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Der Brunnen des St. Tugen um 1900. |
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Der heilige Brunnen des St. Tugen in Primelin Der Brunnen sollte bei Zahnschmerzen Hilfe bringen und man glaubte, in der Spiegelung seines Wasser ließe sich die Tollwut bei Mensch und Tier erkennen. Eine Vielzahl von polierten Feuersteinwerkzeugen und Pfeilspitzen, die man in dieser Region fand, zeigt, dass die Region von Primelin bereits im Neolithikum von Menschen bewohnt war. Eiförmige Ritualsteine, Gräber aus der Bronzezeit und Ausgrabungen aus der Eisenzeit belegen eine kontinuierliche Besiedlung bis in unsere Zeit. Am Ende des fünften Jahrhundert soll St. Tugen die Region christianisiert haben. Im sechsten Jahrhundert, so die Legende, errichtete er nahe der heiligen Quelle eine Einsiedelei. 1535 entstand auf den Trümmern einer Kapelle aus dem elften Jahrhundert die heutige St.-Tugen-Kapelle, welche seitdem viele Umbauten erfahren hat. Über den Heiligen ist nicht viel Positives überliefert. Sprichwörtlich wurde seine krankhafte Frauenfeindlichkeit. Da er die Tugend seiner Schwester Gott geweiht hatte, soll er sie Tag und Nacht nicht aus den Augen gelassen haben. Jeder Mann, der sich ihr auch nur näherte oder mit ihr sprechen wollte, wurde von ihm abgewehrt. Verließ er den Ort, musste ihn seine Schwester begleiten. Zeigte sich irgendwo ein Mann, hob er sie auf seine Schultern. Wollte er sich schlafen legen, versicherte er sich erst, dass auch wirklich kein männliches Wesen in der Nähe war. Um auch ganz sicher zu sein, schlug er mit seinem Stock auf sämtliche Büsche der Umgebung, er suchte hinter sämtlichen Erdhügeln und stocherte zwischen den Steinen und in Erdlöchern. Erhob sich ein Vogel auf seinen Steinwurf hin aus dem Feld, so war dies für ihn ein Zeichen, dass seiner Schwester dort keine Gefahr drohte. Erst wenn er sich ganz sicher war, durfte sich seine Schwester wenige Schritte von ihm entfernen. Ein Jüngling machte sich diese Sonderbarkeit St. Tugens zunutze. Um sich der Schwester zu nähern, versteckte er sich mit einem Vogel in den Händen an einer Stelle, wo St. Tugen gewöhnlich zu rasten pflegte. Als der Heilige einen Stein in seine Nähe warf, ließ er den Vogel auffliegen. Nun durfte sich auch Tugens Schwester frei bewegen. Der Jüngling näherte sich ihr und soll, so vermutet Daniel Spörri, ihr seinen eigenen Vogel gezeigt haben. Erschreckt über die fremde Stimme stürzte St. Tugen zu den beiden und musste erkennen, dass seine ganzen Vorsichtsmaßnahmen nichts genutzt hatten. 'Es ist leichter, eine ganze Rotte tollwütiger Hunde am beißen zu hindern als ein junges Mädchen vor dem Sündigen zu bewahren!', soll er in seiner Verzweifelung ausgerufen haben. An anderer Stelle ist überliefert, er habe gesagt: 'Lieber halte ich ein ganzes Rudel tollwütiger Hunde als eine einzige Frau.' Gott soll ihn beim Wort genommen haben und ihm daraufhin die Verantwortung über die tollwütigen Hunde erteilt haben. Das Attribut des katholischen Heiligen ist ein dolchförmiger eiserner Stichel von 13 cm Länge mit geschmiedetem Volutengriff. Er wird in einem silbernen Etui aus dem 16. Jahrhundert aufbewahrt, das die Form eines Schlüssels hat. Dieser Dorn wird als der 'Schlüssel des St. Tugen' verehrt. Man stickte seine Form gerne auf Kostüme, um die Trägerin vor der Tollwut zu bewahren. Der Ursprung und Sinn des Stichels sind heute in Vergessenheit geraten. Die Krankheit muss in der Bretagne zeitweise furchtbar gewütet haben. Ohne Impfstoffe und Medikamente waren ihr Mensch und Tier hilflos ausgeliefert. Noch in einem Bericht von 1891 ist von verzweifelten Eltern die Rede, die in ihrer Not keinen anderen Ausweg wussten, als ihre von Tollwut befallenen Kinder zwischen zwei Strohballen zu ersticken. Auch soll man Tollwutkranke in Kastenbetten eingesperrt und dann erwürgt haben. Tollwütige Hunde verbreiteten Angst und Schrecken unter den Menschen, denn man brachte sie mit reißenden Werwölfen in Verbindung. |
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![]() Der Brunnen des St. Tugen. Links die schwere Brunnenschale in deren Wasserspiegel man die Tollwut zu erkennen glaubte. |
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Neben dem Brunnenhäuschen des St. Tugen ist eine große runde Steinschale in den Boden eingelassen. Der Überlieferung nach wurden Hunde, die einen Menschen gebissen hatten, an den Brunnen geführt und man beobachtete die Spiegelung ihres Kopfes an der Wasseroberfläche. Blieb das Spiegelbild in der Steinschale klar und deutlich erkennbar, bestand keine Gefahr. Kräuselte sich die Wasseroberfläche jedoch und das Spiegelbild war nur verschwommen oder überhaupt nicht erkennbar, so bedeutete dies, der tollwütige Hund sei bereits durch den Brunnen angezogen worden, um sich vor St. Tugen zu rechtfertigen. Die auf solche Weise als infiziert erkannten Hunde wurden im sogenannten 'Gefängnis' im Norden der Kapelle weggeschlossen, wo man sie verhungern ließ. Damit das Spiegelungsritual erfolgreich durchgeführt werden konnte und Gültigkeit besaß, mussten die Durchführenden zunächst dreimal auf den Knien um den Brunnen herumrutschen. Der Pardon des heiligen Tugen findet am Sonntag vor St. Johannis, dem alten Sonnenwendtag der Kelten, statt. Man vermutet deshalb, dass an der Stelle, wo sich heute die Kapelle befindet, früher Sonnenkultfeiern durchgeführt wurden. Am Tag des St. Tugen verkaufte man kleine Nachbildungen des Schlüssels aus Blei als Schutzamulette und es gab sogenanntes 'Schlüsselbrot'. Dies waren kleine, ohne Hefe gebackene Brötchen von etwa 13 cm Länge und 6 cm Breite. Der Priester segnete dieses Brot, indem er es mit dem Originalschlüssel des St. Tugen durchstach. Dieses Brot, das angeblich nicht verschimmelte, sollte seinen Träger vor Tollwut schützen. Denn warf er ein Stück von diesem Brot einem angreifenden Hund vor, so würde sich dieser sofort über das Brot hermachen und dem Opfer blieb ausreichend Zeit, um das Weite zu suchen. (Vermutlich würde sich damals jeder ausgehungerte Hund auch über jedes andere, ungeweihte Stück Brot hergemacht haben.) kk Verwendete Literatur: |
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