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![]() Der Brunnen an einem Festtag der heiligen Anne ca. 1908. |
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Der heilige Brunnen der Ste Anne d'Auray, Morbihan Die Bretonen nennen die heilige Quelle "Mamm goz ar vretoned", was so viel wie "die alte Mutter der Bretonen" bedeutet. Von allen in der Bretagne verehrten Heiligen genießt Ste Anne die größte Verehrung. Ihr sind in Nordfrankreich unzählige Bildnisse und Kapellen gestiftet. Manche sagen sogar, dass der bretonischen Heiligen mehr Verehrung zuteil wird, als der Muttergottes selbst. Der Pardon von Ste Anne d' Auray am 25. -26. Juli gilt als die größte und meistbesuchte religiöse Feier in der Bretagne. In manchen Jahren kamen bis zu 80 000 Pilger zur Wallfahrt der Ste Anne. Selbst Papst Johannes Paul II. kam 1996 zu diesem Fest. Man nennt den um eine heilige Quelle entstandenen Ort und seine Feier auch das bretonische Lourdes. Ein weiteres großes, ebenfalls der Anna gewidmetes und über alle Grenzen besuchtes Heiligenfest mit Prozessionen findet in Ste-Anne-de-Palue (s.d.) statt. Auch hier war der alte heilige Brunnen Ursprung und zentraler Mittelpunkt des Heiligenfestes. Bei der Heiligen, die verglichen mit ihrer Bedeutung für die Bretagne im übrigen katholischen Raum nur geringe Beachtung findet, soll es sich um die Großmutter Christi handeln. In der Bibel wird sie nur ganz am Rande erwähnt. Lediglich bei Lukas II, 36 und 38 wird kurz auf sie hingewiesen. Doch auch hier wird sie nicht ausdrücklich als Großmutter Christi bezeichnet. Ihre Reliquien sollen im Jahr 776 in Apt en Provence während der Ostermesse im Beisein von Karl dem Großen von einem blinden Taubstummen unter recht dubiosen Umständen aufgefunden worden sein. Während der Messe soll dieser plötzlich damit begonnen haben, den Boden der Kirche aufzukratzen. Man fand darauf einen Reliquienschrein mit der deutlichen Aufschrift "Hic est corpus beatae Annae matris virginis Mariae" ("Hier befindet sich der Körper der glückseligen Anna, Mutter der Jungfrau Maria"). In der daraufhin ausgegrabenen Krypta der Kirche soll auf wundersame Weise noch immer ein ewiges Licht gebrannt haben. Im Jahr 1382, also 600 Jahre später, wurde Großmutter Anne auf den Heiligenkalender gesetzt. Es dauerte weitere 200 Jahre, bis ihr Festtag, in der Bretagne 'Pardon' genannt, von der kirchlichen Obrigkeit wie zufällig auf den 26. Juli festgelegt wurde. Doch der Eigenartigkeiten nicht genug: Am Vorabend des Anna-Tages, 40 Jahre später, soll der Geist der Großmutter Jesu dem frommen Bauern Yvon Nicolazic, der die heilige Anna verehrte und sie stets seine Bonne Maitresse genannt haben soll. Sie bedeutet ihm, einhundert Kilometer nördlich von Apt bei einem Dorf, das schon immer Keranna (= Haus der Anna) hieß, nahe einer Quelle, die neben einem Steinhaufen entsprang, zu graben. |
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![]() Die Statue der Ste Anne d´Auray, wie sie sich heute in ihrer überarbeiteten Fassung darstellt. Das Kind, hier die junge Maria darstellend, stammt aus dem Jahr 1825. |
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Man fand hier tatsächlich die leicht beschädigte Figur einer älteren Frau mit bäuerlichen Gesichtszügen, die man spontan als heilige Anna identifizierte. Der würdigen Haltung nach könnte es sich bei der Statue ebenso um die Darstellung einer Edelfrau, Königin oder vorchristlichen Gottheit gehandelt haben. Neu bemalt, neu beschnitzt und neu bekleidet, errichtete man der Figur eine Kapelle und schon bald entwickelte sich dieser Ort, nachdem sich dort Wunder an Wunder reihten, zu einem viel besuchten und einträglichen Wallfahrtsort. Von den reichlich sprudelnden Einnahmen und frommen Stiftungen konnte 1625 eine feste Kirche aus Stein, bald darauf ein Kloster und später eine prächtige Basilika gebaut werden, die 1874 den Rang einer Basilika Minor erhielt. Eines der ersten überlieferten Wunder war die Heilung des Pfarrers Don Roduez, der seine gelähmten Arme im Brunnenwasser der Ste-Anne-Quelle gebadet hatte und sie anschließend wieder bewegen konnte. Später sollten die Geburten der französischen Herrscher Ludwig XIV., XV. und XVI. auf die fruchtbarkeitsfördernde Wirkung des Ste-Anne-Quellwassers zurückzuführen sein. Manche erkennen in der ganzen Geschichte um die Großmutter Christi den Versuch der Kirche, an diesem Ort einen bedeutend älteren, hier seit undenklichen Zeiten ausgeübten megalithischen Quellenkult zu überdecken. |
