter unter Menschen legte" (115). Der Nil ist der Vertreter des kosmogonischen Urwassers Nun und wird als Osiris oder als Hapi in Stiergestalt wie jenes göttlich verehrt (639). Die Göttinnen Hathor und Isis, kuhgestaltig oder kuhköpfig dargestellt, sind nichts anderes als das weibliche Urgewässer. So heißt Isis "die Kuh Horsecha, die alle Dinge hervorbringt"; einer ihrer Namen ist Mu, d. h. Wasser (647, 653).

Dass aber das Urgewässer am Ende der Tage wiederkommt, die Welt unter einer Flut zu begraben, dieses Dogma erhielt sich in Persien in der Weissagung, dass ein wunderbarer Stier, der dem Urstier entspricht, wiederum auf Erden erscheint und dass Mithra dann das jüngste Gericht abhalten werde (Cumont 106).

Der Anfang der Schöpfung ist die Zerreißung des Urgewässers, in Babylon die Spaltung der Tiämat. In Griechenland wird ein stiergestaltiger Gott, Dionysos-Zagreus, in der Sage zerrissen. Die Legende von der Zerstückelung des Dionysos durch die Titanen wurde oben angeführt (Kap. V § 5). Dass der Gott unter der Gestalt eines Stiers von ihnen überwältigt, zerteilt und aufgefressen worden sei, erwähnt Nonnus (Dion. VI, 197 ff.).

Auch der Leib des Osiris wird nach der Sage in Stücke zerrissen, wenn auch in dem von Plutarch aufbewahrten Mythus, den wir oben wiedergaben, die Stiergestalt bei diesem Akt nicht erwähnt wird.

Der Urstier des persischen Glaubens wird nicht zerstückelt; er fällt nur unter dem Jagdmesser des Mithra, das ihm seine Flanken durchbohrt. Und doch, ist es nicht eine Auflösung der Teile seines Körpers, wenn aus seinem Rückenmark das Getreide hervorspross, welches das Brot, und aus seinem Blute der Weinstock, der den heiligen Trank der Mysterien liefert, wenn aus seinem Körper alle heilsamen Kräuter und Pflanzen entstehen, welche die Erde finit ihrem Grün bedecken? Der von dem Monde gesammelte und gereinigte Same des Stiers erzeugt alle Arten nützlicher Tiere. So war der stiertötende Heros durch das Opfer der Schöpfer aller heilbringenden Wesen geworden (Cumont 99). Die Auflösung des Urstiers, des Urgewässers, in viele Teile ist der Ausgangspunkt aller Schöpfung, aller Vegetation.

Am Anfang des Werdens steht also die Zerreißung eines Stiers. Darum wird in den bakchischen Orgien ein Stier zerrissen und sein Fleisch von den Mysten roh verschlungen; es beginnt mit der Zerteilung eine neue Schöpfung, ein neues Geborenwerden aller Dinge und an der Neuwerdung, der neuen Geburt, nimmt der Myste teil, indem er ein Stück des Gottes in sich aufnimmt. - Am Anfang allen Werdens steht die Zerstückelung eines Rinds. Darum muss beim Absterben der alten Vegetation durch Nachahmung dieser göttlichen Handlung ein Zauber ausgeübt werden, um neues Wachstum, neues Werden zu bewirken. Ist man in Pouilly bei Dijon im Begriff, die letzten Ähren zu schneiden, so führt man einen mit Bändern, Blumen und Ähren um Hals und Rücken verzierten Ochsen herbei und geleitet ihn um alle vier Seiten des Ackers herum, indem die ganze Schnitterschar hinter ihm her und um ihn tanzt. Endlich schneidet jemand, als Teufel verkleidet, die letzten Halme und tötet sodann den Stier, dessen Fleisch teils zur Erntemahlzeit verzehrt, teils in gepökeltem Zustande bis zu dem Tage verwahrt wird, wann die Frühlingsaussaat des nächsten Jahres beginnt (Mannhardt MF 60). Das Fleisch des Stiers bleibt aufgehoben, bis der Zauber entbehrlich wird, bis zum Anfang des neuen Werdens. Schon hier finden wir Stier und letzte Garbe gleichgesetzt. Das Schneiden der letzten Halme ist verbunden mit seiner Tötung. In manchen Gegenden ist nach den Worten der Drescher der Farre in der letzten Lage Getreide, also auch in den letzten Halmen (Mannhardt, Korndämonen 6).

In Hermione wurden zur Zeit der Ernte vier Kühe in den Tempel der Demeter Chthonia gebracht, die dort von vier alten Priesterinnen mit einer Kornsichel durch Kehlschnitt getötet wurden. Darnach sind sie gewiss zerteilt worden, wenn dies auch von der Quelle nicht erwähnt wird.

In Athen wurde zur Zeit der Ernte Getreide, Gerste und Weizen, auf den Altar des Zeus Polieus gelegt. Mehrere zur Ackerarbeit gebrauchte Rinder wurden herbeigetrieben. Das, welches zuerst von dem Hingelegten fraß, wurde von einem Priester mit einem Beil getötet. Der Zerteiler zerlegte das Tier und richtete das Fleisch zu, von dem alle aßen. Dann stopfte man das Fell des Rindes mit Heu aus und jochte das lebensähnliche Scheinbild an einen Pflug (a. O. 64, 68). Mit dem Essen des Fleisches geht die Kraft des Wachstums und des Segens auf die Teilnehmer über und die sinnliche Wiederbelebung des Kornstiers ist ein Vegetationszauber so gut wie das Zerstückeln (71).

