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Der Brunnen im Straßburger Münster |
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| Der heilige Hain und die drei Buchen
Uralte, halbverklungene Sagen berichten, dass der Ort, wo jetzt das Münster sich erhebt und des wundervollen Turmes Spitze so kühn empor gen Himmel raget, seit mehr denn zwei Jahrtausenden, eine Gott geweihte und geheiligte Stätte sei. Lange, lange Zeit vor Christi Geburt, da stund auf der Anhöhe, auf welcher seitdem die weltberühmte Domkirche erbauet wurde, ein heiliger, dem Kriegsgotte geweihter Hain. Denn nicht in Mauern, von Menschenhänden aufgerichtet, und nicht unter irgendeiner von menschlichem Geiste erdachten Gestalt, beteten einst, im Heidentume, die alten Deutschen ihre Götter an. Im geheimnisvollen, schaurigen Dunkel heiliger Haine, im undurchdringlichen Schatten dicht verwachsener Urwälder, welche keine Axt berührte, da wohnte die Gottheit, unsichtbar und unerreichbar dem irdischen Auge; ihre Gegenwart aber und ihr Wirken bezeugten das Rauschen der Wälder, das Lispeln der Blätter, das Gesprudel der Wellen, das Funkeln der Sterne und der Segen der Erde. Mitten im heiligen Haine, unfern des Ufers der murmelnd und plätschernd dahin fließenden Ill, erhoben sich stattlich drei mächtige Buchen. Hoch empor wogten ihre Wipfel in die Lüfte, und weithin beschatteten unten ihre gewaltigen Äste das Heiligtum, wo die Gottheit thronte. Hier, an geweihter Stätte, verehrte der Volksstamm der Tribocher, der diesen Teil des Landes inne hatte und von den drei Buchen den Namen führte, den Gott des Krieges. Hierher strömte, von nah und fern, aus den umliegenden Gauen, das Volk herbei, voller Andacht und Ehrfurcht, und brachte dem furchtbaren Gotte seine Opfer dar. |
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![]() Aus: Beschreibung des Straßbuurger künstlichen Münsters und dessen Thurms, Straßburg 1785. |
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| Geheimnisvoll, wie in den Wellen des vorüberrauschenden Flusses, flüsterte es im dichten Laubgewinde der drei heiligen Buchen. Und wenn der Priester, im schneeweißen, blendenden Gewande, unten am Altare stand, die geweihte Mistel in del Hand, da wogte es, zuerst leise und dann immer vernehmbarer und lauter durch die Zweige, den ganzen Hain entlang; und weithin fühlte das dicht gedrängte Volk der Gottheit Atem an sich vorüber wehen, und tief ergriffen stürzte sich alles mit dem Antlitz nieder auf die Erde; denn keiner vermochte des Gottes schreckliches Gesicht zu schauen.
Lange Stunden, stolz und prangend, die drei Buchen mitten im gottgeweihten Haine. Lange thronte in ihrem Schatten des gewaltigen Gottes Macht. Erst als die Römer, durch das Glück ihrer Waffen, auch die Länder zwischen dem Rheine und dem Vogesus ihrem Weltreiche unterwarfen, da fällte die Axt den heiligen Hain und die drei Buchen und ein prachtvoller, dem siegreichen Kriegsgotte der weltgebietenden Roma geweihter Tempel trat an ihre Stelle. Doch auch der römische Tempel musste weichen. Zerstört sank er ein, als das Christentum das Evangelium einführte, in den alsatischen Gauen und das Kreuz aufpflanzte zum Zeichen des Heils. Alsbald erhob sich, demütig und bescheiden, eine christliche Kirche, da wo ehedem der heilige Hain und die drei Buchen und sodann der römische Tempel, geprangt hatten. Zur Ehre des dreieinigen Gottes und der heiligen Jungfrau Maria wurde sie eingeweiht. Geschlecht um Geschlecht, Jahrhundert um Jahrhundert half treulich am Baue und so erstand, immer herrlicher ausgeschmückt, inmitten aller prachtvollen Dome am Rhein, das kostbarste Münster, welches späterhin Erwins hoch gefeierter Genius noch mehr verherrlichen sollte. Und weithin in die Ferne prangt der wundervolle Bau, alles überstrahlend nah und fern, auf der Stätte, wo einst die heiligen drei Buchen majestätisch ihre grünen Kronen im Winde hin und her gewiegt hatten. Schadäus, in seinem wohlbekannten Münsterbüchlein, S. 3, erzählt, nach Specklin, dass das Straßburger Münster auf eben der Stätte erbaut worden sei, auf welcher einst, in grauer Heidenzeit, der heilige Hain und die drei Buchen der Tribocher gestanden hatten. Und seitdem haben ihm sämtliche Schriftsteller, welche über das Münster geschrieben haben, diese bloß sagenhaft überlieferte Angabe nacherzählt, welche sich auf keine bekannt gewordene historische Quelle stützt. Dieser Überlieferung jedoch mag allerdings eine rein geschichtliche Begebenheit zu Grunde liegen; denn es war nicht selten, dass die ersten christlichen Bethäuser und Kirchen gerade und sogar vorzugsweise, auf den Stätten erbaut wurden, wo zuvor heidnische Haine oder Tempel gestanden hatten, oder auf andern, seit uralten Zeiten, Gott geweihten Orten. Die alte Gewohnheit fesselte die ehedem heidnischen und seit Kurzem erst zum Christentum übergetretenen Völkerschaften an solche seit undenklichen Zeiten geheiligte Stätten; sie erleichterte denselben sogar den Übergang zum neuen