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![]() Am Brunnen während des Pardons der Ste Anne d´Auray, um 1910. |
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| Die uralte Ortsbezeichnung 'Keranna', der Steinhaufen und die daneben sprudelnde Quelle gehörten zu einem Kultus, der sich ursprünglich auf die keltische Anna bezog. Der Religionswissenschaftler Jan de Vries schreibt über sie: "In Irland ist mit Sicherheit belegt, dass ein sehr bedeutender Erdkult der 'Tuatha de Danan' bestand, sie ist also die 'Mutter der Götter', die sie ernährte. Das weist auf eine Göttin der Fruchtbarkeit hin, was noch klarer in der Legende über die zwei Hügel der Gegend um Killarney belegt wird. Sie werden 'Da Chich Annan', 'die zwei Brüste der Anna' genannt. Das beweist mit aller wünschenswerten Klarheit, dass sie die Erdmutter ist, die ganz Irland befruchtet - die ganze Insel heißt nämlich 'ath Annan'." Iren und Bretonen sind sprach- und stammesgeschichtlich sehr eng verwandt und verehrten die Großmutter der Bretonen gemeinsam. Die ursprüngliche Anna hatte als Göttin der Fruchtbarkeit und Unterwelt einen engen Bezug zum Leben spendenden Element Wasser und zu den Sümpfen. Sie erinnert hierin auch stark die deutsche Göttin Holle. Und wenn heute Frauen zur Ste Anne d'Auray beten und das Wasser aus ihrer Quelle trinken, um fruchtbar zu werden, so tun sie vermutlich dasselbe, was bereits vor Jahrtausenden Gläubige einer früheren Naturreligion an dieser Quelle taten. Es handelt sich hierbei um einen alten Fruchtbarkeitskult, der vermutlich schon bestand, bevor die Kelten dieses Land besiedelten. | ||||||||||
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![]() Pilger waschen sich am Wasserbecken des heiligen Brunnens. |
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Die recht fadenscheinige Legende, dass die christliche Großmutter Jesu im Alter in ihre bretonische Heimat zurückgekehrt sei, um hier zu sterben, kann die auf uralten Traditionen begründete Anna-Verehrung nur sehr vage überdecken, vereinnahmt die alte Erdgöttin jedoch zusätzlich für kirchliche Zwecke. Alle Wunder aufzuzählen, die die heilige Anna an diesem Quellort vollbracht haben soll, würde hier zu weit führen. Ein ganzes Museum, das kurioserweise 'Trésor de la basilique' heißt, ist mit Votivgaben vollgestopft: Man findet hier alle Arten von spitzen Gegenständen, die Kleinkinder verschluckt hatten: Näh- und Sicherheitsnadeln, Nägel, Schrauben etc, gestrickte und gehäkelte Babyschuhe, Babymützen, Babyleibchen; ein mit zwei Kugeln durchschossener Stahlhelm aus dem ersten Weltkrieg, den eine Frau nach dem Tod ihres Mannes spendete, General Dio opferte das Foto eines Panzers, den er 'Ste Anne d'Auray' nannte; Sporttrophäen wie die gelben Trikots von Tour-de-France-Siegern, Gewehre und andere Waffen, Orden, Krücken, Hochzeitsfotos und vieles andere mehr. Die Hauptfesttage in Ste Anne d'Auray sind der 7. März, der Tag der Auffindung der Figur, sowie der Annatag am 26. Juni. Klaus Kramer Verw. Literatur: |
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![]() Pilgerinnen am Brunnenbecken, um 1900. |
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![]() Am Pardon gekauftes Brot soll dem Käufer und seinem Haus das ganze Jahr über vor Bösem bewahren und Gesundheit und Erfolg bringen. |
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![]() Prozession um den heiligen Brunnen am Pardon der Ste Anne d´Auray, um 1900. |
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