Die große Renaissance-Brunnensäule aus Granit von Loguivy-lès-Lannion um 1908.

Brunnen des St Ivy von Loguivy-lès-Lannion bei Lannion

St. Ivy gilt als der letzte iro-schottische Missionar, der mit dem Schiff den Kanal überquerte, um die heidnischen Bretonen zu bekehren. Er soll bei Loguivy das Festland betreten und die Stadt gegründet haben. Doch auch eine Vielzahl anderer Ortsnamen in der Bretagne werden auf den Heiligen zurückgeführt, zum Beispiel die Stadt Pontivy (= Brücke des Ivy) im Morbihan, dem Zentrum der Region. Ivy gilt als Schutzherr vieler alter heiliger Quellen und Brunnen, die unter seinem Namen christianisiert wurden. Meist sind die nach ihm benannten Brunnen mit ähnlichen Ritualen verknüpft. Der Zweck der Riten variiert jedoch von Ort zu Ort. In St Bregard wird St Ivy bei Kinderkoliken zu Hilfe gerufen. Dort rollten die Mütter ihre durch Koliken geschwächten Kinder auf einem flachen Stein mit einer Mulde (Näpfchenstein), den man das Bett des St Idunet nennt. Dabei wurden die Kranken mit einem Ginsterbesen geschlagen, mit dem der Stein anschließend abgekehrt wurde. Das Brunnenwasser in St Idunet gilt als beruhigend und einschläfernd.

Der Brunnen von Loguivy-Lannion half dagegen vor allem bei fiebrigen Erkrankungen. Beim Brunnenorakel in Loguivy-Lannion ging es um Leben und Tod. Den Brunnen besuchten Mütter kranker Kinder, um durch das Ritual des Hemdeintauchens zu erfahren, ob ihr Kind eine schwere Krankheit überleben wird. Hierbei wurde das Hemd des Kindes auf die Wasseroberfläche des Beckens gelegt und man hoffte, dass die Ärmel oben schwimmen würden. Dies war das Zeichen dafür, dass das Kind die Krankheit überwinden würde. Sanken die Ärmelchen jedoch hinab, so galt dies als ein schlechtes Omen.


Fontaine de Saint Ivy in Loguivy-lès-Lannion.

Der 20 km von Lannion entfernt in Treguier geborene Ernest Rehan schildert ein solches Ritual in seinen Kindheitserinnerungen. Er sei bei seiner Geburt so zart und schwächlich gewesen, dass eine alte Frau, die er als Hexe bezeichnet und die man im Dorf 'Godi' nannte, seiner Mutter riet, eins seiner Hemdchen in den Teich von Minihy-Treguier zu legen. Nachdem die Alte das Teichorakel befragt hatte, sei sie triumphierend zurückgekommen und habe laut ausgerufen: "Er will leben!" Denn kaum habe sie das Hemdchen ins Wasser getaucht, sei es wieder an die Wasseroberfläche gestiegen.

Das Ritual des Hemdeintauchens gilt neben dem Nadelritual als das häufigste Brunnenorakel in der Bretagne. Eine der frühsten und ausführlichsten Beschreibungen dieses Rituals schildert Alexandre Bouët in seinem 1844 erschienenen Buch 'Breiz-Izel ou Vie des Bretons de l'Amorique', das Olivier Perrin illustrierte: "Bereits seit drei oder vier Monate wurde das Kind von heftigen Fieberanfällen geschüttelt. Seine Mutter versuchte vergeblich die Krankheit zu lindern. Da ihr hierfür in unserer Region keine Medikamente zur Verfügung standen, suchte sie bei Amuletten um Hilfe. Schließlich entschied sie sich für eine neuntägige Andacht beim Schutzpatron des Brunnens, der auf wundersame Weise das Fieber nimmt. Wie es Brauch ist, mietete sie hierfür drei Bettler, die neun aufeinanderfolgende Tagen lang am heiligen Brunnen für das Kind beten sollten. Auch sie selbst begab sich dorthin, das Kind auf ihren Armen. Auf der Illustration sehen wir den kleinen nackten Patienten, dem die Dienerin das Hemd überzieht, das sie zuvor in das Fieber lindernde Wasser getaucht hatte. Als das Kind mit dem nasskalten Stoff in Berührung kommt, beginnt es zu schreien und versucht ihm auszuweichen. Doch das Gelöbnis muss erfüllt werden. Auch gegen den Widerstand des kranken Kindes wird ihm das mit Fieber vertreibendem Wasser getränkte Hemd übergestreift und man ist dabei schon glücklich, dass es an dieser Prozedur nicht stirbt, nachdem es bis dahin nur Qualen erdulden musste. Eine alte Bettlerin, die gerade eine gelbliche Kerze zu Füßen des Heiligen anzündet und eine weitere, die mit gefalteten Händen betete, schließlich der Alte, der vor der Heiligenstatue kniet, bilden das Bettlertrio, das die Mutter für das Ritual angemietet hatte. Eine Frau, die sich am Brunnen ihr Gesicht mit dem wunderheilenden Wasser wäscht, leidet ebenfalls an Fieber. Nach dieser Waschung wird sie die Füße in das kleine Becken mit frischem Quellwasser tauchen, mit dem sich der Alte seine Augen wäscht. Das Gefäß auf dem Stein neben der Heiligennische fordert die Gläubigen zur Spende heraus und nimmt diese auf. Zwei vorbeikommende Bettler knien ebenfalls am Brunnen nieder und bemühen sich, mit möglichst lauter Stimme zu beten und hoffen, dass sie jemand für diese Tätigkeit bezahlt." Klaus Kramer

Verw. Literatur:
Alexandre Bouët, Breiz-Izel ou Vie des Bretons de l'Amorique, Paris 1844
Ernest Renan, Fluilles détachées faisant suite aux souveniers d'enfance et de jeunesse, Paris 1883
Marie Louise Plessen u. Daniel Spoerri, Heilrituale an bretonischen Quellen, Oldenburg o.D.

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