Glauben, und trug somit mächtig dazu bei, sie desto fester darin zu begründen und denselben, auf der uraltheiligen Stätte, immer tiefer Wurzel fassen zu lassen und, sozusagen, mit ihr unlösbar zu verketten: "Sintemal", wie schon Schadäus ganz richtig bemerkt, "kein Volck ist, das nicht mit sonderlichem Eyffer vber seinem Gottesdienst vnd den Orten hält, da derselbe geübet vnd getrieben wird." Hatte ja schon der h. Augustinus an Publicola geschrieben: "Man zerstöret nicht die Tempel; man zerbricht nicht die Götzenbilder; man fällt nicht die heiligen Haine; man macht es besser: man widmet und weiht sie Jesu Christo." (Ep. XLVIl.) Diesen Grundsatz befolgte ebenfalls durchgängig das Papsttum. Allgemein wurde derselbe, die ersten christlichen Jahrhunderte hindurch, als Regel aufgestellt und diese weise Vorschrift überall befolgt und angewendet. Gregor der Große hat ihn, namentlich, ganz deutlich und feierlich ausgesprochen. Er schreibt den Missionaren der Angelsachsen: "Man muss sich hüten die Tempel der Götzen zu zerstören; man muss nur ihre Bilder vernichten, sodann Weihwasser machen, die Tempel damit besprengen, Altäre darin errichten und Reliquien darin aufstellen. Sind diese Tempel schon gebaut, so ist es gut und nützlich, dass sie aus dem Dienste der Dämonen in denjenigen des wahren Gottes treten; denn solange das Volk seine alten heiligen Orte erhalten sieht, wird es sich aus Gewohnheitstrieb williger darein begeben, um den wahren Gott daselbst zu verehren." So geschah es, fast überall, wo es nur tunlich war, die ersten christlichen Kirchen auf uraltheidnischen geheiligten Stätten zu errichten. Es war dieser Gebrauch so allgemein, dass beinahe sämtliche Hauptkirchen auf solchen Orten aufgerichtet wurden. Äußerst selten nur sind die Ausnahmen. So soll namentlich die Kathedrale zu Metz, gleichwie das Münster zu Straßburg, auf einer Stätte erbaut worden sein, wo zuvor ein solcher heiliger Hain mit einem Opfersteine gestanden hatte. (S. Bégin, La catédrale de Metz, S. 75.) Ebenso soll die Kathedralkirche von Chartres, deren Entstehung sämtlichen Quellen zufolge in die ersten Zeiten der Einführung des Christentums in Gallien hinaufreicht, die Stelle eines alten Druidentempels eingenommen haben. (S. Mémoires de la Société royale des Antiquaires de France. T. I, S 312 August Stöber, Die Sagen des Elsasses, zum ersten Male getreu nach der Volksüberlieferung, den Chroniken und andern gedruckten und handschriftlichen Quellen gesammelt und erläutert, St. Gallen 1858 |
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![]() "In dem Flügel des Münsters, rechterseits, ist der Schöpfbrunnen gestanden, welcher vorzeiten den Heiden gedient hat, allda ihre Opfer zu waschen und zu reinigen, welche sie ihren Abgöttern, und insonderheit dem Herkules, zu opfern pflegten. Es hat aber nachgehend der hl. Remigius, Bischof zu Straßburg, welcher im Jahr 8o3 gestorben, diesen Brunnen zum Taufwasser geweiht; darum pflegten die Pfarrherren, der Stadt sowohl, als der umliegenden Dörfer, allda, sechshundert Jahre lang, das Taufwasser zu schöpfen." (Aus: Beschreibung des Straßbuurger künstlichen Münsters und dessen Thurms, Straßburg 1785) Ansicht des Langhauses mit Lettner. Rechts im Seitenschiff, direkt gegenüber der Kanzel, der seit 1766 unter Steinplatten verborgene Münsterbrunnen. Nach einem Stich von I. Brunn, 1630. |
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| Der Bronnen im Münster
Von August Stöber Im heiligen Götterhaine, bei den drei Buchen, neben dem Opfermale, sprudelte eine in einen Brunnen gefasste und ebenfalls geheiligte Quelle. Hier wuschen, in der alten Heidenzeit, die Priester die Opfer, welche dem furchtbaren Gotte des Krieges dargebracht wurden. Und die Quelle war so lieb den Stämmen weit umher, dass sie erhalten blieb zur Zeit, als Chlodwig, der fromme Frankenkönig, das Heidentum aus den elsässischen Gauen verdrängte. Der heilige Remigius, welcher den König selbst, einer Überlieferung zu Folge, an eben dieser Quelle getauft hatte, weihte die Letztere ein zur Ehre Gottes, auf dass sie forthin zur Taufe dienen sollte, wie sie zuvor zur Abgötterei gedient hatte. Und als hernach Chlodwig, auf der Stätte, wo der heilige Hain gestanden hatte, das erste christliche Münster erbaute, wurde dieser geheiligte Brunnen mit eingeschlossen in des neuen Gotteshauses schützende Mauern. Und lange, lange Jahrhunderte hindurch, wurden Tausende und Tausende getauft aus dieser Quelle, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Lange Jahrhunderte hindurch wurde das Wasser aus dieser Quelle nicht bloß in der Stadt zur Taufe gebraucht, sondern auch für viele Kirchen auf dem Lande holte man, nach uralt hergebrachter Gewohnheit, aus dem Münsterbrunnen das Wasser für die Taufe, weswegen er, zu Straßburg und auf dem Lande, vom Volke gewöhnlich nur der Kindelsbronnen genannt wurde. Noch jetzt beredet man, zu Straßburg die Kinder, dass alle neugeborenen Kinder aus dem Münsterbrunnen geschöpft werden.
