Der Brunnen im heutigen 'Garten der Venus von Quinipily', um 1906 in dem damals recht verwilderten Schloßgarten. Heute umgibt Brunnentempel und Figur ein gepflegter Park.

Der Brunnen und die Venus von Quinipily

Die 2,20 m hohe und geheimnisvoll anmutende Figur der Venus von Quinipily passt eigentlich nicht so richtig zu dem klassizistischen Brunnenhaus in dem heute nach ihr benannten Park im Fünftausend-Seelen Örtchen Baud. Seit Jahrhunderten entzündeten sich fromme Geister an ihr. Das Volk verehrte sie, der Klerus bemühte sich vergeblich, sie zu beseitigen und zu zerstören. Heute stehen Statue und Brunnenanlage als Nationalmonument unter Denkmalschutz.

Ursprünglich standen die Figur und der aus einem einzigen Granitblock gearbeitete 3.600 Liter fassende Steintrog zwölf Kilometer weiter nördlich auf dem Hügel des römischen Oppidums Castennec (Castell-nackt) bei Bieuzy-les-Eaux. Diese leicht zu verteidigende Erhebung inmitten einer engen Flussschleife des Blavet ist seit ältesten Zeiten ein bedeutender Kultort gewesen. Historische Abbildungen zeigen hier noch zwei große Menhire, die mittlerweile verschwunden sind. Später befand sich an dieser Stelle die gallische Siedlung Sulim. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung errichteten die Römer hier eine Tempel- und Befestigungsanlage. Die Ortsbezeichnung war von der keltischen Göttin 'Sul' abgeleitet. Sie wird häufig als 'gallische Minerva' oder 'Göttin der Quellen' bezeichnet und entsprach der römischen Minerva, in deren Tempel eine ewige Flamme loderte. Religionswissenschaftler sehen in Sul die Begleiterin des keltischen Sonnengottes Belemnos, andere bringen sie mit der Urmuttergottheit 'Soulaeviae' in Verbindung, die ebenfalls in Großbritannien verehrt wurde. Auch glaubt man eine Beziehung zu dem römischen Kriegsgott Mars zu erkennen, denn Sul soll die Schmiede bei der Waffenherstellung unterstützt haben. Doch dies alles sind nur Vermutungen, denn Archäologen, Religionswissenschaftlern und Keltologen gibt die Gottheit heute noch immer viele Rätsel auf.

Auch die nur mit einem Tuch bekleidete Steinfigur lässt die Wissenschaft rätseln. Man fand sie im ehemaligen römischen Lager 'Couarde' unterhalb des Hügels Castennec, an das heute noch der Name der Schleuse 'Écluse de la Couarde' im Blavet erinnert. Wegen ihres ägyptischen Aussehens vermuten einige Wissenschaftler, dass es sich um eine von den römischen Legionären verehrte Figur der ägyptischen Fruchtbarkeitsgöttin Isis handeln könnte. Diese Interpretation würde auch erklären, warum auf dem Hügel von Castennec bis weit ins späte Mittelalter hinein zäh an einem nur schwer auszurottenden Fruchtbarkeitskult festgehalten wurde. Zeitgenössische Berichte lassen vermuten, dass zu den hier praktizierten Fruchtbarkeitsriten auch sexuelle Praktiken gehörten. Rheumakranke hofften auf Linderung, wenn sie ihre schmerzenden Glieder an der Steinfigur rieben. Die römisch-katholische Kirche bekämpfte den Kult um die 'Ar groareg houarn' ('Eisenfrau') oder die 'Groah Hoart' ('alte Hüterin'), wie das Volk ihr Idol nannte, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln.

1661 wies Charles de Rosmadec, Bischof von Vannes, den Grundherrn von Quinipily Claude de Lannion an, die Statue zu zerstören, sie in den Blavet zu werfen und an ihrer Stelle ein Kreuz zu errichten. Doch die Anwohner waren nicht bereit auf ihr Fruchtbarkeitsidol zu verzichten. Drei Jahre später war die Figur mit großem Aufwand wieder aus dem Fluss gezogen worden und man hatte die alten Rituale wieder aufgenommen. 1666 erteilte Charles de Rosmadec einen weiteren Befehl das Idol verstümmeln. Als die Riten auch daraufhin nicht endeten, drohte der Bischof 1670 jedem mit Exkommunikation, der an den Feiern um die Steinfigur teilnahm. Eine bischöfliche Arbeitskolonne erschien schließlich, um die Figur kurz und klein zu schlagen. Doch der Granit der Göttin war härter als der Zerstörungswille der Arbeiter. Sie sollen lediglich einen Arm und eine Brust des Idols beschädigt haben und warfen die Figur erneut in den Fluss.

Als Claude Lannion gestorben war, nahm sich sein Sohn Claude der 'Alten Hüterin' an. Er ließ das Idol 1696 mit Hilfe von 40 Ochsenpaaren aus dem Fluss ziehen und zu seinem Schloss Quinipily bei Baud transportieren. Dort beauftragte er einen Steinmetz mit der Restaurierung und stellte das Idol zusammen mit dem antiken Steintrog in seinem Schlosspark auf, wo sich beide heute noch befinden. Das Granitbecken wurde fortan durch das Wasser des in der Nähe befindlichen St. Michael Brunnens gespeist.

Mit dem Ortswechsel war der alte Fruchtbarkeitskult um die Venus von Quinipily nicht erloschen. In Verbindung mit der Quelle und dem großen Badebecken aus Granit blühten die alten Riten erneut auf. Nachts kletterten unbekleidete Frauen und Männer über die Umfassungsmauern des Parks und badeten in dem Becken, um dadurch Fruchtbarkeit erlangten.

1700 strengte Bischof Charles de Rosmadec ein kostspieliges Gerichtsverfahren gegen Claude Lannion an, um die Figur wieder in die Gewalt der Kirche zu bringen. Nach einem fast einjährigen Rechtstreit bestätigte das Gericht Claude Lannions Anspruch, die Figur in seinem Park behalten zu dürfen. Lannions mutigem Widerstand gegen den Klerus am Vorabend zur Französischen Revolution ist es zu verdanken, dass der Venus von Quinipily das Schicksal vieler vorchristlicher Götterstatuen und Idole erspart blieb.

Es wird immer wieder behauptet, dass die ursprüngliche Figur während der Restaurierungsarbeiten unter Lannion zerstört worden sei. Dies erscheint jedoch sehr unwahrscheinlich, denn für eine einfache Kopie hätte Charles de Rosmadec kaum einen langwierigen und sehr teueren Prozess gegen Claude Lannion geführt. kk

Verw. Literatur:
Charles Floquet, La Vénus de Quinipily, Spezet 1998
Marie-Louise Plessen und Daniel Spörri, Heilrituale an bretonischen Quellen, Oldenburg o.D.
Paul-Yves Sébillot, Le Folklore de la Bretagne, Paris 1968
u. a.

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Die Figur Venus von Quinipily.

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