Der Orakelbrunnen des hl. Efflam.

Der Brunnen des hl. Efflam bei Plestin-les-Grèves, Côtes du Nord (Bretagne)

Verlobten Paaren dient er als Heiratsorakel. Um zu erfahren, wann sie heiraten werden, legen sie drei kleine Stücke Brot in das Brunnenbecken: ein Stück für den Heiligen und je ein Stückchen für sich selbst. Treiben die Brotstücke in den Wasserwirbeln des Brunnens zusammen, wird noch im selben Jahr Hochzeit sein.

Ehemänner befragen den Brunnen ob ihnen die Frau treu geblieben ist. Hierzu legt der Mann drei Stückchen Brot auf die Wasseroberfläche, eins für den Heiligen, eins für die Ehefrau und eins für ihn selbst. Nähert sich das Brotstück des Heiligen dem der Ehefrau, so war die Frau treu geblieben. Entfernt es sich jedoch, ist für den Mann klar, dass sie ihm Hörner aufgesetzt hat. (Ob das Orakel auch andersherum funktioniert, war nicht zu erfahren.)

Ein drittes Brotritual soll der Entlarvung von Dieben dienen. Hierzu geht der Bestohlene morgens mit nüchternem Magen zur Quelle und legt zwei Brotstücke gleicher Größe auf die Wasseroberfläche, die er mit den Namen von zwei Verdächtigen benannt hat. Das Brotstück, das zuerst untergeht entlarvt den Dieb.

Der Brunnen des St. Efflam wurde aber auch beim Einzug von Wehrpflichtigen in die Armee um Hilfe gebeten.


Offiziere besuchen den Brunnen am Tag des Heiligen, um dort für eine erfolgreiche militärische Laufbahn zu bitten. Um 1914.

Dass der hl. Efflam zum Schutzherrn der gehörnten Ehemänner wurde, hat ihm vermutlich die Legende von seiner 'weißen Hochzeit' eingebracht. Sie soll zu den rührensten und entsagungsvollsten und in unserer heutigen Zeit kaum noch verständlichen Liebesgeschichten der bretonischen Heiligenriten gehören. Sie erzählt davon, dass die Königreiche Gallien und Irland bereits seit zwei Generationen im Krieg miteinander gelegen haben, als der irische König, um die Feindschaft endlich unter den verfeindeten Reichen zu beenden, seinen 448 geboren Sohn Efflam der Tochter des bretonischen Königs Enora als Ehemann versprach. Efflam hatte zwar eine königliche, weltliche Erziehung genossen, doch er zog das religiöse Leben einer Ehe mit der Königstochter vor. Doch um weitere Not und Elend von seinem Volk abzuwenden, willigte er in die Ehe ein. Die Hochzeit wurde festlich begangen, doch die Ehe nicht vollzogen. Noch in der Hochzeitsnacht verließ er die unberührte Enora und um jeglicher Versuchung zu entgehen segelte er in die Bretagne. Als er in einer weiten Bucht an der bretonischen Küste landete, entdeckte er einen gewaltigen Drachen in einer Felsgrotte, hinter dem eine Gruppe Jäger her war. König Arthur, ein bretonischer Vetter Efflams, führte die Männer an. Dieser hatte von der Jagd einen großen Durst. Da stieß Efflam seinen Stab in die Erde und es entsprang dort eine Quelle, 'thoul Efflam' - das Loch des Efflam - genannt. Am nächsten Morgen nahm Efflam den Kampf mit dem Drachen auf: allein durch sein Gebet vertrieb er das Tier aus seiner Höhle. Das Untier spie Wellen von Blut und verschwand für immer im Meer. Neben der Quelle errichtete Efflam seine Klause.

Enora liebte Efflam jedoch so sehr, dass sie ihm heimlich mit einem Curragh (traditionelles Irisches Lederboot) über den Kanal in die Bretagne gefolgt war. Sie kamen schließlich überein, dass Enora in der Nähe Efflams ihre Zelle einrichten durfte. An manchen Tagen besuchte sie Efflams Hütte und sie unterhielten sich durch die geschlossene Türe. Efflam soll schließlich am 6. November 512, 74jährig, gestorben sein. Enora zog darauf hin in ein Frauenkloster.

Eine andere Geschichte berichtet von den beiden, dass sie sich mehrmals am Tage auf obige Weise unterhalten hätten und wenn einer von beiden seine Stimme erhob, schwiegen Wellen, Regen und Wind. Immer zur selben Zeit läutete jeder die Glocke seiner Klause. Eines Tages bekam Efflam keine Antwort auf sein Geläut. Da sank er auf die Knie nieder und weinte fürchterlich, denn er wusste jetzt, dass sie gestorben war. Er ging zu ihrer Hütte, hüllte sie in ein Leichentuch und grub ihr an einem unbekannten Ort eigenhändig das Grab. Darüber säte er Ginstersamen aus, von dem es überall in der Bretagne mehr als genug gibt. kk

Verw. Literatur:
Marie-Louise Plessen und Daniel Spörri, Heilrituale an bretonischen Quellen, Oldenburg o.D.

Top

Wasser ist mehr als H2O! Bitte helfen Sie uns, die Liste der aufgeführten und besprochenen Brunnen, Quellen und sagenhaften Gewässer zu vervollständigen.

Mit Ihren Bild- und Textbeiträgen können Sie mit dazu beitragen, dass die einstige hohe Bedeutung des Wassers in Volkskunde und Religionen nicht in Vergessenheit gerät. Bitte beachten Sie hierbei, dass wir aus urheberrechtlichen Gründen ausschließlich Fotos verwenden können, die Sie selbst gemacht haben.
Über Ihre Anregungen und Mitarbeit freuen sich Klaus Kramer und Team.