Der Erstere hatte dieselbe, ohne allen Zweifel, nach alten Überlieferungen, in dem zu Grunde gegangenen Anfang seiner handschriftlichen Collectaneen aufgezeichnet. In dem Fragment seiner Abschrift, welches mit diesen auf der städtischen Bibliothek zu Straßburg aufbewahrt wild, geht Specklin sogar, wie wir späterhin sehen werden, so weit, dass er behauptet, Chlodwig selbst sei, nach der Schlacht bei Tolbiac (Zülpich), an eben dieser Quelle, welche früher im Tribocher Götterhain, neben dem Altar oder Opferstein, entsprungen war und später, der Sage nach, in das erste christliche Münster eingeschlossen wurde, von dem hl. Remigius getauft worden. Schadäus (Kap. Vll. S. 35) erzählt bloß, die Quelle von diesem heiligen Bischofe "zun Zeiten Clodovei geweyhet" worden sei, um fernerhin zur Taufe zu dienen. Und wenn man die Sage auf diese Grenzen zurückführt, so dürfte wohl auch hier wieder eine historische Tatsache zu Grunde liegen. Bis in das sechzehnte Jahrhundert hinüber bedienten sich nicht bloß sämtliche Pfarreien in Straßburg selbst, sondern auch alle von dem Erzpriestertum St. Laurentien abhängende Pfarreien auf dem Lande, ausschließlich dieser Quelle zur Taufe. Erst nach Einführung und Feststellung der Reformation in Straßburg nahm dieser uralte Gebrauch ein Ende. Der Brunnen befand sich gerade vor dem Hauptpfeiler, nahe der Kirchenmauer, wenn man durch das Seitenportal bei der Steinmetzhütte, in die südliche Abseite tritt. Er war vierunddreißig Schuhe tief. Im Jahre 1696 stürzte ein französischer Soldat hinein und ertrank. Erst im Jahre 1766 wurde die Öffnung mit einem Stein zugedeckt und geschlossen. Bemerkenswert ist der Umstand, dass auch bei dem Münster zu Chartre ein ähnlicher altheidnischer Brunnen sich befunden haben soll. Auch an diesen knüpft sich eine Sage; man hat nämlich die Vermutung aufgestellt, dass derselbe dazu gedient habe, um die Körper der, bei dem Gottesdienste der Druiden geopferten Menschen hineinzuwerfen. In diesen Brunnen sollen hernach die ersten zum Christentum bekehrten Heiden jener Gegenden gestürzt und darin ertränkt worden sein. Nach dem Übergang zum Christentume aber hatte das Volk eine besondere Verehrung für den Brunnen und nannte denselben den Brunnen der starken Heiligen, le puits des saints forts. S. Mémoires de la Société royale des Antiquaires de France, am bereits angeführten Orte. Noch jetzt bezieht der Brunnen bei der Steinhütte, außen am Münster, das Wasser aus der Quelle, welche einst in der Heidenzeit zum Waschen der Opfer gedient haben soll. August Stöber, Die Sagen des Elsasses, zum ersten Male getreu nach der Volksüberlieferung, den Chroniken und andern gedruckten und handschriftlichen Quellen gesammelt und erläutert, St. Gallen 1858 |
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![]() Der Grundriss des Straßburger Münsters nach Th. Schuler, 1830. Im rechten Seitenschiff, etwa in der Mitte der Kathedrale, ist der ehemalige heilige Brunnen eingezeichnet. |
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Der Bronnen im Münster
Von F. A. Schaeffer Im heiligen Götterhaine, bei den drei Buchen, neben dem Opfermale, sprudelte eine in einen Bronnen gefasste und geheiligte Quelle. Hier wuschen in der alten Heidenzeit die Priester die Opfer, welche dem furchtbaren Gotte des Krieges dargebracht wurden. Und die Quelle war so lieb den Stätten weit umher, dass sie erhalten wurde zur Zeit, als Chlodwig, der fromme Frankenkönig, das Heidentum verdrängte aus den elsässischen Gauen. Der heilige Remigius, welcher den König selbst einer Überlieferung zu Folge, an eben dieser Quelle getaufet hatte, weihete die Letztere ein zur Ehre Gottes, auf dass sie forthin zur Taufe dienen sollte, wie sie zuvor zur Abgötterei gedienet hatte. Und als hernach Chlodwig auf der Stätte, wo der heilige Hain gestanden hatte, das erste christliche Münster erbaute, wurde dieser geheiligte Bronnen mit eingeschlossen in des neuen Gotteshauses schützende Mauern. L. Schneegans1 berichtet ferner, dass viele Jahrhunderte lang dieser Bronnen das Taufwasser für Straßburg und die Umgebung lieferte und schließlich der «Kindelsbronnen» genannt wurde Die Sage in der Form, wie sie uns überliefert wird, spricht von drei zeitlich weit voneinander getrennten Bronnen im Münster: Von einer vorrömischen Quelle im heiligen Hain, von einer geheiligten Quelle, die zur Merovingerzeit christianisiert wurde, und schließlich von dem mittelalterlichen 'Kindelsbronnen'. Von Letzterem wird der genaue Ort vermerkt: "Der Bronnen befand sich gerade vor dem Hauptpfeiler nahe der Kirchenmauer, wenn man durch das Seitenportal bei der Steinmetzenhütte in die südliche Abseite tritt. Er war 34 Schuh tief."2 Erst im Jahre 1766 wurde die Öffnung des Brunnens mit einem Stein verschlossen. Die Sage nimmt an, dass dieser Kindelsbronnen identisch ist mit der von Remigius geweihten und von Chlodwig ins erste christliche Münster eingeschlossenen 'Quelle'. Ja, sie glaubt, dass diese gleiche Quelle schon im Hain der drei heiligen Buchen 'sprudelte', ohne sich jedoch um ihr Schicksal während des halben Jahrtausends römischer Geschichte unserer Stadt zu kümmern. Solche durch zwei Jahrtausende währende Benutzung und Verehrung ein und der gleichen Quelle wäre nun keineswegs außerordentlich. Man denke doch nur an die St. Odilienquelle, die nach Dr. Forrers sehr wohl begründeter Vermutung3 bereits in den vorgeschichtlichen Mauerring einbegriffen und bei der Neigung der Gallier zum Quellenkult wohl auch geheiligt war.4 Man kennt im ehemaligen Gallien eine ganze Reihe solcher «heiliger Quellen», die nach den bei ihnen gemachten Funden schon in vorrömischer Zeit verehrt wurden. Bedingung war natürlich, dass diese Quellen während der langen Zeit nicht versiegten. Von einer vertrockneten Quelle wendete sich naturgemäß