Und ebenso wird am Ende der Tage ein Stieropfer neues Werden, neues Leben, ewiges Sein hervorzaubern nach der Lehre der Mithrasreligion. Der wunderbare Stier, der dann auf Erden erscheint, wird vom Gott geschlachtet werden: Sein Fett, mit geweihtem Wein gemischt, wird den Gerechten ein zauberischer Trank sein, der ihnen die Unsterblichkeit verleiht (Cumont 107). Das neue Werden wird hier zu einem ewigen Sein, die Vereinigung mit dem immer wieder auflebenden, unsterblichen Stier durch den Trank verschafft dem Gläubigen die Unsterblichkeit.

Bei der Schöpfung wird das Urgewässer geteilt: Das Wasser der Tiefe wird da unten festgebannt und muss die Erde tragen. Es ist bei vielen Völkern eine Schlange, die die Erde stützt; bei manchen symbolisiert ein Stier das Wasser der Tiefe. Im altiranischen Gedankenkreise kommt ein Urmeer vor, in dem ein Stier steht, der die Erde auf seinen Hörnern trägt. Auch der neupersische Bundehesch spricht von einer landtragenden Kuh. Von diesem Boden aus drang wohl diese Vorstellung zu den Völkern, die sich zum Islam bekennen. Bei allen findet man die Idee, die Erde werde von einem Stier oder einer Kuh getragen. Auch die Bulgaren sind derselben Meinung. Nach ihrem Glauben steht die Erde auf zwei Säulen und die Säulen auf zwei Ochsen. In Indien lassen die Naga die Erde von einem Stier stützen. Auf Sumatra glaubt man, der erdtragende Stier stehe auf einem von einem Fisch gehobenen Ei. Die Erde ist als flaches Schiff gedacht. In Westjava ist es ein wilder Stier, der die Welt trägt und durch seine Bewegungen Erdbeben verursacht. Nach dem Glauben der Bewohner von Bolaäng-Mongondou auf Nord-Celebes ruht die Welt auf den Hörnern eines Büffels; das Gleiche sagt ein Teil der Bewohner der Molukken (Archiv V, 374).

In deutscher Volkssage finden wir den festgelegten Weltstier lokalisiert. In den Reinkahrer See ist ein schwarzer Stier gebannt. Manchmal hört man ihn brüllen und seine Augen sehen zuweilen teuflisch herauf. Aber ehe er in den See verwiesen ward, drohte er die Wasser des Sees auszulassen, sodass die ganze Windau überschwemmt werde (Alp. Alp. 28). Durch diese Drohung verrät er sich als Herr der Gewässer, als alter Dämon, der die Macht über das untere Reich hat, als Gott der Unterwelt, wohin auch seine Farbe weist. Und der See, aus dem die große Überschwemmung kommen soll, ist deutlich das wiederkehrende Urgewässer. Der festgebannte Stier ist also der untere Teil des Urwassers. Das Gebrüll freilich und die glühenden Augen sind Züge eines Gewitterwesens; aber diese fanden wir schon öfter auch bei Dämonen der Tiefe.

In den Schreckensee in Tirol ist Pilatus in Stiergestalt verwunschen, wo er nun bis zum jüngsten Tag bleiben muss (a. O. 24). Im Balksee ruht im Grunde ein riesenhafter Stier, der Seebulle (Westfalen I, 292). Im Darmssen oder Darnssee ist ein Kloster versunken, dessen Stier man noch zuzeiten brüllen hört (a. O. 45).

Ist der Stier das in der Tiefe angekettete Wasserwesen, so muss er es sein, der die Quellen heraufsendet oder ausspeit. Auch für diese Anschauung gibt es Spuren und zwar in Indien. Die Stelle, wo die Quelle des Ganges aus einem Gletschertore hervorbricht, wird von den Anwohnern 'das Kuhmaul' genannt. So trafen wir auf griechischem Boden die Vorstellung, dass dem Stierrachen des Flussgottes Acheloos Bäche entströmen (Soph. Trach. 14). Da es nun viele Quellen gibt, so ist anzunehmen, dass man auch tiergestaltige Quellgottheiten mit vielen Köpfen kannte. Bei den Wadschagga findet sich die Erzählung von einem Rind innerhalb eines Teichs, das fünf Köpfe hat, weiterhin von einem solchen mit sechs Hörnern (Archiv XII, 94). Meist wird die Zahl der Hörner bei diesen rindgestaltigen Wassergeistern angegeben. So wissen die Veden von einem aus dem Meere aufsteigenden tausendhörnigen Stier (Haupts Zeitschrift VI, 126). In einem tatarischen Märchen kommt ein Held auf einem vierzighörnigen Stier geritten (Rochholz, Naturmythen 218). Warum wird beim Quellstier das Horn so geflissentlich hervorgehoben? Oberhalb des gewaltigen Bergquells, über dem Maul des Stiers, ragen seine Hörner, die Zacken des Gebirges, in die Höhe. Unten, an der Wurzel des Hornes, rinnt der Segen der Wasser hervor, der Segen des Füllhorns, jenes Hornes, das, dem Wassergott, dem stiergestaltigen Acheloos, entrissen, Nahrung in überströmendem Reichtum spendet. Daher wird dann das Horn zum Sinnbild der Fruchtbarkeit.

Aus: Heinrich Bertsch, Weltanschauung, Volkssage und Volksbrauch, Dortmund 1910

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