die Verehrung bald ab. Nun ist aber zu beachten, dass an Stelle des heiligen Hains ehemals gar keine Quelle "gesprudelt" haben kann. Es wäre allen physikalischen Gesetzen zuwider, wollte man annehmen, dass an der höchsten Stelle unserer, in einer weiten Ebene gelegenen, Stadt eine Quelle sprudelte. Eine solche Quelle würde irgendwo in der Nähe wasserführende Erdschichten voraussetzen, die höher als der Quellenmund liegen. Das ist aber in Straßburg nicht der Fall. Quellen wären in unserer Stadt nur in den tiefstgelegenen Stadtteilen zu erwarten, wohin das Regenwasser unterirdisch aus den höheren Teilen einfließen konnte. Doch sind die Niveauunterschiede in Straßburg so gering, dass unsere Stadt überhaupt keine Quellen aufzuweisen hat. So wäre also die 'heilige Münsterquelle' ein Sagengebilde ohne historischen Wahrheitsgrund? Nicht so ganz. Denn wenn an Stelle des heutigen Münsters einst im heiligen Hain auch keine Quelle gesprudelt haben kann, so kann dort sehr wohl ein Brunnen existiert haben. Vom so genannten 'Kindelsbronnen' wissen wir ja mit Bestimmtheit, dass es ein Schachtbrunnen war, aus dem das Grundwasser geschöpft wurde. Wenn aber der sprudelnde Quell im heiligen Hain und die von Chlodwig ins erste christliche Münster einbezogene ehemalige heidnische 'Quelle' Schöpfbrunnen waren, so ist damit die Wahrscheinlichkeit, dass jene Brunnen unter sich und auch mit dem mittelalterlichen Kindelsbrunnen identisch seien, um ein Erhebliches verringert, denn Brunnen konnten an den verschiedensten Stellen des heutigen Münsters gegraben werden. Sie und ihre Tradition sind nicht so sehr an einen bestimmten Ort gebunden, wie dies bei einer Quelle der Fall ist, die eben nur an einer bestimmten Stelle zutage tritt. So müssen wir wohl den Sinn der Sage vom Bronnen im Münster dahin deuten, dass im ehemaligen heiligen Hain, im römischen Tempel, im ersten christlichen Münster und in unserem heutigen Münster Brunnen bestanden, die das Wasser zu den sakralen Handlungen der heidnischen und später der christlichen Priester lieferten. Der Platz, wo die Brunnen ausgehoben worden waren, wird sich nach den jeweiligen Bedürfnissen und nach dem genauen Ort gerichtet haben, wo das zugehörige Heiligtum und später die christliche Kirche standen. Gehen wir nun den Spuren nach, die diese Brunnen, wenn sie wirklich existierten, im Boden des Münsters hinterlassen haben müssen. Da das heutige Münster, von allen Tempeln und Kirchen, die ihm vorausgingen, wohl den größten Flächenraum einnimmt, so werden wir jene Brunnen höchstwahrscheinlich innerhalb seiner Mauern zu suchen haben. Vom Brunnen im heiligen Hain fehlt uns, wie ja auch von dem Götterhain selbst, bis jetzt jede Spur. Betreffs des Brunnens im oder beim römischen Tempel, welch Letzterer an Stelle des heiligen Hains getreten sein soll, haben wir durch eine neuere Entdeckung sehr wichtige Anhaltspunkte erlangt. Bei den Arbeiten zur Festigung des schadhaft gewordenen Turmfundamentes, wobei sich auch das römische Götterrelief fand, von dem wir bereits sprachen, stießen die Arbeiter auf Gefäßreste, die bis zu 7 Meter tief im Boden lagen. Wir konnten an Ort und Stelle feststellen, dass es Reste von frührömischen Amphoren und Krügen waren. Beim Tiefergraben nahm die Bodenfeuchtigkeit zu. Schließlich fanden sich verfaulte Holzbohlenreste. In einer Tiefe von 8 Metern unter dem heutigen Niveau (2,45 m unter der Basis des Münsterturmfundaments5) kam uns der Rand eines Brunnenfasses zu Gesicht, das hier den Boden eines ehemaligen Schöpfbrunnens gebildet hatte. Soweit das Grundwasser im Brunnenfass stand, war dieses noch sehr gut erhalten. Sein Durchmesser betrug 90 cm, seine Höhe noch 1,40 m. Ehemals muss das Fass aber ca. 2 m hoch gewesen sein, da der Schweifung der Bohlen nach zu schließen, das Fass gerade bis zu seiner größten Weite im Verlauf der Grundwassersenkung weggefault war. Der Boden des Fasses fehlte, aber die Kufen aus Eichenholz, im Durchschnitt 9 cm breit und recht massiv, zeigen noch am untern Ende die zur Einlage des Bodens notwendige Einkerbung. Der Befund lässt keinen Zweifel zu, dass es sich um eines jener schlanken gotischen Weinfässer handelt, wie sie im frührömischen Straßburg von Dr. Forrer an den verschiedensten Stellen und in der gleichen Verwendung als Brunnenfass gefunden worden sind.6 All diesen Fässern7 fehlte der Boden, sodass wir annehmen können, dass sie die Römer, ähnlich wie wir es heute mit unsern unten offenen Brunnenrohren machen, ohne Boden in den ausgehobenen Schacht trieben, damit sich darin das Wasser sammle. Gleichzeitig wurde damit das Einstürzen der Schachtwände verhindert. Die wichtige Entdeckung8 dieses römischen Brunnenfasses unter dem Turmfundament des Münsters wurde mit Hilfe starker elektrischer Lampen fotographisch festgehalten, siehe unsere Abbildung. Man erkennt darauf deutlich in der Mitte das Fass, im wasserhaltigen Kiesboden steckend und zur Hälfte ausgeschöpft. Während der Aufnahme, die 5 Minuten dauerte, stieg das Wasser durch seitlichen Zulauf im Fass an, sodass der Wasserspiegel auf der Fotographie unklar erscheint. Auch ein Teil der Kufen des Fasses, durch das Ausschöpfen des Wassers des Haltes beraubt, stürzte während der Aufnahme ins Innere des Fasses. Doch ist die runde Form im Kreis deutlich erkennbar. Rechts und links am Bildrand sieht man die Wände des neuen Betonfundamentes, auf welches der jetzt in Holzkonstruktionen eingebundene Turm, sobald die Arbeiten beendet sind, aufgesetzt werden wird. Wir wollen nun keineswegs behaupten, dass dieser römische Brunnen mit dem römischen Tempel, welcher einst an Stelle des Münsters stand, in unbedingtem Zusammenhang steht. Doch ist es immerhin auffällig, dass ganz in der Nähe, wo das frührömische Epone-Merkurrelief entdeckt wurde sich nun auch ein römischer Brunnen fand. Auffällig ist ferner, dass beim Ausräumen des Brunnens nur ein paar kleine Scherblein gefunden wurden, wogegen sonst in den römischen Brunnen Straßburgs, meist eine Masse Unrat, Knochen, Geschirrreste etc., lag; wie sich solcher Schmutz ja gern auf den Brunnensohlen auch unserer heutigen dörflichen Schachtbrunnen ansammelt und zu regelmäßigen Reinigungen der Brunnen zwingt, damit das Wasser nicht verderbe. Es hat also den Anschein, als ob der römische Brunnen unter dem Münsterturm nicht zum gewöhnlichen Wasserholen von Seiten gallorömischer Bewohner unserer Stadt gedient hat; er war vielleicht der Benutzung der Priesterschaft des nahen Tempels vorbehalten. All dies sind, wir wiederholen es, Vermutungen, aber diese Vermutungen haben ein gut Teil Wahrscheinlichkeit für sich und stützen sich außerdem auf reale Entdeckungen und Beobachtungen, wie sie, vergleicht man sie mit der Sage, kaum zutreffender gedacht werden können. Hinzuzufügen ist jedoch, dass dieser römische Brunnen keineswegs derzeitige sein kann, der zur Zeit Chlodwigs der Sage nach christianisiert worden ist. Er ist spätestens zu der Zeit außer Gebrauch gekommen, in welcher die ersten steinernen Fundamente 2,40 m hoch darüber fürs christliche Münster gelegt worden sind. Wir werden in einem folgenden Artikel auf diese Fundamente noch zu sprechen kommen. Wo nun der Brunnen zu suchen ist, an welchem Remigius König Chlodwig taufte und welcher der Sage nach mit dem mittelalterlichen Kindelbrunnen identisch sein soll, ist eine noch ungelöste Frage, für deren Lösung wir weitere Entdeckungen abwarten müssen. 1 In: A. Stoeber, Die Sagen des Elsaßes, Neue M7sg. 1892, S. 236. 2 Nehmen wir den im Mittelalter, gebräuchlichen Straßburger Stadtschuh von rund 29 cm als Grundmaß, so hatte der Kindelsbronnen 9 m 80 Tiefe. 3 Dr. R. Forrer, Der Odilienberg, Straßburg 1899, 4 Je wichtiger eine Quelle für die lebensnotwendige Wasserversorgung war, desto eher wurde in ihr eine spendende Gottheit erblickt, deren Gunst sich der Mensch durch Verehrung und Opfergaben zu erhalten trachtete. 5 Das immer stückweise unterhöhlt wurde, um das neue Eisenfundament darunter auf den tragfähigen Kiesboden aufsetzen zu können. 6 Spuren römischer Wasserleitungs- und Brunnenanlagen in Straßburg, Anzeiger f. els. Altertumskunde 1918, S. 941-946. 7 Soviel diese erhalten werden konnten, sind sie, wie auch das unter dem Münsterturme gefundene Brunnenfass, im Straßburger Prähistorischen und Gallorömischen Museum Abt. G. 20, Nr. 638, 639, 643 ausgestellt. 8 Vergleiche dazu auch die Notiz und schematische Zeichnung von R. Forrer, Cahiers d'Archeologie d'Alsace 1923 p. 121 und F. A. Schaeffer, Les découvertes archéologiques faites au cours des travaux de réfections sous la tour de la Cathédrale de Straßbourg, Vie en Alsace 1924, S. 30-32. Elsaßland, a travers les Vosges, 5, 1925 |
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| Das Gewölbe und der See unter dem Münster
Von August Stöber „Da unten aber ist's fürchterlich Um Mitternacht, wenn es stille ist in der Stadt, da haben schon viele ganz deutlich das Geplätscher und das Fluten der Gewässer vernommen und die Ruderschläge, welche den Nachen auf dem düstern See vorwärts treiben. Dumpf und hohl dröhnt und hallt es unter der Erde, und alle, die es hören, erfüllt es mit unwiderstehlichem Grausen. Gerade dem Münster gegenüber, unter dem Hause neben der Apotheke zum Hirschen, da soll ehemals ein Eingang zu dem unterirdischen Gewölbe gewesen sein. Es war ein finsteres, unheimliches, mit starker Türe verwahrtes Loch. Viele schon hatten es versucht, durch die geheimnisvolle Öffnung hinunter zu gelangen in das Gewölbe unter dem Münster und auf den See hinab. Keinem aber wollte je das gefährliche Wagnis gelingen. Jedes Mal, sobald man die Tür öffnete, wehten furchtbare Windstöße herauf aus der finsteren, kalt-schaurigen Tiefe und Sturm und Qualm löschten augenblicklich die Lichter derjenigen aus, welche sich vermessen wollten, mit Laternen hinab zu dringen auf den See. Ebenso vergeblich waren die Bemühungen derer geblieben, die es versuchten, mit Stangen in den schwarzen Schlund hinein zu stoßen, um zu ergründen, wohin die Höhle sich wende. Umsonst war alles Mühen und Forschen. Jähes Grausen überfiel jedes Mal auch die Beherztesten und eilig zogen sich selbst die Verwegensten zurück von diesem grauenvollen, unheimlichen Ort. Und wenn die Wasser steigen drüben im Fluss, da erheben sie sich ebenfalls drunten in dem unerforschlichen See unter dem Münster. Schlangen, Blindschleichen, Kröten, Molche, Salamander und anderes Ungeziefer und sonstige giftige Untiere mit feurigen Augen, krochen dann ehemals, keuchend und quetschend, heraus durch das Loch aus dem unterirdischen, finstern Schacht. Schrecken erfasste alle, die es sahen und, um weiterem Unheil vorzubeugen, wurde die Öffnung unter dem besagten Hause im Keller, samt der Türe, vermauert und mit Schutt und Geröhr verschüttet. Kein menschlicher Geist, auch der kühnste und erfindungsreichste nicht, wäre im Stande, sich all das unheimliche, grausige Treiben und Qualmen drunten in jenem Höllenpfuhle zu vergegenwärtigen oder auch nur im Entferntesten zu ahnen. Und noch jetzt, wenn man, nach Mitternacht, am Münster hin über den Fronhof geht, soll man oft, dumpf und fern, aber ganz vernehmbar, aus der Tiefe herauf, das Fluten und Anschlagen der Wogen und das Schaukeln und Schwellen des Schiffes vernehmen, das über den See dahin gleitet, und manchmal sogar das Keuchen und Quirlen und Fletschen der Untiere, die dort unten herumkriechen und plätschern im Qualm des grauenvollen Schlundes. Schaurig wird es Einem aber dann zu Gemüte und hastig eilet man hinweg durch die Nacht, hinweg von diesem Ort des Schreckens und des Entsetzens, der sicheren, heimlichen Wohnstätte zu.
Wahrscheinlicherweise beruhet diese Sage auf der von Specklin in seinen so genannten Collectaneen T. I, Aa. Seite 20 a, ohne Zweifel nach älteren Angaben, aufgestellten, nach ihm von Schadäus und seitdem durch viele andere wiederholten Behauptungen, dass man im Jahre 1015, als Bischof Werner I. das Münster neu umzubauen begann, das Fundament "mit Erlenpfälen ins Wasser geschlagen und geleget habe". Dazu mag sodann noch späterhin die von Dr. Heckheler, in seinem handschriftlichen Werke über das Münster (S. 56), erwähnte Begebenheit gekommen sein, um das Ganze zu der hier mitgeteilten Sage zusammenfassen zu machen. Folgendes nämlich hat Heckheler an der soeben angeführten Stelle seines Werkes aufgezeichnet: "Etliche von den gemeinen Leüthen (deren noch etwelche sich finden möchten) seindt zwar dieser Meinung geweßt, dast unter dem Münster ein lauteres Gewölb seye, also daß mann mit einem Schiff darunter hin und her fahren könne; den Eingang habe mann in einem Keller geradt gegen dem Münster über, in einer Behaußung, nebst der Eck-Apoteck zum Hirsch genant, darinnen voriger Zeit ein Barbierer Nahmens Geßler, und dießer Zeit auch einer mit Nahmen Moses (wie auch derselbige ahne dem Hausi angemahlet ist) wohnet, suchen müßen. Seye ein Loch mit einer Thür verwahret geweßen: alß mann aber die Thür geöffnet, seye ein starcker Windt herfür kommen, welcher auch allen denjenigen so mit Lanternen hinein gewollt ihre Liechter verlöschet. Auch habe mann sich zum öffteren bemühet mit Stangen zu erforschen, wohin etwann solche Höhle sich wenden thät, aber mann weniger dann nichts damit ausgerichtet, sintemahlen selbige Persohnen ein Graußen ankommen, daß sie unverrichter Sachen ihen Rückweg haben suchen müßen. Auch ist außgesagt worden, wann die Wasser gestiegen, so seyen, auß solchem Loch, Schlangen, Blindschleich, Krotten und dergleichen Ungezieffer herfür kommen. Daß mann aber von dießem Unheyl befreyet worden, habe mann solche Thür laßen vermauren und mit Geröhr überschlütten. Auff daß nun die rechte Gewißheit, dießes Umbstandts, oder vielmehr ohngegründeten spargimentz wil-len, möchte an das TageSliccht kommen, ist, (zwar wie mann sagt) auff Beselch E. E. Raths ein Maurer dahin abgefertiget worden, der das Werk unverzüglich angegliffen, und nachgesucht, aber daß solches nur ein bloßes erdichtetes Westen geweßen, befunden. Eben dergleichen ist auch deß damahligen Herren Westners, Apo-teckers im Hirsch, welche Herr Spielmann am Eck anjetzo innen hat, und Herren Koben, deß Kauffmanns, Keller nechst daran bey dem Münster, ebenmäßiges gedacht worden, so aber auch falsch geweßen, und also von allem deme nichts Hauptsächliches deß Fundaments halben erkundiget werden können." August Stöber, Die Sagen des Elsasses, zum ersten Male getreu nach der Volksüberlieferung, den Chroniken und andern gedruckten und handschriftlichen Quellen gesammelt und erläutert, St. Gallen 1858 |
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| Das Gewölbe und der See unter dem Münster
Von Fritz Bouchholz Unter dem Münster - noch gehet hiervon im Volke eine uralte, seit Jahrhunderten von den Vätern auf die Kinder fortgeerbte Sage - unter dem Münster, da ist ein weites gewaltiges Gewölbe gesprengt, das die ganze Last des Riesengebäudes samt dem himmelhohen Turme trägt. Und unter dem Gewölbe, da flutet im Finstern ein See, auf welchem man in einem Schiffe unter der Kirche hin und her fahren kann bis zu einem Orte, wo noch vor wenigen Jahren der so genannte Fischbronnen gestanden hat. Um Mitternacht, wenn es stille in der Stadt ist, da haben schon viele ganz deutlich Geplätscher und das Fluten der Gewässer vernommen und die Ruderschläge, welche den Nachen auf dem düsteren Gewässer vorwärts treiben. Dumpf und hohl dröhnet und hallet es unter der Erde, und alle, die es hören, erfüllet es mit unwiderstehlichem Grausen. Gerade dem Münster gegenüber, unter dem Hause neben der Apotheke zum Hirschen, soll ehemals ein Eingang zum unterirdischen Gewölbe gewesen sein. Es war ein finsteres, unheimliches, mit starker Tür verwahrtes Loch. Viele hatten es schon versucht, durch die geheimnisvolle Öffnung hinunter zu gelangen in das Gewölbe unter dem Münster und auf den See hinab. Keinem aber wollte je das gewaltige Wagestück gelingen. Jedes Mal, sobald man die Tür öffnete, wehten furchtbare Windstöße herauf aus der finsteren, kaltschaurigen Tiefe und Sturm und Qualm löschten augenblicklich die Lichter derer aus, welche sich vermessen wollten, mit Laternen hinab zu dringen auf den See. Ebenso vergeblich waren die Bemühungen derer geblieben, die es versuchten, mit Stangen in den schwarzen Schlund hinab zu stoßen, um zu ergründen, wohin die Höhle sich wende. Umsonst war alles Mühen und Forschen. Jähes Grausen überfiel jedes Mal auch die Beherzten und eilig zogen sich selbst die Verwegensten zurück aus diesem grauenvollen, unheimlichen Orte. Und wenn die Wasser steigen drüben am Flusse, da erheben sich ebenfalls drunten in dem unerforschten See die Wellen unter dem Münster. Schlangen, Blindschleichen, Kröten, Molche, Salamander und anders Ungeziefer und sonstige giftige Untiere mit feurigen Augen krochen dann ehemals keuchend heraus durch das Loch aus dem unterirdischen, finsteren Schachte. Schrecken erfasste alle, die es sahen und, um weiterem Unheile vorzubeugen, wurde die Öffnung unter besagtem Hause im Keller samt Tür vermauert. Und noch jetzt, wenn man nach Mitternacht am Münster hin über den Fronhof geht, soll man oft dumpf und ferne, aber ganz vernehmbar aus der Tiefe herauf das Fluten und Anschlagen der Wogen und das Schaukeln des Schiffes vernehmen, das über den See dahin gleitet. Schaurig wird es einem dann zu Gemüte und hastig eilt man hinweg durch die Nacht, hinweg von diesem Orte des Schreckens der sicheren heimischen Wohnstätte zu. Fritz Bouchholz, Elsässische Sagen Band II, Berlin 1922 |
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Vom Bau des Straßburger Münsters Von August Stöber Da, wo sich heute das herrliche Münster erhebt, stand zu heidnischen Zeiten ein Tempel des Mars. In den Jahren 504 bis 510 ließ König Chlodwig nach seiner Bekehrung zum Christentum diesen Tempel niederreißen und auf seinen Trümmern eine christliche Kirche aus Holz und Steinen bauen. Diese Kirche wurde aber eines Tages durch eine Feuersbrunst verzehrt und leer und öde blieb die Stätte viele Jahre. Erst Bischof Werner von Habsburg begann 1015 mit dem Wiederaufbau der abgebrannten Kirche dank der zahlreichen frommen Spenden, die zu diesem Zweck bei ihm einliefen. Der Bischof Conrad ließ mit der Fassade beginnen. Groß waren die Begeisterung und der Eifer der Straßburger für den Bau. Die Reichen opferten, die Armen ergriffen Spaten, Hammer und Kelle und wetteiferten in der Arbeit für Gottes Ehre. Jahrelang erdröhnte das Tal in der Nähe Wasselnheims von dem Hämmern derer, die in den Steingruben die roten Sandsteine brachen, von lauten Stimmen, von schweren Lastfuhrwerken, welche die mächtigen Quader nach Straßburg zogen. Auf dem großen Platze waren die Steinmetze mit Hammer und Meißel tätig. Da formten sie den rohen Stein zu einem frommen Heiligenbilde, dort grinste aus einem roten Sandblock bald das Gesicht eines Teufels oder sonst eine unheimliche Fratze und in der Ecke harrten liebliche Engelsgestalten ihrer Einfügung in das mühsam wachsende Gebäude, dessen Baumeister Erwin von Steinbach war. Als der Meister einmal sinnend den Bau betrachtete, der nicht nach Wunsch vorwärts schritt und sich den Kopf darüber zerbrach, wie man dem wohl am schnellsten und besten abhelfen konnte, trat der Teufel mit freundlichem Lächeln zu ihm und sprach: "Meinen Gruß, verehrter Meister! Ich weiß nur zu gut, was dich quält und drückt und habe dich viel zu lieb, um dir nicht zu helfen. Wenn du mir deine Seele verkaufst, will ich im Nu den Bau zu Ende führen!" Mit Abscheu aber wies Meister Erwin das Anerbieten des Teufels zurück und bat den Himmel um seine Hilfe. Und siehe! Ein Engel des Herrn flog aus den Wolken und gebot den geheimen Heerscharen der himmlischen Geister, das Werk zu vollenden. Stolz ragte bald die Spitze des Turmes in des Himmels Blau hinein als sichtbares Zeichen der Macht und Kraft des Gottes, dem das Münster geweiht. Dem Meister half bei der Arbeit getreulich seine verständige und kunstfertige Tochter Sabina, deren Schönheit weithin gepriesen wurde. Manches herrliche Werk schuf die zarte Hand der Jungfrau, deren Herz erfüllt war mit Eifer und Liebe zu dem Glauben, als dessen Wahrzeichen der herrliche Dom für alle Zeiten emporragen sollte. Sabina schmückte die beiden Portale auf den Gräten gegenüber dem früheren Palaste des Bischofs mit wunderbaren Arbeiten. Da steht eine edle Frau mit Krone, Kreuz und Kelch als Symbol der triumphierenden christlichen Kirche, stolz und schön wie eine Siegerin. Dort wendet eine andere ihr gegenüber das traurige Antlitz ab, die Augen sind ihr verbunden, der Hirtenstab ist zerbrochen, die Krone liegt achtlos im Staube und in der erschlafften linken trägt sie das Gesetz des alten Bundes. Nirgends wurde wohl sonst der Gegensatz der beiden Religionen treffender dargestellt in der Kunst als es Sabina auf den Portalen tat. In der Vertiefung der Portale standen auf beiden Seiten die Apostel, als Zeichen des siegreichen Christentums und zwischen den beiden Portalen thront der König Salomo und fällt den Richterspruch. Darüber erstrahlt das verklärte Gesicht des Erlösers. In den Giebelfeldern der Portale aber prangt die Verherrlichung der Himmelskönigin: Durch die Darstellung ihres seligen Endes, ihres Begräbnisses, ihrer Himmelfahrt und Krönung. Mit der Schaffung dieses Werkes aber hat Sabina sich selbst mit einer Krone gekrönt, die unvergänglich ist. Solange wir noch staunend und bewundernd den Blick zum herrlichen Gotteshaus richten, diesem Wunderwerke der kirchlichen Baukunst, der Frucht von Jahrhunderten mühsamer Arbeit und dem Abbild der glaubensstarken und rüstigen Zeit voller Ideale, werden wir auch der jugendlichen Baumeisterin nicht vergessen und ihres großen Vaters und Meisters Erwin von Steinbach. In der Woche Johannis des Täufers, im Jahre des Herrn 1439, ward des Turmes wundervolle Spitze vollendet und der Mutter Gottes Bild darauf gestellt, um fernerhin in die deutschen Gaue den Völkern zu verkünden, dass nun endlich das riesenhafte, vor Jahrhunderten durch die Völker begonnene Werk des Glaubens und der Sühne, glücklich und rumvoll vollendet sei. Fritz Bouchholz, Elsässische Sagen, Band II, Berlin 1922 |
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Chlodwigs Taufe und die Stiftung des Münsters
Von August Stöber Als in der Schlacht zu Tolbiac sich das Glück des Tages auf des Feindes Seite zu neigen begann, da tat Chlodwig, eingedenk der vielfältigen und eindringlichen Ermahnungen seiner frommen christlichen Gattin, das Gelübde zum Christentum überzutreten, wenn Chlotildens und der Christen Gott ihm den Sieg verleihen wolle und sodann auch ihm zur Ehre und Danksagung eine christliche Kirche zu bauen. Nach seinem Siege kam Chlodwig nach Straßburg, nahm den könglichen Palast oder Königshof1 ein und ließ sich durch das Volk huldigen und schwören. Hernach erbaute er überall im Lande viele Festen, Burgen und Schlösser, vornehmlich an den Hauptpässen und Eingängen der Täler und an der Stelle der alten, beinahe durchgängig zerstörten oder zerfallenen römischen Kastelle2, um sich den Besitz des Landes zu sichern und das Volk in Gehorsam zu erhalten. Bereits war eine geraume Zeit verflossen, seitdem Chlodwig die schweren Kriege niedergelegt und Ruhe und Frieden wieder hergestellt hatte und noch immer hatte er nicht das in der Bedrängnis der Schlacht getane Versprechen erfüllt. Da erschien eines Tages die Königin Chlotilde — oder Guthuldt, wie Specklin sie nennet — bei ihrem Herrn und Gemahl und erinnerte ihn seines Gelübdes; und alsobald beschloss Chlodwig sein Wort zu lösen. Ohne Verzug sandte er nach dem hl. Remigius, welcher dazumal Bischof zu Reims und zu Metz war und nach Vestalus und begehrte die christliche Taufe und mit ihm wohl dreitausend edler Franken. Dessen erfreute sich höchlich die fromme Königin. Und als St. Remigius gekommen war samt seinem Gefährten, da führten sie Chlodwig nebst den übrigen Täuflingen zum alten heidnischen Tempel des Kriegsgottes Krutzmanna und unterwiesen und belehrten sie im christlichen Glauben. Vor dem Bischofe stand Chlodwig in weißer Leinwand gekleidet, nach dem Gebrauche jener Zeit, und um ihn her die vornehmsten fränkischen Häuptlinge, welche mit ihm die Taufe empfangen wollten. Und als der hl. Remigius die Taufe zu beginnen sich anschickte, da richtete er zuerst das Wort an Chlodwig, und sprach zu dem Könige: „Du hoher Sikamber, dieweil du gelobest Gott und Christum allein anzubeten, so versprichst du diesen und alle übrige Tempel, worinnen man dem Teufel opfert, zu zerstören und überall den christlichen Glauben helfen auszubreiten!" - und nachdem Chlodwig dies feierlich versprochen hatte, gab ihm St. Remigius die Taufe und nach ihm den übrigen fränkischen Häuptlingen und Kriegern und nahm sie hiermit auf in die Gemeinschaft der Christenheit und in den Schoß der christlichen Kirche, in Gegenwart der hoch beglückten Königin und im Angesichte des ganzen Volkes. Hernach ließ Chlodwig alsbald Krutzmanns Tempel zu Straßburg abbrechen und baute, Gott zur Danksagung, die erste christliche Kirche auf dieselbe Stätte, scheinbarlich und groß, doch nur von schlichtem Holz und Stein „auf gut altfränkisch", mit einem großen ungeheueren Dache, und ließ dieselbe einweihen in der Ehre der heiligen Dreifaltigkeit und der Jungfrau Maria. Und das war, fügt Specklin hinzu, der erste christliche Tempel, der in deutschen und fränkischen Landen, von den Franken, zur Ehre eines Heiligen errichtet worden ist. So wurde das erste Münster zu Straßburg gestiftet, in hoher Würdigkeit und Freiheit, wie unser alter Königshoven sagt, von dem ersten christlichen König der Franken. Im Jahre 504 soll der Bau begonnen und nach Verlauf von sechs Jahren, im Jahre 510, vollendet worden sein, im neunzehnten Jahre von Chlodwigs mächtigem Reiche. Auf solches änderte Chlodwig auch sein heidnisches Wappen. Die drei schwarzen Kröten wandelte er um in drei goldene Lilien, in himmelblauem Felde, um durch diese zarte Farbe die Lieblichkeit des christlichen Glaubens anzuzeigen, im Gegensatz zu den alten garstigen, nach damaligem Volksglauben giftigen Tieren. Und auch der Stadt Straßbourg erteilte er das Recht eine Lilie führen zu dürfen in ihren Münzen.
Obige Darstellung ist durchgängig und beinahe wortgetreu der Erzählung Specklins nachgebildet. Letztere befindet sich in dem Fragmente der Abschrift der Collectaneen, welche Specklin begonnen (Fol. 13a). Hier, wie auch sonst so oft noch, hat Specklin, wie man gesehen, die historischen Tatsachen, mit der ihm eigentümlichen Leichtfertigkeit, behandelt und durcheinander gemengt. Seine Erzählung ist ein buntes Gemisch von missverstandenen und verkehrten historischen Angaben und von alten sagenhaften Überlieferungen. Geschichtlich ist die Taufe Chlodwigs im heidnischen Tempel Krutzmanns zu Straßburg ein eben so grober Verstoß wider die Wahrheit, als die Verleihung irgendeines Münzrechtes durch Chlodwig zu Gunsten der Stadt Straßburg. Specklin nimmt es so genau gerade nicht mit der Wahrheit und Zuverlässigkeit seiner historischen Angaben und Behauptungen. Geschichtlich erwiesen bleibt allein die Stiftung des ersten christlichen Münsters zu Straßburg durch Chlodwig. Hierin stimmen unsere Chronik- und Geschichtsschreiber sämtlich miteinander überein und, diesen Punkt betreffend, scheinen sie in der Tat auch sich auf rein historischem und durchaus zuverlässigem Boden zu bewegen. Alles Übrige ist entweder Sage oder verunstaltete Geschichte. 1 Specklin sagt: „Doruff kame Clodoueus gon Strosburg unb name ,,den königlichen Stull der Allemanier zu Königshoffen in ..." 2 So soll Chlodwig namentlich die gewaltige Bergfeste Frankenburg im Weilertal erbaut haben, samt einer Kapelle, in welcher, nach Specklin, Chlodwigs Stammherr Pharamund begraben war und in deren Fenster man, zu Specklins Zeit, noch des Frankenkönigs angeblich ursprüngliches, heidnisches Wappen mit den drei schwarzen Kröten im gelben oder güldenen Felde gesehen haben soll. August Stöber, Die Sagen des Elsasses, zum ersten Male getreu nach der Volksüberlieferung, den Chroniken und andern gedruckten und handschriftlichen Quellen gesammelt und erläutert, St. Gallen 1858 |
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Die Geister der Quellen Als man vor vielen hundert Jahrhunderten das Straßburger Münster baut, wollte der Turmbau wegen der unterirdischen Quellen lange nicht gelingen. Erst als sich jemand als Bauopfer anbot1, um deren Geister zu versöhnen, war das Hindernis beseitigt. 1 Bauopfer-Sagen sind auch aus anderen Ländern ziemlich verbreitet. Paul Stintzi, Die Sagen des Elsass, 2. Band, Colmar um 1929 |
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![]() Das Straßburger Münster in der Schedelschen Weltchronik, 1493. |
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Die weiße Frau vom Strassburger Münster In gewissen Nächten steigt eine weiße Frau aus ihrer Krypta, schleicht durch alle Kapellen und geht langsam bis zur Turmspitze. So schön ist sie, dass man, aller Gefahr trotzend, ihr folgen und sie bewundern muss. So erging es auch einem jungen Turmwächter, als er zum ersten Mal die weiße Frau sah. Er eilte ihr nach, sie schwebte vor ihm hin, stieg immer höher. Da begann eine wilde Jagd, schon glaubte der Wächter, sie zu umarmen, - ein Schrei! Anderen Morgens fand man ihn schrecklich verstümmelt auf dem Münsterplatz. Paul Stintzi, Die Sagen des Elsass, 2. Band, Colmar um 1929 |
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